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Ehestandsgeschichten

August Strindberg: Ehestandsgeschichten - Kapitel 4
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authorAugust Strindberg
titleEhestandsgeschichten
publisherGeorg H. Wigand's Verlag
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Ein Puppenheim

Sie waren jetzt sechs Jahre verheiratet, aber sie lebten wie in den Flitterwochen. Er war Flottenkapitän und musste jeden Sommer auf mehrere Monate fort; zweimal hatte er auch schon Langtouren gemacht. Sie waren ein rechter Segen, diese kleinen Expeditionen. Hatten sich zu Ende des Winters Spuren einer gewissen Versauerung eingestellt, so frischte die Sommerreise ihr Verhältnis wieder von Grund aus auf.

Im ersten Sommer schrieb er ihr förmliche Liebesbriefe, und nicht ein einziges Fahrzeug liess er vorübergehen, ohne zu signalisieren: Post! Und als er endlich bei der schwedischen Küste Land zu sehen bekam, wusste er gar nicht, wie er sie schnell genug zu sehen bekommen sollte. Aber das wusste sie. Bei Landsort bekam er ein Telegramm, dass sie ihm bis Dalarö entgegen kommen wollte, und als dann sein Schiff bei Jutholm vor Anker ging, und er von der Veranda des Postgebäudes her ein kleines himmelblaues Taschentuch winken sah, wusste er, dass sie es war. Aber es gab noch so viel an Bord zu besorgen und es wurde Abend, ehe er an Land gehen konnte. Als er dann aber mit der Schaluppe ankam, und der Bootshaken eingeschlagen worden war, und er sie auf der Brücke stehen sah, so jung, so frisch, so hübsch wie je, da war es, als erlebte er seinen Hochzeitstag noch einmal. Und als sie zu der Posthalterei kamen, was für ein gutes kleines Souper hatte sie in den zwei Gasthauszimmerchen zu arrangieren verstanden. Und wie viel hatten sie sich zu erzählen! Von der Reise, von den Kleinen, von der Zukunft. Und dann funkelte der Wein und die Küsse knallten und dann hörten sie den Zapfenstreich von draussen her. Aber das störte ihn nicht, – er brauchte ja vor ein Uhr nicht fort. Was, musste er wieder fort?

Ja, er hätte ja eigentlich ganz an Bord bleiben sollen, aber wenn er nur zur Reveille dort war, dann war es gut.

Wann war denn Reveille?

Um fünf Uhr.

»So zeitig!«

Aber wo würde sie schlafen diese Nacht?

Das sollte er gar nicht wissen!

Aber er wollte durchaus ihr Schlafzimmer sehen. Sie stellte sich vor die Thür, – aber er küsste sie, nahm sie auf den Arm wie ein Kind und öffnete.

Huh, dieses grosse Bett! Diese enorme Barkasse! Wo hatte sie denn das aufgegabelt?

O Gott, wie rot sie wurde! Aber sie hatte ja seinen Brief so verstanden, dass sie in der Posthalterei logieren wollten.

Ja, gewiss wollten sie das, wenn er auch zu dem verflixten Morgengebet an Bord musste, das schadete nichts.

Nein, wie er aber redete!

Und jetzt wollten sie Kaffee haben und ein kleines Feuerchen, denn die Laken fühlten sich so klamm an. Nein, so ein verständiger kleiner Schelm, für so ein grosses Bett zu sorgen! Wie hatte sie denn das aufgegabelt.

Sie hatte es ja gar nicht »aufgegabelt«!

Nein, gewiss nicht, das wollte er gerne glauben!

Ach er war dumm!

So, war er dumm? Und er fasste sie um die Taille.

Nein, er sollte aber bescheiden sein!

Bescheiden, das war leicht gesagt!

Jetzt kam ja das Mädchen mit dem Holz! – – – – – Als die Uhr zwei schlug, und es im Osten heller wurde, sassen sie beide am offenen Fenster. Es war, als sei sie seine Geliebte, und er der Liebhaber. Und war es denn nicht so? – Ach, dass er jetzt fort musste! Aber um zehn Uhr zum Frühstück wollte er wieder da sein, und dann wollten sie unter Segel gehen.

