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Ein Ehestands-Candidat oder Herr Fractin

Charles Paul de Kock: Ein Ehestands-Candidat oder Herr Fractin - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPaul de Kock
titleEin Ehestands-Candidat oder Herr Fractin
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1862
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081016
projectidc6652102
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Sechstes Kapitel

Zu alt

»Wenn man mein Vermögen nicht groß genug findet, so geht das noch an,« sagte Girardière, über seinen Besuch bei Frau Belleville nachdenkend, zu sich selbst, »wenn man mir aber sagt, ich sei häßlich, so ist das abgeschmackt! ... Das nimmt man zum Vorwand, mich abzuweisen! ... Ach! warum habe ich doch das Hündchen der Frau Grandvillain erschreckt, ich hätte ihre Tochter zur Frau bekommen ... Sie fand mich nicht häßlich, jene junge Person ... die Eltern fanden mich auch reich genug! ... Doch es gibt noch viele Frauenzimmer zu heirathen in der Welt ... und wie meine ehrwürdige Mutter sagt, ich bin nur wegen der Wahl in Verlegenheit ... indessen sind mir schon mehrere Wahlen entwischt. Das ist ein Unglück.«

Mehrere Tage lang schwankt Girardière unentschlossen über die neue Anfrage, die er stellen will; endlich fällt ihm ein Haus ein, wohin er öfters ging, bevor er sich in der großen Welt herumbewegte, ein Haus von ganz aufrichtigen, freimüthigen, geradsinnigen Bürgersleuten bewohnt, bei denen man keinen Besuch machen kann, ohne daß sie einen zum Mittagessen bei sich behalten, und die nicht zufrieden sind, wenn man sich bei Tisch nicht toll und voll ißt.

So beschaffen war das Haus Herrn Lapoucette's, eines alten Kunstschreiners, der in Zurückgezogenheit lebte. Die Familie bestand aus Vater, Mutter, zwei Tanten und drei Töchtern; die Fräulein waren noch sehr jung, als Girardière der Tischgenosse des Hauses war. Allein seit den fünf Jahren, während deren er nicht mehr dahin kam, hatten diese jungen Mädchen wohl wachsen müssen. Damals war die eine elf, die andere dreizehn und die älteste vierzehn Jahre alt: fünf Jahre hatten sie zu Frauenzimmern gemacht, die zum Heirathen wohl fähig sein durften.

»Vielleicht ist eine oder zwei davon verheirathet,« sagte Girardière zu sich; »allein es ist nicht wahrscheinlich, daß sie es alle sind. So viel ich mich erinnere, waren sie alle drei sehr artig; das Alter wird ihre Anmuth nur noch mehr entwickelt haben ... Meiner Treu, ich werde die nehmen, die noch frei ist; man hatte mich in diesem Haus sehr gern. Laßt uns nun zu diesem guten Lapoucette zurückkehren; es ärgert mich, nicht eher an ihn gedacht zu haben.«

Nachdem Girardière seine Anstandstoilette gemacht hatte, begab er sich zu seinem alten Freunde Lapoucette.

Eine Tante öffnete ihm die Thüre; als sie ihn sah, schrie sie: »Ei! stehen die Todten wieder auf! ich glaube wahrhaftig, das ist Herr Girardière!« – Er selbst, meine theure Dame. – »Ach! welch' Wunder, Sie zu sehen! Laurentia, Anna, Cäcilie, Schwestern! ... Herr Girardière ist da! ...«

