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Ehestandsgeschichten

August Strindberg: Ehestandsgeschichten - Kapitel 8
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authorAugust Strindberg
titleEhestandsgeschichten
publisherGeorg H. Wigand's Verlag
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Der Ernährer

Früh wacht er nach schweren Träumen von protestierten Wechseln und zurückgewiesenen Manuskripten auf. Er hat die Haare von Angstschweiss feucht, und beim Ankleiden merkt er, dass sein Gesicht zuckt. Aber da hört er, wie die Kinder im Nebenzimmer zu zwitschern anfangen, und steckt seinen Kopf in kaltes Wasser, trinkt seinen Kaffee, den er sich selbst kocht, damit das arme Kindermädchen nicht so früh – halb acht – aus dem Bette braucht. Dann bringt er sein Bett in Ordnung, bürstet seine Kleider und setzt sich ans Schreiben.

Das Fieber befällt ihn, das Fieber, das ihm Hallucinationen bringen soll von Räumen, die er nie gesehen hat, von Landschaften, die nie auffindbar sind, von Menschen, die in keinem Adresskalender stehen. Er fühlt, wie ihn beim Schreiben eine Todesangst überfällt. Die Gedanken sollen klar, die Worte korrekt und anschaulich sein, der Stil gewandt, die Handlung soll sich vorwärts bewegen, die Bilder sollen treffend, der Dialog glänzend sein. Und da sieht er sich vom Publikum angegrinst, dessen Hirn er aufklären soll, er sieht die mit Pince-Nez bewaffneten Recensenten vor sich, die er gewinnen soll, das saure Gesicht des Verlegers, das er zum Strahlen bringen muss. Er sieht die Geschworenen um den schwarzen Tisch, mit der Bibel darauf, sitzen, sieht den schwachen Glanz am Thor des Gefängnisses, wo der Freidenker dafür büssen muss, dass er Gedanken für die Denkfaulen gedacht hat, er lauscht nach dem schleichenden Tritte des Hotelwirts, der mit der Rechnung kommt. Und dabei dauert das Fieber an, die Feder läuft und läuft, ohne bei dem Auftauchen des Bildes des Verlegers oder der Geschworenen einen Augenblick stille zu stehen, und sie lässt rötliche Streifen hinter sich, wie von Blut, das allmählich gerinnt und schwarz wird. Wie er nach zwei Stunden aufsteht, hat er noch soviel Kraft, ans Bett zu gehen und sich darauf zu werfen. Da liegt er, als hätte der Tod ihn niedergeschlagen. Das ist kein erquickender Schlaf, kein Vergessen, es ist eine lange Betäubung, mit halb erhaltenem Bewusstsein, mit dem Gefühle geschwundener Kraft, schlaffer Nerven, leeren Hirns.

Da schellt es an der Thüre des Boardinghauses; voilà le facteur, die Post ist gekommen!

Er springt auf und taumelt hinaus. Ein Paket Postsachen ist für ihn da. Es enthält Korrekturen zum Revidieren, ein Buch eines jungen Schriftstellers, der um eine Besprechung bittet, einen Brief mit der Aufforderung zu Beiträgen für einen Kalender und einen warnenden Brief vom Verleger. Das alles soll der entkräftete Mann nun erledigen. Das Kindermädchen ist inzwischen aufgestanden, hat die Kinder angezogen, Butterbrot mit Honig gegessen; alles das ist im Hause für es zurecht gemacht. Dann zieht es hinaus auf die Promenade, ins Grüne.

Um 1 Uhr läutet es zum Lunch. Alle Gäste sammeln sich um den Esstisch, an den er sich allein für sich setzt.

»Wo ist Ihre Frau Gemahlin,« wird von rechts und links gefragt.

»Das weiss ich nicht,« – antwortet er.

»Was für ein ungehobelter Mensch,« flüstern die Damen, die eben erst aus dem Morgenrock geschlüpft sind.

Dann kommt seine Frau. Es muss für sie nachserviert werden und die Hungrigen müssen auf das nächste Gericht warten.

Die Damen fragen nun, wie es der Frau geht, ob sie gut geschlafen hat, ob ihre Nerven heut in Ordnung sind. Keine fragt, wie es dem Manne geht, denn das glauben sie von selbst zu wissen.

»Er sieht wie eine Leiche aus,« sagt eine der Damen.