Dann machte er Kaffee auf seinem Maschinchen, und dann tranken sie Kaffee bei Sonnenaufgang und beim Schreien der Möven. Dann küsste er sie zum letzten Mal, schnallte den Säbel um und ging. Und als er unten an der Brücke stand und rief »Boot ahoj!« versteckte sie sich hinter der Gardine, gerade als schämte sie sich. Aber er warf ihr Handküsse zu, einen nach dem andern, selbst dann noch, als die Matrosen mit dem Fahrzeug da waren. Und dann noch ein letztes: Schlaf gut und träume von mir! und als er schon ein ganzes Stück fort war, und sich mit dem Krimmstecher vor den Augen nach ihr umwandte, sah er noch eine ganz kleine Gestalt mit schwarzem Haar am Fenster, und die Sonne schien auf ihr Leinenzeug und ihre blossen Schultern, so dass sie aussah wie eine Seejungfrau.

Und dann kam die Reveille. Die langen Töne des Signalhorns rollten über grüne Inseln und blanke Wasserflächen und hallten von den Tannenwäldern wieder. Und dann alle Mann auf Deck und »Vater unser« und »Jesu lass mich stets beginnen«. Die kleine Glocke von Dalarö antwortete mit leisen Tönen, denn es war Sonntagmorgen. Und nun kamen allerlei Fahrzeuge in der Morgenbrise daher, Flaggen wehten, Schüsse knallten, helle Sommerkleider blitzten auf der Zollbrücke, das Dampfboot von Altön kam an, Fischer zogen ihre Netze heraus, und über grünem Land und blauem Wasser leuchtete die goldene Sonne. Um zehn Uhr kam der Kapitän mit sechs Paar Rudern an Land, und nun hatten sie einander wieder! Als sie in dem grossen Speisesaal frühstückten, flüsterten die andern Gäste sich zu: »Ist das seine Frau?« Er sprach halblaut wie ein Verliebter, und sie schlug die Augen nieder und lachte, oder klopfte ihn mit der Serviette über die Finger.

Das Boot lag, zur Abfahrt fertig, bei der Brücke und sie sollte am Steuerruder sitzen. Er besorgte das Focksegel. Aber er konnte seine Blicke nicht abwenden von ihrer hellen, sommerlich gekleideten Gestalt, mit der hohen, festen Brust, der ernsten kleinen Miene und dem festen Blick, mit dem sie nach dem Winde ausschaute, während ihre in hirschledernen Handschuhen steckende kleine Hand die Grossmastschote hielt. Er wollte immer nur plaudern und machte beim Wenden allerlei dummes Zeug. Da bekam er einen Verweis wie ein Schiffsjunge, und das amüsierte ihn unendlich.

»Warum hast Du eigentlich die Kleine nicht mitgebracht?«

»Ich möchte wissen, wo ich sie hätte hinlegen sollen?«

»Na, in die grosse Barkasse natürlich.«

Sie lachte, und diese Art von Lachen gefiel ihm unbeschreiblich gut.

»Na, was hat denn die Wirtin heute morgen gesagt?« fuhr er fort.

»Was soll sie gesagt haben?«

»Fragte sie, ob Du gut geschlafen hast?«

»Weshalb sollte ich nicht gut geschlafen haben?«

»Weiss ich? Aber es hätten ja z. B. Ratten knabbern oder Fensterflügel knarren können, kann man wissen, was alles den Schlaf so einer alten Jungfer stört?«

»Wenn Du nicht gleich still bist, dann mache ich die Schote fest und segle Dich ins Meer hinein.

