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Ein Dieb in der Nacht

Ernest William Hornung: Ein Dieb in der Nacht - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleEin Dieb in der Nacht
publisherVerlag von J. Engelhorn
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150218
projectidb06435f9
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Drittes Kapitel. Die Erholungskur.

Ich hatte Raffles einen Monat oder länger nicht gesehen und bedurfte dringend seines Rates. Das Leben war mir durch einen Schurken, der das Pfandrecht auf die Einrichtung meiner Wohnung in der Mount Street erwirkt hatte, zur Last geworden, und nur dadurch, daß ich anderswo wohnte, konnte ich den habgierigen Kerl von meiner Türe fernhalten. Dies kostete mich aber schweres Geld, und mein Bankkonto brauchte notwendig einer Aufbesserung von seiten Raffles'. Und doch hätte er, wenn er in meiner Haut gesteckt wäre, nicht erfolgreicher verschwinden können, als er es jetzt getan hatte, und zwar sowohl von dem Weichbild der Stadt als auch aus dem Gesichtskreise aller seiner Bekannten.

Es war Ende August. Später als Juli pflegte Raffles sich nicht mehr bei erstklassigen Kricketspielen zu beteiligen; ein gutgeschulter Stellvertreter übernahm dann seinen Platz bei den »Elfen von Middlesex«. Aber auch die beiden Sportzeitungen »Field« und »Sportsman« durchsuchte ich vergebens nach den Wettspielen in der Provinz, mit denen er eigensinnig seine Saison abzuschließen wünschte. Die Wettspiele waren zwar verzeichnet, niemals aber der Zaubername A. I. Raffles. Im Albany wußte man nichts von ihm, auch hatte er weder dort, noch in einem der andern Klubs Anweisungen bezüglich seiner Briefe gegeben, und ich begann allmählich zu befürchten, es möchte ihm irgend ein Unheil widerfahren sein. Schon untersuchte ich in den illustrierten Sonntagsblättern die Gesichter der erwischten Verbrecher, doch jedesmal atmete ich erleichtert auf. Auch verlautete nichts von Einbrüchen, die eines Raffles' würdig gewesen wären. Ich will übrigens nicht leugnen, daß ich mich weniger um seinet-, als um meinetwillen beunruhigte. Immerhin aber war es eine doppelte Erleichterung für mich, als er mir zuerst wieder eines seiner so charakteristischen Lebenszeichen gab.

Ich hatte wohl zum fünfzigsten Mal im Albany nachgefragt und war in meiner gewohnten Ratlosigkeit nach Piccadilly zurückgekehrt, als ein Strolch verstohlen an mich heranschlich und mich im gemeinsten Londoner »Cockney« fragte, ob mein Name derjenige sei, der er tatsächlich ist.

»Dann ist dies für Sie,« erwiderte er auf meine Bejahung, während ich fühlte, wie mir ein zerknülltes Billettchen in die Hand gedrückt wurde.

Es kam von Raffles. Ich glättete das Stück Papier, auf dem nur ein paar mit Bleistift geschriebene Zeilen standen.

»Triff mich heute abend nach Dunkelwerden in Holland Walk. Geh so lange auf und ab, bis ich komme.

A. I. R.«

Das war alles! Keine weitere Silbe nach all diesen Wochen, und die wenigen Worte in einer häßlichen Verzerrung seiner sonst so zierlichen, eleganten Handschrift! Ein derartiges Vorgehen beunruhigte mich indes nicht mehr, denn es sah dem Raffles, den ich am wenigsten leiden mochte, ja so ganz ähnlich. Als ich dann endlich von der geheimnisvollen Epistel aufschaute, war, um meinen Verdruß vollzumachen, der ebenfalls geheimnisvolle Bote auf eine des ganzen Vorgangs würdige Weise verschwunden. An jenem Abend aber war er dann das erste Wesen, das ich unter den armseligen Bäumen von Holland Walk erblickte.

»Haben Sie ihn schon gesehen, was?« fragte er zutraulich, eine Wolke aus seiner schauderhaften Pfeife paffend.

»Nein, aber ich möchte wissen, wo Sie ihn gesehen haben,« antwortete ich ärgerlich. »Warum sind Sie denn so rasch davongelaufen, nachdem Sie mir seinen Zettel gegeben hatten?«

»Auf Befehl, auf Befehl,« lautete seine Antwort. »Werde doch kein Narr sein, etwas gegen den Willen eines solch feinen Herrn zu tun, bei dem es sich schon verlohnt, das Maul zu halten, wenn er's haben will.«

»Und wer sind denn Sie?« fragte ich eifersüchtig. »Und was haben Sie mit Mr. Raffles zu schaffen?«

»O du dummer Esel von Bunny, sei so gut und verkündige nicht ganz Kensington, daß ich in der Stadt bin!« erwiderte mein zerlumpter Strolch, indem er in die Höhe fuhr und sich als ein allerdings etwas schäbiger Raffles entpuppte. »Komm, nimm meinen Arm – ich bin nicht so unappetitlich, als ich aussehe. Aber ich befinde mich weder in der Stadt, noch in England, noch überhaupt auf der Erdoberfläche, denn außer dir weiß keine Menschenseele etwas von mir.«

»Wo bist du denn dann aber unter uns gesagt?« fragte ich.

»Ich habe mir hier in der Nähe ein Haus für die Ferien eingetan, wo ich nach meiner eigenen Verordnung eine Erholungskur gebrauchen will. Warum? O, aus vielen Gründen, mein lieber Bunny; unter andern auch, weil ich schon lange wünschte, mir den Bart stehen zu lassen; bei der nächsten Laterne wirst du zugeben müssen, daß er schon ganz nette Fortschritte macht. Und dann – du magst es nun glauben oder nicht, gibt es jetzt im Polizeihauptquartier einen schlauen Fuchs, der schon länger als mir lieb ist, heimlich ein Auge auf mich geworfen hat. Da dachte ich, es sei nun doch an der Zeit, auch eines auf ihn zu werfen, und erst heute morgen habe ich ihm vor dem Albany ins Gesicht gestarrt. Zu gleicher Zeit sah ich dich hineingehen, und da kritzelte ich rasch den Zettel, um ihn dir bei deinem Herauskommen zuzustecken. Wenn er uns nämlich miteinander hätte sprechen sehen, wäre ich sofort erkannt gewesen.«

