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Ein Dieb in der Nacht

Ernest William Hornung: Ein Dieb in der Nacht - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleEin Dieb in der Nacht
publisherVerlag von J. Engelhorn
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150218
projectidb06435f9
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Fünftes Kapitel. Eine böse Nacht.

Eine gewisse Hochzeit, an der Raffles und ich ein heimliches Interesse nahmen, stand bevor. Die Braut wohnte ziemlich zurückgezogen bei ihrer vor kurzem verwitweten Mutter und einem asthmatischen Bruder in einem abgelegenen Hause am Ufer der Mole. Der Bräutigam war ein in gedeihlichem Wohlstand lebender Sohn dieses selben vorstädtischen Bodens, der beide Familien seit Generationen ernährt hatte. In solchen Mengen waren die Hochzeitsgeschenke eingelaufen, daß sie verschiedene Zimmer des hübschen Wohnsitzes an der Mole füllten, und sie repräsentierten einen solch bedeutenden Wert, daß eine besondere Abmachung mit der Versicherungsgesellschaft gegen Einbruchsdiebstähle getroffen worden war. Wie Raffles all diese Einzelheiten erfahren hatte, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, daß sie sich bis ins Kleinste als richtig erwiesen. Vorläufig empfand ich jedoch kein tieferes Interesse an der Sache, da Raffles mir versichert hatte, das Geschäft sei nur für einen einzigen Mann, und er beabsichtigte natürlich, dieser eine zu sein. Erst in der elften Stunde verwandelte sich unsere beiderseitige Lage durch Raffles' ganz unerwartete Wahl zu den »Elfen« bei dem zweiten Wettspiel um Englands Meisterschaft im Kricket.

Im Nu erkannte ich die günstige Aussicht, die sich hierdurch für meine Verbrecherlaufbahn bot. Schon seit einigen Jahren hatte Raffles seinem Vaterlande nicht mehr in einem derartigen Kampfe gedient, auch hätte er niemals gedacht, daß er je wieder dazu aufgefordert werden könnte, und seine Freude darüber stand der Verlegenheit, in der er sich anderseits befand, kaum nach. Das Wettspiel sollte in Old Trafford am dritten Donnerstag, Freitag und Samstag des Juli stattfinden; die andre Angelegenheit aber war für Donnerstag abend, den Abend nach der Hochzeit in East Molesey, vorbereitet. Raffles hatte somit zwischen diesen beiden Sensationen zu wählen, und diesmal half ich ihm ausnahmsweise seinen Entschluß fassen. Deutlich setzte ich ihm auseinander, daß ich wohl fähig sei, wenigstens in Surry seine Stelle auszufüllen. Ja, ich ging sogar noch weiter und verlangte, daß mir sofort meine verbrieften Rechte zu teil werden und daß er selbst seinen Verpflichtungen gegen das Vaterland nachkomme. Im Namen des Vaterlandes und in meinem eigenen Namen flehte ich ihn an, England und mir diesen Gefallen zu tun und, wie ich schon sagte, meine Beweisführung siegte. Raffles gab telegraphisch seine Zusage – und zwar am Tage vor dem Wettspiel. Hierauf eilten wir nach Esher und besichtigten dort auf den für Raffles charakteristischen Umwegen jeden Zoll des Terrains. Um sechs Uhr abends erhielt ich dann durch ein Fenster des Speisewagens die letzte meiner vielen Instruktionen.

»Versprich mir wenigstens das eine, keinen Revolver mitzunehmen,« flüsterte Raffles mir zu. »Hier hast du meine Schlüssel – irgendwo im Schreibtisch findest du einen alten Totschläger. Nimm den, wenn du willst, obwohl ich fast fürchte, daß du imstande wärest, solch ein Ding wirklich zu benützen.«

»Nun, dann geht's ja nur um meinen Hals!« gab ich ebenfalls flüsternd zurück. »Was ich auch immer anstellen werde, Raffles, dich werde ich jedenfalls nicht mit hineinreißen. Du wirst schon sehen, daß ich meine Sache besser mache, als du denkst, und es wohl verdiene, wenn mir endlich auch einmal ein bißchen mehr anvertraut wird. Andernfalls will ich wenigstens den Grund wissen, warum es nicht geschieht!«

Ich nahm mir fest vor, meine Drohung auszuführen, während Raffles mit emporgezogenen Augenbrauen aus der Station Euston hinaussauste und ich mich ärgerlich auf dem Absatz umdrehte. Wohl merkte ich seine Besorgnis um mich, aber gerade dies machte mich erst recht sorglos. Raffles hatte sich eben all die Jahre her in mir getäuscht; nun bot sich mir endlich Gelegenheit, ihm dies zu beweisen. Die Galle lief mir über bei dem Gedanken, daß er kein Zutrauen in meine Kaltblütigkeit oder meinen Mut setzte, während ihn doch beides im Falle der Not noch niemals im Stich gelassen hatte. Durch dick und dünn war ich ihm getreulich gefolgt. In manch übler Klemme hatte ich ebenso standhaft ausgeharrt, wie Raffles selbst. Ich war seine rechte Hand, und doch nahm er niemals Anstand daran, mich zu seinem Werkzeug herabzudrücken. Diesmal aber würde ich nun auf alle Fälle weder das eine noch das andre sein. Endlich sollte ich einmal die erste Violine spielen, und noch heute würde es mich beglücken, wenn ich wüßte, ob es Raffles damals auch wirklich zum Bewußtsein gekommen ist, mit was für einer Wonne ich mich in diese neue Rolle stürzte. So war ich denn der erste, der am nächsten Abend in Esher aus einem überfüllten Theaterzug sprang und die Stufen hinab ins Freie hinaus rannte. Es war eine schwüle, dunkle Nacht. Die Straße nach Hampton Court aber ist selbst jetzt, nachdem Vorstadtbaumeister sich eines großen Teils dieser Gegend bemächtigt haben, eine der finstersten, die ich kenne. Die erste Meile führt auch heute noch durch eine schmale Allee, die im Sommer einen richtigen Blättertunnel bildet, damals aber war weder eine beleuchtete Fensterscheibe, noch irgend ein Lichtstreifen auf dem Weg zu sehen. Natürlich bildete ich mir gerade auf dieser dunkeln Strecke ein, es verfolge mich jemand. Ich ging in eine langsamere Gangart über; die Schritte, die ich mit aller Bestimmtheit hinter mir zu hören geglaubt hatte, taten dasselbe, und als ich weiterging, folgten sie meinem Beispiel. Ich trocknete mir den Schweiß von der Stirne, überwand mich aber doch bald, den Versuch zu wiederholen, wobei ich die feste Überzeugung gewann, daß ich die ganze Zeit mein eigenes Echo gehört haben müsse. Und da dieses Echo sofort aufhörte, als ich aus der Allee heraus und auf die offene, gerade Straße kam, erholte ich mich bald von meinem Schrecken. Nun konnte ich meinen Weg übersehen, den ich denn auch ohne Unfall, wenn auch nicht ohne ein kleines Abenteuer, zurücklegte. Als ich nämlich die über die Mole führende Brücke hinter mir hatte und im Begriff war, nach links abzubiegen, stieß ich direkt mit einem auf Gummisohlen gehenden Polizisten zusammen. Ich hielt es für angezeigt, ihn im Vorübergehen mit »Herr Inspektor« anzureden und einen Umweg von einigen hundert Metern zu machen, ehe ich auf einem andern Weg zurückging.

