Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernest William Hornung >

Ein Dieb in der Nacht

Ernest William Hornung: Ein Dieb in der Nacht - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleEin Dieb in der Nacht
publisherVerlag von J. Engelhorn
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150218
projectidb06435f9
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel. Rafflessche Reliquien.

In der Nummer einer Zeitschrift vom Dezember 1899 erschien ein Artikel, der unsern Gemütern eine kurze Rast von der damals alles verschlingenden Aufregung über den südafrikanischen Krieg verschaffte. Es war dies zu jener Zeit, da Raffles bereits sein weißes Haar hatte und wir beide uns dem Ende der geheimnisvollen zweiten Periode unsrer Verbrecherlaufbahn näherten. In Piccadilly und im Albanyklub wußte man zwar nichts mehr von unsrer Existenz, trotzdem waren wir, wenn die Versuchung uns packte, von unserm letzten und idyllischsten, am Saume von Ham Common gelegenen Standquartier aus noch immer tätig. Was wir indes vor allem andern bedurften, war Erholung; und obwohl wir beide zu dem bescheidenen Fahrrad herabgestiegen waren, mußten wir die Winterabende doch hauptsächlich mit Lesen zubringen. So erwies sich der Krieg als eine wahre Wohltat für uns beide, denn er füllte unser Leben nicht nur mit einem anständigen Interesse aus, sondern er veranlaßte uns auch zu unzähligen Gängen durch den Richmond Park, an dessen anderm Ende sich der nächste Zeitungsstand befand. Und von einem solchen Marsche kehrte ich eines Tages mit einer höchst aufregenden, aber nicht den Krieg betreffenden Nachricht zurück. Das illustrierte Blatt gehörte zu denen, die von Tausenden gelesen (und auch gekauft) werden. Dem Artikel waren alle andere Seite kunstlose Skizzen beigefügt. Er handelte von dem sogenannten »Schwarzen Museum« in Scotland Yard, und aus der sensationellen Beschreibung erfuhren wir zuerst, daß die gruselige Ausstellung nun durch eine besondere und reichhaltige, unter dem Namen »Rafflessche Reliquien« bekannte Sammlung bereichert worden sei.

»Bunny,« sagte Raffles, »das heißt man nun endlich berühmt, nicht nur bekannt sein! Es hebt uns aus dem gemeinen Diebeshaufen heraus in die Gesellschaft der glänzenden Götzen, deren kleine Vergehen vom Finger der Zeit ins Wasser geschrieben werden. Wir kennen die Napoleonischen Reliquien, auch von den Nelsonschen haben wir gehört, und hier sind nun die meinigen!«

»Die ich mir für mein Leben gerne ansehen möchte!« fügte ich begehrlich hinzu. Allein schon im nächsten Augenblick bereute ich meinen Ausruf. Raffles schaute mich über die Zeitschrift hinweg an, und um seine Lippen lag ein Lächeln, das ich nur zu gut kannte, in seinen Augen flammte ein Feuer auf, das ich angezündet hatte.

»Das ist eine großartige Idee,« sagte er ganz ruhig, als sei er bereits dabei, sie im Geiste auszuarbeiten.

»Es war mir natürlich nicht Ernst damit,« antwortete ich, »ebensowenig wie es dir Ernst ist.«

»Natürlich ist es mir Ernst,« sagte Raffles. »Niemals in meinem Leben habe ich mehr im Ernst gesprochen.«

»Du wolltest beim hellen Tageslicht nach Scotland Yard gehen?«

»Wenigstens beim hellen elektrischen Licht, um mir mein Eigentum noch einmal anzusehen,« antwortete er, wieder die Zeitschrift studierend. »Hier hätten wir ja alles vereinigt, Bunny. Du sagtest mir gar nicht, daß der Artikel illustriert ist. Hier haben wir die Truhe, die du nach deiner Bank schlepptest, während ich drin saß, und dies hier oben scheint meine Strickleiter mit noch andern Sachen von mir zu sein. Die Zeichnungen in diesen billigen Blättern sind freilich so schlecht, daß man nicht darauf schwören könnte. Da bleibt einem nichts andres übrig, als ihnen einen Inspektionsbesuch abzustatten.«

»Das kannst du dann allein besorgen,« sagte ich finster. »Dein Äußeres mag sich ja wohl verändert haben, mich aber würde man auf den ersten Blick wiedererkennen.«

»Immerhin aber könntest du mir eine Eintrittskarte verschaffen, Bunny.«

»Eine Eintrittskarte!« rief ich triumphierend. »Selbstverständlich müssen wir eine haben, und dadurch fällt ja die ganze Geschichte von selbst ins Wasser. Wer in aller Welt würde gerade zu einer solchen Ausstellung einem entlassenen Zuchthäusler wie mir eine Eintrittskarte geben?«

Mit einem Achselzucken, das eine gewisse Gereiztheit verriet, wandte sich Raffles wieder der Zeitschrift zu.

»Der Mensch, der diesen Artikel geschrieben, hat sich doch auch eine verschafft,« sagte er kurz. »Von seinem Verleger hat er sie wahrscheinlich bekommen, und du könntest dir eine vom deinigen geben lassen, wenn du dich darum bemühtest. Aber laß es nur, Bunny, es wäre ja zu schrecklich, wolltest du dich, um eine Laune von mir zu befriedigen, auch nur einen Augenblick in Unannehmlichkeiten stürzen. Ginge ich aber statt deiner hin und würde erkannt, was trotz diesem weißen Kopf und der allgemeinen Annahme, ich hätte bereits das Zeitliche gesegnet, dennoch sehr leicht möglich ist, so wären die Folgen für dich zu entsetzlich, um sie ausdenken zu können. Denke sie dir also lieber nicht aus, mein lieber Junge, und laß mich jetzt meine Zeitung lesen.«

Brauche ich hinzuzufügen, daß ich mich ohne weitere Erörterung sofort anschickte, den Versuch zu machen? War ich doch bei dem veränderten Raffles der späteren Tage an solche Aufwallungen gewöhnt, die ich übrigens sehr wohl verstehen konnte. Alle Unannehmlichkeiten der neuen Verhältnisse trafen ja ihn in erster Linie. Ich hatte meine ans Licht gekommenen Vergehen im Gefängnis abgebüßt, während man von Raffles vermutete, er sei seiner Strafe durch den Tod entronnen. Die Folge davon war, daß ich mich in etwas hineinstürzen konnte, wo Raffles schon ein Hineintasten fürchten mußte, und so war ich sein Geschäftsträger in jeglichem ehrbaren Verkehr mit der Außenwelt. Es mußte ihn notgedrungen verbittern, sich so abhängig von mir zu fühlen, und meine Aufgabe war es, die Demütigung dadurch aufs kleinste Maß zu reduzieren, daß ich peinlich den geringsten Anschein eines Mißbrauchs der Macht, die ich nun über ihn hatte, vermied. Deshalb führte ich jetzt sofort, wenn auch voll banger Ahnung, seinen kitzligen Befehl in der Fleet Street aus, wo ich trotz meiner Vergangenheit bereits ein wenig Fuß zu fassen begann. Ein Erfolg pflegt sich ja meist einzustellen, wenn man das Gegenteil ersehnt. So kam ich denn eines schönen Abends nach Ham Common zurück mit einer Karte von dem »Amt zur Überwachung entlassener Sträflinge in Neu Scotland Yard«, die ich bis zum heutigen Tage wie ein Kleinod aufbewahre. Es wundert mich, daß sie kein Datum trägt, somit noch heute den Inhaber zur Besichtigung des Museums ermächtigen würde, und auch den Begleiter nicht namentlich aufführt, da nur der meines Verlegers mit dem Zusatz »nebst etwaigen Freunden« darunter gekritzelt ist.