»So mußt du also hier Verstecken spielen?«

»Ich nenne es lieber eine Erholungskur,« entgegnete Raffles, »und es ist auch wirklich nichts andres. Ich habe mir ein möbliertes Haus eingetan zu einer Zeit, wo es sonst niemand eingefallen wäre, sich eines in der Stadt zu mieten, und sogar meine Nachbarn wissen nicht, daß ich da wohne, obwohl ich sagen muß, daß die meisten verreist sind. Ich halte mir auch keinen Dienstboten, sondern besorge alles selbst. 's ist fast ein ebenso großer Spaß, als auf einer öden Insel zu hausen. Nicht daß ich mir viel zu schaffen machte, nein, ich will wirklich mal ausruhen, aber seit Jahren habe ich mich nicht mehr einer solch ernsten Lektüre hingegeben. Komische Geschichte, Bunny! Der Mann, in dessen Haus ich wohne, ist nämlich königlicher Gefängnisdirektor und sein Arbeitszimmer eine wahre Fundgrube kriminalistischer Werke. Es war ganz amüsant, seine eigene Persönlichkeit von einer bequemen Lagerstätte aus so zu sehen, wie andre Leute sie zu sehen sich einbilden.«

»Aber du machst dir doch sicher auch etwas Bewegung?« fragte ich, denn er führte mich jetzt in kräftigem Tempo durch die schattigen Seitenwege von Campden Hill, und sein Gang war so leicht und elastisch wie immer.

»Die ausgiebigste Bewegung, die ich je im Leben hatte,« antwortete Raffles, »und deiner Lebtag würdest du nicht erraten, worin die besteht. Es ist mit ein Grund, warum ich mich in dieses schäbige Zeug gesteckt habe. Ich laufe nämlich hinter Droschken her! Jawohl, Bunny, wenn's dunkel wird, schieße ich los und passe die Schnellzüge auf den Bahnhöfen von Euston und Kings Croß ab, das heißt ich lungere außerhalb herum, suche mir meine Droschke aus und laufe oft meine drei bis vier Meilen für einen einzigen Schilling oder noch weniger. Das erhält einen nicht nur in Kondition, sondern, wenn du dich recht nett benimmst, läßt man dich die Koffer sogar die Treppe hinauftragen. Bei solchen Gelegenheiten habe ich mir schon über das Innere verschiedener geräumiger Wohnungen Notizen gemacht, die im Herbst von Nutzen für uns sein werden. Faktisch, Bunny, mit diesen neuen Rowtonhäusern, meinem Bart und den auch sonst gut angewandten Ferien hoffe ich einen recht ergiebigen Herbst zu verbringen, noch ehe dieser abgefeimte Raffles nach London zurückkehrt.«

Ich fand es nun doch an der Zeit, ein Wort über meine eigenen, weit weniger befriedigenden Angelegenheiten einzuschieben. Allein ich hatte es nicht nötig, auch nur die Hälfte meiner Sorgen wiederzuerzählen. Raffles konnte zwar gelegentlich auch einmal ebensosehr mit sich selbst beschäftigt sein wie jeder andre, mir aber war seine Gesellschaft wegen dieser menschlichen Schwäche nicht weniger lieb. Schuf sie doch jenen Ausgleich, der meine Beziehungen zu einem Manne erleichterte, der so viele glänzende Eigenschaften hatte, die mir gänzlich fehlten. Aber sein Egoismus drang ihm kaum durch die Haut; er war eher wie ein Mantel, den Raffles rascher abzuwerfen vermochte, als irgend jemand meiner Bekanntschaft, was er auch jetzt mir zu beweisen nicht verfehlte.

»Ei, Bunny, das trifft sich ja großartig!« rief er. »Du mußt mit mir kommen, bei mir wohnen und dich mit mir zusammen verstecken. Nur darfst du nicht vergessen, daß es wirklich eine Erholungskur ist. Ich möchte nämlich buchstäblich ebenso ruhig weiterleben, als ich es ohne dich getan. Wie wär's, wenn wir uns sofort in so eine Art Trappistenbrüder verwandelten? Du gehst darauf ein? Gut. So höre denn: hier ist die Straße, und dies ist das Haus.«

Es war eine jener ruhigen kleinen Nebenstraßen, die von einer, den anmutigen Hügel sich hinaufziehenden größeren Straße abzweigen. Die eine Seite war durch die Gartenmauer eines häßlichen, trotzdem aber beneidenswerten, von Gärten umgebenen Herrschaftshauses eingenommen, während gegenüber eine ununterbrochene Reihe schmälerer, aber höherer Häuser lag. Beleuchtete Fenster sah man auf beiden Seiten nur ganz vereinzelt, und nicht eine einzige Menschenseele befand sich weder auf dem Trottoir noch auf dem Fahrdamm. Raffles führte mich auf eines der schmalen, hohen Häuser zu. Es lag direkt hinter einer Laterne, und ich bemerkte sofort, daß eine Ranke wilden Weins fast über die Hausstaffel herabhing und daß die Erkerfenster fest mit Läden verschlossen waren. Raffles verschaffte sich mit seinem Drücker Einlaß, und ich drängte mich hinter ihm in eine sehr schmale Vorhalle. Zwar hörte ich ihn nicht die Türe schließen, doch befanden wir uns nicht mehr im Laternenschein, während er sich jetzt seinerseits sachte an mir vorüberschob.

»Ich will ein Licht holen,« murmelte er im Weggehen; um ihn jedoch an mir vorbeizulassen, hatte ich mich gegen einige elektrische Knöpfe gelehnt, und während er mir den Rücken kehrte, probierte ich gedankenlos einen davon. Im Nu waren Halle und Treppenhaus von Licht übergossen, allein schon im nächsten Augenblick hatte Raffles sich wütend auf mich gestürzt, und alles lag wieder im Dunkeln. Nicht ein Wort hatte er gesagt, aber ich hörte seinen Atem durch die Zähne pfeifen.

Einer Erklärung bedurfte es jetzt ja auch nicht mehr. Das bloße Aufblitzen des elektrischen Lichts über ein chaotisches Zimmer, eine teppichlose Treppe und Raffles' Gesicht, als er herzusprang, um es auszudrehen, war selbst für mich genug gewesen.

