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Eigenthum

Marie von Olfers: Eigenthum - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNeue Novellen
authorMarie von Olfers
year1876
firstpub1876
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleEigenthum
pages74
created20140523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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I.

Adam an Lambert.

»Lieber Freund! Seit gestern bin ich hier in meinem Heimathsort! – Wie hat sich Alles verändert! – Nicht als ob's mich erstaunte, daß des Schelmen Bungert Nase in höherer Potenz glüht, oder daß aus dem rundwangigen Gundelchen eine nette Jungfer geworden, das ist Alles naturgemäß und mußte so kommen – nein! ich staune, wie Menschenhand – was sind zehn Jahre, Lambert? – aus tiefster Waldeinsamkeit dies Weltgewühl geschaffen. Vertauscht ist der Ort? – verwandelt, um ihn nie wieder herauszufinden – herauszufinden, was er mir war, Lambert.

Es hing ein Stückchen meiner Existenz daran! Von hier aus streckte ich als Kind die Wurzeln meines Daseins weit – weit – sog mich fest, an der holden Mutter Erde. – Von hier aus!

Du würdest lächeln, wenn Du sähst, wie ich hier auf einem abgerissnen Stückchen Haidegrund sitze, um das in 298 Mahnung alter Zeit vergessne Blumen hangen – sitze und traure, wie die Juden einst aus den Trümmern Jerusalem's.

Trümmer! würdest Du rufen – Du träumst! – Trümmer hier, wo Alles vor Neuheit blitzt, wo selbst die Natur als proper aufgeräumte Kammer erscheint!

Du hast Recht – ich träume – und träumen ist hier wahrhaftig nicht an der Zeit. Rastlose Sägemühlen arbeiten sich kreischend ab – Schlot an Schlot überqualmt die Gegend, Dunkel füllt die Luft – ekler Geruch – Wolken, die nicht vom Himmel stammen. Hat er nicht genug in Bereitschaft für uns? Müssen wir uns noch das bischen freien Aether unsrer nordischen Natur so schmählich verräuchern lassen? Wahrhaftig! es zieht ein höchst widerwärtiger, unharmonischer Ton durch diese Gegend – unharmonisch selbst für weniger empfindliche Nerven, als es die meinigen sind. Mir greift er sie bis auf das Aeußerste an. – Sollen alle Naturstimmen überschrieen werden? Soll diese Teufelsmaschinerie das letzte Wort behalten, dann macht auch andre Menschen, als wir es sind. – O Lambert! mir ist wie Einem, den man um sein Theuerstes gebracht hat! – Mein Kinderparadies war's – mir gehörte, was hier zerstört worden, denn mit meiner Seele, mit allen Gedanken hatte ich Besitz genommen von dieser wonnigen Umgebung. Barbaren der Neuzeit! giebt es nicht genug garstige Flecke auf Erden, wo ihr eure alten Knochen-, Papier-, Lumpen- und andre Mühlen, eure Brauereien, Brennereien, Färbereien hinbauen könnt? Mit denen ihr die Gegend verpestet und vergiftet! Mußtet ihr diesen heiligsten Tempel der Natur wählen? diese hehren Buchenhallen, 299 diese sanften Abhänge, gekränzt mit Grün, zwischen dem, wie spielende Kinder, Bäche dahinliefen?

Alles, was Geist heißt – nimm das Wort, für was Du willst – Alles, was ich gute Geister nennen würde, hat diesen verwünschten Ort verlassen – er ist eingereiht in das Rechenexempel des Lebens, bei dem die Null jetzt eine so große Rolle spielt. Vetter Lorenz trägt stolz seinen dicken Bauch herum – der Schöpfer einer Welt könnte nicht stolzer sein, als er auf seine Fabrik. Was würde er sagen, wenn er wüßte, daß ich hier von Entbehrung spreche, hier, wo alles nach Geld riecht, nach Geld schmeckt, nach Geld geschätzt wird in strotzendem Reichthum; hier von Zerstörung, wo seine handfesten Schornsteine wie Fingerzeige der Ordnung gen Himmel zeugen. Für ihn bin ich der Troglodyte, der Barbar. – Seine Cultur und meine Cultur liegen sich beständig in den Haaren. Meine hat eine wahre Anbetung vor dem alten Baum; seine schaudert, wenn das Nutzholz darin überständig wird. Meine schwärmt für den blumigen Wiesenrain, den verstreuten Blüthenbusch – seine reißt Alles aus, was nicht directen Nutzen bringt. Jedes Eckchen wird eingepfercht, ausgepreßt, bis auch der bescheidenste Spatz kein freies Körnchen findet. Es ist unglaublich, wo man alles nicht gehn, nicht stehn darf; könnten sie's, es würden gewiß Sonne, Mond, Sterne, ja das Stückchen Himmel, unter dem wir athmen, für Geld verpachtet.

Dennoch kann ich mich eines gewissen Respects vor dieser neuen Aera nicht erwehren – Respect vor dieser großen eisernen Faust, welche ein solches Reich zuwege 300 gebracht und zusammen hält. – Nur mein Reich ist es nicht. – Wenn ich unsre Hände nebeneinander sehe, Lambert – es ist zum Lachen! – wirklich naturhistorisch merkwürdig. – Zwei ganz verschiedene Species, und die sollen zusammen kommen?

Armes Gundelchen! was hast du verbrochen, daß du auf diese Weise verhandelt worden bist?

Jene paar Thaler, die mein Vater dem ihrigen vorschoß, könnten ihr theuer zu stehn kommen. – Hätte das gute Kind nur den geringsten Widerwillen gegen mich, ich könnt' es ihr nicht anthun. Der Mutter halber geschieht's. Meine arme Mutter, die so viel um mich ertragen, soll, wenn ich es verhüten kann, nie wieder Mangel leiden.

Ich handle in dieser Sache ganz nach meinem Herzen, und doch ist's mir manchmal, als regte sich das thörichte, um andere Auskunft zu geben. Leben, wie ich's verstehe, werd' ich hier nie! Es mag mir gesund sein – bis jetzt fühl' ich mich aber krank, krank nach meinem alten Kreis, nach den gleichgesinnten Gefährten. – Eines Wegs zogen wir, glücklich, unbekümmert, eine Sprache sprechend, demselben gelobten Lande zu. – Weh' mir! daß ich mit engverwandten Seelen bis jetzt leben durfte! Es ist die größte Verwöhnung, die dem Menschen widerfahren kann.«

Lambert an Adam.

»Alter Freund, ich habe Deine Jeremiade erwartet. – Du bist nicht ungestraft unter Palmen gewandelt. Aber sobald Du Dich nur ein wenig akklimatisirt hast, kannst Du 301 ja Deine hiesigen Haine, in denen dann nur etwas besser gegessen wird, wieder aufrichten. Ich habe die Dichtkunst von jeher für ein schlechtes Metier gehalten und es Dir nie verschwiegen, trotz dessen sind wir uns gut geblieben von Kindesbeinen an. Weshalb sollte es mit Vetter Lorenz nicht eben so gehen? Ihr Sonntagskinder der Menschen braucht in euren lichten Sommerröcken ein derbes Unterfutter, wie wir es sind. Doch abgesehen davon – giebt es etwas Poetischeres, als wenn Einen das Glück aus solchen freundlichen Mädchenaugen anlacht? – Heirathe das gute Kind, das Dich liebt, schon weil es gewohnt ist, Dich den ihr Bestimmten nennen zu hören – Gewohnheit ist eine mächtige Alliirte. – Du verachtest das Geld – gut, verachte es, aber Künstler müssen es erst haben, um es zu verachten. – Glaube mir, Geld ist ein recht poetischer Gegenstand, sage nur Gold. – Welcher Mann liebte es nicht, nur unter verschiedenen Namen: Macht, Ehre, Ansehn, genug, all' die Dinge, die wünschenswerth erscheinen auf dieser Promenade im Staub, die man Leben nennt. – Der Hund sogar sieht, ob man's hat, und zerrt den Bettler kläffend am Lumpen. Wir haben es ja mit einander durchgemacht: ein zerrissener Rock, ein verknuffter Hut, und die Manneswürde ist so gut wie dahin.

O ich wollte, ich könnte es mit vollen Händen ausstreuen – wie ich es verachten wollte! Warum mir dieser feine Sinn für einen gebildeten Luxus, für raffinirten Genuß des Lebens, der so viel Reichen abgeht?

Du bist beneidenswerth, Adam! – Noch kürzlich, hier in der Stadt, sah ich Dein Goldfischchen mit ihren großen, immer erstaunt aussehenden Augen – blaue Augen von 302 himmlischer Dummheit. – Einfalt ist etwas Selt'nes in dieser Aera superkluger Frauenzimmer, die den Mann nie zur wohlverdienten Geistesruhe in Schlafrock und Pantoffeln gelangen lassen. – Was zögerst Du? Mag der Quell Deiner Lieder vom Parnaß kommen. Goldkörner führt er nicht mit sich. – Wer hat jetzt Zeit und Lust, Verse zu lesen – Du müßtest denn den Courszettel in Reime bringen.

Mit Scheuklappen geht ihr, mein Lieber, da Du erst jetzt bemerkst, daß man aus dem Kinderparadies heraus muß. – Erst das Nothwendige, dann kommt auch das Plaisir wieder.«

Adam an Lambert.

»Du hast Recht! Erst das Nothwendige – für die Mutter muß gesorgt werden. Nur im Fall meiner Heirath kann sie hier bleiben – hier, wo sie Alles hat, was ihr elender Zustand fordert. Mir graut, wenn ich an die Tage denke, in denen sie wirklich Mangel litt; Du hast es nur halb mit mir durchlebt, denn es giebt Miseren, die sagt man Niemand.

Ich schrieb mir die Finger wund. Ich wollte ja gern meine Kunst herabstimmen, erniedrigen, um sie in gangbare Münze zu verwandeln – ebensogut könnte man sich eine andre Nase machen. Nie traf ich, was dieser Zeit, deren Kind ich doch bin, paßte und mundrecht war. Mit all' meiner Arbeit, mit all' den durchwachten Nächten, mit der Kraft, mit der Gewalt, mit dem Reichthum, den ich in mir spürte, gelang es mir nicht, dies eine armselige Leben behaglich auszuschmücken.

303 Das war bittre Zeit für mich, Lambert; Verachtung meiner Kunst gewann mich. – Plötzlich schien in Nebel zu verrinnen meine Welt, in der ich lebte – eine Welt, die mir so wirklich schien, so berechtigt als euch die Eure. – Der Boden unter meinen Füßen begann zu schwanken; scheel, voll Neid sah ich auf das Treiben der Menschen, deren – Hände sich oft durch einen Federstrich mit Gold füllten. Geld! schrie ich auch, wie ich es um mich hörte – Geld ist die Hauptsache – das Kriterium aller Dinge – Zeit und Zweck des Lebens – es packte mich wie ein Gehirnfieber.

Da kam Vetter Lorenz und rettete mich – sein Glück war im Aufsteigen. Er nahm meine Mutter zu sich und die endliche Lösung sollte die Heirath mit Gundelchen sein. Mir war Alles recht, ich fühlte damals nichts – nichts, als daß ich für den Augenblick frei war. – Frei! – Noch besinne ich mich auf den Tag. In frischer Jugend stand die Natur. Ich wanderte vor das Thor, legte mich in das Gras, über mir den blauen Himmel, zu dem ich wieder aufsah, mit freiem Aug'.

Wie fröhlich wir dann die Welt durchzogen, als gehöre sie uns! Sage, Lambert, hat uns im Ernst je etwas gemangelt? Wenn man jung und gesund ist, lebt sich's so leicht! – Warum konnte es nicht so bleiben? Warum tritt das Leben immer mit Fragen an uns heran, die uns das Herz zerreißen und die wir nicht zu beantworten wissen?

Ich schiebe die Entscheidung von Tag zu Tag auf. Vetter Loreuz ist die Güte selbst – er behandelt mich wie einen Kranken, bei dem der Gesunde nicht begreift, daß ihm 304 die gute Kost widersteht. Er liebt mich ganz und voll, mit aller Kraft seines rechtschaffenen Herzens. Ich aber, Lambert, bin wie Einer, der heimlich noch einen Schatz bei Seite bringt. In meiner Seele ist eine Fundgrube, die ich ihm nicht öffnen kann – nicht kann – ihm nicht und Gundula nicht, so viel ich auch daran arbeite – und in dieser verschlossenen Kammer ruht meine beste Kraft. Werde ich nicht zum Betrüger an ihnen, Lambert? nehme Echtes und gebe Falsches dafür?

Ich frage den Vetter oft: »vertraust du mir auch dein Kind nicht leichtsinnig an? Werd' ich es glücklich machen?« Er lacht dann mit seiner dröhnenden Stimme und antwortet: »Lieber Junge, was willst du denn sonst mit ihr machen? ein braver Sohn giebt immer einen guten Mann. Ich hab' dich expreß ausgesucht für mein Gundelchen, denn wo Honig ist, kommen viele Fliegen. Das Kind ist wahrhaftig nicht bösartig; da müßte der Teufel die Hand im Spiele haben, sollte das nicht gehn. Du hast doch kein anderes Herzensinteresse?« »Keines als die Kunst,« entgegne ich. »Auf die Muse,« meint er, »sind wir nicht eifersüchtig, weder Gundel noch ich. Schreib' dieser apokryphen Person so viel Liebesbriefe, als du willst. – Ich kann die Wichtigkeit deiner Tintenklexerei nicht einsehen, du nicht die meiner Maschinen – in Einem treffen wir wieder zusammen, in der Achtung vor einander, wie wir nun einmal sind.« Er hat Recht, Lambert, ich achte diese tüchtige Natur von Grund meiner Seele.« 305

Lambert an Adam.

Vetter Lorenz ist der schlaueste von Euch beiden! – Leben und leben lassen. – Wie bequem er Dir's macht, wie vorsichtig er sich dabei sein Terrain reservirt. Wirklich erst miteinander bildet ihr den vollständigen Menschen. Du brauchst mit Deinem feinen Geschmack Einen, der Dir die Trüffeln aufgräbt, desto besser, wenn es mit dieser Grazie und so con amore geschieht. – O ich würde solchen Schwiegervater zu schätzen wissen. – Schaff' Dir eine Existenz, wie sie jetzt bei großen Künstlern Mode wird. Mit welch' liebenswürdiger Leichtigkeit und Anmuth trägt die Kunst heut zu Tage Luxus und Reichthum. Bereite Deiner Muse ein commodes Absteigequartier auf Erden; zu mehr reicht es doch nicht, denn es giebt zu viel Unangenehmlichkeiten in der Welt, welchen auf keine Weise beizukommen ist. Weh' den Idealen, die uns das tägliche Brod verschaffen sollen; sie laufen sich die Füße wund und richten nichts aus. Es ist kläglich, wie sie herumziehn mit ihren gedachten Schätzen, jedem Windstoß der Kritik, jedem Winkelzug der Mode ausgesetzt. Was heut unschätzbar schien, gilt morgen nichts mehr – man lebt jetzt rasch. Rette Dich und preise Dich glücklich. aus den Sorgen herauszukommen, neben Dir ein treues, einfaches Kind, wie Dein Gundelchen.

Adam an Lambert.

»Einfach! – was ist einfach in der Welt, Lambert? Mir scheint Gundula sehr complicirt – unter sieben Malen verstehn wir uns kaum ein Mal!

