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Ein Bruderzwist in Habsburg

Franz Grillparzer: Ein Bruderzwist in Habsburg - Kapitel 4
Quellenangabe
typetragedy
booktitleEin Bruderzwist in Habsburg
authorFranz Grillparzer
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004393-X
titleEin Bruderzwist in Habsburg
pages1-100
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1848
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Erzherzog Ferdinand (zum Kaiser tretend).
        Mein kaiserlicher Herr!

Rudolf. Wer seid Ihr? Wer? Und wie erkühnt Ihr Euch?

Erzherzog Ferdinand. Eu'r Neffe bin ich, Herr, und Euer Knecht,
Fernand von Gräz, zu jedem Dienst bereit.

Rudolf (sich vor der Berührung zurückziehend).
Es bien! es bien! All gut! Seid uns willkommen!

Erzherzog Ferdinand. Wollt Ihr nicht sitzen, Herr? Ich seh's, der Zorn
Er zehrt mit Macht an Euerm edlen Sein.
(Er leitet den Kaiser zum Lehnstuhle.)

Rudolf (sitzend).
Seht Ihr, so halten wir's in unserm Schloß. –
So dringt die Zeit, die wildverworrne, neue,
Durch hundert Wachen bis zu uns heran,
Und zwingt zu schauen uns ihr greulich Antlitz.
Die Zeit, die Zeit! Denn jener junge Mann,
Wie sehr er tobt, er ist doch nur ihr Schüler,
Er übt nur was die Meisterin gelehrt. –
Schaut rings um Euch in aller Herren Land,
Wo ist noch Achtung für der Väter Sitte
Für edles Wissen und für hohe Kunst?
Sind sie vom alten Tempel ihres Gottes
Nicht ausgezogen auf den Berg von Dan,
Und haben dort ein Kalb sich aufgerichtet,
Vor dem sie knieen, ihrer Hände Werk?
Es heißt: den Glauben reinigen. Daß Gott!
Der Glaube reint sich selbst im reinen Herzen,
Nein, Eigendünkel war es, Eigensucht,
Die nichts erkennt was nicht ihr eignes Werk.
Deshalb nun tadl' ich jenen Jüngling, straf ihn,
Und fährt er fort, erreicht ihn bald sein Ziel,
Allein erkenn auch was ihn so entstellt.

Deucht mir's doch manchmal grimmiges Vergnügen,
Mit ihm zu ringen, in des Argen Brust
Die Keime aufzusuchen der Verkehrtheit,
Die ihm geliehn so wildverworrne Welt.
Die Zeit kann ich nicht bänd'gen, aber ihn,
Ihn will ich bänd'gen, hilft der gnäd'ge Gott.

Erzherzog Ferdinand. Ihr werdet's, Herr, und bändigtet die Zeit,
Wär' Euch der Wille dort so fest als hier.

Rudolf. Mein Ohm, der fünfte Karl hat's nicht gekonnt,
Sankt Just sah ihn als büßenden Karthäuser.
Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann,
Ich kann es auch nicht.

Erzherzog Ferdinand.         O des argen Mißtrauns
In Euer edles Selbst und seine Gaben!
Wollt erst nur, wollt! und Gottes Beistand wird
Wie ein erhört Gebet auf Euch sich senken.
Die Zeit bedarf des Arztes und Ihr seid's.

Rudolf. Ein wackrer Arzt, der selber Heilung braucht!
Und dann: allein!

Erzherzog Ferdinand.         So wärt Ihr, Herr, allein?
Verzeiht dem Schüler, der den Meister meistert.
Um Euch schart sich die Hälfte einer Welt,
Die treu noch ihrem Gott und seinem Abbild.
Dem Fürsten auf dem angestammten Thron.
Für Euch ist Spanien, der Papst, ist Welschland,
Des eignen Erblands ungebrochne Kraft,
Noch nicht verführt von falschen Glaubenslehren.
Zählt Eure Schar, und zehnfach, hundertfach
Wiegt sie die Gegner auf, die, schwach an Zahl,
Nur scheinbar sich durch Regsamkeit verdoppeln.

