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Ein Ehestands-Candidat oder Herr Fractin

Charles Paul de Kock: Ein Ehestands-Candidat oder Herr Fractin - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorPaul de Kock
titleEin Ehestands-Candidat oder Herr Fractin
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1862
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081016
projectidc6652102
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Achtes Kapitel

Bei dem Gastwirth

Ich will Ihnen nicht alle Heirathsanfragen, welche auf die bei den Fräuleins Grandvillain, Duhaucourt, Belleville und Lapoucette folgten, aufführen, sondern ich begnüge mich damit, Ihnen zu sagen, daß alle keinen glücklicheren Erfolg hatten. Indessen war Girardière mit seinen Ansprüchen fortwährend heruntergegangen, und hielt endlich um sechsunddreißigjährige Jungfern, Wittfrauen, selbst um alte Damen an; allein ein geheimes Unglück schien ihn zu verfolgen, denn noch immer war er Junggeselle. Die Zeit verfloß, er hatte sein neunundvierzigstes Jahr erreicht und trat in sein fünfzigstes.

Er alterte auch schneller wegen des Kummers, den ihm die unaufhörlichen Körbe verursachten. Er verlor Farbe und Appetit und seine letzten Haare. Er war beständig mürrisch und konnte kein hübsches Frauenzimmer mehr sehen, ohne Grimassen zu schneiden und zu sich selbst zu sagen: »Das wäre wieder eine für dich!«

Wenn er neben seiner alten Mutter saß und tiefe Seufzer ausstieß, sagte sie zu ihm: »Mein Söhnchen, glaube mir ... eile nicht mit dem Heirathen! Du hast wohl noch Zeit; mit Deinem äußern Anstand und Deinen Vorzügen findest Du so viel Partieen, als Du nur willst. Denke an das Sprüchwort: Eile mit Weile!«

Das Gespräch der guten Frau machte den armen Theophilus ungeduldig, und als einmal die Mama länger als gewöhnlich von dem physischen Zustande und den Vorzügen ihres Sohnes fortplauderte, nahm er seinen Hut und begab sich, anstatt bei ihr zu Mittag zu speisen, zu einem Gastwirthe. Nun kommen wir auf den Zeitpunkt zurück, wo wir am Anfange dieser Erzählung standen.

Da Sie die früheren Verhältnisse Girardière's hinlänglich kennen, so wollen Sie sich gefälligst zu ihm in das Haus des Speisewirths zurückversetzen.

Girardière setzt sich an einen Tisch, an dem sich bereits ein ziemlich bejahrter Herr befand. In dem Speisesaale eines Gastwirths begnügt man sich zu zwei, manchmal zu vier an einem Tische.

Der Nachbar Girardière's ist so beleibt, daß er allein seine ganze Tischseite einnimmt. Dieser Herr, einzig dem Vergnügen, sich zu mästen, lebend, öffnet, sooft er sich mit der Gabel nähert, den Mund ungeheuer (das Bild eines in Thätigkeit gesetzten Vielfraßes), und bekümmert sich durchaus nichts um das, was um ihn her vorgeht; er speist zu Mittag, und man sieht deutlich, daß das sein wichtigstes Tagsgeschäft ist.

Girardière nimmt eine Speisekarte und sieht sie oberflächlich an. Er hat keinen Appetit, und doch möchte er sich durch ein gutes Mittagessen gütlich thun.

Der Kellner bleibt vor Girardière stehen: »Was befehlen der Herr?«

»Hm! hm! ich weiß noch nicht ... wir wollen sehen!«

»Kellner meine Cotelette!« sagte der dicke Herr, ohne die Augen von dem Teller, worauf noch die Reste eines Rebhuhns lagen, abzuwenden.

Eine Familie tritt herein und setzt sich an einen Tisch zur Seite Girardière's. Es ist ein ächter Bürgersmann aus der Straße Saint-Denis, mit seiner Frau, die einen Hut mit Blumen trägt, desgleichen man keinen als Aushängeschild brauchen würde; ferner ein kleines Mädchen von zehn Jahren, ganz wie ihre Frau Mutter gekleidet, was ihr das Aussehen einer Buckeligen gab; endlich ein achtjähriger Knabe, der auch schon einen runden Hut mit breitem Rande trug.

Kaum finden alle diese Platz. Vor Allem will der Familienvater seinen Rock ausziehen, welchen er über dem Fracke trägt: er sucht überall einen Platz, um ihn aufzuhängen, aber vergeblich; alle Wandhaken waren mit Hüten behängt, auch gab es keine leeren Sessel, weßhalb er seinen Ueberrock wieder anzieht.

Die Frau möchte gerne ihren Hut ablegen und sucht ein Plätzchen, wo ihr Kopfputz nichts zu fürchten hatte, aber am Ende macht sie es wie ihr Mann und behält den Hut auf.

Das kleine Mädchen hat sich zuerst gesetzt, aber sie sitzt zu nieder. Der Familienvater ruft dem Kellner zu: »Ein Polster, ein Kissen, oder sonst etwas unter den Hintertheil meiner Tochter.«

Der Kellner entfernt sich, und kommt kurze Zeit nachher mit einem großen Bündel, den man auf den Sessel des Mädchens legt, zurück. In der Meinung, fertig zu sein, fragt er, ob man Austern wünsche.