Sie landeten bei einer kleinen Insel und assen Mittag aus einem mitgebrachten Körbchen. Dann schossen sie mit dem Revolver nach dem Ziele; schliesslich warfen sie Angeln aus, als aber nichts anbeissen wollte, segelten sie weiter. Hinaus auf den Fjord, wo die weissen Eidervögel herumstrichen, in den Sund hinein, wo die Hechte schnellten, und wieder hinaus, und er wurde nicht müde, sie anzusehen, mit ihr zu plaudern, sie zu küssen. – – –

So trafen sie sich sechs Sommer nach einander in Dalarö und immer waren sie gleich jung, in einander vernarrt und glücklich. Den Winter über sassen sie in Skeppsholm in ihrer kleinen Wohnung. Da fabrizierte er Boote für die Jungen oder er erzählte ihnen seine Abenteuer in China und den Südseeinseln, und seine Frau sass dabei und amüsierte sich über die tollen Geschichten. Und das Zimmer, in dem sie sassen, war das schönste, das es gab, anders als irgend eines, das man finden konnte. Da hingen japanische Schirme und Rüstungen, ostindische Miniaturpagoden, australische Waffen, Bogen und Lanzen, Negertrommeln und getrocknete Fliegenfische, Zuckerrohrstangen und Opiumpfeifchen. Und dem Papa, der allmählich etwas kahl zu werden anfing, wollte es draussen gar nicht mehr recht gefallen. Ab und zu spielte er mit dem Auditeur eine Partie Schach oder Karten bei einem gemütlichen kleinen Grog. Anfangs hatte seine Frau gern mitgespielt, aber seit sie vier Kinder hatten, hatte sie keine Zeit mehr dazu, dafür setzte sie sich ab und zu etwas neben ihren Mann und guckte ihm in die Karten, und jedesmal wenn sie kam, fasste er sie um die Taille und fragte sie um Rat. – – –

Die Korvette sollte in See gehen und sechs Monate ausbleiben. Dem Kapitän wurde es recht sauer, denn die Kinder waren jetzt schon grösser, und es wurde der kleinen Mama nicht leicht, ihr weitläufiges Reich allein in Ordnung zu halten. Der Kapitän war nicht mehr so jung und auch nicht mehr ganz so lebhaft, aber – es musste nun einmal sein, und so reiste er.

Von Kronberg sandte er schon den ersten Brief ab, der folgendermassen lautete:

 

Mein geliebtes, kleines Topfpflänzchen!

Wind flau, SSO. z. O.   10° Celsius,
6 Glasen auf Feldwache.

Ich kann Dir gar nicht sagen, wie mir zu Mute ist, hier, ohne Dich. Als wir bei Kastellholm den Anker heisten (6 Uhr 30, bei starkem NO. z. N.), war mir zu Mut, als hätte ich schweren Ballast in der Brust. Man sagt, dass Seeleute Vorahnungen haben, wenn ihnen etwas Böses bevorsteht. Davon weiss ich nichts, aber ehe ich Deinen ersten Brief habe, bin ich in grosser Unruhe, soviel weiss ich. An Bord nichts passiert, aus dem einfachen Grunde, weil nichts passieren darf. Wie gehts Euch zu Hause? Hat Bob endlich seine neuen Stiefel bekommen, und wie passen sie? Ich bin ein schlechter Briefschreiber, wie Du weisst, und schliesse jetzt. Mit einem grossen Kuss auf dieses Kreuz

Dein alter Pall.

 

P.S. Du solltest Dir etwas Gesellschaft suchen, Kleinchen, (weibliche natürlich!) und vergiss nicht, die Mamsell in Dalarö zu bitten, dass sie uns die grosse Barkasse gut behütet, bis ich wiederkomme! (Der Wind nimmt zu. Heut' Nacht kriegen wir ihn von Norden!)

In Portsmouth bekam der Kapitän folgendes Briefchen von seiner Frau:

 

Lieber alter Pall!

