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Ein Bruderzwist in Habsburg

Franz Grillparzer: Ein Bruderzwist in Habsburg - Kapitel 15
Quellenangabe
typetragedy
booktitleEin Bruderzwist in Habsburg
authorFranz Grillparzer
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004393-X
titleEin Bruderzwist in Habsburg
pages1-100
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1848
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Ein Diener (der die Mitteltüre öffnet, anmeldend).
Herr Oberst Wallenstein.

Klesel.         Hört Ihr den Namen?

Seyfried. Jetzt ist nicht Zeit zu sprechen. Dort hinaus!

(Aus der Seitentüre sind Trabanten herausgetreten.)

Klesel (zu Seyfried, der vorausgehen will).
Zurück! Mir bleibt der Vorrang, wär's in Ketten.

(Er geht mitten durch die Trabanten ab. Seyfried folgt. Oberst Wallenstein ist eingetreten und sieht ihnen verwundert nach. Erzherzog Ferdinand kommt durch die Mitteltüre.)

Ferdinand. Wir freuen uns, Herr Oberst, Euch zu sehn.
Ihr kommt aus Prag?

Wallenstein.         Auf einem Umweg, ja.

Ferdinand. Wie steht's im Schloß?

Wallenstein.         Verwirrung aller Orten.
Man spricht von Krankheit, manche gar von Tod.

Ferdinand. Verhüt' es Gott!

Wallenstein.         Er wird wohl etwa, denk ich.
Allein im Land bedarf es unsre Sorge,
Da ist das Unterste zuoberst, Herr.

Ferdinand. Vielleicht das Oberste zuunterst bald.

Wallenstein. Man hat den Bau der Kirchen eingestellt,
Die ihnen zugesagt der Majestätsbrief.

Ferdinand. Das hat er nicht.

Wallenstein.         Nun auch gut, also nicht.
Allein sie glauben's und der Aufstand lodert
In Braunau, Pilsen, weit herum im Land.
Schon bis nach Prag erstreckt sich die Bewegung.
Der Mathes Thurn liegt dort im Hinterhalt.

Ferdinand. Und unsre Treuen, Martiniz, Slawata,
Des Landes fromme Pfleger, dulden sie's?

Wallenstein. Sie haben Ärgeres bereits erduldet.
Der Mathes Thurn ließ eben als ich abging,
Nach einer alten Landessitte, sagt er,
Sie aus den Fenstern werfen am Hradschin,
Im vollen Landtag und im besten Sprechen.
Doch sind sie unverletzt, seid unbesorgt.
Sie haben noch gar höflich sich entschuldigt
Weil nach dem Rang sie nicht zu liegen kamen,
Zuoberst, weil zuletzt, der Sekretär.
Betrachtet Böhmen drum als feindlich Land.

Ferdinand. Nun um so besser denn!

Wallenstein.         Ihr seid mein Mann!
Drum eben ist Gewalt Gewalt genannt,
Weil sie entgegen tritt dem Widerstand.
Und wie im Feld der Heeresfürst gebeut,
Nicht fremde Meinung oder Tadel scheut,
So sei auch in des Landes Regiment
Ein Gott, ein Herr, ein Wollen ungetrennt.
Ich will nun noch zu Seiner Majestät.

Ferdinand. Laßt das auf später. Setzt für jetzt Euch hin,
Schreibt die Befehle an die Garnisonen.

Wallenstein. Das ist bereits geschehn.

Ferdinand.         Durch wen? und wann?

Wallenstein. Da auf den Stationen als ich herritt,
Man mit den Pferden zögerte, wie's Brauch,
Benutzt' ich jede Rast und schrieb die Orders
An die entfernt gelegnen Truppen selbst,
Sie teils nach Brünn, teils her nach Wien bescheidend.
Erwartet heut noch die Dampierrschen Reiter,
Kapraras Fußvolk auch ist wohl schon nah.
Der Krieg hat Füße denn doch nur und Hände
Wenn er Geschwindigkeit mit Kraft vereint.

Ferdinand. Und das nahmt Ihr auf Euch?

Wallenstein.         So sollt' ich nicht?

