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Ein Brautpaar

Adolf Pichler: Ein Brautpaar - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorAdolf Pichler
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Sechster Band
titleEin Brautpaar
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeSechster Band
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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So war alles in schönster Ordnung, nur die Bewilligung des Gemeindeausschusses blieb aus. Hier waren, seitdem Sever beim Militär diente, die alten Mitglieder, die ihn gekannt und geachtet, ausgeschieden, und neue, zumeist reiche und wohlhabende gewählt worden. Sogar Thomas hatte, trotzdem daß er überall als schofler Kerl galt, Zutritt erlangt, er wolle jetzt, sagte er, die Gemeinde wirtschaften lehren. Der neue Ausschuß machte es zur Hauptsorge, nach Kräften die Vermöglichen vor jeder Last zu schützen und ihre scheinbaren Vorrechte mit einem wahren Dorngehege zu umzäunen. Da wurde gemurrt, daß man so viel zur Unterstützung armer Witwen und Waisen zahlen müsse; alsogleich beschloß man, keinem Arbeiter mehr die Heirat zu gestatten, wenn er nicht Grund und Boden besitze, und auch letztere Ausnahme wurde nur gemacht, weil die Regierung in diesem Fall stets gegen die Gemeinde entschieden hätte.

Stanzl hatte, um nicht üble Nachrede aufzurühren, im Lauf des Sommers sich nie um das Los des Gesuches beim Gemeindeausschuß gekümmert; hätte sie das höhnische Gesicht des Thomas bemerkt, wenn er ihr zufällig begegnete, sie würde es leicht erraten haben. Nach Kirchweih kam Sever aus Schwaben, er zeigte ihr die ersparten Taler, die in der Zeit des Papiergeldes doppelten Wert hatten, voll Freude, und verabredete mit ihr noch einiges. Am nächsten Morgen begab er sich zum Gemeindevorsteher, – sollen wir den Schmerz des Armen schildern, als er den abschlägigen Bescheid erhielt, einen Bescheid, der ihm auch für die Zukunft, wenn er nicht auf die Hilfe eines außerordentlichen Zufalls rechnete, die Ehe unmöglich machte. Was half es ihm, daß er auf seine gesunden Arme, auf die Erwerbsfähigkeit Stanzls, auf das ersparte kleine Kapital verwies! Das überzeugte die Engherzigkeit der Geldprotzen im Ausschuß, wo Thomas schürte, nicht im mindesten. Freilich half sich mancher dadurch, daß er mit der Erkorenen in wilder Ehe lebte, wo sodann die kurzsichtige Gemeinde unversehens die Sprößlinge erhalten mußte, bis endlich mit Ingrimm die langersehnte Heiratsbewilligung erteilt ward; diesen Ausweg hätte Sever nie betreten, nicht einmal die leiseste Versuchung empfand er dazu.

Stanzl hörte weinend die Unglücksbotschaft; hatte sie ihn einst in der Kirche aufgerichtet, als er vor dem Abmarsch zum Militär verzagen wollte, so war es jetzt seine ruhige männliche Fassung, die ihr zur Stütze diente. »Aushalten! liebe Stanzl,« sagte er schmerzlich bewegt, »aushalten muß unsere Parole sein, der Herr weiß Grund und Ursache zu allen Dingen; hat er uns so weit geführt, wird er uns auch jetzt nicht verlassen.«

Aushalten! sie blieben bei ihrer Parole, die Treue, die sie sich gegenseitig bewahrten, lieh ihrem Bewußtsein die heilige Weihe eines Sakramentes und erfüllte sie in trüben Tagen mit einer Art Beruhigung.

Eine alte Freundin riet Stanzl, in die Lotterie zu setzen, diese trügerische Zuflucht der Verzweifelnden, denen durch ein Hazardspiel manchmal der letzte Bissen vom Mund, das letzte Kleid vom Leibe geschwindelt wird. Sie wies es zurück, nicht weil sie an der möglichen Wirksamkeit dieses Volksmittels zweifelte, sondern weil sie Gott nicht versuchen wollte, der es ihr und Sever auferlegt, sich durch die redliche Kraft der Hände den Herd zu gründen. Wollte Gott zu solchen Mitteln greifen, werde er's selbst tun, ohne daß sie es ihm nahe gelegt.