»Herr Girardière ist da!« wiederholte man auf allen Seiten, und bald springt die ganze Familie herbei. Die Schwestern, die Mutter, der Vater, die Kinder, Jedes beeilt sich, den alten Freund zu empfangen, ihn an der Hand zu nehmen, sie freundschaftlich zu drücken, ihm seine lange Vergessenheit liebenswürdig vorzuwerfen. Es scheint, der verlorene Sohn sei gekommen, und man wolle ein Freudenmahl anstellen, denn bereits ruft der Hausherr aus: »Du wirst mit uns zu Mittag speisen ... o Du mußt mit uns speisen ... wir behalten Dich da; nein, wir lassen Dich nicht gehen; Frau, besorge das Mittagessen, tische uns auch einige Leckerbissen auf: Girardière war sonst ein Lecker, er wird es noch sein. Diese Eigenschaften vermehren sich mit den Jahren. Die Vorliebe für eine gute Tafel schadet uns nie.« – Mein Freund, mein theurer Freund!« sagt Girardière, die Hand vor seine Augen haltend, »ich bin so gerührt, fühle mich über Ihre Aufnahme so geschmeichelt, daß ich in Wahrheit glaube ... – »Nun, mache keine Dummheit, altes Kameel ... erwärme Dich, das ist besser als weinen; hier sind wir eher gewöhnt, zu lachen.«

Herr Lapoucette war ein kleiner, sehr dicker Mann von sehr gutem Aussehen; sein Empfang war schon ein Beweis von seiner Gesundheit und guten Laune. Er heißt Girardière sitzen und sagt zu ihm: »Du hast uns seit fünf Jahren nicht besucht ... es war Dir nicht möglich, nicht wahr? ... ach, mache Dir darüber keine weitern Mucken, wir haben uns nicht im Zorne getrennt, und kommen wieder als gute Freunde zusammen. So muß man sich gegen einander benehmen, wenn man sich liebt. Sei nun gerade so, wie wenn Du immerfort in unser Haus gekommen wärest.« – Mein lieber Lapoucette, sei überzeugt, meine Freundschaft ist immer die nämliche geblieben. – »Daran habe ich nie gezweifelt, mein Freund, aber Dein Gesicht zum Beispiel ist nicht dasselbe geblieben, wie Deine Freundschaft ... Du hast gealtert ... o! Du hast sehr gealtert ... Deine Haare liegen in der Picardie ... Ha! ha! ... Du weißt, immer noch mein alter Witz ... Du magst Deine siebenzehn Haare, die Dir noch bleiben, über Deine Stirne streichen, wie Du willst ... Du schlägst den Rappell ... ha! ha! ha!«

Girardière, dem das alte Kameel schon schwer in den Magen gefahren war, biß sich in die Lippen und erwiderte: »Ich weiß nicht, ob ich gealtert habe; allein ich weiß nur, daß ich mich sehr wohl befinde und eine köstliche Gesundheit besitze.« – Ah! mein Freund, das ist die Hauptsache. Ueberdies, müssen wir nicht Alle alt werden? gilt dies Gesetz nicht für Jedermann? Lebt Deine Mutter noch? – »Ja wohl, sie lebt immer noch?« – Die muß vollends erstaunlich alt und gebrechlich sein. – »Doch nicht, sie ist sehr wohl auf.« – Um so besser, um so besser, aber meine Töchter haben sich seit fünf Jahren verändert! ... sie sind nicht häßlich geworden ... im Gegentheil ... kommt doch näher, daß mein Freund Girardière seine Bekanntschaft mit euch erneuere.«

Die drei Fräulein Lapoucette springen ihrem Vater zu und lächeln liebenswürdig gegen den alten Familienfreund, der mehr als einmal sie auf seinen Knieen geschaukelt und ihnen Bonbons gegeben hat.

Girardière bleibt in Bewunderung vor den jungen Mädchen stehen, deren Vater stolz ausruft: »Nicht wahr, sie sind nicht übel?« – Diese Fräulein sind entzückend, blendend! ... – »O! entzückend! Du gebrauchst solche Worte, deren man sich in der Welt bedient, wenn man lügen will! Sie sind hübsch, und noch mehr: sie werden gute Hausfrauen werden. Das ist meiner Ansicht nach das Wesentlichste.« – O! mein Freund, Du hast Recht! das ist die Hauptsache ... darauf muß man sehen.«

Indem Girardière das sagte, ließ er seine grüngrauen Augen auf den drei jungen Mädchen ruhen, noch ungewiß, welcher er den Vorzug geben sollte.