Ferdinand. Ich dank Euch, Herr; und denk Euch wohl zu brauchen,
Wenn mich einst Gott auf diesen Thron gesetzt.
Doch will ich mich auch hüten, nehmt's nicht übel,
Daß Ihr nicht mehr mir dient, als lieb mir selbst.

Wallenstein. Wer kann wohl sagen, meint ein altes Sprichwort:
Aus diesem Brunnen will ich niemals trinken!
Die Zeit entscheidet da, Herr – und der Durst.

Erzherzog Ferdinand (die Mitteltüre öffnend).
Herbei wer in den Vorgemächern draußen
Und treu es meint mit Östreichs edlem Haus.

(Mehrere treten ein.)

Ferdinand. In Prag hat sich der Pöbel, Glaubenspöbel
Erfrecht was nimmermehr zu dulden ziemt.
Wer Christ und Edelmann ist aufgefordert
Zu ziehn mit uns für Gott und für das Recht.

Einige. Seht uns bereit!

Andere.         Mit Gut und Blut und Leben!

Ferdinand. Besendet Tilly, schreibt an Baierns Herzog,
Daß uns ihr Beistand sicher, wenn er not.

Obwohl für jedes Menschenleben gern
Ich einen Teil hingäbe meines Selbst,
Will ich nicht ruhn, bis dieses böse Schlingkraut
Vertilgt in jeder Windung bis zum Kern.

(Trompeten in der Ferne.)

Wallenstein (ans Fenster eilend).
Das sind, weiß Gott! schon die Dampierrschen Reiter.
Die habt Ihr nun wie Würfel in der Hand.

(König Mathias kommt aus dem Kabinette.)

Mathias. Was sind das für Trompeten? und was soll's?

Ferdinand. Die Truppen, Herr, die sich nach Prag bewegen,
Wo frecher Aufruhr uns die Stirne beut.

Mathias. Die Früchte das von dem geheimen Treiben,
Das hinter unserm Rücken still bemüht.
Schickt nach dem Kardinal!
(Da die Angeredeten verlegen zurücktreten.)
        Was zögert ihr?

Ferdinand. Er ist nur eben abgereist nach Kufstein.

Mathias. In diesem Augenblick? Ist er von Sinnen?

Ferdinand. Gerad in diesem Augenblick, mein König.
(Auf das Kabinett zeigend.)
Gefällt's Euch hier ins Innre einzutreten,
So leg ich Euch die Gründe dienstlich vor.

Mathias (streng).
Sprecht öffentlich, damit ich offen richte.

Ferdinand (Schriften aus dem Mantel ziehend, halblaut).
Die Briefe hier von Baiern, Spanien, Rom,
Den einz'gen Stützen unsrer guten Sache,
Die nur auf die Entfernung dieses Manns
Den Beistand uns verheißen, den wir brauchen.
Hier Oberst Wallenstein, er kommt aus Prag
Und meldet uns, daß dort der Aufstand rege.
Die Andersgläubigen der andern Länder,
Erwarten nur das Zeichen solchen Ausbruchs,
Um zu vereinen sich zu gleichem Trotz.
Glaubt Ihr, daß wir mit unsern eignen Kräften
(auf die Schriften zeigend)
Nicht unterstützt von gleichgesinnten Mächten,
Dem Sturm gewachsen der uns rings bedroht?

Mathias. Wär' Klesel hier er wüßte des wohl Rat.

Ferdinand. Er ist kaum auf dem Weg. Geliebt es Euch,
So bringen Boten ihn noch heut zurück.
Allein alsdann verzeiht, wenn ich mich selbst
Vereine mit den Schreibern dieser Briefe,
Zurück mich ziehend in mein stilles Land.
(Mit gebeugtem Knie die Schriften hinhaltend.)

Mathias (die Schriften ihm heftig aus der Hand nehmend).
Wir wollen sehn! – Herr Oberst Wallenstein
Ihr kommt von Prag. Wie steht es mit dem Kaiser?
(Mit einem Seitenblicke auf Erzherzog Ferdinand.)
Ich fühle mich nur jetzt an ihn gemahnt.

