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Ein Ehestands-Candidat oder Herr Fractin

Charles Paul de Kock: Ein Ehestands-Candidat oder Herr Fractin - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorPaul de Kock
titleEin Ehestands-Candidat oder Herr Fractin
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1862
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081016
projectidc6652102
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Fünftes Kapitel

Zu häßlich

»Diese Geldmenschen sind unausstehlich!« sagte Girardière beim Heraustreten aus Herrn Duhaucourts Hause. »Sie haben ein trockenes Herz, eine schmutzige Seele. Das Glück ihrer Kinder bekümmert sie wenig, sie kennen nur das Gold! Auri sacra fames, sagt Virgil. Ueberdies habe ich mich an den unrechten Ort gewendet, ich wäre in dieser Familie nicht glücklich gewesen, ich, der ich einen einfachen Geschmack und bescheidene Gewohnheiten habe; ich hätte einen großen Aufwand machen müssen! Nein, das brauche ich nicht! Glücklich der, welcher im Schooße seiner Hausgötter ... weiter weiß ich die Stelle nicht ... ich will mich an ein Frauenzimmer mit einem mäßigen Vermögen wenden, die eben so viel oder beinahe so viel hat als ich, das reicht wohl hin. Dieser Herr Duhaucourt würde mir seinen Reichthum verleiden.«

Es verflossen keine acht Tage, als Theophilus Girardière, immer schwarz gekleidet und in den schönsten Handschuhen, bei Frau Belleville seine Aufwartung machte.

Frau Belleville war die Wittwe eines alten Offiziers, der ihr bloß ein bescheidenes Vermögen und eine eben so bescheidene Tochter hinterlassen hatte. Abstammend von sehr reichen Eltern, hatte sich Frau Belleville dem Willen derselben, einen Kapitalisten zu heirathen, entgegengesetzt, um den jungen Offizier, der ihr gefiel, zu heirathen, und wurde deßhalb enterbt; allein die Liebe ihres Gatten ersetzte ihr Alles, und seit seinem Tode, der schon vor mehreren Jahren erfolgt war, beweinte sie ihn unaufhörlich. Frau Belleville war sehr empfindsam; sie verehrte ihre Tochter und wollte sie nur einem Manne, der sie vergöttern würde, geben. Ein sittsames Gefühl und eine vernünftige Liebe durfte man nicht an den Tag legen, um diese zärtliche Mutter zu fesseln, die romantische Liebe allein machte Eindruck auf die extravagante Frau Belleville, welche ihr Leben mit Erzählungen ihrer frühern Liebschaften, mit Weinen und Schnupfen zubrachte.

Girardière wurde in ein kleines Zimmer, dessen düstere Tapezierung Traurigkeit einflößte, eingeführt. Frau Belleville saß in einem Lehnstuhl neben dem Feuer, hielt in der einen Hand eine Tabaksdose, in der andern ein Taschentuch, und hinter ihr lagen zur Vorsicht noch zwei weitere Taschentücher.

Frau Belleville war wenigstens fünfundfünfzig Jahre alt; ihre beständig von Thränen befeuchteten Augen und ihre mit Tabak stets vollgestopfte Nase hatten ihre Gesichtsbildung sehr verdorben, und ihr schwarzgrauer Traueranzug trug nicht wenig dazu bei, ihr das Aussehen einer Wahrsagerin oder Kartenschlägerin zu geben.

Girardière verbeugte sich tief, indem er sehr aufmerksam um sich blickte, ob kein Hund in der Nähe sei, den seine Gegenwart erschrecken könnte, allein er bemerkte keinen und setzte sich auf einen Stuhl, den ihm die Hausfrau, einen tiefen Seufzer ausstoßend, anbot.

»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Girardière, daß Sie mich besuchen,« sagte die Wittwe, ihm die Hand reichend. »Sie kommen wohl, um Ihre Thränen mit den meinigen zu vereinen und mir Blumen auf das Andenken meines Mannes streuen zu helfen. Ach! bald sind es vierzehn Jahre, daß er gestorben ist, dieser theure Freund, jetzt wäre er dreiundsechzig Jahre alt.«

Frau Belleville weinte, schnäuzte sich und schnupfte.

Girardière, ein wenig gerührt über diesen Anfang, blinzelte, um sich das Ansehen zu geben, als sei er von Schmerz ergriffen, und suchte zur Hauptsache selbst zu kommen.