306 Du nennst sie einfach! – Mein Himmel, ihr gegenüber könnte ich eher so heißen. Schon ihr Anzug, ihr Haarputz, Alles Räthsel! ein wunderwürdiger Bau, bei dem ich die Wirklichkeit ihrer kleinen Person kaum herausfinde – nie herausfinde, was Kunst und Natur ist. – Voll ihr Köpfchen von all' der Weltweisheit, die Du an mir vermißt. Du weißt wol nicht, daß sie in der Pension war? was lernen da die Mädchen nicht Alles! – Wenn ihre Freundinnen aus der Stadt zum Kaffeekränzchen bei ihr versammelt sind, Du solltest das Gezwitscher hören; wie ein Nest junger Vögel. Eine Eule könnte nicht scheuer und mißmuthiger dazwischen sitzen, als ich es thue. Aus dem ganzen Kram meiner Gedanken wüßt' ich kein passendes Wörtchen einzufügen. Bin ich allein mit ihr, verstummt sie auch – und wir zwei, die sich so wenig zu sagen wissen, sollen die große Lebensfrage mit einander lösen?

Vetter Lorenz sagt: »Freu' dich, wenn deine Frau dir gegenüber den Mund halten kann; ich wollt', meine hätte das auch verstanden.« – Mir aber, Lambert, ist das Todte, das Stumme verhaßt, mit mir muß Alles reden, selbst Busch und Wald. – Eine Uhr, die steht, ein Vogel, der nicht singt, ein Mensch, der nicht mit mir spricht, machet mich melancholisch. Bin ich auf rechtem Weg? – Bin ich ein Schlafwandelnder, den man ab und zu beim Namen ruft und der, aus dem Traum geschreckt, sich am Abgrund sieht?

Weshalb demüthigt mich mein kleiner Verdienst, den ich wie einen Tropfen neben diesem dicken Stromgewinn sich verlieren sehe? Weshalb schäme ich mich dessen? – Ist meine Arbeit nicht die ihre werth? Ist nicht jeder Mann 307 an seiner Stelle, der fühlt, daß er die Schulter ansetzt, um die gemeinsame Last des Lebens leichter zu machen? – Thue ich das nicht? – Schafft nicht ein Wort, das wie ein befruchtender Keim in die Seele fällt, oft mehr, als all' dies gewichtige Wirken? – Und dennoch verwirrt's mir den Blick – lenkt ihn hinab von der Höh' auf die Erde. – Wie faßbar, wie greifbar dieser Nutzen. – Hab' ich im Irrthum gelebt? Liegt der Schwerpunkt unserer Existenz doch nur in diesem körperlichen Schaffen, in dieser zwingenden Wirklichkeit?«

Lambert an Adam.

»Laß' ihn doch liegen, wo er will – Jeder nimmt ihn an, wie es ihm g'rad' paßt. – Es wundert mich nicht, sollte etwa Fräulein Gundula verstummen vor solchen Fragen. Wie kannst Du ein Echo verlangen, wenn Du gar nicht in ihre Gegend hineinrufst. Uebrigens hast Du immer gesagt: Dichter erwarten ihre Antwort von der Welt. Wenn ihr mit flammenden Zungen redet, wer soll das Zeug im gewöhnlichen Leben verstehn? Galimatias bleibt's für noch ganz andre Leute als dies harmlose Kind. Vetter Lorenz hat wieder Recht, im täglichen Verkehr ist's ganz gut, wenn nicht so viel gesprochen wird.

Willst Du durchaus nicht vernünftig glücklich werden? Was sollen all' diese Scrupel? – Nimm doch an, Du lebtest im Land Deiner Träume, ohne Sorge, ohne Arbeit. Anderes wird ja nicht von Dir gefordert. Konntest Du doch sonst tagelang an grünenden Abhängen liegen und nichts thun, es war sogar eine Stärke von Dir. Woher plötzlich 308 dies Verlangen nach einer Last? – Genieße Dein Leben, das ist auch eine Kunst.«

Adam an Lambert.

»Genießen! – was soll ich hier genießen? die verwüstete Gegend? – diese prosaische Gewerbsthätigkeit, in der die Menschheit sich abhetzt, abjagt, abarbeitet, bis sie nicht mehr ist als Maschine oder Thier? Mein Land der Träume ist nicht inmitten dieses glänzenden Elends, wo neben dem Ueberfluß Mangel und Entwürdigung aus hungrigen, neidischen Augen auf den Bevorzugten sehn.

Ich entsinne mich eines Tags. – Wir waren unserer drei in einer halbversunknen, epheuumrankten Stadt. – Durch heiße Gluth waren wir gewandert, doppelt labte das üppige, feuchtüberglänzte Grün. Entzückt lagerten wir uns – hie und da leuchtete Wasser erquicklich auf. Blüthen, Blätter, Alles so materiell satt von Sonnenschein und befruchtender Feuchtigkeit. Genuß suchend, die zitternde Gluth mit schimmerndem Flügel durchfächelnd, schwirrten unzählige Leben um uns her – Alles in vollster Seligkeit unschuldigster Existenz. Da – inmitten der Wonne aller Creatur – kam etwas von diesem pflichtlosen paradiesischen Glück über mich. Jedes Geschöpf reich, jedes versorgt, und ich schlief ein wie ein Kind, nahe der Erde und zugleich nahe Gott. – Hier beim Vetter könnt' ich nicht ruhn, nicht unthätig sein. – Fremd!bin ich, Freund! unnütz hier, unbrauchbar!

In jene versunkne Stadt gehör' ich; auf diesem Fleck ist eine neue entstanden, in der ich, fürcht' ich, nie Bürger werden kann.« 309

 

II.

Das Stübchen der Mutter Adam's lag so weit ab vom Weltgetriebe wie möglich. Eins aber war doch mit hinein geschlüpft: der Egoismus. – Krankheit, wenn nicht durchleuchtet vom Unirdischen, ist eine rechte Stätte dafür. Oben an steht das körperliche Wohlbefinden, dessen der Kranke überhaupt noch fähig ist. Wer will damit rechten? Leiden kann man nicht messen. Glücklich scheint von dort aus jeder Gesunde. Warum zögert der Sohn, das Haus des Vetters zum eigenen zu machen? Ihr erschien der Preis, den er dafür zahlte, die Heirath mit dem hübschen reichen Kinde, wahrhaftig nicht hoch. Auch Vetter Lorenz konnte nicht besser die Schuld abtragen, die er damals, durchaus nicht mit ihrem Willen, gegen ihren Mann eingegangen war. Sie hatte Adam's Vater geliebt, aber nie gebilligt – der Sohn glich ihm auf ein Haar. Beide hielt sie für Schwärmer, denen man den rechten Weg in der Welt zeigen müsse. Ihre Arbeit – der rollende Stein des Sisyphus. Geld zerrann in solcher Hand, wie dem Kinde Sand durch die Finger. Niemandem konnten sie etwas abschlagen; darum, als Vetter Lorenz, ein blutjunger Bursch, kam, um ein Darlehn zu bitten, gab der Vater Adam's, was er gerade hatte. Bei ihm wär' es verflogen wie Spreu, hier fiel es auf guten Boden. Aus kleinem Keim entsteht der große Baum, aus kleinem Anfang oft ein großes Vermögen.

Adam vergötterte diesen Vater – ihm dünkte er der Inbegriff alles Herrlichen; wäre plötzlich ein goldner Schein 310 um sein Haupt erschienen, das Kind würde es nicht verwundert haben. Er nahm es mit sich, auf weiten Gängen durch Wald und Feld, zeigte ihm die tausend Wunder der Natur in poetischem Licht – oder müd' gelaufen, setzten sie sich in die tiefgrüne Einsamkeit, und das Kind lauschte andächtig, wenn der Vater mit beredter Lippe Verse alter Meister sagte, deren Klang ihm höhere Musik dünkte, indem, ohne daß er es verstand, unbewußt ihre hehre Schönheit seine Seele berührte und entfaltete wie das Licht des Himmels die Knospe. – Aus der Dürftigkeit ihrer engen Wohnung traten sie in diese grünen Hallen, als wär's ein Palast. Hatte er manchmal verlangend nach dem Spielzeug begüterter Kinder gesehn, hier glaubte er sich reicher als sie alle. An andern Abenden las der Vater vor, umdrängt von Zuhörern. Eines Abends besonders entsann er sich – über ihnen volle Lindenkronen, in deren duftstreuenden Blüthenbüscheln traumtrunkene Bienen surrten. Flammend versank die Sonne hinter dem Wald, aber ihm war, als säh' er noch lang' ihr Licht leuchten aus des Vaters Antlitz. Wie er ihn liebte! ihm zujauchzte, als die Stimme des Beifalls ihn umklang. – Ein König schien er dem Kinde. – Solch' ein Zauberreich wollte er sich auch einmal erobern; alles Andre kam ihm nichtig, unwichtig, unwirklich dagegen vor – und nun sollte er endigen in Vetter Lorenz' Fabrik!

Verworren lagen seine Pflichten vor ihm. – Welche war die größte? – Konnte er der Mutter die Hülfe versagen, die sie von ihm verlangte?

Ihre stete Rede war auch heut': »Wie weit bist Du 311 mit Gundula? Du thust, als hätte ich noch viel Zeit, um auf diese letzte Freude zu warten.«

Er küßte ihre welke Hand. – »Könnte ich sie Dir allein bereiten, Du hättest sie längst!«

»An dem Kinde liegt es nicht,« – sagte sie bitter, »das wartet nur darauf.«

»Das Kind,« wiederholte er, »weiß nicht, was es thut. Ich weiß es und glaube ihrer nicht werth zu sein.«

»Ach was,« entgegnete sie, »bald dünkst Du Dich höher als die ganze Welt, und nun nicht gut genug für solch' kleine Dirne. Das sind wieder Deine Träume, Hirngespinnste, Adam!«

»Träume der Seele kommen oft vom Himmel, Mutter!«

»Sind aber für die Erde nicht stichhaltig, mein Sohn. Schaffe mir endlich das Recht, hier zu liegen; es ist wahrhaftig nicht meine kleinste Prüfung, als kranker Gast aus Barmherzigkeit verpflegt zu werden. All' die langen Jahre hab' ich auf Erlösung gewartet. – Soll ich auch elend umkommen, wie Dein armer Vater?«

Vor Adams Seele tauchte der Todestag des Verlorenen auf. Freilich rings umher Armuth, doch in solchem Moment verschwimmt der reichste Hintergrund in elender Nichtigkeit. Er sah den Sterbenden vor sich liegen, in der ganzen Majestät eines edlen Dahinscheidens. Konnte man leuchtender enden – wie ein Stern verlischt im Himmelsblau. – Lang war ihm der Glanz in der Seele geblieben.

»Ich wollte, ich könnte leben und sterben wie er,« sagte der Jüngling, »brauchte nicht die Hand wie ein Bettler nach 312 Reichthum auszustrecken, von dem ich glaube, daß er mir nicht gebührt.«

»Immer die alte Geschichte,« entgegnete die Mutter, »und ich muß unter Euren überspannten Ideen zu Grunde gehn.«

»Nein!« rief er, »ich will thun, was Du verlangst, mein innerstes Sein aufopfern und in Deinem Glück, in Deiner Befriedigung die meine suchen.«

 

III.

Adam an Lambert.

»Es ist vorüber – ich habe mein Wort gegeben. – Das gute, herzensgute Kind. – Immer werd' ich in ihrer Schuld bleiben, denn womit bezahlt man Liebe, wenn nicht mit Liebe? Sollte der Mensch aber so wenig über seine Seele vermögen, daß ihr nicht ein Gefühl abzuringen wäre, welches man haben will, haben muß?

Wie gesagt, das würde wunderbar zugehn, wenn Zwei, die nicht bös sind und sich lieben wollen, es nicht fertig brächten.

Anders freilich hatte ich mir den Tag geträumt, Lambert, eine Vermählung der Seelen – ihr Kranz ein Sternenkranz. Wir, fürcht' ich, bringen nur künstliche Blumen auf.

Sonderbar, was so Glück heißt in der Welt! – Mitten im tiefsten Schmerz hatt' ich manchmal einen Schimmer davon, und nun?

313 O, das Undankbarste am Menschen ist doch das Herz! Wenn es nicht Alles g'rad' so bekommt, wie es sich's geträumt, wendet sich's trotzig ab und mag nichts – sollte es darüber verschmachten, nicht von Jedem kann es das Wasser des Lebens, genannt Liebe, annehmen.

Die Sache ging vor im Gärtchen – denn sie haben hier Gärtchen, Lambert! Gärtchen, als hätte sie nicht der liebe Gott, sondern der Zuckerbäcker gemacht. Alle so prächtig auf ihre Manier, nach meiner so dürftig! Goldene Zäune, mageres Grün; das Hauptstück große silberne Kugeln, in denen die Welt zu unterst, zu oberst erscheint.

Schattige Bäume sind verbannt, Alles kahl wie ein geschorener Pudel, Bäume sind ja weit besser am Platz in der Sägemühle. – Der Schlange gleich, die nach Wasser lechzt, wich ich der brennenden Sonnengluth aus. Eine Art Bude, nenn's Tempel, wenn es die Götter nicht beleidigt, nahm uns auf.

Wir saßen darin, wie in einem Vogelbauer. – Das nennen die Leute hier frische Luft! – Uns gegenüber die blitzende Kugel, nach der die Sonne feurige Pfeile schoß – vor uns der gelbe Kies, über den eine große Schnecke zögernd zog. – – Welchem Schicksal ging sie entgegen? welchem ich – wer wußte es besser! Ich hing ihr meine philosophischen Betrachtungen auf und dachte: ist sie an jener Blume, oder an jenem Gras, so sprech' ich. – Sie machte aber plötzlich mitten drin Kehrt. – Trotz dieses bösen Omens faßte ich ein Herz und sagte Gundula Alles, so klar und wahr ich konnte.

Sie hatte eine bunte Stickerei vor, einen Goldfasan, 314 der kommt mir immer in den Sinn, wenn ich an den Augenblick denke. Ruhig ließ sie mich ausreden, dann blickte sie auf und lachte mir in das Gesicht. – Du weißt, das steht ihr so gut, sie lacht wie ein Kind – aber zum Lachen findet sich nicht immer Gelegenheit im Leben; recht kenn' ich den Menschen erst, wenn ich ihn habe weinen sehn. –

»Gut auswendig gelernt!« sagte sie und lachte wieder. Ich fühlte mich getroffen – – denn es war Alles vorher bedacht und zurecht gelegt.

»Hättest Du's noch wenigstens in Versen gemacht,« fuhr sie lustig fort, »aber freilich, zum Andichten pass' ich nicht. – Warum wollen wir uns derlei Faxen vormachen? Wir heirathen uns, wie gute Kinder, die thun, was die Eltern sagen, die schlechteste Manier ist es noch nicht – Du nimmst mich der Mutter wegen und ich – –« sie stockte, das Blut stieg ihr in das Gesicht – »weil ich Dir gut bin, Adam.«

Darauf küßten wir uns. – Als ich aufblickte, Du wirst lachen, Lambert, aber mich verstimmte es, sah ich unser Bild verzerrt in der Kugel – es ist eben etwas schief an der Sache.