»Aber er will nicht mitkommen,« setzte ich Raffles auseinander. »Es bedeutet nur, daß wir alle beide gehen können, wenn wir Lust haben.«

Mit einem verschmitzten Lächeln sah Raffles mich an, denn er befand sich gerade in guter Laune.

»Das wäre ziemlich gefährlich, Bunny, denn wenn sie dir auf die Spur kämen, würden sie auch gleich an mich denken.«

»Du behauptest ja doch, daß man dich jetzt niemals wiedererkennen würde.«

»Das glaube ich allerdings; meiner Ansicht nach ist nicht die geringste Gefahr; aber das werden wir ja bald sehen. Ich habe nun mal mein Herz darangehängt, mir die Sachen anzusehen, nur kann ich nicht den leisesten Grund finden, warum ich dich mit in die Sache hineinziehen sollte, Bunny.«

»Du tust es ja bereits, wenn du diese Karte vorzeigst,« erwiderte ich. »Wenn je etwas passieren sollte, so werde ich ohnehin nur zu deutlich davon zu hören bekommen.«

»Und so möchtest du wenigstens dabei sein und dir den Spaß ansehen?«

»Wenn es zum Schlimmsten kommt, ist das ja ganz egal.«

»Die Karte ist also für eine Gesellschaft ausgestellt?«

»Ja.«

»Würde es dann vielleicht auffallen, wenn nur ein einziger sie benützte?«

»Mag wohl sein.«

»Dann wollen wir also alle beide gehen, Bunny. Und ich gebe dir mein Wort,« rief Raffles, »daß kein ernster Schaden daraus entstehen soll, nur mußt du nicht sofort die Rafflesschen Reliquien zu sehen verlangen und auch kein allzu großes Interesse dafür an den Tag legen, wenn man sie dir zeigt. Überlaß das Fragen mir. Es wird in der Tat eine günstige Gelegenheit sein, zu ergründen, ob man in Scotland Yard etwas von einer Auferstehung meinerseits argwöhnt. Auch glaube ich dir als Ersatz für deine Sorgen und Ängsten einen recht netten Spaß versprechen zu können.«

Es war ein milder, duftiger Frühnachmittag, an dem nur die tiefstehende Sonne den Winter anzeigte, als Raffles und ich, aus den niederen Regionen kommend, auf Westminster Bridge anlangten und einen Augenblick stehen blieben, um die Abtei und den Komplex der Parlamentsgebäude zu bewundern, deren verschwommene Umrisse sich in mattem Grau von einem goldenen Dunste abhoben. Raffles murmelte etwas von Whistler und von Arthur Severn und warf eine gut brennende Sullivan weg, weil ihr aufsteigender Rauch sich zwischen ihn und das Bild drängte. Von allen Schauplätzen unsres gesetzwidrigen Daseins sehe ich jetzt vielleicht gerade dieses Bild am deutlichsten vor mir. Damals aber war ich ganz hingenommen von dem finstern Grübeln, ob Raffles wohl sein Versprechen halten und mir wirklich nur ein gänzlich harmloses Vergnügen bereiten werde. Der Leser möge selbst entscheiden, ob er es tat oder nicht.

Wir betraten das verbotene Bereich und schauten gestrengen Beamten ins Gesicht, die uns ihrerseits fast angähnten, während sie uns durch Drehtüren und über steinerne Treppen hinaufwiesen. Selbst in der unverfänglichen Art unsres Empfangs lag etwas Unheimliches. Mehrere Minuten lang blieben wir dann auf einem eiskalten Treppenabsatz uns selbst überlassen, was Raffles zu einer instinktiven Musterung der Umgebung benützte, während ich das Bild des jüngst verstorbenen Polizeipräsidenten betrachtete.

»Der gute alte Herr!« rief Raffles, zu mir tretend. »Ich habe ihn in alten Zeiten einmal bei einem Diner getroffen und meinen eigenen Fall mit ihm diskutiert. Hier im »Schwarzen Museum« aber können wir nicht schlecht genug über uns selbst unterrichtet sein, Bunny. Ich erinnere mich, vor Jahren einmal im einstigen Polizeiamt in Whitehall gewesen zu sein, wo mich einer der geriebensten Geheimpolizisten herumführte. Wer weiß, ob dies hier nicht auch so einer ist?«

Allein selbst ich konnte auf den ersten Blick sehen, daß hinter dem ganz jungen Angestellten, der sich uns endlich auf dem Treppenabsatz angeschlossen hatte, nichts von einem Geheimpolizisten steckte. Sein Stehkragen war der höchste, den ich je gesehen, und sein Gesicht fast so weiß wie der Kragen. Er hielt einen einzelnen Schlüssel in der Hand, womit er eine weiter unten im Gang gelegene Türe aufschloß, und geleitete uns hierauf in jenes Schauermuseum, das vielleicht weniger Besucher findet, als irgend sonst eines in der Welt von ähnlichem Interesse. Der Raum war kalt, wie eine Gruft. Rouleaux mußten hinaufgezogen; Decken abgenommen werden, ehe wir noch etwas andres zu unterscheiden vermochten, als die in einer langen Reihe aufgestellten Totenmasken von Verbrechern – apathische Gesichter mit geschwollenen Hälsen – die von ihren Regalen herabschauten, um uns einen geisterhaften Gruß zu spenden.

»Dieser Bursche ist nicht gefährlich,« flüsterte Raffles, während die Rouleaux hinaufrollten, »trotzdem können wir nicht vorsichtig genug sein. Meine Sachen liegen dort um die Ecke in einer Art Nische. Schau ja nicht hin, bis sie an die Reihe kommen.«

So fingen wir also mit dem der Türe gegenüberliegenden Schaukasten an, und schon im nächsten Augenblick entdeckte ich, daß ich weit mehr von dessen Inhalt wußte als unser blasser Führer, der zwar eine gewisse Begeisterung, dabei aber eine höchst ungenaue Kenntnis der ihm gestellten Aufgabe an den Tag legte. Er schrieb gleich dem ersten Mörder einen ganz falschen Mord zu und krönte seinen Irrtum im nächsten Atemzug durch unerträgliche Schmähworte über eine Perle unsrer speziellen Zunft.

