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Ehestandsgeschichten

August Strindberg: Ehestandsgeschichten - Kapitel 5
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authorAugust Strindberg
titleEhestandsgeschichten
publisherGeorg H. Wigand's Verlag
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Das Kind.

.

Sein Vater war früh gestorben und er wuchs unter der Obhut von Mutter, zwei Schwestern und mehreren Tanten auf. Einen Bruder hatte er nicht. Sie wohnten auf ihrem Gute tief in Södermanland, und ringsumher gab es keine Nachbarn, mit denen man »umgehen konnte«. Als er sechs Jahr alt war, bekam er zusammen mit den Schwestern eine Gouvernante, und zu gleicher Zeit wurde eine kleine Cousine von ihnen ins Haus genommen.

Er schlief im selben Zimmer mit den Schwestern, spielte ihre Spiele, badete mit ihnen zusammen und niemand kam auf den Gedanken, dass er einem andern Geschlecht angehörte, als die Mädchen. Die älteren Schwestern legten auch sehr bald Hand auf ihn und wurden seine Lehrmeister und Tyrannen.

Er war ein ganz starker Junge, aber beständig von übergrosser Zärtlichkeit umgeben, wurde er mit der Zeit verweichlicht und hilflos.

Eines Tages machte er den Versuch, mit den Dorfkindern auszurücken. Sie gingen in den Wald, kletterten auf Bäume, nahmen Nester aus und warfen mit Steinen nach den Eichhörnchen. Frithiof war glückselig, wie ein aus dem Gefängnis Entsprungener, und blieb über Mittag aus. Die Jungen pflückten Blaubeeren und badeten im See; es war der erste wirklich schöne Tag in seinem Leben. Als er gegen Abend heimkam, war das ganze Haus in Aufruhr. Die Mutter war unglücklich und bekümmert, und machte kein Hehl aus ihrer Freude, ihn wiederzuhaben; Tante Agathe dagegen, eine alte Jungfer, die eigentlich das Haus regierte, war rasend. Ein solches Vergehen musste bestraft werden. Frithiof sah nicht ein, worin das Vergehen bestand, aber die Tante blieb dabei, Ungehorsam wäre ein Vergehen. Frithiof wandte ein, dass man ihm ja nie verboten hatte, mit den Dorfkindern zu spielen, und das hatte man auch nicht, denn so etwas kam überhaupt gar nicht in Frage. Aber die Tante blieb dabei und führte ihn vor den Augen der Mutter fort, in ihr Zimmer, um ihm eine Tracht Prügel zu verabreichen. Er war acht Jahr und ein kräftiger, gut gewachsener Junge.

Als die Tante seine Hosen abzuknöpfen begann, überlief ihn ein Schauder, der Atem sass ihm in der Kehle und sein kleines Herz tobte. Er schrie nicht, sondern starrte nur mit entsetzten Blicken auf das alte Frauenzimmer, das ihn jetzt mit fast schmeichelnder Stimme bat, gehorsam zu sein und sich nicht zu sträuben. Aber als sie nun seinen Körper entblösste, überkam ihn ein so entsetzliches Gefühl von Scham und Wut, dass er aufsprang und um sich zu schlagen begann. Etwas Unreines, etwas unerklärlich Widriges schien ihm von diesem weiblichen Wesen auszugehen, gegen das sich sein Schamgefühl empörte.

Aber die Tante geriet in förmliche Raserei und fiel über ihn her, warf ihn über einen Stuhl, riss ihm das Hemde herunter und schlug drauf los. Zuerst schrie er, aus Wut, denn Schmerz empfand er nicht, er schlug krampfhaft mit den Füssen aus, um sich loszumachen, darauf wurde er plötzlich ganz still.

Als die Alte aufgehört hatte, blieb er liegen.

»Steh auf,« sagte sie mit matter, gebrochener Stimme.

