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Ein Dieb in der Nacht

Ernest William Hornung: Ein Dieb in der Nacht - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleEin Dieb in der Nacht
publisherVerlag von J. Engelhorn
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150218
projectidb06435f9
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Viertes Kapitel. Der Kriminologistenklub.

»Was sind denn das für Leute, Raffles, und wo kommen sie zusammen? Auf der Whitakerschen Liste steht doch kein solcher Klub.«

»Die Kriminologisten, mein lieber Bunny, sind viel zu gering an Zahl, um eines besonderen Lokals zu bedürfen, und viel zu exklusiv, um ihre Namen in Gath anzugeben. Der Klub besteht nur aus einigen Herren, die sich ernsthaft mit dem Studium des zeitgenössischen Verbrecherwesens befassen und in regelmäßigen Zwischenräumen entweder in ihren verschiedenen andern Klubs, oder in ihren Privathäusern Zusammentreffen und miteinander dinieren.«

»Aber wie in aller Welt kommen sie dazu, uns zu sich einzuladen?«

Damit schwenkte ich die Einladung, die mich stehenden Fußes ins Albany geführt hatte, in der Luft herum. Sie kam von dem hochgeborenen Grafen von Thornaby, Ritter p. p., der sich die Ehre meiner Gesellschaft zum Diner in Thornaby House, Park Lane, ausbat, wo ich mit den Mitgliedern des Kriminologistenklubs Zusammentreffen sollte. Dies war schon an und für sich eine beunruhigende Artigkeit: man denke sich also meinen Schrecken, als ich erfuhr, daß auch Raffles eingeladen war.

»Sie haben es sich in den Kopf gesetzt,« sagte er, »daß Wettkämpfe der Fluch fast allen modernen Sports seien. Vor dem professionellen Wettkämpfer zittern sie aber ganz besonders, und nun möchten sie gerne wissen, ob meine Erfahrung mit ihrer Theorie übereinstimmt.«

»So sagen sie!«

»Sie führen den Fall eines solchen Spielers an, › sus per coll.‹, sowie eine ganze Anzahl von Selbstmorden. Das schlägt ja eigentlich ziemlich in mein Fach.«

»In deines vielleicht, aber nicht in das meinige,« sagte ich. »Nein, Raffles, sie haben ein Auge aus uns beide geworfen und beabsichtigen nun, uns unter die Lupe zu nehmen, sonst wären sie doch niemals auf mich verfallen.«

Raffles lächelte über meine Bestürzung.

»Ich möchte fast wünschen, du hättest recht, Bunny! Der Spaß würde dann noch größer, als er ohnehin schon werden soll. Aber es wird dich beruhigen, wenn ich dir sage, daß ich es war, der ihre Aufmerksamkeit auf dich gelenkt hatte. Ich sagte ihnen nämlich, du seiest ein weit erpichterer Kriminologist als ich, und nun freut es mich riesig, zu hören, daß sie meinem Wink gefolgt sind und wir uns bei ihrem gruseligen Mahle treffen werden.«

»Falls ich die Einladung annehme,« antwortete ich in einem zurechtweisenden Tone, den er wohl verdiente.

»Wenn du es nicht tust,« entgegnete Raffles, »so bringst du dich um ein Abenteuer, das ganz nach unser beider Gusto sein wird. Bedenke doch, Bunny! Diese Burschen kommen zusammen, um in allen jüngst verübten Verbrechen zu schwelgen, und wir schwelgen mit ihnen, als wüßten wir nicht mehr darüber als sie selbst. Vielleicht ist es auch so, denn wenige Kriminologisten haben Sinn für ein über dem Morde stehendes Verbrechen, und ich hoffe, mir das Verdienst zu erwerben, die Diskussion auf unsre eigenen höheren Bahnen zu lenken. Dann werden sich ihre verfinsterten Gemüter zur Abwechslung auch einmal mit der feinen Kunst nächtlicher Einbrüche beschäftigen, und während darüber verhandelt wird, Bunny, können wir ihnen ihre Ansichten über unsere eigenen, edeln Persönlichkeiten entlocken. Als Autoren und Mitarbeiter werden wir unter der Blüte unsrer Kritiker sitzen und unsern eigenen Wert in ihren erfahrenen Augen lesen. Das wird ein amüsantes, wenn nicht gar ein nutzbringendes Erlebnis geben. Wenn wir dann mit dem Winde segeln, erfahren wir sicherlich alles Nötige und können unsre Rahen danach stellen, überdies werden wir auch noch ein vorzügliches Diner bekommen, wenn unser vornehmer Gast seinen europäischen Ruf nicht Lügen straft.«

»Kennst du ihn denn?« fragte ich.

»Es ist eine Art Kricketbekanntschaft, wenn Seine Herrlichkeit sie gerade anzuerkennen geruht,« erwiderte Raffles kichernd. »Aber ich weiß alles über ihn. Er war ein Jahr lang Präsident des Middlesex-Kricketklubs, und einen bessern hatten wir niemals. Er versteht etwas vom Spiel, wenn er auch, glaube ich, selbst niemals in seinem Leben gespielt hat. Überhaupt weiß er von allem etwas, ohne die Sachen persönlich getrieben zu haben. Er hat nicht einmal geheiratet, und im Hause der Lords niemals den Mund aufgetan. Trotzdem wird behauptet, es gebe keinen klügeren Kopf in der erlauchten Versammlung. Und tatsächlich hat er einmal bei uns, als die Australier das letzte Mal hier waren, eine ganz brillante Rede gehalten. Er hat alles gelesen, aber (in unsern Tagen ein großes Verdienst) niemals selbst eine Zeile geschrieben. Weit und breit ist er dafür bekannt, in der Theorie ein Walfisch, in der Praxis dagegen eine Sprotte zu sein. In Bezug auf das Verbrecherhandwerk aber sieht er mir aus, als vereinige er beides.«

Ich war nun wirklich gespannt, diesen hervorragenden Pair von Angesicht zu sehen, um so mehr, als »sich photographieren und zum Besten des Publikums ausstellen zu lassen«, offenbar auch zu dem gehörte, was er niemals tat. Ich sagte Raffles also, daß ich mit ihm bei Lord Thornaby dinieren werde, worauf er nur nickte, als hätte ich nicht einen Augenblick gezögert. Jetzt erst sehe ich, wie geschickt er mein Sträuben ignoriert hatte. Ohne Zweifel hatte er sich alles vorher ausgedacht. Während ich jetzt seine Aussprüche, den Angaben meines vortrefflichen Gedächtnisses folgend, niederschreibe, machen sie mir ganz den Eindruck des Vorherüberlegten. Man darf indes ja nicht vergessen, daß Raffles durchaus nicht so sprach, wie ich ihn in einem Buche sprechen lassen muß. Er sagte die Dinge zwar, aber nicht in so und so viel Atemzügen hintereinander weg. Vielmehr wurden sie durch Paffen an seiner unvermeidlichen Zigarette sozusagen interpunktiert, und diese Interpunktion nahm häufig die Form einer Reihe von Gedankenstrichen an, während er schweigend im Zimmer auf und ab ging. Auch war er niemals überlegter, als wenn er sich am meisten gehen zu lassen schien. Im Laufe der Zeit merkte ich das wohl; aber damals befanden wir uns noch im Anfang unsrer Bekanntschaft, wo er aber immerhin für mich schon verständlicher war, als ich je hoffen kann, ihn einem andern Wesen verständlich zu machen.