»Dieser Revolver,« begann er, »gehörte dem berüchtigten Einbrecher Charles Peace. Dies ist seine Brille, das sein Stemmeisen, und das Messer hier ist dasselbe, womit Charley den Schutzmann niederstach.«

Nun bin ich aber von Natur sehr für Präzision; ich strebe selbst stets danach und erlaube mir sogar manchmal, sie andern aufzuzwingen. Dies war somit mehr, als ich hingehen lassen konnte.

»Das ist nicht ganz richtig,« warf ich in sanftem Tone ein. »Er hat das Messer niemals angewandt.«

Der junge Angestellte drehte den Hals in der gestärkten Umrahmung und sagte: »Charley Peace hat zwei Schutzleute umgebracht.«

»Nein, das hat er nicht getan; nur eines seiner Opfer war ein Schutzmann, und mit einem Messer hat er überhaupt nie jemand umgebracht.«

Der Angestellte nahm die Berichtigung wie ein Lamm auf. Mir wäre es unmöglich gewesen, sie zu unterdrücken, und wenn es mich den Kopf gekostet hätte. Raffles aber vergalt mir diese Unvorsichtigkeit mit einem so heftigen Fußtritt, als er ihn mir unbemerkt versetzen konnte. »Wer war denn dieser Charles Peace?« fragte er mit der süßlichen Unverschämtheit eines Untersuchungsrichters.

Rasch und unerwartet erfolgte die Antwort des Angestellten.

»Der geriebenste Einbrecher, den wir je hatten,« sagte er, »bis der gute alte Raffles ihn ausstach.«

»Der größte der Prä-Raffleiten,« murmelte der Meister, während wir zu den unverfänglicheren Reliquien einfacher Mörder übergingen. Deformierte Kugeln und befleckte Messer, die Menschenleben vernichtet hatten, waren hier zu sehen, auch dünne, geschmeidige Stricke, die nach dem Buchstaben des mosaischen Gesetzes Gleiches mit Gleichem vergolten hatten. Unter jenem längsten Regal mit den geschlossenen Augen und aufgedunsenen Hälsen befand sich auch eine drohend aufgerichtete Reihe Revolver. Ferner waren zu sehen: Festons von Strickleitern, die weit weniger sinnreich waren als die unsrigen, dann endlich noch etwas, worüber der Angestellte genau Bescheid wußte. Es war eine kleine zinnerne Zigarettenbüchse, auf deren bunter Etikette nicht der Name Sullivan stand. Trotzdem wußten Raffles und ich noch mehr über diesen Gegenstand als der Angestellte.

»Na,« sagte unser Führer, »was sich an dieses Ding knüpft, erraten Sie niemals! Zwanzig Fragen will ich Ihnen gestatten, und bei der einundzwanzigsten werden Sie der Sache nicht näher gekommen sein als bei der ersten.«

»Das will ich Ihnen gerne glauben,« erwiderte Raffles mit einem verstohlenen Blinzeln. »Dann sagen Sie es uns nur lieber gleich, um Zeit zu ersparen.«

Dabei öffnete er die einst ihm gehörende fünfundzwanzig Stück Zigaretten fassende Blechbüchse. Einige davon befanden sich noch darin, dazwischen aber waren in Watte gewickelte Zuckerstückchen eingepreßt. Während ich wohl sah, wie Raffles das Ding mit heimlicher Befriedigung in seiner Hand wog, hatte der Angestellte nur Sinn für die Verblüffung, die er hervorzurufen wünschte.

»Ich dachte mir gleich, daß das Sie in Erstaunen setzen würde, mein Herr,« sagte er. »Es war aber auch ein amerikanischer Kniff. Zwei elegante Yankees bewogen einen Juwelier, eine Menge Schmucksachen zur Auswahl in eine chambre séparée bei ›Kellner‹ zu bringen, wo sie dinierten. Als es ans Bezahlen ging, stellte sich irgend eine Schwierigkeit wegen eines Schecks heraus, allein die Sache wurde bald ins reine gebracht, denn die beiden Herren waren viel zu klug, etwas behalten zu wollen, das sie nicht bar bezahlen konnten. Sie baten nur, daß das, was sie gewählt hatten, eingewickelt und versiegelt im Kassenschrank des Geschäfts eingeschlossen und so lange als ihr Eigentum betrachtet werden solle, bis das Geld dafür eintreffen würde. Der Juwelier solle die Sachen ruhig wieder mitnehmen, aber nicht unter andere mengen, ja, während einer bis zwei Wochen auch nicht einmal die Siegel erbrechen. Dies schien nun in der Tat ein ganz billiges Verlangen zu sein, finden Sie nicht auch, meine Herren?«

»Durchaus billig,« stimmte Raffles mit sentenziöser Kürze bei.

»So dachte der Juwelier auch,« sagte der Angestellte. »Sie müssen nämlich wissen, daß die Yankees nicht die Hälfte von dem, was der Juwelier zur Ansicht mitgebracht hatte, aussuchten. Absichtlich waren sie dabei äußerst vorsichtig zu Werk gegangen, auch hatten sie verschiedenes sofort bezahlt, um den Mann irrezuführen. Na, den Schluß werden Sie sich wohl denken können? Der Juwelier hörte niemals mehr etwas von den Amerikanern, und diese paar Zigaretten und Zuckerstückchen waren alles, was er in dem versiegelten Paket fand.«

»Ein Duplikat!« rief ich vielleicht einen Augenblick zu früh.

»Duplikat!« murmelte Raffles, tief betroffen, wie ein zweiter Mr. Pickwick.

»Ja, ein Duplikat!« wiederholte der triumphierende Angestellte. »Verflucht schlaue Kerls, diese Amerikaner. Man muß schon einmal über den Heringsteich gefahren sein, um einen Kniff fertig zu bringen, der sich mit diesem hier messen könnte!«

»Das mag wohl sein,« stimmte ihm der ernste Herr mit dem silberweißen Haar bei. »Wofern,« fügte er, wie von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, hinzu, »wofern es nicht jener Raffles gewesen ist.«

»Das ist unmöglich,« fuhr der Angestellte aus seinem turmartigen Kragen auf, »da der bereits lange zuvor zur Hölle gefahren war.«

»Wissen Sie das so gewiß?« fragte Raffles. »Ist seine Leiche denn überhaupt gefunden worden?«

»Gefunden und begraben,« entgegnete unser phantasiereicher Freund. »In Malta war es, glaube ich; es könnte aber auch Gibraltar gewesen sein. Ich weiß es nicht mehr genau.«