Dem Gemüth nach passen wir wol zusammen. Wenn sie mich mit ihren guten kindischen blauen Augen so lieb ansieht, strömt ein Gefühl wonniger Wärme über in mein trotziges Herz. Könnt' ich sie mit mir nehmen, heraus aus diesem Barbaren-Luxus, aus dieser Bildung, die doch keine ist. – Könnten wir miteinander in einem stillen Eckchen leben, nah' der Natur; meinethalb einen Krautgarten bau'n. Was uns am meisten trennt, ist die Wucht dieses Besitzes, 315 der mir nur als Last erscheint und mit dem lauten Getöse seiner Betriebsarbeit alle holden Geister verscheucht, denen ich dienen möchte.«

Lambert an Adam.

»Ich wünsche Dir Glück zu dem Unglück, ein reizendes Mädchen zu heirathen, und hoffe, die Last des Reichthums wird immer die schwerste sein, die Du tragen mußt.

Vergieb, wenn etwas von dem in diesem Brief auf die Oberfläche kommt, das bitter wie Galle an meinen Herzen frißt.

Du sprichst vom Geld, wie der Satte vom Essen; ich aber bin ein Hungriger! Du wirst nicht die Beleidigung hinzufügen, dies für einen Bettelbrief zu halten. Selten respectirt die Gefühle der Armuth, wer den Mangel nicht am eignen Heerd sitzen hat. – Alter Freund, von meinem Standpunkt sehen Deine Leiden wie Kindereien aus. Sie sind ein Luxus, den sich Deine Seele gestatten darf. Als ob man nicht mit Geld der Poesie ebenso gut wie allem Andern unter die Arme greifen könnte, jedes Verhältniß, selbst das der Liebe verschönen. Prosaisch ist der Mangel – barbarisch die Noth; ein Elend, das jammervolle, menschenunwürdige Misere wird. – Wenn Du mich sähst! Manches ist zum Lachen, wenn es nicht für den, den es trifft, zum Schreien wäre – wie ich mich winde, um meiner schäbigen Existenz noch eine anständige Seite abzugewinnen. – Mit Fäusten möcht' ich dreinschlagen, mir mein Menschenrecht in dieser civilisirten Welt zu wahren, welche nur nach Geld rechnet.

316 Bis jetzt hab' ich es nur zu moralischen Keulenschlägen gebracht, aber sie treffen ihren Mann und können ihn Dir ebenso vernichten. Dies ist das Zeitalter der Schonungslosigkeit, des geistigen Faustkampfs, Jeder schafft sich mit seinen Ellbogen Platz. Warum soll ich's nicht auch thun? Die Macht, zu schaden, ist die einzige, die mir zu Gebot steht; soll ich sie ungenutzt lassen?

Genug, ich pfusche Dir in das Handwerk, obgleich, was ich schreibe, wol Niemand Poesie nennen wird. Ich habe schon den Vortheil dabei, etwas von dem Gift los zu werden, das sich bei solchem Hundedasein in der Seele ansammelt.«

Adam an Lambert.

»Wir sind und bleiben Egoisten! Eh' wir es uns versehn, stehn wir uns wieder selbst gegenüber, versunken, allein beschäftigt mit dem eignen Geschick.

Armer Freund! Was ich Dir anbieten werde, kann Dich in keinerlei Art verletzen. Wir brauchen Dich ebenso sehr, als Du uns. In Allem, worin Du Dich versucht, bist Du geschickt gewesen. Von dem Fabrikwesen gingst Du ja eigentlich aus, und nur unglückliche Verhältnisse drängten Dich von diesem Weg immer wieder ab. – Hier ist eine Stelle offen. Komm! hilf uns! – Von hier aus wirst Du Dich leicht wieder emporarbeiten. Du thust uns damit einen großen Dienst, denn Leute mit so anschlägigem Kopf, als der Deine, sind selten, das weißt Du selbst. Noch kurze Zeit, dann feiere ich Hochzeit, und ich wüßte mir keinen lieberen Gast dazu als Dich.« 317

 

IV.

Im stattlichen Fabrikhaus wurden überall Anstalten zur Hochzeit getroffen. Geschäftsfreunde kamen von verschiedenen Seiten herzugereist. Verwandte gab es außer Adam und seiner Mutter nicht.

Vetter Lorenz, von fernher als junger Bursch eingewandert, fünf Thaler in der Tasche, wußte kaum noch von ihnen. Losgelöst – der Familie entfremdet, als hätte er nie eine gehabt. Keine zarte Erinnerung an Vater und Mutter besuchte ihn je. – Von früh an auf sich selbst gestellt, fühlte er nur den eignen Werth, errungen in schwerem Kampf mit äußeren Dingen. Seine Freunde, Menschen vom selben Kaliber, voll wuchtigen Gefühls der Kraft, die in ihnen war. Mit ihnen besprach er, worüber er sonst schwieg. Adam lernte ganz neue Seiten an ihm kennen, eine Herzenswärme, die er ihm nie zugetraut. Sie bildeten mit einander eine Phalanx, die er nicht durchbrechen konnte; immer stand er draußen, mochte er machen, was er wollte. – Er, ein Wesen ganz anderer Art, unter anderer Sonne gediehen – verschieden wie Weiße und Neger. – Keine Brücke, welche die Seelen zueinander führte – kein Verkehr. – Ihre Gespräche verstand er nicht, mit ihren Zahlen rechnete er nicht. – – Auch Gundula wurde ihm mehr und mehr entrückt – die Töchter, Freundinnen aus der Pension, weckten die ganze Wonne der Mädchenfreundschaft. – Geheimnißthuerei, Geflüster ohne Ende. – Adam sah auch sie sich erschließen, in ganz anderer Fülle vor ihm. Es war ein lustiges Leben 318 frischer Wirklichkeit in diesen jungen Gemüthern, ein kindisches Treiben, dem er umsonst suchte nahe zu kommen. Zum ersten Mal erschien er sich alt. Eine Art Seelenmüdigkeit überkam ihn, eine Art Abspannung der Lachmuskeln. – Es ging ihm wie dem Tauben, der den Scherz nicht fassen kann, über den alle Andern vor Heiterkeit bersten wollen. Er schrieb dem Freund:

»Mit mir geht eine Wandlung vor – ich möchte sein, wie hier Alle sind, und suche mich ihnen anzupassen, wo ich kann. Meine Meinung ist hier keine Meinung; tauschten wir unsere Ideen, es gäbe ein neues Babylon. Man muß sich aber nach dem Klima des Landes, in dem man existiren will, richten. Sie sehen auf mich herab, weil im Leben der, welcher es praktisch anfaßt, für den Augenblick immer die Oberhand behält, er behält sogar Recht für eine Weile, – nur fragt sich's wie lange.

Bald hier, bald da mach' ich einen Verstoß – Gundula lacht mich aus. Mag sie's immerhin, es greift mir nicht an meine Würde, die such' ich in andern Dingen, aber die Uebrigen sollen es nicht thun. Unbehaglichkeit legt sich wie ein grauer Himmel über Alles – Eins kann ich nicht ertragen: Seelen-Einsamkeit, diesen Zwiespalt, in dem ich lebe. Ich brauche die volle Sympathie Derer, die um mich sind – wär's auch nur ein Hund, ich könnte nicht existiren ohne einen gewissen Rapport mit ihm. Ich will die Mauer durchbrechen, die mich umgiebt, warum sollte ich nicht auch auf ihre Art glücklich werden können? Glücklich will ich sein. Täglich arbeite ich mit dem alten Bungert in 319 der Fabrik, lerne Rechnungswesen, Buchführung. Ich will wach werden, denn wirklich, es scheint, ich habe geträumt.«

Lambert an Adam.

»Nun seh' ich, Du brauchst im Ernst meine Hülfe – ich komme. Du verloren für die Kunst! – lächerlich. Am heiligen Feuer Deiner Seele läßt sich nicht die geringste Suppe im ordinären Leben kochen. Ueberlaß das Andern, mein Lieber. Du könntest wohl einen passablen Dichter, aber einen höchst elenden Geschäftsmann abgeben.

Sei nicht so hochmüthig, zu denken, daß alle Carrieren Dir offen stehn. Jeder hat seinen Weg, und aus den vielen Verirrungen entsteht das meiste Unglück. Heirathe doch nur erst Fräulein Gundula, alles Andre wird sich finden; geh' doch mit ihr sofort auf Reisen in Dein gelobtes Land. Vetter Lorenz und ich werden schon Haus halten. Der Mensch ist doch ein geborner Rebell, das Schicksal mag noch so gütig gegen ihn sein, er bringt es fertig, ihm das Spiel zu verderben.«

 

V.

Der Tag der Hochzeit war vor der Thür. – Gundula hatte unter dem fröhlichen Zuruf ihrer Gespielen eine Herrlichkeit nach der andern probirt. Ganz versunken in all' den seidenen und andern Fähnchen, die wie ein lockender Vorhang vor ihrer Zukunft hingen, blieb sie so zu sagen in der Ausstattung hängen und kam erst mit ihren Gedanken zu ihrem Verlobten zurück, als sie merkte, daß Adam g'rad' so 320 wenig, als sie zu viel, an diese äußeren Dinge dachte. Für ihn brauchte es ganz andrer Vorbereitungen zu dem Fest.

Sie nahm ihn vor. – »Aber Adam, Du hast ja nichts – gar nichts, worin Du getraut werden kannst.«

»Nichts?« wiederholte er erstaunt, – »ich habe ja eine Menge Sachen.«

»Nichts Neues,« ergänzte sie, »Alles uralt, verregnet, aus der Mode. Zu solchem Tag muß man einen neuen Menschen anziehn.« –

»Ich wußte nicht, daß der im Frack besteht.« –

»Freilich,« entgegnete sie hitzig, »für Dich rechnet das Aeußere nie mit. Jemand, der mit einem Hemd und einer Bürste in der Tasche durch die Welt reist, hat kein Gefühl dafür! Aber von uns erwarten sich die Leute etwas und haben auch ein Recht darauf. – Mein Brautkleid ist die schwerste Seide und eine halbe Elle länger als der Liese ihres aus der Zuckerfabrik; es stände zur Noth ganz allein am Altar.«

»Nun, das kannst Du doch nicht beides von meinem Frack verlangen! . .« –

»Wir verstehen uns wieder nicht,« sagte sie empört. »Wenn ich Spaß mache, soll ich ernst sein, und bin ich ernst, machst Du Spaß.«

Darauf brachte sie es doch zu einer Einigung in dieser wichtigen Angelegenheit und tröstete ihn.

»Du wirst den Anstand schon gewohnt werden, laß uns nur erst in unserer Villa sitzen mit den Prachtmöbeln. Ich hatte auch vor der Pension einen Zug, lieber in der Küche 321 aus einem Topf, als im Salon aus Krystall trinken; aber das verliert sich.«

Das Haus war festlich anzusehn, von den Arbeitern über und über mit grünen Guirlanden behangen. Inwendig lange Tafeln gedeckt, nichts gespart. Auf dem Anger große Tische für die Leute. Vetter Lorenz hatte ein liberales Herz; schmeckte es ihm, wünschte er Andern das Gleiche und suchte das auch, so weit an ihm war, möglich zu machen. – Für Adam ging er weit in den freigebigsten Einrichtungen; nur eine Bedingung knüpfte er an Alles: nie durfte die Fabrik verkauft werden. Als ein Wahrzeichen seiner Kraft sollte sie von Kind auf Kindeskinder gehn. Kein Majoratsstifter konnte die Sache feierlicher nehmen. Ueber all' die Bedenken und Klauseln, um es unauflöslich zu machen, rückte das Hochzeitsfest heran, eh' das Aktenstück fertig war. Die künstlerischen Baupläne Adam's betrachtete der Vetter mit mitleidigem Lächeln. »Meinethalb baut euch solchen verzierten Affenkasten, wie's jetzt an der Mode ist. Mich bekommt ihr in dies heidnische Gebäude nicht hinein, ich passe für den alten, ehrenfesten, vierschrötigen Bau, zum Nutzen hergerichtet, ohne alle Kinkerlitzchen.«

Lambert sollte heut', als am Vorabend, kommen. – Adam war ihm bis zum wilden Haideplatz entgegen gegangen. Das Fleckchen lag vergessen am Waldrand. – Schäumende Wasser stürzten darüber hinweg und rissen zerstörungslustig ein Stück Grund nach dem andern mit sich fort – erst schien es zu versinken mit all' seinen Blüthen, dann aber stemmte sich die frische Natur dagegen, auf der verschwemmten Erde Inseln bildend, auf denen in gewaltigem Trotz 322 mächtige Kräuter, die Wurzeln zum Schutz ineinander geschlungen, rebellisch emporschossen. Selbst die zerklüftete Weide schickte, Zeugen inneren Lebens, maigrüne Schößlinge empor. Begierig reckten sie sich aufwärts, tranken Licht und Luft, Alles keimend und wachsend, unnütz, üppig, aber in der ganzen Pracht göttlicher Verschwendung. – Auch hier schon dröhnte ab und zu der Boden, und an den hohen Kieferstämmen vorüber zog die vielgliedrige schwarze Schlange durch das Paradies der Wildniß.

Adam lag tief im Haidekraut, den Blick hinaufgewandt wie damals zum klaren blauen Himmel – frei nicht mehr. – Morgen war der Tag. Er hatte ihn fast unbewußt heranschleichen lassen, wie ein Träumer, der er war, und nun fiel ein Strahl in seine Seele, der ihn erschrecken ließ. Zurück konnte er nicht mehr. – Er lag stumpf und dumpf da mit dem Gefühl einer Schuld, die er nicht von sich abwälzen konnte. Am liebsten wäre er todt gewesen.

Währenddessen nahte sich durch die sengende Mittagsglut, sein Päckchen in der Hand, Lambert, staubbedeckt, müde, verstimmt. Der Fußgänger spielt in Hitze und Staub keine Rolle auf der Landstraße. Mißmuthig meinte er: »Wär' ich reich, hieße man mich ganz anders willkommen, darauf kommt doch Alles an.« Mit neidischen Augen übersah er die üppige Fabrikgegend, eine der bedeutendsten Niederlassungen die des angesehenen Vetter Lorenz, hochgelegen, gleichsam eine Burg der Neuzeit.

In langen Reihen standen die Häuser der Arbeiter, ohne die geringste Charakteristik, ob Hinz oder Kunz darin 323 wohne. Es gab der Gegend den langweiligen Ausdruck, den Adam haßte.