Rudolf. Der Arme viel, wo aber bleibt das Haupt?

Erzherzog Ferdinand. Ihr selbst, dem niemand gleich an Sinn und Wissen.
Dann noch die edlen Fürsten Eures Hauses,
Die Gott als Helfer selbst Euch anerschuf.

Rudolf. Sprecht Ihr von Euch?

Erzherzog Ferdinand.         So werde nie mir Heil,
Als je mein Sinn ein andres Trachten kannte,
Als Östreichs Wohl und Jesu Christi Ruhm.
Mein Alter heißt mich lernen statt zu lehren
Auch bin nicht ich's, die Brüder sind's, die Nächsten
Der edle Max, Albrecht der sinnig weise,
Und jener dritte – Erste, den nur eben
Im Vorgemach ich kummervoll –

Rudolf (sich abwendend).         Es bien!

Erzherzog Ferdinand. Seht ihr, da senkt das alte Mißtraun wieder
Sich nebelgleich herab auf Eure Stirn!
O weh uns, wenn es wahr, was man sich sagt,
Daß jener finstern Sternekund'gen einer,
Die Euern Hof zum Sammelplatz erwählt,
Mit astrologisch dunkler Prophezeiung
Euch abgewandt von Euerm edeln Haus
Gefahr androhend von den Nahverwandten.
O weh uns, wenn es so, und Ihr für Schein
Den wahren Vorteil aufgebt, aller Heil.

Rudolf (auffahrend).
Für Schein? für Schein? So kennst du diese Kunst,
– Wenn's eine Kunst – daß du so hart sie schmähst?
Glaubst du, es gäb' ein Sandkorn in der Welt,
Das nicht gebunden an die ew'ge Kette
Von Wirksamkeit, von Einflug und Erfolg?
Und jene Lichter wären Pfennigkerzen
Zu leuchten trunknen Bettlern in der Nacht?

Ich glaub an Gott und nicht an jene Sterne,
Doch jene Sterne auch sie sind von Gott.
Die ersten Werke seiner Hand, in denen
Er seiner Schöpfung Abriß niederlegte,
Da sie und er nur in der wüsten Welt.
Und hätt' es später nicht dem Herrn gefallen,
Den Menschen hinzusetzen, das Geschöpf,
Es wären keine Zeugen seines Waltens,
Als jene hellen Boten in der Nacht.
Der Mensch fiel ab von ihm, sie aber nicht,
Wie eine Lämmerherde ihrem Hirten,
So folgen sie gelehrig seinem Ruf
So heut als morgen wie am ersten Tag.
Drum ist in Sternen Wahrheit, im Gestein,
In Pflanze, Tier und Baum, im Menschen nicht.
Und wer's verstünde still zu sein wie sie,
Gelehrig fromm, den eignen Willen meisternd,
Ein aufgespanntes, demutvolles Ohr,
Ihm würde leicht ein Wort der Wahrheit kund,
Die durch die Welten geht aus Gottes Munde.
Fragst aber du: ob sie mir selber kund,
Die hohe Wahrheit aus der Wesen Munde?
So sag ich: nein, und aber, wieder: nein.
Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann,
Der Dinge tiefster Kern ist mir verschlossen.
Doch ward mir Fleiß und noch ein andres: Ehrfurcht
Für das daß andre mächtig und ich nicht.