»Auf diese Art hast du dir also ein Haus eingetan?« sagte ich leise. »Eingetan ist wirklich gut. Eingetan ist großartig!«

»Glaubst du vielleicht, es sei durch einen Agenten geschehen?« höhnte er. »Auf mein Wort, Bunny, ich hatte dir die Ehre angetan zu vermuten, du habest den Scherz von Anfang an durchschaut!«

»Warum solltest du dir nicht eine Wohnung eingetan haben und dafür bezahlen?«

»Warum sollte ich das, drei Meilen vom Albanyklub entfernt?« entgegnete er. »Überdies hätte man mich sonst nicht in Ruhe gelassen. Was ich dir aber über meine Erholungsstation sagte, war mir vollkommen Ernst.«

»Du wohnst also tatsächlich in einem Haus, in das du eingebrochen bist, um zu stehlen?«

»Nicht um zu stehlen, Bunny! Ich habe nicht das Geringste gestohlen. Aber ich wohne tatsächlich hier und genieße die vollkommenste Ruhe, wie sie sich ein vielbeschäftigter Mann nur wünschen kann.«

»Für mich wird es da keine Ruhe geben!«

Raffles lachte, während er ein Streichhölzchen anzündete. Zugleich war ich ihm in einen Raum gefolgt, der in einem gewöhnlichen kleinen Londoner Familienhaus als zweites Wohnzimmer benützt wird. Der Polizeidirektor aber hatte es dadurch in ein abgeschlossenes Arbeitszimmer umgewandelt, daß er die Schiebetüren mit Bücherregalen ausfüllen ließ, die ich sofort nach den von Raffles erwähnten kongenialen Werken durchforschte. Ich kam jedoch nicht weit mit meiner Prüfung, denn Raffles hatte eine Kerze angezündet, die vermittelst ihres eigenen Fettes im Kopf eines Klapphutes festgeklebt war, und diesen in dem Augenblick aufschnappen lassen, als der Docht Feuer fing. Der Lichtschein fiel dadurch aus einem ovalen Schacht auf die Zimmerdecke und ließ das übrige Zimmer fast ebenso dunkel als zuvor.

»Verzeih, Bunny!« sagte Raffles, indem er sich auf das Untergestell eines Schreibtisches, dessen oberer Teil abgenommen war, setzte und dann seine Notlaterne auf die andre Seite stellte. »Am hellen Tag, wenn es von außen nicht sichtbar ist, sollst du so viel künstliches Licht haben, als du willst. Bekommst du Lust zum Schreiben – dort drüben am Kamin lehnt der obere Teil des Schreibtisches. Eine bessere Gelegenheit, vor Unterbrechung geschützt zu sein, wirst du jedenfalls nie mehr finden. Nächtlichen Öl- oder Elektrizitätsverbrauch aber gibt es nicht. Wie du siehst, hat die letzte Arbeit der Bewohner darin bestanden, an der Innenseite der Fenster Läden anzubringen. Offenbar haben sie das Pult abgehoben, um dies bewerkstelligen zu können, ohne darauf stehen zu brauchen. Aber die verfluchten Läden reichten nicht ganz hinauf, und so würde uns der Spalt den nach hinten gelegenen Häusern verraten, wenn wir abends Licht machten. Nimm dich ja vor diesem Telephon in acht! Berührst du den Empfänger, so wissen sie beim Amt, daß das Haus nicht leer ist, und dem Oberst sähe es ganz ähnlich, wenn er ihnen aufs genaueste mitgeteilt hätte, wie lange er fortzubleiben gedenke. Er ist ein Mann der Ordnung – sieh nur die Papierstreifen, die den Staub von seinen kostbaren Büchern abhalten sollen!«

»Ist er denn Oberst?« fragte ich, da Raffles offenbar von dem abwesenden Hausherrn sprach.

»Ja; bei den Pionieren hat er gestanden,« antwortete er, »auch Ritter des Viktoriakreuzes ist er. Bei Borkers Drift hat er's bekommen. Seither Gefängnisdirektor oder Inspektor. Seine Lieblingserholung – was glaubst du wohl? Pistolenschießen! Alles Weitere kannst du in seinem eigenen ›Wer ist Wer?‹ lesen. Mit dem ist nicht gut Kirschen essen, Bunny, wenn er zu Hause ist.«

»Und wo ist er denn jetzt?« fragte ich beunruhigt. »Weißt du auch gewiß, daß er sich nicht auf dem Heimweg befindet?«

»In der Schweiz,« antwortete Raffles kichernd. »Er schrieb nämlich eine Adresse zu viel und war artig genug, sie zu unsrer Aufklärung zurückzulassen. Na, weißt du, Anfang September kommt niemand von der Schweiz zurück, und vor den Dienstboten heimzukehren, fällt ohnedies keinem Menschen ein. Erscheinen die aber, so können sie nicht herein, da ich den Heberiegel festgeklemmt habe. Die Dienstboten aber werden glauben, er habe sich von selbst festgeklemmt, und während sie dann zum Schlosser laufen, entfernen wir uns wie feine Herren – falls wir es nicht schon vorher getan haben.«

»So wie du wahrscheinlich auch hereingekommen bist?«

In dem matten Lichte, an das sich mein Auge allmählich gewöhnte, sah ich jedoch, daß Raffles den Kopf schüttelte.

»Nein, Bunny, ich bedaure, sagen zu müssen, daß ich durch das Dachfenster hereingestiegen bin. Das übernächste Haus wurde gerade angestrichen, und obwohl ich nicht für Leitern schwärme, so nimmt das doch weniger Zeit in Anspruch, als wenn man beim hellen Schein einer Straßenlaterne ein Schloß mit dem Dietrich öffnet.«

»So haben sie dir also zu allem hin auch noch einen Drücker hiergelassen?«

»Nein, Bunny. Selbst einen zu fabrizieren, so weit reicht gerade noch meine Kunst. Ich spiele hier Robinson Crusoe und nicht die Schweizerfamilie Robinson. Und nun, mein lieber Freitag, wenn du gefälligst deine Stiefel ausziehst, können wir die Insel durchforschen, ehe wir uns aufs Ohr legen.«

Die schmale Treppe war sehr steil und knarrte beängstigend, als Raffles mich mit dem einzigen, im Klapphute des Obersten steckenden Lichte hinaufgeleitete. Er blies es indes aus, ehe wir den ersten Absatz erreichten, wo ein unverhülltes Fenster nach der Rückseite der Häuser in der nächsten Straße ging, zündete es jedoch vor der Salontüre wieder an. Ich warf nur rasch einen Blick auf einen weiß eingehüllten Stutzflügel und eine Reihe goldgerahmter Aquarelle, und auf unserm Weg zum ersten Stock kamen wir dann an ein einladendes Badezimmer.

»Da will ich gleich heute abend ein Bad nehmen,« sagte ich, entzückt über einen Luxus, von dem ich in meinem letzten trübseligen Quartier nichts wußte.

»Das wirst du hübsch bleiben lassen,« fuhr Raffles mich an. »Bedenke gütigst, daß unsre Insel zu einer von feindlichen Stämmen bewohnten Gruppe gehört. Füllen kannst du das Bad ja schließlich geräuschlos, aber es läuft unter dem Arbeitszimmer ab und macht einen höllischen Lärm. Nein, Bunny, ich schöpfe jeden Tropfen Wasser aus und schütte es in den Abguß der Abwaschküche; du wirst mich also freundlichst um Rat fragen, ehe du einen Hahn aufdrehst. Hier ist dein Zimmer; halte draußen das Licht, bis ich die Vorhänge zugezogen habe; es ist das Ankleidezimmer des alten Burschen. So, nun kannst du den Lichtstumpf hereinbringen. Sieh nur, was für ein schöner Kleiderschrank und drinnen die sorgfältig aufgehängten Anzüge! Ein patenter alter Geck, wie es scheint. Schau dir mal die Stiefel auf dem Regal an und das Messingstängchen für seine Krawatten. Sagte ich dir nicht schon, er sei ein Mann der Ordnung? Glaubst du nicht, daß es ihm einen Riesenspaß machen würde, wenn er uns bei seiner Garderobe ertappte?«

»Hoffen wir, daß er dann wenigstens einen Schlaganfall bekäme!« sagte ich schaudernd.