Weder Sever noch Stanzl dachten mehr an Thomas; er war ihnen fremd geworden, lagen doch viele Jahre zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Allein um so öfter dachte er an sie, sein Groll besänftigte sich mit dem Alter nicht, ein Zeugnis für seine ursprünglich schlechte Natur. Es war ihm nicht genug, nach Möglichkeit beizutragen, daß sie ihrem Ziele fern blieben, sie sollten nicht einmal im Winter die Freude des Umganges und gegenseitigen Trostes haben. Bei einer Sitzung des Gemeindeausschusses, wo der Pfarrer zugegen war, erhob er sich; nachdem er lange über die schlechten Zeiten geschimpft, wo jeder Proletarier ein Herr sein wolle, gab er als Grund alles Elendes die wachsende Sittenlosigkeit an, und bezeichnete als die wesentliche Pflicht der Gemeinde, diese in der Wurzel zu zerstören, dann werde auch der Segen des Himmels wiederkehren. Er blickte seufzend nach oben, einige seiner Zuhörer stießen sich schmunzelnd mit den Ellenbogen. »Ich getrau' mir's kaum zu sagen,« fuhr er fort, »es sind arme Leute, aber arme Leute sind nicht immer gute Leute. Da ist dieses Bettelvolk Sever und Stanzl. Sie diente zuerst als Bauerndirne, jetzt ist sie zur strengen Arbeit zu faul, läuft in die Stadt und hilft bei Herrschaften aus, angeblich, weil sie mehr verdiene. Die hat ein Verhältnis zum Sever, ihr kennt ja den Maurer, das Verhältnis dauert zu lange.« – Das Gesicht des Pfarrers verfinsterte sich; Thomas sprach heuchlerisch die Augen gesenkt und bemerkte es daher nicht.

Er machte eine Pause; als niemand das Wort ergriff, begann er von neuem: »Um's anzudeuten – gerade heraus darf man es mit bäurischem Maul nicht sagen, weil uns der Hochwürdige beehrt, also ich meine – – die zwei gehen vor der Messe zum Opfer, und da sollt' die Gemeinde die Sünde hindern, und sich dreinlegen, und da sollt' sie eines von beiden abschaffen.« – Er schwieg. Alles blickte auf den Pfarrer, der sich unruhig auf dem Sessel bewegte und dann rasch aufstand. Über sein Gesicht flog die Röte des Zornes; er zerrte, wie er es im Unwillen zu tun pflegte, am blauen Perlkollar und sprach heftig: »Solche unchristliche Anklagen wagt Ihr ohne Beweis vorzubringen? Ihr, Herr Thomas« – sein Blick bohrte sich wie funkelnder Stahl in das Auge des erschreckenden Bauern, – »Ihr hebt den Stein gegen Stanzl auf? Ihr schneidet Sever die Ehre ab, das einzige, was er, ohne Euch erst um Erlaubnis zu fragen, besitzt? Das tut Ihr! Ich aber sage Euch, daß Sever und Stanzl seit Jahren meine Beichtkinder sind, und ich mein', das Himmelreich wär' uns näher, wenn es viel so fromme Leut' gäbe. Das sag' ich als Seelsorger, und klagt Euch das Paar wegen Verleumdung, so steh' ich als Zeuge vor der weltlichen Obrigkeit, als Zeuge gegen Euch! Wie der Herrgott die Heuchler richtet, habt Ihr vielleicht aus dem Katechismus nicht vergessen?«

Thomas war vernichtet und verstummte.

Seine Absicht war vereitelt, bald wurde die Geschichte offenkundig; alle dankten dem Pfarrer, daß er dem elenden Menschen, den noch niemand zu stillen vermocht, das Maul gestopft; auch Stanzl und Sever erfuhren den ganzen Hergang. Es erfragte ihn jedoch noch jemand: ein Advokat, bei dem sie hier und da arbeitete, und der wegen ihrer Rechtlichkeit gar viel auf sie hielt. Dieser beschloß, gegen Advokatensitte, hier etwas umsonst zu tun und dem Paar nicht bloß Genugtuung zu verschaffen, sondern auch gründlich zu helfen.