Er richtete sich auf und sah sie an. Die eine Hälfte ihres Gesichts war blass, die andre rot, die Augen glühten düster, und sie zitterte am ganzen Leibe. Der Knabe sah sie an, wie man ein böses Tier ansieht, und mit höhnischem Lächeln, als fühlte er sich durch die Verachtung, die sie ihm einflösste, ihr überlegen, warf er ihr das Wort »Deiwel« an den Kopf, das er erst kürzlich von den Dorfkindern gelernt hatte. Dann raffte er seine Sachen auf und sprang hinaus zur Mutter, die weinend im Esszimmer sass.

Er wollte sich bei ihr beklagen, aber sie wagte ihn nicht zu trösten; da lief er in die Küche, wo ihn die Mägde mit Rosinen aus dem Gewürzschränkchen traktierten.

Von dem Tage an schlief er nicht mehr bei den Schwestern drin, sondern wurde im Schlafzimmer der Mutter einquartiert. Er fand das recht langweilig und unangenehm, und wenn die Mutter in ihrer Zärtlichkeit mehrmals während der Nacht kam, um ihn zuzudecken, wurde er im Schlaf gestört und gab auf ihre Fragen, ob er es auch gut hätte, verdriessliche Antworten.

Nie durfte er aus dem Hause gehen, ohne vorher ausdrücklich dazu angezogen zu werden, und er besass so viel wollene Shawls und Halstücher, dass ihm die Wahl schwer wurde. Schlich er sich einmal hinaus, so ging es nicht ab, ohne dass aus einem der Fenster hinter ihm hergerufen wurde, er sollte zurückkommen und etwas anziehen.

Die Spiele der Schwestern fingen an, ihn zu langweilen. Das Federballwerfen war nichts mehr für seine starken Arme, die Steine werfen wollten. Sich mit dem armseligen Krokettspiel zu unterhalten, das weder körperlichen Kraftaufwand noch Verstand verlangte, verdross ihn.

Und dann beständig die Gouvernante auf den Hacken zu haben, die französisch zu ihnen sprach, während er ihr schwedisch antwortete. Ein dumpfer Hass gegen sein Dasein und seine Umgebung begann sich seiner zu bemächtigen.

Die ungenierte Art, das all die weiblichen Wesen im Hause ihm gegenüber an den Tag legten, empfand er ebenfalls als Verachtung, und ein Gefühl des Ekels stieg in ihm auf. Die einzige, die etwas Rücksicht für ihn an den Tag legte, war seine Mutter, die einen grossen Schirm um sein Bett stellen liess.

Schliesslich wurde die Mädchenstube sein Zufluchtsort, wo er immer gern gesehen war. Hier bekam er ab und zu Dinge zu hören, die wohl die Neugier eines Knaben erregen konnten, aber für ihn gab es keine Geheimnisse. So kam er auch eines Tages zufällig zu der Badestelle der Mädchen. Die Gouvernante schrie auf, aber er begriff nicht, weshalb, und begann mit den Mädchen zu plaudern, die nackt im Wasser spielten. Das machte gar keinen Eindruck auf ihn.

So wuchs er heran und wurde Jüngling, Man musste einen Inspektor nehmen, der ihn die Landwirtschaft lehrte, denn Frithiof sollte ja einmal das Gut übernehmen. Man engagierte einen alten pietistisch angehauchten Mann. Das war nun gerade keine aufheiternde Gesellschaft für einen ganz jungen Menschen, indessen war es doch immer besser als er es bisher gehabt hatte. Aber der Inspektor bekam täglich und stündlich so viel Instruktionen von den Damen, dass er schliesslich das reine Sprachrohr wurde.

Frithiof wurde mit 16 Jahren eingesegnet, bekam eine goldne Uhr und die Erlaubnis, zu reiten; aber mit der Büchse in den Wald hinausgehen, wie er es geträumt hatte, das durfte er nicht. Es standen ihm zwar keine Prügel von seinem Erbfeind bevor, aber er fürchtete sich vor der Mutter Thränen. Er war eben immer noch das Kind.