»Ich möchte nicht darauf bauen,« meinte Raffles. »So etwas hat nur ein korpulenter Mann zu befürchten, und von uns beiden käme keiner in die Kleider hinein. Aber komm jetzt in das Staatsschlafzimmer, Bunny. Du hältst mich hoffentlich nicht für egoistisch, wenn ich es dir nicht abtrete? Da sieh her, mein Junge, da sieh her! Es ist das einzige im ganzen Haus, das ich benütze.«

Ich war ihm in ein geräumiges Zimmer mit großen, dicht verhangenen Fenstern gefolgt, während er das elektrische Licht in einer Hängelampe neben dem Bett aufgedreht hatte. Die Strahlen fielen aus einem undurchsichtigen grünen Trichter herab und warfen einen tellergroßen scharfen Lichtschein auf einen mit Büchern beladenen Tisch. Mehrere Bände von »Der Einfall in die Krim« fielen mir auf.

»Hier lasse ich den Körper ausruhen und übe den Geist,« sagte Raffles. »Längst war es ein Wunsch von mir, meinen Kinglake von A bis Z zu lesen, und nun bringe ich in einer Nacht ungefähr einen Band fertig. Das wäre ein Stil für dich, Bunny. Mir gefällt die peinliche Gründlichkeit des ganzen Werkes, und man begreift, daß es unsern ordnungsliebenden Oberst anspricht. Wie der heiße, fragtest du, Bunny? Crutchley –Oberst Crutchley, Royal Ing. und Ritter des Viktoriakreuzes.«

»Wir wollen seine Tapferkeit auf die Probe stellen,« sagte ich, mich nach unserm Inspektionsgang etwas mutiger fühlend.

»Nicht so laut auf der Treppe,« flüsterte Raffles. »Es ist nur eine Türe zwischen uns und –«

Raffles blieb plötzlich unter mir stehen und mit vollem Recht! Ein betäubender Doppelschlag hatte durch das leere Haus gehallt, und um das Maß des Entsetzens voll zu machen, blies Raffles sofort das Licht aus. Ich hörte mein Herz pochen. Beide hielten wir den Atem an. Wir befanden uns auf dem Rückwege zum ersten Treppenabsatz, und einen Augenblick lang blieben wir mäuschenstill stehen. Dann stieß Raffles einen tiefen Seufzer aus, und in der Tiefe hörte ich das Gittertor zuschlagen.

»Nur der Briefträger, Bunny! Der wird hin und wieder kommen, obgleich der Oberst offenbar seine Instruktionen beim Postamt zurückgelassen hat. Hoffentlich sagt der Alte den Pflichtvergessenen bei seiner Rückkehr ordentlich die Meinung. Ich gestehe, mir hat es doch einen Schreck eingejagt.«

»Schreck!« stammelte ich. »Ich muß absolut etwas trinken, und wenn ich darüber zu Grund gehe.«

»Mein lieber Bunny, das gehört aber nicht zu einer Kur.«

»Dann lebe wohl! Ich kann's nicht aushalten. Fühle meine Stirne an, höre mein Herz! Crusoe fand zwar eine Fußspur, aber er hörte niemals einen Doppelschlag an der vorderen Haustüre.«

»Besser mitten im Feuer stehen, als in diesem dunkeln Loch schmachten,« zitierte Raffles. »Ich muß übrigens zugeben, daß uns hier beides zu teil wird, Bunny. Trotzdem habe ich nichts als Tee im Hause.«

»Und wo machst du denn? Fürchtest du denn den Rauch nicht?«

»Im Eßzimmer ist ein Gasofen.«

»Ich möchte aber doch wahrhaftig darauf schwören, daß auch ein Keller da ist.«

»Mein lieber, guter Bunny,« sagte Raffles, »ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich nicht in Geschäften hierhergekommen bin, sondern zur Kur. Nicht um einen Pfennig sollen diese Leute hier kommen, die Unkosten für Wäsche und elektrisches Licht abgerechnet; ich beabsichtige sogar, den erforderlichen Betrag hier zurückzulassen, um beides zu decken.«

»Nun also, da Brutus solch ein ehrenwerter Mann ist, wollen wir uns eine Flasche vom Keller borgen und sie vor unserm Weggehen wieder ersetzen.«

Freundlich klopfte Raffles mir wieder auf den Rücken, und ich wußte, daß ich meinen Willen durchgesetzt hatte, was häufig der Fall war, wenn ich Mut und Entschlossenheit genug zeigte. Niemals aber hat sich einer meiner kleinen Siege so lohnend erwiesen wie dieser hier. Es war allerdings nur ein ganz kleiner Keller – eigentlich nur ein Schrank unter der Küchentreppe mit einem ärmlichen Schloß – noch war dieser Schrank übermäßig reichlich gespickt, aber ich unterschied doch einen Krug Whisky, ein Fach mit Zeltinger, ein zweites mit Bordeaux und darüber ein kürzeres mir einer kleinen Batterie vergoldeter Hälse und Korke. Raffles griff nicht nach der Tiefe, sondern prüfte die Etiketten, während ich den zusammengeklappten Hut mit dem unverhüllten Lichte hielt.

»Mumm 84!« flüsterte er. »G. H. Mumm und a. d. 1884! Ich bin, wie du weißt, zwar kein Zechbruder, Bunny, hoffe aber, daß du die Marke ebenso schätzest als ich. Es ist die einzige Flasche, die letzte in ihrem Fach, und es kommt mir eigentlich recht gemein vor, uns daran zu vergreifen: aber von dem Knicker, der das, was doch für die Menschheit bestimmt ist, in seinem Keller vergräbt, ist es noch gemeiner. Komm, Bunny, geh du voran. Dieses Baby hier ist der sorgfältigsten Pflege wert. Es würde mir das Herz brechen, wenn ihm jetzt noch etwas passierte.«

So feierten wir meinen ersten Abend in dem möblierten Hause, und ich schlief unglaublich gut, wie ich nie wieder dort schlafen sollte. Aber es war ein seltsames Gefühl, den Milchmann in aller Frühe und den Briefträger eine Stunde später die Straße entlang an die Häuser klopfen zu hören, und sowohl vom einen wie vom andern Störenfried übergangen zu werden. Ich war früh genug hinuntergegangen, um durch die Salonläden das Säubern sämtlicher Hausstaffeln mit Ausnahme der unsrigen zu beobachten. Raffles aber war offenbar schon stundenlang auf. Die Luft im Hause schien mir viel reiner als am Abend zuvor; er hatte es also offenbar fertiggebracht, ein Zimmer ums andre zu lüften, und aus dem Zimmer mit dem Gasofen kamen protzelnde Laute, bei denen mir das Wasser im Munde zusammenlief.