Der Papa nahm seine ältere Tochter an der Hand und sagte: »Das ist Laurentia, neunzehn Jahre alt. O! das ist ein vernünftiges Mädchen; sie zankt ihre Schwestern, wenn sie nicht arbeiten ... sie ist übrigens ein gutmüthiges Kind und versteht sehr gut Confect zu machen. Erinnerst Du Dich nicht, wie schlimm sie als Kind war? Ihre Mutter wollte sie einmal peitschen. Du batest um Gnade für sie ... es ist etwa sechszehn Jahre seitdem ... o ja, wenigstens sechszehn Jahre.« – »Das Fräulein hat sehr viel Ähnlichkeit mit ihrer Mutter,« erwiderte Girardière, um sich bei den Erinnerungen früherer Zeiten nicht zu lange aufzuhalten, und auf ein anderes Gespräch einzulenken.

»Du glaubst? ... ich bin nicht Deiner Meinung. Das da ist Anna, die muthwillige Anna, sie geht in's achtzehnte Jahr! ... Erinnerst Du Dich noch: als Du hier zu Mittag aßest und sie das Gehen lernte, machte sie Dich unwillig, denn sie wollte immer auf Deinen Armen sein ... Ach, damals war sie nicht so schwer.« – Fräulein Anna gleicht Dir. O, das bist Du! ... Das ist Dein Bild ... sie hat sogar Deine Nase ... – »Warum nicht gar! mir, der ich ein rundes Gesicht und blutrothe Wangen habe, während Anna ein ovales Gesicht und eine blasse Farbe hat! ... Ich weiß nicht, wo Du Deine Aehnlichkeiten hernimmst ... Das hier ist Cäcilie, die böse Cäcilie! ... sie war als Kind sehr gutwillig. Vorgestern war sie fünfzehn Jahre alt ... Doch Du mußt ihr Alter wissen, denn Du warst bei ihrer Taufe ... Erinnerst Du Dich daran, altes Haus?« – Du meinst, ich sei ... – »Ja, ja, Du hast sogar so viel Zuckerbackwerk dabei gegessen, daß es Dir übel wurde! ... ei, sieh' nur, Girardière, wie das Alles heranwächst! ...«

Girardière hielt die Betrachtungen seines Freundes für sehr unnöthig und fing immer ein neues Gespräch an.

»All' die drei Mädchen sind sehr schön; hast Du noch nicht daran gedacht, sie zu verheirathen?« – O! doch, ich denke wohl manchmal daran! ... aber das ist nicht leicht, wenn man kein Vermögen mitgeben kann ... In der That, es thut mir sehr leid darum, allein ich kann meinen Kindern keines geben, denn ich habe nicht mehr, als was ich gerade zu unserem Lebensunterhalt brauche. Die Eltern, welche sich wegen ihrer Kinder von Allem entblößen, sind thöricht, und bereiten sich für ihr Alter den größten Kummer. Man soll meine Töchter ihrer selbst wegen oder soll sie gar nicht nehmen, damit Punktum! – »Man wird sie nehmen, lieber Lapoucette; es werden sich Männer zeigen, zweifle durchaus nicht daran!« – »Wir wollen uns indeß zu Tische setzen.«

Man setzte Girardière zwischen die Fräulein Laurentia und Anna, die zwei älteren. Die Töchter des Herrn Lapoucette waren gegen den alten Freund ihres Vaters sehr zuvorkommend. Es wurde ihm die größte Freundschaft erwiesen. Der Papa schenkte ihm unaufhörlich zu trinken ein, die Mama wollte beständig seinen Teller füllen, Laurentia reichte ihm Salz, Anna fürchtete, die Tischfüße möchten ihn hindern, und die kleine Cäcilie bot ihm lächelnd Gurken oder Zwiebelchen an.

Selbst die zwei Tanten, deren jede fünfzig Jahre vorüber war, schloßen sorgfältig die Thüren hinter ihm, und fragten ihn, ob er nicht einen Schemel unter seine Füße wolle, ob er denn keine Perrücke trage, nicht vom Luftzug leide?