Und das thut er auch.

»Er lebt gewiss liederlich,« sagt die eine.

Aber das thut er durchaus nicht.

Er spricht kein Wort bei Tisch, denn er hat den Damen nichts zu sagen. Statt seiner spricht seine Frau.

Und er verschlingt sein Essen, während er hört, wie alles Gemeine gepriesen und alles Gute geschmäht wird.

Als man vom Tisch aufgestanden ist, bittet er seine Frau um eine Unterredung.

»Meine Liebe,« sagt er, »willst Du nicht so gut sein und Louise mit meinem Rocke zum Schneider schicken, er ist an den Nähten aufgegangen und ich habe keine Zeit, selbst zu gehen.«

Sie antwortet nicht, aber anstatt das Mädchen zu schicken, nimmt sie den Rock über den Arm und geht in die Stadt, wo der Schneider wohnt ...

Im Garten trifft sie ein paar emanzipierte Damen, die sie fragen, wohin sie will.

Sie antwortet ganz ehrlich, dass sie für ihren Mann einen Gang in die Stadt hat.

»Nein, denken Sie nur, die Dame lässt sich von ihrem Manne zum Schneider schicken! Sie lässt sich wie ein Dienstmädchen behandeln! Und er liegt natürlich und macht sein Nachmittagsschläfchen, so ein junger Mensch. Das ist wirklich ein Muster von einem Mann!«

Er schläft wirklich nach Tisch, denn er ist blutarm. Dann klingelt um drei wieder der Briefträger, und nun soll er einen deutschen Brief nach Berlin, einen französischen nach Paris und einen englischen nach London schreiben.

Dann fragt ihn die Frau, die von ihrem Gange zum Schneider zurückgekommen ist und unterwegs Cognac getrunken hat, ob er nicht einen Spaziergang mit den Kindern machen will. Aber er muss Briefe schreiben.

Nach seinen Briefen steht er vom Tische auf, um vor dem Essen einen Gang zu machen. Er hätte gern mit jemandem gesprochen, aber er ist allein. Er geht zu seinem Kinde nach unten.

Das dicke Kindermädchen sitzt auf einem Gartensofa und liest in den »Wahren Frauen.« Das Kind langweilt sich und will wo anders hin, will sich bewegen.

»Warum gehst Du nicht mit dem Kinde spazieren,« fragt der Herr.

»Die Frau hat gesagt, es wärme zu warm.«

Die Frau hat es gesagt!

Er nimmt das Kind mit sich und geht mit ihm auf die Landstrasse, da bemerkt er aber, dass es ungewaschen ist und zerrissene Schuhe hat. Er kehrt um.

»Warum geht das Kind mit zerrissenen Schuhen?« fragt er Louise.

»Die gnädige Frau hat gesagt ...«

Die Frau hat gesagt!

Er geht allein aus.

Es wird 7 Uhr und Zeit zum Essen. Die Jungen sind nicht nach Hause gekommen. Die beiden ersten Gänge sind serviert, als sie pustend, schreiend, rot im Gesicht hereinstürzen.

Die Frau und ihre Freundinnen sind sehr vergnügt und riechen nach Cognac.

»Was hast Du Dich mit meinem Mädchen zu zanken gehabt?« fragt die Frau.

»Ich wollte mit dem Kinde spazieren gehen, da sagte sie ...«

»War Louise denn nicht zu Hause?«

»Ja, aber sie hatte keine Zeit.«

»Ich halte es für nicht zu viel, wenn der Mann sich auch einmal seiner Kinder annimmt,« sagt eine von den Freundinnen.

»Das sage ich auch nicht,« antwortet er. »Und deshalb habe ich es der Louise auch verwiesen, dass sie das Kind schmutzig und zerrissen herumgehen lässt.«

»Kaum kommt man nach Haus, so kriegt man auch schon Scheltworte zu hören,« sagt seine Frau. »Man kann kein Vergnügen ohne Unannehmlichkeiten haben. –

Und eine ärgerliche, zerdrückte Thräne schleicht sich aus dem geröteten Auge.

Die Freundin sieht den Mann mit zornigen Blicken an, alle andern Damen folgen ihr.

Man macht sich zu einem Angriffe fertig und die Freundin wetzt die Zunge.

»Haben die Herrschaften Luthers Rede über die Rechte der Ehefrau gelesen?« fragt sie,

»Was für ein Recht?« fragt die Frau.