Aber er wuchs und wurde zwanzig Jahr. Eines Tages stand er in der Küche und sah der Köchin zu, wie sie Barsche schuppte. Sie war ein hübsches, junges Mädchen mit feinen Gesichtszügen. Er fing an, sich mit ihr zu necken, und steckte die Hand in den Rückenausschnitt ihres Kleides.

»Herr Frithiof, seien Sie gut,« bat das Mädchen.

»Ich bin ja gut,« sagte Frithiof und wurde zudringlich.

»Nein, Herr Jeses, wenn die gnädige Frau käme!«

In demselben Augenblick kam Frithiofs Mutter an der offenen Küchenthür vorbei, kehrte um und ging auf den Hof.

Frithiof fand die Situation peinlich und verschwand in sein Zimmer. – – –

Ein neuer Gärtner war engagiert worden, und zwar hatten die Damen in ihrer Weisheit einen verheirateten genommen. Aber unglücklicherweise war dieser Gärtner schon so lange verheiratet, dass die Frucht seiner Ehe in Gestalt einer lieblichen Tochter herangereift war.

Herr Frithiof hatte die schöne Blume sehr bald unter den anderen Rosen des Gartens entdeckt. Alles, was sich von Wohlwollen gegen das andre Geschlecht in ihm fand, wandte sich nun dem jungen Mädchen zu, das hübsch gewachsen und nicht ganz ungebildet war. Er ging jetzt oft in den Garten und plauderte lange mit ihr, wenn sie vor einer Rabatte kniete, oder Blumen pflückend hin und her ging. Aber sie war stolz gegen ihn und das vermehrte seine Vorliebe für sie.

Eines Tages ritt er durch den Wald und wie gewöhnlich träumte er mit offenen Augen von ihrer Gestalt, die ihm die Vollkommenheit selbst zu sein schien. Er sehnte sich danach, sie hier in der Einsamkeit bei sich zu haben, ohne Zeugen, ohne Furcht, irgend jemandes Unwillen damit zu erwecken. Dieser Traum hatte in seiner erhitzten Einbildung solche Dimensionen angenommen, dass das Leben ihm wertlos und nichtig erschien ohne sie.

Das Pferd ging mit lockeren Zügeln Schritt vor Schritt den Weg entlang und sein Reiter hing in Gedanken versunken im Sattel. Plötzlich sah er etwas Helles zwischen den Bäumen und die Gärtnerstochter trat ihm entgegen. Er stieg vom Pferd und begrüsste sie; dann gingen sie beide plaudernd neben dem Pferde her. Er sprach ihr in verschleierten Ausdrücken von seiner Liebe, aber sie wies alles zurück.

»Weshalb sollen wir von etwas Unmöglichem sprechen,« sagte sie.

»Was ist unmöglich?« stiess er hervor.

»Es ist unmöglich für mich armes Mädchen, die Frau eines reichen, feinen Herrn zu werden.«

Frithiof fand die Bemerkung richtig und fühlte sich geschlagen. Seine Liebe war grenzenlos, aber er sah ein, wie unmöglich es wäre, sie in diese Meute einzuführen, die sein Hab und Gut bewachte, und die ohne Zweifel sein Rehchen zerreissen würde.

Nach dieser Unterhaltung überliess er sich einer stillen, düsteren Verzweiflung.

Im Herbst zog der Gärtner, aus unbekannten Gründen, fort. Herr Frithiof war sechs Wochen lang untröstlich, denn er hatte seine erste und einzige Liebe verloren; er sollte niemals wieder lieben. Und so ging der Herbst vorüber.

