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Ein Bruderzwist in Habsburg

Franz Grillparzer: Ein Bruderzwist in Habsburg - Kapitel 14
Quellenangabe
typetragedy
booktitleEin Bruderzwist in Habsburg
authorFranz Grillparzer
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004393-X
titleEin Bruderzwist in Habsburg
pages1-100
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1848
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Fünfter Aufzug

Saal in der kaiserlichen Burg zu Wien.

Klesel steht wartend, Erzherzog Ferdinand tritt ein.

Ferdinand. Ist's endlich mir gegönnt, bei meinem Oheim,
Mit dem ich sprechen muß, Gehör zu finden?

Klesel. Die Türe steht Euch offen jederzeit,
Ihr seht ihn täglich, stündlich, wenn Ihr wollt.

Ferdinand. O ja, im Schwall des Hofs, bei Spiel, beim Tanz.
Wohl auch im Kabinett, in Eurem Beisein.

Klesel. Er ist der Herr und ich sein Diener nur.
Befiehlt er mir zu gehen, geh ich; bleibe,
Wenn er mein Bleiben förderlich ermißt.

Ferdinand. Nur neulich sprach ich endlich ihn allein,
Nur merkt' ich wohl aus den zerstreuten Blicken,
Die stets er warf nach der Tapetentür,
Daß jemand dort versteckt, der uns behorchte.
Und Ihr wart's, mein ich; leugnet's wenn Ihr könnt.

Klesel. Wär' es geschehn, geschah es auf Befehl:
Gehorchen schließt das Horchen selbst nicht aus.

Ferdinand. Wir aber wollen's länger nicht mehr dulden,
Daß sich ein Fremder eindrängt zwischen uns
Und stört die Einigkeit von unserm Hause.
War's darum daß wir uns Euch angeschlossen
Und gegen ihn den rechten güt'gen Herrn?
So daß die Röte mir der Scham noch jetzt
Indem ich spreche aufsteigt bis zur Stirne.
Da hieß es, daß ein Haupt dem Reich vonnöten,
Daß nur mit festem Tritt und sicherm Aug'
Der Ausweg sei zu finden aus den Wirren,
In denen labyrinthisch geht die Zeit,
Und wir, wir stimmten ein – wär's nie geschehn!
Doch kaum erreicht das langersehnte Ziel,
Gestillt die Gier des Herren und – des Dieners,
Wankt man auf gleichem Irrweg durch den Wald,
Und meint: sich regen sei schon weitergehn.

Klesel. Ihr irrt; ein fester Plan beherrscht das Ganze
Und jeder Schritt führt näher an das Ziel.

Ferdinand. Doch dieses Ziel, sag ich, es ist verderblich.
Ausgleichung heißt's, Gleichgültigkeit für jedes;
Vermengung des was Menschen ist und Gottes.
Sagt selbst ob Euer Herr –

Klesel.         Nur meiner?

Ferdinand.                 Meiner auch.
Doch einen Abstand bildet wohl was nah und nächst.
Sagt selbst: war er nicht heißer Tatendurst,
Zu zügeln kaum und kaum zurückzuhalten,
So lang die Krone lag im Reich der Hoffnung;
Und nun, bedeckt mit ihr als einem Helm
Den Szepter als ein Schwert in seiner Hand
Schläft er auf trägen Purpurkissen ein
Und bringt die Zeiten Kaiser Rudolfs wieder.
Ja schlimmer noch; denn jener war die Waage
Die beide Teile hielt im Gleichgewicht;
Ihr aber legt was Euch noch bleibt an Schwere
Der einen Schale zu, und zwar der schlechten,
Der gottverhaßten, der verderblichen.
Ist nicht halb Österreich noch protestantisch,
Mit Ketzern nicht besetzt ein jeglich Amt.
Die hohe Schule, deren Rektor Ihr,
Ertönt von Worten frecher Kirchenleugner.

Klesel. Wir suchen Wissen bei der Wissenschaft,
Der Glaube wird gelehrt von gläub'gen Meistern.

Ferdinand. Fluch jedem Wissen, das nicht aufwärts geht
Zu aller Wesen Herrn und einz'gem Ursprung.

Klesel. Von oben rinnt der Quell, doch rinnt er nicht zurück,
Wo er das Licht betritt ist er schon Lauf, nicht Quelle.