»Ich wollt', ich wär' an seiner Stelle,« seufzte – wie oft! – Lambert; »ich würde schon verstehn, mir hier Annehmlichkeiten zu verschaffen, neben diesem großen Nutzen. Solche Arbeit lob' ich mir, trägt ihren Lohn sofort, wie der Halm die Aehre, und um Lohn, das soll mir Keiner ausreden, wird jede Arbeit gethan, auch die idealste. Wenn nur das Gold so dick kommt, daß man eine Aureole daraus machen kann. Nun,« sagte er, sein Päckchen neben den Freund, dem er sich unbemerkt genähert hatte, in das Gras werfend, – »hier ist der arme Schlucker, um demüthig sein Almosen aus Deiner Fülle zu empfangen, die Brosamen von des Reichen Tisch.«

»Laß uns doch endlich das leidige Geld vergessen, Lambert,« rief Adam, ihn herzlich grüßend. – »Zwischen das reinste Gefühl drängt es sich wie ein Dämon. Körperliche Hülse ist doch mehr, und die wird sich Keiner scheuen, anzunehmen, wenn er strauchelt. – Uebrigens ist hier der Vortheil auf unserer Seite, wir brauchen Dich.«

»Desto besser,« antwortete Lambert, »ich will schon sorgen, daß auch für Dich mehr herauskommt. Du greifst die Sache immer noch nicht beim rechten Zipfel an.«

»Für mich hat sie überhaupt keinen,« entgegnete Adam, »am Besten, ich ließe die Hand ganz davon. Wozu mir Geld? – ich brauche keins.«

Lambert lachte laut. –

»Nimm mir's nicht übel, aber das ist barbarisch. 324 Diese souveräne Verachtung kann nur ein Urmensch im Urwald haben. Deine Güter liegen wol auch im Mond?«

»Nicht gerade,« entgegnete Adam nun auch lächelnd, »aber wahrhaftig in anderem Glanz als die Euren. Ich hasse nun einmal allen Luxus, alle Eleganz mit ihren vergoldeten Unbequemlichkeiten – Plüschmeubles – Damenschleppen, weiße Kravatten und was so zur Mode gehört, mir Alles ein Greuel. – Die Seele verhungert dabei – soll sie immer leer ausgehen? was fällt ihr von dem Allen zu? Sie ist eben so wirklich, als der Körper, für sie verlang' ich Leben und Reichthum. Aber laß uns gehn, Vetter Lorenz erwartet Dich.« –

Auf der Landstraße kam, in wilder Hast, ein Reitender dahergejagt. Erst als er nah war, erkannte Adam durch die aufgewirbelten Staubwolken einen Knecht aus der Fabrik. – Erschrocken rief er ihn an. – Athemlos berichtete der Mann, es sei ein Unglück geschehen, ein Kessel gesprungen an einer der Maschinen. Er reite zum Arzt – es gäbe viel Verwundete, wie viel wäre noch gar nicht abzusehn; zum Glück sei g'rad' die Mittagsstunde angegangen und schon Mancher hinaus gewesen. Hastig eilten Adam und Lambert der Fabrik zu.

Frauen und Kinder standen in Haufen vor den Häusern, in ihrer lauten, sinnlosen Art klagend und schreiend.

Geheul erfüllte die Luft. – Die Verwirrung doppelt schrecklich, trostlos unter diesem klaren, stillen Sonnenhimmel, in dieser sonst so geordneten Umgebung.

Dichtgedrängt, ein schwarze Masse, belagerten die Männer den Eingang der Fabrik – drohend – jeder neue 325 Verwundete wurde mit Grimm empfangen. »Auf unser Eins kommt's nicht an,« hieß es. – »Einer mehr – Einer weniger. Aber werden wir Krüppel, wollen wir sie schon zwingen, uns zu ernähren, denn unsere gesunden Glieder sind unser einziger Besitz. – Sie sollen ihn theuer bezahlen! – Bei solchen Proben könnten doch wenigstens die Herren anwesend sein« – und sie sahen mißwollend Adam und Lambert sich hindurchdrängen. Den Beiden war es unglaublich, daß Vetter Lorenz nicht dabei gewesen sein sollte. Auf ihre wiederholte Frage bekamen sie keine Antwort. Plötzlich verstummte die murrende Menge. – Eine Bewegung erschütterte die trotzige Masse – ehrerbietig wurde Platz gemacht. Die Majestät des Unglücks erkennt Jeder an. – Vetter Lorenz war auf seinem Posten gewesen. Sie brachten ihn verbrannt, verstümmelt heraus wie die Andern – noch am Leben, aber ein Krüppel. »Freilich,« sagte Einer gleich neben ihm, – »er ist reich, er hat es doch besser, wie unser Eins –«, aber es sagte Niemand Ja dazu. –

Bewußtlos lag der mächtige Mann da, wie ein im vollen Laub gefällter Eichstamm. Der Arzt gab Hoffnung, ihn zu erhalten, doch nur als Schatten seiner selbst.

Wem erscheint das Leben nicht, wenn es entfliehen will, als das höchste Gut? Erst unter schweren Schmerzen erfährt man, daß es anders sein und daß selbst dieser edelste Besitz sich verwandeln kann in der armen, schwachen Menschenhand zu Jammer und Noth, zum Schlimmsten, zur Last. – 326

 

VI.

Adam durchfuhr eine Bewegung der Freude beim Ausspruch des Arztes. Lambert übernahm auf seine Bitte sofort unter Beihülfe der Freunde das Kommando in der Fabrik. Wie ein Feldherr griff er ein, nie schonend, aber gerecht. Die Leute, erschüttert und besänftigt, da ihr Herr das Schicksal der Unglücklichen theilte, folgten schweigend.

Adam schnitt es durch das Herz, wie er ein junges Dasein nach dem andern, schlimmer als todt, an sich vorübertragen sah. Auf dem Schlachtfeld hatte er doch eine andere Empfindung gehabt.

Sie trugen Vetter Lorenz auf einer Bahre nach Haus. Gundelchen stand zitternd vor der Thür, sie ging nicht mit hinein, sie floh, ihr wurde ganz übel und weh, wenn sie nur an die schrecklichen Wunden dachte. Auch ihre Gespielinnen waren verstummt, hiezu wußte keine ein Wort zu sagen. So bald als möglich verließen die Gäste das Haus. Jeder schien nöthig daheim. Von bloßem Rath hielten diese Männer der That nicht viel. Wer kann überhaupt helfen im Augenblick, wo das Unglück vernichtend auf uns niederfährt gleich dem Blitz? Halb besinnungslos, als sei sein kleines Geschick ein Weltuntergang, erleidet es der Getroffene, kein Anderer mißt seinen Verlust nach dem Maßstab, den er anlegt, und so bleibt ihm nichts, als allein zu leiden, bis er sich wieder eingereiht in die Allgemeinheit und sieht, daß er – nicht die Welt war.

Bald wurde das vorher überlaute Haus still wie das 327 Grab. Zerrissen flatterten die halbfertigen Kränze darum her, die sonst pedantisch gehaltene Ordnung ein verstörtes Chaos, beherrscht vom Tyrannen Krankheit.

Gundula, verschüchtert, bedrückt, saß zwischen all' ihren Ausstattungschätzen – eine Verarmte.

»Es ist g'rad', als ob's nichts mehr werth sei!« seufzte sie, »und hat doch Unsummen gekostet. Alles wird unmodern, wer weiß, wo Einem der Puff sitzen muß, wenn ich nun zum Heirathen komme.«

Ihre ganze Erscheinung änderte sich in der verdüsterten Atmosphäre des Hauses. Der künstliche Lockenbau verschwand, die Haare hingen ihr schlaff und wirr um das Gesicht, ein nachlässiges Sichgehnlassen trat an die Stelle der früheren Steifheit.

Adam ergriff grade bei diesem Anblick ein Mitleid, nah der Liebe – er zog sie zu sich heran, er fing an sich nach ihr zu bangen, wenn sie nicht da war und lockte sie oft an das Bett des Vaters, welches er nur selten verließ.

Der Aufenthalt in der dunklen Kammer blieb ihr ein Grauen. Wie ein ertappter Vogel in der Gefangenschaft saß sie an der einzigen Lichtspalte der Vorhänge und wartete sehnsüchtig auf den Augenblick der Erlösung, in dem sie mit Anstand das Zimmer verlassen konnte.

Oft bat sie ihn inständigst – »Komm doch mit mir hinaus in das Freie, hier kann man ja nicht athmen! Draußen blüht und duftet Alles. – Der Vater merkt's nicht einmal und kann es Dir nicht danken, daß Du Dich seinethalb einsperrst. – Auf die Art hat Keiner etwas vom Leben.«

328 Er blieb aber in der dunklen Stube und sie ging allein hinaus. Im Gärtchen stand sie, schwatzte mit Diesem und Jenem, ab und zu gab's doch wieder ein Wörtchen zum Lachen, besonders wenn Lambert herüber kam aus der Fabrik, sie war das Betrübtsein todtmüde.

 

VII.

Es vergingen Wochen und Monate. – Die Fabrik arbeitete fort, als sei nichts geschehen, und gewann Tausende. Ihre armen Opfer litten und starben, wurden vergessen, krochen so fort wie halbtodte Fliegen, und dennoch drängte man sich, ihren Platz einzunehmen.

Adam lebte nur in der Sorge um den Vetter. Davor schwieg der schwere Kampf der letzten Wochen in seiner Seele. Jeder eigensüchtige Wunsch erstarb. – Seine Kunst zurückgedrängt, in Nebel zerronnen – ein Traum vor solch' jammervoller Wirklichkeit – unbezweifelt ihre Herrschaft, die Herrschaft des Körpers – Elend sein Purpur – Leiden seine Krone.

Lange war der Sinn des Kranken umwölkt. Der Arzt fürchtete bleibende Schwäche für das Gehirn, aber jetzt fing Vetter Lorenz doch wieder an, Gedanken in Worte zusammenzufügen. Alle galten der Fabrik. Adam beruhigte ihn mit Lamberts Anwesenheit – Fortwährend drang er darauf, ihn zu sehen, mißtrauisch empfing er ihn, wollte alles selbst anordnen. Als aber Lambert mit Büchern und Rechnungen vor ihm erschien, verwirrte sich sein armer Kopf von Neuem und ein Ausbruch maßloser Heftigkeit, der wieder 329 für sein Leben fürchten ließ, machte der Sache ein Ende. »Er sei Herr der Fabrik, sein Wille der einzig geltende,« schrie er ohne Aufhören. Man beruhigte ihn, so gut es ging, und Lambert führte die Geschäfte weiter, die unter seiner Hand sich immer günstiger entfalteten. Endlich kam aber die Zeit, in der Vetter Lorenz anfing auf Krücken zu gehen – der Körper gesundete, doch über den Geist wollte keine vollständige Klarheit kommen. Es blieb ein Gemisch von Bewußtsein und Verwirrung, aus dem nicht herauszufinden war. Nie konnte man sicher sein, wo Eins aufhörte und das Andre begann. Wilde Heftigkeit, zur Wuth gesteigert, beherrschte ihn – wäre er nicht körperlich unfähig gewesen, man hätte ihn fürchten müssen. Jeder schonte ihn, wich ihm aus. Mit Herzklopfen hörte Gundula seinen lahmen Schritt sich ihr nähernd aus dem Gang. Schnell schob sie den Riegel der Kammerthür vor, sie hatte nicht die Langmuth der Liebe, ihn zu ertragen.

Am schlimmsten war's, als er anfing, sich in die Fabrik hinüber zu schleppen. Ein jammervoller Anblick, wenn er dort drohte, anordnete, widerrief, sich verwickelte in seinen eignen Plänen. Zuletzt immer der Schluß: »Noch sei er Herr und das wolle er zeigen, so lang' noch ein Athem in ihm wär'.« –

Auch Lambert hatte keine Geduld mit ihm.

»Blödsinniger alter Greis,« murmelte er oft hinter ihm her, »Du allmächtiger Herr? Der Besitz fällt dir ja aus der Hand, wie dem Kinde das zu schwere Spielzeug.«

Adam suchte ihn zu besänftigen, aber er wollte nichts hören.

330 »Ist er von Sinnen,« antwortete er, »so erklärt ihn auch dafür! Sollen sich die Vernünftigen nach den Launen eines Unzurechnungsfähigen richten? – Wer ist hier Herr? er doch sicher nicht mehr – Du bist es. – Heirathe und mache diesem unerträglichen Zwischenzustand ein Ende.«

»Meine Heirath ändert darin nichts. – Nie würd' ich mich, wie die Sachen jetzt stehen, als Herr hier fühlen.«

»Narren pflegt man unter Curatel zu stellen,« brummte Lambert in sich hinein, »aber hier ist leider mehr als Einer. Das allerliebste Gundelchen ist die einzig Vernünftige, mit der ist doch noch etwas anzufangen; ich werde mich an sie wenden und ihr den Kummer, der bei ihr eigentlich Langeweile ist, vertreiben.«

Es gelang über Erwarten. Lächelnd, rothwangig fing sie mit ihren Freundinnen die unterbrochnen Kaffeekränzchen wieder an. Adam freute sich, wie man sich freut, wenn eine Blume, die zu vergehn scheint, das Haupt erfrischt aufrichtet; aber nicht von ihm war der Strahl ausgegangen, der ihr neues Leben brachte.

Ein fremdes, wehmüthiges Gefühl beschlich ihn deshalb – er war ihr von Herzen gut geworden, nicht umsonst war er ein Stück Wegs im Leben mit ihr gegangen. Nun stand er wieder allein und alle unruhigen Geister erwachten in seiner Brust. Rastlos wanderte er weite Strecken, um sein Gemüth stille zu bekommen, aber es schwieg nicht. – Wie vor dem Sturm unheilverkündend ein Seufzen durch die Natur geht, regten sich seine Gedanken klagend in seiner 331 Seele. Zeit zum Schreiben hätte er gehabt, sie half ihm nichts – ihm war wie Einem in heißer Wüste, dem die Zunge am Gaumen klebt und der nicht reden kann.

Eines Nachmittags drang er durch den Wald bis an das Meer. – Dort entstand, halb Fischerdorf, halb Villenstadt, halb wild naturwüchsig, halb elegant, je nachdem die Zugvögel waren, die sich niederließen, ein kleiner Badeort.

Eichwaldungen kränzten die Ufer, ab und zu guckte nackt die gelbe Düne hervor mit blauen Stacheldisteln und verweht zerrissenen Halmen. Er suchte die dürrste, einsamste Stelle und legte sich in den von der Sonne durchglühten Sand. Das Meer, noch bewegt, aufgerührt vom vergangenen Sturm, brauste donnernd. – Hochgehende Wellen, bald verdunkelt durch Wolkenschatten, bald opalleuchtend im Licht, schütteten ihre Brillanttropfen vor ihm aus.

Es that seiner durstigen Seele wohl. – Ganz nah ließ er sie herankriechen und sah ihnen sehnsüchtig nach, wenn sie zurückrollten, den Strand schimmernd verlassend. Wie schön war das Alles – wie reich. – Warum kam ihm arm dagegen vor, was Andre doch als Reichthum schätzen würden – sein Loos – der Besitz, der ihn erwartete?

Er lag dort, bis aus klarem Blau sich Stern an Stern hervorarbeitete, klein erst – kaum gesehn, dann strahlend, funkelnd, in unerreichbarer Pracht.

Ueber dem schwarzen Wald stieg eine schlanke Mondsichel empor. Warum kam ihm vor, als sei er fremd geworden dieser herrlichen Natur, als gehöre ihm nichts von 332 diesem Rasten, Ruhen und Träumen, als lebe er jetzt herausgetrieben aus der Märchenwelt in herber, nackter Wirklichkeit? – Plötzlich, als hätte die zaubrische Nacht eine Stimme bekommen, erhob sich der Ton einer Geige, bald jauchzend, bald klagend, aus reinem Aether kam der Klang und doch wieder schien er nah, als klänge er dicht vor jedem Ohr und jedem Herzen – gesund, frisch für diese Welt und doch nicht von dieser Welt.

Adam horchte hoch auf; – ihn rief diese Stimme; das war seine Sprache, die Sprache, die er verstand, nach der er sich gesehnt hatte, wie man sich sehnt nach dem Heimathslaut im fremden Land. – Versunken, verlöscht vor ihr all' die verwirrenden Laute, die ihn in letzter Zeit bald hierhin, bald dorthin gezogen. – Volle Harmonie umgab und erquickte seine Seele. – Er folgte dem Klang, als sei es der Ruf einer lang' verlornen, lang' entbehrten Geliebten.