Ich wünschte nur, meine Feder könnte der Woche gerecht werden, die ich unter jenem Dach in Campden Hill verbracht habe! Zum Lesen wäre es vielleicht recht amüsant, die Wirklichkeit aber war für mich weit entfernt vom Reiche des Amüsanten. Nicht daß mir ein unterdrücktes Lachen verboten worden wäre, wenn Raffles und ich zusammen waren, aber die Hälfte der Zeit sahen wir überhaupt nichts voneinander. Ich brauche nicht zu sagen, wessen Schuld das war. Raffles wollte Ruhe haben; mit lächerlichem und geradezu verletzendem Ernst führte er seine lumpige Kur durch. Kinglake wollte er lesen, stundenlang beim Licht der Hängelampe, ausgestreckt im obern Stock auf dem besten Bett! Unten im Salon war es hell genug für mich, und da saß ich denn, in Kriminalgeschichten vertieft und unwillkürlich gefesselt, bis mich in meinen Socken fröstelte und schauderte. Oft sehnte ich mich darnach, irgend etwas krampfhaft Verzweifeltes zu tun, um Raffles aufzuscheuchen und uns die Straße auf den Hals zu hetzen. Einmal jagte ich ihn auch tatsächlich dadurch auf, daß ich eine einzige Taste mit niedergedrücktem Pianopedal auf dem Klavier anschlug. Denn die Art, wie er mich vernachlässigte, kam mir einfach niederträchtig vor.

Seither aber ist mir längst klar geworden, daß es nur klug von ihm war, das Schweigen auf Kosten gefahrdrohender kleiner Annehmlichkeiten aufrecht zu erhalten, und daß auch jene geheimnisvollen einsamen Ausgänge, die so viel böses Blut bei mir machten, ihre volle Berechtigung hatten. Er war weit gewandter als ich im Aus- und Einschlüpfen; aber auch wenn ich ihm an Geschicklichkeit und Vorsicht ebenbürtig gewesen wäre, hätte meine Begleitung jegliche Gefahr nur verdoppelt. Jetzt gebe ich zu, daß er mich mit gerade so viel Teilnahme behandelte, als die allgemeine Vorsicht gestattete. Damals aber nahm ich ihm sein Benehmen so übel, daß ich sogar eine kleine Rache plante.

Es ließ sich nicht leugnen, daß Raffles mit seinem üppigen Bart und der zunehmenden Schäbigkeit des einzigen Anzugs, den er augenblicklich besaß, jetzt den Vorteil einer dauernden Verkleidung hatte. Dies war eine weitere Entschuldigung, warum er mich so häufig allein zurückließ, und gerade diese beschloß ich aus dem Wege zu räumen. Als ich ihn somit eines Morgens beim Erwachen wieder einmal ausgeflogen fand, schickte ich mich an, einen Plan auszuführen, den ich bereits in meinem Geiste hatte reifen lassen. Oberst Crutchley war verheiratet; daß auch Kinder existierten, darauf wies nichts im Hause hin, um so mehr aber hatte es den Anschein, als sei seine Gattin eine Dame der großen Welt. Die Schränke ihres Zimmers waren gedrückt voll von Toiletten, und im obern Stock sah man in allen Ecken große, flache Kartons aufgeschichtet. Sie mußte eine hochgewachsene Frau sein, ich aber bin kein allzu großer Mann. Ebenso wie Raffles hatte ich mich in Campden Hill noch nicht rasiert. An diesem Morgen aber fielen meine Stoppeln unter einem leidlichen Rasiermesser, das der Oberst in meinem Zimmer zurückgelassen hatte. Hierauf durchstöberte ich die Schränke der Dame und traf meine Wahl.

Ich habe blondes Haar, das damals ziemlich lang war, und so gelang es mir, mit Mrs. Crutchleys Brennschere und einem abgelegten Haarnetz eine ziemlich üppige Frisur zu stande zu bringen. Ein großer schwarzer Hut mit einer dunkeln Feder vollendeten einen Kopfputz, der ebensowenig salonmäßig war wie mein Schlittschuhkostüm und meine Federboa. Denn die gute Dame hatte ihre Sommertoiletten natürlich alle mit in die Schweiz genommen. Dies war um so lästiger, als wir einen sehr warmen September hatten, und so war ich durchaus nicht unglücklich, als ich Raffles zurückkehren hörte, während ich gerade noch damit beschäftigt war, eine Puderschicht auf mein erhitztes Gesicht zu legen. Ich horchte einen Augenblick am Treppenabsatz. Da Raffles jedoch ins Arbeitszimmer ging, beschloß ich, meine Toilette bis ins Einzelne zu vervollständigen. Meine Absicht war, ihm erstens einmal den verdienten Schreck einzujagen und ihm zweitens zu zeigen, daß ich mich ebensogut draußen sehen lassen könne als er. Immerhin aber muß ich gestehen, daß es ein Paar Handschuhe vom Oberst waren, die ich zuknöpfte, als ich mich womöglich noch leiser als gewöhnlich ins Arbeitszimmer hinunterschlich. Das elektrische Licht brannte, wie meistens bei Tage, und darunter stand eine Gestalt, wie sie mir in meinem Verbrecherdasein kaum je fürchterlicher begegnet ist.

Man denke sich einen mageren, aber durchaus nervigen Mann, etwas über das mittlere Alter hinaus, braun und ledern wie ein Holzapfel, einen verwegenen Draufgänger, der selbst einem Raffles in seinen schlimmsten Augenblicken nichts nachgab. Es war, es konnte nur der eisenfressende, Gefängnisse inspizierende Oberst selbst sein. Auf eine Begegnung mit mir gefaßt, stand er, einen Revolver in der Hand, vor mir, den er, wie ich sehen konnte, aus einer jener verschlossenen Schubladen des Schreibtisches genommen, den aufzubrechen Raffles verschmäht hatte. Die Schublade stand offen, und ein Schlüsselbund hing am Schloß. Ein grimmiges Lächeln verzog das pergamentene Gesicht. Das eine Auge war zugeklemmt, während das andre durch das Tragen eines Monokels, das jedoch bei meinem Erscheinen an seinem Schnürchen baumelte, aufgesperrt war.