Girardière wußte nicht, auf wen er zuerst hören sollte, und sagte zu sich: »Die guten Leute! ... welch' artige Familie! ... ich begreife nicht, daß die Alten immer thun, als ob ich Wunder wie alt wäre! die Mädchen haben noch keine Silbe deßhalb geäußert, sie haben zwar kein Heirathsgut, allein sie besitzen Anmuth, Liebenswürdigkeit, Talente und ohne Zweifel auch sonst gute Eigenschaften ... Ferner kenne ich Lapoucette, er ist ein munterer Kopf, der gemächlich lebt ... er will seinen Töchtern nichts geben, aber am Ende werden sie nach seinem Tode immerhin noch Etwas bekommen, das kann ihnen nicht fehlen.«

Girardière vergaß, daß er so alt wie Lapoucette, und daß es folglich sehr ungereimt von ihm war, auf dessen Erbschaft Hoffnungen zu gründen. Allein wie wir am Anfang dieser wahren Geschichte gesagt haben, Theophilus Girardière wollte bloß dreißig Jahre alt sein; er maßte sich immer an, jung zu scheinen, und glaubte am Ende selbst, er sei es noch; er glich hierin jenen Leuten, denen das Lügen so zur andern Natur geworden, daß sie ihre eigenen Lügen für wahr halten.

Die Fräulein Lapoucette waren sämmtlich sehr liebenswürdig und namentlich sehr heiter; die eine zeigte, wenn sie lachte, die schönsten Perlenzähne, die andere hatte Augen voll des anziehendsten Ausdrucks; die dritte endlich hatte eine so liebliche Stimme, daß man gerührt wurde, wenn man sie nur sprechen hörte.

Girardière richtete unaufhörlich seine Blicke von der einen auf die andere dieser drei Mädchen, indem er sich selbst fragte: »Soll ich um die Aeltere bitten? ... aber die Kleine ist so verführerisch ... Fräulein Anna überhäuft mich mit Gefälligkeiten ... Ich komme sehr in Verlegenheit. O, wenn wir in der Türkei wären, ich heirathete sie alle drei! ...« – »Du ißest und trinkst gar nicht,« sagte Herr Lapoucette, verwundert über die Zerstreutheit seines alten Freundes. »Früher ließest Du Dir es besser schmecken ... an was Teufels denkst Du denn? Du siehst an die Decke hinauf ... hast Du Zahnweh?« – »Nein, mein lieber Freund, mir fehlt es nirgends; ich versichere Dich, daß ich sehr viel esse ... Deine Töchter kommen mir so liebenswürdig vor ... daß ich davon ganz entzückt bin.« – Das sollte Dich aber am Essen nicht hindern ... Ah! ehemals warst Du ein so guter Tischgenosse. Erinnerst Du Dich noch, wie wir in den guten Hammelsfüßen mit einander speisten ... das ist heut zu Tage ein sehr schöner Gasthof zur Burgunder Weinlese genannt; damals war es eine einfache Wein- und Speisewirthschaft ... wir gingen Sonntags sehr oft hin ... es ist seitdem fünfundzwanzig Jahre, ich glaube sogar siebenundzwanzig ... – »Warum nicht gar fünfzig ... ich bitte noch um ein wenig Geflügel,« rief Girardière, der sich lieber den Magen verderben, als seinen Freund Geschichten aus ihrer Jugend citiren hören wollte.

Theophilus aß auf's Neue, indem er sagte: »Ausgezeichnetes Geflügel ... köstliches Gethier ... sehr gut gekocht ...«

Aber Lapoucette ließ sich in seinen alten Geschichten nicht irre machen, sondern wiederholte immer: »Es ist sicher wenigstens siebenundzwanzig Jahre, denn ich war noch nicht verheirathet ... es war wohl vorher ...« – »Zu trinken ... wenn ich bitten darf. Willst Du mir gefälligst einschenken!« schrie Girardière, sein Glas hinhaltend, »Dein Wein ist gut ... ja, er ist sehr gut ... ich bin ein Kenner davon!« – »So ist es recht; nun wachst Du auf,« sagte Lapoucette, indem er seinem Freunde das Glas vollfüllte.