Auf der Veranda des Gasthauses fand er den Spieler, einen ärmlichen, alten Mann, neben ihm ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren, dürftig, kümmerlich wie er. Sein spärliches weißes Haar flatterte im Winde, die Lichter warfen zitternde Scheine über die Beiden und bildeten im Dunkel eine Glorie um sie her, während der magische Ton seiner Geige zu dem Sternhimmel aufschwebte; als der letzte verklang, brach ein Beifallsjubel los, brausend, gewaltig wie das Meer.

Adam stand im dichtesten Knäuel, so nah als möglich. Nach langer Zeit ging ihm das Herz wieder auf. Die duftenden Fliederbüsche, die flimmernden Sterne, der Jubel 333 umher, Alles berauschte ihn. – Er hätte schreien mögen: »Ich gehöre zu euch! was geht mich die andre Seite der Welt an!«

»Es wird wol sein Schwanengesang sein,« sagte Einer neben ihm, »alt, blind, wie er ist, und die rechte Hand schon einmal gelähmt; solche Leute können das Zigeunerleben nicht vergessen. Zu einer anderen Zeit hätte er Gold aus seinem Talent münzen können.«

Adam sah sich empört um – neben ihm stand Lambert, erhitzt, aufgeregt, einen rothen Fleck wie von einem Schlag auf der Wange.

»Ich suchte Dich,« sagte er, »man wies mich hieher. Wach' auf! – derlei ist jetzt nichts für Dich. – Du wirst Dich am Ende jetzt doch um Deine Sachen selbst kümmern müssen. Dein Vetter hat mich behandelt wie einen Hund, aber ich küsse die Hand nicht, die mich schlägt; es ist wirklich für Dich ein Unglück, daß er das bischen Verstand nicht auch verloren hat. Entschließe Dich! nimm die Zügel und ich diene Dir weiter. Willst Du aber nicht Herr sein, so geh' ich – Mißhandlungen der Art können nicht mit schönen Redensarten bezahlt werden. Ich habe jetzt wieder genug Geld, um nicht vor so Einem zu kriechen.«

Adam setzte sich mit ihm abseits in eine Laube von Flieder, dessen duftige Büschel wie eine Erinnerung ihn umwehten. Den Geigenspieler bewirtheten Freunde und Bewunderer an festlich geschmückter Tafel; ab und zu – fern klangen begeisterte Zurufe von dort herüber.

»Fasse einen Entschluß, verkaufe die Fabrik,« sagte Lambert.

»Wie kann ich verkaufen, was mir nicht gehört?«

334 »Sobald Du heirathest, ist sie Dein. – Ein Kind kann sehn, daß der Alte unzurechnungsfähig und Du nicht im Stand, solchen großartigen Betrieb zu leiten.«

»Ich gab mein Wort, sie nie zu verkaufen,« antwortete Adam.

»Solche Versprechen gelten nichts vor Gericht und passen gewöhnlich nur am Tag, wo sie gesprochen sind. Man kommt über Manches jetzt fort, als wär's nie gesagt worden, wird mit Gewissen und Ansicht umgekehrt wie ein Handschuh, übergefahren von dieser Jaggernaut, genannt Neuzeit.«

»Mögt Ihr Euch diesem Götzen beugen,« rief Adam, »ich stehe fest und rühre mich nicht.«

»Als ob man das könnte! – Fortgerissen wirst Du – wenn nicht durch Dein eignes Geschick, durch das Derer, die Dir angehören.«

»Du hast Recht,« seufzte Adam – »Nichts ist mehr sicher in dieser verworrenen Welt, die jeden Boden unterwühlt. Keiner kann mit Gewißheit sagen, dies thue ich nicht. Wenn Du uns verläßt, muß ich, so gut ich kann, dem Vetter beistehn, die Fabrik zu halten. Mich wenigstens zwischen ihn und den Schurken Bungert stellen, denn der saugt den unglücklichen Arbeitern alles Lebensmark aus. Genug, ich muß mein Schicksal auf mich nehmen.«

»Das hat schon Mancher gesagt und ist daran zu Grunde gegangen – es weht scharfe Luft in diesen Arbeiterfragen. Lege Dich nicht auf den Weltverbesserer. Das ist einer der unausführbarsten Poetenträume. Man muß die Sache nehmen, wie sie ist, und Vortheil ziehn von der Stelle, an der man steht. – Wage Dich nicht mit der 335 Fahne der Idealität in das Gedränge der Weltkinder, in diesen Kampf um die Existenz – der Eine frißt dort den Andern ebenso gut wie der Fisch den Wurm, es kommt nur darauf an, wessen Maul das größere ist. Halte Dich fern davon, Adam, sie würden Dir andre Güter abverlangen, als die geistigen, die Du bietest, und Dir eine Rechnung machen, die zuletzt nur mit Blut zu zahlen wäre.«

Sie trennten sich kühl, Jeder blieb bei seiner Ansicht.

»Morgen in der Früh',« sagte Lambert, »schüttle ich mir den Staub von den Füßen und beneide Euch nicht um Eure Situation. Das Elendeste ist, wenn man Geld hat und es nicht zu brauchen weiß.«

 

VIII.

Adam konnte sich nicht entschließen, sofort nach Haus zu gehn. Er nahte sich dem Tisch, an dem der Geigenspieler saß; die Tafel schien fast aufgehoben, da die meisten Gäste der nahen großen Stadt gehörten und die Eisenbahn ihrer Begeisterung keinen weiteren Raum gestattete.

Nach langer Zeit betrat der alte Künstler seine Geburtsstätte, hatte im fernen Süden seine Frau begraben und war mit diesem zarten Töchterchen, welches aussah, als ob es wärmerer Lüfte bedürfte, wieder heimgekehrt.

Sonst hatte er immer behauptet, er sei überall zu Haus, wo er seine Geige habe; aber wie mit Geisterhänden nahmen die langbekannten Gegenden der Kinderzeit im Alter Besitz von seiner Seele – zogen ihn zurück mit lockenden 336 Bildern der Erinnerung, bis die Vergangenheit wirklicher für ihn wurde, als die Gegenwart.

Adam erkannte in dem Alten den liebsten Freund seines Vaters, einen aus seiner ihm heiligen Tafelrunde.

Die herrlichen Abende stiegen wieder vor ihm auf – er noch Kind, lauschend im Eckchen, halb schlaf-, halb wonnetrunken.

Der Blinde fuhr auf bei seiner Stimme, nannte ihn mit des Vaters Namen und ein frischer Glanz ging über sein Gesicht.

»Es ist der Sohn,« wurde ihm gesagt.

»Sein echter Sohn,« meinte er befriedigt, während seine Hände liebkosend über die wohlbekannten Züge glitten, »er muß ihm ähnlich sein.«

Adam war, als träte er in der Liebe des Verehrten eine reiche Erbschaft an, die wie ein verborgner Schatz dort geruht und die er nun im Namen des Vaters erhoben.

»Dichter ist er auch,« sagte Einer, »von der unsichtbaren Gemeinde, die die blaue Blume sucht.«

»Ein Abtrünniger,« rief lachend der Zweite, »ein Götzendiener, heirathet dieser Tage des reichen Fabrikanten Lorenz Tochter und verkauft seine Seele dem Mammon.«

»Als ob Geld etwas schadete,« entgegnete ein Anderer, – »uns muß Alles unterthan werden. – Man ist großer Herr nebenbei – diese Kunst verstehn die Künstler auch. Sie verträgt sich ganz gut mit der andern. Kunst, Wissenschaft regiert die Welt, heute und morgen und in Ewigkeit – der Geist. Lest doch Geschichte. Was sind ihre Helden? Alles Künstler! freilich Einige so zu sagen Bildhauer, die 337 der Zeit die Physiognomie zurechthauen. – Der Geist soll leben! Vermodern muß, was ohne diesen Götterathem auszukommen denkt!«

Alles fiel jubelnd ein, und dann blieb Adam allein zurück bei dem alten Mann und dem Kind.

»Sie haben die Wahrheit gesagt,« fing er betrübt an, »ich breche aus der Bahn und übernehme die Fabrik. Ich kann nicht anders. Ein ehrlicher, rechtschaffener Mensch, denk' ich, ist immer an seiner Stelle.« Und er erzählte dem alten Freund seine schwierige Lage. »O, ich möchte diesem trägen Körper der Arbeit Flügel machen,« schloß er, »damit auch sie, grade niedre Arbeit, ihr Ideal fände, befreit vom Druck, den der Materialismus auf sie ausübt, um seine elenden Zwecke zu verfolgen.«

»Ich fürchte, Du bist nicht der Mann dazu, Adam,« antwortete der Geigenspieler. »Den Künstlern ist es leicht, mit der Phantasie eine Brücke zu schlagen zwischen Himmel und Erde, aus wirklichen Backsteinen ist es noch Keinem gelungen.«

Das Töchterchen hatte sich dicht an den Vater gedrängt und schloß ihm den Rock wegen der Abendluft.

»Wie sich Alles umdreht im Leben,« sagte er. »Noch vor Kurzem sorgt' ich für sie, jetzt sorgt sie für mich. Nur wenn Einer auf den Andern angewiesen ist, weiß man, was es heißt, sich angehören. – Erde und Pflanze könnten nicht enger verbunden sein – wer giebt? wer nimmt? wir rechnen nicht! nicht wahr, Crescentia?«

Das Mädchen umschlang ihn stürmisch.

»Wenn ich rechnen wollte, wie es jetzt Sitte in der 338 Welt, würde mich auch der Geldteufel in seine Gewalt bekommen haben,« fuhr er fort; »Jeder hat eine schwache Seite, bei der er ihn packen kann. Sorge um das Kind war die meine. Vermögen konnt' ich meiner Crescentia nicht ohne Erniedrigung erringen. – Manchem ist es nun einmal nicht bestimmt, aber etwas Besseres hinterlasse ich ihr, Adam: einen Namen, um den sich Viele schaaren, Alle, die ich mit meiner Kunst gewann. Ihre Familie wird das sein! . . . Man spricht so viel vom Ruhm der Kunst; die Liebe, die sie uns erwirbt, giebt tausendmal mehr – ob auch arm sonst, daran bin ich es nie gewesen. Crescentia wird in der Hinsicht eine reiche Erbschaft haben.«

»Wenn ich Dich verliere,« rief das Mädchen leidenschaftlich, »habe ich nichts mehr. Jetzt bin ich reich.«

»Armes Kind!« sagte er, sie streichelnd.

»Arm – wir arm!« wiederholte sie – »was fehlt uns? Sagst Du nicht selbst, ich habe Gold in der Kehle?«

Damit murmelte sie eine melodische Strophe, daß es war, als erwache die Nachtigall in den Büschen.

Der Künstler nickte entzückt, nahm die Geige, begleitete, und nun entstand ein zauberischer Wechselgesang auf der schweigsamen Düne, der zum Dreiklang wurde durch das rhythmische Anschlagen der Wellen.

Adam war in höheren Sphären, allen irdischen Sorgen entrückt; erst als der letzte Ton verklang, kam er auf die Erde zurück.

Das Mädchen führte den Vater hinein, der zärtlich vom Sohn des Freundes Abschied nahm. Sie reichte 339 Adam die Hand, ihr Auge strahlte ordentlich in dem blassen Gesicht.

»Wer darf uns arm und unglücklich nennen?« sagte sie stolz.

Er saß noch lang' am Meer – für ihn war es der Gesang der Sirenen gewesen. – Ob er wirklich die Fabrik verkaufen könne, mit Gundula all' dem Treiben entfliehn?

Fern von dort würde sie eher die Mysterien seines Seelenlebens verstehn; ganz allein miteinander, würde die Liebe, die wie ein zarter Keim in ihnen Beiden lag, schnell großwachsen. Herrlich malte er es sich aus. – Warum sollte er die Widerwärtigkeiten eines verfehlten Daseins auf sich nehmen, wenn er nach Lambert das Recht hätte, sich eins zu schaffen, das beneidenswerth sein mußte? Durfte er glücklich sein? –

 

IX.

Unruhig ging er hin und her am Strand; die Wellen rauschten in geheimnißvollem Dunkel; nirgends Klarheit; die Schiffe selbst sahen im Nebel wie Gespensterschiffe aus; nur droben die Sterne, die veränderten sich nicht.

Oft übernachtete er in einer Burgruine, an deren edlem Bau sich eine kleine Gastwirthschaft, wie ein Schwalbennest am gigantischen Fels, angeheftet hatte. – Hoch oben lag's und in grünen Abhängen neigte sich der Hügel bis zum Meer. – Als er hinaufsteigen wollte, sah er wie 340 einen grauen Geist auf umgestürztem Boot einen alten Mann sitzen, in welchem er den Wirth von droben erkannte. –

»Was macht Ihr hier, Josias, im Nebel, in der Nacht?« redete Adam ihn erstaunt an.

»Ich warte auf den Tod,« antwortete der Greis und sah ihn mit blöden Augen an.

»Der kommt schon früh genug ungerufen, und Ihr erwartet ihn weit besser droben in Eurer netten Kammer.«

»Meine Kammer,« wiederholte er – »in der wohnt jetzt der Sohn mit Frau und Kindern. Dort ist kein Platz für mich.«

»Sie sollten sich schämen, Euch herausgestoßen zu haben!«

»Nu, nu,« sagte der Alte, ihn wieder etwas verwirrt ansehend, »so war's nicht, es ist ganz in der Ordnung und ging ganz sachte. Arbeiten kann ich nicht mehr, bin zu nichts nutz, sie müssen mich grad' durchfüttern und thun das auch mit guter Manier; aber seht, ich merke doch, daß das Unterholz wachsen möchte und Platz haben, deshalb – warte ich auf den Tod.«

Adam führte der Alten hinauf.

Eine junge Frau öffnete, hinter ihr schreiend, sie gebieterisch am Rockzipfel zerrend, ihr Bübchen, offenbar dem Bett entlaufen.

Scheltend ließ sie den alten Mann an.

»Nun, Vater, kommt Ihr wieder, da Alles aufgegessen ist? Für Euch möchte man immer allein serviren.«

Damit schob sie ihn hinein.

»Schämt Euch, Bärbchen,« sagte Adam, der sie von 341 Kind auf kannte; »Ihr solltet mehr Achtung vor dem Alter haben.«

»Was wollt Ihr?« antwortete sie erröthend – »er ist gar zu unbequem, überall im Weg. – Wir Jungen haben jetzt die Wirthschaft – er hat lang' genug gewettert und commandirt – Jeder hat seine Zeit – man muß doch sehn, daß man die nicht verpaßt – später verdrängt uns wieder der da« – damit deutete sie auf den borstigen kleinen Kerl an ihrer Schürze, »das ist nun einmal Lauf der Welt.«

»Das Nützlichkeitsprincip ist doch ein barbarisches,« dachte Adam, als er sich auf sein Lager legte; »nach ihm thäte man besser, die alten Leute todt zu schlagen. – Ich verkaufe nicht die Fabrik.«

Morgens ging er am Abhang entlang. – Die Sonne blitzte und funkelte im Wasser; übermüthig, jauchzend tummelte sich die Bubenschaar der Umgegend in den Wellen.

