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Ein Ehestands-Candidat oder Herr Fractin

Charles Paul de Kock: Ein Ehestands-Candidat oder Herr Fractin - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorPaul de Kock
titleEin Ehestands-Candidat oder Herr Fractin
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1862
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081016
projectidc6652102
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Siebentes Kapitel

Zu dumm

Herr Girardière hielt sich nicht für besiegt. Er klagte immer das Schicksal, das Verhängniß an, welches von seiner zartesten Jugend an ihm entgegen gewesen war, so oft er über eine Schöne triumphiren wollte. Dieses arme Schicksal muß viel leiden: in den Augenblicken unseres Aergers, in Unglücksfällen, bei Niederlagen, welche unsere Eigenliebe erleidet, werfen wir alle Schuld auf dasselbe; anstatt uns selbst frei zu gestehen, daß wir einen dummen Streich gemacht, daß wir uns gegen den Takt und die Gewandtheit verfehlt haben, machen wir lieber einen bitteren Ausfall gegen dieses Schicksal, welches an unserem Unglück gewiß am unschuldigsten ist; wir erinnern uns nie jener Worte des heiligen Gregors, die jedem Herzen eingeprägt sein sollten: »Wenn Dir ein Unglück begegnet, so forsche wohl nach und Du wirst finden, daß es immerhin ein wenig Deine Schuld ist.«

Theophilus Girardière, der kluger Weise sich vornahm, dem Schicksal, das ihm den Rücken bot, nicht mehr zu trauen, sagte zu sich selbst: »Warum soll ich auf Schönheit sehen? Die Schönheit vergeht; ein Zufall, ein Unglück, eine Krankheit können ein Gesicht plötzlich ändern ... das sieht man alle Tage; sogar Frauenzimmer, welche eingeimpft waren, bekommen die Pocken! Man darf also die Reize des Gesichts nicht hoch achten. In der Seele, im Geiste, im Herzen muß man dauernde Schönheiten suchen, denn das Herz, die Seele, der Geist bleiben unveränderlich.«

Dieser arme Theophilus Girardière täuschte sich abermals indem er sich einbildete, der Geist bleibe unveränderlich; er hatte sein Zeitalter nicht studirt, er las nicht in den Zeitungen, sprach nicht über Politik, sonst hätte er gefunden, daß es nichts Veränderlicheres, nichts Launenhafteres gibt, als den Geist! Wie viele unserer größten Genies schreiben heute so, morgen anders! wie viele Advokaten rechten für und rechten wider! wie viele Schriftsteller sind heute lustig, morgen traurig und übermorgen abgeschmackt! ein Frauenzimmer kann folglich liebenswürdig sein, so lange sie der Gegenstand all' unserer Aufmerksamkeit ist, so lange wir uns um einen Blick von ihr als um eine Gunst bewerben, aber dieses nämliche Frauenzimmer kann sehr widerwärtig, höchst langweilig werden, wenn wir uns nicht mehr mit ihr beschäftigen: ein Nichts erzürnt sie, der geringste Widerspruch entlockt ihrem Munde bitterböse Worte, Klagen, Beschuldigungen ... O! trauet dem Geiste eines Frauenzimmers nicht, wenn es kein gutes Gemüth hat, welches ihn leitet.