Endlich war ich durch eine Gartenpforte und an dunkeln Fenstern vorüber auf einen finstern, taugetränkten Rasenplatz geschlichen. Der Marsch hatte mich erhitzt, und so ließ ich mich mit Wonne auf eine Gartenbank fallen, die freundlicherweise unter einem Zedernbaum aufgestellt war, dessen Dunkelheit die der Nacht noch vertiefte. Hier ruhte ich einige Minuten aus, zog meine Füße herauf, um sie trocken zu erhalten, band behufs späterer Zeitersparnis meine Schuhnestel auf und stellte mir die zu erledigende Aufgabe noch einmal mit einer Kaltblütigkeit vor Augen, die der meines abwesenden Meisters würdig sein sollte. Meine Kaltblütigkeit war jedoch eine künstlich herangezogene Eigenschaft, die ebenso weit entfernt von der angeborenen war, wie es jede Nachahmung des Genies ist. Ich zündete sogar tatsächlich ein Streichhölzchen an meiner Hose an und steckte eine von den kleinen Sullivans in Brand. Selbst Raffles hätte so etwas in einem solchen Moment nicht getan. Aber mir lag daran, ihm sagen zu können, daß ich das fertig gebracht hätte, und in der Tat empfand ich dabei auch nicht mehr als ein angenehmes Gruseln. Es war viel eher jene objektive Neugierde auf den Ausgang, die mich beherrschte, und die schon in noch weit unsichereren Lagen meine Rettung gewesen war. Ich wartete sogar mit einer gewissen Ungeduld auf den Kampf und konnte schließlich nicht einmal so lange stillsitzen, als ich beabsichtigt hatte. So kam es, daß ich meine Zigarette am Rande des feuchten Rasenplatzes zu Ende rauchte und eben im Begriff war, meine Schuhe abzustreifen, um dann über den zur Türe des Gewächshauses führenden Kiesweg zu gehen, als ein höchst seltsamer Laut mich unterbrach. Es war ein unterdrücktes Keuchen irgendwo über mir. Wie aus Stein stand ich da, und meine lauschende Gestalt muß sich wohl von dem milchig schimmernden Rasen abgehoben haben, denn eine matte Stimme rief mich barsch von einem der Fenster herab an.

»Wer in aller Welt sind Sie?« schnaubte sie.

»Ein Geheimpolizist,« antwortete ich. »Die Versicherungsgesellschaft gegen Einbrüche hat mich hierhergeschickt.«

Nicht einen Augenblick hatte ich gezögert, meine unbezahlbare Fabel vorzubringen, war sie doch von Raffles für den Fall der Not vorbereitet worden. Ich wiederholte also nur eine Lektion, die mir eingetrichtert worden war. Oben am Fenster aber entstand eine ziemlich lange Pause, die nur durch das unheimliche Keuchen des Mannes, den ich nicht sehen konnte, ausgefüllt wurde.

»Ich begreife nicht, warum man Sie hierhergeschickt hat,« sagte er endlich. »Wir stehen doch unter dem besonderen Schutz der Ortspolizei; jede Stunde wird uns ein Besuch abgestattet.«

»Das weiß ich wohl, Mr. Medlicott,« entgegnete ich nun auf meine eigene Rechnung. »Ich traf erst vorhin einen an der Ecke, und wir begrüßten uns gegenseitig.«

Das Herz klopfte mir zum Zerspringen. Endlich war ich selbständig vorgegangen.

»Haben Sie von ihm meinen Namen erfahren?« fuhr mein Fragesteller unter mißtrauischem Keuchen fort.

»Nein, er wurde mir genannt, ehe man mich fortschickte,« erwiderte ich. »Aber es tut mir leid, daß Sie mich gesehen haben. Mein Kommen beruht auf einem alten Herkommen, das niemand belästigen sollte. Es ist zwar meine Aufgabe, den Ort die ganze Nacht hindurch zu bewachen, ich gebe jedoch zu, daß ich nicht so weit hätte einzudringen brauchen. Wenn es Ihnen lieber ist, werde ich mich vom eigentlichen Grundstück entfernen.«

Dies war wieder meine eigene Eingebung, und ihr Erfolg hätte mir Selbstvertrauen einflößen können.

»Durchaus nicht,« erwiderte der junge Medlicott mit einem gewissen Galgenhumor. »Ich bin soeben an einem verfluchten Asthmaanfall aufgewacht und muß vielleicht bis zum Morgen in meinem Stuhle sitzen bleiben. Kommen Sie lieber herauf und helfen Sie mir ihn überstehen und damit zwei Fliegen mit einer Klappe treffen. Bleiben Sie nur wo Sie sind; ich will hinunterkommen und Sie hereinlassen.«

Dies war ein Dilemma, das selbst Raffles nicht vorausgesehen hatte! Hier außen im Dunkeln war meine verwegene Rolle nicht schwer zu spielen, diese improvisierte Szene aber ins Haus hinein zu versetzen, hieß sofort Schwierigkeit und Gefahr verdoppeln. Wohl war ich absichtlich im Überzieher und Filzhut eines Geheimpolizisten hergekommen, mein persönliches Aussehen aber hatte kaum etwas vom Typus eines solchen. Anderseits aber konnte man als angeblicher Hüter der Geschenke durch eine Weigerung, das Haus, wo sie verwahrt wurden, zu betreten, nur Verdacht erregen. Auch durfte ich nicht außer acht lassen, daß ja mein Endziel darin bestand, ein solches Eindringen früher oder später zu bewerkstelligen. Dies war die ausschlaggebende Betrachtung, und so beschloß ich, den Stier bei den Hörnern zu fassen.