Wallenstein. Er ward so oft im Leben totgesagt,
Daß nun auch kaum man den Gerüchten glaubt,
Die unheilkündend sich vom Schloß verbreiten.
Doch überholt' ich an der Taborbrücke
Ein Sechsgespann mit kaiserlichem Wappen
Und Herren drin in Schwarz, vielleicht in Trauer.
Hier sind sie deucht mich; hört die Antwort selbst.

(Herzog Julius von Braunschweig und einige Hofleute, die reichverzierte Kleinodien-Gehäuse tragen, sämtlich in Trauer, treten ein.)

Mathias. Ich weiß genug. Es sprechen eure Kleider.
Mein Bruder tot. Wär' ich es erst nur auch.
(An der Türe des Kabinetts.)
Und niemand folge mir! Ich will allein sein.
(Er geht hinein.)

Ferdinand. Und ist es so?

Julius.         Es ist. Ein jäher Anfall,
Der noch der Hoffnung Raum ließ, weil er öfter,
So sagen seine Diener, ihn ergriff.
Doch diesmal war's der Tod. Er ist geschieden.

Ferdinand. O daß der Drang der Zeit mir Weile gönnte
Ihn zu beweinen wie er es verdient.
Er war ein frommer Fürst.

Julius.         Wohl, und ein Weisrer,
Als ihm die Hast der Übereilung zugibt.

Ferdinand. Doch zeigt die Weisheit sich im Handeln meist.

Julius. Wo nichts zu wirken ist auch nicht zu handeln
Die Zeit hilft selbst sich mehr als man ihr hilft.
Wir bringen die Insignien des Reichs,
Das einem andern nun zu Recht gehört,
Ein Erbe, der die Erbschaft schon besitzt.
Und so nun, meine Freundespflicht erfüllt,
– Er war mein Freund, ich wenigstens der seine –
Empfehl ich dieses Land in Gottes Schutz
Und kehre rück zu meinem das mich ruft.

Ferdinand. Vor allem noch nehmt unsers Hauses Dank,
Herr, und erlaubt, daß bis zur äußern Tür –

Julius (ablehnend).
Der Tod macht gleich. Wir alle müssen sterben.

(Er geht. Seine Begleiter setzen die Kapseln mit den Insignien auf einen rechts im Hintergrunde stehenden Tisch. – Militärmusik in der Ferne.)

Wallenstein (ans Fenster eilend).
Das ist Kapraras Fußvolk, wie ich sagte.

Ferdinand. Laßt diese Töne schweigen, die den Jubel
In unsers Herzens Trauer spottend mischen.
– Auch stört es etwa Seine Majestät,
Die jetzt wohl schwer von anderen Gedanken.

(Es ist jemand auf den Balkon getreten und hat mit dem Schnupftuch ein Zeichen gemacht. Die Musik schweigt.)

Ferdinand. Und so im Geist der Leichenfeier folgend
Des hingeschiednen Herrn, laßt uns ihn rächen.
Zwar Rache ziemt dem echten Christen nicht,
Doch seine Feinde strafen die auch unsre;
Und strafend sie, wär's mit dem Äußersten,
Zugleich erretten von dem ew'gen Tod.
Ein kurzer Feldzug nur steht uns bevor –

Wallenstein (in der Menge).
Der Krieg ist gut, und währt' er dreißig Jahr.

Ferdinand. Wer sprach? Was fällt Euch ein? Und warum dreißig?
Ist's doch als ob mit wiederholtem Schall
Das Wort von allen Wänden widertönte.
Ein kurzer Feldzug sagt' ich, und so ist's.
Was fällt Euch ein? Und warum dreißig eben?

Wallenstein. Ei, Herr, man nennt so viel ein Menschenleben.
Und eh' nicht, die nun Männer, faßt das Grab,
Und die nun Kinder, Männer sind geworden,
Legt sich die Gärung nicht, die jetzt im Blut.

Ferdinand. Wir achten Euch als wohlerprobten Krieger,
Als tücht'gen Führer, wohl dereinst als Feldherrn,
Doch zum Propheten seid Ihr noch zu jung.
Und wenn Ihr, wie man sagt, in Sternen lest,
So denkt an Kaiser Rudolfs traurig Wissen.

Nun laßt uns die Befehle noch bereiten,
Daß jedem kundig wo sein wahrer Punkt.
Denn gleich der Tat ehr ich die kluge Schrift;
Die Feder schlägt oft sichrer als die Waffe.