Der arme Girardière schluckte, indem er zu sich sagte: »Wenn er fortwährend von dem, was wir früher gethan, spricht, dann bekomme ich gewiß noch eine Magenüberladung.«

Endlich war das Mittagessen vorüber. Man ging in den Salon. Fräulein Laurentia spielte herrlich das Piano, Anna zeigte ihre Zeichnungen, Cäcilie sang mit vielem Geschmack. Girardière war ganz verwundert, entzückt, und kratzte sich an der Stirne, indem er sich frug: »Aber welche soll ich wählen? ... Ach Gott! wenn doch die Vielweiberei nicht verboten wäre! ... Ich muß mich entschließen und zwar ohne zu zögern, denn es könnte bald ein Anderer gerade um diejenige, welche ich gewählt haben würde, freien.«

Theophilus glaubte fest, er dürfe nur wählen. Indessen hätten ihn die Körbe, welche er schon erhielt, weniger vertrauensvoll, weniger eingebildet machen sollen; allein die Erfahrung bessert nicht immer die Menschen; sie sind nur zu oft unverbesserlich.

Naturam expellas furca tamen usque recurret.

(Wenn Du auch die Natur mit der Heugabel vertreibst, sie wird doch immer wieder zurückkehren.)

Nachdem Girardière die Fräulein Lapoucette lange hin und her geprüft und betrachtet hatte, entschied er sich, aber nicht für die ältere, was wenigstens noch das Vernünftigste gewesen wäre; nein, er sagte zu sich: »Cäcilie will ich heirathen, sie ist schwärmerisch.«

Girardière näherte sich seinem alten Freunde und sagte halblaut und mit bewegter Stimme zu ihm: »Ich möchte gerne ... ich fühle einen großen Drang zu ...« – »Mein lieber Freund«, unterbrach ihn Lapoucette, »man wird Dir sogleich ein Licht geben und den Ort zeigen. Ich errathe, was Du suchst.«– »Nein, das meine ich nicht, mein lieber Lapoucette, ich möchte gerne einen Augenblick mit Dir reden ... wir wollen ein wenig in Dein Kabinet gehen, oder in Dein Schlafzimmer, wenn Du kein Kabinet hast, oder in Dein Vorzimmer ...« – Du machst mir Angst, bist Du unwohl ... willst Du ein Glas Zuckerwasser? soll man Dir Thee machen? – »Nein, nein, ich wiederhole es Dir noch einmal, daß ich mit Dir über einen sehr wichtigen Gegenstand zu sprechen wünsche, und daß ich zuerst unter uns davon schwatzen muß.«

