Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernest William Hornung >

Ein Dieb in der Nacht

Ernest William Hornung: Ein Dieb in der Nacht - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleEin Dieb in der Nacht
publisherVerlag von J. Engelhorn
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150218
projectidb06435f9
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel. Schlußwort.

Die letzte aller von Raffles handelnden Geschichten entstammt einer frischeren und zarteren Feder als die meinige. Genau so, wie sie zu mir gelangt ist, gebe ich sie wieder, und zwar in der Form eines Briefes, der für mich mehr bedeutete, als für irgend sonst einen Leser. Aber auch solchen mag er von Wert sein, für die diese matten Bilder einen kleinen Teil jenes Zaubers bergen, den der lebendige Mensch auf mich ausübte. Damit solche Leute nun noch ein bißchen besser von ihm denken (und nicht einen einzigen Gedanken mehr an mich verschwenden), ist mir erlaubt worden, noch eine allerletzte Geschichte über meinen und meiner Leser Helden hinzuzufügen.

Der Brief war der erste Balsam auf meine Wunde nach einer zufälligen Begegnung und einer schlaflosen Nacht. Außer der Unterschrift werde ich ihn Wort für Wort veröffentlichen.

»Lieber Harry!

Sie haben sich vielleicht gewundert, daß ich gestern abend bei unserm seltsamen Zusammentreffen kaum einige Worte für Sie zu finden vermochte. Ich hatte aber nicht die Absicht, unfreundlich zu sein, sondern war nur betrübt und alteriert darüber, Sie so schwer verletzt und mit lahmem Bein wiederzusehen. Nachdem Sie mir dann aber auf meine Bitte gesagt hatten, wie es gekommen war, konnte ich mich nicht mehr darüber grämen. Denn ich achte und beneide jeden Mann, dessen Name in diesen entsetzlichen Verlustlisten verzeichnet steht, die alle Tage unsre Zeitungen füllen.

Von Mr. Raffels' Schicksal wußte ich, nicht aber von dem Ihrigen, und doch sehnte ich mich so sehr danach, Ihnen etwas über ihn anzuvertrauen, etwas, das ich Ihnen nicht in wenigen Minuten auf der Straße sagen konnte, ja, überhaupt nicht mündlich. Deshalb bat ich um Ihre Adresse.

Sie meinten gestern, ich redete von Mr. Raffles, als hätte ich ihn persönlich gekannt. Natürlich habe ich ihn häufig Kricket spielen sehen, und auch durch Sie von ihm gehört. Aber gesprochen habe ich ihn nur einmal an dem Abend, der auf unser letztes Zusammensein folgte. Stets war ich der Ansicht gewesen, daß Sie von meinem Gespräche mit Mr. Raffles wüßten. Gestern aber merkte ich, daß Sie keine Ahnung davon hatten. Und so habe ich mich denn entschlossen, Ihnen alles darüber zu sagen.

An jenem Abend – ich meine den darauffolgenden – gingen alle nach verschiedenen Richtungen hin aus, während ich allein in Palace Gardens zurückblieb. Ich war nach dem Diner in den Salon hinaufgegangen und wollte eben die Lichter aufdrehen, als plötzlich Mr. Raffles vom Balkon her hereinkam. Sofort erkannte ich ihn, weil ich ihn zufällig am Tage zuvor seine hundert ›Runs‹ auf den Lords Grounds hatte machen sehen. Er stellte sich überrascht, daß niemand mir seine Anwesenheit gemeldet habe, allein die ganze Sache war so überraschend für mich, daß ich daran kaum dachte. Ich muß aber gestehen, eine sehr angenehme Überraschung war es nicht. Ein instinktives Gefühl sagte mir, er sei in Ihrem Auftrag gekommen, und ich verhehle nicht, daß mich das im ersten Augenblick wirklich höchst ärgerlich machte. Dann aber versicherte er mir in einem Atemzug, daß Sie nichts von seinem Kommen wüßten, daß Sie es ihm niemals erlaubt haben würden, hierherzukommen, daß er es aber als Ihr intimer Freund und als einer, der gerne auch der meinige sein möchte, gewagt habe. Ich antwortete ihm, daß ich Ihnen jedes Wort wieder sagen würde.