Vor ihnen saß stumpf und blöde der alte Josias, Keiner kümmerte sich um ihn, Keiner redete ihn an. »Ueber ein Kurzes ist diese frische Jugend auch so weit,« dachte Adam, »und wird dann wol eine andre Ansicht von Alt und Jung haben.«

Das Meer lag heut' regungslos da – klar, blau, scharf, ohne all' die geheimnißvollen Schleier von gestern. – Sein Weg lag ebenso vor ihm. Er fand Gundula auf der Bank im Gärtchen.

»Gundula,« sagte er, »ich möchte ernsthaft mit Dir reden.«

»Ach, fang' Du doch nicht auch noch so an,« rief sie 342 verzweifelt, »es ist ja schon Alles schwarz wie ein Ofenloch. Nun geht auch noch gar der Lambert, das war noch das einzige Plaisir.«

»Wenn es Dir recht ist, wollen wir versuchen, wieder fröhlich zu werden, und ein Fest feiern, nämlich Hochzeit machen.«

»Ach ja!« rief sie, ihn umschlingend, »laß uns eilen, daß wir endlich aus all' den Wirren herauskommen. Erlöse mich aus dieser Hölle, in der ich jetzt lebe – rechts die ewig klagende Mutter, links der zankende Vater – tragen kann ich's länger nicht – wir wollen fort, uns die Welt ansehn – jung ist man nur einmal – die Alten sind ja gut versorgt – später, wenn wir krank und verdrießlich werden, mag man uns auch sitzen lassen.«

»Nein, Gundula, so war es nicht gemeint; wenn ich heirathe, muß ich hier bleiben und nach der Fabrik sehn. Du weißt, der Vater kann es nicht, der Schurke Bungert soll es nicht, und verkaufen ist unmöglich.« –

Sie ließ den Kopf hängen. – »Lambert hat Recht, Du wirst nie in diesem Punkt vernünftig werden.«

»Nein,« sagte er, »wie Ihr es meint, nie.«

Er suchte seine ganze Energie auf die neue Thätigkeit zu richten, aber wo nicht der Zug der Seele hingeht, ist ihrer Kraft die Spitze abgebrochen. Seine Natur arbeitete immer gegen ihn. – Jeder Baum, der fiel, erbarmte ihn, jede romantische Stelle, welche verschwand. Die Fabrik fraß wie ein großes Ungeheuer die Wälder der Nähe und Ferne. Er konnte den Klang der fallenden Bäume, der kreischenden Säge kaum ertragen – der Geruch der 343 Knochenmühlen machte ihn förmlich krank. Bungert stand ihm von Anfang wie ein Feind gegenüber. Für alle Mißhandlungen des Vetters Lorenz hatte er einen unterthänigen Katzenbuckel in Bereitschaft, den er sich natürlich theuer bezahlen ließ. Bei übergroßem Reichthum giebt es viel Schmarotzerpflanzen. Es sagte einmal Jemand von dergleichen: Ich bin schon zufrieden, wenn nicht er, sondern ich das größte Stück erwische. Hier wurde es bald umgekehrt. Adam griff in das Wespennest – aber um es zu vernichten, war er zu barmherziger Natur, denn selbst böse Bestien thaten ihm unter Umständen leid, wenn er sie mit eigener Hand erwürgen sollte.

Das Wohlleben des Hauses verschwand. Die eigentlichen Besitzer litten den Mangel, der solcher Wirthschaft eigen ist, während Bungert und Familie alle Vorzüge des Ueberflusses an sich zogen. Uebrigens stand Bungert nicht allein mit dem Begehr, sich die Taschen auf Kosten des Herrn zu füllen. Ein heimlich unterwühlender Kampf begann. Die Arbeiter murrten. Mit fernem Donner bereitete sich ein schweres Gewitter vor.

Nicht lange, und alle stellten die Arbeit ein, durchzogen schreiend und lärmend die Gegend, zerschlugen die Maschinen, richtete tausenderlei Unheil an.

Adam widerstand es, den harten Felsen zu spielen, an dem diese aufgerührten Schlammwogen sich brachen.

Bungert ließ Hülfe aus der Stadt kommen. Nach wenig Tagen ersetzte eine fremde Arbeiterschaar die Einheimischen. Diese sahen es mit dumpfem Grimm. Grenzenloses Elend begann Platz zu gewinnen. Krankheit kam 344 dazu. Meutereien zwischen den Parteien tauchten auf. – Es wurde immer schwerer, Recht zu sprechen, denn das Unrecht war auf beiden Seiten.

Adam fühlte, die Saite der Gewinnsucht war zu hoch gespannt, sie mußte endlich mit schneidender Dissonanz springen. »Wer kann sein Glück,« dachte er, »in einem Besitz finden, den er mit solchen Mitteln vertheidigen muß? Dagegen scheinen Faustkämpfe edel – roh wie jene ist diese Zeit, nur daß Gewalt jetzt Geld heißt, Geld! – und ist es nicht zuletzt auch in ihren Händen ein Schatten, verschwindet, versinkt vor ihren gierigen Blicken, sobald das Vertrauen fehlt?«

 

X.

Manchmal Abends, wenn Alles still und dunkel war, ging er nach seiner Lieblingsstelle am Waldrand. Heut' schien der Mond hell. Die Leuchtwürmchen schwärmten in der warmen Sommernacht, Rehe kamen furchtlos trinken aus dem klaren Quell. Die Ruhe that ihm wohl. – Als er sich eben erhob, erfrischt, gestärkt, knisterte es neben ihm in den Büschen und eins der verworfensten Subjecte, angetrunken wie fast immer, kroch zu ihm hindurch, einer Kröte gleich, die über eine Blüthenstelle kriecht. Adam war ihm aus Mitleid doch dann und wann freundlich gewesen, er hatte ein Herz für allen Jammer, sogar für den häufigsten, den selbstverschuldeten.

»Was treibst Du Schlimmes, Kilian?« rief er ihn an. 345 »Laß Dich nicht im Walde treffen – bist Du wieder im Wirthshaus gewesen, während Weib und Kind verhungern?«

»Die Frau ist todt,« antwortete er grinsend; »das Kind wird bald nachfolgen – es ist auch besser – wir müssen ja, wenn's nach gewissen Leuten geht, alle wie Ungeziefer verenden. – Ja, wenn wir nur nicht schlauer wären! – Werdet schon sehn, was dabei herauskommt. Es ist eine ganze Portion von uns im Walde . . . . Alles Leute von Ihrer Partei, Herr Adam!«

»Ich weiß von keiner Partei,« entgegnete er angewidert. »Mit Euresgleichen hält es kein ehrlicher Mann.«

»Das verlangen wir auch nicht – thut nur hochmüthig, Vorgesetzte müssen die Finger rein behalten; aber unser eins muß immer das Unsaubere anfassen, wenn's fort soll.«

»Ich versteh' dich nicht,« sagte Adam, sich abwendend. »Noch einmal, nehmt Euch in Acht; ich trete für Keinen mehr ein.«

Als er zurück kam, fand er Alles im Aufruhr, seine Mutter sterbend. Der Vorgang im Wald erlosch davor und die Begegnung mit dem Gefährlichen kam ihm aus den Gedanken. –

Am nächsten Tag aber ging wie ein Lauffeuer die Kunde durch das Dorf, Bungert läge mit zerschlagenem Schädel, ermordet in der Haide.

Vom Bett der Sterbenden mußte Adam an die Untersuchung gehn, er verschwieg nicht Kilian's Erscheinen im Wald. Ihm war, als habe er selbst Blut an den Händen. Elende Gesellschaft war zusammengehetzt – Schuldige 346 und Unschuldige, ein jammervoller Anblick, ein Wirrsal von Noth und Verbrechen.

Vetter Lorenz wurde durch den Schrecken von einem neuen Anfall betroffen und lag bewußtlos. Der Arzt ging von Einem zum Andern. Adam's Mutter quälte sich noch ein paar Tage und starb. Er war bei ihrem Tode nicht zugegen, sie hatte auch nicht nach ihm verlangt. Als er fremd und scheu an die Leiche herantrat, fiel es ihm wie ein Schleier von den Augen. Wie nah hatten sie sich gestanden, als er in der engen Kammer sie hin- und hergetragen, gepflegt, mit höchster Anstrengung ihr diese, jene Stärkung verschafft – und nun? – Kalt, thränenlos stand er an ihrem Bett.

»Arme Mutter, vergieb!« rief er; »ich glaubte Alles für Dich zu thun und habe nichts gethan – nicht reich – arm hab ich Dich und mich gemacht. – Die bitterste Noth, der herbste Schmerz ist, mit solcher starren Kälte an Deinem Todbette stehn, das mir meine Freiheit wieder giebt. Nein, nicht wieder giebt! denn mit tausend Fäden bin ich verwickelt in ein Verhängniß, aus dem ich nicht heraus kann. – Ob mich Gundula liebt, ich weiß es nicht, aber mein liebedurstiges Herz hat sich ihr genähert in den schweren Zeiten, die wir mit einander durchlebt. Es war ja das Einzige, woran ich noch fühlte, daß ich lebe.«

Eben schlich das Mädchen scheu an der Thür vorüber – er zog die Widerstrebende herein.

»Es graut mich,« sagte sie; »was hab' ich mit der 347 Leiche zu thun? Giebt es denn nichts mehr, als Schrecken für mich auf der Welt?«

Aber er ließ sie nicht.

»Angesichts des Todes, Gundula, wollen wir klar werden. – Sprich die Wahrheit – nichts Andres. Liebst Du mich?«

Sie zitterte wie Espenlaub und schwieg.

Vor ihnen lag das erstarrte Antlitz, welches jetzt hinter das große Geheimniß des Lebens und Sterbens gekommen war und Schein von Wirklichkeit zu trennen wußte.

Schluchzend suchte das Mädchen Adam's Hand.

»Wie sollte man Dich nicht lieb haben?« sagte sie. »Jeder, der Dich sieht, ist Dir ja gut. – – Ach, warum hast Du mich nicht schon lang' zu Dir genommen – damals, als ich einsam, elend, trostbedürftig war, mein Herz wie Wachs in der Hand dessen, der es nehmen wollte; warum hast Du es Andern überlassen?«

Er verstand sie. »Was ist zwischen Dir und Lambert vorgefallen?« frug er herb.

Da zog sie aus der Tasche ein Bündelchen oft geles'ner Briefe hervor, löste mit zitterndem Finger das bunte Band, welches die Blätter umschlang, und gab sie ihm.

Er sah nur in das eine hinein; dann reichte er ihr das Päckchen stumm zurück, warf sich am Lager der Todten nieder und verbarg das Gesicht in den Händen.

Bebend stand sie dabei. »Verachte mich nicht!« fing sie an, »Du hast kein Recht dazu – Lang' hab' ich Dir meine Liebe nachgetragen, aber es war Dir nicht der Mühe werth, die Hand darnach auszustrecken. – Was das 348 Vermögen anbetrifft, so wird sich Lambert gewiß mit Dir abfinden.«

»Geh',« sagte er, sie fortwinkend; »laß mich allein. Ich will nichts von Euch, ich weiß am besten, daß ich kein Recht darauf habe und daß nichts in diesem Hause mehr mein ist.

 

XI.

Noch am selben Tag schrieb Adam an Lambert:

»Der Weg ist frei, komm. Bungert todt – Vetter Lorenz bewußtlos im Krankenzimmer. Du kannst ungehindert Deine Zwecke weiter verfolgen; ich werde Dir kein Hinderniß sein.«

In der nächsten Woche kam Lambert, erst etwas gedrückt, beschämt, aber nicht lange.

»Du bist ganz allein Schuld,« sagte er dem Freund;»ich nahm mir, was nicht mehr Dein war, warum sollte ich den kostbaren Stein, der verachtet am Weg lag, nicht einstecken? Uebrigens, Du hättest nie verstanden, hier das Glück nach Deinem Geschmack zuzuschneiden.«

Mit dem ihm eigenen Organisationstalent brachte er die Fabrik wieder in Gang, löste den verworrenen Knäuel der Ansprüche und Forderungen der Pflichten und Rechte. Freilich hieb er hie und da durch, aber mit so sicherer Hand, daß Keiner zum Ueberlegen kam, ob es hätte anders sein können.

Noch einmal fing eine Art Glück an aufzublühn in Vetter Lorenz Nähe. – Er konnte schon wieder im Gärtchen sitzen. Als er Lambert wiedersah, überzog dunkle Röthe sein 349 Gesicht, ihm mochte wol etwas von jener schlimmen Scene auftauchen, die sie getrennt hatte – erschreckt reichte er ihm die Hand, wie ein Kind, das sich versöhnen möchte; seine Heftigkeit durch die übergroße Schwäche gedämpft. Man suchte ihm begreiflich zu machen, daß Lambert sein Sohn werden wolle, und er und Gundula schmeichelten dem Alten, daß er mit Allem zufrieden war, besonders weil durch diesen Bund das Wohlergehen der Fabrik gesichert schien – die Fabrik, das Einzige, wofür er noch Interesse und ein Art Verständniß hatte.

Gundula lebte sichtlich auf, suchte ihre buntesten Kleider hervor, hielt ihre lustigsten Kaffeekränzchen, in denen bei den Klängen eines verstimmten Spinets getanzt wurde. Lambert war die Seele von Allem. Er verstand vortrefflich, sich Gundelchens Wesen anzupassen, behandelte sie wie ein Kind, das sie war und immer bleiben würde, selbst als Matrone, eins von den Wesen, die nie erwachsen, wie es Knospen giebt, die sich nie entfalten. Lange findet man es reizend, endlich merkt man doch, daß etwas mangelt und es nicht das Rechte war.

Ihre Gespielinnen sagten ihr tausend Mal, sie begriffen nicht, wie sie je Adam den Vorzug hätte geben können, und zuletzt begriff sie es selbst nicht mehr.

Zu Glück und Frieden hoffte sie Adam zurückzulassen, als er eines Morgens, wie damals der Freund, das Bündel in der Hand, auf der Landstraße stand. Den Hochzeitstag wollte er nicht abwarten, wenn gleich er an der Ruhe seines Gemüths merkte, daß auch seine Zuneigung nichts werth gewesen war – Alles Schein. – Verdorrend hatte diese Zeit seine Seele gestreift, kein Blättchen war daran ergrünt, 350 keine Knospe geweckt für die Zukunft. – Arm und dürftig, mit einer elenden Empfindung, als hätt' er dort weder Echtes empfangen, noch gegeben, stand er an diesem Grenzstein seines Lebens. »Wofür,« sagte er sich, »ist man oft drauf und dran, seiner Seele innerstes Leben zu verpfänden? Dann ringt uns das Schicksal den Lohn aus der Hand und spricht: Armer Tropf, du machtest die Rechnung ohne den Wirth!«

Ein lichter Septembertag hatte sich den Nebeln entrungen.

Als er auf dem Hügel stand, verließ ihn zuerst das dumpfe, gedrückte Gefühl, welches ihn beherrschte.

Neben ihm, über ihm lagen auf Büschen und Bäumen gleichsam unermeßliche Schätze funkelnder Thaubrillanten ausgebreitet und zwischen goldenen Sonnenstrahlen blitzten die silbernen Bäche.