»Überdies,« warf ich ein – denn diese unbegründete Behauptung ärgerte mich, obwohl ich nicht übel Lust hatte, selbst etwas dazu beizutragen – »überdies hätte Raffles niemals solche Zigaretten geraucht, denn es gab nur eine Sorte für ihn. Warten Sie mal, was war es doch noch für eine?«

»Sullivans!« rief der Angestellte, ausnahmsweise das Richtige treffend. »Es ist aber alles Gewohnheit,« fuhr er fort, während er die fünfundzwanzig Stück fassende Büchse mit der geschmacklosen Etikette an ihren Platz zurückstellte. »Ich habe sie auch einmal probiert, mir haben sie aber gar nicht geschmeckt. 's ist eben alles Geschmackssache. Wenn Sie übrigens etwas Gutes und zugleich auch noch Billiges haben wollen, müssen Sie ›Guinea Gold‹ rauchen.«

»Vorläufig möchten wir aber lieber noch etwas sehen,« bemerkte Raffles, »das ebenso klug ausgedacht wäre, wie das, was Sie uns zuletzt zeigten.«

»Dann kommen Sie hierher,« sagte der Angestellte, indem er uns in eine Art Nische führte, die von der eisenbeschlagenen Truhe schaudernden Angedenkens nahezu ausgefüllt wurde. Auf dieser, die jetzt gewissermaßen als Tisch diente, war, mit einem Tuche bedeckt, die Sammlung geheimnisvoller Gegenstände ausgebreitet.

»Dies hier,« fuhr er, sie enthüllend, mit einer gewissen Feierlichkeit fort, »sind die Rafflesschen Reliquien, die nach seinem Tode und Begräbnis vom Albanyklub hierhergebracht wurden. Es ist die vollständigste Sammlung, die wir haben. Das ist sein Zentrumsbohrer, dies das Petroleumfläschchen, worein er, wie angenommen wird, den Bohrer zu tauchen pflegte, um ein Geräusch zu vermeiden. Hier der Revolver, womit er vom Dache des Landhauses Horsham aus auf den Besitzer geschossen hat, und der ihm später auf dem ›Peninsular- und Orientdampfer‹ abgenommen wurde, ehe er sich über Bord stürzte.«

Ich konnte nicht umhin zu sagen, daß Raffles, soviel ich wisse, niemals auf jemand geschossen habe. Dabei stand ich mit dem Rücken gegen das nächste Fenster, hatte den Hut in die Stirne gedrückt und den Kragen meines Überziehers bis zu den Ohren heraufgezogen.

»Dies ist auch das einzige Mal, daß man so etwas von ihm gehört hat,« gab der Angestellte zu. »Und bewiesen konnte es nicht einmal werden, sonst hätte sein Spießgeselle mehr abgekriegt. In dieser leeren Patronenhülse hat er auf dem Dampfer die Kaiserperle versteckt gehabt. Die Bohrer und Brecheisen benützte er, um Türen zu erbrechen. Dies hier ist seine Strickleiter mit dem ausziehbaren Spazierstock, den er zum Festhaken verwandte. Er soll ihn an jenem Abend, als er bei Lord Thornaby dinierte, nachdem er vorher dessen Haus ausgeraubt hatte, bei sich gehabt haben. Dies ist sein Totschläger; aber wozu dieses kleine dicke Samtbeutelchen mit den beiden Löchern und dem Gummischnürchen diente, weiß niemand zu erklären. Vielleicht kommt Ihnen eine Idee.«

Raffles hatte das Beutelchen, das er sich zum geräuschlosen Abfeilen von Schlüsseln ausgedacht, an sich genommen. Nun hantierte er damit herum, als sei es ein Schnupftabaksbeutel, steckte Zeigefinger und Daumen in die Löcher und zuckte, angesichts dieses schwierigen Falles mit einem köstlichen Gesicht die Achseln. Trotzdem aber zeigte er mir als Ergebnis seiner Untersuchungen einige Körnchen Stahlspäne und flüsterte mir ins Ohr: »O diese liebe Polizei!« Ich aber hatte nur Augen für den Totschläger, womit ich einst Raffles zu Boden gestreckt. Es klebte noch immer sein Blut daran, und als der Angestellte mein Entsetzen sah, stürzte er sich in eine für ihn charakteristische, gänzlich unzusammenhängende Darstellung auch dieses Falles.

Dieser Fall war nämlich unter andern zufällig beim Gerichtshof von Old Bailey bekannt geworden und hatte vielleicht dazu beigetragen, mildernde Umstände bei meiner Verurteilung walten zu lassen. Die jetzige Wiedererzählung dieser Geschichte aber stellte mich auf eine übermäßig harte Probe, und Raffles sprang mir hilfreich bei, indem er die Aufmerksamkeit auf eine alte Photographie von sich selbst lenkte, die vielleicht heutigentags noch über der Tür hängt, die ich aber damals absichtlich ignorierte. Sie stellt ihn im weißen Flanellanzug nach einem großen Wettspiel auf dem zeltgeschmückten Kricketplatze dar. Soweit ich mich erinnere, hat er auch eine Sullivan zwischen den Lippen und einen Blick nachlässiger Keckheit in den halbgeschlossenen Augen. Ich habe mir später selbst eine Kopie davon verschafft. Wohl zeigt sie Raffles nicht in seinem vorteilhaftesten Moment, aber es sind doch immerhin die feingeschnittenen, regelmäßigen Züge, und ich hätte das Bild nur jenen übergescheiten Herren leihen mögen, die jegliche Ähnlichkeit mit dem Original verkleistert haben.

»Man würde es ihm wirklich nicht zutrauen; finden Sie nicht auch?« fragte der Angestellte. »Wenn man dieses Bild sieht, begreift man, daß seinerzeit kein Mensch Verdacht schöpfte.«

Dabei schaute der Jüngling mit seinen wäßrigen Augen dem alten Raffles voll ahnungsloser Unschuld direkt ins Gesicht, während ich die brennendste Lust empfand, mit der feinen Prahlerei meines Freundes zu wetteifern.

»Sagten Sie nicht, er habe einen Spießgesellen gehabt?« bemerkte ich, noch tiefer in den Kragen meines Überziehers versinkend. »Haben Sie von dem nicht auch eine Photographie?«

Matt lächelte der blasse Angestellte, mir aber zuckte es in allen Fingern, ihm etwas Farbe in sein Teiggesicht zu hauen.

»Sie meinen Bunny?« sagte der Bursche familiär. »Nein, der würde nicht hierher passen; wir nehmen nur wirkliche Verbrecher auf. Bunny aber war weder Fisch noch Fleisch. Hinter Raffles herlaufen, das konnte er, weiter nichts. Allein aber war er zu nichts nutz. Selbst damals, als er sich zu jener Gemeinheit aufschwang, sein früheres Heim auszuplündern, glaubt man, er habe schließlich doch nicht das Herz gehabt, das Zeug mitzunehmen, so daß Raffles ein zweites Mal einbrechen mußte. Nein, mein Herr, wir geben uns nicht mit diesem Bunny ab, von dem wir auch jedenfalls nichts mehr zu hören bekommen. Er war ein harmloser Spitzbube – wenn Sie es durchaus wissen wollen.«

Ich hatte hiernach nun zwar nicht gefragt und schäumte vor Wut unter dem Respirator, den ich mir aus meinem Überzieherkragen konstruierte. Meine einzige Hoffnung war, daß Raffles etwas zu meiner Ehre sagen würde, was er denn auch tat.

