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Ein Ehestands-Candidat oder Herr Fractin

Charles Paul de Kock: Ein Ehestands-Candidat oder Herr Fractin - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorPaul de Kock
titleEin Ehestands-Candidat oder Herr Fractin
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1862
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081016
projectidc6652102
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Zweites Kapitel

Ein Ehestands-Candidat

Nun trat Theophilus Girardière mit neuem Vertrauen in der Welt auf, schielte mit einer viel wichtigeren Miene nach den jungen Frauenzimmern und richtete, während er die Damen, welche schon versehen waren, nicht berücksichtigte, schmachtende Blicke und zärtliche Seufzer nach denen, die noch frei waren.

Bald verbreitete sich die Neuigkeit (denn damit geht es schnell, weil Jedermann sich mit Heirathsaffairen abgibt): Herr Girardière sucht eine Frau, Herr Girardière will heirathen.

Davon unterhielt man sich in seiner Gegenwart ganz leise, in seiner Abwesenheit sehr laut.

In der That veränderte diese Neuigkeit das Betragen vieler Personen gegenüber von ihm. Die jungen Mädchen wurden auf ihn aufmerksam, was früher nicht der Fall war; sie betrachteten ihn von unten bis oben, flüsterten sich in's Ohr, wenn er in einen Salon eintrat, allein diese Musterung fiel für Herrn Girardière nie günstig aus.

Alle jungen Mädchen sagten: »So, das ist der Herr, welcher heirathen will.«

»Ich möchte ihn nicht« – ich auch nicht.«

»Er ist alt, häßlich, sieht dumm aus!«

Die eine oder die andere setzte noch hinzu: »Ah! wenn er übrigens sehr reich wäre?«

»Er ist aber nicht sehr reich!«

»Er hat schon erklärt, er verehre seiner Frau keinen Caschemirshawl ... also auch kein Gefährt, keine Diamanten!«

»Das versteht sich von selbst. Er würde nicht einmal erlauben, daß man ausgeht, manchmal Bälle besucht, aus Furcht, Geld ausgeben zu müssen.«

»Wenn er seine Frau in's Theater führt, wird er mit ihr auf die zweite Gallerie gehen! Ach, wie galant wäre dieses!«

Alle die jungen Mädchen lachten: aber da sie bemerkten, daß sie ihre Mütter mit ernsthaften Augen anschauten, bissen sie sich in die Lippen und schnitten Gesichter, um ihren Spott und Hohn zu verbergen und zurückzuhalten.

Girardière, nicht ahnend, daß man auf seine Kosten lachen könne, näherte sich der Gesellschaft junger Mädchen, lächelte, wackelte hin und her, und drehte die Augen unter seiner Brille nach allen Seiten. Er stützte sich auf die Lehne eines Sessels und sagte, indem er seine Worte, aus Furcht, man verstehe ihn nicht recht, lange dehnte: »Nun, meine Fräulein ... Sie ... thun nichts?«

Fräulein Astasie, eine der entschlossensten der kleinen Gesellschaft, antwortete, sich in die Lippen beißend: »Was wollen Sie, daß wir thun sollen?«

Girardière schien über diese Antwort sehr verwundert, besann sich ein wenig und fuhr dann fort: »O! ich will durchaus nichts! Ich dachte nur, Sie könnten Langeweile bekommen, wenn Sie nichts thun.«

»Wir langweilen uns nie, nicht wahr, meine Damen?«

»Gewiß! es gibt in einem Salon immer so Vielerlei zu betrachten; so viele Beobachtungen zu machen.«

»Ah! Sie stellen Beobachtungen an, Fräulein! ... Wahrhaftig! das ist nicht Jedermann gegeben, das erfordert einen gewissen Takt, eine gewisse Tiefe des Verstandes.«

»Und die fehlt uns nach Ihrer Ansicht?«

»Das will ich durchaus nicht damit gesagt haben. Glauben Sie nur, daß ich im Gegentheil geneigt bin, überhaupt zu denken, daß ...«

»Ich glaube, der Herr weiß selbst nicht, was er ... von uns denkt!« sagte eine kleine Brünette, höhnisch lächelnd.

»Die Fräulein sind voll Geist!« rief Girardière aus, indem er sich zu einem jungen Herrn, der neben ihm stand, wandte.

Der junge Herr entfernte sich zornig, ohne ihn anzuhören, da er in ein Fräulein der Gesellschaft, von dem er fürchtete, Girardière möchte es gerne heirathen, sehr verliebt war.