Oder glauben Sie, auf das Herz zählen zu können? ... Gibt es aber etwas, das uns mehr verräth und betrügt, als das Herz? ... Oft sind wir gar nicht Herr darüber; wir glauben es zu regieren, während es uns beherrscht. Wenn wir glauben, es Jemand aufrichtig geschenkt zu haben, werden wir nicht ganz überrascht, an einem schönen Morgen wahrzunehmen, daß es sich einem andern Gegenstande hingegeben hat! Wenn wir auf seine Beständigkeit zählen, so läßt es uns im Stich; wenn wir es für kalt halten, so entflammt es sich; wenn wir ihm Stillschweigen gebieten, so spricht es uns zum Trotze unaufhörlich; deßhalb darf man auch nicht auf das Herz bauen. Nun bleibt uns noch die Seele, welche Jeder auf seine Art definirt: Erasistratus setzt sie in das Häutchen, welches das Hirn umhüllt; Hippocrates in die linke Herzkammer; Epicur und Aristoteles behaupten, sie befinde sich im ganzen Körper; Empedocles und Moses glauben sie im Blute; Strabo sucht sie zwischen den beiden Augenbrauen; Plato vertheilt sie in drei Theile: die Vernunft in das Hirn, den Zorn in die Brust und die Wollust in die Eingeweide. Die Griechen haben sich mit der Seele hauptsächlich beschäftigt. Parmenides hält sie für Feuer; Anarimander für Wasser; Zeno setzt sie aus der Quintessenz der vier Elemente zusammen; Heraklit sieht in ihr bloß das Licht; Xenocrates eine Zahl; Thales eine immer thätige Substanz, und Aristoteles eine Vollkommenheit; endlich erkennen wir nach dem Dichter Mallebranche unsere Seele bloß durch das Gewissen! Deßhalb können vielleicht so viele Leute nicht zur Erkenntniß der Seele gelangen.

Girardière suchte eine Jungfrau oder eine Wittwe, die Geist habe. Er dachte bei sich: »Ein geistvolles Frauenzimmer wird mich nicht abweisen. Alle jene Personen, welche mein Ansuchen zurückgewiesen haben, sind Narren, von Frau Grandvillain an, welche in der Dummheit ihren Hund mir vorzog bis zu Lapoucette, der einen Methusalem aus mir machte. Ich will mich an Jemand wenden, der mich zu schätzen weiß, und, wie meine verehrungswürdige Mutter sagt, meinen Eigenschaften, meinem artigen Benehmen Gerechtigkeit widerfahren läßt.«

Theophilus erinnerte sich, daß er sich früher bei Frau von Berlinguerie in einer Abendunterhaltuug befunden, und daß diese eine Tochter Namens Arabella habe. Diese junge Person verrieth sich schon frühzeitig als ein Wunderkind, als eine zehnte Muse, eine Sappho, oder wenigstens als eine Scuderi. In ihrem sechsten Jahre, hatte sie auf das Namensfest ihres Vaters einen Glückwunsch ohne den Buchstaben a verfaßt, im folgenden Jahre hatte sie für ihre Frau Mutter einen gleichen ohne o gemacht, und sehr liebenswürdige Worte an ihren Taufpathen ohne u gerichtet. Nach all dem glaubte man, sie werde es im Sprechen noch so weit bringen, daß sie gar keinen Buchstaben mehr brauche, was eine ganz außerordentliche Person aus ihr gemacht haben würde, unerachtet sich in Paris ein Modehändler befindet, der sich etwa eben so ausdrückt.

Girardière sagte zu sich: »Seit vier oder fünf Jahren, während deren ich Fräulein Arabella von Berlinguerie nicht gesehen habe, hat ihr Geist sich nur vollkommener ausbilden und verschönern müssen. Wie gut werden wir uns mit einander verstehen! ... Ich bin nicht dumm, im Gegentheil sogar ziemlich gelehrt ... ich, der ich in meinem Knabenalter meine Magd, die arme Tourloure, lateinisch lehren wollte! ... Wenn Fräulein Arabella die Rhetorik und schönwissenschaftliche Studien durchmachen will, so bin ich vollkommen der Mann, den sie nöthig hat.«