»Der einzige Fall, dessen ich mich noch etwas erinnere,« bemerkte er, mit seinem Regenschirm auf die beschlagene Truhe klopfend, »steht hiermit in Verbindung, und damals muß der Kerl, der sich außerhalb der Truhe befand, jedenfalls ebensoviel geleistet haben als der drinnen. Darf ich fragen, was Sie jetzt dort aufbewahren?«

»Gar nichts, mein Herr.«

»Ich dachte, Sie hätten vielleicht noch mehr Reliquien. Hatte er denn nicht einen besonderen Kniff, aus- und einzuschlüpfen, ohne den Deckel zu öffnen?«

»Sie meinen, um den Kopf herausstrecken zu können?« antwortete der Angestellte, dessen Kenntnisse über Raffles in der Tat im ganzen recht umfassend waren. Er nahm nun einige von den kleineren Gegenständen weg und hob mit seinem Federmesser die Falltüre im Deckel.

»Ah, nur ein Guckloch!« bemerkte Raffles mit köstlich enttäuschtem Ausdruck.

»Wieso? Was hatten Sie denn erwartet?« fragte der Angestellte, indem er den Falldeckel wieder herunterließ, wobei er aussah, als bedaure er, sich überhaupt diese Mühe genommen zu haben.

»Ein Hintertürchen zum mindesten,« erwiderte Raffles, den blassen Jüngling so verschmitzt anschauend, daß ich mich abwenden mußte, um ungeniert lächeln zu können. Es war übrigens mein letztes Lächeln an jenem Tage.

Während ich mich umdrehte, hatte sich die Türe geöffnet, und ein Detektiv, dem man seinen Stand auf zehn Schritt ansah, war mit zwei weiteren Schaulustigen hereingekommen. Er trug den steifen runden Hut und den dunkeln, wolligen Überzieher, die man auf den ersten Blick als eine Art Uniform seiner Profession erkennt. Einen einzigen entsetzlichen Augenblick lang blitzte uns sein stahlhartes Auge kalt forschend an. Dann tauchte der Angestellte aus dem der Rafflesschen Hinterlassenschaft gewidmeten Winkel auf, während der verdächtige Führer seine Gesellschaft zu dem der Tür gegenüberliegenden Schaukasten führte.

»Inspektor Druce,« belehrte uns der Angestellte in nachdrucksvollem Flüstertone, »der den Fall Chalk Farm unter sich hatte. Das wäre der richtige Mann für Raffles, wenn Raffles noch am Leben wäre!«

»Davon bin ich überzeugt,« lautete die ernste Antwort. »Mir wär's auch nicht wohl, einen solchen Mann hinter mir her zu wissen. Ihr ›Schwarzes Museum‹ scheint übrigens recht besucht zu sein.«

»Das ist es aber für gewöhnlich gar nicht,« flüsterte der Angestellte. »Es vergehen oft Wochen, ohne daß Besucher Ihrer Art kämen. Die dort drüben scheinen Bekannte des Inspektors zu sein, denen er jene Photographieen der Chalk Farm, die dazu beigetragen haben, seinen Mann an den Galgen zu bringen, zeigen will. Wir haben nämlich eine ganze Menge interessanter Photographieen, falls Sie vielleicht einen Blick darauf werfen wollen.«

»Wenn's nicht zu lange dauert,« antwortete Raffles auf seine Uhr sehend. Und als der Angestellte einen Augenblick zur Seite trat, packte er mich am Arm. »Nun wird mir's hier doch gar zu schwül,« flüsterte er. »Aber wir dürfen ja nicht das Hasenpanier ergreifen. Das könnte verhängnisvoll werden. Versteck dein Gesicht hinter den Photographieen und überlaß alles andre mir. Ich muß sehen, daß ich so bald, als ich es irgend wagen kann, einen Zug erwische.«

Ohne Erwiderung gehorchte ich, und zwar mit um so geringerer Besorgnis, als ich Zeit genug hatte, mir die Situation zu überlegen. Es wunderte mich sogar, daß Raffles ausnahmsweise dazu neigte, die allerdings unleugbare Gefahr, im gleichen Zimmer mit einem Beamten zu bleiben, den sowohl er als ich nur zu gut nach Namen und Ruf kannten, zu übertreiben. Raffles hatte zwar entsetzlich gealtert und sich bis zur Unkenntlichkeit verändert, sein Mut aber war noch immer derselbe und ganz dazu angetan, einem noch direkteren Zusammentreffen, als das, das uns jetzt vielleicht nicht einmal aufgedrängt wurde, kühn entgegenzutreten. Anderseits war es höchst unwahrscheinlich, daß ein berühmter Detektiv einen unberühmten Verbrecher wie mich von Ansehen kennen sollte. Überdies hatte sich Druce erst nach meiner Zeit hervorgetan. Immerhin aber bestand eine Gefahr, und mir war durchaus nicht lächerlich zu Mut, während ich mich über das von unserm Führer herbeigeschleppte Schreckensalbum beugte. Den häßlichen Photographieen von mörderischen und gemordeten Männern vermochte ich aber trotz allem ein gewisses Interesse abzugewinnen, denn sie sprachen das Schlechte in meiner Natur an. Auch entsprang der Eifer, womit ich Raffles jetzt auf eine berüchtigte Mordszene aufmerksam machte, sicherlich derselben Quelle. Doch keine Antwort erfolgte. Ich sah mich um. Nirgends ein Raffles, der mir hätte antworten können. Wir hatten alle drei, an einem Fenster stehend, die Photographieen besichtigt; an einem andern waren die drei Neuangekommenen ebenso vertieft, und ohne ein einziges Wort oder den leisesten Laut war Raffles hinter unser aller Rücken hinausgeschlüpft.

Zum Glück stierte der Angestellte selbst eifrig die Schreckensbilder des Albums an, und noch ehe er sich umschaute, hatte ich zwar mein Erstaunen, nicht aber meinen Ärger überwunden. Ein instinktives Gefühl gab mir ein, aus diesem kein Geheimnis zu machen.

»Mein Freund ist wirklich der ungeduldigste Mensch unter der Sonne!« rief ich. »Er sagte vorhin, daß er noch einen bestimmten Zug erreichen müsse, und nun ist er ohne ein Wort davongelaufen.«

»Ich hörte ihn gar nicht fortgehen,« sagte der Angestellte mit bestürztem Gesicht.