»Wir wollen ein kleines Spiel machen,« sagte ein Fräulein, worauf die lebhafte Astasie erwidert: »Ach ja, wir wollen etwas spielen.«

Mit leiser Stimme setzte sie hinzu: »Wenn dieser Herr mit uns spielt, so wollen wir uns über ihn lustig machen, ohne daß er es merkt.«

Was die jungen Frauenzimmer vorausgesehen hatten, geschah in Wirklichkeit. Girardière dachte bei sich: »Da habe ich nun eine herrliche Gelegenheit, zu plaudern und mit diesen Fräulein nähere Bekanntschaft zu machen. Bei den sogenannten unschuldigen Spielen lacht man, scherzt man, und erlaubt sich tausend Kleinigkeiten, die den Charakter entschleiern.« Endlich rief Theophilus laut aus: »Wenn Sie es gütigst erlauben, werde ich auch mitspielen. Ich verstehe mich sehr gut auf: »›die Taube fliegt und die verbrannte Hand‹«, auch kenne ich sehr artige Strafen.«

»Gut! Kommen Sie nur zu unserem Spiel; wir freuen uns schon darauf.«

Die jungen Mädchen vergrößerten ihren Kreis, um diesem Herrn, der die unschuldigen Spiele mitmachen wollte, Platz zu machen. Indessen war Girardière nicht der einzige Herr, der in den kleinen Kreis zugelassen wurde; es waren noch mehrere anwesend, die wenigstens von Alters wegen dazu gehörten, denn sie waren noch nicht fünfundzwanzig Jahre alt. Unser alter Junggeselle betrachtete sie und konnte sich nicht verhehlen, daß hinsichtlich des Alters der Vortheil bei weitem auf ihrer Seite war, und daß zwischen jenen Herrn und den Fräulein eine größere Gleichheit stattfand; allein er sagte sich: »Alle diese jungen Herren denken nicht an das Heirathen, und die Liebenswürdigkeit gleicht das Alter aus, deßwegen werde ich vor ihnen bevorzugt werden.«

»Was wollen wir spielen?« so fragt man jedes Mal einander, ehe man die Pfänderspiele beginnt.

Jedes schlägt ein Spiel vor; Girardière ist für »die Taube fliegt« oder »Berlingue und Chiquette«, und verlangt, man solle den Finger zur Abstimmung aufheben; allein die Jüngern haben ein anderes Spiel vor: sie wollen Jemand auf das Lasterstühlchen setzen; die lebhafte Astasie setzt sich zuerst darauf, dann eine hübsche Blondine, später ein Mädchen mit kranker, blasser Gesichtsfarbe und melancholischem Auge. Zu jedem dieser Fräulein sagte Girardière sehr hörbar: »Das Fräulein sitzt auf dem Lasterstühlchen, weil es voll Anmuth ist!« so daß ein junger Herr es nicht über's Herz bringen konnte, auszurufen: »Es scheint, der Herr gleicht Herrn Beaufils: er bleibt immer bei seinem Satz.«

Girardière, der dieses Stück im Odeon noch nicht hatte spielen sehen, wollte sich über die Bemerkung des jungen Herrn aufhalten; allein in diesem Augenblick meldete man ihm, die Reihe sei nun an ihm, auf das Lasterstühlchen zu sitzen, was er freudig annahm.

Was werden sie über mich sagen? dachte Girardière, auf dem Stühlchen sitzend, während Fräulein Astasie unter vielem Lachen die Kritiken über ihn, die sie ihm mittheilen sollte, sammelte.

Um seine Richter günstig zu stimmen, fuhr Girardière, nachdem er sich mit seiner linken Hand versichert, daß seine hintern Locken gut nach dem Vordertheile seines Kopfes gestrichen waren, mit der rechten Hand über den Scheitel und richtete der Reihe nach auf jedes Fräulein verliebte Blicke, die er längere Zeit auf den schönsten ruhen ließ.

Er sagte zu sich selbst: »Nur die Wahl setzt mich in Verlegenheit, die Eltern möchten so gerne ihre Töchter verheirathen; ich weiß gewiß, daß ich mich nur erklären darf, und diese Kleinen da werden die Arme nach mir ausstrecken. O! sie werden mich gut aufnehmen, ohne sich lange zu besinnen, sie sehnen sich so sehr darnach, Madame zu heißen und ein Bouquet von Orangenblüthe zu tragen! ich bin überzeugt, sie werden mir artige Dinge sagen, damit ich zu ihren Gunsten gut gestimmt werde.«

In diesem Augenblicke war Fräulein Astasie mit dem Sammeln der Stimmen fertig geworden. Sie näherte sich Theophilus Girardière und sagte mit sehr lauter Stimme und sehr deutlicher Aussprache zu ihm:

»Herr ... Sie sitzen auf dem Stühlchen, weil Sie eine große Nase haben!«

»Sie sitzen auf dem Stühlchen, weil Sie einen Kahlkopf haben!«

»Sie sitzen auf dem Stühlchen, weil Sie große Ohren haben!«

»Sie sitzen auf dem Stühlchen, weil Sie wie ein chinesischer Affe aussehen!«

»Sie sitzen auf dem Stühlchen, weil Sie einer Perrücke bedürfen!«

»Sie sitzen auf dem Stühlchen, weil Sie nicht schön sind!«

»Endlich, Sie sitzen auf dem Stühlchen, weil Sie alt sind ... weiter weiß ich nichts ...«

Ein Maler, der Girardière abgezeichnet hätte, während das junge Fräulein sprach, hätte sehr sonderbare Grimassen bemerkt; der arme Teufel zwang sich zum Lachen, allein bei jedem neuen Satz verzog sich sein Gesicht, zuckte seine Nase, faltete sich seine Stirne, kurz alle Bewegungen der Nerven, die er spürte und verbergen wollte, verwandelten das Lächeln, welches er zu heucheln suchte, in Aerger.