Nun, und dann schauten wir uns eine Zeitlang an, und noch nie in meinem Leben war ich mehr von der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit eines Menschen überzeugt. Er war an jenem Abend aber auch wirklich ehrlich und aufrichtig gegen mich, ebenso wie er Ihnen gegenüber als treuer Freund handelte, er mag nun vorher oder nachher gewesen sein wie er will. So fragte ich ihn denn, warum er gekommen und was geschehen sei. Er antwortete, es handle sich nicht darum, was geschehen sei, sondern was demnächst geschehen könne. So fragte ich ihn denn, ob er dabei an Sie denke, worauf er nickte und mir erwiderte, ich wisse recht wohl, was Sie verbrochen hätten. Nun aber fing ich an, mich zu fragen, ob Mr. Raffles überhaupt selbst etwas von der Sache wisse, und ich versuchte, aus ihm herauszubringen, was Sie denn eigentlich verbrochen hätten, worauf er sagte, ich wisse ebensogut wie er, daß Sie einer der beiden Männer seien, die am Abend vorher bei uns eingebrochen hatten.

Es verstrich einige Zeit, ehe ich antwortete. Seine Art und Weise verblüffte mich förmlich. Endlich fragte ich ihn, woher er das denn erfahren habe, und noch jetzt klingt seine Antwort mir in den Ohren.

›Weil ich selbst der andre Mann war,‹ sagte er ganz ruhig, ›weil ich ihn mit verbundenen Augen in die ganze Geschichte hineinriß und jetzt lieber die Zeche allein bezahlen als ihn darunter leiden sehen möchte.‹

Dies waren seine Worte, zugleich aber bekräftigte er ihre Bedeutung dadurch, daß er zur Klingel hinüberging und den Finger auf den Knopf drückend bereit war, jeglichen von mir gewünschten Beistand oder Schutz herbeizuklingeln. Natürlich verbot ich ihm, überhaupt zu klingeln, ja, ich weigerte mich zuerst sogar tatsächlich, ihm zu glauben. Da führte er mich hinaus auf den Balkon und zeigte mir genau, wie er herauf- und hereingekommen war. Gleich die darauffolgende Nacht hatte er zum zweiten Male eingebrochen, einzig und allein um mir zu sagen, daß er Sie unter falschen Vorspiegelungen mit hierhergebracht habe. Aber noch viel mehr mußte er mir beichten, ehe ich ihm ganz glauben konnte, und als er mich verließ (auf demselben Wege, den er gekommen war), war ich die einzige Frau auf der Welt, die wußte, daß A. J. Raffles, der berühmte Kricketer und der nicht minder berühmte sogenannte ›Einbrecher aus Passion‹, ein und dieselbe Person waren.

Er hatte mir sein Geheimnis anvertraut, sich ganz meiner Gnade und Ungnade anheimgegeben und seine Freiheit, wenn nicht gar sein Leben in meine Hände gelegt, und das alles um Ihretwillen, Harry, um Sie in meinen Augen auf seine eigenen Kosten zu rechtfertigen. Und gestern merkte ich nun, daß Sie absolut nichts davon wußten; daß Ihr Freund gestorben war, ohne Ihnen diesen Akt echter und doch vergeblicher Selbstaufopferung eingestanden zu haben. Nun, ich kann nur sagen, Harry, daß ich Ihre Freundschaft und die entsetzlichen Konsequenzen, wozu sie geführt hat, begreife. Wer würde wohl an Ihrer Stelle für einen solchen Freund nicht ebensoviel getan haben? Jedenfalls habe ich es seit jener Nacht verstehen können.