An einem Abend machte Girardière seine Toilette noch viel sorgfältiger als gewöhnlich, denn er erinnerte sich, daß bei Frau von Berlinguerie immer ein ziemlich steifer Ton herrschte, und schlug seinen Weg nach dem Marais ein. Die Familie des Fräuleins Arabella wohnte in der Straße der Trois-Pavillons. Sie bestand erstens aus dem Herrn von Berlinguerie, einem kleinen Greis von siebenzig Jahren, welcher den größten Theil seines Lebens mit Verfassen und Auflösen von Worträthseln zugebracht hatte; ferner aus der Mutter Arabellens, einer Frau von so kleinem Wuchs, daß ihr Mann neben ihr noch groß schien. Ihr mageres, aber sehr ausdruckvolles Gesicht, ihre falben Augen, die wie Karfunkel glänzten, die außerordentliche Beweglichkeit ihrer Züge endlich gaben ihr das Aussehen einer jener kleinen Feen, welche leicht aus einer Commode herausschlüpfen und in einen Kürbiß sich verstecken können. Dabei hatte Frau von Berlinguerie, selbst wenn sie in ihren Gemächern auf und ab ging, beständig einen Stock mit einem elfenbeinernen Knopf in der Hand, der so groß wie ein Billardstock war, womit sie in ungeduldigen Augenblicken auf den getäfelten Stubenboden klopfte. Sie dürfen sich nicht wundern, daß Herr von Berlinguerie, ein von Natur sehr friedliebender Mann, sich mitten in seinen Sätzen unterbrechen ließ und den Faden seines Gesprächs verlor, wenn er den furchtbaren Stock hörte, dessen Zwinge auf dem Fußboden wiederhallte. Arabella war die erste Frucht dieser so gut zusammengepaßten Verbindung gewesen; diese junge Person, welche eben ihr dreiundzwanzigstes Jahr erreicht hatte, war größer als ihr Vater und ihre Mutter senkrecht auf einander gestellt (was die Beduinen eine menschliche Pyramide nennen); Fräulein Arabella maß fünf Fuß sechs bis sieben Zoll; ihre Nase stand in gleichem Verhältniß zu ihrer Größe, was sie beim Küssen sehr geniren mußte; ihre Gesichtsfarbe war orangengelb; ihr Hals glich dem eines Straußes, ihr Gang dem einer Giraffe; sie war ungeheuer mager; bei der geringsten Bewegung, die sie machte, mußte man befürchten, sie breche ein Glied. Kurz, Alles war an diesem Fräulein spitzig, vom Knie bis zum Ellenbogen, von ihrer Nase bis zu ihrem Geist. Die glücklichen Anlagen, welche sie in ihrer Kindheit gezeigt hatte, hatten sich ansehnlich entwickelt. In der Wirklichkeit brauchte sie die Buchstaben o und a beim Sprechen, allein wie sie sie aussprach!

Indessen war Arabella nicht die einzige Frucht der Ehe ihrer ehrwürdigen Eltern: es war ihnen auch ein Sohn, aber zehn Jahre später geboren worden. Dieser Knabe, den man für berufen hielt, seine Schwester nachzuahmen oder vielleicht zu übertreffen, hieß Phileosinus. Kaum konnte er einige Worte stammeln, so wollte ihn seine Schwester lehren, sich mit Zierlichkeit auszudrücken, seine Mutter, nanan ohne a zu sagen, und sein Vater, Räthsel aufzulösen. Der kleine Phileosinus zeigte sich bei Allem, worin man ihn unterrichten wollte, sehr widerspänstig: er schien keinen Geschmack an den schönen Redensarten seiner Schwester zu finden; er verlangte zu essen oder zu trinken wie ein niedriger Bettler und begriff nicht einmal, was eine Charade ist. Die Familie von Berlinguerie hielt es für Eigensinn; sie bestand darauf, der kleine Phileosinus sei ein Genie, und man quälte den kleinen Knaben dergestalt, daß er im Alter von acht Jahren ganz blödsinnig war. Aber die Familie behauptete trotzdem, das Kind sei begeistert, und Jedermann gab sich das Ansehen, es zu glauben, weil man in der gebildeten Welt zu höflich ist, um zu widersprechen.