Auch kam ich gerade damals recht viel mit Raffles zusammen: ja, es war in der Tat, wenn ich nicht irre, der einzige Zeitabschnitt, da er häufiger zu mir als ich zu ihm zu kommen pflegte. Natürlich kam er dann, wie es ihm gerade paßte, häufig auch zu ungewöhnlichen Stunden, wenn ich mich anzog, um auswärts zu speisen. Ich erinnere mich, ihn manchmal bei meiner Rückkehr in meiner Wohnung vorgefunden zu haben, denn ich hatte ihm schon lange einen Gangtürenschlüssel zur Verfügung gestellt. Wir befanden uns im unwirtlichen Monat Februar, und lebhaft stehen manch trauliche Abende in meinem Gedächtnis, die wir, über alles Mögliche diskutierend, nur nicht über unsre eigenen, gesetzwidrigen Handlungen, miteinander verbrachten. In der Tat gab es aber auch gerade damals gar keine zu diskutieren. Raffles zeigte sich im Gegenteil mit einer gewissen Beflissenheit in der respektabelsten Gesellschaft, und auf seinen Rat verkehrte ich mehr denn je im Klub.

»Zu dieser Jahreszeit kann man nichts Besseres tun;« sagte er. »Im Sommer habe ich mein Kricket, wodurch ich in den Augen der Leute mit einer anständigen Beschäftigung versorgt bin. Man braucht sich ihnen nur vom Morgen bis zum Abend zu zeigen, so fällt es ihnen nicht ein, sich in der Nacht mit einem zu beschäftigen.«

Kurz unser Benehmen war so lange tadellos gewesen, daß ich am Morgen des Diners, das Lord Thornaby den Kriminologisten und einigen andern Gästen gab, ohne Beunruhigung erwachte. Mein einziger Wunsch war, unter der Ägide meines glänzenden Freundes zu erscheinen, und so hatte ich ihn gebeten, mich in seinem Wagen abzuholen. Allein fünf Minuten vor der bestimmten Stunde war noch immer nichts von Raffles oder seiner Droschke zu sehen. Wir waren auf dreiviertel acht geladen, mit der Bemerkung, daß um acht gespeist würde, und so blieb mir nichts andres übrig, als mich schließlich allein aufzumachen.

Zum Glück liegt Thornaby House so ziemlich am Ende der Straße, wo ich damals wohnte; und es erschien mir als ein weiterer günstiger Umstand, daß das Haus, wie so viele vornehme Londoner Häuser, im Quadrat um einen Hof gebaut war. Als ich nämlich gerade klingeln wollte, kam ein Hansom hinter mir her gerasselt, und in der Hoffnung, im letzten Augenblick doch noch mit Raffles zusammenzutreffen, trat ich zurück. Er war es aber nicht; ich merkte es gerade noch rechtzeitig, um mich aus der Säulenhalle zu drücken und noch ein paar Minuten im Schatten zu warten, da die andern ebenso spät daran waren als ich. Während diese andern aus dem Wagen sprangen und dann den Kutscher bezahlten, unterhielten sie sich in vernehmlichem Flüstertöne: »Thornaby hat, so viel ich hörte, mit Freddy Vereker, der nicht kommen kann, eine Wette gemacht. Gewonnen oder verloren wird sie heute abend natürlich nicht werden, aber der Betreffende denkt, er sei in seiner Eigenschaft als Kricketer eingeladen!«

»Ich glaube nicht, daß das ›Andere‹ wahr ist,« sagte eine Stimme, die ebenso rauh klang, als die erste sanft gewesen war. »Meiner Ansicht nach ist alles dummes Gewäsch. Ich möchte ja lieber das Gegenteil annehmen, kann es aber nicht.«

»Sie werden, glaube ich, finden, daß doch mehr dahintersteckt,« entgegnete der andre, während die Türe sich öffnete und die beiden verschlang.

Kraftlos ließ ich die Arme hängen. Raffles eingeladen zu einem Essen, das er so richtig ein gruseliges Mahl genannt hatte, nicht als Kricketer, sondern als verdächtigter Verbrecher! Raffles, der also die ganze Zeit über im Unrecht gewesen war, ich dagegen mit meiner anfänglichen Besorgnis ausnahmsweise im Recht! Dabei noch immer kein Raffles in Sicht – kein Raffles, den ich hätte warnen können – kein Raffles, und schon schlug es acht Uhr!

Kein Wunder, wenn ich vor der Beschreibung eines solchen Augenblicks zurückscheue, denn ich bin überzeugt, daß die schlagenden Uhren jegliche Macht des Denkens und Fühlens aus mir heraushämmerten, und daß ich meine armselige Rolle gerade wegen dieses Versagens meines intellektuellen Empfindens um so besser spielte. Andrerseits bin ich aber auch wohl zu keiner andern Stunde meines Daseins mehr empfänglich für rein objektive Eindrücke gewesen, und meine Erinnerung daran ist bis auf den heutigen Tag überraschend klar. Noch höre ich mein erregtes Klingeln an der Haustüre; ihre Flügel springen auf, und drinnen sieht es aus wie bei einer pomphaften Kirchenzeremonie. Zu beiden Seiten stehen zwei lange Reihen Lakaien in seidenen Strümpfen, und ein Haushofmeister mit dem Aussehen eines Prälaten verneigt sich, gleichsam Segen spendend, von den Stufen herab. Etwas freier atme ich auf, als ich das von Büchern eingefaßte Bibliothekzimmer erreiche, wo die wenigen anwesenden Herren alle auf dem persischen Teppich vor dem Kamin standen. Einer davon ist Raffles, der auf einen großen Mann mit der Stirne eines Halbgotts und den Augen und Backen einer degenerierten Bulldogge einspricht. Dieser Herr aber ist unser erlauchter Wirt.

Er starrte mich dummdreist an, während wir uns die Hände reichten, und überwies mich dann sofort einem hochaufgeschossenen, ungelenken Herrn, den er mit Ernst anredete, dessen Geschlechtsnamen ich jedoch niemals erfuhr. Ernst stellte mich seinerseits mit einer schüchternen, linkischen Verbeugung den beiden übrigen Gästen vor. Es waren dies die zwei Herren, die miteinander im Hansom gekommen waren, und von denen sich der eine als ein Rechtsanwalt Namens Kingsmill erwies, während ich den andern auf den ersten Blick nach den von ihm ausgestellten Photographien als den durch seine »Hinterwäldler Novellen« bekannten Schriftsteller Parrington erkannte. Die beiden boten einen vortrefflichen Gegensatz zu einander, denn der Jurist war feist und wohlgepflegt mit einem napoleonischen Gesichtsschnitt, während der Schriftsteller zu den ruppigsten Kerls gehörte, die ich je im Frack gesehen habe. Keiner von ihnen nahm viel Notiz von mir, beide aber warfen einen prüfenden Blick auf Raffles, solange ich zuerst mit dem einen, dann mit dem andern einige Worte wechselte. Gleich darauf wurde indes verkündigt, daß serviert sei, und bald hatten wir sechs unsre Plätze um einen strahlenden, in einem riesigen, dunkeln Zimmer sich fast verlierenden Tisch eingenommen.

Auf eine solch kleine Gesellschaft war ich nicht vorbereitet gewesen, und so fühlte ich mich anfangs erleichtert, denn, wie ich mir törichterweise heimlich sagte, wenn es sich zum Schlimmsten kehren sollte, so kamen wenigstens nur zwei auf einen. Allein bald sehnte ich mich nach jener Sicherheit, die das Sprichwort einer großen Anzahl zuschreibt. Wir waren viel zu wenige, als daß ein vertrauliches Gespräch mit dem Nachbar möglich gewesen wäre, wozu ich sonst meine Zuflucht hätte nehmen können, um den Gefahren einer allgemeinen Konversation zu entrinnen. Und die allgemeine Konversation ging denn auch bald in einen so schlau geplanten und so kunstvoll ausgeführten Angriff über, daß ich mir weder denken konnte, wie Raffles ihn überhaupt als einen Angriff und vollends gar als einen gegen ihn gerichteten erkennen sollte, noch wie ich ihn vor der Gefahr, die ihm drohte, warnen könnte. Ob auch ich selbst von seiten des Klubs mit einem Verdacht beehrt wurde, ist mir jedoch bis auf den heutigen Tag nicht klar. Möglich ist es immerhin: vielleicht, daß man mich nur wegen des interessanteren Wildes unbeachtet gelassen hat.