Schlicht und freimütig sprach er mit mir über sein Leben. Es war mir damals ganz wunderbar, daß er in solcher Weise mit mir davon sprechen konnte, und noch viel wunderbarer, daß ich neben ihm sitzen und ihm zuhören konnte, so wie ich es tat. Seither aber habe ich viel darüber nachgedacht und längst aufgehört, mich über mich selbst zu wundern. Es ging einfach eine magnetische Kraft von Raffles aus, der weder Sie noch ich zu widerstehen vermochten. Er hatte die Macht der Persönlichkeit, die ganz etwas andres ist, als die Macht eines starken Willens. Tritt einem aber beides vereinigt entgegen, so verliert ein gewöhnlicher Sterblicher – gleichviel ob Mann oder Frau – den Boden unter den Füßen. Sie dürfen sich ja nicht einbilden, daß kein andrer sich ihm so hätte unterordnen, ihm so hätte folgen können, wie Sie es taten. Als er mir sagte, daß alles nur ein gewisser Sport für ihn sei, und zwar der einzige ihm bekannte Sport, der stets aufregend und stets voller Gefahren sei, fühlte ich in meinem tiefsten Herzensgrund, daß dieser Sport selbst mich reizen könnte. Nicht daß Mr. Raffles mich mit geistreichen Sophistereien oder perversen Paradoxen traktiert hätte. Es war einfach sein natürliches, faszinierendes Wesen, sein Humor, vermischt mit einem Anflug von Schwermut, der an etwas appellierte, das tiefer wurzelt als Vernunft und Rechtsgefühl. Zauber ist wohl das richtige Wort. Und doch lag noch viel mehr als das in Mr. Raffles' Persönlichkeit. Abgründe waren es, die andre Abgründe erschlossen, und Sie werden mich nicht mißverstehen, wenn ich sage, daß ich das Gefühl hatte, als rühre es ihn, einer Frau zu begegnen, die ihn so wie ich und unter solchen Umständen anhörte. Ich weiß aber auch, daß mir ein derartig verbrachtes Leben ans innerste Herz griff, und daß ich ihn plötzlich anflehte, es aufzugeben. Zu Füßen bin ich ihm wohl nicht gefallen, aber ich fürchte, ich fing an zu weinen, und das war das Ende. Er tat, als merke er nichts, und dann erkältete er plötzlich alle meine Gefühle durch eine Frivolität, die damals wie ein schauerlicher Mißton klang, die mir aber seither näher gegangen ist als alles übrige. Ich erinnere mich, daß ich ihm am Schluß gerne die Hand gedrückt hätte. Aber Mr. Raffles schüttelte den Kopf, und einen Augenblick lang war sein Gesicht ebenso traurig, als es die ganze Zeit über heiter und zuversichtlich gewesen war. Dann verschwand er, wie er gekommen war, auf seine eigene ungewöhnliche Weise, und nicht eine Seele im Hause wußte, daß er hier gewesen war. Und selbst Ihnen wurde es niemals eingestanden!

Ich hatte nicht beabsichtigt, Ihnen so ausführlich über Ihren eigenen Freund, den Sie doch so viel besser kannten, zu schreiben. Allein Sie sehen jetzt, daß selbst Sie nicht wußten, auf welch edelmütige Weise er das Unrecht, das er Ihnen angetan hatte, wieder gut zu machen suchte. Und nun weiß ich, glaube ich auch, warum er es für sich behielt. Es ist entsetzlich spät – oder früh – fast die ganze Nacht hindurch habe ich geschrieben, und so will ich mich jetzt so kurz als möglich fassen. Ich hatte Mr. Raffles damals versprochen, Ihnen zu schreiben, Harry, und ein Zusammentreffen mit Ihnen zu ermöglichen. Und ich hatte Ihnen auch geschrieben und eine Unterredung mit Ihnen beabsichtigt, aber niemals eine Antwort erhalten. Es waren allerdings nur ein paar Worte, und jetzt weiß ich, daß Sie sie niemals erhalten haben. Ihnen mehr zu schreiben, konnte ich nicht über mich gewinnen, und selbst diese wenigen Worte hatte ich nur in eines der Bücher gesteckt, die Sie mir geschenkt. Jahrelang nachher müssen diese Bücher, in denen mein Name stand, in Ihrer Wohnung gefunden worden sein. Jedenfalls hat irgend jemand sie mir zurückgeschickt. Sie aber hatten die Bücher offenbar niemals geöffnet, denn mein Briefchen lag noch an der Stelle, wo ich es hineingeschoben hatte. Natürlich hatten Sie es gar nicht gesehen, und das war meine Schuld. Aber es war nun zu spät, um ein zweites Mal zu schreiben. Von Mr. Raffles hieß es, er sei ertrunken, und Sie – alles war über Sie beide bekannt geworden. Ich aber hielt nach wie vor an meiner eignen selbständigen Ansicht fest. Bis auf den heutigen Tag weiß außer mir kein Mensch, daß Sie einer der beiden in Palace Gardens waren, und ich fühle mich noch immer ein wenig verantwortlich für fast alles, was seither geschehen ist.