Was hätten Sever und Stanzl, selbst wenn es ihr Wille gewesen, gegen den reichen Thomas ausgerichtet? So setzte ihnen der Advokat die Klagschrift auf, reichte sie beim Landgerichte ein und vertrat beide als Kläger. Das gab freilich einen großen Aufruhr, als Herr Thomas, der reiche Pütrichbauer, sich verantworten mußte, daß er eine arme Magd und einen Maurer beleidigt. Wurde er nicht verurteilt und eingesperrt, so hatte er es nur der Gnade des armen Paares zu verdanken, das sich zufrieden erklärte, wenn er vor dem Gemeindeausschuß dem Pfarrer gegenüber seine Äußerung zurücknehme und Sever abbitte.

Es wurde eine Sitzung anberaumt. Das Gericht sandte einen Kommissär in voller Uniform; daß sich Thomas für diesen Auftritt besonders geputzt, wird nicht erzählt. Vor dem Gemeindehause versammelten sich trotz des Werktages viele Arbeiter, Kopf an Kopf guckten sie durch das Fenster, denn es galt einem der Ihrigen. Wie Thomas blaß und zitternd seine Abbitte, die zu Protokoll genommen ward, gestammelt und unterzeichnet hatte, erhob sich lautes Jubelgeschrei.

Unsicher trat Thomas aus der Türe, um sich zu entfernen. Beim Anblick der versammelten Menge wollte er scheu zurückweichen; ein Zimmermann packte ihn hohnlachend beim Arm und hob ihn empor: »Da, schaut ihn an, diesen ecce homo, der brave Menschen verleumdet hat, pfui Teufel!« Rasch bildete sich eine Gasse; unter Geschrei, Johlen und Klatschen flog Thomas wie ein Ball von Hand zu Hand und hinkte, nachdem er so fast Spießruten gelaufen, eiligst davon.

Der Kommissär wurde mit Jubel begrüßt, die Männer nahmen die Hüte ab und brachten der Gerechtigkeit ein lautes Vivat! Ein Arbeiter schüttelte ihm die Hand und lud ihn ins Wirtshaus, sie möchten ihm gern eine Halbe zahlen, weil er die Sache so gut gemacht.

Lachend machte sich der Beamte los und eilte ins Bureau, dort Bericht zu erstatten.

Die Protzen waren freilich untröstlich über das, was einem der Ihrigen widerfahren, und glaubten sich absichtlich beleidigt. Sie versuchten ihn zu entschädigen und schlugen ihn bei der nächsten Wahl zum Vorstand vor, drangen jedoch diesmal noch nicht durch, und erst später gelang es, ihn zu diesem hohen Posten emporzuschieben, wo er sodann einige Jahre auf seinen schmutzigen Geldsäcken thronte.

Der Advokat hatte sich, wie gesagt, unseres alten Brautpaares Los zu Herzen genommen und wollte ihm, den Bauern zum Trotz, helfen. Er besaß zu Hülzen ein sehr schönes Gut; ein Stück guten Grundes, der in dieser Lage sehr teuer ist, konnten sie ihm nicht abkaufen, er bot ihnen daher für sehr bescheidenes Geld jene Erdzunge in der Öde, die zu seinem Wald gehörte. Dankbar nahmen sie den gütigen Antrag an und begannen schnell mit Ausrodung der Stauden und dem Bau der Hütte, die wir geschildert. Nun mußte der Gemeindeausschuß das Gesuch bewilligen, um so mehr, da der Advokat die Drohung einer höheren Instanz angehängt hatte.

»Dem Teufel und dem Bettelvolk gelingt alles, wenn es ernstlich will!« brummte Herr Thomas, als ihm einige Bauern spöttisch zu dem Nachbar auf dem neuen Gut Glück wünschten.