»Nun sollten wir etwas haben, um es unter meinen Sohn zu legen. Er stößt, wie Sie sehen, mit der Nase auf den Tisch ... so könnte er unmöglich mit einer Gabel essen ...«

»Doch, Papa,« sagt der kleine Knabe, »o! ich werde schon essen, wenn ich nur erst etwas habe ... ich bin groß genug.«

»Ich sage Dir, Kind, der Tisch ist zu hoch. Sei nicht widerspänstig, sonst bekommst Du keinen Eierauflauf.«

Der Kellner holt ein rundes Lederkissen, wie es die Beamten in den Schreibstuben haben, und sagt, »ich konnte nichts Anderes finden.«

»Das ist ganz recht ... mehr braucht's nicht.«

Man legt das Lederkissen auf den Sessel des Knaben, er will sich aber nicht darauf setzen und schreit: »Nun! warum gibt man mir denn dieses durchlöcherte Ding da? Ich will's nicht ... das ist garstig.«

»Schweig', Kind! Ich sag' Dir noch einmal, sei artig oder Du bekommst keinen Eierauflauf.«

Diese Drohung thut immer ihre Wirkung; der Knabe setzt sich auf das runde Lederkissen, macht aber ein böses Gesicht dazu und bewegt sich auf seinem Sessel immer hin und her.

»Befehlen Sie Austern?« wiederholt der Kellner.

»Ich wünschte zuerst eine Wärmflasche unter meine Füße,« sagt die Frau, »mich friert's in die Füße; und was wollt ihr, Kinder? wollt ihr nicht auch ein Schemelchen unter die Füße?«

»Ich hab' Hunger ... ich hab' Hunger!«

»Still! seid artig! ... Frau, sei so gut und gib mir die Speisekarte.«

»Hier mein lieber Mann!«

Der Herr sieht sehr lange in der Karte nach, man könnte glauben er lese den Moniteur.

Der Kellner kommt mit einer Wärmflasche, die man unter die Füße der Frau stellt, zurück, und fragt dies Mal: »Mit was darf ich Ihnen aufwarten?«

Der Herr gibt die Karte seiner Frau mit den Worten: »Wähle Dir nun, was Du essen willst.«

Die Frau durchgeht die Karte, und da sie eben so lange Zeit wie ihr Mann dazu braucht, bedient der Kellner einstweilen an einem andern Tisch die Gäste.

»Meine Cotelette, übrigens nicht zu sehr gebacken!« sagte der Nachbar Girardière's. Der letztere wandte sich darauf zum Kellner: »Bringen Sie mir irgend etwas Gutes ... was Sie wollen, ich überlasse es Ihnen.«

»Kellner! Kellner!« schreit der Familienvater. Der Kellner springt herbei, in der Meinung, man werde das Mittagessen befehlen, bückt sich zu ihm hin und will hören.

»Wir haben keine Salzbüchse, Kellner! ... an was denken Sie denn? Kann man ohne Salzbüchse speisen?«

Der Kellner nimmt eine von dem benachbarten Tische und stellt sie der ehrwürdigen Familie hin mit den Worten: »Haben Sie sich entschlossen, was Sie speisen wollen?«

»Meine Liebe, hast Du Dich über das Mittagessen entschieden?« fragt der Herr seine Frau, welche die Karte auswendig zu lernen scheint.

»Ich suche immer ... ich weiß nicht ... Ei, ich bitte Dich, mein Lieber, befiehl nach Deinem Geschmack!«

»Nein, meine Theuerste, wähle nach dem Deinigen, mir ist Alles recht.«

»Eierauflauf, Papa,« sagte der Knabe, auf seinem runden Lederkissen sich herumbewegend.

»Ja, Kind, wir lassen dies kommen, wenn Du artig bist, aber können das Mittagessen nicht damit anfangen ... Nun, Frau, was wünschest Du?«

Die Frau gibt die Karte ihrem Manne mit den Worten zurück: »Ach, meiner Treu, es steht so viel darauf, daß ich ganz irre werde! ich kenne mich nicht mehr aus!«

»Wir sollten doch eine Suppe wählen.«

»Willst Du eine Suppe? aber wir essen ja alle Tage zu Haus eine Suppe.«

»Ich will gerade keine! ... Kellner, Kellner!« Der Kellner kommt ganz athemlos.

»Kellner, wir essen keine Suppe.«

»Wünschen Sie dann Austern?«

Der Herr sieht seine Frau an, die Frau ihre Tochter, die Tochter ihren Bruder, und dieser betrachtet sein rundes Lederkissen, an das er sich nicht gewöhnen kann.

Der Familienvater wiederholt seine Frage, seine Frau stößt ihn unter dem Tische mit dem Knie, schüttelt den Kopf und erwidert: »Ich will durchaus keine Austern? Willst Du welche?«

»Durchaus nicht, ich versichere Dich.«

Die Frau setzt leise hinzu: »Die Austern sind zu theuer, es sind Citronen dabei! Außerdem gewinnt man nichts damit, sie vermehren nur den Appetit.«

»Kellner! ... hieher, Kellner!«

»Was befehlen Sie?«

»Wir essen keine Austern.«

Dem Kellner läuft die Galle über; er geht fort, zuckt die Achseln. Der Herr und die Frau durchgehen abermals die Karte. Die Kinder, in der Meinung, man habe sie bloß hieher geführt, um die Salzbüchse und die Wasserflaschen anzuschauen, werfen zu ihrem Vergnügen und zum Zeitvertreib den Pfeffer auf dem Tisch herum.