Lord Thornaby selbst feuerte schon beim Sherry den ersten Schuß ab. Er hatte Raffles zu seiner Rechten und den Hinterwäldler-Schriftsteller zur Linken; Raffles' rechte Seite war vom »Gericht« beschlagnahmt, während ich selbst zwischen Parrington und Ernst saß, der das untere Ende des Tisches einnahm und eine Art jüngerer Verwandter des vornehmen Hauses zu sein schien. Allein uns gewöhnlichen Sterblichen galt die Anrede des Lords, während er, sich zurücklehnend, uns aus seinen Augen mit den dicken Tränensäcken anblinzelte.

»Mr. Raffles«, sagte er, »erzählte mir vorhin von jenem armen Burschen, der vergangenen März gehenkt wurde. Ein großartiges Ende, meine Herren, ein großartiges Ende! Er ist ja allerdings ungalant genug gewesen, einer Dame den Hals abzuschneiden, sein eigenes Ende aber sollte trotzdem unter den ruhmreichsten, mit dem Galgen verknüpften Traditionen einen Platz finden. Bitte, Mr. Raffles, erzählen Sie den Herren die Geschichte. Sie wird ihnen ebenso neu sein, als sie es mir war.«

»Gut, ich werde sie also genau so wiedergeben, wie ich sie hörte, als ich das letzte Mal in Trent Bridge Kricket spielte; in den Zeitungen hat sie niemals gestanden,« sagte Raffles ernst. »Sie erinnern sich sicherlich der fürchterlichen Aufregung, die seinerzeit das Meisterschaftkricket drüben in Australien erregt hat. Es scheint nun, daß die Entscheidung an dem Tag erwartet wurde, der zugleich für jenen armen Burschen der letzte auf Erden sein sollte. Er aber konnte nicht eher Ruhe finden, als bis er es erfahren hatte. Wir errangen, wie Sie wissen, damals die Meisterschaft, und als der Bursche es erfuhr, meinte er, nun werde er ganz vergnügt baumeln.«

»Erzählen Sie doch auch, was er sonst noch sagte,« rief Lord Thornaby, seine kurzen, dicken Hände reibend.

»Der Geistliche machte ihm Vorwürfe darüber, daß er sich unter solchen Umständen über ein Spiel aufregen könne, und der zum Tode verurteilte Kricketer soll darauf erwidert haben: ›Na, das wird ja doch das Erste sein, was man mich jenseits des Galgens fragen wird?‹«

Die Geschichte war selbst für mich neu, aber ich hatte keine Zeit, die Pointen zu würdigen. Meine Aufgabe war es, ihre Wirkung auf die Gesellschaft zu beobachten. Ernst zu meiner Linken bog sich vor Lachen und kicherte mehrere Minuten lang. Mein andrer, von Natur empfindsamerer Nachbar zuckte zuerst zusammen und arbeitete sich dann in eine Begeisterung hinein, die ihren Höhepunkt in einem mit einem Taschenbleistift ausgeführten Angriff auf seine Hemdenmanschette fand. Auf den Rechtsanwalt Kingsmill, der Raffles ruhig anlächelte, schien mir die Geschichte indes am wenigsten Eindruck zu machen – bis er zu sprechen anfing.

»Das freut mich zu hören,« bemerkte er mit hoher, süßlicher Stimme. »Ich erwartete es nicht anders, als daß dieser Mann mutig sterben würde.«

»Wußten Sie denn damals überhaupt schon etwas von ihm?« fragte Lord Thornaby.

»Ich hatte das Schatzamt zu vertreten,« antwortete der Jurist blinzelnd. »Man könnte fast sagen, daß ich dem armen Manne den Hals maß!«

Der Hieb mußte offenbar ganz unabsichtlich versetzt worden sein, war aber deshalb nicht weniger wirksam. Lord Thornaby schielte verstohlen zu dem grausamen Anwalt hinüber, Ernst nahm erst nach einigen Augenblicken sein Kichern wieder auf und Parrington suchte nach seinem Bleistift, während ich mit meinem Weißwein kurzen Prozeß machte, obwohl es Johannisberger war. Raffles' entsetztes Gesicht aber brauchte man nur anzusehen, um zu fühlen, daß er durchaus nicht auf seiner Hut war.

»An und für sich soll der Fall nicht viel Teilnahme erregt haben,« lautete seine Bemerkung, womit er die allgemeine Stille unterbrach.

»Nicht die geringste,« stimmte der Anwalt bei.

»Das muß ein Trost für Sie gewesen sein,« sagte Raffles trocken.

»Für mich wäre es jedenfalls einer gewesen,« versicherte der Romanschreiber, während der Anwalt nur lächelte. »Dagegen wäre es mir sehr schmerzlich gewesen, wenn ich neulich, als Peckham und Solomons gehenkt wurden, die Hand im Spiel gehabt hätte.«

»Warum gerade bei Peckham und Solomons?« fragte der Lord.

»Weil sie gar nicht die Absicht gehabt hatten, jene alte Dame umzubringen.«

»Die Kerls haben sie aber doch in ihrem Bett mit ihrem eigenen Kopfkissenüberzug erdrosselt!«

»Ganz egal,« entgegnete der rohe Schriftsteller. »Es war nicht der Zweck ihres Einbruchs. Sie dachten niemals daran, ihr den Hals umzudrehen, aber die närrische alte Person schlug Lärm, und da zog eben einer der beiden ein bißchen zu kräftig an. Das nenne ich einfach ein verfluchtes Pech!«

»Für friedliche, harmlose, sich anständig betragende Diebe in der bescheidenen Ausübung ihres Berufes,« fügte Lord Thornaby hinzu. Und als er sich mit seinem aufgeblasenen Lächeln Raffles zuwandte, wußte ich, daß wir jenen Teil des Programms erreicht hatten, der bereits einer »Probe« unterzogen worden war. Man hatte offenbar genau berechnet, daß der Sekt in diesem Augenblick erscheinen sollte, und ich scheute mich nicht, meine Befriedigung über diese angenehme Zutat zu zeigen. Raffles aber belachte den Witz seiner Herrlichkeit so lebhaft und doch wieder mit einer solch natürlichen Mäßigung, daß kein Zweifel darüber bestehen konnte, daß er sich gnädig zu meiner eigenen alten Rolle herabgelassen hatte und seinerseits den Ahnungslosen deshalb so unnachahmlich gut spielte, weil er eben tatsächlich keine Ahnung hatte. Es war dies eine köstliche, am alten Raffles sich vollziehende Revanche für mich, und in meiner momentanen Freude über diese neue Situation war ich sogar imstande, mir einige der Leckerbissen am Tische dieses reichen Mannes schmecken zu lassen. Der Hammelrücken rechtfertigte reichlich seinen Platz auf dem Menu, hatte mir jedoch den Appetit für den Fasanenflügel nicht verdorben, und ich freute mich schon auf die süße Speise, als eine weitere Bemerkung des literarischen Mitglieds meine Aufmerksamkeit von den Genüssen der Tafel wieder auf die Unterhaltung lenkte.