Um die Weihnachtszeit liess sich ein neuer Arzt in der Gegend nieder, und da die Tanten beständig krank waren und man ihn oft brauchte, wurde Verkehr angeknüpft. Unter seinen Kindern befand sich auch ein erwachsenes Mädchen, und es dauerte nicht lange, so war Frithiof bis über die Ohren in sie verliebt. Anfangs schämte er sich, seiner ersten Flamme untreu geworden zu sein, und zimmerte sich zur eigenen Beruhigung die Theorie, die Liebe müsse etwas Unpersönliches sein, da sie den Gegenstand wechseln konnte.

Sobald diese seine Neigung von seiner Garde ausspioniert worden war, bat die Mutter ihren Sohn um eine Unterredung unter vier Augen.

»Du bist nun in den Jahren,« begann sie, »wo man sich nach einer Frau umzusehen pflegt.«

»Das habe ich bereits gethan, liebe Mama,« entgegnete er.

»Ich fürchte aber, Du hast Dich übereilt, mein Kind. Das Mädchen, auf welches Deine Wahl gefallen ist, besitzt entschieden nicht die moralischen Grundsätze, die ein gebildeter Mann verlangen kann.«

»Was? Amelias moralische Grundsätze? Wer will etwas dagegen sagen!«

»Nein, nein, ich sage nichts. Schlechtes von ihr, – aber ihr Vater ist, wie Du weisst, ein Freidenker – – –«

»Es freut mich, kann ich Dir nur sagen, einem Manne näher zu treten, der eine freie Gesinnung hat, ohne jede Rücksicht auf irgendwelche Interessen.«

»Lassen wir ihn, Frithiof, – aber Du hast ältere Verbindungen.«

»Was? – sollte –«

»Du hast mit Lisas Herz gespielt – –«

»Was, Cousine Lisa?«

»Ja, Lisa. Habt Ihr nicht von Kindheit an einander als ein künftiges Paar betrachtet und glaubst Du nicht, dass sie ihre Zukunftshoffnungen auf Dich gesetzt hat?«

»Ihr habt mit uns gespielt und uns zusammengeredet, nicht ich!« entgegnete der Sohn.

»Aber denke an Deine alte Mutter und Deine Schwestern, Frithiof. Willst Du in dieses Haus, das stets unser aller Heim gewesen ist, ein wildfremdes Mädchen bringen, die dann das Recht haben soll, alles in die Hand zu nehmen und nach ihrem Belieben zu schalten und zu walten?«

»Ah – so, das ist es also! Lisa ist zur Herrscherin erkoren?«

»Nicht ›erkoren‹, aber eine Mutter hat immer das Recht, die künftige Frau ihres Sohnes auszusuchen, und es kann auch keiner so wie sie. Zweifelst Du an meinen guten Absichten? Sag, kannst Du glauben, Deine eigene Mutter dächte, Dir zu schaden?«

Nein, das konnte Herr Frithiof nicht. Aber – er liebte Lisa nun einmal nicht! Er war ihr ja gut wie einer Schwester, gewiss, aber – lieben? Ach die Liebe, – die Liebe wäre ja ein so unbeständiges Ding, auf die wäre kein Verlass! Aber Freundschaft, Übereinstimmung in Ansichten und Gewohnheiten, Gemeinsamkeit der Interessen, gründliche Bekanntschaft mit des andern Charakter, – das wären die besten Garantieen für eine glückliche Ehe. Lisa war ein tüchtiges Mädchen, häuslich und ordentlich, und sie würde gewiss sein Heim so glücklich machen, wie er nur immer wünschen könnte.

Frithiof sah keinen andern Ausweg, als sich Bedenkzeit auszubitten.

Ganz erstaunlich schnell wurden plötzlich alle Tanten gesund, so dass die Visiten des Doktors unnötig wurden. Als der Doktor trotzdem noch einen Besuch machte, wurde er behandelt wie ein Einbruchsdieb, der gekommen war, um auszukundschaften Er war ein scharfsichtiger Mann, der sofort sah, wie die Sachen standen, und als Frithiof seinen Gegenbesuch machte, wurde er als Verräter behandelt und damit war aller Verkehr abgebrochen.