Der Nachbar Girardière's hat seine Cotelette hinuntergeschluckt; Girardière wagt nicht, ihn anzuschauen, aus Furcht, jenen ungeheuern Mund wahrzunehmen, dessen Oeffnung so groß wie ein deutscher Kamin ist, und der Alles zu verschlingen droht.

Ein junger Mann, der so eben seine Zeche bezahlt hat, steht auf, bleibt im Vorbeigehen vor Girardière stehen und reicht ihm die Hand mit den Worten: »Ah! guten Tag, mein lieber Freund! ... Wie, wir speisen allein, Jeder für sich? ... O! Sie hätten sich neben mich setzen sollen. Es hätte mich sehr gefreut.«

»Ich komme so eben an.«

»Nun! haben Sie die bewußte Dame besucht? Ist Ihr Zweck erreicht? hm ... was halten Sie davon?«

»Ah so! ... 's ist eben recht, Sie sind sehr artig, bezeichnen mir ein Kaffeehaus mit den Worten: die Limonadehändlerin sei Wittwe und wünsche sich zu verheirathen; sie veranlassen mich, ihr einen Besuch zu machen, ich gehe hin und denke: das Anschauen kostet nichts! doch kostete es mich einen Thee mit Syrup de Capillaire! Gleichviel, ich sehe eine sehr hübsche, anmuthige, noch junge Frau. So lange ich meinen Thee bezahle, schwatze ich mit ihr am Zahltische; man antwortet mir eben so liebreich als geistvoll! ... Ich bin entzückt ... Sechs Tage hinter einander besuchte ich das Kaffeehaus, wo ich sehr viel Geld verzehrte; am siebenten Tage endlich entschloß ich mich, weiter zu gehen und der Limonadehändlerin einige Vorschläge zu machen; allein bei den ersten Worten schon fiel sie mir in die Rede und sagte: »Mit wem glaubt der Herr zu sprechen?« – Mit einer liebenswürdigen Wittwe, der ich gar nicht abgeneigt wäre, mein Herz und meine Hand anzubieten. – »Sie sind sehr artig, aber Sie irren sich, ich bin verheirathet und habe drei Kinder.« – Man hat mich indeß versichert, die Frau dieses Hauses sei eine Wittwe. – »Man hat Sie nicht getäuscht, aber ich bin nicht die Frau vom Hause; sie mußte eine kleine Geschäftsreise machen und hat mich gebeten, während ihrer Abwesenheit die Aufsicht zu führen; sie wird erst in zwei Tagen zurückkommen.« – Hierüber etwas betäubt, entschuldige ich mich und entferne mich mit dem Vorsatz, am nächstfolgenden Tag in das Kaffeehaus zurückzukehren. Wirklich gehe ich auch dahin. Die Eigenthümerin des Kaffeehauses, eine Wittwe, war zurückgekommen! Aber ach! gerechter Gott, welcher Unterschied! Ich sehe am Zahltische eine schauerliche Frau, die wenigstens fünfzig Jahre alt war und einen Kropf hatte! ... Ich flüchtete mich, ohne etwas zu mir zu nehmen.«

»Ach! ach! armer Girardière! ... es ist gewiß nicht meine Schuld ... ich hatte eine hübsche Limonadehändlerin gesehen, und gehört: die Frau des Hauses suche einen Mann ... Ich konnte nicht ahnen, daß das eine andere sei. Gleichviel, ich werde Ihnen etwas Anderes suchen und zu wissen thun. Zählen Sie auf mich.« – Ich danke verbindlichst ... ich sehe mich lieber allein um, und will Ihnen diese Mühe ersparen.«

Der junge Mann entfernte sich lachend, und Girardière setzte sich wieder zum Mittagessen nieder, indem er zu sich selbst sagte: »Ich habe genug an seinen Gefälligkeiten, er sucht mir Frauenzimmer, damit ich ihm auftischen solle; er schickt mich zu Personen, die nicht verstehen, was ich sagen will; gibt mir falsche Adressen! ... Nein, ich werde von nun an meine Sachen selbst besorgen, und wenn der Himmel will, daß ich ein Hagestolz bleiben soll ... nun ja, so muß ich mich darein schicken ... Ach! verfluchter Hund! ohne dich besäße ich jetzt die kleine Grandvillain ... Seit der Zeit kann ich auch keinen Hund mehr ansehen ... keinen mehr leiden.«

»Kellner! hierher doch, Kellner! ... seit einer Stunde rufe ich. Sie geben gar nicht Acht.«

Der Familienvater dreht sich links und rechts und schreit; der Kellner hört ihn sehr gut und läßt ihn absichtlich fortrufen.