Stanzl und Sever waren voll Freude ganz verklärt, Arm in Arm gingen sie herum, als ob es die Leute erst jetzt erfahren sollten, daß sie Brautleute seien. Sogar ins Wirtshaus wagten sie sich; der Wirt fragte zweimal, ob es Ernst sei, als der sparsame Sever eine Halbe Roten bestellte. Und er hat ihnen geschmeckt. Sie stießen mit den Gläsern an; Aug' in Auge ließen sie den wackeren Advokaten leben, der ihnen geholfen, ihnen, dem »alten Brautpaar«, wie sie fast sprichwörtlich hießen, denn auf Severs Scheitel hatte es bereits angeschneit und die fünfzig klopften an, während Stanzl gar wohl die Patriarchin Sarah zum Vorbild wählen durfte. Freilich sah sie infolge angestrengter Arbeit älter aus, als sie war; zu vierundvierzig Jahren bekennt sich aber auch eine Dame in der Stadt selten gern.

Sonntags gingen sie miteinander zur Kirche. So mag der armen Seele im Fegfeuer das Engelswort klingen, wie ihnen jetzt die Stimme des Pfarrers klang, als er sie zum erstenmal verkündete. Sie durften einander vor Rührung nicht ansehen, Sever schämte sich vor der ganzen Gemeinde seiner Tränen und blickte starr zu Boden.

Vor der Kirchtüre warteten ihrer ein Polier des edlen Maurerhandwerks und ein Zimmermann, beides wackere Arbeiter.

»Gott grüß' euch,« begann jener, »wir sind da, um euch im Namen unserer Handwerke zu sagen, daß wir alle zur Hochzeit kommen und euch nach Kräften eine gute Ehrung tun wollen. Und die Böller sollen auch krachen, wie bei der reichsten Bauernhochzeit, damit die Leute sehen, daß wir zusammenhalten und einen braven Kameraden zu ehren wissen.«

Sever dankte gerührt.

»Und daß ihr euch nicht lang' um einen Brautführer umschaut,« begann der Zimmermann, »so haben uns die Handwerke aufgetragen, euch hierin zu dienen, wenn ihr's halt annehmen wollt!«

»O mein Gott!« rief Stanzl, »muß ich denn in meinen alten Tagen noch so viel Ehre erleben!«

»Männer!« fuhr Sever fort, »Gott vergelt's euch, ich kann es nicht, und so nehme ich denn eure Liebe dankbar an auf den St. Kathreintag. Die Stanzl wird schon, wie's der Brauch ist, für jeden ein Nagerl mit Rosmarin herrichten. Am Kathreintag hochzeiten wir, unser Herr wird nichts mehr dawider haben!«

Er hatte nichts mehr dawider. Als es am Vorabend von St. Kathrein finster geworden, trafen Sever und Stanzl, die sich zusammenbestellt, auf dem Friedhof zusammen. Sie gingen in die dunkle Kirche zum Seitenaltar, wo das Bild der Mutter Gottes stand. Dort hing der Kranz, den sie vor fast zwanzig Jahren hinterlegt, die Farben abgeblaßt, die Glanzflitterchen trüb, – Severs Hand zitterte, als er danach griff. Er hielt ihn eine Weile vor sich in der Hand, vor seiner Seele glitten jene Jahre des Schmerzes und der Entsagung noch einmal vorüber, dann seufzte er tief und drückte ihn auf die Stirn seiner Stanzl. Beide knieten nieder, Hand in Hand opferten sie, was sie bisher gelitten, dem heiligen Herzen Mariens, das ja auch einst von sieben Schwertern durchbohrt worden. Nach einem langen, stillen Gebet erhoben sie sich und schieden am Tore des Friedhofes.

