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Ein Dieb in der Nacht

Ernest William Hornung: Ein Dieb in der Nacht - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleEin Dieb in der Nacht
publisherVerlag von J. Engelhorn
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150218
projectidb06435f9
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Zweites Kapitel. Die Silbertruhe.

Wie die ganze Zunft, als deren Meister ich ihn betrachtete, äußerte auch Raffles die lebhafteste Geringschätzung gegen jegliche Art schwerfälliger Beute – es mochte nun altes Sheffield oder echtes Silber oder Gold sein. Wenn der betreffende Gegenstand sich nicht an seiner Person verstecken ließ, wollte er nichts davon wissen. Trotzdem gestattete Raffles, der hierin wie in allen andern von uns übrigen abwich, nicht selten, daß die bloße Sammelwut die Gebote der beruflichen Vorsicht zum Schweigen brachte. Die alten eichenen Truhen und selbst der Weinkühler aus Mahagoni, für die Raffles ohne Zweifel wie ein ehrlicher Bürger bezahlt hatte, waren deshalb auch gefüllt mit schwerem, wappengeschmücktem Silbergerät, das er weder zu benützen wagte, noch einzuschmelzen sich entschließen konnte. Er mußte sich also damit begnügen, es, wie ich mich ihm gegenüber auszudrücken pflegte, hinter verschlossenen Türen anzuglotzen, und eines Nachmittags überraschte ich ihn denn auch bei diesem Zeitvertreib. Es war in jenem Jahre nach meinem Noviziat – eine friedlich im Albanyklub verlebte Zeit – wo Raffles kein Haus unverschont ließ, und ich dabei stets die zweite Violine spielte. Eine Depesche, durch die er mich benachrichtigte, daß er im Begriff sei, die Stadt zu verlassen, sich aber vorher noch von mir verabschieden müsse, hatte mich zu ihm gerufen. Und ich konnte nicht anders annehmen, als daß er wieder einmal dem unwiderstehlichen Drange gefolgt sei, seine altersgeschwärzten Teekannen und Salzfässer, womit ich ihn umgeben fand, zu bewundern, bis meine Augen auf die ungeheure Silbertruhe fielen, in die er einen Gegenstand nach dem andern einpackte.

»Verzeih, Bunny, aber wenn du nichts dagegen hast, werde ich beide Türen hinter dir verschließen und die Schlüssel in meine Tasche stecken,« sagte Raffles, nachdem er mich hereingelassen. »Nicht daß ich dich zum Gefangenen machen will, lieber Junge, aber es gibt Leute unsres Schlags, die es verstehen, einen Schlüssel von außen herumzudrehen, obwohl dies nie zu meinen Fertigkeiten gehört hat.«

»Doch nicht wieder dieser Crawshay?« rief ich noch mit dem Hut auf dem Kopfe.

Von neuem schaute Raffles mich mit jenem Sphinxlächeln an, das harmlos sein konnte, hinter dem aber häufig so viel steckte, und wie der Blitz kam mir die Überzeugung, daß unser eifersüchtigster und gefährlichster Rivale, der Meister einer älteren Schule, Raffles noch einmal einen Besuch abgestattet habe.

»Das bleibt abzuwarten,« lautete die gemessene Antwort. »Jedenfalls aber ist mir der Kerl nicht wieder vor die Augen gekommen, seitdem ich ihn zu diesem Fenster habe hinausspringen sehen und er mich wie tot auf dieser Stelle hier hat liegen lassen. Ich bildete mir sogar ein, er sitze wieder wohlgeborgen hinter Schloß und Riegel.«

»Doch nicht der alte Crawshay!« sagte ich. »Der ist viel zu pfiffig, um sich zweimal fassen zu lassen. Ich möchte ihn den König aller Einbrecher von Beruf nennen.«

»Wirklich?« sagte Raffles eisig, indem er seinen kalten Blick in den meinigen senkte. »Dann wirst du gut daran tun, dir derartige ›Könige‹ vom Leibe zu halten, wenn ich fort bin.«

»Aber wohin willst du denn?« fragte ich, endlich eine Ecke für meinen Hut und Überzieher findend, worauf ich mir von der alten, ehrwürdigen Anrichte, die zu den größten Schätzen meines Freundes gehörte, eine Erfrischung nahm. »Wohin willst du denn gehen, und warum schleppst du diese Herde ›weißer Elefanten‹ mit?«

Raffles' charakteristisches Lächeln galt diesmal meiner Bezeichnung für das bunte Durcheinander seiner Silberschätze, dann folgte er meinem Beispiel und zündete sich eine seiner Lieblingszigaretten an, während er, das Glas in der Hand, mit erhabener Miene den Kopf schüttelte.

»Eine Frage um die andre, Bunny,« sagte er. »Erstens will ich dies Zimmer hier mit einem Topf voll Farbe, mit elektrischem Licht und mit dem Telephon, womit du mich schon so lange quälst, wieder auffrischen lassen.«

»Famos,« rief ich, »dann können wir Tag und Nacht miteinander plaudern!«

»Um belauscht und für unsere Anstrengung höchst wahrscheinlich eingesteckt zu werden? Da will ich doch lieber noch so lange damit warten, bis du tatsächlich eingesteckt bist,« sagte Raffles unbarmherzig. »Das übrige aber ist dringend notwendig. Nicht daß ich gerade eine Vorliebe für frischen Anstrich hätte oder mich nach elektrischem Licht sehnte, sondern aus Gründen, die ich dir jetzt gleich ins Ohr flüstern werde. Du darfst sie jedoch nicht gar zu ernst nehmen: immerhin aber ist es Tatsache, daß so ein ganz leiser Anflug von einem Gemunkel in diesem Krähennest Albany gegen mich umgeht. Es muß von dem alten heimtückischen Polizisten Mackenzie ausgegangen sein. Noch ist es zwar nicht allzuschlimm, aber das braucht es auch nicht zu sein, um mir zu Ohren zu kommen. Nun, mir blieb also nur die Wahl, entweder ganz zu verduften und damit alles zu bestätigen, was gerade in der Luft schwebt, oder mich auf einige Zeit zu entfernen und zugleich Anstalten zu treffen, die den Behörden reichliche Veranlassung zu einer gründlichen Haussuchung geben würden. Was hättest du an meiner Stelle getan, Bunny?«

»Ausgekniffen wäre ich, solange es noch möglich ist,« sagte ich eifrig.