»Aber Sie haben doch ganz gewiß«, sagte er zu Kingsmill, »auch schon viele Einbrecher ihrer Familie und ihren Freunden wiedergeschenkt?«

»Sagen wir manchen armen Burschen, der des Einbruchs verdächtigt war,« entgegnete der heitere Jurist. »Das ist nämlich nicht ganz dasselbe, ebenso wie 'viele' nicht das zutreffende Wort ist. In London befasse ich mich überhaupt niemals mit kriminalistischen Rechtssachen.«

»Das wäre nun gerade die einzige Art, die mich interessieren würde,« sagte der Romanschreiber, sein Gelee mit einem Löffel essend.

»Da stimme ich ganz mit Ihnen überein,« pflichtete unser Wirt bei. »Und wenn ich überhaupt einen Verbrecher zu verteidigen hätte, wäre mir der verwegene Einbrecher der liebste.«

»Es muß entschieden der unterhaltendste Zweig dieses Gewerbes sein,« bemerkte Raffles, während ich den Atem anhielt.

Sein Ton aber war so leicht wie ein Sommerfädchen, und sein ungezwungenes Wesen machte seiner unvergleichlichen Schauspielkunst alle Ehre. Endlich war Raffles sich einer Gefahr bewußt. Ich bemerkte, daß er den Sekt jetzt zurückwies, gerade als ich mein Glas von neuem austrank. Aber es war nicht dieselbe Art von Gefahr, die wir beide befürchteten. Raffles hatte keinen Grund, sich über eine Wendung in der Unterhaltung, die ja doch offen der Kriminologie gewidmet war, zu wundern oder zu beunruhigen. Ihm mußte dies ebenso unvermeidlich erschienen sein, als es für mich, der ich zufällig von dem angeregten Verdacht wußte, schauerlich war. Auch lag im Angriff seiner Gegner nur wenig, was ihn hätte stutzig machen können.

»Ich halte nicht viel von Mr. Sikes,« sagte der Anwalt wie jemand, der sein Stichwort erfaßt hat.

»Der ist ja aber prähistorisch,« entgegnete der Lord. »Seit den Tagen des schönen William ist viel Blut unter dem Rasiermesser geflossen.«

»Allerdings, wir haben Ruhe gehabt,« sagte Parrington, worauf er sich in solch sensationelle Einzelheiten über die letzten Augenblicke jenes Verbrechers verlor, daß ich bereits zu hoffen anfing, diese Ablenkung werde dauernd sein. Lord Thornaby aber war nicht so leicht abzulenken.

»William und Charles sind beides tote Größen,« sagte er. »Der momentane Herrscher auf ihrem Gebiet ist jener Bursche, der den Laden des armen Danby in der Bond Street ausgeplündert hat.«

Ein vielsagendes Schweigen herrschte auf seiten der drei Verschwörer, denn darüber, daß Ernst nicht in das Geheimnis eingeweiht war, zweifelte ich längst nicht mehr. Plötzlich aber drohte mir das Blut zu erstarren.

»Ich kenne ihn gut,« sagte Raffles aufschauend.

Bestürzt starrte Lord Thornaby ihn an. Das Lächeln auf dem Napoleonsgesicht des Anwalts sah zum ersten Mal während dieses Abends gezwungen aus, und unser Schriftsteller, der Käse mit dem Messer aß, hatte ein Tröpfchen Blut an seinem Schnurrbart hängen. Der leichtlebige Ernst war der einzige, der sich mit einem herzlichen Gekicher in die Lage fand.

»Was!« rief der Lord. »Sie kennen den Dieb?«

»Ich wollte, es wäre so,« antwortete Raffles lachend. »Nein, Lord Thornaby, ich meinte den Juwelier Danby. Ich gehe stets zu ihm, wenn ich ein Hochzeitsgeschenk zu machen habe.«

Ich hörte drei tiefe gleichzeitige Atemzüge, noch ehe ich selbst Atem schöpfte.

»Ein seltsames Zusammentreffen,« bemerkte unser Wirt trocken, »denn Sie kannten wohl auch die Leute in Milchester, bei denen einige Monate später Lady Melrose ihr Halsband gestohlen worden ist.«

»Natürlich, denn ich war damals gerade auch dort zu Besuch,« antwortete Raffles eifrig. Kein noch so arger Renommist hätte rascher die Gelegenheit ergreifen können, damit zu prahlen, daß er sich im Lächeln der Großen gesonnt habe.

»Unsrer Ansicht nach ist es derselbe Gauner,« sagte Lord Thornaby, der offenbar im Namen des Kriminologistenklubs sprach, einen viel milderen Ton anschlagend.

»Wenn ich ihm doch nur auf die Spur kommen könnte,« fuhr Raffles lebhaft fort, »denn er ist ein Verbrecher, der weit mehr nach meinem Geschmack ist als Ihre Mörder, die am Strick noch fluchen oder in ihrer Gefängniszelle von Kricket sprechen!«

»Wer weiß, ob er heute nicht sogar hier im Hause ist,« sagte Lord Thornaby, Raffles ins Gesicht sehend. Aber seine Haltung war die eines Schauspielers in einer unnatürlichen Rolle, der aber trotzdem entschlossen ist, sie bis zum Äußersten durchzuführen. Dabei schien er so ärgerlich, wie es selbst ein reicher Mann in dem Augenblick, da er seine Wette verliert, sein mag.

»Was für ein Spaß, wenn das wirklich so wäre!« rief der Erzähler des Wilden Westens.

» Absit omen!« murmelte Raffles mit mehr Geschmack.

»Immerhin werden Sie zugeben müssen, daß es ein günstiger Augenblick wäre,« meinte Rechtsanwalt Kingsmill. »Auch würde es mit dem Charakter jenes Mannes, so weit er bekannt ist, vollständig übereinstimmen, wenn er dem Präsidenten des Kriminologistenklubs einen Besuch abstattete und gerade den Abend dazu wählte, an dem dieser zufällig die Mitglieder des Klubs bewirtet.«

In diesem Ausfall lag nun weit mehr innere Überzeugung als in dem unsres vornehmen Wirtes. Doch schrieb ich dies mehr der geübteren Verstellungskunst des Juristen zu. Lord Thornaby aber schien von dem Weiterspinnen seiner eigenen Idee durchaus nicht entzückt, und sich mit einer gewissen Schärfe an seinen Haushofmeister wendend, der jetzt feierlich das Abnehmen des Tischtuchs überwachte, sagte er: »Leggett, lassen Sie doch oben mal nachsehen, ob alle Türen offen und die Zimmer in der gewohnten Ordnung sind. Das ist ja ein abscheulicher Gedanke, Kingsmill, den Sie – oder ich – da aufs Tapet gebracht haben,« fügte unser Lord hinzu, indem er mit einer Anstrengung, die mir nicht entging, wieder höflich zu sein versuchte. »Wir würden ja wie die reinsten Narren dastehen. Ich weiß übrigens nicht, wer uns vom blutigen Hauptstrome des Mordes in dieses Stauwasser nächtlicher Einbrüche gelockt hat. Kennen Sie De Quinceys Meisterwerk: ›Der Mord, eine Kunst‹, Mr. Raffles?«

»Ich habe es, glaube ich, einmal gelesen,« erwiderte Raffles unschlüssig.

»Sie müssen es wieder lesen,« fuhr der Lord fort. »Es ist die erschöpfende Behandlung eines interessanten Themas; und alles, was uns vielleicht noch hinzuzufügen übrig bliebe, wäre eine des Quinceyschen Textes würdige neue Illustration. – Na, Leggett?«

Keuchend stand der ehrwürdige Haushofmeister neben seinem Herrn. (Ich hatte bis jetzt nicht bemerkt, daß der Mann ein Asthmatiker war.)