Wenn aber, ob nur Schüler, Meister nicht,
Ich gerne weile in den lichten Räumen;
Kennst du das Wörtlein: Ordnung, junger Mann?
Dort oben wohnt die Ordnung, dort ihr Haus,
Hier unten eitle Willkür und Verwirrung.
Macht mich zum Wächter auf dem Turm bei Nacht,
Daß ich erwarte meine hellen Sterne,
Belausche das verständ'ge Augenwinken
Mit dem sie stehn um ihres Meisters Thron. –
(Immer leiser sprechend.)
Wenn nun der Herr die Uhr rückt seiner Zeit,
Die Ewigkeit in jedem Glockenschlag
Für die das Oben und das Unten gleich
Ins Brautgemach – des Weltbaus Kräfte eilen
– Gebunden – in der Strahlen Konjunktur –
Und der Malefikus – – das böse Trachten – –

(Er verstummt allmählich. Sein Haupt sinkt auf die Brust. Pause. Erzherzog Ferdinand tritt ihm, besorgt, einen Schritt näher.)

Rudolf (emporfahrend).
Ist jemand hier? – Ja so! – Was soll's? –
Ihr spracht von meinem Bruder, von Mathias.
Ich seh es ist ein Plan. Was also will man?
Warum verließ er seinen Bann zu Linz?

Erzherzog Ferdinand. Und wenn's der Wunsch nach Tätigkeit nur wäre?

Rudolf. Nach Tätigkeit? Ist er denn tätig nicht?
Er reitet, rennt und ficht. Wir beide haben
Von unserm Vater Tatkraft nicht geerbt,
– Allein ich weiß es, und er weiß es nicht.
Was also noch? Zum mindsten will ich zeigen,
Daß nicht der Sterne Drohn, daß euer Trachten,
Die Heimlichkeit der nahverwandten Brust,
Mir Mißtraun gab und gibt. – Die Klugheit riete,
Zu halten ihn in heilsamer Entfernung,
Allein ihr wollt's. Was also soll's mit ihm?

Erzherzog Ferdinand.
Er wünschte –

Rudolf.                   Nun?

Erzherzog Ferdinand.       In Ungarn ein Kommando.

Rudolf. Hat er schon je, und wo hat er gesiegt?
Zwar ist der Mansfeld dort, ein tücht'ger Degen,
Der gönnt ihm gern die Ehre des Befehls
Und tut die Pflichten selbst. Schickt ihn denn hin!
Doch heißt ihn zügeln seine Tätigkeit;
Er füge sich des Feldherrn beßrer Einsicht.
Auch sind der Krieger dort, der Führer viel,
Die zugetan der neuen Glaubensmeinung.
Es ist jetzt nicht die Zeit, noch da der Ort
Zu streiten für die Wahrheit einer Lehre.

(Da Erzherzog Ferdinand zurücktritt.)

Rudolf. Was ist? Was geht Ihr fort?

Erzherzog Ferdinand.         Nicht anzuhören,
Wie Östreichs Haupt, wie Deutschlands Herr und Kaiser
Das Wort führt den Abtrünnigen vom Glauben.

Rudolf. Das Wort führt, ich? Kommt Euch die Lust zu scherzen?
Allein wer wagt's, in dieser trüben Zeit
Den vielverschlungnen Knoten der Verwirrung
Zu lösen eines Streichs.

Erzherzog Ferdinand.         Wer's wagte? Ich!

Rudolf. Das spricht sich gut.

Erzherzog Ferdinand.         Nur das? Es ist geschehn.
In Steyer mindestens, in Krain und Kärnten
Ist ausgetilgt der Keim der Ketzerei.
An einem Tag auf fürstlichen Befehl
Bekehrten sich an sechzigtausend Seelen
Und zwanzigtausend wandern flüchtig aus.

Rudolf. Und ohne mich zu fragen?

Erzherzog Ferdinand.         Herr, ich schrieb
So wiederholt als dringend, aber fruchtlos.

Rudolf (die auf dem Tische liegenden Papiere untereinanderschiebend).
Es ist hier wohl Verwirrung oft mit Schriften.

Erzherzog Ferdinand. Da schritt ich denn zur Tat, dem besten Rat.
Mein Land ist rein, o wär' es auch das Eure!

Rudolf. Und zwanzigtausend wandern flüchtig aus?
Mit Weib und Kind? Die Nächte sind schon kühl.

Erzherzog Ferdinand. Durch Drangsal, Herr, und Schmerz erzieht uns Gott.