»Das habe ich mir gedacht,« entgegnete Raffles. »Trotzdem wirst du die Vorzüge meines Planes einsehen. Ich werde nämlich alles unverschlossen zurücklassen.«

»Ausgenommen dieses hier,« sagte ich, der eisenbeschlagenen Truhe, deren festgespanntes Friesfutter unter den schweren Paketen, die die Form von Teekannen und Armleuchtern trugen, fast verschwand, einen Fußtritt versetzend.

»Dies«, erwiderte Raffles, »soll weder mit mir gehen, noch hier bleiben.«

»Was willst du denn dann damit anfangen?«

»Du hast ja ein Bankkonto und deinen eigenen Bankier,« fuhr er fort. Das war vollständig richtig, obwohl nur Raffles allein das Verdienst zukam, daß ich eines hatte, und daß ich den Bankier im Notfall zu beschwichtigen in der Lage war. »Nun, und?«

»Nun, du zahlst dieses Päckchen Banknoten heute nachmittag ein und sagst, du habest eine sehr ergiebige Woche in Liverpool und Lincoln verlebt. Hierauf fragst du, ob man dir dein Silber aufheben könne, solange du in Paris seiest, wo du ein vergnügtes Osterfest verbringen wollest. Ich würde ihn auch darauf aufmerksam machen, daß das Ding ziemlich schwer sei und eine Menge alten Familienkrams enthalte, den du nicht übel Lust habest, so lange bei ihm stehen zu lassen, bis du einmal heiraten und einen eigenen Hausstand gründen würdest.«

Ich zuckte bei den letzten Worten zwar zusammen, willigte aber doch nach kurzer Überlegung in das übrige ein. Schließlich war diese Geschichte, und zwar aus Gründen, die ich hier nicht anzuführen brauche, recht glaubwürdig. Raffles selbst hatte keinen Bankier, denn für ihn war es vollständig unmöglich, eine Erklärung für die riesigen Summen baren Geldes, die manchmal in seine Hände fielen, zu finden. So konnte es wohl sein, daß er meinen bescheidenen Vermögensbestand, gerade in Anbetracht der jetzt entstandenen Schwierigkeiten fördern wollte. Jedenfalls konnte ich ihm seine Bitte unmöglich abschlagen, und ich bin noch heute froh, daß ich meine Einwilligung ohne Murren gegeben habe.

»Wann wird die Truhe dann für mich bereit sein?« fragte ich nur, die Banknoten in meine Zigarettendose stopfend. »Und wie wollen wir sie, ohne allzu großes Aufsehen zu erregen, während der Bankstunden von hier fortschaffen?«

Beifällig nickte Raffles mir zu.

»Ich freue mich, daß du die Nuß, die es vor allem zu knacken gibt, so rasch gefunden hast, Bunny. Ich dachte zuerst, es wäre am besten, wenn du das Ding unter dem Schleier der Nacht in deine Wohnung schafftest. Aber ihr könntet trotzdem gesehen werden, und dann würde es bei hellem Tage einen viel weniger verdächtigen Eindruck machen. Du wirst etwa zehn bis zwölf Minuten brauchen, um in einer Droschke nach deiner Bank zu fahren; wenn du also morgen früh um dreiviertel auf zehn Uhr mit dem gleichen Fuhrwerk hier bist, paßt es famos. Du mußt aber jetzt sofort ein Hansom nehmen, wenn du noch heute nachmittag den Weg mit diesen Banknoten ebnen willst!«

Es sah dem Raffles jener Tage nur zu ähnlich, ein Thema und mich selbst in einem Atemzuge mit einem plötzlichen Nicken und einem kurzen Druck seiner Hand, die er mir bereits entgegenstreckte, zu verabschieden. Ich aber hatte statt dessen die größte Lust, nach einer zweiten Zigarette zu greifen, denn noch gab es einige Punkte, über die mich aufzuklären er absichtlich unterlassen hatte. So hätte ich doch zum Beispiel wenigstens wissen sollen, nach welcher Richtung er reisen wollte, und dies war auch alles, was ich aus ihm herausbringen konnte, während ich Überzieher und Handschuhe zuknöpfte.

»Schottland,« verkündete er endlich.

»Über Ostern?« bemerkte ich.

»Um die Sprache zu lernen,« setzte er mir auseinander. »Ich selbst spreche ja keine andre Sprache als Englisch, aber ich gebe mir alle Mühe, dies dadurch zu ersetzen, daß ich mich in allen unsern Dialekten übe. Manche sind mir auch schon sehr nützlich gewesen, wie du selbst erfahren hast, Bunny. Zum Beispiel mein Londoner Cockney während jener Nacht in St. Johns Wood. In passablem Irländisch, echtem Devonshire, höchst anständigem Norfolk und drei verschiedenen Arten von Yorkshire kann ich wohl meinen Mann stellen, mein Galloway-Schottisch aber könnte besser sein, und dem möchte ich gerne ein wenig aufhelfen.«

»Du hast mir noch immer nicht gesagt, wohin ich dir schreiben soll.«

»Ich werde dir zuerst schreiben, Bunny.«

»Dann erlaube doch wenigstens, daß ich dich auf den Bahnhof begleite,« bat ich unter der Türe. »Ich verspreche dir, deine Fahrkahrte nicht anzusehen; nur den Zug sollst du mir sagen.«