Um sechs Uhr früh krachten die Böller vor der Kirche; der Marsch, aufgespielt von etlichen Arbeitern, schreckte die Kinder vom Schlafe auf, um sieben Uhr öffnete sich die Türe des Bauernhauses, wo Stanzl zuletzt gedient und noch wohnte; einige Kranzeljungfrauen erschienen, kleine Mädchen mit dem Rosmarinkranz und einer weißen, gefransten Schürze, ihnen folgte zwischen Zeugen und Brautführern das alte Paar, hocherfreut von all der Ehre, die ihnen jetzt widerfuhr, einer Ehre, die sie als Krone eines edlen, reinen, arbeitsamen Lebens betrachten durften. Auch Stanzl trug die Weiße Schürze und den vergilbten Kranz; auf dem Brustlatz von Severs langem, braunem Rock prangte ein üppiger Strauß, den ihm ein alter Kamerad, der Gärtner Zeppart, zugesandt, um den Hut war eine neue Tresse geschlungen. Hintennach die Gäste, Zimmerleute und Maurer, wie sie einst auf Josephs Hochzeit in Nazareth erschienen sein mögen, und ihre Weiber, die mit Stanzl auf der Schulbank gesessen, und nun die Töchter, die noch nicht geheiratet, als Kranzeljungfern vorausschickten.

Sie hatten die Kirche bald erreicht.

Dort erwartete sie der Geistliche im Chorrock; das Brautpaar trat vor und wurde eingesegnet. Der Priester sprach einige Worte, pries ihre Geduld und Ausdauer, forderte sie auf, den Feinden zu vergeben und schloß damit, daß er sie der versammelten Gemeinde als Muster der Tugend und der Rechtschaffenheit vorstellte. Stanzl schluchzte laut, Sever warf einen wehmütigen Blick auf die Mutter Gottes, da fiel mit einem furchtbaren Tschin, tschin, tschin der Hülzner Marsch ein, und der Zug ordnete sich neu.

Im Schiff der Kirche stand Thomas. Er hatte sich an der Ecke einer Bank aufgestellt, so daß man sich an ihm vorbeidrängen mußte. Höhnisch lächelnd schaute er Sever und Stanzl an und sagte dann, daß es nicht bloß sie, sondern die Nächsten daran noch deutlich hörten:

»So haben die Bettler Hochzeit gemacht!«

Sever trat einen Schritt zurück, sein Auge flammte, er hob die Faust und ließ sie wieder sinken, denn er dachte jenes Wortes, man solle dem Feind vergeben, das er soeben am Altar gehört, doch schweigen konnte er nicht.

Hoch aufgerichtet maß er Thomas mit einem Blicke der Verachtung und rief: »So ist dir die Kirche nicht heilig genug, um deine niederträchtige Zunge zu bändigen? Schon einmal hast du mich und Stanzl verleumdet, – die Gebenedeite dort auf dem Throne weiß, daß jeder Hauch eine Lüge war; du hast das Glück meiner Jugend zerstört, uns die schönsten Tage abgestohlen. Dafür mag jener mit dir abrechnen, der in der Hostie auf dem Altar gegenwärtig ist; wenn du auf dem Todbette liegst, mag er abrechnen mit dir, ich überlasse ihm die Rache!«

Laut hallten vom Gewölb die Worte wieder, Getümmel erhob sich, das Brautgeleit Severs wollte sich auf Thomas stürzen, um diesen scharte sich seine Sippe; da sprang der Geistliche, der noch den Chorrock nicht abgelegt, dazwischen und hinderte die Entweihung des Gotteshauses.

Die Geschichte wurde, verschieden ausgeschmückt, erzählt, das Gericht leitete eine Untersuchung ein, Thomas ward zu einer ansehnlichen Geldstrafe, und Sever, der Arme, zu drei Wochen Arrest verurteilt – wegen Religionsstörung! Der passende Paragraph des Strafgesetzes klappte allerdings, aber wer von uns hätte anders gehandelt als Sever?