Das Anstreichen eines Zündhölzchens hatte sich im Zimmer neben dem Gewächshause vernehmen lassen, dann war das offene Fenster einen Augenblick gleich einem leeren Bilderrahmen zum Vorschein gekommen, während ein gigantischer Schatten sich an der Decke herumbewegt hatte, und eine halbe Minute später fiel es mir ein, meine Schuhnestel wieder zu knüpfen. Allein es dauerte lange, bis das Licht durch die bleigefaßten Scheiben einer etwas abseits auf den Weg mündenden Türe wieder auftauchte. Und als die Türe sich öffnete, stand eine Jammergestalt vor mir und hielt ein flackerndes Licht zwischen unsre Gesichter.

Ich bin alten Männern begegnet, die nur halb so alt aussahen, als sie wirklich waren, und jungen Männern, die den Eindruck machten, als hätten sie das Doppelte ihres Alters – noch niemals zuvor aber hatte ich einen bartlosen Jüngling in der gebeugten Haltung eines achtzigjährigen Greises gesehen, der um jeden Atemzug ringen muß, der hin und her schwankend, das Übergewicht zu verlieren droht und dabei röchelt, als müsse er stehenden Fußes den Geist aufgeben. Trotzdem aber besichtigte er mich mißtrauisch, und es dauerte mehrere Sekunden, bis er mir erlaubte, ihm das Licht abzunehmen.

»Ich hätte nicht hinuntergehen sollen – machte es schlimmer,« begann er abgerissen zu flüstern. »Hinauf ist's noch schlimmer. Müssen mir Ihren Arm geben. Einverstanden? Das ist schön! Bin nicht so krank, als ich aussehe. Habe auch guten Whisky oben. Alles in schönster Ordnung mit den Geschenken, und wenn nicht, dann werden Sie es innen früher hören, als außen. Nun bin ich so weit – danke schön! Müssen nicht mehr Lärm machen, als nötig ist – könnten meine Mutter wecken.«

Wir mußten mehrere Minuten gebraucht haben, um den ersten Stock zu erreichen. Auf der schmalen Treppe war gerade so viel Platz für mich, daß ich seinen Arm in dem meinigen halten konnte, während er sich mit dem andern an den Stäben des Geländers emporzog. So stiegen wir eine Stufe um die andre hinauf; auf jeder wurde keuchend Halt gemacht und oben dann ein regelrechter Kampf mit dem Atem aufgeführt. Schließlich gelangten wir in ein behagliches Bibliothekzimmer, von wo aus eine offene Tür in ein Schlafzimmer führte. Allein die Anstrengung hatte meinen Gefährten vollständig der Sprache beraubt; seine schwer arbeitenden Lungen pfiffen wie ein Blasebalg. Er vermochte gerade noch, zuerst auf die Tür, durch die wir hereingekommen waren, zu deuten, und die ich, seiner Zeichensprache gehorchend, schloß, und dann auf die Karaffe, die mit Zubehör für die Nacht bereitgestellt war.

Ich gab ihm fast ein halbes Glas voll, und bald ließ sein Anfall ein wenig nach, während der Ärmste zusammengekrümmt in seinem Lehnstuhle saß.

»Ich war ein Narr, daß ich zu Bett gegangen bin,« stieß er flüsternd zwischen Pausen hervor. »Das Liegen hat der Kuckuck gesehen, wenn man eine schlechte Nacht vor sich hat. Könnten Sie mir wohl mal die braunen Zigaretten holen – auf dem Tisch dort drinnen. Gut – danke schön – und nun noch ein Streichhölzchen.«

Der Asthmatiker hatte die beiden Enden der Stramoniumzigarette abgebissen und schien nun von dem beißenden Rauch, den er in verzweifelten Zügen einsog und unter krampfhaften Hustenanfällen ausatmete, tatsächlich zu ersticken. Ein heroischeres Mittel konnte es nicht geben; mir kam es wie ein langsamer Selbstmord vor. Allmählich aber trat doch eine leichte Besserung ein, und schließlich konnte der Kranke wenigstens aufrecht sitzen und sein Glas mit einem Seufzer ungewohnter Erleichterung austrinken. Auch ich seufzte auf, denn ich war Zeuge eines Kampfes gewesen, den ein Mann in der Blüte seiner Jugend um das geliebte Leben kämpfte, eines Mannes, der mir gefiel, dessen Lächeln bei der ersten Unterbrechung seiner Qualen wie Sonnenschein aufblitzte, und dessen erste Worte ein Dank waren für das wenige, was ich aus bloßer Humanität für ihn getan hatte.

Dies brachte mir zum Bewußtsein, was für ein Tropf ich war. Allein es lehrte mich auch, auf meiner Hut zu sein. So war ich denn nicht unvorbereitet auf die Bemerkung, die einer noch erschöpfenderen Prüfung, als ich sie bisher ausgehalten hatte, folgte.

»Wissen Sie auch,« sagte der junge Medlicott, »daß Sie durchaus nicht so aussehen, wie ich mir einen Geheimpolizisten vorstelle?«

»Fühle mich nur zu sehr geschmeichelt,« erwiderte ich. »Es hätte ja auch keinen Sinn, mich in diese Zivilkleidung zu stecken, wenn man mir schon von weitem meinen Beruf ansähe.«

Mit einem keuchenden Lachen beruhigte mich mein Gefährte.

»Das ist allerdings richtig,« sagte er, »und ich kann der Versicherungsgesellschaft nur gratulieren, daß sie einen Mann Ihres Standes für ihr schmutziges Geschäft gewonnen hat. Und auch mir selbst gratuliere ich,« versäumte er nicht, rasch hinzuzufügen, »daß Sie hier sind, um mir durch eine der schlimmsten Nächte, die ich seit langer Zeit gehabt habe, hindurchzuhelfen. Wie eine Blume mitten im Winter erscheinen Sie mir. Sie haben sich doch hoffentlich auch eingeschenkt? Das ist schön. Ein Abendblatt haben Sie wohl nicht zufällig mitgebracht?«

Ich versicherte, daß ich zwar eines gekauft, es aber im Zuge hätte liegen lassen.