»Ich auch nicht; aber er klopfte mir noch auf die Schulter und murmelte irgend etwas. Ich war jedoch zu tief in dieses infame Buch versunken, um seinen Worten viel Beachtung zu schenken. Es sollte wahrscheinlich heißen, daß er nun gehen würde. Na, lassen wir ihn! Ich selbst möchte gern alles sehen, was zu sehen ist.«

Und in meinem nervösen Bestreben, jeden durch das sonderbare Benehmen meines Freundes etwa hervorgerufenen Verdacht zu zerstreuen, blieb ich sogar noch länger als der berühmte Detektiv und seine Bekannten. Ich sah, wie sie die Rafflesschen Reliquien besichtigten, hörte sie dicht neben mir darüber diskutieren, bis ich schließlich allein mit meinem blutarmen Führer zurückblieb. Die Hand in die Tasche steckend, maß ich ihn mit einem Seitenblick. Das Trinkgeldersystem ist eine nichts weniger als untergeordnete Giftbeule meines Daseins. Nicht daß man ein widerwilliger Geber wäre, sondern nur, weil es in manchen Fällen so schwer zu wissen ist, wem man eines anbieten darf und wie viel. Ich weiß, was es heißen will, der abreisende Gast zu sein, der sich nicht nobel genug verabschiedet hat, und zwar nicht aus Filzigkeit, sondern aus Mangel an feinem Gefühl in diesem Punkte. Ich täuschte mich jedoch nicht in Hinsicht des Angestellten, der meine Silbermünze ohne weiteres annahm und mir sagte, daß er den Artikel hoffentlich einmal zu lesen bekomme, den ich, wie ich ihm versichert hatte, zu schreiben beabsichtige. Er hat allerdings einige Jahre darauf warten müssen, aber ich schmeichle mir, daß diese verspäteten Blätter eher Interesse als Anstoß bei ihm erregen werden, falls sie je unter seine wäßrigen Augen kommen.

Die Dämmerung senkte sich bereits herab, als ich die Straße erreichte. Der Himmel hinter Sankt Stephens hatte sich erst rot gefärbt und dann verfinstert wie ein zorniges Gesicht. Die Laternen wurden angezündet, und unter einer jeden schaute ich mich törichterweise nach Raffles um. Hierauf redete ich mir ein, daß ich ihn sicherlich auf dem Bahnhof herumlungernd vorfinden würde, und bummelte dann selbst so lange dort auf und ab, bis ein nach Richmond gehender Zug ohne mich abgefahren war. Schließlich ging ich über die Brücke nach dem Waterloobahnhof und nahm den ersten nach Teddington fahrenden Zug. Dies kürzte zwar den Weg ab, dafür aber hatte ich mich vom Flusse bis Ham Common durch einen weißen Nebel hindurchzutasten, und die sonst so behagliche Stunde unsres gemeinsamen Abendessens war bereits angebrochen, als ich unsern Zufluchtsort erreichte. Nur das Flackern des Kaminfeuers drang durch die Jalousieen. So kam ich also schließlich doch als Erster zurück. Fast vier Stunden waren vergangen, seitdem Raffles sich in dem unglückschwangern Bezirk von Scotland Yard von meiner Seite geschlichen hatte. Wo mochte er jetzt sein? Unsre Wirtin rang verzweifelt die Hände, denn sie hatte ein Diner ganz nach dem Herzen ihres Lieblings bereitet, und ich wartete eine ganze Stunde, ehe ich eine der trübseligsten Mahlzeiten meines Lebens verzehrte.

Mitternacht kam, doch noch immer kein Lebenszeichen von ihm. Lange zuvor aber hatte ich unsre Wirtin mit einer Stimme und einem Gesicht zu beruhigen versucht, die meine Worte sicherlich Lügen straften. Ich sagte ihr, daß Mr. Ralph, wie sie ihn zu nennen pflegte, davon gesprochen habe, ins Theater gehen zu wollen, ich hätte jedoch geglaubt, er habe sich anders besonnen. Jedoch schiene ich mich getäuscht zu haben und würde jedenfalls bis zu seiner Rückkehr aufbleiben. Die aufmerksame Seele brachte dann noch, ehe sie sich zurückzog, einen Teller mit belegten Brötchen, und ich schickte mich an, die Nacht in einem Lehnstuhl vor dem Wohnzimmerfeuer zu verbringen. Ins Bett zu gehen war mir in meiner Angst unmöglich. Eigentlich hatte ich ein Gefühl, als riefen Pflicht und Freundestreue mich in die Winternacht hinaus. Wohin aber hätte ich mich wenden sollen, um Raffles zu suchen? Ich konnte mir nur einen einzigen Ort denken, und ihn dort aufzusuchen, hieß so viel, als mich selbst zu Grunde richten, ohne ihm zu helfen. Immer mehr wuchs meine Überzeugung, daß er beim Verlassen von Scotland Yard erkannt und entweder sofort festgenommen, oder in irgend ein neues Versteck gehetzt worden sei. Wer konnte wissen, ob der Vorfall nicht schon in den Morgenblättern zu lesen war? Aber es war alles Raffles' eigene Schuld. Er hatte seinen Kopf in den Rachen des Löwen gesteckt, und der Löwe hatte zugebissen. War es ihm gelungen, den Kopf noch rechtzeitig herauszuziehen?

Neben mir stand eine Flasche Whisky, und ruhig gestehe ich, daß sie mir in dieser Nacht nicht zum Feind, sondern zum Freunde wurde, denn sie verschaffte mir schließlich doch eine Unterbrechung meiner qualvollen Spannung. Fest schlief ich in meinem Stuhle vor dem Feuer ein. Die Lampe brannte noch immer, und das Feuer glühte, als ich erwachte. Aber wie erstarrt in den eisigen Klammern eines frostigen Wintermorgens blieb ich sitzen. Endlich drehte ich mich langsam in meinem Stuhle um, und hinter mir mit der offenen Türe im Rücken saß Raffles, der in aller Ruhe seine Schuhe auszog.

»Tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe, Bunny,« sagte er. »Ich glaubte, mäuschenstill zu sein, aber nach dreistündigem Herumlaufen kann man eben nicht mehr recht auf den Zehen gehen.«

Ich erhob mich nicht, um ihm um den Hals zu fallen, sondern lehnte mich in meinen Stuhl zurück und schaute voll Bitterkeit seinem gefühllosen Gebaren zu. Er sollte nicht erfahren, was ich um seinetwillen durchgemacht hatte.

»Du kommst wohl aus der Stadt?« fragte ich so gleichgültig, als sei das so seine Gewohnheit.

»Von Scotland Yard,« antwortete er, sich in Socken vor dem Feuer reckend.

»Scotland Yard!« wiederholte ich. »So hatte ich also doch das Richtige vermutet. Dort bist du die ganze Zeit über gewesen! Und doch ist es dir gelungen, wieder zu entwischen?«

Erregt war ich nun ebenfalls aufgesprungen.