»Sich einen andern Mann zu suchen, wenn der ihrige ihr nicht mehr passt.«

Pause.

»Das ist eine gefährliche Lehre für Frauen,« sagt der Mann. »Denn daraus folgt das Recht des Mannes, sich eine andere Frau zu suchen, wenn seine ihm nicht mehr passt, und dieser letztere Fall ist viel gewöhnlicher.«

»Das verstehe ich nicht,« sagt die Frau.

»Das ist nicht meine Schuld und auch nicht Luthers,« antwortet der Mann. »Ebensowenig wie es die Schuld des Mannes ist, dass er nicht zu seiner Frau passt. Er kann dann nämlich ausgezeichnet zu einer anderen passen.«

Unter Totenstille steht der Mann vom Tische auf.

Er geht auf sein Zimmer. Die Frau setzt sich mit der Freundin in eine Laube.

»Nein, diese Brutalitäten!« sagt die Freundin. »Und Du feinfühlende intelligente Frau sollst das Dienstmädchen dieses Egoisten sein!«

»Er hat mich niemals verstanden,« seufzt die Frau.

Der Genuss an diesen niederschmetternden Worten ist für sie zu gross, als dass sie nun in ihrem Innern die oft wiederholten Worte hören sollte, die sie von ihm als Antwort auf diesen Vorwurf bekommen hat: »Bist Du so tief, meine Liebe, dass ich Dich mit meinem guten Verstande nicht sollte verstehen können? Hast Du nie an die Möglichkeit gedacht, dass Deine Oberflächlichkeit das ist, was es Dir unmöglich macht, mich zu verstehen!«

Auf seinem Zimmer sitzt er, allein!

Er ist bekümmert, er leidet, als hätte er seine Mutter geschlagen. Aber sie hat es ja zuerst gethan: sie hat ihn Jahre lang vor allen Leuten geschlagen, und er sie nie wieder ausser heute.

Diese rohe, herzlose, cynische Frau, die er angebetet hatte, der er gern seine ganze Seele, alle Gedanken hingegeben hätte, mit allen ihren schönen Gefühlen, sie hatte seine Überlegenheit empfunden und ihn deshalb verspottet, erniedrigt, in den Schmutz gezogen, beschimpft. War es da so unrecht, dass er einmal nach ihr schlug, wenn sie ihn öffentlich verhöhnte? Ja, er fand sich hässlich, als hätte er seinen besten Freund verletzt.

Der Sommerabend sinkt dämmernd nieder und die Sterne funkeln, der Mond geht auf.

Vom Saale her klingt Gesang. Er geht in den Garten hinunter und setzt sich unter den Nussbaum. Allein! Und mit den Akkorden des Klaviers verschmilzt der Gesang. Er hört eins seiner Lieder singen.

Er geht auf den Gartenweg bis ans Fenster und sieht in den Saal hinein. Da sitzt sie, sein Gedicht, wie er es sich einst geträumt hat. Und die Thränen klingen aus ihrer Stimme. Die Damen, die auf dem Sofa sitzen, werfen sich vielsagende Blicke zu. Sie singt eines seiner Lieder am Klavier.

Aber hinter dem Gebüsch auf einer Gartenbank flüstern zwei Herren, die da ihre Cigarren rauchen. Er lauscht und hört:

»Es ist wieder bloss der Cognac.«

»Ja, sie lernt saufen.«

»Und daran soll der Mann schuld sein.«

»Es ist eine Schande. Sie hat schon in Julians Atelier trinken gelernt. Du weisst ja, dass sie Malerin werden sollte, aber sie konnte nichts. Und als sie ihr Bild nicht in die Ausstellung kriegen konnte, warf sie sich dem armen Kerl in die Arme und cachierte ihre Niederlage hinter ihrer Verheiratung.«