»Wie steht es denn mit dem Wettspiel?« rief mein Asthmatiker, in seinem Stuhle auffahrend.

»Das kann ich Ihnen sagen,« antwortete ich. »Wir haben das erste Spiel gewonnen.«

»O, das weiß ich alles,« unterbrach er mich. »Ich habe schon beim Mittagessen das erbärmliche Ergebnis des ersten Spiels gelesen. Ich meine, wie viel wir im ganzen zusammengekratzt haben.«

»Wir kratzen noch immer zusammen.«

»Wirklich? Wie viele denn?«

»Über zweihundert auf sieben Wickets.«

»Wer hat denn die meisten gemacht?«

»Raffles in erster Linie. Er hatte zweiundsechzig noch vor Schluß des Spieles.«

Ein Ton der Bewunderung klang dabei aus meiner Stimme, obwohl ich sie im Bewußtsein meines Gewerbes zu unterdrücken versuchte. Allein des jungen Medlicott Begeisterung erwies sich als ein weiter Deckmantel für meine eigene; er hätte der persönliche Freund Raffles' sein können, und in seinem Entzücken kicherte er so lange, bis er von neuem pustete und schnaufte.

»Der famose alte Raffles!« stieß er in jeder Pause hervor. »Nachdem man ihn noch so spät und zum 'Bowler' gewählt hatte! Das ist ein Kricketer nach meinem Herzen! Beim Himmel, wir müssen noch einen Schluck auf sein Wohl trinken! Komisch mit diesem Asthma! Der Alkohol steigt einem nämlich ebenso wenig zu Kopf wie einem Mann mit einem Schlangenbiß, aber er erleichtert alles und hilft einem durch. Die Ärzte können Ihnen das bestätigen, obwohl sie gegen Asthma eigentlich nichts wissen. Ich habe nur einen einzigen gekannt, der einem Anfall steuern konnte. Die Dosis Amyl, die er mir gab, schmiß mich aber auch um. Auch sonst ein komisches Leiden; es hebt den Mut, denn man kann nicht über den nächsten Atemzug hinaussehen. Nichts bekümmert einen. Na, Glück auf für A. I. Raffles und daß er morgen vormittag seine Hundert erreichen möge!«

Mühsam hatte er sich zu diesem Trinkspruch in die Höhe gerappelt, während ich mein Glas sitzend leerte. Empfand ich doch einen höchst unvernünftigen Groll gegen Raffles, der sich durch seinen glänzenden Ruf als Kricketer in unser Gespräch drängte und auch jetzt wieder voraussichtlich seine Hundert machte, ohne sich um mein Schicksal den Kopf zu zerbrechen. Ein paar lumpige »Runs« hätten mir seine Besorgnis bewiesen, und mir gegenüber wäre das jedenfalls anständiger gewesen. Denn hier saß ich nun beim Glase mit dem Sohn des Hauses, das auszurauben ich hergekommen war. Ich plauderte mit ihm, reichte ihm lindernde Mittel, bewunderte seinen guten Mut und versuchte redlich, ihm seine Bürde zu erleichtern. Es war eine verteufelte Lage: wie konnte ich ihn oder die Seinigen nach all dem noch bestehlen? Und doch hatte ich mich selbst dazu gedrängt, und Raffles würde mich nie, nie verstehen!

Aber auch das war noch nicht das Schlimmste. Ich war nämlich durchaus nicht davon überzeugt, daß der junge Medlicott mir traute. Gleich zu Anfang hatte ich seinen Verdacht durchgefühlt, und nun (beim zweiten Glase, das aber auf einen Mann in seinem Zustand ja nicht einwirken konnte) gab er diesen Verdacht sogar zu. Mit dem Asthma sei es etwas Komisches, wiederholte er, es würde ihn nicht im geringsten wundern, wenn er plötzlich entdeckte, daß ich gekommen sei, die Geschenke mitzunehmen, anstatt sie zu bewachen. Ich würdigte diesen Witz indes nur einer ziemlich schwachen Anerkennung, und durch den heftigsten Anfall, den ich bis jetzt bei dem Kranken gesehen hatte, erhielt er denn auch die verdiente Strafe dafür. Das Ringen nach Luft wurde anhaltender und heftiger, und die zuvor angewandten Mittel blieben wirkungslos. Ich zündete eine Zigarette an, aber der arme Teufel war zu atemlos, um einen Zug tun zu können. Noch ein größeres Quantum Whisky hatte ich ihm eingeschenkt, allein er wies es zurück.

»Amyl – holen Sie mir Amyl!« keuchte er. »Das Büchschen auf meinem Nachttisch.«

Ich stürzte ins Nebenzimmer und kam mit einem Büchschen voll winziger Zylinder zurück, die gleich Miniaturknallbonbons in bunte Kattunstreifchen eingewickelt waren. Hastig zerbrach der Kranke eines davon über seinem Taschentuch, in das er dann sofort sein Gesicht vergrub. Scharf beobachtete ich ihn, während mir ein eigentümlicher Geruch in die Nase stieg. Die Wirkung auf den Kranken war ebenso wunderbar, als wenn man Öl auf schäumende Wogen gießt. Seine Schultern ruhten von der langen Arbeit aus, das röchelnde Keuchen verlor sich in einem raschen, aber natürlichen Atemholen, und durch das plötzliche Aufhören des Kampfes senkte sich eine unheimliche Stille auf die ganze Umgebung. Mittlerweile war das versteckte Gesicht bis zu den Ohren errötet, und als es sich endlich zu dem meinigen erhob, erschien es mir in seiner dunkeln Farbe und Ruhe fast wie eine optische Täuschung.

»Es zieht das Blut vom Herzen fort,« murmelte er, »und heilt für den Augenblick das ganze Leiden. Wenn's nur auch vorhielte! Aber eine zweite Dosis darf man ohne den Arzt nicht nehmen: eine genügt schon vollständig, um einen Vorgeschmack der Hölle zu bekommen. – Na, was gibt's? Sie horchen auf etwas. Wenn es der Schutzmann ist, so wollen wir einmal ein Wort mit ihm reden.«

Allein es war nicht der Schutzmann; nicht von außen war der Laut gekommen, den ich nach dem plötzlichen Aufhören des Ringens nach Luft erfaßt hatte. Ein Geräusch von Schritten war es im untern Zimmer. Ich ging ans Fenster und beugte mich hinaus. Unter uns schimmerte der matte Widerschein eines Lichtes aus dem anstoßenden Zimmer.