»Euer Gnaden verzeihen, aber ich glaube, Euer Gnaden haben vergessen –«

Die Stimme klang rauh, aber doch hätten die vorwurfsvollen Worte kaum mit größerer Ehrerbietung ausgesprochen werden können.

»Vergessen, Leggett! Was denn vergessen, wenn ich fragen darf?«

»Vergessen, daß Euer Gnaden die Türe zum Ankleidezimmer abgeschlossen haben,« stammelte der unglückliche Leggett, der nach der Art der Kurzatmigen immer nur ein paar Silben zugleich hervorstieß. »Bin selbst oben gewesen, Euer Gnaden. Äußere Tür – innere Tür – beide verschlossen von innen!«

Mittlerweile war der vornehme Gebieter in eine noch schlimmere Verfassung geraten als sein Diener. Ein Geflecht angeschwollener Adern lag auf seiner schönen Stirne die Hängebacken waren aufgeblasen wie ein Ballon. Im nächsten Augenblick hatte er bereits seine Pflichten als Wirt vergessen und war aus dem Zimmer geeilt, und wieder einen Augenblick später hatten wir die unsrigen als seine Gäste ebenfalls vergessen und waren ihm Hals über Kopf gefolgt.

Raffles war jetzt ebenso erregt, als irgend einer von uns – ja, er übertraf uns noch alle. Der Jurist mit dem Cherubimlächeln und ich führten ein hübsches Wettrennen um den vorletzten Platz unter den Gästen auf, den ich auch schließlich gewann, während der schnaubende Haushofmeister und seine Trabanten eine ansehnliche Nachhut bildeten. Unser wenig zeremonieller Schriftsteller war indes der erste, der seine Unterstützung und seinen Rat freiwillig anbot.

»Das Einstoßen hat keinen Wert, Lord Thornaby,« rief er, »wenn mit Stemmeisen und Keilen gearbeitet worden ist. Sie können die Türe zwar zerschmettern, sie aber niemals aufsprengen. Ist vielleicht eine Leiter im Hause?«

»Eine Strickleiter für den Fall einer Feuersbrunst muß, glaube ich, irgendwo sein,« sagte der Lord unsicher, während er seine Augen prüfend über unsre Gesichter rollen ließ. »Wo wird sie aufbewahrt, Leggett?«

»William wird sie sofort holen, Euer Gnaden.«

Und wie der Blitz fuhr ein Paar strammer Waden in die oberen Regionen hinauf.

»Herunterzubringen braucht er sie nicht,« rief Parrington aufgeregt. »Er soll sie einfach über dem Zimmer des Lords heraushängen, dann werde ich hinunterklettern und zum Fenster hineinsteigen. Ich verpflichte mich, die eine oder andre der Türen im Nu zu öffnen.«

Die verschlossenen Türen standen im rechten Winkel mit dem Vorplatz, den wir vollständig ausfüllten. Grimmig lächelte Lord Thornaby uns zu, nachdem er den Schriftsteller wie einen Jagdhund von der Koppel gelassen hatte.

»Es ist nur gut, daß wir unsern Freund Parrington kennen,« sagte der Lord. »Er zeigt ja noch mehr Feuereifer und Erfahrung als ich.«

»Es ist Wasser auf seine Mühle,« bemerkte Raffles gutmütig.

»Sehr richtig! Wir werden die ganze Geschichte in seinem nächsten Roman aufgetischt bekommen.«

»Zuerst hoffe ich aber doch, bei der Gerichtsverhandlung in Old Bailey davon zu hören.«

»Es ist herzerfrischend, in einem Mann der Feder auch einen Mann der Tat zu finden.«

Es war Raffles, der zuletzt sprach, und ich muß gestehen, die Bemerkung erschien mir für ihn ziemlich trivial. Im Tone aber lag etwas, das mir speziell seltsam auffiel, und ausnahmsweise begriff ich diesmal: Parringtons Dienstfertigkeit war, ohne ernstlich verdachterregend zu sein, doch wunderbar dazu angetan, eine zuvor verdächtigte Person in wohltuenden Schatten zu stellen. Der unternehmende Bursche hatte Raffles sozusagen aus dem Bereich des Scheinwerfers gestoßen, und Dankbarkeit für diesen Dienst war es, was ich in Raffles' Stimme wahrgenommen hatte. Wie dankbar ich selbst ihm war, brauche ich nicht zu sagen. Allein mein Dankbarkeitsgefühl wurde von aufblitzenden Flammen ungewohnter Erleuchtung durchzuckt. Parrington gehörte ja zu denen, die Raffles verdächtigten, oder doch jedenfalls zu denen, die in diese Verdächtigungen eingeweiht waren. Wenn er nun auf den in diesem Hause herrschenden Verdacht gerechnet hätte? Wenn er selbst ein abgefeimter Gauner, und zwar gerade der in diesen speziellen Fall verstrickte Gauner wäre? Schon hatte ich mir meine Ansicht über ihn gebildet, und zwar so rasch, wie ich das meistens zu tun pflege, als wir ihn im Ankleidezimmer hörten. Mit einem übermütigen Aufschrei begrüßte er uns. Wenige Augenblicke später war die Türe offen, und vor uns stand Parrington, erhitzt und zerzaust mit einem Stemmeisen in der einen und einem Zentrumsbohrer in der andern Hand.

Drinnen bot sich ein Bild beredter Unordnung. Schubladen waren herausgezogen und lehnten herum, während deren Inhalt auf dem Teppich lag. Schranktüren standen offen, leere Etuis von Hemdenknöpfchen waren herumgestreut; eine in ein Handtuch gewickelte Uhr schien im letzten Augenblick auf einen Stuhl geschleudert worden zu sein. Aus der offenen Türe eines Wandschrankes aber ragte der lange Deckel eines Blechkoffers hervor, und man brauchte nur Lord Thornabys verzerrtes Gesicht hinter dem Deckel anzusehen, um zu erraten, daß der Blechkoffer, über den er sich beugte, gründlich ausgeplündert sein mußte.

»Was für eine komische Wahl!« sagte er, während ein Anflug von Humor um die Winkel seiner Bulldoggenschnauze zuckte. »Mein Pairsmantel samt Krone!«

In schicklichem Schweigen scharten wir uns um ihn. Ich dachte, unser Schriftsteller werde seine Ansicht preisgeben, allein selbst er heuchelte oder empfand ein geziemendes Entsetzen.

»Sie denken vielleicht, dies hier sei ein komischer Platz für so etwas,« fuhr Lord Thornaby fort. »Aber wo, meine Herren, würden wohl Sie Ihre ›weißen Elefanten‹ aufbewahren? Und diese hier sind wirklich schneeweiß: aber beim Himmel, in Zukunft werde ich sie besser verwahren.«

Und er erging sich in Witzen über seinen Verlust, wie keiner von uns es ihm noch wenige Augenblicke zuvor zugetraut hätte. Allein der Grund für diese plötzliche gute Laune dämmerte ein wenig später in mir empor, als wir alle die Treppe hinuntergingen und den Schauplatz des Verbrechens der Polizei überließen. Lord Thornaby hatte Raffles untergefaßt, während er mit ihm vorausging. Sein Schritt war elastischer, seine Heiterkeit nicht mehr sardonisch, sein Äußeres sogar hatte gewonnen. Ich aber erriet, was für eine Last vom gastfreundlichen Herzen unsres Wirtes genommen war.

»Ich möchte nur wünschen,« sagte er, »daß dieses Erlebnis uns mit der Identität des Herrn, über den wir beim Essen verhandelten, bekannt machte, denn alles deutet darauf hin, daß kein andrer als er es war.«

»Ja, das scheint mir auch so,« sagte der alte Raffles mit einem tollkühnen Blick auf mich.