»Kellner! wollen Sie uns einmal bedienen?« – Sie haben Nichts bei mir befohlen ... wenigstens zwanzig Mal habe ich Sie gefragt, was Sie speisen wollen, nie haben Sie sich erklärt. Ich habe noch viele Personen zu bedienen! – »Man wird sich wohl Zeit nehmen dürfen, etwas zu wählen, glaube ich ... Kellner, bringen Sie uns eine Portion Ochsenfleisch!« – Bloß eine Portion ... für Sie viere? – »Ach, Sie haben eigentlich Recht, ich habe meinen Sohn bei mir, der viel ißt, also zwei Portionen Ochsenfleisch, Kellner, zwei schöne Portionen.« – Schon gut. – »Aber ich esse nicht gerne Ochsenfleisch, Papa,« schreit der Knabe, immer auf dem runden Lederkissen herumrutschend.

»Schweig, Kind ... dies Männchen wird ein außerordentlicher Lecker.« – Wünschen Sie rothen oder weißen Wein? – »Rothen oder weißen Wein? ah! richtig ... es gibt hier verschiedene Sorten Weine ... Liebe Frau, was für einen Wein wollen wir trinken?« – »Mein Lieber, es ist mir einerlei, ich trinke, wie Du weißt, sehr wenig, und nie ohne Wasser. O! keinen Tropfen ohne Wasser.« – Ich weiß wohl ... doch da man einmal zufällig bei einem Gastwirth ist, so muß man doch, wohl oder übel ... wir wollen nach den Weinsorten sehen.«

Der Kellner geht fort, da er voraussieht, daß man zur Wahl des Weins eben so lange Zeit brauchen wird, wie zum Uebrigen. Der Herr, welcher seinen Mund so ungeheuer öffnete, hat, nachdem er noch Käse und gedörrte Pflaumen zum Nachtisch aufgezehrt hatte, eben seine Zeche bezahlt und steht auf.

Girardière befindet sich nun ganz allein an seinem Tische. Es thut ihm darum nicht leid: er macht es sich ganz bequem, und kann seine Wasser- und Weinflasche von seinem Teller weiter wegstellen.

Der Hausvater dreht sich um und sucht den Kellner, dem er zuruft: »Gewöhnlichen Wein ... aber vom besten!« – Da haben Sie das Ochsenfleisch. – »Ah! ganz recht.« – Was befehlen Sie nach diesem? – »Wir wollen sehen ... Hast Du die Karte, liebe Frau!« – »Sie liegt auf Deinen Knieen.« – »Ah! richtig! ... wir wollen uns berathschlagen ... Kellner, kommen Sie in fünf Minuten wieder.«

Girardière stellte seine Teller und sein Brod weiter von einander, machte es sich immer behaglicher und stützte sich mit einem Ellenbogen auf den Tisch, als zwei Damen in den Speisesaal hereinkamen.

Die Eine war bejahrt, ihr Anzug bescheiden, aber anständig, ihre Haltung die einer ehrbaren Kapitalistin, die auf dem Lande wohnt und nur nach Paris kommt, um ihre Zinsen zu erheben.

Die zweite Person war jung; ihr frisches und ziemlich liebliches Aussehen ließ höchstens auf ein Alter von neunzehn Jahren schließen, ihre Toilette war eben so bescheiden wie die der alten Frau, ihre Haltung schien verlegen; wenn sie je in Paris lebte, so konnte es nur in der Ecke irgend einer Vorstadt sein.

Diese zwei Damen errötheten beim Eintritt in den Speisesaal, wie es bei Personen der Fall ist, die nicht gewöhnt sind, an öffentlichen Orten zu Mittag zu speisen; sie wissen nicht, ob sie vor- oder rückwärts gehen sollen, sie erschrecken vor den vielen Gästen, die sie anschauen; da beeilte sich der Kellner, sie an den Tisch, wo Girardière speiste, zu führen, und setzte sie an den Platz, den der dicke Herr eingenommen hatte, indem er zu ihnen sagte: »Hier sitzen Sie sehr gut, ganz gut ... der Herr wird die Güte haben, seine Teller ein wenig zurückzuziehen.«

Diese Anrede ging Girardière an, dem es sehr zuwider war, an dem Tische nicht nach Belieben schalten zu können, der übrigens seine Teller und seine Flasche an sich zog, weil man nicht berechtigt ist, in dem Speisesaal eines Gastwirths den Despoten zu spielen.

Die zwei Damen verbeugten sich vor ihrem Gegenüber, um ihm für seine Gefälligkeit zu danken, und bestellten sofort beim Kellner ihr Mittagessen.

Girardière durchmusterte seine Nachbarinnen: an ihrem Benehmen, an ihrer Sprache, an ihrer Haltung sah man, daß es ehrbare Frauenzimmer waren, unerachtet man sagt, daß man sich in diesem Punkt in Paris leicht täuschen und grobe Irrthümer begehen könne; wenn aber auch ein unterhaltenes Frauenzimmer durch ihre Toilette täuschen kann, so erkennt man sie immer, sobald man sie reden hört.