»Natürlich,« antwortete Raffles. »Ich hielt das zwar nie für sehr schwierig, aber schließlich war es sogar noch einfacher, als ich gedacht hatte. Ich stand plötzlich zwischen einer Art Ladentisch und einem eingeschlummerten Beamten und hielt es fürs beste, ihn aufzuwecken, um mich nach einer imaginären, in einem Hansom liegen gelassenen Börse zu erkundigen. Und die Art, wie der Bursche mich hinausdonnerte, macht der Metropolitanischen Polizei wieder alle Ehre. Nur bei den Wilden würden sie sich die Mühe genommen haben, zu fragen, wie man überhaupt hineingekommen war.«

»Und wie bist du denn wieder hineingekommen?« fragte ich. »Sage mir doch um Gottes willen wann und warum?«

Die Augenbrauen in die Höhe ziehend, sah Raffles mich an, während er mit dem verlöschenden Feuer zugekehrten Rockschößen vor mir stand.

»Wie und warum, Bunny, das weißt du ebenso gut als ich,« sagte er geheimnisvoll. »Aber ich will dir jetzt endlich eine aufrichtige Antwort auf dein Warum und Wozu geben. Ich hatte nämlich noch besondere Gründe, nach Scotland Yard zu gehen, die ich dir, mein lieber Junge, vorher einfach nicht einzugestehen wagte.«

»Ich will ja auch gar nicht wissen, wozu du hingingst,« rief ich. »Ich will nur wissen, warum du dort bliebst oder wieder dorthin zurückgingst, oder was du überhaupt getan hast. Ich glaubte, sie hätten dich erwischt und du seiest dann wieder ausgekniffen. War es denn nicht so

Lächelnd schüttelte Raffles den Kopf.

»Nein, nein, Bunny, ich dehnte meinen Besuch auf eigene Faust nur etwas länger aus. Meine Gründe dafür aber sind zu zahlreich, als daß ich sie dir alle aufzählen könnte; sie drückten mich beim Fortgehen auch gewaltig. Du kannst sie dir übrigens als greifbare Gegenstände ansehen, wenn du dich umdrehst.«

Rasch kehrte ich jetzt dem Stuhle, worin ich eingeschlafen war, den Rücken; hinter dem Stuhl stand der typische runde Tisch eines Logierhauses und auf diesem Tisch lag neben der Whiskyflasche und den belegten Brötchen die ganze Sammlung der Rafflesschen Hinterlassenschaft, die auf dem Deckel der Silbertruhe im »Schwarzen Museum« von Scotland Yard ausgestellt gewesen war. Nur die Truhe selbst fehlte. Hier waren der Revolver, den ich nur ein einziges Mal hatte abfeuern hören, und dort der blutbefleckte Totschläger, Bohrer und Stemmeisen, Ölfläschchen, Samtbeutel, Strickleiter, Spazierstock, sogar die leere Patronenhülse, die einst das von einem zivilisierten Monarchen einem schwarzen Potentaten zugedachte Geschenk enthalten hatte.

»Ich war der reinste Knecht Ruprecht,« sagte Raffles, während ich herzutrat. »Es ist zu schade, daß du nicht wach warst, um den Anblick zu würdigen; er war viel erbaulicher als der, den ich vorfand. Mich hast du in solchen Fällen noch nie in Schlummer versunken angetroffen!«

Er dachte also, ich sei einfach in seinem Stuhle eingeschlafen! Er ahnte nicht, daß ich seinetwegen die ganze Nacht hindurch hier gesessen hatte! Die Andeutung einer Mäßigkeitspredigt nach all dem, was ich ausgestanden hatte, und auch noch aus Raffles' Munde, reizte meinen Zorn aufs äußerste. Allein eine schließlich doch noch in mir aufblitzende Ahnung befähigte mich, diesen Zorn für mich zu behalten.

»Wo hattest du dich denn versteckt?« fragte ich finster.

»In Scotland Yard selbst.«

»Natürlich; aber wo?«

»Kannst du fragen, Bunny?«

»Ja, ich frage.«

»Dort, wo ich mich schon einmal versteckt hatte.«

»Du meinst doch nicht in der Truhe?«

»Doch.«

Unsre Augen begegneten sich einen Augenblick.

»Dort magst du ja schließlich gelandet sein,« gab ich zu. »Aber wohin gingst du zuerst, nachdem du hinter meinem Rücken hinausgeschlichen warst, und woher, zum Henker, wußtest du, wohin du zu gehen hattest?«

»Ich bin gar nicht hinter deinem Rücken hinausgeschlichen, sondern hinein.«

»In die Truhe?«

»Ja.«

Laut lachte ich ihm ins Gesicht.

»Aber, mein lieber Freund, ich sah doch all diese Sachen noch unmittelbar nachher auf dem Deckel liegen. Nicht eines davon war weggenommen worden. Auch sah ich, wie der Detektiv sie seinen Bekannten zeigte.«

»Und ich hörte es.«

»Aber doch nicht vom Innern der Truhe aus?«

»Doch, vom Innern der Truhe aus, Bunny. Na, mach doch kein solches Gesicht – es ist ja närrisch. Rufe dir lieber einige Worte ins Gedächtnis zurück, die zwischen jenem Esel im Hemdkragen und mir gewechselt wurden. Erinnerst du dich nicht, daß ich ihn fragte, ob etwas in der Truhe sei?«

»Doch.«

»Ich mußte mich vergewissern, ob sie leer war. Hierauf fragte ich, ob die Truhe außer dem Guckloch auch noch ein Hintertürchen habe.«

»Ich erinnere mich.«

»Du glaubst wohl, das alles habe nichts zu bedeuten gehabt?«

»Ich suchte nach keiner Bedeutung.«

»Du wolltest es nicht. Der Gedanke kam dir also gar nicht, daß ich den Wunsch haben könnte, zu erfahren, ob jemand in Scotland Yard entdeckt hatte, daß tatsächlich eine Art Seitentürchen, wenn auch keine Hintertüre, an jener Truhe angebracht ist? Und zwar entstand sie kurze Zeit, nachdem ich die Truhe von deinem Hause in meines zurückgeschafft hatte. Man drückt eine der Handhaben hinunter, was so leicht niemand einfällt, worauf sich die ganze Seite wie die Front einer Puppenstube öffnet. Ich hätte das gleich von Anfang an so machen sollen, denn es ist bedeutend einfacher als die Falle oben. Wenn man etwas fabriziert, so macht man es doch schon um der Sache selbst willen gerne tadellos. Überdies war der Trick nicht entdeckt worden, und ich dachte, ihn vielleicht später noch einmal ausnützen zu können. Bedenke doch, was für ein köstlicher Rettungshafen, solch einen mit allerlei Sachen beladenen Schlupfwinkel im Schlafzimmer zu haben, für den Fall eines plötzlichen Sturmes!«

Ich fragte, warum er mir denn nie etwas von dieser Verbesserung gesagt habe. Daß er mich zu jener Zeit, als sie gemacht worden war, nicht eingeweiht habe, begriffe ich ja schon eher, warum aber nicht später, als es nicht mehr so viele Geheimnisse zwischen uns gab, und dieses hier ihn ja doch nichts mehr nützen konnte. Allein ich stellte diese Frage nicht im Ärger, sondern einfach aus hartnäckiger Ungläubigkeit. Raffles schaute mich jedoch nur an, ohne zu antworten, bis ich die Erklärung schließlich aus seinem Blick herauslas.