Unterdessen war Frithiof mündig geworden.

Nun begann ein wahres Sturmlaufen. Die Tanten krochen vor ihm, und zeigten dem neuen Herrscher ihre Unentbehrlichkeit, indem sie ihn wie ein unverständiges Kind behandelten. Die Schwestern bemutterten ihn mehr wie je, und Cousine Lisa fing an, Wert auf ihre Toilette zu legen; sie trug ein Korsett und brannte ihr Haar. Sie war durchaus kein hässliches Mädchen, aber sie hatte einen kalten Blick und –

Für Frithiof war sie jedenfalls etwas gleichgiltig Geschlechtsloses, – er hatte bisher nie das Weib in ihr gesehen.

Jetzt, nach der Aussprache mit der Mutter, fühlte er sich in Lisas Gegenwart geniert, besonders da ihr Wesen etwas aufdringlich zu werden begann. Er begegnete ihr überall, auf der Treppe, im Garten, ja im Stalle sogar. Eines Morgens kam sie, als er noch lag, in sein Zimmer und bat ihn, ihr den Schuhknöpfer zu leihen. Sie war im Frisiermantel und that sehr verschämt.

Durch das alles begann sie ihm widerwärtig zu werden, aber gleichwohl beschäftigte sie seine Gedanken.

Ab und zu wiederholte die Mutter ihre Ermahnungen an den Sohn und Schwestern und Tanten spielten unablässig auf die nahe Hochzeit an.

Das Leben wurde dem jungen Manne unerträglich. Er sah keinen Ausweg aus diesem Netz. Lisa war etwas anderes für ihn geworden als Schwester und Kamerad, ohne dass sie ihm deshalb lieber geworden wäre. Aber durch den Gedanken an die Möglichkeit einer ehelichen Verbindung mit ihr war sie endlich ein Weib in seinen Augen geworden, ein unsympathisches zwar, aber doch ein Weib. Das Heiraten brachte doch wenigstens eine Änderung des jetzigen Zustandes, vielleicht war es eine Rettung. Er sah sonst kein weibliches Wesen, – und schliesslich war sie vielleicht ebenso gut wie jede andre.

Endlich ging er zur Mutter und teilte ihr seine Bedingungen für eine Heirat mit Lisa mit: eigener Haushalt im Nebenflügel und eigener Tisch; und die Mutter sollte statt seiner bei Lisa freien, denn das brachte er nicht fertig.

Der Kompromiss wurde angenommen und Lisa liess sich Frithiofs Umarmung und einen äusserst kühlen Kuss gefallen. Sie weinten alle beide, weshalb, wussten sie selber nicht recht.

Sonst war alles wie früher, nur die Bemutterung durch Tanten und Schwestern wurde noch grösser. Sie richteten den Seitenflügel ein, placierten die Möbel, verteilten die Zimmer und bestimmten alles, – Frithiof wurde nicht gefragt. Und nun begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit. Alte halbvergessene Verwandte wurden aufgestöbert und eingeladen, und endlich war die Hochzeit da.

Am Morgen darauf war Frithiof schon um 8 Uhr bei Wege. Er verliess das Schlafzimmer so bald als möglich und schützte eine wichtige Arbeit auf dem Felde vor. Lisa war noch schläfrig und hatte nichts dagegen, sie erinnerte ihn nur; und es klang wie ein Befehl:

»Du vergisst doch nicht, dass um elf Uhr Frühstück ist.«

Er ging in sein Zimmer, zog grosse Stiefeln und Jagdrock an, nahm die Büchse aus dem Schrank und ging in den Wald.