»Den Elf-Uhr-fünfzig-Zug vom Eustonbahnhof.«

»Dann werde ich um dreiviertel auf zehn bei dir sein.«

Und ohne weitere Erörterungen verließ ich ihn, da ich ihm die Ungeduld vom Gesicht ablas. Übrigens schien jetzt ja alles ziemlich klar zu sein, auch ohne eine erschöpfende Erörterung, woran mir so viel lag, die Raffles aber unausstehlich war. Immerhin fand ich, daß wir wenigstens gemeinschaftlich hätten zu Abend essen können, und schon fühlte ich mich in meinem tiefsten Herzen ein ganz klein wenig gekränkt, als es mir während der Fahrt plötzlich einfiel, die Banknoten in meiner Zigarettendose zu zählen. Ein Grollen war daraufhin außer Frage, denn die Summe belief sich auf eine dreistellige Zahl in Pfunden, und offenbar war es Raffles' Wunsch, daß ich es mir in seiner Abwesenheit wohl sein lassen solle. So wiederholte ich denn gewissenhaft seine Lüge auf meiner Bank und traf pflichtschuldigst Vorkehrungen zur Aufnahme seiner Truhe am nächsten Morgen. Hierauf begab ich mich nach unserm Klub zurück in der Hoffnung, Raffles möchte dort vorsprechen und wir könnten dann doch noch zusammen speisen. Hierin aber hatte ich mich getäuscht, doch war dies nichts im Vergleich zu der Enttäuschung, die mich im Albanyklub erwartete, als ich am nächsten Morgen in meiner Droschke dort vorfuhr.

»Mr. Raffles ist abgereist,« sagte der Hauswart mit einem Anflug von Vorwurf in seinem vertraulichen Flüstertone. Der Mann war Raffles' Günstling, der von diesem gelegentlich mit vollendetem Takt ausgenützt – aber auch beschenkt wurde, und mit dem auch ich auf ähnlichem Fuße stand.

»Fortgegangen!« wiederholte ich bestürzt. »Wohin denn in aller Welt?«

»Nach Schottland.«

»Jetzt schon?«

»Mit dem Elf-Uhr-fünfzig-Zug gestern abend.«

»Gestern abend! Und ich glaubte, er meine elf Uhr fünfzig heute morgen!«

»Er dachte sich, Sie würden das annehmen, als Sie nicht kamen, und trug mir auf, Ihnen zu sagen, daß es solch einen Zug gar nicht gebe.«

Ich hätte mir vor Ärger und Verdruß über mich und Raffles die Kleider vom Leibe reißen können. War es doch ebenso seine Schuld als die meinige, denn ohne seine unpassende Eile, mich loszuwerden, und das ihm eigene schroffe Abbrechen unsrer Unterhaltung hätte es weder ein Mißverständnis noch einen Irrtum geben können.

»Haben Sie mir sonst noch etwas zu bestellen?« fragte ich verdrießlich.

»Nur wegen der Truhe. Mr. Raffles sagte, daß Sie sie während seiner Abwesenheit zu sich nehmen wollten, und da habe ich einen Kollegen bestellt, der mir helfen kann, sie auf den Wagen zu bringen. 's ist ein schweres Ding, aber Mr. Raffles und ich konnten sie ganz gut miteinander heben, so werden ich und mein Kamerad es wohl auch fertigbringen.«

Ich für meinen Teil muß gestehen, daß das Gewicht dieser höllischen Truhe mich weniger beunruhigte, als ihr Umfang, während ich vormittags um zehn Uhr mit ihr am Klubhause und am Park vorüberfuhr. Ich mochte mich noch so weit in meinen Landauer zurücklehnen, so konnte ich doch weder mich selbst, noch meine Zusammengehörigkeit mit dem eisenbeschlagenen Ungeheuer auf dem Dach verbergen, und in meiner erhitzten Phantasie schien es mir, als bestehe die Truhe aus Glas, durch das alle Welt ihren unrechtmäßig erworbenen Inhalt sehen könne. Einmal hielt ein allzu diensteifriger Schutzmann bei unserm Herannahen den Wagenverkehr auf, und einen Augenblick lang legte ich dieser natürlichen Handlung eine blutgerinnende Deutung unter. Straßenjungen schrieen uns nach, und wenn dies auch nicht uns galt, so bildete ich mir das doch ein, wie auch, daß ihr Ruf heiße: »Haltet den Dieb auf!« Doch genug von dieser ungemütlichsten aller Wagenfahrten, die ich je in meinem Leben gemacht habe. Horresco referens.

Auf der Bank verlief indes, dank Raffles' Vorsicht und Freigebigkeit, alles ganz glatt. Ich bezahlte meinen Kutscher reichlich, gab dem Livreebedienten, der beim Abladen der Truhe half, ein Zwei-Schillingstück und hätte den lustigen Kommis in Gold fassen mögen, der mich in meinen Witzen über die Liverpooler Sieger und das Verwetten des Familiensilbers so kräftig unterstützte. Erst als er mir sagte, daß die Bank keine Empfangsbescheinigung für Depositen dieser Art gebe, kam ich etwas aus der Fassung. Jetzt weiß ich, daß wenige Londoner Banken dies tun. Es ist mir aber recht lieb, mir sagen zu können, daß ich damals so aussah – wie mir auch zu Mut war – als ob ich mein ganzes Besitztum aufs Spiel setzte.

Den Rest dieses Tages hätte ich, nachdem die ungeheure Last mir von Seele und Händen genommen war, wohl ziemlich behaglich verleben können, wenn ich nicht spät abends noch ein sonderbares, höchst beunruhigendes Billettchen von Raffles selbst bekommen hätte. Er gehörte zu denjenigen, die gerne telegraphieren, aber selten einen Brief schreiben. Hin und wieder schickte er mir indes doch durch einen besonderen Boten einige Zeilen, und diese hier hatte er am Abend vorher offenbar im Zuge hingeworfen, um sie bei Tagesanbruch in Crewe in den Schalter zu stecken.