»Willkommen,« rief er entzückt, »ihr glitzernden Zeugen meines Reichthums! Fortan gedenk' ich wieder auf Wolken zu wandeln und aus dem Regenbogen in den Himmel zu spazieren. Wenn auch Lambert meint, man könne nicht von der Luft leben, frische Luft ist eine Hauptnahrung mitunter! Wer weiß, wie nah meine Zeit, eine ideale Zeit, die den ganzen materiellen Plunder Jener über den Haufen wirft. So etwas kommt oft mit einem Schlag, wie der Frühling. Ich bin doch froh, daß mir die Flügel nicht gestutzt sind und ich sie noch hab', um ihr entgegen zu fliegen.«

Muthig ging er der Stadt zu, die jetzt mit ihren 351 Thürmen zu flimmern und funkeln begann, wie ein Gold-Californien.

»Poeten,« sagte er sich, »müssen im dichtesten Gewühl, oder in der tiefsten Einsamkeit sein. Ich denke, ich probire Beides.«

 

XII.

Sechs volle Jahre hörten die Freunde nichts von einander. Adam benutzte die wiedergewonnene Freiheit, um wie ein Zugvogel immer dahin zu gehn, wo ihm ein Frühling blühte. Für die Ansprüche, die er machte, genügte seine Einnahme. Er kam sich öfter reich, als arm vor. Seit einiger Zeit war er wieder auf deutschem Boden. Er schrieb an Lambert:

»Da bin ich und will mir nun auch von Euch ein Stückchen Sonnenschein holen. Es ist mir übrigens sehr gut gelungen, mich mit den Schätzen, die mir zur Verfügung stehn, auf dieser Erde einzurichten. Ich bedarf gar keiner Weisheit dazu. Von den Dingen, die mich erfreun, hat man die meisten umsonst, oder vielmehr, man kann sie nicht kaufen. Diese Lustbarkeiten kommen direct aus Gottes Hand. Entzieht er sie mir eine Weile, so lieg' ich auf dem Trocknen, wie die Seemuschel bei der Ebbe, und freue mich doppelt, wenn die Fluth zurückkehrt. Von hier aus hab' ich ein Buch in die Welt geschickt, für das ich, nach Deiner Art zu rechnen, gute Beweise habe, daß man es liest. Ich lache mir in's Fäustchen, denn ich habe da manches zündende Wort eingeschwärzt, das allerlei heilige Flammen speisen soll. von 352 denen die Menschheit glaubte, sie habe sie endlich erstickt mit dem nassen Lappen des Verstandes. Ist es Dir begegnet? Was haltet Ihr davon?« –

Adam an Lambert.

»Was ich von Deinem Buch denke? Daß Du viel Glück gehabt, weil Dein in die Trompete Stoßen mit günstigen Umständen zusammentraf, sonst wäre Dir statt der Glorie, die Dich jetzt umstrahlt, leicht ein Dornenkranz zugefallen. Aber der Erfolg stempelt die Sache. Nun bist Du der Held des Tages und man kann stolz auf Dich sein. – Auch ich holte etwas von der Kunst, nur auf meine Art, die freilich nicht die Deine ist. Ich habe mir immer die Position eines Mäcens gewünscht. Wie weit es mir gelungen, wirst Du sehn, wenn Du kommst. – Gundelchen bittet Dich mit mir, sie hat Dir auch etwas zu zeigen, nämlich unsern prächtigen Jungen. – Mag der meinethalb Dichter werden, er wird genug Geld haben, um sich den Spaß zu machen, und wenn er es so gut trifft, wie Du, ist es auch keine schlechte Stellung. Glück muß man zu Allem haben. Komm, wir erwarten Dich mit Ungeduld.«

 

XIII.

Ueber einige Zeit wanderte Adam auf dem Waldweg, der Fabrik zu. Sie stand noch stolz, die Gegend beherrschend, dasselbe Treiben um sie her – grad' als sei er gestern fort gegangen. Die alten Bäume waren freilich nun 353 alle gefallen, ein junger Aufschlag wuchs dürftig an ihrer Stelle. Die kleinen Tannen mit ihren duftenden Schößlingen schienen aber so hoffnungsgrün, neuen prächtigen Wald verheißend, daß Adam ein Wohlgefühl überschlich.

»Deine Schönheit ist unzerstörbar, liebe Erde,« sagte er, sich auf das Haidekraut niederlassend, in dem es auch schon wieder wucherte und blühte; »wir sind rechte Kinder, die meinen, wenn man ihnen an einer Stelle das Gärtchen zerstört, es sei aus mit aller Herrlichkeit.« Als er die Höhe überschritten hatte, blieb er staunend stehn – von Neuem vertauscht war der Ort.

Das hüglige Land, geschickt benutzt, bildete grüne Terrassen, welche in treppenförmigen Absätzen zu einer mächtigen Villa führten, die, wie ein über Nacht entstandener Märchenpalast vor seinen Augen in einem Lichtmeer ruhte. Marmorne Säulen mit klassischem Capitäl trugen Hallen, Balcone, ein tiefgrüner Park gab den Hintergrund. Das lustige sprudelnde Wasser lag hier als See, dort rauschte es auf in gewaltigen Fontainen, an andrer Stelle schlüpfte es flüsternd und rieselnd zwischen lieblichen Blumen. Ausländische Pflanzen breiteten ihre großen, üppigen Blätter und Blüthen aus zu Seiten der mächtigen Freitreppe, die in das Haus führte. Es war ein wundervoller Anblick, wol gemacht, einen Sinn, wie den Adam's, zu entzücken. Er stand, die Arme verschränkt, und suchte umsonst das alte Bild hervorzulocken und zu fassen, wie das Alles in so kurzer Zeit entstanden sein konnte – da schlug ihm Einer auf die Schulter, es war Lambert.

»Willkommen!« sagte er, »nun gefällt es Dir bei uns? 354 Siehst Du, das ist Alles mit Geld gemacht; man muß nur verstehn, es anzuwenden. Sollte man nicht denken, ich wäre ein Künstler? Mögen es Andere für mich sein, wenn ich nur den Genuß davon habe.«

»Der höchste Genuß«, antwortete Adam, »ist das Schaffen; aber trotzdem bist Du ein glücklicher Mensch, hier wohnen zu können, inmitten all' dieser Schönheit, bei der man nicht weiß, ob Kunst oder Natur das Beste gethan.«

»Sieh nur erst meine Galerie, hör' meine Musiker,« fuhr Lambert stolz fort, »Alles ersten Ranges, Alles mein, denn ich kann es bezahlen; Du dachtest wol, ich sollte ein plebejisches Arbeitspferd werden? Nein, eine Kunst versteh' ich, und die angenehmste, nämlich zu genießen. Schade, daß nur zuletzt kein Magen, weder der geistige noch der leibliche, Alles verdauen kann, was Einem geboten wird, wenn man reich ist. Einen Kummer hab ich – ich werde dick.« –

Adam lachte. »Wenn das Dein größter ist!«

»Und krank,« setzte Lambert hinzu.

Jetzt erst bemerkte Adam seine aufgedunsene, verschwommene Gestalt, nicht die markige Fülle des kräftigen Arbeiters Vetter Lorenz, eine bleiche, krankhafte Masse.

»Du mußt etwas für Dich thun!« sagte er.

»Ich thue nur zu viel,« seufzte Lambert, »man schickt mich immer von einem Bad in das andere.«

Sie gingen durch den Park. – Der Gärtner zeigte ihnen seine kostbarsten Lieblinge in den Treibhäusern, erzählte, daß er sie heraufgezogen mit Sorg' und Müh' wie die Kinder.

355 »Er thut grad', als ob's seine wären, der hochmüthige Mensch,« sagte Lambert unzufrieden, als sie heraustraten.

»Durch Pflege nimmt die Seele Besitz,« antwortete Adam. »Uebrigens, ist es nicht einerlei, wem diese himmlischen Rosen gehören? Seh' ich sie doch wie Du, athme ihren köstlichen Duft.«

»Es ist ärgerlich genug,« meinte Lambert, »daß man sein Eigenthum nicht mehr für sich allein haben kann.«

Sie stiegen die Marmortreppen im Hause hinan. Edle griechische Götterbilder, für Adam alte Bekannte, standen zu beiden Seiten und grüßten ihn vertraut, erzählend von hohen Lorbeerhainen, oder Marmorsälen, wo er sie zum ersten Mal mit entzückter Seele gesehn.

»Und er glaubt, er besitzt euch!« rief er innerlich, »euch, die er weder achtet, noch kennt, nicht versteht, kaum anblickt – deren Schönheit ihm verhüllt ist, als wärt ihr nicht da. Arme Verbannte, was wollt ihr hier? Es giebt Güter, die nicht Jeder fassen und halten kann; in solcher Hand wird ihr Gold zu Staub.«

Wo ihn auch Lambert zwischen seinen idealen Schätzen herumführte, Galerie, Bibliothek, Adam blieb der Eindruck: und ob er es mit Gold aufwog, ihm gehört nicht ein Atom davon. Die hehren Götterbilder, als der Sonnenstrahl sie traf, schienen dasselbe zu meinen und über die Armuth, in der sie sich befanden, zu lächeln.

»Komme, wie Du willst, zu Tisch,« sagte Lambert; »Dichter sind, was Toilette anbetrifft, meist Barbaren, man muß ein Auge zudrücken. Wir haben einige Gäste. Meine 356 Frau ist schon seit einer Stunde bei der Toilette, das ist eine wahre Arbeit in jetziger Zeit.«

Adam stand bestaubt von der Reise, ungemüthlich im fremden, raffinirt eleganten Zimmer. Er trat an das Fenster, wo eben ein herrlicher Sonnenuntergang seine Feier vorbereitete, mit Gluthwolken und grüngoldnen Büschen.

»O heilige Natur,« dachte er, »zu Deinen hehren Festen ist das zerlumpteste Kind geputzt genug; aber wenn die Menschen die ihren feiern, welch' ein Aufwand von Zuthaten!«

Auf dem grünen Plan saß eine Wärterin mit einem Kinde. Das kleine Ding rollte sich, uneingedenk des gestickten Röckchens, übermüthig zwischen Blumen und Gras herum. Sein goldnes Gelock schmückte es weit mehr als der kostbare Anzug. Oft stürzte es sich voll stürmischer Zärtlichkeit auf die häßliche Alte.

Mit eigenthümlichem Gefühl erkannte Adam in dem Knaben Gundula's Kind – Vetter Lorenz' Enkel, dem er glich in seiner kräftigen Schönheit.

Gundula trat jetzt herzu; es gab einen Kampf, eh sie des Kleinen mächtig wurde, welcher nicht von der Wärterin lassen wollte. Nur auf Zureden der Letzteren trug sie ihn endlich als Beute davon.

Bald darauf klopfte es leis an Adam's Thür. Er öffnete und Gundula stand davor, ihren goldgelockten Jungen auf dem Arm. Sie war in vollem etwas gewagtem Putz, den sie offenbar trug, als gehöre er nicht zu ihr. Besonders die endlose Schleppe wollte sich keiner ihrer Bewegungen mit Grazie anschließen. Dunkle Gluth überzog ihr 357 Gesicht, als sie zum ersten Mal Adam wieder gegenüber stand. Ihm war sie fremd geworden.

»Ich wollte Dir meinen Jungen zeigen,« sagte sie; »nachher, wenn die Gäste kommen, geht es nicht – meinen goldenen Schatz« – und sie küßte das Kind zärtlich, welches sich nur mit Widerstreben diese Liebkosung gefallen ließ. »Besäß' ich ihn nur mehr,« fuhr sie fort;»die Kinderstube liegt so weit ab, ganz auf dem andern Flügel, Lambert kann keinen Kinderspectakel vertragen – die Wärterin hat ihn weit mehr als ich, eigentlich immer, wenn ich ihn mir nicht stehle.« – Damit hieß sie ihn, als große Vergünstigung für Adam, ein Patschhändchen geben.

»Es ist das Beste, was ich unter allem Schönen hier gesehn habe,« sagte er.

»Nicht wahr, es ist schön hier!« rief sie. »Haben wir nicht alles Mögliche aus dem alten Gerümpel gemacht? Von weit kommen die Leute, es zu sehn, und doch konnte es dem Vater nicht gefallen, nicht leiden mochte er den Anblick dieser herrlichen Hallen, dieser schattigen Laubgänge, ihm war Alles ein Dorn im Auge.«

»Alte Bäume versetzt man schwer, Gundula – Du wirst ihn nicht fortbringen von der Fabrik.«

»Weißt Du nicht, daß er todt ist?« antwortete sie tieferröthend.

»Todt!« rief Adam – »seit wann? warum schrieb, warum sagte es Lambert nicht?«

»Mich wundert, daß er es nicht erwähnte,« meinte sie zögernd; »in diesen Tagen wird's vier Wochen. Er starb ganz plötzlich – wir hatten ihm hier Alles so schön 358 eingerichtet, Zimmer, wie für einen Prinzen, aber er blieb nicht. Niemand konnte ihn halten, selbst der Wärter nicht, den wir ihm geben mußten. Jeden wußte er zu überlisten, schlich heimlich zu dem bekannten Platz, wol zwanzig Mal am Tag. Das alte Haus wurde abgerissen . . . . .«

»Abgerissen! Gundula!«

»Die Fabrik war verkauft,« sagte sie, dem kleinen Burschen wehrend, der mit siegreichem Jauchzen ein Zerstörungswerk an ihrer Frisur vornahm. »Wir hofften, durch das Einreißen der alten Wohnung ihn am Besten von den früheren Verhältnissen zu lösen; – als wir aber sahn, wie er sich's zu Herzen nahm, hielten wir ein.«

»Wie konnte Lambert die Fabrik verkaufen!«

»Das sind Geschäftssachen«, antwortete sie ausweichend, »davon versteh' ich nichts. Lambert hat viel leiden müssen unter dem Vater, mehr als wol zu ertragen war, bis sie den Unglücklichen unter Curatel stellen mußten. Gott weiß, ich wollte, es wäre anders gekommen. Ich habe keine Freude seitdem an all' dieser Pracht. Schon des Jungen wegen wollt' ich, wir könnten es ungeschehen machen. Man wird klüger, wenn man Mutter ist, und wol auch etwas besser,« fuhr sie fort, des Kleinen dicke Händchen küssend, »versteht die Eltern mehr – mehr, worauf es ankommt zum Glück. – Sie versichern zwar Alle, der Vater wäre nicht bei Sinnen gewesen, als wir die Fabrik verkauften, aber dennoch – ich kann die schlimmen Gedanken nicht los werden.«

»Armer Vetter!« rief Adam, »du glaubtest die Fabrik fest gegründet in Deiner Familie, und nun verschwindet sie 359 schon in der ersten Generation! . . . Vielleicht, Gundula, war Dein Bübchen geschaffen, den Platz einzunehmen, der ihm bestimmt war; dem Großvater ist er aus den Augen geschnitten. Das habt Ihr nun verscherzt. Nehmt Euch in Acht! Wer weiß, es rächt sich an ihm, daß Ihr die Fabrik verkauft habt.«

»Sprich nicht so,« rief sie erschreckt. – »Manchmal fürcht' ich es auch. Oft ist mir, als säh' er mich vorwurfsvoll grad' mit des Vaters Augen an. O, ich wollte, er lebte noch.«

Wagen auf Wagen rollte vor – hastig stand Gundula auf. »Die Gäste kommen,« sagte sie; »auf Wiedersehn bei Tisch.«

»Laß mich hier,« antwortete Adam, »ich kann jetzt keine fremden Leute sehn, ich muß zu viel an den Tod des Vetter denken.«

»Mir ist die Gesellschaft, schon nach vier Wochen, auch nicht recht,« sagte sie entschuldigend; »aber Lambert verträgt keine Einsamkeit.«

Damit gab sie das Kind der Wärterin und verschwand mit ihren rauschenden Gewändern in den erleuchteten Sälen.

