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Ein Bruderzwist in Habsburg

Franz Grillparzer: Ein Bruderzwist in Habsburg - Kapitel 6
Quellenangabe
typetragedy
booktitleEin Bruderzwist in Habsburg
authorFranz Grillparzer
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004393-X
titleEin Bruderzwist in Habsburg
pages1-100
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1848
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Mathias. Die Schlacht ging schief. Der alte Mansfeld
Mit seinem Zaudern hat das Heer verderbt,
Da ist kein Mann für tücht'ges Werk und Wagen.
Dagegen diese Türken,
(den Mantel zurecht ziehend, die Diener entfernen sich)
        wahr bleibt wahr.
Sonst schützt ein Fluß den drangelehnten Flügel,
Sie aber schwimmen durch mit Roß und Mann,
Und was ein Bollwerk schien wird Punkt des Angriffs.
In Zukunft sieht man sich wohl vor. – Nun aber
Was geht für Nachricht von den Flüchtigen?
Sind sie zurück im Lager? Fehlen viel?

Klesel. Ein Dritteil sagt man fast des ganzen Heers.

Mathias (auf und nieder gehend).
Ein Dritteil, schlimm!

Klesel.         Nicht wahr? Ihr seht nun selbst –

Mathias. Es finden manche sich wohl später ein.
Doch hätt' ich nicht gedacht –

Klesel.         Der Rest entmutigt,
So daß kein Mittel, als –

Mathias (stille stehend).
        Erneuter Angriff.

Klesel. Als Frieden.

Mathias.         Neuer, doppeltstarker Angriff.

Klesel. Ihr wart ja doch vor kurzem überzeugt,
Daß nur allein Vertrag –

Mathias.         Vor kurzem, ja,
Da war ich Sieger. Aber nun: besiegt.
Bei diesem Wort empört sich mir das Blut
Und steigt vom Herzen glühend in die Wangen.
Mir schwebt ein Plan vor aus Vegetius,
Bewährt sich der, dann sprechen wir des weitern.

Klesel. Ist das Eu'r Wort, im selben Augenblick,
Wo die Erzherzoge, von Euch berufen,
Im Lager schon, zu handeln von dem Frieden.

Mathias. Sie mögen sich den Krieg einmal besehn,
Mitmachen etwa gar, dergleichen frommt
Für Gegenwart und Zukunft; endlich gehn
Wohin sie Laune treibt, Beruf, Geschäft.

Klesel. Und wenn der Kaiser nun erfährt,
Daß man hier Rat gehalten gegen seinen Willen.

Mathias. Erfahren mußt' er's, ob nun so, ob so.

Klesel. Doch schützte der Erfolg vor seinem Zürnen.

Mathias. Den besten Schutz gibt in der Faust das Schwert.

Klesel. Und wenn er Euch nun ab vom Heer beruft?

Mathias. Vielleicht gehorcht' ich nicht.

Klesel.         Gestützt auf was?
Der Feldherr, der Gehorsam weigert, heißt
Verräter, aber wer den Frieden gibt
Dem ausgesognen Land, wär's ohne Auftrag,
Er ist der Reiter, Abgott seines Volks.
(Halbleise.)
Vergeßt Ihr denn, daß Sultan Amurat
Der Frieden braucht, dem Geber dieser Ruh'
In Ungarn Macht und Einfluß gerne gönnt;
Sowie, daß Östreichs Stände beiden Glaubens
Dem Retter in der Not sich in die Arme
– Die doch auch Hände haben – freudig stürzen.

Mathias. Ich hab's gesagt. Die Schmach ertrüg' ich nicht.

Ein Diener (anmeldend).
Die Herrn Erzherzoge.

Klesel.         Um Gottes willen!
Erkennt doch, daß es Wahnsinn was ihr wollt.
Und doch – Kommt's wie ein Lichtstrahl nicht von oben?
Es ist zu spät. Bleibt, Herr, bei Eurer Weigrung.
(Sich nach dem Vorgrunde entfernend.)
Vielleicht reift unsern Anschlag grade dies.

(Die Erzherzoge werden eingeführt.)