»Hüte Dich vor dem König aller Berufskünstler! Er war auf hoher See, als ich abreiste. Sollte sich auf der Bank die geringste Schwierigkeit zeigen, zieh Dich sofort zurück und bleibe hübsch artig in Deiner Wohnung.

A. I. R.

P. S. Habe noch weitere Gründe, wie Du bald hören wirst!«

Das war ein hübscher Schlaftrunk für einen beunruhigten Kopf. Der Zuwachs an Geld und die Abnahme meiner Besorgnis hätten mir zu einem ziemlich behaglichen Abend verholfen, diese geheimnisvolle Mahnung aber verdarb mir nun den Rest der Nacht. Die Botschaft war mit einer späten Post angekommen, und ich bedauerte nur, sie nicht die Nacht über in meinem Briefkasten gelassen zu haben.

Was bedeutete sie eigentlich? Und was hatte ich nun eigentlich zu tun? Dies waren Fragen, die sich mir am Morgen mit erneuter Macht entgegenstellten.

Die Nachricht von Crawshay überraschte mich nicht, denn ich war fest davon überzeugt, daß er Raffles genügenden Grund gegeben hatte, sich mit ihm zu beschäftigen, auch wenn der Schurke nicht wieder in Person vor ihm aufgetaucht war. Dieser Mensch und Raffles' Reise standen vielleicht in näherem Zusammenhang, als ich bisher vermutet hatte. Raffles weihte mich ja niemals in alles ein. Immerhin aber blieb die Tatsache unverrückt bestehen, daß ich seinen Kram sicher in meiner Bank untergebracht hatte. Dort konnte selbst Crawshay ihm nicht nachstellen. Daß er meinem Wagen nicht gefolgt war, wußte ich bestimmt, denn bei der durch diese greuliche Fahrt bewirkten Verschärfung all meiner Sinne hätte ich seine Nähe in meinem innersten Mark gefühlt. Einen Augenblick dachte ich an den Freund des Hauswarts, der bei der Truhe geholfen hatte. Doch nein, ich erinnerte mich seiner ebensogut, wie ich mich Crawshays erinnerte; es waren zwei ganz verschiedene Typen.

Daß jemand diese infame Truhe ohne gewichtigeren Vorwand und ohne weitere Instruktionen auf dem Dach eines andern Wagens fortschaffen könnte, daran war überhaupt nicht einen Augenblick zu denken, und doch dachte ich stundenlang daran. Stets war ich ja eifrig bemüht, Raffles gegenüber meine Schuldigkeit zu tun, hatte er doch auch mir gegenüber die seinige mehr als reichlich getan; nicht nur ein paarmal, nicht nur heute oder gestern, sondern immer wieder und wieder vom ersten Augenblick an. Ich brauche die in die Augen springenden Gründe nicht anzuführen, warum ich mich gegen eine persönliche Bewachung seiner verfluchten Truhe sträubte. Und doch hatte er sich um meinetwillen schon größerer Gefahren ausgesetzt, und ich wünschte, ihm nun zu zeigen, daß er auf eine der seinigen würdige Hingebung rechnen könne.

In meinem Dilemma griff ich, wie schon häufig, wenn es mir an Licht und Leitung gebrach, zu einem besondern Mittel. Ich aß nur ganz wenig zum Lunch und begab mich dann in die Northumberland Avenue, um ein türkisches Bad zu nehmen. Meiner Ansicht nach gibt es nämlich nichts, was Geist und Körper so zu säubern vermöchte, nichts, was mehr dazu geeignet wäre, das irgendwie vorhandene Urteilsvermögen aufs äußerste zu schärfen. Selbst Raffles, der weder eine Unze zu verlieren, noch einen Nerv zu beruhigen nötig hatte, pflegte zu gestehen, daß wenn alle andern Mittel fehlschlagen, dieses hier ihm neben dem körperlichen Wohlbehagen eine gewisse Seelenruhe verschaffe. Bei mir begann der Zauber schon vor dem Stiefelausziehen. Die gedämpften Schritte, das leise Plätschern der Brunnen, ja selbst die auf den Ruhebetten ausgestreckten eingemummelten Gestalten, sowie die ganze reine, warme, träge Atmosphäre wirkten wie Balsam auf mein einfacheres Gemüt. Die halbe Stunde in den heißen Räumen pflegte ich als einen energischen Übergang zu einer göttlichen Erschlaffung der Glieder und einer damit verbundenen Steigerung der Verstandeskräfte anzusehen. Und doch – und doch – gerade im allerheißesten Raume bei einer Temperatur von 35° wurde der Pfeil von der Pall Mall Gazette, die ich am Eingang zum Bade gekauft hatte, auf mich abgeschossen.

Ich war eben dabei, die heißen, sich kräuselnden Blätter umzudrehen und in meinem Schmelzofen tatsächlich zu schwelgen, als der Anblick folgender Überschrift mich wie ein Schlag ins Gesicht traf.

» Bankdiebstahl im Westend.
Verwegenes, unaufgeklärtes Verbrechen.

Ein tollkühner, nächtlicher Einbruchdiebstahl und gemeiner Angriff ist auf die City- und Suburbanbank in der Sloane Street W. gemacht worden. Nach den bis jetzt gewonnenen Einzelheiten scheint der Raub mit Überlegung vorbereitet und in den ersten Morgenstunden des Tages geschickt ausgeführt worden zu sein. Ein Nachtwächter Namens Fawcett sagt aus, daß er zwischen ein und zwei Uhr ein leises Geräusch in der Nähe des unteren diebessichern Kellerraumes, der zur Aufbewahrung der Silberschätze und anderer Kostbarkeiten von Kunden der Bank diene, gehört habe. Als er habe Nachsehen wollen, sei er sofort von einem handfesten Schurken gepackt und zu Boden geworfen worden, noch ehe er habe Lärm schlagen können.