»Eines der Zimmer, wo die Geschenke aufbewahrt sind!« flüsterte Medlicott neben mir. Und während wir zurückwichen, sah ich ihm ins Gesicht, wie ich es den ganzen Abend noch nicht getan hatte.

Wie ein ehrlicher Mann sah ich ihm ins Gesicht, denn ein Wunder sollte mich noch einmal zu einem solchen machen. Der Knoten war zerhauen – unabweisbar lag mein Weg vor mir. Mir kam es schließlich nun doch zu, gerade das zu verhindern, was zu tun mich hergeführt hatte. Mein Blut hatte sich längst gegen diese Tat gesträubt; durch unvorhergesehene Umstände war sie zwar gleich von Anfang an unmöglich gemacht worden, jetzt aber durfte ich diese Unmöglichkeit nicht nur zugeben, sondern ich konnte dabei sogar ohne Skrupel sowohl an Raffles, als an den Asthmatiker denken. Ich konnte beiden gegenüber ehrlich handeln, konnte meine Diebesehre wahren und dabei doch ein Zipfelchen von jener Ehre zurückgewinnen, die ich als Mann verwirkt hatte!

So dachte ich, während wir uns Auge in Auge gegenüberstanden und gespannt auf das geringste Geräusch unter uns lauschten. Ein weiterer gedämpfter Schritt – mehr gefühlt als gehört – und von toller Aufregung gepackt, nickten wir uns gegenseitig zu. Medlicott aber war inzwischen wieder ebenso hilflos geworden, als er je gewesen; die Röte war aus seinem Gesicht verschwunden, und allein schon sein Keuchen hätte alles verdorben. So mußte ich ihm mit stummen Zeichen befehlen, zu bleiben, wo er war, und den Kerl mir allein zu überlassen. Und nun geschah es, daß es mich bei dem, was der junge Medlicott mir mit demselben schlauen Blick, der mich während unsrer Nachtwache mehr als einmal aus der Fassung gebracht hatte, zuflüsterte, abwechslungsweise heiß und kalt überlief.

»Ich habe Ihnen unrecht getan,« sagte er, die rechte Hand im Schlafrock vergrabend. »Ich dachte zuerst – doch lassen wir das – jedenfalls sah ich bald ein, daß ich unrecht hatte. Aber ich – ich hatte dies hier die ganze Zeit über in meiner Tasche.«

Dabei hätte er mir gerne seinen Revolver als eine Art Friedenspfand anvertraut, allein ich wollte nicht einmal seine Hand annehmen, sondern griff nach dem Totschläger in meiner Tasche und schlich hinaus, um mir seinen ehrlichen Händedruck zuerst zu verdienen, oder im Kampfe zu fallen. Auf dem Vorplatz zog ich Raffles' kleine Waffe hervor, schob mein rechtes Handgelenk durch die Lederschlinge und hielt den Totschläger über meiner Schulter in Bereitschaft. Hierauf ging ich, wie ich von Raffles gelernt hatte, mich dicht an der Wand haltend, hinunter.

Dabei hatte ich offenbar nicht das leiseste Geräusch gemacht, denn eine Türe stand halb offen, ein Licht brannte, und das Licht flackerte nicht einmal, als ich mich der Türe näherte. Die Zähne zusammenbeißend, stieß ich die Türe vollends auf, und vor mir stand, sein Laternchen in die Höhe haltend, der echte und gerechte Gauner.

»Spitzbube!« rief ich, und mit einem einzigen Hieb schlug ich den Kerl zu Boden. Ein gemeiner Überfall konnte das nicht genannt werden, denn gerade so wie ich war er bereit gewesen, über mich herzufallen: ich hatte nur das Glück gehabt, ihm zuvorzukommen. Trotzdem packten mich Gewissensbisse, die wohl in einem gewissen kameradschaftlichen Gefühle wurzelten, als ich über den besinnungslos daliegenden Körper gebeugt dastand und entdeckte, daß ich einen unbewaffneten Mann niedergeschlagen hatte. Nichts als die Laterne war seinen Händen entfallen: fürchterlich qualmend lag sie auf der Seite, und ihr eigentümlicher Geruch bewog mich, sie hastig aufzustellen und den Körper mit beiden Händen umzudrehen. Ob ich wohl je das unerhörte Entsetzen dieses Augenblicks vergessen werde? – Raffles war es!

Mich zu fragen, wie es möglich sei, daß er sich hier befand, dazu nahm ich mir nicht die Zeit. Wenn irgend ein Mensch auf der Welt Ort und Zeit aufheben konnte, so war es dieser bewußtlos zu meinen Füßen liegende Mann, und dieser Mann war Raffles, darüber bestand kein Zweifel. Er trug seine Vermummung, die ich jetzt sofort wieder erkannte, nun ich wußte, wer ihr unseliger Träger war. Sein Gesicht war schmutzig und kunstvoll mit einem häßlichen roten Barte verklebt, sein Anzug der gleiche, worin er den Droschken von den Londoner Bahnhöfen gefolgt war, seine Schuhe staken in dicken Socken, und ich – ich hatte ihn mit einer blutenden Kopfwunde, die mein Entsetzen bis zum Übermaß steigerte, niedergestreckt. Laut stöhnte ich auf, während ich, neben ihm niederkniend, nach seinem Herzen fühlte. – Die Antwort war ein von der Tür kommendes röchelndes Pfeifen.

»Nicht übel gemacht!« frohlockte mein asthmatischer Freund. »Ich habe alles gehört – will nur hoffen, daß meine Mutter nichts gehört hat. Wir müssen es, wenn irgend möglich, vor ihr geheimhalten.«

Ich hätte diese Mutter von Grund meines Herzens in die Hölle wünschen können, und doch sagte ich mir, während meine Hand auf der meines Freundes lag und ich ihren schwachen Pulsschlag fühlte, daß diese ganze Geschichte ihm recht geschehe. Selbst wenn ich ihm den Schädel eingeschlagen hätte, wäre es seine Schuld und nicht die meinige gewesen. Und wieder war es jener für Raffles charakteristische, fest bei ihm eingewurzelte Fehler, der mich trotz all meiner Angst so sehr verdroß: jene Manie, mich in etwas einzuweihen, und mir schließlich dann doch nicht zu trauen: während der Nacht durch halb England zu jagen, mich bei meiner Arbeit auszuspionieren – und sie schließlich doch selbst zu tun!