Die junge Person war artig; ihr frisches, bescheidenes Aussehen machte sie sehr reizend. Je mehr Girardière sie musterte, desto weiter zog er seine Teller und sein Brod an sich, so daß die alte Frau zu ihm sagte: »Sie sind zu gütig ... beschränken Sie sich unsertwegen nicht so sehr ... Wir haben Platz genug! O, geniren Sie sich doch nicht!« – O! meine Damen, das macht mir Vergnügen ... ich bin zu glücklich ... rücken Sie doch Ihren Löffel vor ... Sie haben kein Brod ... Kellner, Brod für diese Damen! – »In der That, wir sind sehr glücklich, ich und meine Nichte, daß wir uns in der Nähe eines so artigen Herrn befinden ... Wir sind nicht gewöhnt, im Gasthofe zu speisen, heute machen wir eine kleine Ausnahme. Anfangs befürchtete ich, es sei unschicklich, daß zwei Frauenzimmer sich zu einem Gastwirth begeben; allein man versicherte mich, daß dies in Paris keine Folgen habe, worauf wir es gewagt haben.« – Man hat Sie nicht getäuscht: in Paris thut man so ziemlich Alles, was man will; es leben hier so viele Leute, daß man sich um Niemand mehr bekümmert. Wie ich sehe, wohnen Sie nicht für gewöhnlich in der Hauptstadt? – »Nein, mein Herr; ich will mich aber, meiner Nichte zu Liebe, welche die Absicht hat, sich hier niederzulassen, auch daselbst ansäßig machen; heute haben wir uns vorgenommen, das Theater in diesem Stadtviertel zu besuchen. Das ist das erste Mal in Paris der Fall, und aus Furcht, nicht zeitig genug hineinzukommen, sagten wir: wir wollen in der Nähe des Theaters zu Mittag speisen, denn es wird sehr schwer sein, einen Platz im Theater zu bekommen, weil das zunächst hier gelegene, nach der Versicherung der Journale, immer sehr angefüllt ist.« – Wenn Sie das Pariser Leben näher kennen lernen, so werden Sie sehen, daß man sich nicht auf die Journale verlassen darf; in der Politik wie in der Literatur streichen sie, ein jedes seine Partie oder seinen Anhang heraus! ... Durch ihr zu vieles Lügen haben sie sich selbst viel geschadet. Ich versichere Sie, daß Sie wohl Zeit zum Diniren haben und im benachbarten Theater hinlänglich Platz finden werden, wenn Ihnen schon das Journal berichtete, daß es alle Abende voll sei.«

Die Dame verneigte sich, und als der Kellner das Bestellte aufgetragen hatte, fing sie mit ihrer Nichte zu speisen an, und unterbrach für den Augenblick die Unterhaltung mit Girardière. Dieser war mit seinem Mahle fertig geworden, aber verlangte ein Gericht weiter, weil er sich noch nicht entfernen wollte, und während des Essens seine zwei Nachbarinnen anhören und beobachten konnte.

»Kellner! Kellner! er ist nie da, dieser Kellner!« schreit der Familienvater, mit seinem Messer an eine Wasserflasche klopfend.

Der Kellner springt zu ihm und fragt ihn, was er befehle.

»Kellner, sind die Salmen frisch?« sagt der Familienvater mit einem Blick auf die Karte. – »Aufzuwarten.« – »Stehen Sie dafür?« – Wie für mich selbst, ich versichere Sie, daß die Salmen ganz frisch sind, übrigens ist auch geräucherter Salm da. – »Ah! das ist recht, dann geben Sie uns ... Stockfisch mit Kartoffeln in der Schale. Sehen Sie aber zu, daß die Portion groß ist, es dürfen dann auch um so mehr Kartoffeln sein. Unartiges Kind, bist Du bald genug auf Deinem Sessel herumgehüpft ... er bleibt keine Minute ruhig! In der That, er ist unausstehlich.« – »Papa, und der Eierauflauf?« sagte der Knabe in weinerlichem Tone.

»Still doch! ... sieh, wie brav Deine Schwester ist, sie rührt sich nicht ... Liebes Töchterchen, freut es Dich, bei einem Gastwirth zu speisen?«

Das kleine Mädchen sieht ihren Vater mit einer dummen Miene an und erwidert: »Ich weiß nicht, Papa.«

»So ist's recht ... Du bist artig ... solche Antworten höre ich gerne.«

Die Dame und ihre Nichte sprachen während des Essens wenig; die junge Person, welche schüchtern und verlegen schien, wagte während der Mahlzeit nicht den Kopf umzudrehen und schaute immer auf ihren Teller nieder.

Girardière beobachtete, ohne es merken zulassen, seine Nachbarinnen; gerne wollte er das Gespräch wieder anknüpfen, aber den Unbescheidenen nicht machen, und lieber einen gelegeneren Augenblick abwarten.

Indessen ließ die Tante Lerchen auftragen, und unter dem Essen sagte die junge Person, einen leichten Seufzer ausstoßend: »Ach! wenn Herr Fractin hier wäre ... er ißt die Lerchen so gerne, wie ließe er es sich schmecken!«

Die Tante antwortete einfach: »'s ist wahr.«

Girardière schloß Folgendes hieraus: der Herr Fractin scheint ein Freund von diesen Damen zu sein und die Lerchen leidenschaftlich gerne zu essen.

»Hier ist der gewünschte Stockfisch,« sagte der Kellner, zwei Teller vor den Familienvater hinstellend.