Fawcett ist außer stande, irgend welche Beschreibung seines oder seiner Angreifer zu machen, ist aber der Ansicht, daß mehr als ein Individuum bei der Ausführung des Verbrechens beteiligt gewesen sein müsse. Als der arme Mann wieder zum Bewußtsein kam, blieb außer einem einzigen Licht, das die Diebe auf den Fliesen des Korridors hatten brennen lassen, keine Spur von ihnen zurück.

Der Kellerraum aber war aufgebrochen worden, und es wird befürchtet, daß der Angriff auf die Silbertruhen und die andern Wertgegenstände, in Anbetracht der vielen Osterausflüge, die die Diebe offenbar in Betracht gezogen hatten, nur zu erfolgreich gewesen ist. Die übrigen Räume der Bank sind nicht einmal betreten worden. Ein- und Ausgang sind, wie vermutet wird, durch den Kohlenraum genommen worden, der ebenfalls im Kellergeschoß liegt. Bis zu dieser Stunde hat die Polizei noch keine Verhaftung vorgenommen.«

Ich war tatsächlich wie gelähmt bei dieser niederschmetternden Nachricht und kann es beschwören, daß ich selbst bei dieser unglaublichen Temperatur vom Kopf bis zu den Zehen mit kaltem Schweiß bedeckt war.

Crawshay, natürlich! Crawshay von neuem hinter Raffles und dessen unrechtmäßig erworbenen Schätzen her. Und wieder machte ich Raffles im stillen Vorwürfe: seine Warnung war zu spät gekommen, er hätte mir sofort telegraphieren sollen, die Truhe überhaupt nicht auf die Bank zu schaffen. Er war ein Narr, daß er überhaupt einen so auffallenden und aufdringlichen Behälter für seine Schätze gewählt hatte. Nun würde es ihm ganz recht geschehen, wenn gerade diese Truhe von den Dieben erbrochen worden wäre.

Und doch, wenn ich mir die Art dieser Schätze vorstellte, so schauderte mich in meinem Schweiß. Es war eine wahre Fundgrube kriminalistischer Beweisstücke.

Angenommen, seine Truhe wäre in der Tat erbrochen und bis auf ein einziges Stück ausgeraubt worden, so hätte dieser einzige, dort vorgefundene silberne Gegenstand vollständig genügt, Raffles ins finsterste Zuchthaus zu werfen. Und Crawshay war fähig, eine solch gemeine Rache zu ersinnen und sie ohne Gewissensbisse auszuführen.

Für mich aber gab es jetzt nur einen Weg. Ich mußte den Anweisungen des Briefes folgen und die Truhe auf jede Gefahr hin, auch wenn ich selbst dabei abgefaßt würde, an mich zu bringen suchen.

Wenn Raffles mir nur wenigstens eine Adresse zurückgelassen hätte, damit ich ihm ein Warnungswort hätte telegraphieren können! Aber solche Gedanken waren ja nutzlos. Im übrigen blieb mir noch reichlich Zeit bis vier Uhr, denn es war jetzt noch nicht einmal drei Uhr. So beschloß ich, mein Bad regelrecht durchzumachen und möglichst viel Vorteil daraus zu ziehen. Wer konnte wissen, ob es nicht auf Jahre hinaus mein letztes sein würde?

Aber ich war zu aufgeregt, um mich selbst dem Genuß eines türkischen Bades hingeben zu können. Ich hatte weder Geduld für ein richtiges Massieren, noch genügende Lust zum Abduschen. Halb mechanisch stellte ich mich auf die Wage, denn dies war ein Punkt, der mir sehr am Herzen lag, aber ich vergaß, dem Mann sein Trinkgeld zu geben, bis mich der vorwurfsvolle Ton seines Abschiedsgrußes zur Besinnung brachte.

Und mein Lager im Ruhesaal, mein Lieblingsplätzchen in meiner Lieblingsecke – es wurde mir zum Dornenpfühl mit den abscheulichsten Visionen eines künftigen Pritschenlagers!

Eigentlich könnte ich beinahe hinzufügen, ich hätte den Einbruch auf den benachbarten Ruhebetten besprechen hören, ehe ich die Anstalt verließ. Jedenfalls wartete ich darauf, und mehr als einmal war ich fast enttäuscht, als ich den Atem vergebens angehalten hatte. Dies ist jedoch die keineswegs ausgeschmückte Beschreibung einer abscheulichen Stunde, die wenigstens von außen her keine Verschlimmerung erfuhr.

Als ich nach der Sloane Street fuhr, stand die Neuigkeit freilich an allen Anschlagesäulen, und auf einem der Zettel las ich von einer gefundenen Spur, was für mich ein Schicksal bedeutete, das zu teilen ich fest entschlossen war.

Schon war ein gewisser Ansturm auf die Filiale der City- und Suburbanbank in der Sloane Street zu bemerken. Als mein Wagen dort ankam, fuhr eben ein andrer mit einer Truhe von vernünftigem Umfang davon, und in der Bank selbst führte eine Dame eine unliebsame Szene auf. Der heitere Kommis aber, der mich am Tage zuvor bei meinen Späßen unterstützt hatte, war glücklicherweise jetzt zu keinen weiteren aufgelegt, sondern wurde bei meinem Anblick fast grob.