Es war ein schöner Oktobermorgen mit Reif. Frithiof ging mit schnellen Schritten, als fürchte er, zurückgerufen zu werden, oder als wollte er vor etwas entfliehen. Die frische Morgenluft wirkte auf ihn wie ein Bad. Er fühlte sich frei, und war glücklich, dass man ihn jetzt unbehelligt mit der Büchse gehen liess. Aber er war bedrückt. Bisher hatte er sein Schlafzimmer für sich gehabt, – die Gedanken bei Tage und die nächtlichen Träume waren wenigstens sein eigen gewesen, – das war nun vorbei. Der Gedanke an das Schlafzimmer plagte ihn jetzt als etwas Widerwärtiges. Er hatte nie die Heuchelei des Lebens für so gross gehalten, hatte nicht geglaubt, dass die ganze mimosenhafte Weiblichkeit im Grunde nichts war, als die Furcht vor den Folgen. Ja, wenn es nun aber die Doktorstochter oder das Gärtnermädchen gewesen wäre, Da wäre das einsame Zusammensein mit ihnen gewiss eine Seligkeit gewesen, statt wie jetzt etwas Drückendes, Unschönes zu sein. Ziellos strich er durch den Wald, ohne an Schiessen zu denken; endlich bekam er Lust, seine Büchse knallen zu hören und ein Tier stürzen zu sehen, aber er konnte nichts entdecken. Die Vögel waren fortgezogen, nur ein Eichhörnchen guckte mit seinen schwarzen Äugelchen von einem hohen Baum auf ihn herunter. Er legte die Büchse an und drückte ab, aber das flinke Tier war längst auf der andern Seite des Stammes. Indessen hatte der Knall wie eine Beruhigung auf seine Nerven gewirkt. Er verliess den Weg und schlug sich mitten durch den Wald. Von jedem Pilz, den er sah, hieb er den Kopf ab, – er war in rechter Zerstörungslaune, er sehnte sich förmlich danach, eine Schlange zu treffen, um ihr den Kopf entzweizutreten, oder einen Schuss auf sie abzufeuern.

Aber endlich fiel es ihm ein, dass er ja nach Hause müsse, und dass dies sein Hochzeitsmorgen war. Beim Gedanken an all die naseweisen Blicke, denen er bei der Heimkunft begegnen sollte, wurde ihm zu Mut, als sollte er für ein Vergehen gestraft werden, ein Vergehen gegen die Sitte, und was noch schlimmer war, gegen die Natur. Er hätte fliehen mögen vor alledem, bis ans Ende der Welt, aber wie sollte er das machen!

Schliesslich wurde er es müde, beständig dieselben Gedanken durchzugrübeln; er empfand nichts weiter als tüchtigen Hunger; er ging also zum Frühstück nach Hause.

Als er auf den Hof kam, standen alle Hochzeitsgäste, die im Hause übernachtet hatten, auf der Veranda und begrüssten ihn mit lustigem Hurrahruf. Mit schwankenden Schritten ging er über den Vorplatz und nahm mit schlecht verhehltem Ärger die scherzenden Fragen der Gäste nach seinem Gesundheitszustand entgegen. Er drückte sich an ihnen vorbei und ging hastig ins Haus, ohne zu bemerken, dass seine Frau auch in der Gruppe gestanden, und erwartet hatte, er solle sie begrüssen.

Das Frühstück wurde ihm durch die ironischen, anzüglichen Bemerkungen der Gäste, sowie durch die Zärtlichkeiten seiner jungen Frau zu einer Tortur, die er nie vergass. Sein Freudentag war zum widerwärtigsten Tage geworden, den er noch je erlebt hatte.

Nach ein paar Monaten war die junge Frau, unterstützt von Schwestern und Tanten, der eigentliche Herr des Hauses. Frithiof war und blieb der Jüngste und Unverständigste. Man fragte ihn wohl einmal um Rat, richtete sich aber nie danach, und er war nach wie vor der Gegenstand ihrer aller Fürsorge. Die Mahlzeiten zu zweien erwiesen sich bald als unmöglich, denn er schwieg hartnäckig, und Lisa, die das nicht ertragen konnte, musste sich nach einem Ableiter umsehen, der in Gestalt einer der Schwestern in den Flügel des jungen Ehepaares übersiedelte. Frithiof machte verschiedentliche Emanzipationsversuche, wurde aber stets von der Übermacht zurückgeschlagen; es waren ihrer zu viele, und sie redeten gewöhnlich so lange, bis er in den Wald floh.