In dieser Familie wollte der arme Theophilus Girardière sich eine Gattin holen; Andere hätten das für einen Akt der Verzweiflung gehalten; aber er, der Alles lieb und schön fand, überzeugte sich zum Voraus, daß seine Verbindung mit der geistreichen Arabella das Glück seines Lebens begründen würde.

Die Familie von Berlinguerie wohnte in einem alten Haus, dessen durch die Zeit geschwärzte Mauern beinahe mit denen des Hôtels Clury wetteifern konnten. Ein großes Thor ging in einen ungeheuern Hof, dessen Pflaster dicht mit Gras überwachsen war. Der Thorwärter wohnte ganz im Hintergrunde des Hofes, so daß man, wenn die Person, welche man besuchen wollte, ausgegangen war, nichts desto weniger den Hof in seiner ganzen Länge zwei Mal überschreiten mußte, um sich davon zu überzeugen. Das war namentlich sehr angenehm, wenn es regnete und man keinen Regenschirm hatte ... Bequeme Einrichtungen unserer guten Vorfahren, welche die Liebhaber des gothischen Styls sehr ungern aus der Mode kommen sehen!

Girardière stieg aus einem Cabriolet, das er genommen, weil er nicht zu Fuße gehen wollte; denn es regnete, das Pflaster war schmutzig, und er fürchtete, seine Schuhe könnten den Glanz verlieren. Er bezahlte den Kutscher, klopfte an die Hausthüre, die man erst nach langer Zeit öffnete, und wurde daher nachträglich nicht wenig durchnäßt. Endlich rollte die große Thüre in ihren Angeln auf; er schloß sie wieder zu, und da er nicht wußte, wo sich der Thorwärter befand, indem er das erste Mal in dieses Haus kam, das die Familie von Berlinguerie erst seit drei Jahren bewohnte, sah er sich nach allen Seiten um, und da er Niemand bemerkte, befürchtete er, sich im Hause getäuscht zu haben. Er ging aufs Gerathewohl auf eine niedere kleine Thüre zu, die er links gewahr wurde, näherte sich, rief, erhielt aber keine Antwort. Er öffnete nun die Thüre: Alles war dunkel und still; er ging einige Schritte vor, glitschte mit dem Fuße aus, fiel, rutschte mehrere Schritte vorwärts, und merkte endlich, daß er im Begriff war, in den Keller hinabzupurzeln. Girardière raffte sich fluchend und tobend auf und kehrte in den Hof zurück. Es regnete viel stärker; unser Heirathslustiger wurde sehr böse gelaunt. Das Pflaster des Hofes, mit Gras fast ganz überwachsen, war äußerst schlüpfrig, und trotz des Regengusses mußte man sehr vorsichtig und langsam gehen, um nicht abermals zu fallen. Girardière blieb mitten im Hofe stehen und sagte zu sich selbst: »Welch sonderbares Haus! ... es gleicht dem Schlosse in dem Mährchen von der Schönen und der Einfältigen ... man würde nie vermuthen, daß man in Paris ist, so traurig ist es hier. Wo, in des Teufels Namen, ist denn der Portier dieses Hauses versteckt? Ah! ich glaube, ich sehe ein Licht, wenn es kein Irrlicht ist. Seitdem ich in einen Keller gefallen bin, kommt mir in diesem Hause Alles verdächtig vor ... Nun vorwärts, aber aufgepaßt!«

Girardière ging auf das Lichtchen zu. Endlich gelangte er an ein Gebäude, klopfte an eine eingeräucherte kleine Glasscheibe, woraus eine rauhe Stimme ihm zuschrie: »Was machen Sie denn seit einer halben Stunde, wo ich Ihnen die Thüre geöffnet habe, im Hofe? Was ist das für eine Art, an den Häusern zu klopfen und sich dann im Keller zu verstecken?«