»Ist er tot?« keuchte der Asthmatiker teilnahmlos.

»Fällt ihm gar nicht ein!« antwortete ich mit einer Entrüstung, die ich nicht zu zeigen wagte.

»Sie müssen ihm aber doch ein Tüchtiges versetzt haben,« fuhr der junge Medlicott fort. »Wahrscheinlich haben Sie den ersten Schlag gehabt. Und das war ein Riesenglück, wenn dies hier ihm gehört hat,« fügte er hinzu, den mörderischen kleinen Totschläger aufhebend, der dem armen Raffles beinahe zu seinem eigenen Verhängnis geworden wäre.

»Sehen Sie her, Mr. Medlicott,« antwortete ich, mich in meiner hockenden Stellung zurückbeugend, »er ist nicht tot, und man kann nicht wissen, wie lange er ganz betäubt bleibt. Außerdem ist er ein kräftiger Kerl, und Sie sind nicht imstande, mir gegen ihn beizustehen. Aber Ihr Schutzmann kann ja nicht weit sein. Glauben Sie, daß Sie sich so weit erholt haben, um ihn rufen zu können?«

»Es geht mir allerdings ein bißchen besser als vorhin,« antwortete er zögernd. »Die Aufregung scheint mir gut getan zu haben. Aber wollen Sie mich nicht lieber mit meinem Revolver hier lassen, dann will ich es schon auf mich nehmen, daß er nicht entwischt.«

Allein mit einem ungeduldigen Lächeln schüttelte ich den Kopf.

»Das würde man mir nie verzeihen,« sagte ich. »Nein, dann bleibt mir nichts andres übrig, als bis zum Morgen zu warten und dem Burschen, wenn er mir nicht gutwillig folgen will, Handschellen anzulegen. Er wäre übrigens ein Narr, wenn er sich fügte, so lange ihm die Möglichkeit bleibt, sich zu wehren.«

Nachdenklich schaute der junge Medlicott von seinem Posten an der Türschwelle die Treppe hinauf. Ich versagte es mir zwar, ihn allzuscharf zu beobachten, wußte aber trotzdem, was er im Schild führte.

»Ich werde jetzt gehen,« sagte er hastig, »so wie ich bin, ehe meine Mutter gestört wird und zu Tode erschrickt. Überdies stehe ich noch in Ihrer Schuld und zwar nicht nur wegen dessen, was ich sinnloserweise zuerst von Ihnen gedacht hatte. Ihnen allein verdanke ich es, daß mir augenblicklich so erträglich zu Mut ist, und ich will Ihrem Winke folgen, ehe meine armen dummen Lungen wieder eine andre Tonart anschlagen.«

Ich schaute kaum auf, bis der gute Bursche dem Schlußtableau, das einen wachsamen Beamten und einen zu Boden gestreckten Gefangenen darstellte, den Rücken gekehrt hatte und pustend in die Nacht hinausgegangen war. Dann aber stand ich im Nu an der Türe und horchte, bis er den Pfad hinunter und um die Hausecke gegangen war. Als ich dann ins Zimmer zurückstürzte, saß Raffles mit gekreuzten Beinen auf dem Boden und schüttelte seinen zerschlagenen Kopf, während er das Blut abtupfte.

»Also du, Bunny!« stöhnte er. »Mein eigener trauter Freund!«

»So warst du also gar nicht betäubt?« rief ich. »Gott sei Dank!«

»Natürlich war ich betäubt, und dein Verdienst ist es nicht, daß mir nicht der Schädel zertrümmert wurde. Unglaublich, daß du mich in der Ausrüstung, die du doch mehr als dutzendmal gesehen hast, nicht erkanntest! Du hast mich aber eben auch gar nicht angesehen, mir nicht einmal Zeit gelassen, den Mund aufzutun. Ich war im Begriff, mich ganz gemütlich von dir einstecken zu lassen! Arm in Arm wären wir miteinander fortgegangen. Nun sitzen wir fester denn je in der Klemme, obwohl du dich recht hübsch des alten Blasbalgs entledigt hast. Nun müssen wir verteufelt schnell verduften.«

Raffles hatte sich während seines Gemurmels aufgerichtet, und ich war ihm bis zu der in den Garten gehenden Türe gefolgt, wo er mit dem Schlüssel hantierte, nachdem er seine Laterne ausgeblasen und sie mir eingehändigt hatte. Allein obwohl ich Raffles auch jetzt wieder folgte, wie es meine Natur nun einmal gebot, war ich doch viel zu ärgerlich, um ihm noch einmal zu antworten. Und so vergingen einige Minuten, die zwar eine aufregende Seite füllen könnten, die aber für diejenigen, die Raffles kennen und mich mit in den Kauf genommen haben, nichts Neues boten. Es genüge, wenn ich sage, daß wir eine verschlossene Türe hinter uns und den Schlüssel auf der Gartenmauer zurückließen, und daß diese Türe die erste eines halben Dutzends war, die wir stürmten, ehe wir in einen Nebenweg einbogen, der uns zu einem weiter oben über das Stauwasser führenden Steg brachte. Als wir uns auf diesem Steg umschauten, lagen die Häuser längs des Ufers noch immer in Ruhe und Dunkelheit.

Da ich meinen Raffles so gut kannte, war ich auch nicht überrascht, als er plötzlich unter dem einen Ende des Brückchens verschwand und mit Überzieher und Klapphut, die er auf dem Herweg hier versteckt hatte, zurückkehrte. Die dicken Socken wurden von seinen Lackstiefeln gestreift, die zerlumpten Hosen von einem Paar Salonbeinkleider geschält, Blutspuren und Bart am Wasser entfernt, und der ganze Raffles in kürzerer Zeit, als die Beschreibung in Anspruch nimmt, weißgewaschen. Allein dies genügte Raffles nicht einmal; auch ich wurde verwandelt, und zwar dadurch, daß er mir seinen Radmantel über meinen Überzieher hing und mir sein Tuch um den Hals schlang.