Dem Abend sah er jetzt immer mit einem förmlichen Entsetzen entgegen. Er hasste das Schlafzimmer, das er betrat wie der Delinquent den Richtplatz. – Nachdem sie ein Jahr verheiratet waren, ohne Aussicht auf Nachkommenschaft, nahm ihn die Mutter eines Tages bei Seite, um unter vier Augen mit ihm zu reden.

»Würdest Du nicht sehr froh sein, einen Sohn zu haben?« fragte sie.

»0 gewiss!« entgegnete er.

»Du bist gar nicht nett gegen Deine Frau,« sagte die Mutter in möglichst sanftem Ton.

Da brauste er auf.

»So! Was noch? Was ist nun wieder nicht recht? Ihr wollt mich vielleicht auf meine Pflichten hinweisen, ja? Hm! Lisa ist übrigens ganz anders, als Ihr glaubt, – aber wen geht das etwas an? Aber gut, formuliert Eure Anklage, dann will ich darauf antworten.«

Nein, dazu hatte die Mutter durchaus keine Lust. –

In seiner Einsamkeit entdeckte Frithiof, dass der Inspektor ein junger Mann war, der gerne trank und Karten spielte. Er that sich mit ihm zusammen und verbrachte die Abende mit ihm auf seinem Zimmer, von wo er immer so spät als möglich aufbrach.

Eines Abends lag seine Frau wach und wartete auf ihn.

»Wo warst Du?« fragte sie ihn scharf und energisch.

»Das geht Dich nichts an,« entgegnete er.

»Es ist wirklich hübsch, verheiratet zu sein, wenn man es so hat, wie ich,« sagte sie. »Wenn wir doch wenigstens ein Kind hätten.«

»Ja, meine Schuld ist es nicht,« meinte er.

»Nun, meine doch nicht etwa?«

Und nun entspann sich ein Streit über dieses Thema, der zwei Jahre dauerte.

Lisa versuchte alle Mittel. Sie kokettierte mit ihrem Manne, – und machte sich ihm damit unangenehm, sie suchte ihn bei seinem Stolze zu fassen, und wurde ihm erst recht unleidlich.

Da keiner von beiden sich zu dem Schritt entschliessen und einen Sachverständigen, einen Arzt fragen wollte, war das Resultat dasselbe wie in allen solchen Fällen: der Mann wurde lächerlich, die Frau nahm die Sache tragisch. Eine kinderlose Frau ist heilig, denn »Gottes Bann« ruht auf ihr – dass Gott sich herablassen sollte, einen Mann in den Bann zu thun, schien gar nicht in Betracht zu kommen.

Aber Herr Frithiof fühlte deutlich, dass ein Bann auf seinem düsteren, ungesunden Leben lastete. Die Natur hat zwei Geschlechter geschaffen, die unter Umständen einander suchen, aber unter anderen Verhältnissen als erbitterte Feinde sich gegenüberstehen. Er hatte das andre Geschlecht als Feind kennen gelernt, und zwar als übermächtigen Gegner.

Eines Tages fragte ihn seine Schwester wie zufällig, was das Wort Kapaun bedeutete.

Er antwortete nicht, sondern sah sie nur scharf an und merkte, dass sie es wirklich nicht wusste, aber dass sie wahrscheinlich irgendwo gelauscht hatte und neugierig geworden war.

Nun war sein Leben vergiftet, – er war lächerlich geworden, und ein eigentümliches Misstrauen erfüllte ihn. Alles was er hörte oder sah, brachte er mit dieser Anschuldigung in Zusammenhang, und so ging er in einem Anfall von Ingrimm hin und verführte eins der Hausmädchen, – mit dem gewünschten Erfolg: er wurde Vater! Lisa war eine Märtyrerin und Frithiof ein Elender! Aber er kümmerte sich nicht weiter darum, denn seine Ehre war gerettet.