»Sich im Keller verstecken!« erwiderte Girardière, indem er in das Stübchen trat, um sich vor dem Regen zu schützen; »Zum Henker, Portier, Sie kommen mir sehr lächerlich vor ... ich bin in den Keller gefallen ... wo ich selbst mein Leben in Gefahr setzen konnte; wenn man in seinem Hause solche Fallen hat, so muß man zur Vorsicht Laternen dazu hinstellen oder den Personen, welche die Miethsleute besuchen, entgegengehen und ihnen leuchten. Ich habe meine Kniee aufgefallen, das ist sehr unangenehm; nun muß ich hinkend meine Aufwartung machen! ... Sagen Sie mir vor allen Dingen, ob Herr und Frau von Berlinguerie bei Ihnen wohnen?«

»Ah! Sie wollen Frau von Berlinguerie besuchen,« sagte der Portier in einem höflicheren Tone; »o! das ist etwas Anderes, verzeihen Sie mir doch meine Unachtsamkeit; Sie wissen wohl, in dem Marais-Quartier gibt es eine Menge Spitzbuben, welche des Abends alle Portiers teuflisch beunruhigen! Diese Schlingel wissen nicht, welche Streiche sie uns spielen, welche Unverschämtheit sie uns anthun sollen! Zuerst klopfen sie an die Hausthüre: wir öffnen, allein Niemand tritt ein, dann müssen wir aufstehen und hinausgehen, um die Thüre wieder zu schließen; ein ander Mal treten sie herein, aber bloß, um in dem Hof sich in Schmähworten auszulassen: wir müssen abermals hinausgehen, um sie fortzujagen. Wir springen mit einer Peitsche ihnen nach; wenn wir sie aber fest zu halten glauben, reißen sie aus, flüchten sich und lachen uns noch in's Gesicht. Solche Schlingel werden gewiß einmal auf dem Schaffot sterben. Ein ander Mal ...«

»Es ist genug, Portier, Sie werden mir Ihre Geschichte bei einer andern Gelegenheit erzählen? Ist diesen Abend bei Herrn von Berlinguerie Gesellschaft?«

»Aufzuwarten! o ja, heute hat es viele Leute, es ist ihr Gesellschaftstag. Vier Personen sind hinaufgegangen, worunter eine Dame mit ihrer Zauberlaterne, welche, wie ich glaube, die Macht besitzt, den kleinen Herrn Phileosinus zu unterhalten: das ist, wie Sie wissen, der kleine junge Mensch, der Bruder des Fräuleins, welcher, wie man versichert, begeistert ist. Dieser arme Knabe! ich weiß nicht, was ihn so begeistern kann; er bringt seine Zeit mit Tollheiten, die er in diesem Hofe verübt, zu: er läßt Wassereimer in den Brunnen fallen, wirft Steine in die Fenster, streckt gegen Jedermann seine Zunge heraus ... ich glaube eher, daß er behext ist.«

»Sehr gut, Portier, nun bin ich etwas reinlicher, und kann meine Aufwartung machen. Wo wohnt Frau von Berlinguerie?«

»Im zweiten Stockwerk links; der Handgriff am Glockenzug stellt ein Hirschhorn vor.«

»Gut, das Hirschhorn wird mir den Weg weisen.«

Theophilus Girardière geht die Stiege hinauf und kommt im zweiten Stockwerk an, nachdem er der Familie Berlinguerie bereits durch zwei Pfiffe des Portiers angemeldet worden. Unser Ehestands-Candidat sieht das Hirschhorn, welches die Quaste am Glockenzuge ersetzt, und zieht mit einer geheimnißvollen Bewegung daran, indem er zu sich selbst sagt: »Drollige Erfindung, ein Hirschhorn vor seine Thüre zu hängen! Wenn ich verheirathet sein werde, so werde ich eine Quaste anbringen, welche einem Horn doch bei weitem vorzuziehen ist, und keine schlechten Witze zuläßt.«