»Den ganzen Nachmittag habe ich Sie erwartet,« sagte er. »Zum Blaßwerden haben aber gerade Sie keinen Grund.«

»Ist alles in Ordnung?«

»Mit Ihrer Arche Noah? Ja, so höre ich. Die Kerls hatten sich eben daranmachen wollen, als sie unterbrochen wurden; und wiedergekommen sind sie nicht.«

»So ist sie also nicht einmal aufgebrochen worden?«

»Nur angefangen hatten sie, glaube ich.«

»Gott sei Dank!«

»Das dürfen Sie wohl sagen – wir nicht!« brummte der Kommis. »Der Direktor behauptet nämlich, daß Ihre Truhe an allem schuld sei.«

»Wieso denn?« fragte ich beunruhigt.

»Weil man sie eine Meile weit auf dem Wagen habe sehen können, und weil jemand ihr gefolgt sei,« antwortete der Kommis.

»Wünscht der Direktor mich vielleicht zu sprechen?« fragte ich kühn.

»Nicht, daß ich wüßte, wenn Sie ihn nicht zu sprechen wünschen,« lautete die barsche Antwort. »Er ist schon den ganzen Nachmittag von Leuten wie Sie behelligt worden, die aber nicht so glimpflich davongekommen sind.«

»Dann soll mein Silber Sie auch nicht länger belästigen,« sagte ich von oben herab. »Ich hatte zwar die Absicht gehabt, es hier zu lassen, falls alles in Ordnung wäre, aber nach dem, was Sie mir soeben sagten, fällt es mir natürlich nicht ein. Lassen Sie, bitte, die Truhe von Ihren Dienern sofort heraufbringen. Die mögen zwar ebenfalls schon den ganzen Nachmittag von Leuten wie ich in Anspruch genommen worden sein, diese Arbeit aber soll wenigstens der Mühe wert für sie sein.«

Diesmal machte ich mir nichts daraus, mit dem Ungeheuer durch die Straßen zu fahren. Meine augenblickliche Erleichterung war viel zu überwältigend, als daß Ängste und Sorgen für die nächste Zukunft hätten aufkommen können. Mir schien, als habe niemals eine Sommersonne strahlender herniedergeschaut, als das an diesem Apriltag ziemlich wäßrige Gestirn. Ein grüngoldner Duft lag auf den Knospen und Schößlingen der Bäume, als wir am Hydepark vorüberfuhren. Hansoms mit Schuljungen, die zu den Osterferien nach Hause fuhren, Droschken, die mit Fahrrädern und Kinderwagen auf dem Dach beladen waren, kamen an mir vorüber – keiner von all ihren Insassen aber konnte nur halb so glücklich sein, wie ich mit der schweren Last auf meinem Wagen und der noch schwereren jetzt von meinem Herzen gewälzten. In der Mount Street ging die Truhe gerade noch in den Lift hinein – ein glücklicher Zufall – und der den Lift bedienende Mann half mir die Truhe in meine Wohnung tragen. Federleicht erschien sie mir jetzt. In der gehobenen Stimmung dieser Stunde kam ich mir wie ein Simson vor, und ich will lieber nicht gestehen, was ich zuerst tat, als ich mich mit meinen ›weißen Elefanten‹ mitten im Zimmer allein befand! Genug, daß der Syphon noch immer in Tätigkeit war, als mir das Glas plötzlich aus den Fingern zu Boden glitt.

»Bunny!«

Raffles war es. Allein vergebens schaute ich mich einen Augenblick nach ihm um. Er stand weder am Fenster, noch an der offenen Tür, trotzdem war es Raffles gewesen, oder doch jedenfalls seine Stimme, und zwar voll übersprudelnder Ausgelassenheit und Befriedigung – sein Körper mochte nun sein, wo er wollte. Endlich ließ ich den Blick sinken, und da sah ich sein leibhaftiges Gesicht mitten im Truhendeckel, gleich dem des Heiligen auf seinem Präsentierteller.

Aber Raffles war lebendig, Raffles lachte, als müßten seine Stimmbänder reißen! Weder etwas Tragisches noch etwas Trügerisches lag in seiner Erscheinung. Wie ein Schachtelmännchen in Lebensgröße steckte er seinen Kopf durch den im Deckel angebrachten zweiten Deckel, den er selbst zwischen den beiden eisernen Bändern, die gleich den Riemen eines Koffers um die Truhe herumliefen, eingeschnitten hatte.

Als ich ihn damals, anscheinend im Packen begriffen, vorgefunden hatte, mußte er noch mit dieser Arbeit beschäftigt gewesen sein, wenn er sie nicht gar bis tief in die Nacht hinein fortgesetzt hatte, denn es war ein Meisterstück. Während ich ihn jetzt wortlos anstarrte, und er mir in seiner hockenden Stellung ins Gesicht lachte, drängte sich eine Hand mit Schlüsseln heraus; einer davon wurde in eines der großen Vorlegeschlösser gesteckt, der Hauptdeckel sprang auf, und heraus kam Raffles, der Zauberer.

»So warst du also der Einbrecher?« rief ich endlich. »Na, eigentlich bin ich recht froh, daß ich das nicht gewußt habe.«

Er hatte bereits meine Hände umfaßt, bei meinen letzten Worten aber zermalmte er sie fast in den seinigen.