»Ein Frauenzimmer, bei Gott!« rief der alte Krieger. »Und wo ist das Mannsbild, du freche Dirne?«

Nicht ein Wort vermochte ich hervorzubringen. Aber in meinem Entsetzen und meiner Bestürzung spielte ich ohne Zweifel die Rolle, die ich angenommen hatte, so gut, wie ich es unter glücklicheren Umständen nicht annähernd gekonnt hätte.

»Nur keine Angst,« rief der alte knorrige Veteran, »ich werde dir keine Kugel durch den Leib jagen! Wenn du mir alles gestehst, so soll dir mehr Gutes als Schlimmes widerfahren. So, siehst du, ich lege das häßliche Ding weg, und – der Kuckuck soll mich holen, wenn die freche Dirne sich nicht in die Kluft meiner Frau gezwängt hat!«

Ein Hineinzwängen war allerdings nötig gewesen, und bei meiner Erregung fühlte ich diesen Zwang mehr als zuvor. Diese plötzliche Entdeckung hatte jedoch die Wut des alten Veteranen gegen mich keineswegs gesteigert. Es blitzte sogar im Gegenteil ein Schimmer von Humor durch sein glänzendes Monokel, und als der Kavalier, der er war, machte er Anstalten, seinen Revolver einzustecken.

»Na, das traf sich ja recht günstig, daß ich mal hereinguckte,« fuhr er fort. »Ich kam nur vorbei, um nach Briefen zu sehen, andernfalls hättet ihr noch eine Woche länger im Klee gesessen, übrigens habe ich gleich eure Handschrift erkannt, als ich meine Nase hereinsteckte. Nun sei aber endlich vernünftig und gestehe, wo dein Schatz sich verborgen hat.«

Ich hätte gar keinen Schatz, ganz allein sei ich hier eingebrochen. Keine Seele sei in die Sache verwickelt, noch weniger jemand im Hause außer mir. So viel stammelte ich endlich in Tönen, die zu heiser klangen, als daß sie mich sofort verraten hätten. Allein der alte Weltmann schüttelte strenge sein greises Haupt.

»Es ist ja ganz nett von dir, daß du deinen Kameraden nicht preisgibst,« sagte er. »Aber ich bin kein Waschlappen und werde dies alles natürlich nicht einfach einstecken. Wenn du also nichts sagen willst, zwingen kann ich dich nicht, dann müssen wir eben die holen lassen, die das besorgen werden.«

Im Nu hatte ich seine grausame Absicht durchschaut. Das Telephonbuch lag geöffnet auf einem der Schreibtischpostamente. Offenbar hatte er es gerade zu Rate gezogen, als er mich auf der Treppe hörte; nun warf er einen zweiten Blick hinein. Dies war eine günstige Gelegenheit für mich. Mit einer Geistesgegenwart, die bei mir etwas so Seltenes ist, daß ich wohl damit prahlen darf, stürzte ich mich auf den Apparat in der Ecke und schleuderte ihn mit meiner ganzen Kraft zu Boden. Zugleich fühlte ich mich selbst in die entgegengesetzte Ecke gewirbelt. Allein das Telephon war noch eines von der alten schwerfälligen Sorte, und ich schmeichelte mir, das empfindliche Ding für diesen Tag außer Tätigkeit gesetzt zu haben.

Mein Gegner aber nahm sich nicht einmal die Mühe, sich dessen zu versichern, sondern starrte mich im Scheine des elektrischen Lichtes seltsam an. Dabei machte er sich auf einen Angriff gefaßt, die rechte Hand in der Tasche, wo der Revolver verschwunden war. Und ich – ich griff, mir selbst kaum bewußt, nach dem ersten besten, zur Gegenwehr geeigneten Ding und schwang die Flasche, die Raffles und ich zu Ehren meines Erscheinens auf diesem verhängnisvollen Schauplatz gemeinsam geleert hatten.

»Totschießen lasse ich mich, wenn du nicht selbst der Kerl bist!« brüllte der Oberst, die bewaffnete Faust dicht vor meinem Gesicht schüttelnd. »Du junger Wolf in Schafskleidern! Hinter meinem Wein bist du natürlich gewesen! Nieder mit der Flasche – nieder sofort, oder ich werde dir einen Tunnel durch den Leib bohren. So. Bei Gott, Bürschchen, dafür sollst du mir büßen! Laß dir nicht einfallen, mich zu reizen, sonst benütze ich sofort die Gelegenheit und knalle dich nieder. Meine letzte Flasche Vierundachtziger! – Du elender Spitzbube – du freches Luder!«

Dabei hatte er mich in seinen eigenen Stuhl und in seine gewohnte Ecke hineingedrängt. Nun stand er über mich gebeugt, die leere Flasche in der einen, den Revolver in der andern Hand und Mordgier in den blaugeschwollenen Adern seines wutentbrannten Gesichts. Seine Reden auch nur anzudeuten, will ich lieber nicht unternehmen. Sein dürrer Hals schwoll an und zitterte bei all den ungeheuerlichen Wutausbrüchen. Als er die Kleider seiner Frau entdeckt hatte, da konnte er noch lächeln, die geleerte letzte Flasche seines besten Champagners aber machte ihn blutdürstig. Seine Augen waren jetzt nicht mehr zusammengekniffen: sie brauchten auch kein Monokel mehr, um offen zu bleiben, weit aufgerissen vor Wut starrten sie mich aus dem todesbleichen Gesicht an. Ich sah nichts andres, begriff nicht, wie sie plötzlich so entsetzlich weit hervorstehen konnten, versuchte auch gar nicht, es mir zu erklären. Wie ich schon sagte, ich sah nichts andres, bis – bis ich Raffles' Gesicht über der Schulter des unglücklichen Offiziers entdeckte.

Raffles war, während sich unser Wortwechsel auf dem Höhepunkt befand, ungehört hereingeschlichen, hatte eine günstige Gelegenheit abgepaßt und sich schließlich unbeobachtet von uns beiden an den Mann herangemacht. Während meine eigene Aufmerksamkeit vollständig in Anspruch genommen war, hatte er die bewaffnete Hand des Obersten gepackt und sie hinter dessen Rücken so verdreht, bis ihm die Augen aus ihren Höhlen heraustraten. Aber der alte Krieger hatte noch immer genug Kraft in sich, und noch war mir die Situation kaum zum Bewußtsein gekommen, so schlug er heimtückisch mit der Flasche nach hinten aus, daß sie an Raffles' Schienbein in Stücke sprang. Dann aber warf auch ich meine Kraft in die Wagschale, und im Handumdrehen hatten wir unfern Offizier geknebelt und in seinem Stuhl festgebunden. Aber es war keiner unsrer unblutig errungenen Siege. Raffles hatten die Glasscherben bis auf den Knochen verwundet: mit blutendem Bein hinkte er davon, während die wilden Augen des Geknebelten die feuchte Spur mit Blicken finsterer Befriedigung verfolgten.