»Und nun wird es dich freuen zu hören,« sagte er, »daß um drei Uhr zwölf ein Zug von Surbiton abfährt, den wir sogar auf allen Vieren noch erreichen könnten. Wenn dir's recht ist, gehen wir jeder für sich, obwohl meiner Ansicht nach jetzt nicht die geringste Gefahr mehr besteht. Ich fange sogar an, mich zu fragen, was wohl aus dem alten Blasbalg geworden sein mag.«

Auch ich tat das, und zwar mit nicht geringer Teilnahme, bis ich seine Abenteuer und unsre eigenen in der Zeitung las. Es scheint, daß er einen mutigen Anlauf nach der Straße genommen hatte, dort aber durch die plötzliche Unfähigkeit, sich auch nur einen Zoll breit weiterzubewegen, für seine Unbesonnenheit büßen mußte. Er hatte dann offenbar zwanzig Minuten gebraucht, um sich zu den verschlossenen Türen zurückzuschleppen, und weitere zehn, um die Hausbewohner wachzuklingeln. Seine Beschreibung meines persönlichen Aussehens, wie sie in den Zeitungen wiedergegeben wurde, ist das einzige, was mich mit dem Gedanken an seine während dieser halben Stunde ausgestandenen Qualen aussöhnt.

Zur Zeit aber erfüllten mich ganz andre Gedanken, die mir so nahe gingen, daß ich sie nicht mit dürren Worten ausdrücken kann, denn auch für mich war es eine bittere Stunde. Meine selbst begehrte Aufgabe war nicht nur mißlungen, sondern ich hatte meinen guten Kameraden sogar fast umgebracht. Mit Freund und Feind hatte ich es gut gemeint und doch schließlich beiden gegenüber schändlich gehandelt. Wohl war es nicht mehr meine Schuld, aber ich wußte, wieviel meine Schwäche zum Ganzen beigetragen hatte. Und nun mußte ich dem Manne folgen, der allein alle Schuld trug, der zweihundert Meilen weit hergereist war, um sich diesen letzten Beweis meiner Schwäche und Unfähigkeit zu verschaffen, sie mir zum Bewußtsein zu bringen und unfern vertraulichen Verkehr von dieser Nacht an unerträglich zu machen. Bis Surbiton mußte ich allerdings mit ihm gehen, aber zu sprechen brauchte ich wenigstens nicht. Durch ganz Ditton an der Themse hatte ich seine Scherze unbeachtet gelassen. Auch als wir dem Flußufer entlang dem Bahnhof zugingen und er seinen Arm unter den meinigen schob, blieb ich noch immer stumm wie ein Fisch.

»Na, sei vernünftig, Bunny,« sagte er endlich. »Schließlich bin doch ich derjenige, der alles in allem genommen am meisten hat ausstehen müssen, und ich will gerne als erster einräumen, daß ich es verdient habe. Du hast mir den Kopf blutig gehauen, noch kleben mir die Haare zusammen, und was für eine Mär ich in Manchester erfinden, oder wie ich überhaupt dort weiterspielen soll, weiß ich wirklich noch nicht. Trotzdem mache ich dir keine Vorwürfe, Bunny, sondern nur mir selbst. Wäre es nicht zu arg, wenn ich zu allem hin auch noch deine Verzeihung verscherzt hätte? Ich gebe zu, daß ich unrichtig gehandelt habe, aber, mein lieber Junge, es geschah einzig und allein um deinetwillen.«

»Um meinetwillen!« wiederholte ich bitter.

Raffles war edelmütiger: er ließ meinen Ton unbeachtet.

»In Sorge war ich um dich – offen gestanden in Sorge!« fuhr er fort. »Ich konnte mich der Angst nicht erwehren, du möchtest irgendwie in Schlamassel geraten. Nicht daß ich deinem Mut mißtraut hätte, mein lieber Bunny, sondern gerade dein Mut ließ mich für dich zittern. Ich konnte den Gedanken an dich einfach nicht loswerden. Wohl tat ich mit, wenn ›Runs‹ von mir verlangt wurden, aber ich gebe dir mein Wort, daß du mir weit mehr am Herzen lagst, und gerade deshalb habe ich wahrscheinlich solches Glück gehabt. Hast du es denn nicht in den Zeitungen gelesen, Bunny. Es sind die höchsten ›Innings‹, die ich bis jetzt in meinem Leben gemacht habe.«

»Ja,« sagte ich, »ich sah, daß du zum Schluß des Spiels gewonnen hattest,« antwortete ich. »Aber ich glaube nicht, daß du es wirklich selbst warst, sondern daß du vielmehr einen Doppelgänger hast, der für dich Kricket spielt.«

Und vorläufig schien dies auch wirklich weniger unglaublich als die Tatsache.

»Du scheinst deine Zeitung nicht sehr sorgfältig gelesen zu haben,« sagte Raffles zum erstenmal mit einem Anflug von Gereiztheit im Tone. »Wegen Regens mußte schon vor fünf Uhr mit Spielen aufgehört werden. In London soll es ein schwüler Tag gewesen sein, in Manchester aber ging das Wetter nieder, und schon nach zehn Minuten stand der Spielgrund unter Wasser. Meiner Lebtag hab' ich so etwas nicht gesehen. Es war nicht die Spur von einer Möglichkeit, das Wicket noch einmal anzugreifen. Ohne mir klar zu machen, was ich tat, hatte ich mich umgezogen. Erst auf dem Wege zum Hotel, wohin ich allein zurückfuhr, weil ich in meiner Angst um dich mit keiner Seele sprechen konnte, folgte ich der Eingebung des Augenblicks und befahl dem Kutscher, mich lieber gleich auf den Bahnhof zu bringen, und noch ehe ich Zeit gefunden hatte, mir meine Handlungsweise zu überlegen, saß ich im davonrollenden Speisewagen. Ich weiß aber auch wirklich nicht, ob von all den tollen Streichen, die ich ausgeführt habe, dieser hier nicht der allertollste war.«

»Es war dein großartigster!« sagte ich leise, denn ich verwunderte mich jetzt noch mehr über den Impuls, der Raffles zu dieser Tat getrieben hatte, und über die damit verbundenen Umstände, als über die Tat selbst.