Man öffnet sogleich; Girardière tritt in ein sehr geräumiges Gemach, das übrigens sehr sparsam möblirt ist. In dem Vorzimmer befindet sich gar nichts; im Speisesaal stehen zwei Stühle ohne Lehnen; in dem Zimmer des Herrn, durch das man in den Salon gelangt, sieht man bloß einen alten Schreibtisch und zwei Lehnsessel; endlich im Salon, wohin Girardière sich ohne Zögern begibt, sind außer einem alten Canapé bloß für etwa fünfzehn Personen Sessel. Girardière sagt beim Wahrnehmen dieser wenigen Möbeln zu sich: »Die geistreichen Personen legen auf Luxusgegenstände wenig Gewicht, und begnügen sich mit dem durchaus Nöthigen. Um so besser: Fräulein Arabella ist daher sehr haushälterisch, das gefällt mir vollkommen; nun will ich mich mit Anstand vorstellen und mich auf eine geistreiche Art auszudrücken suchen!«

Als Theophil in den Saal eintrat, saß die ganze Gesellschaft im Halbkreis herum. Herr von Berlinguerie, in einem alten Lehnsessel versteckt, war eben im Begriff, der Gesellschaft ein selbstverfaßtes Räthsel aufzugeben. Seine Frau Gemahlin saß auf dem Canapé und stützte ihre linke Hand auf den furchtbaren Stock. Eine alte Dame, mit buhlerischem Prunke angekleidet, saß neben ihr und hatte ein Zauberlaternchen von Blech auf den Knieen, welches sie mit Wohlgefallen betrachtete. Die herrliche Arabella saß ein wenig entfernter, ihre Blicke ruhten auf der ganzen Gesellschaft, deren Huldigungen sie zu erwarten schien. Unmittelbar hinter dem Canapé saßen drei Herren auf Sesseln. Der erste, etwa sechzig Jahre alt, eine ernsthafte, lange Person, hielt in der Hand eine Ruthe. Nach diesem Herrn kam ein junger Mann, der beständig auf's Gutmüthigste lachte, mit einer religiösen Aufmerksamkeit zuhörte, den Hals zu Herrn von Berlinguerie hinbog, die Augen wie Lottokugeln herumdrehte, und höchlichst erfreut schien, sich in so guter Gesellschaft zu befinden. Dieser junge Mensch, der höchstens neunzehn Jahre alt sein konnte, trug einen abgetragenen haselnußbraunen Frack, dessen Aermel vier Zoll von der Hand zurückstanden, und eben so kurze Hosen, die er immer herunterziehen mußte, um den Schein, als trage er kurze Beinkleider, zu entfernen. Bei all dem aber zeigte dieser Jüngling einen sehr guten Anstand. Auf diesen endlich folgte ein dicker Papa von mittlerem Alter, mit einem kupferrothen Gesichte, dessen ganzes Wesen einen über seine gesellschaftliche Lage beglückten Mann verrieth. Er hörte mit viel weniger Aufmerksamkeit zu, schloß manchmal die Augen, öffnete sie von Zeit zu Zeit wieder, und rieb sie lebhaft, besonders wenn er seinen Nachbar, dessen ernsthafter Blick ihn wegen seiner Schlafsucht zu tadeln schien, husten hörte.

Der kleine Phileosinus befand sich nicht in dem Kreis: er lag in einer Ecke des Salons auf dem Boden, baute zu seiner Unterhaltung Schlösser mit Karten, lachte alle Augenblicke wie ein Tölpel, wälzte sich dann bis zum Canapé hin, und zog die Personen, die darauf saßen, an den Füßen.