»Ich bin fest davon überzeugt, mein lieber Herr,« rief der Lord. »Einer solchen Verwegenheit ist nur er, er ganz allein fähig. Schon die Tatsache, daß er mich gerade an dem Abend beehrt hat, wo ich meine Kriminologisten bewirte, ist für mich ein vollwichtiger Beweis. Das ist kein bloßer Zufall, Mr. Raffles, sondern eine wohlüberlegte Verhöhnung, die keinem andern Verbrecher in England eingefallen wäre.«

»Sie mögen wohl recht haben,« gab Raffles vernünftigerweise zu. – Wer weiß, ob ihn nicht der Ausdruck meines Gesichts dazu bewog.

»Ein weiterer Beweis dafür ist,« fuhr der Lord fort, »daß kein andrer Verbrecher der Welt einem solch köstlichen Plan durch eine solch glänzende Ausführung die Krone aufgesetzt hätte. Ich bin überzeugt, daß der Herr Polizeiinspektor mit uns übereinstimmen wird.«

Der leitende Polizist hatte nämlich, während der Lord noch sprach, angeklopft und war im Bibliothekzimmer erschienen.

»Ich hörte nicht, was Euer Gnaden sagten.«

»Ich meinte nur, daß der Täter dieses drolligen Gewaltstreichs kein andrer sein könne als der elegante Gauner, der vor zwei Jahren Lady Melroses Halsband und das halbe Warenlager des armen Danby gestohlen hat.«

»Ich glaube, daß Euer Gnaden den Nagel auf den Kopf getroffen haben.«

»Der gleiche Mann, der die Thimblelyschen Diamanten geraubt und sie, wie Sie wissen, Lord Thimblely zurückerstattet hat.«

»Vielleicht, daß er mit Euer Gnaden dasselbe beabsichtigt.«

»Das glaube ich denn doch nicht. Ich will aber ganz gewiß nicht über meine verschüttete Milch jammern, sondern gönne dem Burschen von Herzen all das, was er in der kurzen Zeit an sich zu raffen vermocht hat. – Etwas Neues oben?«

»Ja, Euer Gnaden. Der Diebstahl ist zwischen ein viertel und halb neun Uhr ausgeführt worden.«

»Woher in aller Welt wissen Sie denn das?«

»Die in ein Handtuch gewickelte Uhr war um acht Uhr fünfzehn stehen geblieben.«

»Haben Sie meinen Diener schon verhört?«

»Ja, Euer Gnaden. Er befand sich bis beinahe ein viertel nach acht in den Zimmern von Euer Gnaden, und als er sie verließ, war alles in bester Ordnung.«

»So glauben Sie also, daß der Einbrecher sich im Hause versteckt hatte?«

»Das ist nicht mit Bestimmtheit festzustellen, Euer Gnaden. Jedenfalls aber ist er jetzt nicht mehr hier, denn er könnte nur im Schlaf- oder Ankleidezimmer von Euer Gnaden sein, und diese beiden haben wir Zoll für Zoll untersucht.«

Nachdem sich der Inspektor, seinen Helm streichelnd, zurückgezogen hatte, wandte der Lord sich wieder uns zu.

»Ich riet ihm nämlich, diese Punkte zuerst festzustellen,« sagte er, nach der Türe deutend, »denn ich hatte allen Grund, anzunehmen, mein Diener habe seine Pflichten oben vernachlässigt. Es freut mich nun, zu hören, daß ich mich hierin geirrt habe.«

Auch ich hätte mich über meinen Irrtum freuen sollen, denn meine Verdächtigungen unsres diensteifrigen Schriftstellers hatten sich als ebenso sinnlos erwiesen wie sein Benehmen. Dem Manne selbst grollte ich ja nicht, trotzdem aber empfand ich in meinem menschlichen Herzen eine gewisse unklare Enttäuschung. Meine Vermutung hatte zwar durch die Art, wie er sich bis zu dem Augenblick benahm, da er uns Eintritt ins Ankleidezimmer verschaffte, noch an Farbe gewonnen. Dieses Benehmen aber war dann ganz plötzlich vom Heiter-Vertraulichen ins Gekränkt-Mürrische übergegangen, und erst jetzt erinnerte ich mich gerechterweise daran, daß Lord Thornaby, nachdem diese Vertraulichkeiten, so lange ihm dadurch ein Dienst erwiesen wurde, geduldet, sie aber in dem Augenblick durch einen unbarmherzigen Rüffel zurückgewiesen hatte, als dieser Dienst gut und vollständig geleistet war.

Allein ebenso wie Parrington in meinem Herzen entlastet war, so war auch Raffles in der Meinung derjenigen, die eine weit ernstere und gefährlichere Voraussetzung gehegt hatten, rehabilitiert. Durch einen wunderbaren Zufall, durch ein unerhört glückliches Zusammentreffen von Umständen war er in den Augen derjenigen gerade in dem Moment weißgewaschen worden, da sie sich anstrengten, ihn durch und durch zu schauen. Das Wunder aber war tatsächlich vollbracht und seine Wirkung auf jedem Gesicht zu sehen, in jeder Stimme zu hören. Ernst, der nie in das Geheimnis eingeweiht worden war, nehme ich aus: überdies schien dieser fröhliche Kriminologist durch seine erste Erfahrung auf dem Verbrechergebiete entschieden erschüttert zu sein. Die drei andern aber wetteiferten miteinander, das wieder gut zu machen, was sie gefehlt hatten. So hörte ich, wie der Rechtsanwalt Kingsmill Raffles eine Zeit angab, wo dieser ihn am besten in seiner Amtswohnung abholen könne, und wie er ihm für jeden ihn interessierenden Fall einen Platz im Sitzungssaal versprach. Parrington schwatzte etwas von einer Dedikation seiner sämtlichen Werke und versöhnte durch diese Ehrung Raffles' zugleich unsern Wirt. Was Lord Thornaby selbst anbetrifft, so schlug tatsächlich der Name »Athenäumklub« an mein Ohr: Ich hörte auch, wie er Raffles eine Empfehlung an seine Bekannten des Komitees in Aussicht stellte und, wenn ich nicht irre, über § 2, den Aufnahmeparagraphen, mit ihm sprach. Allein die beiden Herren hatten die Köpfe zu nahe zusammengesteckt, als daß ich das letztere beschwören könnte.

Die Polizei war immer noch in den oberen Zimmern beschäftigt, als wir nach verschiedenen Richtungen auseinandergingen, und mit Mühe und Not brachte ich es fertig, Raffles mit mir in meine Wohnung hinaufzuschleppen, trotzdem diese, wie bereits erwähnt, nur um die Ecke lag. Er gab schließlich nach, weil er es für weniger gefährlich hielt, dort über den Einbruch zu sprechen als auf der Straße. In meiner Wohnung erzählte ich ihm denn auch sofort von der Gefahr, in der er geschwebt, und von meinem eigenen Dilemma, von den wenigen Worten, die ich vor dem Diner aufgeschnappt, und von dem dünnen Eis, auf dem er sich bewegt hatte, ohne einzubrechen. Für ihn sei das alles ja recht schön gewesen, da er nichts von der Gefahr geahnt habe, aber er solle doch bedenken, was ich ausgestanden hätte, der ich alles hörte, beobachtete und doch unfähig war, einen Finger zu rühren, unfähig, ihm ein einziges warnendes Wort zuzuflüstern.

Raffles ließ mich ausreden; aber ein schwerer Seufzer folgte dem letzten tiefen Zuge aus einer Sullivan, die er ins Feuer warf, ehe er zu antworten begann.