Max. Nun Bruder, Gott zum Gruß. Doppelt willkommen,
Als kaum entronnen solcher Fährlichkeit.
Nun aber ans Geschäft. Man rief uns her,
Als Zeugen dachten wir von einem Sieg,
Um zu bewundern Eure Strategie;
Doch scheint Gott Mars, der strahlende Planet,
Vorläufig in rückgängiger Bewegung.

Mathias. Aus vor- und rückwärts bildet sich der Kreislauf.

Max. Doch bleibt man hübsch im Kreis und kommt nicht vorwärts.
Nun Bruder sei nicht unwirsch, ging's mir auch doch
Viel anders nicht im Streit um Polens Krone.
Sie fingen mich sogar, trotz Stand und Würde.
Der Krieg kennt nicht Respekt, er zahlt auf Sicht.
Hier bring ich dir die Neffen, die du kennst
Obgleich seitdem (auf Leopold zeigend) gewachsen (auf Ferdinand) und gealtert.
Sie kamen her, den Kreislauf zu studieren
Des Gottes Mars. Auch will man, heißt's, beraten
Um dies und das. Zuletzt denn sind wir hier.

Ferdinand (auf Max zeigend).
Des Bruders Gruß, nicht teilend seinen Scherz.

Leopold. Und hocherfreut, Euch, Oheim, wohl zu finden.

Mathias. Das geht nun so im Lager ab und zu,
Bald oben und bald unten. Ist's gefällig?
Ein Imbiß findet sich wohl noch zur Labung.

Max. Ich liebe nichts vom Krieg, am wenigsten
Die Kriegerkost. Ein deutscher Ordensmeister
Will alles ordentlich, zumal die Tafel.
Wir haben uns aus unsrer Reiseküche
Im Wagen schon gestärkt und danken freundlichst.
Auch will ich keine Lorbeern hier erwerben;
Drum rasch nur ans Geschäft, ist das beendigt,
Kehr ich nach Wien zurück sobald nur möglich
Und wo ein Weg noch von den Türken frei.
Du scheinst nicht meiner Meinung, Leopold?
Bleib hier, gebrauch dein Schwert! Du bist noch jung,
Und kommt's zur Flucht, bewegst du rüst'ge Beine.
Ich bin von Blei, das zwar aus der Muskete
Ein rasches Ding, sonst aber träg und schwer.
Nun aber: wo der Ratstisch und die Stühle?

(Klesel zieht an einer Schnur, der Vorhang des Zeltes öffnet sich und zeigt einen grünbehangnen Tisch und Armsessel.)

Max. Der Teppich grün, ah, so bin ich's gewohnt.
An einem roten Tisch fiel' mir nichts ein,
Ein blaubehangner führte grad ins Tollhaus,
Doch grün, das stärkt das Aug' und den Verstand.
Kommt sitzen denn ihr Herrn! (Leise zu Mathias.) Doch hier ist einer,
Der überlei mir dünkt in unserm Rat.

Klesel (zu Mathias).
Befehlt Ihr irgend noch, erlauchter Herr,
Sonst, mit Erlaubnis, zieh ich mich zurück

Max. Bleibt immer denn, und führt das Protokoll!
Man spricht sonst her und hin und weiß zuletzt
Nicht ja, noch nein und wer und was gesprochen.
(Zu den übrigen.)
Geht sitzen, sitzen! Kommt!
(Kleseln das Ende rechts am Tische anweisend.)
        Hier Euer Platz!
Doch mir zulieb, sprecht erst wenn man Euch fragt.
Nun Leopold?

Leopold (am Ende links).
        Ihr wißt, ich stehe gern.

Max. Ich weiß, ich weiß! In Gräz vorm Bäckerladen
Hast du gestanden, eisern, stundenlang,
Bis sich die holde Mehlverwandlerin
Am Fenster, günstig, eine Venus, zeigte.

Leopold. Ein Stadtgeklatsch.

Max.         Es klatschte wie von Küssen,
Und niemand wußt' es als die ganze Stadt.
(Zu Klesel.)
Tunkt Ihr die Feder ein? Ihr werdet doch nicht
Das alles setzen schon ins Protokoll?
Seht nur, er mahnt uns Klügeres zu sprechen
Und er hat recht, nun also denn: zur Sache.
Komm sitzen, Leopold!