Lapoucette, sehr erstaunt, begreift nicht, was sein alter Freund im Geheimen mit ihm zu reden hat, nimmt ein Licht und geht mit ihm in ein anderes Zimmer. Hier sieht er ihn mit einer unruhigen Miene an und sagt: »Nun, was gibt's? will man den Zins auf zwei Procent heruntersetzen?« – Davon ist keine Rede. Vor Allem wünsche ich mit Dir zu sprechen. Höre, mein lieber Lapoucette: seitdem wir uns nicht wieder gesehen haben, hat sich Manches bei mir verändert ... – »Allerdings, ich finde Dich bedeutend verändert. Auch hast Du Plattfüße.« – Still davon. Mach' mir das Vergnügen, mich anzuhören: Du weißt, daß ich lange Zeit etwas unbesonnen, flatterhaft war. Mit einem Wort, das schöne Geschlecht verführte mich zu tausenderlei Thorheiten und Ausschweifungen. – »Dessen erinnere ich mich nicht; 's ist aber auch kein Wunder in der langen Zeit; gleichviel, mach' immer zu!« – Nun, mein Freund, ich bin nicht mehr jener Joconde, jener Faublas, der bloß an's Vergnügen dachte; ich bin gesetzter, vernünftiger geworden, ja, ich bin sogar sehr gesetzt. – »Den Henker auch! in Deinen Jahren darf man sich wohl setzen.« – Sei so gut und höre nun meine Erklärung an. Ich will ohne Umschweife auf den Zweck losgehen, mein lieber Lapoucette. Ich wünsche zu heirathen, indem ich auf die Thorheiten des Hagestolzenlebens verzichte und von nun an mich mit meiner Frau und den Kindern, die mir ohne Zweifel der Himmel schenken wird, beschäftigen will; das muß für einen Mann die höchste Glückseligkeit sein. – »Ah! Du willst heirathen? Meiner Treu, Du thust wohl daran; es ist die höchste Zeit, daß Du daran denkst. Aber ich sehe nicht ein, warum Du ein solches Geheimniß daraus machst, es mir zu sagen.« – Du wirst es sehen, Lapoucette, Du wirst es begreifen. Ich sehe auf kein Vermögen, ich habe schon Mittel, eine Frau zu ernähren! allein ich möchte eine nehmen, die mir gefällt, der ich gefalle und ... – »Die Dir gefällt, das ist möglich, der aber Du gefällst, das wird schwieriger sein, mein alter Freund.« – Lapoucette, willst Du mich anhören? Ich habe meine Wahl getroffen; ich habe so eben die Person, welche mein Leben verschönern soll, gefunden; und ich bitte Dich um die Hand Deiner Tochter Cäcilie, der reizenden Cäcilie!«

Herr Lapoucette reißt die Augen auf und betrachtet seinen Freund, indem er ausruft: »Ah bah! ... sprichst Du im Ernste?« – Im vollen Ernste; gib Dein Jawort und von morgen an werden wir uns mit der Heirath beschäftigen. – »Du willst eine meiner Töchter heirathen, Du Girardière?« – Was ist denn daran so wunderbar? – »Was wunderbar daran ist? Du denkst nicht daran, mein armer Freund! ... Du bist für meine Töchter zu alt!« – Zu alt! Du weißt nicht, was Du sagst. Ich bin in den kräftigsten Jahren. – »Du hast wenigstens fünfzig Jahre auf dem Rücken!« – Das ist nicht wahr, ich bin noch nicht ganz neunundvierzig Jahre alt. – »Und willst ein Mädchen von fünfzehn Jahren zur Frau nehmen ... wählst gerade die jüngste! ... ach! ach! Du bist ein Narr, mein alter Freund, Du bist ein Narr!« – Nun höre, Lapoucette, wenn Du glaubst, die kleine Cäcilie sei noch etwas zu jung, so will ich die zweite heirathen, Fräulein Anna, sie gefällt mir auch sehr. – »Aber Anna ist erst achtzehn Jahre alt! denke doch, in zehn Jahren ist sie immer noch jung, und Du ...«

– Ei, willst Du mir lieber die älteste geben, mir ist's gleichviel, ich nehme die älteste, sie gefällt mir vollkommen! – »Es scheint mir, sie gefallen Dir alle drei ... Ah! ah! der arme Girardière will mein Sohn werden.« – »Ich dachte nicht, daß Du böse werden würdest, mich in Deiner Familie zu sehen,« antwortete Theophilus, den Kopf mit gekränkter Miene in die Höhe richtend.

»Böse, gewiß nicht! ja, wenn Du nur fünfzehn oder zwanzig Jahre jünger wärest ...« – Du willst mich also nicht zum Tochtermann? – »Ach! ich schlage Dir es nicht ab, nur kommt es mir drollig vor, daß Du um eine meiner Töchter anhältst ... o! ich schlage Dir's nicht ab! ich werde mich wohl davor hüten!«

– »Du lieber Lapoucette!«

Girardière nahm seinen Freund an der Hand und drückte sie mit Inbrunst.