Thomas nahm wenige Jahre darauf ein trauriges Ende. Es befiel ihn das Asthma, daß er oft mehrere Nächte nacheinander, vor Angst keuchend, auf dem Lehnstuhl zubringen mußte, er sank zusammen und magerte ab. In einer kalten Dezembernacht, wo er, um Holz zu sparen, nicht einheizen ließ, packte ihn das Übel mit vollem Grimme; morgens lag er tot im Bette. Das Fenster nebenan war eingeschlagen, er hatte sich mit beiden Armen an den Stäben festgeklammert, weit offen starrte das vorquellende Auge hinaus. Die Bauern behaupten steif und fest, der Teufel habe seine Seele geholt und sei mit dieser, weil die Türe mit den Namen der Dreikönige bezeichnet war, durch das Fenster gefahren. Da gerade in jener Nacht eine Sternschnuppe mit feurigem Schweif über das Dorf gegen das Gebirg, wo viele verbannte Geister sich aufhalten, hinschoß, so war die Sache um so wahrscheinlicher. Ein altes Mütterchen, das eben zum Fenster hinaussah, wollte sogar Thomas, auf dem der Teufel ritt, erkannt und ein fürchterliches Schmerzgeheul gehört haben. So ist das Volk; wo das Gericht den Sünder nicht trifft, verfällt er der poetischen Gerechtigkeit der Sage.

Vor einigen Wochen besuchte ich Sever. Er saß vor der Türe im Sonnenschein, gebückt und matt. Ich fragte: »Wie geht's?«

»Wie's geht?« erwiderte er, »da schauen Sie!«

Er streifte den wollenen Strumpf herab, das Bein war dick geschwollen, ich drückte mit dem Finger darauf, in der teigigen Haut blieb eine Grube, die nur langsam schwand.

Wassersucht! dachte ich und zuckte die Achseln, als mich Stanzl ängstlich besorgt anblickte.

Vor einigen Tagen stieg ich auf den Höhen bei Hülzen herum. Ich sah von meinem Platz auf den Friedhof, ein frisches Grab gähnte mich an. Die Glocken begannen zu läuten, auf dem Weg nahte ein langer Zug, voran ein Sarg mit einer schlichten Decke.

Da bringen sie den Sever! dachte ich und stieg hinab, so nahe, daß ich alles genau erkennen konnte.

Ja, der Sever! Hinter der Bahre wankte, gebeugt von der Last des Grames, Stanzl; ihr einziges Trauergewand war eine schwarze Schürze, in der Hand hielt sie einen alten Kranz. So oft sie ein Gebet beginnen wollte, erstarb ihre Stimme in Tränen.

Mitleidig blickte ich über die Friedhofsmauer. Die Träger stellten die Bahre nieder, die Totengebete wurden gesprochen. Dann ließ man den Sarg an Seilen in die Tiefe, aus der noch keiner wiedergekehrt ist. Stanzl trat hinzu und warf den Kranz hinab, – es war der alte Brautkranz.

Gestern betrat ich wieder den Friedhof. Auf dem Grab stand ein ärmliches Kreuz, umflochten von einem Kranz schlichter Feldblumen und Almrosen. Ich suchte Stanzl auf. Sie war ruhig und gefaßt. »Ich konnte es ja voraus wissen,« sagte sie, »und dennoch traf mich Gottes Ratschluß sehr schwer. Wie er so dalag in seiner Krankheit und kein leises Murren der Ungeduld über seine Lippen schlich, da hab' ich ihn weitaus am liebsten gehabt, lieber als in den schönsten Tagen seiner Jugend. – – Jetzt bin ich allein! – – Wenn Sie beten, so schenken Sie auch ihm ein Vaterunser, er wird an Gottes Thron auch für Sie vorbitten; ist es doch mein einziger Trost, fest zu glauben, daß er nach so viel Leiden ohne Fegfeuer vom Mund auf in den Himmel fahren durfte!«

* * *

Stanzl ist, seitdem dieses Buch in erster Auflage erschien, ihrem Sever auch in die Ewigkeit nachgefolgt. Die Arbeiter mit Frauen und Kindern weither begleiteten ihre Leiche, ja sie legten sogar ihre dürftigen Kreuzerlein zusammen und schmückten das Grab mit einem weißen Marbelstein.

Will man recht alte brave Eheleute bezeichnen, so sagt man:

»Sie sind wie Sever und Stanzl!«

Seien beide dem frommen Andenken empfohlen!

Ende.

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