»Das ist sehr wenig!« – »Sie haben bloß eine Portion verlangt.« – »Freilich, aber zu einer Portion sollte man wohl ein größeres Stück bekommen. Sie rechnen hier zwanzig Sous dafür ... beim Teufel, das ist sehr theuer!«

Nichts desto weniger wartete der Herr seiner Familie pflichtlich damit auf, gab seiner Frau etwas vom Mittelstück, seiner Tochter den Schwanz und seinem Sohn die Gräten, mit dem, was daranhängen geblieben, nebst einer Kartoffel, und behielt für sich den Rest.

Diese Auftheilung schien den Knaben nicht zu befriedigen, welcher sich auf seinem Sessel immerfort drehte und wendete und sich die Worts erlaubte: »Ich habe Hunger! ... man gibt mir nichts als Beine und Gräten zum Abnagen und Aussaugen.«

Da das Söhnchen mit seinen Bemerkungen fortfuhr, schlug es sein Herr Vater mit dem Messerheft auf die Finger, worauf es in lautes Weinen und Geschrei ausbrach. Der Vater stand auf und wollte seinem Sohn die Thüre weisen; der kleine Knabe in der Meinung, sein Vater wolle ihn schlagen, glitschte von seinem Sessel unter den Tisch und zog das unglückselige runde Lederkissen mit sich. Letzteres rollte unter einen benachbarten Tisch, wo ein Herr, der sich bückte, um es aufzuheben, bemerkte, daß seine Frau mit ihrem Fuße in den eines neben ihr sitzenden jungen Mannes so sehr verwickelt war, daß sie ihn nicht schnell genug herausziehen konnte. Der Gatte erhob sich wieder voll Zorn und richtete sehr beißende Worte an seine Frau, welche sich in ihrer Bestürzung stellte, als ob es ihr wehe sei. Mehrere Personen standen auf, um ihr zu Hülfe zu kommen und sie fortzutragen; es entstand eine allgemeine Bewegung in dem Speisesaale. Der eifersüchtige Gatte beleidigte den jungen Mann, welcher ihm wieder mit ungestümer Hitze antwortete; sie gingen Beide hinaus: ein Duell wurde auf den andern Morgen festgesetzt! All' dieß fiel vor, weil der Familienvater seinem Sohne bloß die Gräten von einem Stockfisch gegeben hatte.

Endlich wurde die Ruhe im Speisesaal, wo Girardière und seine zwei Nachbarinnen allein friedlich an ihren Plätzen sitzen geblieben waren, wieder hergestellt. Von Zeit zu Zeit sagte die junge Person zu ihrer Tante: »Wenn wir nur auch noch Platz im Theater finden.«

»Liebe Augustine, hast Du den Herrn nicht sagen hören, daß wir ruhig fortspeisen können.«

»Ich wiederhole es Ihnen, meine Damen,« entgegnete Girardière; »überdies, da ich auch in das nächstgelegene Theater gehe, so werde ich, wenn Sie es erlauben, das Vergnügen haben, Sie dahin zu begleiten und ich stehe Ihnen für die besten Plätze.«

»Sie sind in der That zu gütig,« fagte die Tante, »wir nehmen es mit Dank an, denn meine Nichte kommt so selten in das Theater, daß sie ganz trostlos wäre, wenn sie nicht gut sehen würde.«

»Das begreife ich auch sehr gut, aber das Fräulein darf sich auf mich verlassen. Es würde mir selbst unendlich leid thun, wenn sie keinen guten Platz bekäme.«

Die junge Person lächelte, indem sie Girardière liebenswürdig dankte. Dieser war außer sich vor Freude über seinen Einfall, mit seinen Nachbarinnen in das Theater zu gehen, denn je mehr er Fräulein Augustine betrachtete, desto mehr verliebte er sich in sie. Das konnte auch nicht fehlen; denn die Zeit, während welcher sie eine Frikassee von Kalbfleisch und Lerchen aß, war für Girardière mehr als hinreichend, Feuer zu fangen.

Fräulein Augustine war jung und hübsch; sie sah zwar etwas einfältig und unbeholfen aus, allein in den Augen eines Hagestolzen sind solche Fehler gute Eigenschaften. Er sagte zu sich: »Dieses junge Mädchen kommt mit ihrer Tante vom Lande in der Absicht, sich zu etabliren; ich weiß nicht in welcher Branche, doch gleichviel. Sie hat den eiteln Geschmack und die gefallsüchtigen Manieren der Pariser Damen noch nicht angenommen. Wenn sie jetzt einen vernünftigen, geordneten Mann heirathete, z. B. mich, so würde ihr Gemahl ohne Zweifel eine gute Haushälterin an ihr bekommen ... Ich muß mich näher an diese Damen anzuschließen suchen; überhaupt, welche Gefahr laufe ich? ... erhalte ich einen Korb, nun, so ist's eben einer weiter ... das ist Alles ... wenn ich aber siege ... dieses Fräulein sieht mich so liebenswürdig an, es kommt mir vor, als ob es mir gelingen könnte.«

»Kellner! Kellner! einen Eierauflauf!« schreit der Familienvater mit so lauter Stimme, daß man es im ganzen Saal hören konnte.