»Ja, gehört habe ich davon. Und dann hat sie ihm zugesetzt, dass er jetzt wie ein Schatten rumläuft. Sie fingen erst an einen eigenen Haushalt zu führen, und in Paris, wo sie sich zwei Dienstboten hielten, nannte sie sich beständig sein Dienstmädchen. Obgleich sie alles im Hause allein anordnete, hielt sie sich für seine Sklavin. Sie vernachlässigte den Haushalt, liess sich von den Mädchen bestehlen, und er sah zu, wie sie dem Ruin entgegen gingen, ohne mitreden zu dürfen. Wenn er einen Weg zur Rettung vorschlug, so widersetzte sie sich und sagte schwarz, wenn er weiss sagte. Damit hat sie schliesslich seinen Willen paralysiert und seine ganze Intelligenz lahmgelegt. Dann zogen sie ins Boardinghaus, um ihr die Wirtschaftssorgen zu ersparen, und damit sie sich ihrer Kunst widmen könnte. Jetzt, wo sie sich weder um die Küche noch um den sonstigen Haushalt zu kümmern braucht, fasst sie keinen Pinsel an, sondern amüsiert sich nur mit ihren Freundinnen. Ja, sie möchte ihn gern von seiner Arbeit abhalten und zum Trinken verführen, aber das ist ihr doch nicht geglückt, deswegen hasst sie ihn, gerade wegen seiner moralischen Überlegenheit.«

»Gott was ist er für 'n Tropf,« antwortete der andere.

»Ja, in dem Punkte – aber in dem Punkte sind wir's ja alle. Er ist nach zwölf langen Jahren noch in sie vernarrt. Das schlimmste ist aber, dass er, der früher so stark war, dessen Wort in der Kammer und den Zeitungen gefürchtet war, nun anfängt schlaff zu werden. Ich habe mit ihm heute vormittag gesprochen, und er ist, mindestens, krank.«

»Ja, es heisst seine Frau wollte ihn ins Irrenhaus bringen, und dass ihre Freundin sie darin bestärkt.«

»Pfui Teufel! Und da sitzt er und schuftet dafür, dass sie sich amüsieren kann!«

»Na, weisst Du, weshalb sie ihn am meisten verachtet? Weil er sie nicht so ernähren kann, wie sie gern möchte. – Ein Mann, der seine Frau nicht ernähren kann, ce n'est pas grande chose, sagte sie neulich bei Tisch. Und ich habe guten Grund zu glauben, dass sie einmal darauf rechnete, er würde für sie als Malerin Reklame machen. Unglücklicherweise erlaubten ihm seine politischen Anschauungen nicht, mit den tonangebenden Zeitungen zu thun zu haben, und so drückte er sich um die Kunstschriftstellerei als ein seinem Arbeitsfelde fernliegendes Gebiet.«

»Sie wollte ihn also ausnutzen, aber als er sich dazu nicht tauglich zeigte, liess sie ihn fallen. Na, als Familienernährer taugt er ja noch was.«

»Nun weine ich im Stillen
Der Einsamkeit bittere Thränen«,

klang es aus den Saalfenstern.

»Paff!« klang es hinter dem Nussbaum. Ein Paar Zweige brachen und es rasselte im Sande.

Die Herren sprangen auf.

Da lag ein gut gekleideter Toter auf dem Wege, den Kopf an einem Stuhlbein.

Der Gesang verstummte, die Damen kamen heraus.

Die Freundin schüttete ihre Eau de Cologne-Flasche über den Toten.

»Pfui, eine Leiche,« sagte sie, und hielt sich die Nase zu, als sie sah, dass es sich nicht um eine Ohnmacht handelte.

Der ältere der beiden Herren, der sich zu dem Toten niedergebeugt hatte, hob den Kopf und sagte: »Ruhig, Weiber!«

»Nein diese Brutalität,« sagte die Freundin.

Die Frau des Toten wurde in den Armen der Freundin ohnmächtig und erhielt die besorgte Fürsorge der anderen Damen.

»Lauft nach einem Arzt,« schrie der ältere. Herr. »Schnell!«

Niemand rührte sich, sondern alles war um die ohnmächtige Frau beschäftigt.

»Nein, seiner Frau solchen Kummer zu machen! So ein Mann, so ein Mann!« jammerte die Freundin.

Nicht ein Gedanke an den Sterbenden, sondern alle für die Ohnmächtige. »Giesst ihr einen Cognac ein, dann wird sie gleich munter werden!« sagte der Herr.

»Ach, ach, der abscheuliche Mensch verdiente sein Los!« erklärte die Freundin.

»Nein, er war gewiss ein besseres Los wert, als lebendig in Eure Hände zu fallen. Schämt Euch, Weiber, und Achtung für den Familienernährer!

Er stand auf und liess die Hand des Toten los.

»Es ist aus!« sagte er.

Und es war aus.

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