»Frau Belleville! Ihr Schmerz ist gewiß sehr gerechtfertigt! ich theile ihn; doch nach vierzehn Jahren ... Sie haben eine Tochter ... eine sehr schöne, sehr anziehende Tochter!«

»Ich weiß es sehr gut; aber eine Tochter ist kein Gatte, mein Mann war ein Geliebter ... der mich entführt hatte, denn ich wurde entführt, Herr Girardière! ... Mitten in der Nacht, bei einem schrecklichen Wetter haben wir uns auf den Weg gemacht; wir sind zwar gefahren, allein wir haben mitten auf der Straße umgeworfen und er hielt mich fest in seinen Armen; um alles Geld in der Welt hätte er mich nicht losgelassen! So liebte mich dieser Mann!«

Frau Belleville schnupfte, schnäuzte sich und weinte.

Herr Girardière hielt sein Taschentuch an seine Angen ... um seine Brille abzutrocknen, und nahm das Wort: »Frau Belleville, ein sehr wichtiger Beweggrund führt mich zu Ihnen: ich wünsche zu heirathen, ich verzichte auf die Thorheiten des Hagestolzenlebens; von nun an will ich mich nur mit meiner Frau und den Kindern, die mir der Himmel ohne Zweifel schenken wird, beschäftigen, das muß für einen Mann die höchste Glückseligkeit sein, und ich schmeichle mir, daß ...«

»Ah! Sie sind Willens, zu heirathen, Herr Girardière? Sie sind also verliebt, leidenschaftlich verliebt, denn ich kenne keine Heirath ohne Liebe; hiezu bedarf es vieler Liebe!«

»Ich werde sehr verliebt werden, wenn ich das Jawort der Eltern und ihrer Tochter haben werde.«

»Sie werden erst verliebt werden, wenn Sie das Jawort der Eltern haben? Das heißt: Ihr Herz wartet auf die Erlaubniß einer Mutter oder eines Oheims, um sich zu verlieben! Sie sprechen von der Verliebtheit, gerade wie man sagt: Sobald ich meinen Spaziergang gemacht habe, werde ich zu Mittag speisen; oder ich werde mich heute Abend im Theater gut unterhalten, wenn der und der Schauspieler auftritt. Ach! pfui, pfui! ... Sie haben keinen Begriff von Liebe, Sie entheiligen dieses Wort! Ach, mein Mann war verliebt! Er wäre zu Allem fähig gewesen, wenn ich ihm Gegenliebe verweigert hätte! Das Schwert, Feuer, Gift, Alles hätte er zu Hülfe genommen. So laß ich mir's gefallen, das heiße ich lieben; wenn ich je meine Tochter verheirathe, so muß man sie auf diese Art lieben, oder man wird sie nicht bekommen; das ist mein letztes Wort.«

Girardière sah ein, daß er in einem andern Tone sprechen müsse, um sich angenehm zu machen; er stieß nun solche Seufzer aus, daß die Asche vom Kamin im Zimmer herumflog, und zerraufte seine Haare, um sich ein Theilnahme erregendes Aussehen zu geben; endlich schlug er sich mit krampfhafter Miene vor die Stirne. Alles dies interessirte die Wittwe, die ihm mit den Worten ihre Dose darbot: »Nun, lieber Freund, ich habe mich vielleicht getäuscht, oder Sie haben sich schlecht ausgedrückt. Ihre Gemüthsbewegung, Ihre Seufzer ziehen mich an; erzählen Sie mir Ihre Leiden; in wen sind Sie verliebt, mein theurer Girardière?« – In Ihr Fräulein Tochter, um welche ich anhalte ... die ich vergöttere! – »In meine Tochter! ... Wie, Sie sind in meine Cöline verliebt? ...« – Leidenschaftlich! – »Leidenschaftlich, das ist sehr gut ... und wenn ich sie Ihnen verweigere ...« – Dann sterbe ich vor Kummer! – »Vor Kummer ... hm! mein lieber Freund, das Sterben vor Kummer geht manchmal sehr langsam ... Es gibt Personen, die es mit ihrem Kummer über achtzig Jahre treiben. Ich möchte Ihnen lieber einen raschern Tod wünschen ...« – Ich aber wünsche mir noch gar keinen Tod, sondern ziehe die Heirath mit Ihrer Tochter vor. – »Ich begreife es; allein sie bekommt nur ein kleines Heirathsgut.« – Das ist mir einerlei ... bloß sie will ich ... – »Das ist sehr gut gesagt ... Sie erinnern mich an meinen Mann ... jenen zärtlichen Freund! ... Er wünschte auch bloß eine Hütte und mein Herz! ... und Rostbraten zum Mittagessen ... Er hielt sehr viel auf Rostbraten! ... Theilt auch meine Cöline Ihre Liebe?« – Ich habe noch nicht gewagt, ihr meine Liebe zu erklären; in meinen Augen allein dürfte sie das Geheimniß meines Herzens lesen. – »In Ihren Augen allein? ... das ist sehr abenteuerlich ... Sie sind schüchtern, mein Theuerster, allein ich tadle Sie deßhalb nicht, das ist in unsern Tagen eine seltene Eigenschaft! Uebrigens ein tiefes Gefühl kann sehr schüchtern oder sehr keck machen: die beiden Extreme berühren sich. Mein lieber seliger Mann war sehr keck, o! o! o! was war das für ein Gatte!« – Wenn ich Ihrer Fräulein Tochter gefiele? – »O! dann gebe ich sie Ihnen zur Frau ... Ich kenne die Liebesqualen zu gut, als daß ich sie nicht mitempfände. Ich will Cöline kommen lassen; ich werde den Eindruck, den Ihr Aeußeres auf sie hervorbringen wird, beobachten und sie darum befragen; sie ist die Unschuld selbst, ich werde leicht in ihrem Herzen lesen.«