Rudolf. Und das im selben Augenblick wo du
Die Sachsenfürstin freist, die Protestantin?

Erzherzog Ferdinand. Gott gab mir Kraft die Neigung zu besiegen,
Wenn Ihr's erlaubt, so steh ich ab von ihr
Und werbe um des Baierherzogs Tochter.

Rudolf. Sie ist nicht schön.

Erzherzog Ferdinand.         Ihr Herz ist schön vor Gott.

Rudolf (eine Gebärde des Schielgewachsenseins machend).
Beinah –

Erzherzog Ferdinand.         Gerad ihr Sinn, ihr Wandel und ihr Glauben.

Rudolf. Nun, ich bewundre Euch. – Weis deine Hände!
Ist das hier Fleisch? lebendig, wahres Fleisch?
Und fließt hier Blut in diesen bleichen Adern?
Freit eine andre als er meint und liebt –
Mit Weib und Kind, bei zwanzigtausend Mann,
In kalten Herbstesnächten, frierend, darbend!
Mir kommt ein Grauen an. Sind hier nicht Menschen?
Ich will bei Menschen sein. Herbei! Herein!

(Mit dem Stocke auf den Boden stampfend. Die Hofleute kommen zurück.)

Rudolf. Die Kinderzeiten werden wieder wahr,
Und mich umschaudert's wie Gespensterglauben.
(Zu Erzherzog Ferdinand.)
Weilt Ihr noch länger hier bei uns in Prag,
Treibt's Euch zurück vielleicht schon nach der Heimat?

Erzherzog Ferdinand. Ich reise nächst, wenn manches erst geschlichtet
(lebhaft) Und meinen Bruder ich Euch vorgestellt.

Rudolf. So ist der Leupold da? Wo ist, wo weilt er?

Rumpf. Im Schloßhof tummelt er das türk'sche Roß,
Das Ihr gekauft und das Don Cäsar schulte.
Sie jubeln, daß der Erker widerhallt.

Rudolf. Sie jubeln? Tummelt? Ein verzogner Fant,
Hübsch wild und rasch, bei Wein und Spiel und Schmaus.
Wohl selbst bei Weibern auch; man spricht davon.
Allein er ist ein Mensch. Ich will ihn sehn,
Den Leupold sehn! Wo ist er? Bringt ihn her!

(Einige sind gegangen.)

Rudolf (zu Ferdinand).
Beliebt's Euch unterdessen, die Gemächer,
Die man Euch hier bereitet, zu besehn?
Wo bleibt der Range? Warum kommt er nicht?

Erzherzog Leopolds Stimme (von außen).
Senjor!

Rudolf.         Aha, er ruft. – – Was gibt es dort?

(Aus der Seitentüre links ist ein Hofbedienter herausgetreten.)

Rumpf. Die Kapelläne fragen untertänigst,
Ob Eure Majestät den Gottesdienst –

Rudolf (das Barett abnehmend und Mantel und Kleid ordnend).
Des Herren Dienst vor allem.
(Zu Erzherzog Ferdinand.)
        Wenn's beliebt!
(Zu den übrigen.)
Und kommt mein Neffe, heißt ihn nur uns folgen.

Erzherzog Leopold (zur Türe hereinstürzend).
Mein gnäd'ger Ohm! (Da er den bereits geordneten Zug sieht, stutzt er und zieht das Barett ab.)

Rudolf.         Nur dort, an Eure Stelle.

(Auf einen Wink Erzherzog Ferdinands stellt sich Leopold ihm zur Seite. – Der Zug setzt sich in Bewegung, die beiden Erzherzoge unmittelbar vor dem Kaiser. Nach einigen Schritten tippt letzterer Erzherzog Leopold auf die Schulter. Dieser wendet sich um und küßt ihm lebhaft die Hand. Der Kaiser winkt ihm liebreich drohend Stillschweigen zu und sie gehen weiter. Die übrigen folgen paarweise. – Der Vorhang fällt.)

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