»Du bist doch ein Staatskerlchen!« rief er. »Gerade das hatte ich von dir zu hören gehofft. Wie wärest du wohl fähig gewesen, dich so tadellos zu benehmen, wenn du davon gewußt hättest? Wie hätte das überhaupt ein Mensch zuwege bringen können? Niemals hättest du deine Rolle durchführen können, wie du es getan, und wie kein erster Bühnenstern es an deiner Stelle hätte besser machen können. Bedenke wohl, daß ich in meinem Leben schon viel Derartiges gehört und gesehen habe, ich weiß aber wahrhaftig nicht, Bunny, wo du großartiger warst, im Albany, hier, oder auf der Bank.«

»Na, jedenfalls weiß ich nicht, wo mir am erbärmlichsten zu Mute war,« entgegnete ich, die Sache allmählich in weniger tragischem Lichte betrachtend. »Du traust mir ja bekanntlich nicht viel Scharfsinn zu, aber ich möchte doch wetten, daß ich meine Sache ganz ebenso gut gemacht hätte, wenn ich vorher eingeweiht worden wäre. Der einzige Unterschied wäre nur gewesen, daß ich dann wenigstens meine Seelenruhe gehabt hätte, was ja aber bei dir bekanntlich nicht mitzählt.«

Raffles nickte mir indes nur mit seinem bezauberndsten und entwaffnendsten Lächeln zu. Er trug alte, ziemlich schäbige und zerrissene Kleider, auch waren Gesicht und Hände recht schmutzig, im übrigen aber sah man ihm sein Erlebnis verdammt wenig an. Und sein Lächeln war das eines Raffles, wie er mir am liebsten war.

»Natürlich hättest du dich brav gehalten, Bunny, denn dein Heldenmut kennt ja keine Grenzen, aber du vergißt, daß auch den Beherztesten der Beherzten eine menschliche Schwäche anwandeln kann. Das aber durfte ich nicht vergessen, Bunny. Nicht einen einzigen Trumpf durfte ich aus der Hand geben. Sage nicht, ich hätte dir nicht getraut. Sogar mein Leben habe ich in deine Hand gegeben. Was denkst du wohl, was aus mir geworden wäre, wenn du mich in diesem Keller hättest sitzen lassen? Glaubst du, ich wäre herausgekrochen und hätte mich selbst gestellt? – Ja, du hast recht, ausnahmsweise will ich mal einen kräftigen Schluck tun; das Schöne aller Gesetze liegt ja doch im Übertreten, selbst bei solchen, die man sich selbst auferlegt.«

Auch eine Sullivan hatte ich für ihn bereit, und im nächsten Augenblick lag er auf meinem Sofa, und reckte, eine Zigarette zwischen den Fingern haltend, seine steifen Glieder mit unendlichem Wohlbehagen, während neben ihm ein großes volles Glas mit einer gelben Flüssigkeit auf der Truhe seines Triumphes und meiner Leiden stand.

»Wann mir's in den Sinn kam ist ja egal, Bunny, den festen Entschluß, zu verschwinden aber faßte ich tatsächlich erst neulich, und zwar aus den Gründen, die ich dir bereits angegeben habe. Ich mag sie dir gegenüber ja vielleicht etwas aufgebauscht haben, aber sie existieren tatsächlich; Telephon und elektrisches Licht zu bekommen aber war wirklich ein Wunsch von mir.«

»Wo hast du denn das Silber versteckt?«

»Nirgends; es bildete mein Gepäck – ein großer Koffer, ein Handkoffer und eine Krickettasche, worin sich nur wenige andre Sachen befanden. Unter einem einzigen Gepäckschein ließ ich dies alles auf dem Eustonbahnhof zurück, wo einer von uns es noch heute abend abholen muß.«

»Das kann ich ja besorgen,« sagte ich. »Aber bist du wirklich die ganze Strecke bis Crewe gefahren?«

»Hast du mein Billettchen denn nicht erhalten? Ich bin ja die ganze Strecke bis Crewe doch nur gefahren, um dir die paar Zeilen zu schreiben, Bunny, mein Junge; etwas nur halb zu tun, hat keinen Wert. Ich wollte eben, daß du sowohl auf der Bank, als wo du dich sonst zeigtest, ein der Situation angemessenes Gesicht machtest, und daß du das getan, weiß ich. Übrigens ging ein Zug vier Minuten, nachdem der meinige angekommen war, zurück. So steckte ich meinen Brief in Crewe einfach in den Kasten und sprang vom einen Zug in den andern.«

»Um zwei Uhr morgens?«

»Es war näher an drei Uhr, Bunny, und sieben bereits vorüber, als ich mich mit der ›Daily Mail‹ hineinschlich. Der Milchmann war mir allerdings zuvorgekommen. Trotzdem aber blieben mir bis zu deinem verabredeten Kommen noch zwei gute Stunden.«

»Und wenn ich denke,« murmelte ich, »wie du mich hierbei wieder hineingelegt hast!«

»Mit deiner eigenen Unterstützung,« sagte Raffles lachend. »Wenn du nachgesehen hättest, wärest du sofort dahinter gekommen, daß es einen solchen Zug am Morgen gar nicht gibt, und ich habe es auch nie behauptet, aber ich wollte dich gerne irreführen, Bunny, das leugne ich nicht. Es geschah alles nur von wegen des Anscheins. Und als du mich dann mit solch löblicher Eile davonkarrtest, machte ich freilich eine recht unbehagliche halbe Stunde durch, die aber ja bald vorüberging. Ich hatte eine Kerze, Streichhölzer, und eine Menge Lesefutter bei mir, und so war es in dem feuerfesten Keller gar nicht so übel, einen höchst unliebsamen Zwischenfall abgerechnet.«

»O erzähle rasch, lieber Freund.«

»Zuerst muß ich noch eine Sullivan haben – danke schön – und ein Streichhölzchen. Der unliebsame Zwischenfall bestand in Schritten und einem ins Schloß gesteckten Schlüssel. Ich hatte mich in diesem Augenblick gerade auf meinem Truhendeckel häuslich niedergelassen. Kaum daß es mir noch reichte, das Licht auszublasen und hinter die Truhe zu schlüpfen. Zum Glück wurde nur ein weiteres Schatzkästchen, wenn auch anderer Art, ein Juwelenkästchen, deutlicher ausgedrückt, hereingebracht: du wirst dessen Inhalt gleich zu sehen bekommen. Mein Osterausflug hat schließlich doch noch bessere Früchte getragen, als ich zu hoffen gewagt.«

Seine Worte erinnerten mich an die Pall Mall Gazette, die ich in meiner Tasche vom türkischen Bade mitgenommen hatte. Nun holte ich das ganz zerdrückte und von der Hitze des Schwitzraumes aufgedunsene Blatt hervor und händigte es Raffles ein, den Daumen auf die betreffende Stelle haltend.