Theophils Ankunft unterbrach den Herrn des Hauses gar nicht; man begnügte sich, den Ankömmling mit ernster Würde zu begrüßen, wies ihm einen Stuhl an, und fuhr in der Verfertigung des Räthsels, der gewöhnlichen Erholung bei Arabellens Eltern, fort. Theophilus mußte sich nun setzen und wie die Andern zuhören; er gab aber sehr wenig Acht auf das Räthsel und schaute ohne Unterlaß die Tochter des Hauses an, welche er schon lange nicht mehr gesehen hatte, und die ihm auffallend groß vorkam. Er schloß hieraus, daß Fräulein von Berlinguerie sehr viel Stoff zu ihren Kleidern brauche; allein diese merkantilischen Rücksichten hielten ihn doch nicht von seinem Vorsatze ab, und da er sich einmal in den Kopf gesetzt, diese Person schön zu finden, so brachte er endlich eine entfernte Aehnlichkeit derselben mit der keuschen Venus heraus. Nachdem Herr von Berlinguerie sein Räthsel beendigt hatte, blieben die Anwesenden einige Augenblicke in tiefes Stillschweigen versunken. Jeder suchte das rechte Wort, oder wollte wenigstens dafür angesehen sein, als ob er es suche. Der Schulmeister hustete, rieb sich die Stirne, schnäuzte sich, kratzte sich hinter den Ohren und rief endlich aus: »Abends kann ich nie gut rathen, aber morgen früh beim Erwachen werde ich es gewiß finden.« Der Jüngling verdrehte verstört seine Augen, zog an seinen Aermeln, an seinen Hosen und sagte: »Das Wort ist Senf oder Essig!« worauf Fräulein Arabella entgegnete: »O! Sie haben weit gefehlt.« Als man an den dicken Herrn kam, mußte man ihm die nämliche Frage drei Mal wiederholen, bis er die Augen, die er beharrlich zumachte, öffnete; beim Aufschauen murmelte er: »Das Wort, ich träumte davon, ich versichere Sie, ich träumte davon.« Die Reihe kam nun an Theophilus; ganz überrascht über die Frage, ob er das Räthsel errathen habe, sagte er naiv: »Es würde mir sehr schwer sein, Ihre Charade zu errathen, denn ich gestehe Ihnen, daß ich nicht aufgepaßt habe.« Mit dieser Antwort begnügte sich aber die ehrenwerthe Gesellschaft durchaus nicht, und die Mutter Arabellens, mit ihrem Stock auf den Boden klopfend, sagte sehr beißend zu Theophilus: »Woran denken Sie denn, wenn Sie nicht auf unsere Reden hören? Aus welchem Grunde haben wir denn das Glück, nach so langer Zeit Sie wieder in unserer Mitte zu sehen?«

Theophilus erröthete über seine Verlegenheit; er wollte nicht vor Jedermann seinen Heirathsantrag stellen, und murmelte mit gesenktem Blicke: »Später, Frau von Berlinguerie, werde ich die Ehre haben, mich näher zu erklären; überhaupt war ich nie, gar nie in den Räthseln und Logogryphen bewandert; hiezu gehört eine gewisse Geschicklichkeit, die mir nicht eigen ist.«

Frau von Berlinguerie sah ihren Gemahl an, dieser blickte auf seine Tochter, und Arabella konnte sich nicht enthalten, die Achseln zu zucken und sich in die Lippen zu beißen, die sehr viel sagen zu wollen schienen. Bald darauf wandte sie sich zu der Gesellschaft mit den Worten: »Ich will Ihnen einige Charaden von mir vorsagen; wenn es sich nicht zu lange hinauszieht, so wollen wir die Abendunterhaltung mit Reimen beschließen.« Die Gesellschaft bezeugte ihre volle Zufriedenheit über dieses neue Vergnügen. Die Dame, welche die Zauberlaterne auf ihrem Schooße hielt, war die einzige, welche sich widersetzen wollte; die neben ihr stehenden farbigen Gläser lebhaft umwendend, sagte sie: »Ich hätte geglaubt, man würde, um den kleinen Phileosinus zu zerstreuen, sich das Vergnügen machen, meine ...«