»Wenn eine meiner Töchter Dich will, so gebe ich sie Dir gerne zur Frau ... aber sie werden es Dir abschlagen, lieber Alter! ... ah! ah! sie werden Nein! zu Dir sagen.« – Lapoucette, sei so gut und heiße mich nicht lieber Alter, erstens ist dies ein sehr gemeines Wort, zweitens höre ich es nicht gerne. – »Also, nicht lieber Alter, Du glaubst, meine Töchter werden Dich heirathen wollen?« – Ich hoffe es ... sie haben mir so viel Güte erzeigt, so viel Liebenswürdigkeit bewiesen! – »Weil sie in Dir einen alten Freund ihres Vaters sahen; und Du hast ihre Gefälligkeiten, ihre gute Aufnahme, für Gefallsucht, für Koketterie gehalten; Du dachtest, Du habest ihre Eroberung gemacht! ... Ach! mein alt ... allzu verliebter Freund, ich hatte Dich für vernünftiger gehalten. Aber macht nichts, ich will Dich diesen Mädchen als Bewerber um ihre Hand vorstellen, und Deine Angelegenheit wird sogleich entschieden sein.« – Aber gib Dir nicht das Ansehen, als ob Du spaßest; denke, Lapoucette, daß es mir Ernst ist.– »Sei ruhig, ich weiß gewiß, daß meine Töchter über Deinen Vorschlag nicht lachen werden, aber ich sage Dir, ich werde auf ihren Entschluß auf keinerlei Weise einwirken; ich schwöre es Dir sogar.«

Der Familienvater kehrt mit seinem Freunde in den Salon zurück. Die drei Jungfrauen trieben Muthwillen und lachten vor Girardière: die eine wollte ihm singen, die andere schlug ihm vor, eine Galoppade mit ihr zu tanzen; die jüngste verlangte von ihm, daß er sie im Kreis herumdrille. Girardière war vor Freude entzückt. Er betrachtete seinen Freund mit einer Miene, die sagen wollte: »Sieh', wie man mich liebt! wie man mir schmeichelt! Deine Töchter sehen mich anders an als Du, man wird mich sehr gerne heirathen.«

Herr Lapoucette verlangte einen Augenblick Aufmerksamkeit und sprach in einem sehr ernsthaften Ton: »Meine Kinder, Girardière ist nicht bloß aus dem Grunde, um seine alten Freunde wieder zu sehen, in unser Haus zurückgekehrt; er zielt auf etwas Anderes ab ... er beabsichtigt, sich mit unserer Familie inniger zu verbinden ... mit einem Worte, er wünscht zu heirathen und hat mir die Ehre angethan, bei mir um eine meiner Töchter anzuhalten.«

Die drei jungen Mädchen lachten nicht mehr, blickten ihre Eltern mit Erstaunen an, betrachteten sich untereinander, aber Girardière sahen sie nicht mehr an.

Herr Lapoucette schien eine Antwort von seinen Kindern zu erwarten, allein alle bewahrten ein düsteres Stillschweigen; die Anrede ihres Vaters hatte sie erstarren gemacht. Endlich rief nach einigen Augenblicken die jüngste aus: »Ah! das Alles ist zum Lachen ... ich weiß gewiß, daß es ein Scherz ist ... Papa und der Herr waren im andern Zimmer, wo sie ein Complott gemacht haben, um uns zu foppen. Herr Girardière will sich nicht verheirathen ... mit uns schon gar nicht.« – »Mein Fräulein«, sagte Girardière, eine kunstgerechte Stellung annehmend, »ich schwöre Ihnen, daß Ihr Herr Vater die Wahrheit gesprochen hat. Sie sind alle drei gleich liebenswürdig ... und da es schwer für mich wäre, eine Wahl zu treffen, so werde ich diejenige von Ihnen heirathen, welche die Güte haben wird, meine Hand anzunehmen; ich heirathe sie vom Flecke weg.«

»Ah! gut, ich will nichts davon, nie!« schrie die kleine Cäcilie, indem sie den Mund komisch verzog.