»Nein, danke, keine mehr; ich will jetzt auch reden, Bunny. Glaubst du wirklich, ich hätte diese eingebildeten Narren nicht von Anfang an durchschaut?«

Ich weigerte mich indes rundweg, zu glauben, daß er schon vor diesem Abend etwas geahnt habe. Warum er mir dann nichts von seiner Idee gesagt habe? Ich sei ja doch auf einer ganz andern Fährte gewesen. Empört rief ich es Raffles ins Gedächtnis zurück. Er werde doch nicht von mir verlangen, ich solle glauben, er stecke seinen Kopf nur zum Zeitvertreib in den Rachen des Löwen? Und was für einen Sinn hätte es vollends gehabt, mich mit hineinzuziehen, damit ich mir diesen Zeitvertreib ansähe?

»Ich hätte dich nötig haben können, Bunny, und es hat auch nicht viel dazu gefehlt.«

»Wegen meines Gesichts?«

»Es hat mir bis jetzt noch immer Glück gebracht und mir auch heute mehr Zuversicht eingeflößt, als du mir vielleicht jetzt glaubst. Deine Gegenwart spornt mich mehr an, als du denkst.«

»Also dein Galeriepublikum und Souffleur in einer Person?«

»Famos ausgedrückt, Bunny! Aber es handelte sich bei mir durchaus um keinen Spaß, mein Junge, sondern um ein höchst gewagtes Geschäft. Jeden Augenblick hätte ich genötigt sein können, deine Hilfe anzurufen, und das Bewußtsein, daß ich nicht vergebens gerufen hätte, wollte etwas heißen.«

»Aber wozu denn, Raffles?«

»Um uns durchzuschlagen und auszukneifen,« antwortete er mit einem entschlossenen Zug um den Mund und einem hübschen, heitern Aufblitzen seiner Augen.

Ich fuhr aus meinem Stuhle auf.

»Du willst doch nicht sagen, du habest eine Hand mit im Spiele gehabt?«

»Meine Hand war die einzige, mein lieber Bunny.«

»Unmöglich! Du saßest zur kritischen Zeit ja mit am Tisch. Nein, irgend einen andern Spießgesellen hattest du dir eingetan, was ich überhaupt von jeher vermutet habe.«

»Einer ist reichlich genug, Bunny,« sagte Raffles trocken, indem er sich in seinen Stuhl zurücklehnte und wieder nach einer Zigarette griff. Und auch ich nahm eine zweite aus seinem Etui an, denn Raffles gegenüber ärgerlich zu werden, half ja doch nichts, und überdies konnte seine unglaubliche Behauptung schließlich nicht unbeachtet gelassen werden.

»Wenn du diese Geschichte wirklich auf eigene Faust zu stände gebracht hast,« fuhr ich fort, »werde ich natürlich der Letzte sein, die Mittel, wodurch du solch ein Resultat erreichtest, zu bekritteln. Du hast nicht nur eine weit überlegene Macht besiegt, die sich vorgenommen hatte, dich zu besiegen, sondern deinen Gegnern auch noch das Gefühl beigebracht, als hätten sie dir ein Unrecht angetan, so daß sie dir nun für den Rest ihrer Tage aus der Hand fressen werden. Aber verlange nur nicht von mir, daß ich glaube, du habest dies alles allein vollbracht. Beim heiligen Georg,« rief ich in plötzlicher Begeisterung, »mir ist's übrigens ganz egal, wie du's gemacht hast oder wer dir geholfen hat. Es ist das Großartigste, was du je in deinem Leben geleistet hast!«

Jedenfalls hatte ich Raffles niemals strahlender oder zufriedener mit sich selbst und der Welt und jenem Übermut näher gesehen, den er sonst gewöhnlich mir überließ.

»Wenn du jetzt tun willst, was ich dir sage, so sollst du alles haarklein erfahren.«

»Sprich, alter Bursche, und es soll geschehen.«

»Drehe die elektrischen Lichter aus.«

»Alle?«

»Ja, ich denke.«

»Gut, weiter.«

»Jetzt geh' ans hintere Fenster und ziehe das Rouleau in die Höhe.«

»Nun?«

»Ich komme zu dir. Herrlich! So spät habe ich noch nie hinausgeschaut. Es ist das einzige, noch beleuchtete Fenster im Hause.«

Die Backe an die Scheibe gelehnt, deutete er auf ein langes, bergab zwischen Ställen hinlaufendes Gäßchen und auf ein kleines beleuchtetes Viereck, das wie eine gelbe Dachluke aussah. Ich aber hatte erst das Fenster öffnen und mich hinauslehnen müssen, ehe ich jenes helle Viereck sehen konnte.

»Du wirst doch nicht behaupten wollen, das sei Thornabys Haus?« rief ich, denn ich wußte über die Aussicht aus meinen hinteren Fenstern nicht recht Bescheid.

»Doch, Kaninchen. Wirf nur mal einen Blick durch deinen Feldstecher. Er hat mir die allerbesten Dienste geleistet.«

Allein schon ehe ich das Glas eingestellt hatte, waren noch mehr Schuppen von meinen Augen gefallen. Nun wußte ich auch, warum ich Raffles während der letzten Wochen so häufig bei mir gesehen hatte, warum er meist zwischen sieben und acht Uhr abends gekommen war und mit eben diesem Fernglas vor den Augen an eben diesem Fenster gestanden hatte. Aufmerksam sah ich nun hindurch. Das einzige beleuchtete, von Raffles bezeichnete Fenster kam gaukelnd in meinen dunkeln Gesichtskreis. Ins Zimmer selbst konnte ich nicht hineinsehen, aber die Schatten der darin sich bewegenden Personen hoben sich scharf von den heruntergelassenen Rouleaus ab. Mir schien es sogar, als baumle noch immer ein schwarzer Faden über dem Lichtviereck. Es war, es mußte das Fenster sein, zu dem der unerschrockene Parrington aus dem darüberliegenden hinabgestiegen war.

»Ganz richtig!« sagte Raffles als Antwort auf meinen Ausruf. »Und dies ist auch das Fenster, das ich während der letzten Wochen beobachtet habe. Bei Tage kannst du alle auf dieser Seite des Hauses über dem Erdgeschoß liegenden Fenster sehen. Ein glücklicher Zufall will es, daß eines davon zu dem Zimmer gehört, wo sich der Hausherr in seinen Abendstaat zu werfen pflegt. Da ich es zur richtigen Zeit inspizierte, war dies nicht schwer zu entdecken. Eines Morgens, noch ehe du auf warst, sah ich, wie er rasiert wurde. Abends hält sich sein Kammerdiener noch etwas länger darin auf, um die Sachen wieder in Ordnung zu bringen, und das war der Hauptübelstand. Schließlich blieb mir nichts andres übrig, als das Privatleben des Mannes auszukundschaften und ihm dann von seinem Schätzchen aus zu telegraphieren, er möchte doch um acht Uhr zu ihr vors Haus kommen. Natürlich behauptet er, zu dieser Zeit auf seinem Posten gewesen zu sein. Das hatte ich vorausgesehen, und ich tat deshalb die Arbeit des armen Burschen vor der meinigen. Sämtliche Kleidungsstücke räumte ich auf, ehe ich mir gestattete, das Zimmer nach meiner Weise in Unordnung zu bringen.«

»Ich begreife nicht, wie du Zeit dazu finden konntest!«

»Das nahm nur eine einzige Minute mehr in Anspruch. Daß die Uhr genau auf acht Uhr fünfzehn stehengeblieben, war übrigens mein Werk für den Fall, daß man sie nachher finden sollte. Es ist allerdings ein abgedroschener Kniff, eine Uhr zu stellen und die Zeit zu ändern, aber du wirst zugeben müssen, daß es aussah, als habe man sie zum Mitfortnehmen eingewickelt. Somit waren vorerst gerade genug › prima facie‹ Beweise dafür geliefert, daß der Raub stattgefunden haben müsse, während wir alle bei Tisch saßen. In Wirklichkeit verließ Lord Thornaby sein Ankleidezimmer in der einen Minute, sein Kammerdiener folgte ihm eine Minute später, und ich betrat es in der nächsten.«