Du glaubst nicht, wie hässlich es hier ist ohne Dich! Der kleinen Alice ist es schlimm gegangen mit ihrem Zahn, aber jetzt hat sie ihn endlich! Der Doktor sagt, es wäre aussergewöhnlich früh, und das bedeutet, – aber nein, das brauchst Du nicht zu wissen! Bobs Stiefel passen sehr gut, und er ist riesig stolz darauf. – Du schriebst in Deinem Brief, ich sollte mir etwas weibliche Gesellschaft suchen, das habe ich schon gethan, oder vielmehr, sie hat mich aufgesucht. Sie heisst Ottilie Sandegren und ist auf dem Seminar gewesen; sie ist sehr ernst, so dass mein alter Pall nicht zu fürchten braucht, sie könnte sein Topfpflänzchen auf Abwege führen. Und sie ist auch so religiös. Ja, ja, wir könnten es schon vertragen, die Religion etwas ernster zu nehmen, alle beide; sie ist ein ausgezeichnetes Mädchen. Und nun schliesse ich für heute, denn Ottilie kommt, mich zu holen. Sie kommt eben jetzt und bittet mich, Dich von ihr unbekannterweise zu grüssen.

Deine treue Gurli.

 

Der Kapitän war nicht sonderlich zufrieden mit diesem Brief; er war zu kurz und nicht so munter wie gewöhnlich. – Seminar, – religiös, – ernst und Ottilie, zweimal Ottilie. Und diese Unterschrift! Gurli, – warum nicht Gulla wie sonst immer? Hm! – Acht Tage später, als sie vor Bordeaux lagen, bekam er wieder einen Brief, von einem Buch unter Kreuzband begleitet. »Lieber Wilhelm!« Was? Wilhelm? Nicht mehr Palle? »Das Leben ist ein Kampf,« – Donnerwetter, was soll das heissen? Was geht uns das Leben an? »von Anfang bis Ende. Sanft wie ein Bach in Kidron« – – Kidron? Ist das nicht aus der Bibel? »ist das unsrige bis heute verflossen. Aber wir sind wie Schlafwandler an einem Abgrund dahingegangen, ohne ihn zu sehen.« Oh, Seminar, Seminar! – »Aber nun kommt das Ethische und macht sich geltend in seiner höheren Potenz.« – Potenz ist gut! –

 

»Wenn ich nun aus unserm langen Schlaf aufwache, und mich frage: ist unsre Ehe eine wahre Ehe gewesen? so muss ich mit Scham und Reue sagen: nein, sie war es nicht! Die Liebe ist himmlischen Ursprungs.« (Math. XI, 122.)

 

Der Kapitän musste aufstehen und etwas Rum mit Wasser trinken, ehe er fortfuhr: »Wie irdisch und konkret ist dagegen unsre Liebe! Haben unsre Seelen in der Harmonie gelebt, von der Plato spricht? (Phaedon, Buch IV, Kap. II, § 9.) Nein! Was bin ich Dir gewesen? Deine Haushälterin und – oh Schmach! – Deine Geliebte! Haben unsre Seelen einander verstanden? Nein, müssen wir antworten!« Zum Teufel mit allen Ottilien und Satans-Seminarien! Meine Haushälterin will sie gewesen sein? Sie ist mein Weib gewesen und die Mutter meiner Kinder!

 

»Lies das Buch, welches ich Dir hier schicke. Es wird Dir auf alle diese Fragen Antwort geben. Es spricht das aus, was seit Jahrhunderten auf dem Grunde aller Frauenherzen geschlummert hat. Lies es und sage mir, ob unsere Ehe eine wahre Ehe gewesen ist!

Deine treue Gurli.«

 

Das also war seine böse Ahnung gewesen! Der Kapitän war ganz ausser sich und konnte sich gar nicht denken, was mit seiner Frau vorgegangen sein mochte. Das war ja toller als eine Predigt!

Er riss das Kreuzband auf und las auf dem Deckel des broschierten Buches: »Ein Puppenheim von Henrik Ibsen.« Ein Puppenheim! Was noch! Gewiss, sein Heim war ein feines kleines Puppenhaus gewesen, sein Frauchen war seine kleine Puppe gewesen, und er ihre grosse Puppe. Sie hatten sich vorwärts gespielt über des Lebens schlüpfrige makadamisierte Wege, und sie waren glücklich gewesen! Was fehlte ihnen da? Welches Unrecht hatten sie begangen? Er musste doch einmal nachsehen, es sollte ja in dem Buche stehen.