Girardière biß sich in die Lippen und ordnete seine Haarlocken zusammen, seine Blicke nach den älteren richtend, während Herr Lapoucette die jüngste fragte: »Aus welchem Grunde, Cäcilie, willst Du meinen Freund Girardière nicht heirathen?«

»Ah! Papa ... weil ich einen Mann, der mein Großvater sein könnte, nicht zum Gemahl will.«

Girardière machte einen Satz auf seinem Sessel und suchte zu lachen, indem er murmelte: »Ah! ah! das Jüngferchen scherzt!«

Herr Lapoucette bot Allem auf, seine Ernsthaftigkeit zu erhalten und erwiderte: »Dein Großvater ... mein Töchterchen ... Du täuschest Dich ... das ist nicht buchstäblich zu nehmen ... mit einem Wort, Du willst Girardière nicht heirathen; nun zu einer andern. Anna gefällt Dir das Ansuchen meines Freundes? Antworte, meine Tochter!«

Fräulein Anna senkt die Augen und antwortet in einem bescheidenen Tone, aber auf ihre Worte Nachdruck legend; »Herr Girardière ist sehr gütig, daß er mich heirathen will ... allein das ist nicht möglich, weil ich für ihn zu jung bin.« – Das ist eine bessere Antwort,« sagte Lapoucette, während Girardière durch diesen zweiten Korb bestürzt, verstohlene Blicke auf die älteste der drei Jungfrauen richtete.

»Nun ist die Reihe an Dir, Laurentia!« fuhr Herr Lapoucette fort, »willst Du die Frau meines Freundes Girardière werden? Sprich offen; wenn er Dir gefällt, so werde ich mit größtem Vergnügen euch verbinden.«

Fräulein Laurentia antwortet in einem sehr trockenen Tone:

»Hört einmal! Ich den Herrn heirathen! Würde der Herr mit mir tanzen, spazieren, auf's Land gehen? Ich muß mich mit meinem Manne belustigen, mit ihm lachen können. Herr Girardière ist wirklich sehr liebenswürdig, allein ich will einen Mann meines Alters ungefähr, sonst bleibe ich lieber ledig.«

»Es thut mir sehr leid, mein lieber Freund,« sagte Lapoucette, indem er Girardière mit gutmüthig lächelnder Miene anschaute, »aber Du bist abgewiesen ... Du siehst, daß die Antworten einstimmig sind. Wenn es Dir indessen durchaus daran liegt, in meine Familie einzutreten, so nehme eine meiner Schwestern ... die jüngste ist zweiundfünfzig Jahre alt, aber sie ist noch sehr gut conservirt.« – »Schönen Dank, ich bin Dir sehr verbunden!« erwiderte Girardière, indem er zu lachen sich bemühte, um seinen Aerger zu verbergen.

»Alles das wird Dich hoffentlich nicht abhalten, uns ferner zu besuchen,« fügte Herr Lapoucette hinzu, seinen Freund bei der Hand nehmend. »Du bist an unserem Tische immer willkommen, und meine Töchter werden Dich stets sehr liebenswürdig finden, wofern Du sie nicht mehr heirathen willst.« – »Ich werde es nicht vergessen,« entgegnete Girardière, nahm schnell seinen Hut, schützte ein Rendezvous vor, und verabschiedete sich von der Familie Lapoucette. Draußen vor dem Haus ließ er seinem Zorn den Lauf und rief aus:

»Du kannst lange warten, bis ich wieder zum Mittagessen komme! ... fünf Jahre lang besuchte ich Dich nicht, es werden aber mehr verfließen, ehe Du mich wiedersiehst ... Schwachköpfige Leute! sie können nichts als lachen und wissen nicht warum ... Seine Töchter sind drei kleine Koketten, nichts Anderes ... Ach! all dies ist nichts im Vergleich zu Fräulein Grandvillain. Welch' ein Unglück, daß ich Azor mißfallen habe!«

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