Adam blieb verstimmt zurück. Es war ihm unheimlich dort. Fröhlicher Lärm scholl zu ihm empor.

»Erst vier Wochen todt,« dachte er, »und dies wirkliche, für die Erde geschaffne Dasein, verwischt, verlöscht in seiner Eigenthümlichkeit, daß kaum Einer die Spur findet . . . . Seine Wohlthaten vergessen; wenn ihrer gedacht wird, nur noch im Vorwurf. All' seine Arbeit, all' seine Enthaltsamkeit, sein Fleiß, nur um diese giftige Blüthe 360 des Genusses zu treiben, in der trotz aller Schönheit etwas Verwesendes liegt, das Körper und Seele tödtet.«

Sein Entschluß wurde fest, fortzugehn. Er schrieb diesen Zettel an Lambert:

»Verzeih, wenn ich mich fortschleiche – vermissen werdet ihr mich nicht lang'. Es ist besser, wir sehen uns grade jetzt nicht wieder. Ich war dem armen Vetter viel Dank schuldig. Wie weit Du an ihm gefehlt, ich weiß es nicht, will mich auch nicht zu Deinem Richter aufwerfen. Für alle Schätze der Welt wäre mir dieser Preis zu hoch gewesen.«

 

XIV.

Als das Thor sich hinter ihm schloß, stiegen weiße Nebel zwischen den Büschen auf, das goldne Licht auf Blüth' und Blatt versank – Grau in Grau, gespenstisch, im Dämmerlicht, lag die Fabrik und warf einen dunklen Schatten über die Gegend. Das alte Haus des Vetters, halb zerstört, umweht von Tapetenfetzen wie von Geisterfahnen, lag ruinenhaft vor ihm, gestreift vom Nachtgeflügel. Eine Ecke daran mit Stroh gedeckt, als habe nothdürftig dort Jemand Unterkunft gesucht. All' die Niedlichkeiten des Gartens zerbrochen, zersprungen die silbernen Kugeln am Boden, kläglich zerfallen, wie Spielwerk, das seine Zeit gehabt. Vor der Thür des Vetters alter Hund. Mühselig ermannte er sich zu winselndem Gebell, als Adam näher kam. Er wies die Zähne und knurrte, obgleich er ihn erkannte, denn er traute selbst Freunden nicht mehr.

361 Hinter ihm erschien eine andre Gestalt aus jenen Tagen, ein invalider Diener des Vetters, dem man hier das Gnadenbrod gab.

»Sie sind's, junger Herr!« rief der alte Mann; »wie oft haben wir an Sie gedacht! Manches wäre anders gekommen, wenn Sie hätten bleiben können. Es ist hier nicht zum Wiedererkennen: ein alter Gehirnkasten durfte darüber wol in Verwirrung gerathen. Freilich für solche Pracht konnte man schon die Fabrik, und was drum und dran hing, hingeben.«

»Wer ist jetzt der Besitzer?« frug Adam.

»Sie ist schon in dritter Hand,« berichtete der Alte; »'s ist kein Glück und Stern dabei, Einer betrügt immer den Andern und vergißt, daß zuletzt Alle betrogen sind. Nur der Herr Lambert – der versteht's, sie über das Ohr zu haun, der hat sein Schäfchen im Trocknen – was thut's, wenn Andre darüber zu Schaden kommen! Mein armer, alter Herr! eh er durch die Krankheit so heftig wurde, wars doch ein – guter Herr. Seht, sein Ende hätte einen Stein erweichen können. Man sagt droben, er verstand nicht, was geschah. Manches verstand er doch noch recht gut; ein Kind versteht's, wenn man ihm sein Lieblingsstück mit Gewalt aus der Hand reißt. – Ich war die letzte Zeit um ihn und weiß am Besten wie es stand. Es litt unsern Herrn nicht dort unter ihren Spiegeln und Plüschmöbeln; er war ein einfacher Mann, und das Kleid, das sie ihm anzwängen wollten, für ihn nicht commoder als eine Zwangsjacke. Er bat, er drohte, er weinte gar – es war jammervoll anzusehn. Nach Haus wollte er, endlich einmal wieder nach Haus. Wenn er konnte, 362 machte er sich fort, trieb sich zerrissen, beschmutzt in der Gegend herum – 's war unangenehm für den reichen Herrn, den Schwiegerpapa vagabondiren zu lassen. Man schloß ihn ein, aber es machte das Uebel noch ärger. Ein Tobsüchtiger ist erst gar nicht zu verbergen. Sie ließen ihn frei und begannen das Haus einzureißen, welches ihm immer in Gedanken stand, in seinem Herzen war's aber eingemauert. Die Stelle hätt' er gesucht, und die konnten sie doch nicht vom Erdboden vertilgen. – Sie stellten also das Einreißen ein, machten ihm ein Zimmer zurecht, für uns Beide nothdürftig Quartier. Stundenlang saß er klagend in dem alten Gebäu, besah die zerrissenen Tapeten, fügte zusammen, sprach, als säh' er noch wie ehedem Alles um sich, und wäre Herr der Fabrik; auch mit Ihnen sprach er, Herr Adam; das Herz wendete sich Einem vor Mitleid im Leibe um. Manchmal kam die Wärterin mit dem Bübchen, dem kleinen Lorenz, aus dem Schloß, um ihn zu zerstreuen. Er liebte das Kind, drückte es an sich, und sprach, indem er auf die Trümmer wies, stolz: »Alles Dein, ich hab's erworben für Dich.« Ein Mal aber wollte er den Kleinen nicht wieder aus den Armen lassen, nur mit Gewalt rissen sie ihn fort und brachten ihn nicht wieder. – Von da ab war unser Herr verloren – kommen Sie, wollen Sie die Stelle sehn?«

Adam folgte schweigend. Der Alte ging mit unsicher flackernder Leuchte voran. Gespenstisch schien sich Alles zu bewegen, und doch war es nur der Schein des Lichts. – Im altbekannten Zimmer des Vetter Lorenz blieb er stehn.

»Hier saß der arme Herr zum letzten Mal,« sagte er, »ich hatte ihm selbst hinaufgeholfen. Dann mußt' ich ihn 363 allein lassen, er vertrug keines Menschen Nähe mehr. – Man hielt es auch für ungefährlich. Wer hätte diesem zerstörten Körper so viel Kraft zugetraut! Die Verzweiflung gab sie ihm.«

Der Diener öffnete die Thür, das rostige Schloß widerstand erst. Adam blickte hinab – wo sonst eine Stiege gewesen, sah man jetzt in schwindelnde Tiefe. Widrig rauschte und fluthete unheimlich düstres Wasser. Schaurig klagend schlug es an die stehengebliebenen Pfosten.

»Möglich,« sagte der Alte, »daß unser Herr die wohlbekannte Treppe gesucht. Möglich! Im Schloß werden sie wol dergleichen nicht glauben, doch erzählen – genug, hier fand er, oder machte er seiner Noth ein Ende, und Jeder kann sich das Seine darüber denken . . .«

Erschüttert wendete Adam dem Haus des Vetter Lorenz den Rücken. Der alte Hund heulte hinter ihm her, und die Käuzchen riefen sich im Mondschein.

In der Burgruine fand er ein Obdach. Das Meer brachte ihm den ersten frischen Athemzug.

»Es geht Jeder seinen Weg,« dachte er, »aber die Wenigsten erreichen auch nur annähernd das Ziel, das sie sich gesteckt haben. Verschlagen vom Hafen oft, Angesichts des Landes, weicht dann Alles wie ein Schatten vor uns zurück, wir selbst wenig mehr als ein Schatten.«

 

XV.

Der Morgen gab ihn sich selbst wieder – er frug die junge Frau nach Manchem, als sie ihm das Frühstück brachte, auch nach dem Künstler, der ja ein Kind des Orts war.

364 Sie antwortete darauf, wie Gundula. »Wissen Sie nicht, daß er todt ist? das weiß ja die halbe Welt!«

»Ich war sechs Jahre fort,« antwortete Adam, »und das ist lang' für die Menschen.«

»Besonders wenn sie alt sind,« fuhr sie fort – »ihn aber hielt man für ewig jung – es war etwas Frisches, wie Immergrün, in seiner Natur. Sehn Sie, den hätte Jeder noch gern behalten – als der starb, war's, als ginge ein großer Baum ein, unter dessen Schatten sich's Viele wohl sein ließen. – Es ist eben ein Unterschied zwischen Alt und Alt. Wer unnütz ist, steht auch jung Jedermann im Weg. Auf dieser Stelle starb er, den Blick hinaus auf das Meer, sanft, wie ein Kind einschläft. Für das Mädchen aber war's hart – sie glaubte nicht, daß es ein Ende haben könnte! Wir bekamen sie gar nicht vom Boden auf – absolut wollte sie auch fort – auch sterben – nun, man kann Jemand doch nicht lebendig mit in das Grab legen, und so mußte sie sich ermannen und mit dem, was ihr geblieben war, abrechnen. Gefehlt hat es ihr leiblich an nichts, dazu hatte er zu viel Freunde. Sie wird zum Gesang ausgebildet werden, man läßt ihr nur noch ein wenig Zeit, um sich in das neue Leben zu finden. Meistens ist sie im Wald mit meinem Jüngsten. Kinder und die liebe Natur thun das Beste in solchem Fall.«

Adam bog bald darauf in den Waldweg ein. Meisen, Finken, all' die lustigen Gesellen, hüpften plaudernd vor ihm her, als wollten sie ihm den Weg zeigen; hie und da glänzte, ein schimmerndes Geheimniß, blaufunkelnd das 365 Meer durch die zierlichen Zweige. Plötzlich öffnete sich der Wald und vor ihm lag, gleich erstarrten Wellen, ein andres Meer, welches das Leben verschlingt. Hügel an Hügel reihte sich – schattige Buchen, tiefdunkle Tannen umstanden wie Hüter den Plan. Dazwischen spielte neckisches Sonnenlicht und jagte sich ordentlich durch die rauschenden Blätter. An den vielen Kränzen und Rosen, die es bedeckten, erkannte er von fern das Grab des Lieblings der Menschen. Schaaren bunter und weißer Schmetterlinge flatterten wie befreite Seelen auf und ab – goldne Strahlen woben schimmernde Verbindung zwischen Himmel und Erde.

Auf dem sonnendurchwärmten Gras saß Crescentia, hatte den Kopf in die Hand gelegt und summte die Strophe, die Adam von ihr und dem Vater gehört, am Meer – es klang wie eine Frage, aber die Antwort fehlte darauf, war verstummt für immer. Neben ihr tummelte sich im Uebermuth, zwischen den hochaufgeschossenen Blumen und Kräutern, das wilde Bürschchen. Sie wehrte ihm nicht – lächelte aber auch nicht, so viel es schmeichelte und sie mit seiner kindischen Lust zu verlocken suchte. Ihr Aussehn fein und dürftig wie damals, sie selbst fast noch ein Kind.

Als Adam herankam, schreckte sie auf – erkannte ihn, suchte zu fliehen – besann sich aber, trat scheu auf ihn zu, gab ihm die Hand und frug:

»Weißt Du noch, was ich damals sagte? Jetzt bin ich arm dagegen, arm, weil ich viel hatte. – Mag man hier noch so reich sein – ein Augenblick – die Hand ist 366 leer und man wird zum Bettler. – Gehört uns denn nichts – gar nichts in dieser Welt, haben wir an nichts Eigenthumsrecht? Vor unsern dürstenden Lippen verwandelt sich plötzlich der Trunk in Gift. – Um uns Sonnenschein, wir aber, mit der Nacht in den Augen, können ihn nicht sehn. Sag' mir nichts von Trost – Trost widert mich an – versuche nicht, den Schmerz zu tödten, Schmerz ist ja das Einzige, worin ich ihn noch behalten kann.«

Damit setzte sie sich nieder in das Gras, verbarg das Gesicht, kümmerte sich weder um Adam, noch um den Kleinen, und schluchzte, als sollte ihr das Herz brechen. Starr hörte das Kind auf zu spielen – es war sonst nicht ihre Art – erschreckt durch die Gewalt ihres Kummers; der Gedanke, es sei Unrecht, schlich durch sein kleines Gewissen.

»Du sei still,« flüsterte er ihr zu, sie küssend – »der hört es, da drunten.«

Sie aber weinte fort trostlos, um sie her Alles wunderbar froh und erquickend, dicht neben ihr die volle Lust der Natur, und doch für sie unerreichbar.

Stumm setzte sich Adam, den Kleinen an sich lockend, auf einen Baumstamm. Das Kind kroch dicht heran, wurde zutraulich, flüsterte mit ihm, zeigte ihm allerlei Spiele, die es von dem Dahingegangenen gelernt, dem Kinderfreund, erzählte von ihm, Adam antwortete; Crescentia hatte den Kopf erhoben und lauschte. Da begann er die schöne Zeit hervorzurufen, in der ihr Vater dem seinen nah gestanden. Sie 367 erwiderte mit den seligen Tagen ihrer Kindheit, bis zuletzt aus tausend kleinen Zügen des Verlorenen liebenswürdige Gestalt zwischen ihnen emporstieg – wirklich, lebendig, als wär' er in irdischer Gegenwart zu ihnen getreten.

Das Mädchen hörte auf zu weinen, ja dann und wann strich bei der Erinnerung wonniger Zeiten ein scheues Lächeln über ihre Züge – die Gedanken an ihn weckten den sonnigen Schein, den er immer, wo er auch war, über das Leben gebreitet hatte.

»Crescentia,« sagte Adam, »fühlst Du, daß er uns jetzt näher ist, als im Schmerz?«

»Ich fühl's,« antwortete sie.

Und das Kind jauchzte, sie wieder freundlich zu sehn.

»Wo Macht und Reichthum sonst ein Ende hat,« fuhr Adam fort, »hat sein Geist noch Fülle und Kraft, zu beglücken . . . Wer mit ihm gelebt, kann ihn nie verlieren.«

»Ich versteh',« sagte sie, den Kopf senkend und das Bübchen an sich ziehend; »aber es ist doch nur ein Schatten von dem, was mein war.«

»Selbst solch ein Schatten,« rief er, »ist oft wirklicher, näher, beglückender, als manches Dasein, welches in vollem Leben neben uns hergeht, hohl und stumm wie ein Schemen. Das Grab ist es nicht, wo ich ihn suche – mit uns, in jedem Herzschlag, in jedem Gedanken, da will ich ihn finden. Ihm nach wollen wir, Crescentia, auf demselben Weg zusammentreffen, – scheinbar arm – wirklich reich – los vom Besitz – los vom Irdischen, und doch festgewurzelt auch schon auf Erden in dem, was ewigen Werth hat – mit heißem Begehr das 368 Gold suchend, welches in der Seele geprägt wird, sei es durch Lust oder durch Schmerz, aber echt in Beidem.«

Das Mädchen nickte, durch Thränen lächelnd, und reichte ihm die Hand.

Lang' sah er sie noch stehn, wenn er sich umwandte, beglänzt von der Sonne, das Knäbchen im Arm, – eine lichte Verheißung der Zukunft!

 


 

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