Frau von Berlinguerie ließ diese Dame nicht ausreden und unterbrach sie mit den Worten: »Mein Sohn spielt; er unterhält sich sehr gut in diesem Augenblick, und ich halte es für besser, die Vorstellung der Zauberlaterne auf ein anderes Mal zu verschieben. Arabella, sag' uns Deine Charaden, wir sind ganz Ohr.« Arabella erfüllte den Willen ihrer Mutter und machte für die Gesellschaft eine Charade. Jedes hörte aufmerksam zu oder stellte sich wenigstens so. Girardière allein, von seinen Heirathsplänen ganz eingenommen, war zum Räthselauflösen nicht aufgelegt, und als das Fräulein ihn fragte: »Nun, was ist mein Erstes, mein Zweites, mein Ganzes?« erwiderte Theophilus: »Ihr Ganzes, Fräulein? ach! 's ist sonderbar ich möchte so gerne, aber ich kann nicht darauf kommen

Man vernahm in dem Salon ein mißbilligendes Murren und würdigte Girardière keines Blickes und keines Wortes mehr. Die geistreichen Unterhaltungen, welche man bei Herrn von Berlinguerie genoß, dauerten nie über halb zehn Uhr, um welche Zeit sich die ganze Gesellschaft erhob und sich verabschiedete. Theophilus folgte den Andern nicht, sondern blieb zurück, näherte sich verlegen Arabellens Vater und bat ihn einen Augenblick auf ein Wort allein.

Der alte Herr glaubte, es handle sich von einem Räthsel, das man ihm aufgeben wolle, führte Girardière in sein Kabinet, wo dieser, nach seiner gewöhnlichen Vorrede, ihn um die Hand seiner Tochter bat. Herr von Berlinguerie, in seiner Hoffnung sehr getäuscht, da er auf etwas ganz Anderes gefaßt war, entgegnete ihm trocken: »Sie halten um meine Tochter an! das gehört in's Departement meiner Frau; ich will übrigens mit ihr darüber reden. Wollen Sie morgen wieder kommen, dann werde ich Ihnen die Antwort dieser Damen mittheilen.«

Giraldière entfernte sich ziemlich mißvergnügt über die gefundene Aufnahme. Er war sehr böse, daß er das Räthsel von Fräulein Arabella nicht errathen konnte, und besann sich die ganze Nacht über dessen Auflösung. Am folgenden Tag kehrte er in die Straße der Trois-Pavillons zurück. Dies Mal verirrte er sich nicht im Hofe, noch fiel er in den Keller: er begab sich geraden Weges zu Herrn von Berlinguerie, den er allein antraf. Theophilus, äußerst begierig auf eine Antwort, fragte sogleich den alten Herrn, der ihm sehr trocken erwiderte:

»Sie sind abgewiesen, mein lieber Freund !« – »Abgewiesen!« rief Girardière aus; »darf ich auch wissen aus welchem Grunde?« – »Bloß aus einem Grunde, den ich Ihnen aber nicht gerne mittheilen möchte.« – Ich bestehe darauf, ihn zu erfahren. – »Nun, mein Lieber, meine Tochter weist Sie ab, weil Sie ihr zu dumm vorkommen.«

Girardière wollte nichts mehr hören, drückte seinen Hut über's Gesicht herein und entfernte sich, indem er sagte: »Ich will doch lieber so sein, wie ich bin, als begeistert wie Ihr Herr Sohn.«

»Einfältiges Volk!« sagte er beim Nachhausegehen von dieser gelehrten Gesellschaft. »Bloß beschränkte Köpfe geben sich mit Auflösen von Charaden ab, um ihren stumpfen Verstand etwas zu schärfen. Das habe ich Gottlob nicht nöthig!«

Und mit dieser trostvollen Selbstberuhigung trat er in sein Haus.

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