Leopold.         Nicht bis ich weiß:
Ob mit des Kaisers Willen, ob entgegen
Wir uns vereinen hier zu Spruch und Rat.

Mathias (nach einer Pause).
Sagt etwas, Klesel!

Klesel.         Wenn ich also darf:
Es will gewiß der Mensch sein eignes Bestes.
Wird nun des Kaisers Bestes hier beraten,
Kann man noch zweifeln, ob es auch sein Wille?

Leopold. Ich aber will nur was ich selber will,
Und Herrscher heißt wer herrscht nach eignen Willen.

Mathias. Man merkt es wohl, Ihr sucht des Kaisers Gunst

Leopold. Wer sie nicht wünscht ist nicht sein Untertan.

Mathias. Doch hängt ein Nebenvorteil manchmal noch
Der Demut an, die nur Gehorsam schien.

Ferdinand. Komm Bruder Leopold, es soll nicht heißen,
Daß wir aus Gräz Gerüchten Nahrung geben,
Die Erberschleichung gegen das Gesetz
Auf unsers Hauses Wappenmantel spritzen.

Leopold. So will ich hören denn, doch sitzen nicht.

Mathias. Wie's Euch beliebt.

Max.         Nun also denn: was soll's?

(Da Klesel nach einer Schrift in seinem Busen greift.)

Max. Laßt stecken, Herr, wir wissen was Ihr bringt:
Ein künstlich ausgefeilt Elaborat
Das uns den Frieden mit den Türken soll
Als rätlich, nötig, unerläßlich schildern.
Ihr seid der Widerhall von Euerm Herrn,
Wenn nicht vielmehr das Echo er von Euch.
Und deshalb ohne Vorwort zur Beratung.
Der Friede wäre gut, allein der Kaiser,
Des Landes Haupt und Herr, er will ihn nicht.
Nebstdem, daß unter solchen Schmeichelhüllen
Ein Anschlag, meint man, andrer Art sich birgt.
(Zu Klesel.)
Ich will Euch schelten, Herr, drum hieß ich Euch
Hier sitzen unter uns; da Bruderliebe
Und Fürstenachtung mir nicht will gestatten
Zu schelten meinen Bruder, Euern Herrn.
Die Stände, sagt man, protestant'schen Glaubens
Aus Österreich verkehren still mit Euch,
Und als den Preis der Sichrung vor den Türken
Nebst Zugeständnis ihrer Glaubensübung,
Verspricht man einem Fürsten unsers Hauses,
Den ich nicht kennen will, nicht nennen mag,
Ein neuerdachtes Schützeramt zu gründen
Halb abgesondert von dem Stamm des Reichs.
Ihr seht, was Ihr gesponnen kam ans Licht.
Seid noch Ihr für den Frieden?

Klesel.         Durchlaucht ja.
Wenn diesmal auch Verleumdung wahr gesprochen,
Was gut bleibt gut, wär' auch der Geber schlimm.

Max. Und Bruder du? – Allein was frag ich noch
(auf Klesel zeigend)
Hat dieser deine Meinung doch gesprochen.

Mathias. Glaubst du? (Zu Klesel.) Sagt Eure Meinung noch einmal.

Klesel. Den Frieden, hoher Herr.

Mathias.         Und ich den Krieg.
Ich bin beschimpft im Angesicht der Welt.
Die Ehre unsrer Waffen stell ich her,
Dann mag die Klugheit und die Furcht beraten.

Max. Nun Bruder sei nicht kindisch, möcht' ich sagen.
Hoffst du, geschlagen mit dem ganzen Heer,
Nun, mit dem halben, Sieg dir zu erringen?
Von hier bis Wien ist nirgends eine Stellung,
Die Mauern Wiens verfallen, ungebessert,
Ein Wandelgang für friedliche Bewohner,
Nicht eine Abwehr gegen solchen Feind.

Klesel (die Feder eintauchend, eifrig).
So seid Ihr für den Frieden?

Max.         Ich? Bewahr!

Klesel. Doch spracht entgegen Ihr dem Krieg.