Musik und Lärm auf der Straße. Vivat Mathias!

Ferdinand.         Schweigt man nimmer denn?

Ein Diener (der eingetreten ist).
Der Tod des Kaisers hat sich schon verbreitet.
Man jauchzt dem neuen Herrn. Man will ihn sehn.

Auf der Straße. Vivat Mathias!

Ferdinand (auf das Kabinett zeigend).
        Geh denn einer hin
Und sage – Meldet Seiner Majestät
Des Volkes Wunsch und der Getreuen Bitte.

(Der Diener geht ins Kabinett.)

Ferdinand. Man muß die Stimmung nützen wenn sie neu.
Gealtert teilt sie gern des Alters Zweifel
Und frägt nach Gründen; endlos im Warum?

Mathias (aus dem Kabinette).
Wird mir denn nimmer Ruh'? Was soll es noch?

Ferdinand. Das Volk von dem Ereignis unterrichtet,
Das seinen Herrn beruft zum deutschen Thron,
Dazu die Krieger, die ins Feld sich rüsten,
Verlangen Euch zu sehn, erlauchter Herr.

Mathias. Nun denn, nur schnell.

Ferdinand (auf die Glastüre zeigend).
        Vielleicht hier vom Balkon.

Mathias. Geht Ihr mit mir und steht an meiner Seite,
Vielleicht erkennt das Volk dann wer sein Herr.

(Erzherzog Ferdinand tritt mit einer ehrerbietigen Verbeugung zurück.)

Mathias. So öffnet denn die Tür! – Und –
(mit einer Abschiedsbewegung)
        Gott befohlen!

(Er tritt auf den Balkon. Jubelgeschrei von außen.)

Ferdinand. Wir wollen denn nicht länger lästig fallen.
Ich selber ziehe nicht mit Euch ins Feld,
Doch will ich sorgen, daß, dieweil Ihr fern
Die Feinde tilgt mit scharfgeschliffner Waffe,
Die Gegner in dem Rücken Eures Heers,
Die heimlichen, deshalb gefährlichsten,
Gejätet und gesichtet und getilgt,
Auf daß das Land ein wohlbestellter Garten,
Ein Ährenfeld, zu Frucht dem höchsten Herrn.

(Indem die Anwesenden sich öffnen und einen Durchgang bilden.)

Ferdinand. Es geht in Krieg, seid froh Herr Wallenstein.

Wallenstein. Ich bin's.

Mehrere.         Wir auch, und währt' es dreißig Jahr
– Ja wären's dreißig – Dreißig! – Um so besser.

(Indem sie Wallenstein die Hand schütteln, alle ab.)

Mathias (der vom Balkon zurückkommt).
Was sprechen sie von Krieg und dreißig Jahren?
Ich werd es nicht erleben. Glück genug.
Und übrall Lärm. Ich aber brauchte Stille
Tönt's doch in meinem Innern laut genug;
Und wieder öde, daß kein Widerhall
Des allgemeinen Jubels rückerklingt.
Am Ziel ist nichts mir deutlich als der Weg,
Der kein erlaubter war und kein gerechter.
(Sein Blick trifft die Reichskleinodien, er wendet die Augen ab.)
O Bruder, lebtest du und wär' ich tot!
Gekostet hab ich was mir herrlich schien,
Und das Gebein ist mir darob vertrocknet,
Entschwunden jene Träume künft'ger Taten,
Machtlos wie du wank ich der Grube zu.

Ich will ins Freie, mich zerstreun – und doch,
Wie ein Magnet ziehts mir die Augen hin
Und täuscht mit Formen, die nicht sind, ich weiß.
Reicht denn dein Haß herüber übers Grab,
Selbst nach der Strafe noch?

(Lärm und Musik von neuem aus der Ferne.)

Mathias (gegen den Tisch gekehrt in einiger Entfernung niederkniend und wiederholt die Brust schlagend).
        Mea culpa, mea culpa,
Mea maxima culpa

Von der Straße.         Vivat Mathias!

(Indem das Vivatrufen fortwährt und Mathias das Gesicht mit beiden Händen bedeckt fällt der Vorhang.)

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