Mir kam es vor, als hätte ich niemals einen Mann besser geknebelt und gebunden gesehen; bei Raffles aber schien mit seinem Blute auch seine Humanität davonzufließen. Er riß Tischtücher entzwei, schnitt Vorhangschnüre ab, schleppte die Tücher, womit die Möbel im Speisezimmer zugedeckt waren, herbei und verstärkte noch sämtliche Fesseln. Die Beine des armen Mannes waren an die Beine seines Stuhles, die Arme an die Armlehnen festgebunden, Schenkel und Rücken wie zusammengeschweißt mit dem Leder. Die beiden Enden seines eigenen Lineals ragten aus den sich aufblähenden Backen hervor – der mittlere Teil war vom Schnurrbart verdeckt – und der Knebel selbst unbarmherzig durch Strippen festgehalten, die hinter dem Kopf am Stuhl befestigt waren – ein Anblick, den ich auf die Dauer nicht zu ertragen vermochte, abgesehen davon, daß es mir schon vom ersten Augenblick an physisch geradezu unmöglich war, dem wilden Blick dieser unerbittlichen Augen Trotz zu bieten. Raffles aber lachte nur über meine Empfindsamkeit und warf ein Tuch über Mann und Stuhl. Allein sogar die bloßen Umrisse trieben mich aus dem Zimmer.

Es war Raffles in seiner schlimmsten Ausgabe, ein Raffles, wie ich ihn weder vorher, noch nachher gesehen – ein vor Schmerz und Wut rasender Raffles, der den Kampf der Verzweiflung kämpfte, gerade so wie jeder andre Verbrecher. Trotzdem aber hatte er weder einen brutalen Schlag ausgeführt, noch ein gemeines Schimpfwort geäußert und seinem Gegner wahrscheinlich nicht ein Zehntel der Schmerzen zugefügt, die er selber zu ertragen hatte. Es ist ja wahr, daß er sich im grassesten Unrecht, sein Gegner sich aber durchaus im Rechte befand. Nichtsdestoweniger wußte selbst ich – wenn ich das ursprüngliche Unrecht unsrer Lage zugebe, zugleich aber auch die furchtbare Gefahr, die sich für uns herausgebildet hatte, in Betracht ziehe – selbst ich wußte nicht, wie Raffles mehr Humanität mit der Rücksicht auf unsre gemeinsame Sicherheit hätte verbinden können. Und wäre seine Grausamkeit hierbei stehen geblieben, so hätte ich für meinen Teil sie nicht als eine außergewöhnliche Verschlimmerung eines an sich geringen Vergehens angesehen. Jetzt aber im hellen Tageslicht des Badezimmers, das ein Fenster aus Eisglas, aber kein Rouleau hatte, sah ich sofort die ernste Beschaffenheit von Raffles' Wunde und deren Wirkung auf ihn.

»Das wird mich einen Monat lang zum Krüppel machen,« sagte er. »Und wenn der Viktoriakreuzritter mit dem Leben davonkommt, kann die Wunde, die er mir beigebracht hat, zu meiner Überführung beitragen.«

Der Viktoriakreuzritter! Dies war in der Tat ein erschwerender Umstand für einen unlogischen Verstand wie den meinigen. Aber wie konnte man überhaupt daran zweifeln, daß er lebendig davonkommen würde?

»Natürlich wird er davonkommen!« rief ich. »Darüber dürfen wir doch nicht im Zweifel sein!«

»Hat er dir gesagt, daß er die Dienstboten oder seine Frau erwarte? Wenn das der Fall ist, dann gebe ich zu, daß wir uns schleunigst aus dem Staube machen müssen.«

»Nein, Raffles; ich fürchte, er erwartet niemand, denn er sagte mir, wenn er nicht nach Briefen gesehen hätte, wären wir noch eine Woche länger ungestört geblieben. Das ist noch das Allerschlimmste!«

Raffles lächelte indes, während er sich aus einem der Tücher einen regelrechten Verband machte, der kein Blut mehr durchließ.

»Da bin ich andrer Ansicht, Bunny,« sagte er. »Es ist sogar das Allerbeste.«

»Was? Daß er auf diese Weise zu Grunde gehen soll?«

»Warum denn nicht?«

Und mit einem harten, unbarmherzigen Blick in den klaren blauen Augen schaute Raffles mich an – mit einem Blick, bei dem mir das Blut erstarrte.

»Wenn es eine Wahl zwischen seinem Leben und unsrer Freiheit gilt, mag jeder von uns nach seinem eigenen Ermessen entscheiden. Ich für meine Person habe meine Entscheidung schon getroffen, ehe ich ihn knebelte,« sagte Raffles. »Wenn du Zurückbleiben und es ihm ermöglichen willst, sich frei zu machen, ehe er den Geist aufgibt, bedaure ich nur, so viel Mühe verschwendet zu haben. Vielleicht überlegst du dir die Sache noch einmal, während ich meine Hosen wasche und sie am Gasofen trockne. Das wird mindestens eine Stunde in Anspruch nehmen und mir gerade Zeit lassen, den letzten Band von Kinglake vollends zu lesen.«

Lange ehe er zum Fortgehen bereit war, wartete ich indes vollständig angekleidet, aber in einer Geistesverfassung auf ihn, an die ich nicht gerne zurückdenke. Ein paarmal guckte ich ins Speisezimmer hinein, wo er vor dem Ofen saß. Auch er war bereit, im nächsten Augenblick auf die Straße hinauszulaufen, aber eine Dampfwolke stieg von seinem linken Bein auf, während er, in seinen roten Band vertieft, dasaß. Im Arbeitszimmer ließ ich mich jedoch nicht wieder sehen. Raffles aber ging hinein, um verschiedene Bücher, die er herausgenommen hatte, wieder an ihren richtigen Platz zu stellen und so ein Merkmal für die Art des Mannes, der sich in diesem Hause häuslich niedergelassen hatte, zu beseitigen. Bei seinem letzten Besuch dort hörte ich ihn das Tuch rasch abnehmen, dann wartete er einen Augenblick, und als er herauskam, führte er mich mit einer Gelassenheit ins Freie, als sei das verwünschte Haus sein Eigentum.