Aber von nun an war Lisas Eifersucht wach, und, – wunderlich genug, – eine Art von Liebe zu ihrem Manne begann sich in ihr zu regen. Eine Liebe, die äusserst unbequem wurde, da sie sich in einer nervösen, beständigen Bewachung und Zudringlichkeit, zugleich mit einer unerträglichen, bemutternden Fürsorge äusserte. Sie untersuchte die Büchse, ob sie geladen war, sie flehte ihn auf ihren Knieen an, sich beim Ausgehen etwas Warmes anzuziehen, u. s. w., u. s. w.

Dabei war sie sehr pedantisch; es gab in der Wohnung ein beständiges Kehren und Stäuben, Putzen und Scheuern, Sachen klopfen und Betten sonnen. Er hatte niemals Ruhe und war nie sicher, einmal allein sein zu können.

Seine Arbeit nahm nicht viel Zeit in Anspruch, denn das Gut wurde von den vielen Frauenzimmern bewirtschaftet. Er fing an, Landwirtschaft zu studieren, und wollte allerlei Verbesserungen einführen, aber es war unmöglich, denn er wurde so lange geschurigelt und geplagt, bis er es wieder aufgab.

Endlich wurde er der Sache müde. Das Sprechen hatte er sich schon längst abgewöhnt, weil er stets sicher sein konnte, auf Widerspruch zu stossen. Aus Mangel an passendem Verkehr mit Männern litt sein Verstand; sein Nervensystem war zu Grunde gerichtet, er vernachlässigte sein Äusseres und fing an zu trinken. Jetzt war er fast nie mehr zu Hause, dafür fand man ihn oft betrunken in der Dorfschenke oder in Bauernhäusern, denn er trank mit jedem, den er fand, und immer bis zur Sinnlosigkeit. Es war ihm eine Wohlthat, das Gehirn durch den Alkohol zu stimulieren, und ausserdem konnte er da frei reden; es war überhaupt nicht ganz sicher, ob er trank, um einmal sprechen zu können, ohne auf Widerrede zu stossen, oder ob er trank, um zu trinken.

Um Geld zu bekommen, fing er an, den Bauern Getreide zu verkaufen, oder auch irgendwelche Vergünstigungen oder Vorrechte, – denn die Kasse wurde von den Weibern geführt. Schliesslich brach er in seinem eigenen Geldschrank ein und – stahl.

Seit man den letzten Inspektor wegen »Völlerei« entlassen musste, wurde streng drauf gehalten, dass ein Mann von »frommer Sinnesrichtung« diesen Posten bekleidete. Als man es mit Hilfe des Geistlichen durchgesetzt hatte, die Schenke aus dem Dorfe zu verbannen, fing Herr Frithiof an, mit seinen eigenen Knechten zu trinken, und Skandal folgte auf Skandal.

Schliesslich war er ein notorischer Säufer geworden, der Krampfanfälle bekam, wenn er eine Zeit lang keinen Alkohol trank, und der in ein Trinkerasyl übergeführt werden musste, wo er als unheilbar blieb.

In lichten Stunden, wenn er sein Leben überblickte, empfand er tiefes Mitleid mit allen jungen Mädchen, die an einen ungeliebten Mann verheiratet worden waren, und denen er um so lebhafter nachfühlen konnte, als er den Fluch einer solchen Vergewaltigung der Natur an sich selbst erfahren hatte, und er war doch nur ein Mann!

Aber er sah die Ursache zu seinem Unglück auch in der Familie als oekonomische Institution, die seine rechtzeitige Befreiung zu selbständigem individuellem Leben verhindert hatte. Seine Frau klagte er niemals an, denn sie war ja ebenso unglücklich wie er, und ein Opfer derselben unglückseligen Verhältnisse.

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