Ferdinand. Seid Ihr derselbe der, ein Kirchenfürst,
Berufen zur Verteid'gung ihrer Lehre?
Der sie verteidigt auch, o ja ich weiß,
Solang der Kirche Gold und Rang und Ansehn
Euch noch ein Lohn schien, der des Strebens wert,
Und habt, so sagt die Welt, nicht nur von Glaubensschätzen,
Auch von den Schätzen dieser ird'schen Welt
Ein Artiges gehäuft in Euern Speichern.

Klesel. Man sieht sich vor; die Zeiten schlagen um.

Ferdinand. So mag der einzelne vielleicht sich trösten,
Doch für den Staat gibt es kein einzelnes,
Für ihn hängt alles an derselben Kette.
Ja selbst die Mächte, die mit uns vereint,
Die gleichen Wegs mit unsern ebnen Bahnen,
Sie nehmen an der Lauheit Ärgernis
Und ziehen sich zurück. Was bleibt uns dann?
Hispanien, der Papst, das fromme Baiern.

Klesel. Von daher also kommt's? Mein hoher Herr,
Es sorgt ein jeder doch zunächst für sich,
Der Freund ist mehr als meiner noch sein eigner.
Hispanien begehrt die Niederlande
Durch unsern Beistand und mit unserm Blut.
Der Papst ist der Kompaß, des sichre Nadel
Die Richtung anzeigt uns zum fernen Pol;
Allein die Segel stellen und das Ruder brauchen,
Das überläßt er uns; wir hoffen so.
Und endlich Baiern. Arglos frommer Herr,
So seht ihr nicht wohin sein Streben geht?
Ist Östreich erst verworren und geschwächt,
Steht nichts in Weg ihm zu der Kaiserkrone.

Ferdinand. Der Baierfürst hegt gottesfürcht'gen Sinn,
Das Wohl der Kirche sucht er, nicht sein eignes.

Klesel. Will einer erst die Herrschaft Gott verschaffen,
Sieht er in sich gar leicht des Herren Werkzeug
Und strebt zu herrschen, damit jener herrsche,
Auch ist der Seeleneifer und der Eigennutz
Nicht gar so unvereinbar als man glaubt.
Die Überspannung läßt zuweilen nach,
Und wie der Adler, der der Sonne nächst,
Holt er sich Kräftigung durch ird'sche Beute.
Man meint's selbst von der Kurie in Rom.

Ferdinand. Ob Ihr nun sprecht was Euch und mir nicht ziemt,
– Ihr nennt, ich weiß es, derlei Politik –
Doch eins tut not in allen ernsten Dingen:
Entschiedenheit; ob unser Ihr, ob nicht.

Klesel. Was nennt Ihr unser? Ich bin meines Herrn.
Er ist mein Uns, mein Euch, mein Ich, mein Alles.
Er ist entschieden und ich bin es auch.
Doch wenn die Macht nicht einig wie der Wille,
Wer trägt die Schuld als jene, die im Dunkeln
Am Hofe selbst sich bilden zur Partei
Und die Parteiung in den Ländern nähren?
In Böhmen selbst, wo man den Majestätsbrief
Erfüllen will, getreulich, ohne Hehl,
Trifft jeder Auftrag Seiner Majestät
Auf einen heimlich widersprechenden,
Gegeben von den Nächsten seines Hauses.
Die Utraquisten wollen Kirchen baun,
Wozu sie Kaiser Rudolfs Brief berechtigt,
Man hindert sie und stellt die Arbeit ein.

Ferdinand. Null ist der Majestätsbrief, als erzwungen.

Klesel. Erzwungen ist zuletzt ein jeder Friede;
Der Schwächere gibt nach. Doch soll das Schwert
Nicht wüten bis zu völliger Vertilgung,
Muß Friede werden, der nur Friede ist
Wenn er gehalten wird, ob frei, ob nicht.
Sie sollen Kirchen baun, so will's ihr König.

Ferdinand. Sagt doch vielmehr nur: Ihr.

Klesel.         Nun also: Ich,
Sofern mein Rat ein Teil von seinem Willen.
Mich hat umsonst aus meiner Niedrigkeit
Die Vorsicht nicht gestellt auf jene Stufe
Zu der sonst nur Geburt und Gunst erhebt.
Der Kirche Macht bekleidet mit dem Purpur,
Der mich den Königen zur Seite stellt.
Ich werde nicht vor Menschen feig erzittern,
Und wären's Könige – im Land der Zukunft;
Die nämlich kommen kann, nicht kommen muß.