»Wir werden beobachtet!« flüsterte ich dicht hinter ihm. »Raffles, Raffles, dort an der Ecke steht ein Schutzmann!«

»Den kenne ich ganz gut,« antwortete Raffles. Trotzdem aber wandte er sich nach der andern Seite. »Er redete mich am Montag an, und da setzte ich ihm auseinander, daß ich ein früherer Soldat vom Regiment des Obersten sei und alle paar Tage käme, um seine Wohnung zu lüften und ihm hierher verirrte Briefe nachzuschicken. Ich trug nämlich stets ein paar bei mir, die an jene Adresse in der Schweiz zurückadressiert waren, und als ich sie ihm vorzeigte, gab er sich vollständig zufrieden. Nach diesem Vorfall aber hatte es keinen Zweck mehr, an dem Briefkasten zu horchen, ob die Luft rein sei.«

Ich antwortete nicht. Diese wunderbare Schlauheit, in die mich rechtzeitig einzuweihen er sich niemals die Mühe gab, ärgerte mich zu sehr. Und ich wußte auch, warum er seinen letzten Kniff für sich behalten hatte. Da er mich nicht für gerieben genug hielt, ungefährdet aus und ein gehen zu können, hatte er die mit seinen Ausgängen verbundenen Gefahren systematisch übertrieben. Und als er mir neben diesen Kränkungen auch noch den Schimpf antat, mir über meine jüngste Verkleidung ein gönnerhaftes Kompliment zu machen, gab ich ihm wieder keine Antwort.

»Warum kommst du denn nun doch mit mir?« fragte er, nachdem ich ihm über die Hauptstraße von Notting Hill gefolgt war.

»Besser wir sinken oder schwimmen miteinander,« antwortete ich mürrisch.

»Wirklich? Nun also, ich bin im Begriff, in die Provinz zu schwimmen, mich unterwegs zu rasieren, mir Stück für Stück eine neue Ausrüstung, eine Krickettasche – die ich wirklich brauche – mit eingeschlossen, zu kaufen und ins Albany zurückzuhumpeln mit derselben alten Verrenkung, die ich mir einst beim Kricket geholt. Ich brauche dann kaum hinzuzufügen, daß ich während des letzten Monats unter einem angenommenen Namen in einem Privatkricketklub auf dem Lande gespielt habe. Dies ist ja ohnedies die einzige anständige Entschuldigung, wenn man sich seinem eigenen Kricketklub entzogen hat. Hier mein Reiseplan, Bunny, aber ich kann wirklich nicht einsehen, warum du mit mir kommen willst.«

»Warum sollen wir nicht miteinander baumeln?« brummte ich.

»Wie du willst, mein lieber Junge,« erwiderte Raffles. »Aber ich fange allmählich an, mich vor deiner Gesellschaft am Galgen zu fürchten!«

Ich werde meiner Feder Schweigen auferlegen über diesen Ausflug in die Provinz. Nicht daß ich mich bei irgend einer der kleinen Unternehmungen, womit Raffles sich während der Unterbrechungen unsrer Reise die Zeit vertrieb, beteiligt hätte, dazu lag unsre letzte Tat in London mir noch viel zu schwer auf der Seele. Immer sah ich jenen tapferen Offizier vor mir in seinem Stuhle. Zu jeder Stunde bei Tag und bei Nacht sah ich ihn, entweder mit seinen wütend auf mich gerichteten, unbezähmbaren Augen, oder als eine starre von dem Tuche bedeckte Masse. Diese Bilder verfinsterten meine Tage und schufen mir schlaflose Nächte. Ich machte mit unserm Opfer alle Qualen durch: meine Gedanken verließen es nur, um zu jenem Galgen zu wandern, über den Raffles im Scherz die Wahrheit gesagt hatte. Nein, ich konnte einem solch abscheulichen Tode nicht leichten Herzens entgegensehen. Immerhin aber wollte ich ihn noch lieber auf mich nehmen als eine schuldbewußte Ungewißheit. Während der schlaflos verbrachten zweiten Nacht faßte ich endlich den Entschluß, dem gefürchteten Ende insofern halbwegs entgegenzugehen, als ich jenes Leben, das wir in äußerster Gefahr zurückgelassen halten, zu retten versuchte, so lange es noch Zeit war. Und erleichterten Herzens stand ich auf, um Raffles meine Absicht mitzuteilen.

In dem Hotelzimmer, das wir bewohnten, lagen Kleider und Gepäckstücke umhergestreut, wie ein Bräutigam sie nicht neuer hätte haben können. Ich hob die verschlossene Krickettasche in die Höhe und fand sie schwerer, als es einer solchen von Rechts wegen zukommt. Im Bett aber schlief der frischrasierte, sich selbst wieder gleichende Raffles friedlich wie ein kleines Kind. Und als ich ihn schüttelte, erwachte er mit einem Lächeln.

»Willst wohl Beichte ablegen, was, Bunny? Na, warte noch ein bißchen: die Ortspolizei wird es dir nicht danken, wenn du sie zu dieser Stunde herausklopfst. Überdies habe ich ein Abendblatt gekauft, das du dir ansehen solltest; dort auf dem Boden muß es liegen. Wirf mal einen Blick in die Rubrik ›Letzte Nachrichten‹, Bunny.«

Mit zitterndem Herzen suchte ich die Stelle, und ich las folgendes:

»Gewalttat im Westend.

Oberst Crutchley, Royal Ing. und Ritter des Viktoriakreuzes ist in seiner Wohnung, Peter Street, Campden Hill, das Opfer einer gemeinen Gewalttat geworden. Als er unerwartet in das Haus, das während der Abwesenheit der Familie unbewohnt war, zurückkehrte, fand er dort zwei Strolche vor, die den verdienten Offizier unter Anwendung roher Gewalt überfielen und banden. Als die rührige Kensingtoner Polizei ihn entdeckte, fand sie das beklagenswerte Opfer an Händen und Füßen geknebelt und in einem Zustand hochgradiger Erschöpfung.«

»Dank der Kensingtoner Polizei,« bemerkte Raffles, nachdem ich die letzten Worte in meinem Entsetzen laut gelesen hatte. »Sie kann nicht dort gewesen sein, bevor sie meinen Brief hatte.«

»Deinen Brief?«

»Ich schrieb ihr ein paar Worte, während wir in Euston auf unfern Zug warteten. Die Nachricht muß noch am gleichen Abend angekommen sein, doch scheint man vor gestern morgen keine Notiz davon genommen zu haben. Nachdem es dann endlich geschehen, schreibt die Polizei das ganze Verdienst sich selbst zu und läßt mir ebensowenig Gerechtigkeit widerfahren, als du es getan hast, Bunny.«

Fragend schaute ich den auf dem Kissen ruhenden hübschen Lockenkopf an und endlich begriff ich.

»So hast du es also niemals beabsichtigt?«

»Langsamen Mord? Du hättest mich besser kennen sollen. Zwölf Stunden aufgedrungene Ruhe war das Schlimmste, was ich ihm wünschte.«

»Du hättest mir's wohl sagen können, Raffles!«

»Und du, Bunny, du hättest mir wahrhaftig vertrauen sollen!«

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