Ueber diese Ueberraschung hüpfte der Knabe, vor Freude außer sich, auf dem runden Lederkissen, das man wieder aufgehoben und auf seinen Sessel gelegt hatte, in die Höhe. Seine Mutter, die neue Unfälle befürchtete, hielt ihn rasch auf seinem Sessel zurück, und der Papa sagte zu ihm: »Wenn Du Dich nicht ruhig verhältst, unartiges Kind, so bekommst Du nichts davon. Ei, Kellner, bringen Sie mir auch Zahnstocher!«

»Hier mein Herr!«

Girardière verlangte Confekt und knackte zum Zeitvertreib Haselnüsse auf, um sein Mittagessen so lang wie das seiner Nachbarinnen hinauszuziehen. Die Tante aß nicht schnell und bekümmerte sich nicht um die Ungeduld ihrer Nichte. Fräulein Augustine schaute von Zeit zu Zeit auf die Standuhr im Saal und stieß kleine Seufzer aus, welche Girardière mit andern erwiderte, ohne daß es Jemand merkte, obwohl er sie sehr lang dehnte.

Der Eierauflauf ist aufgetragen. Der Knabe stößt einen Schrei der Verwunderung aus, das kleine Mädchen sperrt den Mund auf, der Vater und die Mutter sehen sich einander herzlich vergnügt an; Alle fühlen sich glückselig. Manche Personen bedürfen so wenig um glücklich zu sein; Andere können es gar nicht mehr sein, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie zu viel haben. So geht es in der Welt.

Allein während der Familienvater und seine Kinder voll Entzücken sind, nimmt der Gegenstand ihrer Verwunderung zusehends ab; noch einige Minuten, und von diesem Hügelchen, das so lieblich abgerundet und wie ein Luftballon ausgespannt war, bleibt nichts mehr als ein schmaler und ärmlicher Streif übrig.

Die Familie beeilt sich, auch diesen aufzuessen, worauf der Vater die Rechnung verlangt, welche der Kellner bald fertig hat und ihm vorlegt. Die Frau neigt sich zu ihrem Gemahl hin, um die Totalsumme zu sehen; der Vater bemerkt endlich: »Man bringt uns um ... das ist schrecklich theuer! wir können nicht so viel verzehrt haben.«

»Mein Lieber, Du kannst Dich leicht davon überzeugen: vergleiche die Rechnung mit den Preisen der Speisekarte, Du kannst ja sehr gut rechnen.«

»Meine Liebe, Du hast Recht.«

Die zwei Gatten nehmen abermals die Speisekarte, sehen nach den Preisen und berichtigen die Addition; endlich ruft der Herr, indem er mit der Faust auf den Tisch klopft, aus: »Kellner! Sie haben sich um fünf Sous geirrt.«

»Sie glauben, ich habe mich geirrt?«

»Sie rechnen für vier Personen Brod an, und meine Frau hat das ihrige nicht gegessen! Beim Teufel, man muß darauf Acht geben! Da haben Sie Ihr Geld ... es sind sechs Liards für Sie dabei.«

Darauf entfernte sich die ehrwürdige Familie, welche sich Polster, Lederkissen und eine Wärmflasche hatte geben lassen, und nahm noch alle Zahnstocher, welche auf dem Tische lagen, mit.

Die alte Dame und ihre Nichte waren ebenfalls mit ihrem Mittagessen fertig geworden und bezahlten, ebenso Girardière, und Alle gingen miteinander von dem Gastwirth fort.

Girardière holte als galanter Cavalier schnell Billete und führte die Damen auf die erste Galerie, welche zu drei Viertheilen leer war, trotz der Versicherung der Journale, daß man alle Tage eine Masse Personen zurückweisen müsse. Die Tante und Nichte setzten sich in die erste Reihe; Girardière nahm hinter diesen Damen Platz, um leichter mit ihnen schwatzen zu können; denn er hatte Alles gut berechnet und hoffte während des Schauspiels nähere Bekanntschaft zu machen und sich mehr Zutrauen zu gewinnen.

Die Tante Augustinus hatte vor Allem Girardière die Auslage für ihre Plätze ersetzt, welche er annehmen zu müssen glaubte, da er mit diesen Damen in keinem so engen Verhältniß stand, daß er sich die Freiheit hätte nehmen dürfen, ihnen das Vergnügen des Theaters umsonst anzubieten. Er wollte gerne ein Gespräch einleiten, aber das Stück begann, und die Tante wie ihre Nichte hörten bloß auf das, was auf der Bühne vorging.

Während die Damen ganz Auge und Ohr waren, beobachtete sie Girardière fortwährend und wurde immer vergnügter darüber, daß er Ihnen begegnet war. Die Tante trug das Gepräge einer würdigen Frau von guten Sitten und strenger Rechtschaffenheit. Das bewies ihr Hut, ihr Kleid und ihre Tasche. Die Einen, und zwar die Mehrzahl, berufen sich auf den Ausdruck der Physiognomie; Andere gründen ihr Urtheil auf die Stimme, Handschrift, auf das Benehmen, auf die Hand der Person; Girardière beurtheilte eine Frau nach ihrem Kleide, nach ihrem Hute.

Während eines Zwischenaktes erfuhr unser Ehestands-Candidat mehr: die Tante hieß Gerbois, war Wittwe und besaß bloß ein mittelmäßiges Vermögen; die Nichte sollte ihre Erbin sein; einstweilen hatte diese Nichte kein Vermögen, sie mußte daher arbeiten, um sich eine kleine Mitgift ersparen und eine Heirath treffen zu können; weil ein junges, artiges Mädchen selten eine Versorgung findet, wenn sie ihrem Manne nichts zubringt. Da Fräulein Augustine sehr gut nähte, kam sie nach Paris, um sich hier als Näherin zu vervollkommnen; mit dieser Kunst hoffte sie bald im Stande zu sein, ihr Brod zu verdienen und sich darauf gut zu verheirathen.