»Ausgezeichnet,« rief Raffles, nachdem er gelesen. »Mehr als ein Dieb und der Kohlenkeller als einzig möglicher Einbruchsweg! Ich versuchte natürlich, der Sache diesen Anschein zu geben, und ließ so viel Stearintropfen dort zurück, daß man jene Kohlen füglich damit hätte in Glut bringen können. Aber der Keller ging in einen abgeschlossenen Hinterhof, Bunny, und durchs Kellerloch hätte sich nicht einmal ein achtjähriger Knabe zwängen können. Möge diese Vermutung die Herren Detektives noch recht lange beglücken.«

»Aber wie steht es denn mit jenem Burschen, den du zu Boden geschlagen haben sollst?« fragte ich. »Das sieht dir nicht ähnlich, Raffles.«

Nachdenklich blies er seine blauen Ringe in die Luft, während er auf meinem Sofa ausgestreckt lag. Seine schwarzen Haare fielen auf das Kissen, und sein blasses Profil hob sich so klar und scharf gegen das Licht ab, als sei es mit der Schere ausgeschnitten.

»Das weiß ich wohl, Bunny,« sagte er bedauernd. »Aber solche Dinge sind, wie der Dichter dir sagen kann, tatsächlich unzertrennbar von Siegen, wie der meinige es war. Es hatte mich bereits ein paar Stunden gekostet, die Kästchen in diesem Kellerloch zu durchsuchen, und als ich eine dritte der harmlosen Aufgabe widmete, den Anschein zu erwecken, als sei ich eingebrochen, da hörte ich plötzlich die leisen Schritte des Burschen. Manch einer hätte sich ihm vielleicht entgegengestellt und ihn kalt gemacht, die meisten jedoch hätten sich wahrscheinlich in eine noch schlimmere Falle gestürzt, als diejenige, in der sie bereits gesteckt wären. Ich ließ mein Licht stehen, wo es war, schlich dem armen Teufel entgegen, drückte mich gegen die Wand, und als er an mir vorbeikam, schlug ich ihn nieder. Ich gebe zu, es war ein heimtückischer Schlag, aber wir haben wenigstens hier den Beweis, daß er zugleich ein barmherziger Schlag war, denn das Opfer hat bereits seinen Bericht abgestattet.«

Nachdem Raffles sein Glas geleert hatte, dann aber den Kopf abwehrend schüttelte, als ich es wieder füllen wollte, zeigte er mir das Schnapsfläschchen, das er mitgenommen hatte: es war noch beinahe ganz voll. Auch sonst hatte er sich, wie ich jetzt sah, für die Feiertage verproviantiert gehabt. Er hatte die Absicht gehabt, falls ich ihn im Stich gelassen hätte, am Osterfeste oder am darauffolgenden Tage, einem »Bank Holyday«, auf irgend eine Weise zu entwischen. Allein es wäre ein ungeheures Risiko gewesen, und mir wurde ganz heiß vor Stolz bei dem Gedanken, daß er sich nicht vergebens auf mich verlassen hatte.

Was nun die Auslese aus den Schmuckkästchen betrifft, die ihre Osterferien im diebessicheren Keller meiner Bank verbrachten, so will ich, ohne darüber in Ekstase zu geraten oder mich in Einzelheiten einzulassen, nur erwähnen, daß ihr Erlös es mir ermöglichte, Raffles auf seiner aufgeschobenen Ferienreise nach Schottland zu begleiten, und daß dieser selbst dadurch in den Stand gesetzt war, sich im darauffolgenden Sommer regelmäßiger als seit mehreren Jahren beim Kricketspiel in Middlesex zu beteiligen. Kurz, gerade dieses Abenteuer erschien als eines der gelungensten, trotz der damit verbundenen (bei Raffles aber niemals ausbleibenden) überflüssigen Heimlichtuerei, über die ich mich nur selten in meinem Innern hinwegzusetzen vermochte. Niemals fand ich mich indes leichter darein, als in dem vorliegenden Falle, und so bezog sich denn auch der einzige Vorwurf, den ich äußerte, auf das Phantom Crawshay.

»Du ließest mich auf dem Glauben, er spuke wieder einmal,« sagte ich. »Aber es würde mich nicht wundern, wenn ich jetzt erführe, daß du seit dem Tage seiner Flucht aus deinem Fenster nichts mehr von ihm gehört hast.«

»Ich dachte sogar nicht einmal mehr an ihn, bis du vorgestern zu mir kamst und ihn mir mit deinen ersten Worten wieder in Erinnerung riefest. Mein einziger Zweck war, dich über das Silberzeug in eben die unverfälschte Angst hineinzujagen, die du während des ganzen Unternehmens zur Schau tragen mußtest.«

»Ich sehe deinen Zweck natürlich wohl ein,« erwiderte ich, »aber meiner Ansicht nach hast du die Sache übertrieben. Warum mir auch noch solch eine derbe Lüge über den Kerl zu schreiben?«

»Das habe ich doch gar nicht getan, Bunny.«

»Was bedeutet denn dann das mit dem ›König aller Berufskünstler‹, der sich bei deinem Fortgehen auf hoher See befunden haben soll?«

»Aber mein lieber Bunny, das stimmt doch!« rief Raffles. »Es hat eine Zeit gegeben, da war auch ich ein bloßer Dilettant. Nach dieser Tat aber erlaube ich mir, mich als einen Meister aller Meister zu betrachten, und es würde mich freuen, wenn ich bald einen zweiten sähe, der fähig wäre, an meiner Seite zu steuern.«

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