»Nun dämmert mir's,« sagte ich. »Du pflegtest hineinzuschlüpfen, wenn du dich vor mir verstecken wolltest.«

»Mein lieber Bunny, ich bin nicht immer in umgänglicher Laune,« antwortete er. »Aber wenn du mir einen Schlüssel zu deiner Wohnung überläßt, so kann ich dir doch nicht wohl einen zu der meinigen verweigern, obwohl ich ihn dir eines Tages aus der Tasche stahl. Damit will ich aber nur sagen, daß, wenn ich dich nicht sehen wollte, Bunny, ich durchaus untauglich für menschliche Gesellschaft gewesen sein muß, und es war somit nur freundschaftlich gehandelt, dir die meinige dann zu entziehen. Ich glaube übrigens nicht, daß es mehr als ein- oder zweimal passierte. Du kannst mir dies wohl verzeihen nach all den Jahren.«

»Dies ja,« antwortete ich bitter. »Nicht aber das andre, Raffles.«

»Warum nicht? Ich hatte mich wirklich vorher nicht zu dem entschlossen, was ich nachher tat, sondern nur daran gedacht. Jener schneidige Beamte, der sich mit uns im selben Raume befand, bewog mich, es ohne weitere Überlegung auszuführen.«

»Und wir haben dich nicht einmal gehört!« murmelte ich in so schmeichelhaftem Ton, daß ich mich selbst darüber ärgerte. Aber es kommt ja doch aufs gleiche heraus!« fügte ich rasch in meinem früheren Tone hinzu.

»Warum denn, Bunny?«

»Unsre Einlaßkarte wird uns nur zu bald verraten.«

»Hat man sie dir denn abgenommen?«

»Nein, aber du hörtest doch, daß so sehr wenige ausgegeben werden.«

»Gewiß. Es vergehen oft ganze Wochen, ohne daß ein einziger Besucher kommt. Ich war es, der uns diese Aufklärung verschaffte, Bunny, und ich tat nichts Voreiliges, ehe ich sie hatte. Siehst du denn nicht, daß wenn wir ein bißchen Glück haben, zwei bis drei Wochen vergehen können, ehe der Verlust entdeckt wird?«

Ich fing an, einzusehen.

»Und dann, ich bitte dich, wie könnte man den Raub wohl auf uns zurückführen? Warum sollte überhaupt ein Verdacht auf uns fallen, Bunny? Ich ging etwas früher fort, weiter nichts. Du fandest dich übrigens bewundernswürdig in mein Verschwinden. Nicht mehr und nicht weniger hättest du sagen können, auch wenn ich dir's eingepaukt hätte. Ich verließ mich auf dich, Bunny, und nie hast du mein Vertrauen vollständiger gerechtfertigt. Das Traurige an der Sache ist nur, daß du aufgehört hast, mir zu vertrauen. Denkst du wirklich, ich hätte jenen Ort in einem Zustand zurücklassen können, daß der erste Mensch, der mit einem Staubwischer hineinkommt, etwas von meinem verübten Raub sehen würde?«

Ich leugnete mit aller Energie diesen Gedanken ab, obwohl er erst während des Sprechens aus meinem Kopfe verschwand.

»Hast du das Tuch vergessen, das über diesen Dingen lag? Hast du vergessen, daß es eine Menge Revolver und Totschläger zur Auswahl dort gab? Ich aber traf meine Wahl aufs sorgfältigste und ersetzte meine Reliquien durch die andrer Leute, Dinge, die im Grunde gerade so aussahen. Die Strickleiter, die nun dort liegt, läßt sich natürlich nicht mit der meinigen vergleichen, sieht aber zusammengerollt ebenso aus. Ein zweites Samtsäckchen gab es allerdings nicht, dagegen habe ich meinen Stock durch einen ganz ähnlichen ersetzt, und sogar eine leere Patronenhülse fand ich, um die Fassung der polynesischen Perle zu ersetzen. Glaubst du, daß ein Kerl, wie derjenige, den sie zum Herumführen der Leute dort angestellt haben, imstande wäre, den Unterschied das nächste Mal zu sehen oder ihn, wenn er ihn sähe, mit uns in Zusammenhang zu bringen?«

Ich gab zu, daß wir vielleicht noch ein paar Wochen lang sicher sein würden, und Raffles hielt mir seine Hand hin.

»Dann laß uns wieder Freunde sein und eine Friedens-Sullivan rauchen! In drei bis vier Wochen kann viel passieren, und was würdest du dazu sagen, wenn sich dies hier schließlich nicht nur als das geringste, sondern auch als das letzte meiner Vergehen herausstellte? Ich muß sagen, daß es mir als ein ganz natürlicher und passender Schluß erschiene, obwohl es vielleicht charakteristischer für mich gewesen wäre, nicht mit einem gewissermaßen pietätvollen Verbrechen abzuschließen. Aber ich verspreche nichts, Bunny. Nun ich alle diese Dinge wieder habe, kann ich vielleicht der Versuchung nicht widerstehen, sie noch einmal zu benützen. Aber durch diesen Krieg hat man ja ohnehin so viel Aufregung, als man nur wünschen kann, und wer weiß, was in den nächsten drei bis vier Wochen alles passiert?«

Dachte er daran, Freiwilligendienste im Heere zu nehmen? Hatte er bereits sein Herz an die einzig mögliche Gelegenheit einer gewissen Sühne seines Lebens gehängt – oder vielmehr an eben den Tod, den er einst sterben sollte? Ich weiß es nicht und werde es niemals erfahren. Immerhin aber waren seine Worte auffallend prophetisch, selbst in Bezug auf diese drei bis vier Wochen, während deren jene Ereignisse sich abspielten, die das Gebäude des englischen Reiches erschütterten und seine Söhne aus allen vier Winden zusammenriefen, damit sie unter seinem Banner auf afrikanischem Boden kämpfen sollten. Dies alles gehört ja jetzt einer vergangenen Zeit an. Und doch steht nichts lebhafter in meiner Erinnerung als Raffles' letzte Worte über sein letztes Verbrechen, außer vielleicht jener Händedruck, womit er sie begleitete, oder das recht traurige Blinzeln seiner müden Augen.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.