Ferdinand. Da wär' zu zittern denn an mir?

Klesel.         Niemand soll zittern!
Vor allem der im Recht ist und der klug.

Ferdinand (auf die Kabinettstüre zugehend).
Da ist denn einer nur der hier entscheidet.

Klesel (mit einer gleichen Bewegung).
Ich bin bestellt.

Ferdinand.         Und ich, ich bin berufen,
Im Sinn der Schrift. Berufen und – erwählt,
In Böhmen wenigstens als künft'ger König.

(Ein Kämmerling erscheint in der Kabinettstüre.)

Klesel. Sagt, daß wir warten hier, und sputet Euch!

(Der Kämmerling geht ins Kabinett zurück)
(Klesel geht mit starken Schritten auf und nieder.)

Ferdinand (sich entfernend).
Der Bauer steckt noch ganz in seinem Leibe
Mit des Emporgekommnen Übermut.

(Der Kämmerling kommt zurück.)

Ferdinand. Hat man gemeldet also?

Kämmerling (mit einer Einlaßbewegung).
        Eminenz.

(Klesel geht mit starkem Schritt ins Kabinett.)

Kämmerling. Entschuld'gen soll ich seine Majestät,
Hochwicht'ge Nachricht sei aus Prag gekommen,
Sie stehn zu Dienst wenn das Geschäft beendigt.

Ferdinand. Ich bin's gewohnt den Dienern nachzustehn.
Wie ist's in Prag, vor allem mit dem Kaiser?

Kämmerling. Ein Anfall wie er öfter schon ihn traf,
Nur stark wie nie, bedroht sein Leben, sagt man,
Doch gibt man Hoffnung noch – für dieses Mal.

Ferdinand. Ich bete drum, denn er ist unsre Hoffnung,
Der schutzlos selber, unser einziger Schutz.

(Kämmerling geht zurück.)

Ferdinand. Nun denn, der Augenblick der Tat, er kam.
Stirbt Kaiser Rudolf, was wohl furchtbar nah,
Und folgt Mathias auf dem deutschen Throne,
Verdoppeln sich die furchtsamen Bedenken,
Die ihm dies Schwanken in die Brust gelegt.
Des Reiches Fürsten, ketzerisch zumeist,
Hier Sachsen, Brandenburg, die böse Pfalz,
Sie nötigen zu Schonung, schwachem Dulden
Und jene Spaltung setzt sich endlos fort,
In der Gott selbst so wie sein Wort gespalten.

Vor allem jetzt muß dieser Priester fort,
Des schlimme Schmeichelei, gehüllt in Derbheit,
Ihn ehrlich nennt wo listig er zumeist.
Des Leichtigkeit in Schrift und Wort und Tat,
Ihn unentbehrlich macht, weil er bequem
Die Herrschaft auflöst in die Unterschrift.

Jetzt oder nie! Seit Monden seh ich's kommen,
Und der ich Festigkeit von andern fordre,
Mir ringen Zweifel selber in der Brust.
(Aus der Tasche seines Mantels Briefe hervorziehend.)
Bin ich gewappnet nicht mit aller Vollmacht
Von Rom, von Spanien, dem kathol'schen Deutschland?
Das böse Beispiel das ich etwa gebe,
Es findet sich geheiliget im Zweck:
Der Ehre Gottes und dem Sieg der Kirche.
(Das Barett abnehmend.)
So war dem Hohenpriester wohl zu Mut
Als er den Ahab tötete im Haus des Herrn.
Er warf sich nieder vor der Bundeslade
Wie ich jetzt beugen möchte hier mein Knie
Und Gottes Wink erflehn und seine Stimme.

Ich will noch einmal meinen Oheim sprechen,
Ihm vor die Augen legen diese Briefe,
Die alle fordern was das Heil von allen.
Dann aber rasch, denn er ist wankelmütig!
Der nächste Tag bringt einen andern Sinn
Und die Gewohnheit ist das Band der Schwäche.
(Die Türe im Hintergrunde öffnend.)
Seyfried bist du bereit?

Seyfried Breuner (eintretend).
        Ich bin's seit lange.

Ferdinand. Nun diesmal gilt's. Besorg erst einen Wagen.

Seyfried. Des Klesel Kutsche, die ihn hergebracht,
Hält unten noch im Hof.