Frau Belleville läßt ihrer Tochter sagen, sie möge zu ihr kommen. Girardière wirft einen Blick in den Spiegel, macht seine Halsbinde zurecht, ordnet seine Haare, reibt sich die Wangen, daß sie Farbe bekommen, und erwartet mit Ungeduld die Ankunft von Fräulein Cöline.

Das junge Mädchen tritt in das Zimmer ihrer Mutter, indem sie an einem Gerstenzuckerstängelchen lutscht. Fräulein Cöline hatte nichts Romantisches in ihrem Benehmen und Aeußern; lachend grüßt sie Herrn Girardière, zerbricht ihr Zuckerstängelchen und gibt die Hälfte ihrer Mutter mit den Worten: »Es ist sehr gut ... es ist Citronensaft dabei ... Helene hat es mir gegeben; ich glaube, es ist von Rouen.«

Frau Belleville schlägt den Gerstenzucker aus und sagt ganz leise zu Theophilus: »Sie haben keinen Eindruck auf sie gemacht.«

»Thut nichts, wollen Sie gefälligst mit ihr einige Worte wegen meiner reden.«

Frau Belleville winkt ihrer Tochter und spricht ihr in's Ohr. Fräulein Cöline dreht sich darauf um, Girardière zu betrachten, bricht in ein Gelächter aus und springt schnell aus dem Zimmer, nachdem sie einige Worte zu ihrer Mutter gesagt hat, welche sie vergebens zurückhalten will.

Der Ehestands-Candidat weiß nicht, was er von dem plötzlichen Verschwinden des jungen Mädchens denken soll; er nähert sich ihrer Mutter und sagt zu ihr: »Nun, Frau Belleville?«

Frau Belleville greift, bevor sie antwortet, in ihre Tasche, zieht ein doppeltes Perspectiv heraus, womit sie aufmerksam Girardière betrachtet, und murmelt zwischen ihren Zähnen: »Es ist wahr ... Cöline hat Recht ... wenn ich Sie mit meinem Perspectiv bälder betrachtet hätte, so würde ich für meine Tochter geantwortet haben ... ich habe seit einiger Zeit so viele Thränen vergossen, daß mein Gesicht äußerst geschwächt ist; ich sehe kaum ohne Perspectiv ... ich hielt Sie für viel schöner! ja, ich hielt Sie sogar für sehr schön ... o! mein Gesicht nimmt alle Tage mehr ab! ich merke es heute wieder.«

»Was soll das heißen?«

»Das will so viel heißen, daß meine Tochter Sie nicht heirathet, weil Sie ihr zu häßlich sind! und sie hat in der That Recht ... Sie können einem jungen Mädchen unmöglich Liebe einflößen! Wenn ich bei Ihrer Ankunft mein Perspectiv genommen hätte, so hätte ich Ihnen dieses sogleich gesagt. Glauben Sie mir, Herr Girardière, verzichten Sie auf die Hoffnung, eine Partie aus Liebe zu treffen ... heirathen Sie aus Convenienz ... allein denken Sie nicht mehr an meine Tochter! ...«

Girardière hatte das Ende dieses Gesprächs nicht mehr ruhig angehört, er stand auf, ging im Zimmer auf und ab, nahm seinen Hut und erwiderte, indem er zu lachen sich bemühte: »Meiner Treu, wenn Ihr Fräulein Tochter mich zu häßlich findet, so wollen Sie gefälligst glauben, daß mich das wenig kümmert; übrigens war ich nie in sie verliebt und ich werde ohne Mühe Frauenzimmer treffen, die mir mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen und mich besser zu schätzen wissen.«

Darauf entfernte sich Girardière, indem er zu sich selbst sagte: »Die Tochter ist eben so dumm wie die Mutter ... und der Teufel mag wissen, wo die ihr schlechtes Perspektiv her hat!«

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