Girardière hielt dies Alles für sehr vernünftig, billigte das Verfahren der Frau Gerbois und sagte zu sich selbst, indem er wieder einen tiefen Seufzer ausstieß: »Eine Näherin zur Frau! ... dabei ist nichts Unangenehmes! ... wenn eine Frau beschäftigt ist, denkt sie nicht oder denkt wenigstens nicht so oft daran, Stutzer anzuhören, und überdies, wenn sie keine Kundschaft hat, so kann sie immerhin ihre Kleider sich selbst machen, das ist eine Ersparniß. Fräulein Augustine wäre mir sehr anständig, sie könnte auch meine Hemden sticken und zur Noth meine Westen machen.«

Den ganzen Abend betrachtete Girardière das junge Mädchen, welche bloß auf das Schauspiel sah; bei jedem Akt wurde er verliebter. Da man an diesem Abend sehr lange Stücke spielte, war Girardière, als das Theater aus war, leidenschaftlich in Fräulein Augustine verliebt.

Während der Hagestolz in den Zwischenakten mit der ältern Dame plauderte, unterließ er es nicht, von seiner Person, von seiner Stellung in der großen Welt und von seinen tausend Thalern Rente zu reden; die Tante schien sehr geschmeichelt, mit einem so rechtschaffenen Mann und Rentier Bekanntschaft gemacht zu haben.

Das Schauspiel war zu Ende. Girardière wollte nicht gestatten, daß die Damen allein nach Hause zurückgingen. Sie wohnten am Ende der Vorstadt Saint-Jaques, der Weg dahin war ziemlich weit; er bot einen Fiaker an, den die Tante ausschlug; darauf lud er sie in einen Omnibus ein, was sie annahm.

Girardière stieg mit den Damen ein, unerachtet er in der Paradiesstraße, welche keineswegs in der Nähe der Vorstadt Saint-Jaques ist, wohnte; allein die Liebe, welche die Herzen einander nähert, den Rang ausgleicht und über die Vorurtheile siegt, hob auch die Entfernung zwischen der Paradiesstraße und der Vorstadt Saint-Jaques auf. Girardière setzte sich in dem Wagen neben Fräulein Augustine, welche auf dem ganzen Wege keinen Laut von sich gab, da sie von dem Eindrucke, welchen das Schauspiel auf sie gemacht hatte, noch ganz ergriffen war, und diesen Eindruck als ein Glück betrachtete, das sie fest halten wollte.

Die Damen, in der Nähe ihrer Wohnung angekommen, stiegen aus. Girardière stieg ebenfalls aus: er bot seinen Arm an, er wurde angenommen. Man ging wenigstens noch zehn Minuten weit, weil der Wagen nicht gerade vor das Haus dieser Damen hingefahren war, aber Girardière bedauerte es nicht: er hielt Augustinens Arm unter dem seinen; da das Pflaster etwas schlüpfrig war, stützte sich die junge Person mit einer Hingebung auf ihn, die ihren Cavalier entzückte.

Man hielt vor einem Hause, dessen Eingang, wie die meisten der Vorstadt Saint-Jaques, schwarz und düster aussah.

»Hier wohnen wir,« sagte Frau Gerbois. »Ich habe Ihnen für Ihre außerordentliche Gefälligkeit vielmals zu danken.«

Girardière wartete noch auf eine weitere Einladung und auf die Erlaubniß, manchmal der Tante und ihrer Nichte einen Besuch abstatten zu dürfen. Da man dies nicht berührte, erkühnte er sich, selbst darum zu bitten. Die Liebe machte ihn verwegen.

»Mein Herr,« sagte die ältere Dame, »meine Nichte und ich nehmen sehr wenig Besuche an, weil man in Paris befürchten muß, manchmal in gefährliche Verbindungen zu kommen. Allein Sie scheinen mir zu rechtschaffen, als daß ich ihnen die erbetene Erlaubniß abschlagen könnte, und wenn meine Gesellschaft Sie nicht allzusehr langweilt, so wird es mir sehr schmeichelhaft sein, mit einem so höflichen und ausgezeichneten Manne nähere Bekanntschaft zu machen.«

Girardière verbeugte sich bis auf den Boden, so sehr war er über die Aeußerung der Frau Gerbois entzückt, und wahrend er noch immer Komplimente machte, hatten sich Tante und Nichte in dem Hausgang, in welchem sie schon bekannt waren, verloren und ließen, die Thüre hinter sich schließend, ihren galanten Cavalier vor dem Eingang ihres Hauses seine tiefen Reverenzen fortsetzen.

Als Girardière bemerkte, daß er bloß noch vor einer Thüre sich verbeuge, entschloß er sich fortzugehen, betrachtete aber vorher mit großer Aufmerksamkeit das Haus, in welchem Fräulein Augustine wohnte, um es wieder gut zu erkennen, wenn er bei hellem Tag dahin zurückkehren würde.

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