Max.         Ei, laßt mich!

Ferdinand (zu Mathias).
Wozu noch kommt, daß es mich heidnisch dünkt,
Für Kriegesruhm und weltlich eitle Ehre,
Das Wohl des Lands, der ganzen Christenheit
Zu setzen auf ein trügerisches Spiel.

Leopold. Fernand, sie haben dich.

Ferdinand.         Was fällt dir ein?

Leopold. Wer billigt, der bewilligt wohl zuletzt.

Ferdinand (fortfahrend).
Auch sind im Heer beinah nur Protestanten,
Und wo der Glaube fehlt, wo bleibt die Hoffnung?

Klesel (zu Mathias).
Beliebt's Euch hoher Herr?

Mathias.         Was das betrifft,
So weiß ich keinen gläubiger als mich.
Doch ist das Land, sind seine höchsten Stellen
Mit diesen Protestanten dicht besetzt.
Muß ich sie schonen nicht, will ich sie brauchen?
Muß ich sie brauchen nicht, wenn zwingt die Not?
Und sag ich's nur: die Fähigsten, die Kühnsten,
Die Ketzer sind's, ich weiß nicht wie es kommt.

Klesel (auf sein Papier herabgebeugt, wie vor sich).
Der Krieg ist dieser Spaltung Keim und Wurzel.

Ferdinand (auf Klesel).
Da spracht Ihr wahr, wenn irgend jemals sonst!
Weil Ruhe war in meiner Steiermark,
Weil ich bei Ketzern brauchte nicht zu betteln,
Gelang's mir ihre Rotte zu zerstreun;
Und deshalb, wäre nicht des Kaisers Wille,
Stimmt' ich in Euern Antrag freudig ein.
Doch gäb' es einen Ausweg, wie mir deucht,
Der Krieg und Frieden gleicherweis vereint:
Den Waffenstillstand – (Zu Klesel.) Schüttelt Ihr den Kopf?

Mathias. Und soll er nicht, solang sein Kopf ihm eigen?
Glaubt ihr, der Türke werde müßig gehn,
Für Waffenruh' und solchen armen Tand,
Des Vorteils sich begeben, der ihm lacht?
– Wenn er im Vorteil ja, wie's wirklich scheint. –
Das ist der Fluch von unserm edeln Haus:
Auf halben Wegen und zu halber Tat
Mit halben Mitteln zauderhaft zu streben.
Ja oder nein, hier ist kein Mittelweg.

Ferdinand. Wenn man uns drängt, das ist nicht Brauch noch Sitte.

Mathias. Es drängt die Zeit; wir selbst sind die Bedrängten.

Ferdinand. Und kennt man die Bedingungen des Feinds?

Klesel (den Stuhl rückend).
Das ist zu wissen leicht aus erster Quelle.
Des Ofner Bassa Sekretär und Dolmetsch
Ist hier im Lager; wenn Ihr es gestattet,
Führ ich ihn her, hört selbst dann was er bringt.

Max. Mir ist gemein nichts mit den grimmen Türken.

Ferdinand (heftig).
Weiß sonst man irgend, frag ich noch einmal,
Die Punkte die der Heide nimmt und gibt.

Klesel. Der Stand wie vor dem Krieg.

Max.         Das wäre billig.

Leopold. Halt aus, Fernand, halt aus! Kehr ruhig heim.
Ich bleibe hier; wär's als gemeiner Reiter,
Wär's auf den Trümmern des zerstörten Wiens,
Durch Blut und Krieg mit allen seinen Schrecken,
Zu fechten für des Kaisers Macht und Willen.

Ferdinand (sich mit Abscheu von ihm wendend).
Nun Frieden also denn!

Leopold.         Fernand auch du?

Ferdinand. Fragst du mich noch, der du mich selber zwingst,
Mir schildernd alle Greuel des Verweigerns?

Klesel (ruhig zu Mathias).
Ihr seid für Krieg?

Mathias.         Wenn man mich überstimmt!

Leopold. Hier ist noch einer. Ohm, wir sind zu zwei.

Mathias. Gerade deshalb Frieden auch.

Max.         Wir sind zu Ende.

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