Eines der Fräulein hatte Mitleiden mit ihm und sagte: »Sie wissen, daß man sich bei diesem Spiel Alles erlaubt ... und da es bekanntlich nur zum Lachen ist, so darf man sich nie erzürnen.«

»Sie werden auch wohl sehen, meine Damen, daß ich weit entfernt bin, mich zu erzürnen, im Gegentheil ... all dies ist sehr lustig, sehr geistreich!«

»Rathen Sie nun!«

»O nein! ich kann nicht rathen, ich verwechsle Alles.«

»Soll ich es Ihnen noch einmal wiederholen?« rief die lebhafte Astasie vortretend aus.

»Nein, Fräulein, ich danke Ihnen, es ist nicht nöthig, ich verstehe mich gar nicht auf dieses Spiel.«

Girardière fand nun die unschuldigen Spiele nicht mehr so hübsch. Indeß wurde das Pfänderspiel »in Versuchung führen«, vorgeschlagen, nun dachte er: »dabei wird man sich küssen, das ist viel unterhaltender als das Lasterstühlchen; habe ich mich bei dem einen Spiel gelangweilt, so muß ich auch das Vergnügen des andern genießen.«

Bald befahl man in der That den Klosterpförtner, den Nonnenkuß, die Reise nach der Liebesinsel, den heimlichen Kuß und andere derartige Strafen. Ein Herr, der nicht mitspielte und, in einer Ecke des Salons ruhig sitzend, sich mit dem Zuschauen begnügte, konnte sich nicht enthalten, seinem Nachbar zu bemerken: »Wenn ich je eine Tochter bekomme, so darf sie, sobald sie zehn Jahre vorüber sein wird, die Pfänderspiele nicht mehr mitmachen.« – Warum? – »Weil ich nichts Unanständigeres, Unschicklicheres, Gefährlicheres für wohlerzogene Mädchen finde, als dieses Küssen, dies vertrauliche Wesen und Verstecken mit jungen Leuten in dunklen Zimmern oder hinter den Vorhängen, und was ich gar nicht begreifen kann, ist, daß die meisten Eltern dieser jungen Leute sie nicht in die Schauspiele führen wollen, aus Furcht, sie könnten dort zu leichtfertige Worte hören und zu ausgelassene Gegenstände aufführen sehen. Arme Eltern! wie thöricht ist eure Vorsicht! wie falsch denkt ihr von jenen jungen Herzen und wie unrichtig leset ihr darin! Wenn eure Tochter oder Nichte gelacht hat, so meinet ihr, sie werde Nachts davon träumen, oder gar am andern Tag noch daran denken? Nein, das Lachen ist ein Glück, ein Vergnügen des Augenblicks, welches keine gefährlichen Folgen hat; das Lachen ist nicht strafbar, denn es ist nicht verborgen. Man verliebt sich nicht durch Lachen; man seufzt nicht, wenn man ein lustiges Wort vernommen hat. Aber jenes Händedrücken, jene Worte, die man sich in's Ohr sagt, jene Küsse, die man sich in Schlupfwinkeln gibt, jene Halbgeständnisse, die man hinter einem Vorhange erhält; ach! daran denken, davon träumen die jungen Mädchen, das sollte man vermeiden, ja das ist viel gefährlicher als ein Vaudeville, selbst als solche, worin die Déjazet so gut spielt!«

Dieser Herr sprach noch, während Girardière lange schon an der Thüre eines Zimmers stand: man hatte ihn zum Klosterpförtner verurtheilt; er sah Jedermann in das Zimmer eintreten, Alle sich küssen und er mußte immer stehen bleiben; dies Küssen zog sich unendlich in die Länge und wurde für ihn eben so peinlich als das Lasterstühlchen.

Endlich wurde eine gutmüthige Frau von der Gesellschaft, die Mutter eines der jungen Mädchen, über die Lage dieses Herrn, der an einer Thüre Schildwache stand, gerührt, trat mit festem Schritte ohne Umstände in das Zimmer, und ging darauf halbwegs wieder zurück mit den Worten: »Ich rufe dem Pförtner!«

Girardière drehte sich um und küßte diese Dame mit Inbrunst, entfernte sich hierauf aus dem Kreise der jungen Leute und kehrte zu einer vernünftigeren Gesellschaft zurück. Er hatte an den unschuldigen Spielen genug.

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