Ferdinand.         Um desto besser.
Indes ich noch mit meinem Oheim spreche,
Halt ihn zurück durch irgend einen Vorwand,
Bis ich dir sage: jetzt! Dann schnell nach Kufstein.
Merk wohl, er darf zurück nicht in sein Haus,
Denn seine Schriften sind vor allem wichtig.
Er kommt. Geh nur und sieh nach deinen Leuten.

(Seyfried ab. – Klesel kommt aus dem Kabinett.)

Ferdinand. Darf ich nun endlich meinem Oheim nahn?

Klesel. Er ging nur eben nach der Schloßkapelle,
Doch kehrt er wieder, ehrt ihn der Besuch.

Ferdinand. Es ist kaum zehn, um eilf Uhr ist die Messe.

Klesel. Die Andacht bindet sich an keine Zeit.

Ferdinand. Nun das habt Ihr getan. Ich dank Euch drum.
Ich forderte ein Zeichen erst vom Himmel,
Ihr gebt das Zeichen selbst. Noch einmal: Dank!
Das ist der Lohn der Schlauheit, daß sie fein
Den Faden spinnt, bis er, am feinsten, bricht.
Ihr sollt nach Kufstein, Herr!

Klesel.         Nicht daß ich wüßte!
Mir ist zu reisen weder Zeit noch Lust.

Ferdinand. Doch wenn Ihr müßt?

Klesel (sich dem Kabinette nähernd).
        Wer wagt hier zu gebieten?

Ferdinand. Ihr habt ja selbst den Schutz von Euch entfernt.
Der König ist in seinen Zimmern nicht,
Gesendet habt Ihr ihn nach der Kapelle
Und seid gegeben nun in unsre Macht.
Der Papst will Euch in Rom; deshalb nach Kufstein,
Das annoch deutsch und auf dem Weg nach Welschland.

Klesel. Der König ruft zurück mich Augenblicks.

Ferdinand. Seid dessen wirklich Ihr so sicher?

Klesel.         – Nein!
Ihm hat die Herrschaft aufgedrückt die Makel,
Die sie der Kön'ge besten nur erspart:
Unsicherheit und Mangel an Entschluß.
Doch später, wenn der Samen aufgegangen,
Den man gesät in den entzweiten Landen,
Verwirrung und Empörung, ja der Krieg
In blutigroter Blüte wuchernd sprossen,
Dann wird man pilgern hin zu Kufsteins Toren,
Dann kehr ich heim in siegendem Triumph.

Seyfried (eintretend).
Es drängt die Zeit.

Ferdinand.         Sei immer ruhig, Freund,
Er hat dafür gesorgt, daß uns sein Herr
Nicht vor der Zeit hier störe im Beginnen.
Nun aber fort! Es ziemt nicht meiner Würde
Den Schergen hier zu spielen nebst dem Richter.
Obwohl's mich freut, erquickt in meinem Sinn,
– Nicht meinetwillen, nein um Gottes wegen –
Im Staub zu sehn den Mann, der ihm getrotzt.
Glück auf den Weg! Nach Kufstein also rasch!

(Durch die Mitteltüre ab.)

Klesel. Herr Seyfried, seht, ich war Euch stets ein Freund.

Seyfried. Drum habt Ihr meiner Schwester auch verweigert
Die Pension, die ihr zu Recht gebührt.

Klesel. Sie soll sie haben, und verlangt ihr Gold,
Nennt den Betrag bis dreißigtausend Kronen,
Nur gönnt mir Aufschub, eine Viertelstunde.
Laßt mich zu Hause ordnen noch Papiere,
Man hat so viel was nicht für jeden taugt.

Seyfried. Ich bin vom selben Stoff wie meine Waffen:
Die Faust von Eisen und die Brust von Erz.
(Auf die Seitentüre links zeigend.)
Dort unser Weg. Verlegt Euch nicht auf Bitten.

Klesel. Ihr mahnt mich recht. Ich habe hier geboten
Und will nicht betteln um der Bettler Gnade.
Vollführt denn die Befehle Eures Herrn,
Der sich von Eisen fühlt, wie Euer Harnisch
So oft ihn Glaubenseifer vorwärts treibt,
Doch kommt's einmal zu menschlicher Zerwürfnis
Vor jedem zittern wird, der, starken Sinns
Sich dienend aufgedrungen ihm zum Herrn.
Er wird mein Rächer sein. Ich ahn ihn schon
Und höre seine Tritte aus der Ferne.

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