Sie sagten gestern, daß Ihre Beteiligung am Kriege und Ihre Verwundung nichts von dem, was vorangegangen war, auszuwischen vermöge. Hoffentlich steigern Sie sich nicht in eine krankhafte Auffassung der Vergangenheit hinein. Mir kommt es ja nicht zu, sie zu verzeihen, aber ich weiß, daß Mr. Raffles durch seine Passion für Gefahren und Abenteuer zu dem wurde, was er war, und daß Sie durch Ihre Passion für Mr. Raffles zu dem wurden, was Sie waren. Aber selbst zugegeben, daß dies alles so schlimm war, als es nur sein konnte, so darf man doch auch nicht vergessen, daß er nun tot ist und Sie Ihre Strafe bekommen haben. Die Welt verzeiht, wenn sie auch vielleicht nicht vergißt. Sie sind noch jung genug, um alles wieder gut machen zu können. Ihr Anteil am Kriege wird Ihnen in mehr als einer Hinsicht von Nutzen sein. Die Schriftstellerei hat Ihnen immer Freude gemacht, und nun haben Sie auch genug Stoff, um ein ganzes Literatenleben auszufüllen. Sie müssen sich unbedingt selbst einen neuen Namen schaffen. Sie müssen, Harry, und Sie werden es auch.

Daß meine Tante, Lady Melrose, vor einigen Jahren gestorben ist, wissen Sie wohl? Sie war die beste Freundin, die ich auf dieser Welt gehabt habe, und ihr danke ich es, daß ich jetzt ein unabhängiges, mir zusagendes Leben führen kann. Ich wohne in einer jener neuen Etagenwohnungen, wo einem alle Haushaltungssorgen abgenommen werden, und wenn die meinige auch nur klein ist, so habe ich doch alles, was ich brauche. Jedermann tut hier einfach, was er will, aber wer weiß, ob Sie ein solches Leben nicht ebenso verdammen werden, wie meine jetzige, dem Herkömmlichen zuwiderlaufende Aussprache. Und doch möchte ich so gerne, daß Sie begreifen, warum ich so offen und ausführlich geredet habe, ohne irgend etwas ungesagt zu lassen. Ich tat es, weil ich in Zukunft niemals wieder etwas sagen oder hören möchte von dem, was vorüber und vergangen ist. Sie antworten mir vielleicht, daß ich dazu gar keine Gelegenheit haben werde. Angenommen aber, Sie hätten doch vielleicht Lust, mich eines Tages als ein alter Freund zu besuchen, so würden wir wahrscheinlich noch andre Anknüpfungspunkte finden, denn ich bin eben dabei, selbst einige schriftstellerische Versuche zu machen. Dieser Brief hier hätte es Ihnen schon fast verraten können, denn lang genug ist er jedenfalls. Bringt er Ihnen aber die Überzeugung bei, lieber Harry, daß eine alte Freundin sich freut, Ihnen begegnet zu sein, und sich noch mehr freuen würde, wenn sie Sie öfter sähe, um über alles Mögliche, die Vergangenheit ausgenommen, mit Ihnen plaudern zu können, so werde ich mich der Länge dieses Briefes nicht schämen.

Und nun sage ich vorläufig adieu und verbleibe Ihre
...«

Nur ihren Namen lasse ich weg, sonst nichts. Sagte ich nicht schon zu Anfang, daß er durch eine Verbindung mit dem meinigen nicht besudelt werden solle? Trotz all dem aber lebt – selbst während ich dies niederschreibe – in meinem tiefsten Herzensgrund eine Hoffnung, die sich mit jener Empfindung nicht ganz verträgt. Wohl ist diese Hoffnung so schwach, als ein Mann je eine hegen konnte, und doch zittert mir bei ihrer Kühnheit die Feder in der Hand. Sollte sie sich aber doch noch verwirklichen, so verdanke ich dies mehr, als ich es mir in einer hundertjährigen Sühnezeit abverdienen könnte, einem Manne, der seine Schuld so edel gebüßt hat, wie ich es nie imstande sein werde. Und zu denken, daß ich bis zu Raffles' Tode niemals ein Wort darüber aus seinem Munde gehört habe!

 

Ende.

 << Kapitel 8 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.