»Durchs Fenster?«

»Natürlich. Ich wartete unten im Garten. Einen Garten in der Stadt zu besitzen, ist in mehr als einer Hinsicht eine kostspielige Sache. Du kennst natürlich die Mauer und jenes hübsche alte Hinterpförtchen? Das Schloß war unter aller Kritik.«

»Aber wie war's mit dem Fenster? Es ist doch im ersten Stock, nicht wahr?«

Raffles griff jetzt nach dem Stock, den er mit seinem Überzieher abgelegt hatte. Er war aus dickem Bambusrohr mit einem polierten Ring. Diesen Ring schraubte er ab und schüttelte nun aus dem Stock eine Anzahl immer dünner werdender, zusammenhängender Stöcke heraus, genau wie bei den Angelruten der Kinder. Später entdeckte ich, daß dies tatsächlich ihr früherer Zweck gewesen war. Nun zog Raffles einen doppelten Stahlhaken heraus, der rasch ans Ende des obersten Gelenkes befestigt wurde. Hiernach machte er drei Knöpfe an seiner Weste auf, und um seine Taille geschlungen, bemerkte ich das feinste Manilaseil mit den zierlichsten, in regelmäßigen Zwischenräumen angebrachten Fußschlingen.

»Brauche ich dir nun noch mehr zu sagen?« fragte Raffles, nachdem er das Seil abgewickelt hatte. »Dieses Ende hier wird an das des Hakens befestigt, den andern Teil des Hakens kann man an einem beliebigen Gegenstand festmachen, den Stab läßt man dann ruhig herunterbaumeln, während man am Strick hinaufklettert. Natürlich muß man vorher wissen, ob etwas zum Festhaken da ist, aber ein Mann, der in seinem Ankleidezimmer eine eingelassene Porzellanwanne besitzt, ist der Richtige für mich. Die Röhren waren alle außen, und zwar gerade am rechten Platz an der Mauer befestigt. Du siehst daraus, daß ich meinen vielen nächtlichen Rekognoszierungen auch eine am Tage habe folgen lassen; es wäre ja verlorene Mühe gewesen, meine Leiter auf gut Glück herzustellen.«

»So hast du sie also extra zu diesem Zweck gemacht?«

»Mein lieber Bunny,« antwortete Raffles, während er den hänfenen Gürtel wieder um sich herumwickelte, »ich war zwar nie fürs Klettern eingenommen, habe aber immer gesagt, daß wenn ich je einmal eine Leiter benützen sollte, es die beste sein müsse, die erfunden worden ist. Diese hier kann mir noch öfter zu statten kommen.«

»Aber wie lange hast du denn zu der ganzen Geschichte gebraucht?«

»Von Mutter Erde bis wieder zu Mutter Erde! Heute abend ungefähr fünf Minuten, und eine von diesen wurde zur Arbeit eines andern verwendet.«

»Was?« rief ich, »du willst behaupten, daß du auf und ab, hinein und heraus geklettert, den Schrank und jenen Blechkoffer aufgebrochen, die Türen verkeilt und dich mit einem Pairsmantel und allem übrigen in fünf Minuten aus dem Staube gemacht habest?«

»Fällt mir nicht ein, denn das tat ich natürlich auch nicht.«

»Was soll das dann heißen, und wie hast du es denn angestellt?«

»Ich habe in der Stille der vorigen Nacht die erste Hauptprobe abgehalten und damals auch den Plunder mitgenommen. Unser vornehmer Freund schnarchte die ganze Zeit über nebenan. Und wie ich die Sache einfädelte, das mag ja, wenn du willst, zu meinen besten Leistungen gehören, denn ich nahm nicht nur alles mit, was ich zu haben wünschte, sondern ich ließ die Zimmer auch genau in dem Zustand zurück, wie ich sie angetroffen hatte, und machte als wohlerzogener Knabe alle Schächtelchen und Lädchen wieder hinter mir zu. Dies nahm natürlich viel mehr Zeit in Anspruch. Heute abend aber hatte ich nur das Zimmer ein bißchen durcheinanderzuwühlen, einige Etuis und Kästchen herumzustreuen und der Sache möglichst den Anstrich zu geben, als hätte ich jenen vermoderten Staat heute gegrapst. Dies war, wenn du es dir recht überlegst, die Quintessenz des Kniffes. Denn ich habe diesen lieben Kriminologisten nicht nur bewiesen, daß dieser Streich unmöglich von mir hat ausgeführt werden können, sondern daß noch ein andrer existieren müsse, der so etwas auszuführen imstande ist und es tatsächlich getan hat, und den sie eselhafterweise mit mir verwechselt haben.«

Man denkt sich vielleicht, ich hätte Raffles die ganze Zeit über in stummem, verzücktem Staunen angestarrt. Allein über dieses Stadium war ich längst hinaus. Wenn er mir jetzt gesagt hätte, er sei in die Bank von England oder in den Tower eingebrochen, hätte ich es nicht einen Augenblick bezweifelt. Mir wäre es ganz natürlich vorgekommen, wenn ich jetzt mit ihm in seine Wohnung im Albany gegangen wäre und den Krönungsschmuck in seiner Hutschachtel vorgefunden hätte. Ich griff auch bereits nach meinem Überzieher, als er den seinigen anzog. Raffles aber wollte an diesem Abend nichts mehr von meiner Begleitung wissen.

»Nein, mein lieber Bunny, ich lechze nach Schlaf und bin übersättigt von Aufregungen. Du glaubst es vielleicht nicht und hältst mich für ein gefühlloses Scheusal, aber jene fünf Minuten waren selbst für meinen Geschmack gar zu sehr ausgefüllt. Die Einladung lautete auf dreiviertel acht mit der Bemerkung, ›um acht wird gegessen‹, und ich gestehe dir jetzt offen, daß ich die doppelte Zeit in Rechnung genommen hatte. Aber keiner der Gäste erschien früher als zwölf Minuten vor acht, und so ließ sich auch der Lord Zeit. Ich aber wollte doch nicht gerne als allerletzter erscheinen, und tatsächlich befand ich mich auch fünf Minuten vor acht im Salon. Aber die Hetzerei war eben doch größer, als mir lieb ist.«

Das Letzte aber, was Raffles mir noch über diese Angelegenheit sagte, während er, mir zunickend, sich zum Gehen anschickte, mag auch den Schluß meiner Geschichte bilden, denn man braucht kein Kriminologist, und noch weniger ein Mitglied des Kriminologistenklubs zu sein, um das im Gedächtnis zu behalten, was Raffles mit der Pairsuniform des hochgeborenen Earl of Thornaby tat. Er tat nämlich genau das damit, was die Herren, mit denen wir zusammengewesen waren, von dem rätselhaften Dieb erwartet hatten, und er tat es in einer für ihn so charakteristischen Weise, daß er damit sicherlich auch den letzten Hauch einer Vorstellung, der Dieb und er seien ein und dieselbe Person, aus ihrem Geiste verscheuchte. Carter Patersons Speditionsgeschäft stand außer Frage, ebenso aus ersichtlichen Gründen jegliche Art von Postsendung. Raffles brachte die »weißen Elefanten« einfach im Handgepäckraum des Charing Croß-Bahnhofes unter und schickte Lord Thornaby den Gepäckschein.

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