»Der Himmel weiß,« fuhr er fort, »was sie in Manchester über mich sagen werden! Aber was können sie schließlich sagen? Was geht es sie an? Ich war dort, als das Spiel unterbrochen wurde, und ich werde wieder dort sein, wenn es von neuem beginnt. Wir werden gleich nach halb drei Uhr auf dem Waterloobahnhof ankommen, so daß ich mich auf meinem Wege nach der Station Euston eine Stunde im Albany und dann eine weitere Stunde in Old Trafford aufhalten kann, ehe das Spiel beginnt. Was könnte man wohl hieran auszusetzen haben? Voraussichtlich werde ich jetzt nichts Rechtes mehr leisten, aber das schadet ja nichts. Wenn nach dem Gewitter die Sonne tüchtig scheint, dann können sie meinethalben gewinnen, und je früher desto besser. Ich will ihnen aber trotz allem schon tüchtig zu schaffen machen.«

»Ich komme mit dir,« sagte ich, »und sehe dir zu.«

»Mein lieber Junge,« entgegnete Raffles, »ganz denselben Wunsch hatte ich gestern abend auch. Ich wollte dir gerne ›Zusehen‹, weiter nichts. In deiner Nähe wollte ich sein, um dir eine hilfreiche Hand leihen zu können, falls du in eine Klemme geraten solltest, was dem Klügsten unter uns manchmal passiert. Ich kannte das Terrain besser als du und brachte es einfach nicht über mich, fernzubleiben. Aber ich wollte es dich nicht merken lassen, daß ich da war. Wenn alles so verlaufen wäre, wie ich gehofft hatte, hätte ich mich einfach in die Stadt zurückgeschlichen, ohne dir je zu gestehen, daß ich in London und sogar in deiner nächsten Nähe gewesen war. Du hättest dann an dich und dein Können und an mein Vertrauen in dich geglaubt. Das übrige wäre Schweigen gewesen bis zum Grabe. So schlich ich dir auf den Waterloobahnhof nach und gab mir alle Mühe, dir unbemerkt vom Bahnhof her zu folgen. Aber du schöpftest Verdacht, daß jemand hinter dir sei; mehr als einmal standest du horchend still; so blieb ich denn zurück, überholte dich dann aber dadurch, daß ich bei Imber-Court einen kürzeren Weg über den Steg einschlug, wo ich Überzieher und Hut zurückließ. So befand ich mich tatsächlich noch vor dir im Garten. Ich sah, wie du dir deine Sullivan schmecken ließt, was mich eigentlich recht stolz auf dich machte, obwohl du so etwas künftighin besser bleiben läßt. Fast jedes Wort, das zwischen dir und dem armen Teufel oben gewechselt wurde, hörte ich. Und bis zu einem gewissen Punkt fand ich, daß du deine Rolle vollendet gut spieltest.«

Die Lichter des Bahnhofs funkelten jetzt vor uns in dem verblassenden samtweichen Schimmer der Sommernacht. Ihre Größe und Zahl wuchs, ehe ich antwortete.

»Und was war das für ein Punkt,« fragte ich endlich, »wo ich deiner Ansicht nach den ersten Fehler machte?«

»Daß du überhaupt ins Haus hineingingst,« sagte er. »Nun das einmal geschehen war, hätte ich alles genau ebenso gemacht wie du. Du konntest diesem armen Teufel gegenüber nicht anders handeln. Und ich bewunderte dich riesig, Bunny, wenn dir das jetzt ein Trost ist.«

Trost! Es hieß Wein in meine Adern gießen, denn ich wußte, daß es Raffles ernst war mit dem, was er sagte, und durch seine Augen sah ich mich selbst auch bald in glänzenderen Farben. Ich vermochte mich mit meiner nächtlichen Wankelmütigkeit auszusöhnen, da er sie mir verzieh: ich vermochte sogar einzusehen, daß ich mich in einer wirklich kitzligen Lage mit einem gewissen Grade von Anstand betragen hatte – nun Raffles so zu denken schien. Er hatte meine Ansicht über sein Vorgehen während der Nacht und über das meinige in jedem Punkte vollständig verwandelt – einen einzigen ausgenommen. Es gab etwas, das er mir wohl verzeihen konnte, von dem ich aber fühlte, daß ich es weder Raffles noch mir selbst jemals würde vergeben können. Und dies war die Kopfwunde, bei deren Anblick mich im Eisenbahnzuge schauderte.

»Wenn ich denke, daß ich – ich dir das angetan habe,« grollte ich, »daß du dich dem selbst ausgesetzt hast, und daß nun doch keiner von uns einen andern Erfolg unsrer nächtlichen Anstrengungen aufzuweisen hat! Der arme Bursche sagte, es sei eine der schlimmsten Nächte, die er je in seinem Leben gehabt habe, ich aber nenne sie die allerschlimmste, die wir beide überhaupt erlebt haben.«

Raffles lächelte unter dem Doppellichte des Wagens erster Klasse, den wir für uns allein hatten.

»Das möchte ich denn doch nicht behaupten, Bunny. Es ist uns schon schlechter gegangen.«

»Willst du damit sagen, daß du überhaupt etwas ergattert habest?«

»Mein lieber Bunny,« erwiderte Raffles, »bedenke doch, wie lange ich dieses verbrecherische Plänchen in mir herumgetragen hatte, was für ein Schlag es für mich war, die Ausführung dir übertragen zu müssen, und wie weit ich hergereist war, um mich davon zu überzeugen, daß du den Plan ganz allein, und zwar so gut als möglich ausführtest. Du weißt, wie gut ich dich verstand, und ich wiederhole dir, daß ich an deiner Stelle ganz genau ebenso gehandelt hätte. Aber ich war eben nicht an deiner Stelle, Bunny. Meine Hände waren nicht gebunden wie die deinigen. Leider aber haben die meisten Juwelen das glückliche Paar auf die Hochzeitsreise begleitet. Diese Smaragdkette ist jedoch gar nicht übel, und ich begreife die junge Frau nicht, daß sie diesen diamantenbesetzten Kamm zurückgelassen hat. Hier ist auch einer von jenen alten silbernen Spießen, wie ich mir schon seit Jahren einen gewünscht habe – er gibt den entzückendsten Brieföffner der Welt – und diese goldene Zigarettendose ist wie gemacht für deine Sullivans.«

Dies waren indes nicht die einzigen Kleinodien, die Raffles uns gegenüber auf den Polstern in funkelndem Glanze nebeneinander aufreihte. Trotzdem will ich nicht behaupten, daß dies einer unsrer reichsten Fischzüge gewesen wäre. Vielleicht liegt auch der Hauptreiz dieser Geschichte darin, daß wir zum zweiten Male den Australiern die Meisterschaft im Kricket abgewonnen hatten.

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