Nach drei Stunden hatte er es ausgelesen, aber sein Verstand stand still. Was ging das sie beide an? Hatten sie Wechsel gefälscht? Hatten sie einander nicht geliebt? Na!! – Er schloss sich in der Kajüte ein und las das Buch noch einmal. Dann strich er verschiedenes rot und blau an, und als der Morgen graute, setzte er sich hin, um an seine Frau zu schreiben. Und er schrieb:

»Eine wohlgemeinte kleine Abhandlung über das Stück ›Ein Puppenheim‹, zusammengekliert vom alten Pall, an Bord der Vanadis im Atlantischen Ocean vor Bordeaux. (45 0 n. B. 16 0 ö. L.)

§ 1. Sie hatte ihn geheiratet, weil er sie liebte, und daran that sie sehr recht, denn hätte sie auf den warten wollen, den sie liebte, dann hätte es das Schicksal vielleicht gewollt, dass dieser Betreffende nun wieder sie nicht liebte, und dann hätte sie ganz auf dem Trocknen gesessen; denn dass alle beide so ganz mordsverliebt in einander sind, kommt äusserst selten vor.

§ 2. Sie fälscht Wechsel. Das war dumm von ihr, aber sie soll doch nicht sagen, dass sie es um seinetwillen gethan hat, denn sie hat ihn ja gar nicht geliebt. Wenn sie gesagt hätte, sie thäte es um ihrer beider und der Kinder willen, das wäre die Wahrheit gewesen. Leuchtet das ein?

§ 3. Dass er nach dem Balle verliebt in sie ist, beweist eben nur, dass er sie lieb hat, und das ist doch wohl kein Fehler, – aber dass so etwas auf dem Theater vorgeführt wird, das ist ein Fehler. II y a des choses qui se font mais qui ne se disent pas, – nicht wahr?

§ 4. Dass sie, bei der Entdeckung, dass ihr Mann ein Schweinhund ist, denn das ist er, wenn er ihr vergeben will, sobald es sich herausstellt, dass die Geschichte nicht rauskommt, – wenn sie also bei dieser Entdeckung von den Kindern fortgehen will, weil sie nicht würdig ist, sie zu erziehen, so ist das Ganze nur eine nicht besonders scharfsinnige Koketterie. Wenn sie eine Gans war, – denn man lernt es doch wohl nicht erst auf dem Seminar, dass Wechselfälschungen unzulässig sind, – und er ein Ochse, dann passen sie ja gerade vorzüglich zusammen. Und zum mindesten sollte sie dann doch die Erziehung ihrer Kinder nicht einem solchen Kerl überlassen, den sie verachtet.

§ 5. Nora hat also um so mehr Grund, bei den Kindern zu bleiben, als sie entdeckt hat, was für ein Bursche ihr Mann ist.

§ 6. Dass der Mann sie nicht gleich von Anfang an nach ihrem wahren Werte schätzt, dafür kann er nichts, denn der kommt doch erst nach der ganzen Geschichte zu Tage.

§ 7. Nora war anfangs ein dummes Ding, das leugnet sie ja selbst nicht.

§ 8. Alle Garantieen für ein besseres Zusammenpassen als bisher sind ja für die beiden gegeben: Er hat bereut und will sich bessern, sie auch! Bon! Hier ist die Pfote, und nun können wir wieder anfangen. Gleich und gleich gesellt sich gern! Du warst eine Gans und ich habe mich dafür benommen wie ein Ochse. Du, Meine Nora, warst schlecht erzogen, ich alter Esel hatte es auch nicht besser gelernt. Beklage uns alle beide. Wirf faule Eier auf unsre Erziehung, aber schlag' mir nicht gleich den Schädel entzwei. Ich bin, obschon ein Mann, ebenso unschuldig wie Du, vielleicht etwas unschuldiger, denn ich habe aus Liebe geheiratet, Du aus ökonomischen Rücksichten! Lass uns deshalb Freunde sein und gemeinsam unsre Kinder das lehren, was uns beiden zu lernen so schwer geworden ist!

Ist das klar? – All right? – Dies hat Kapitän Pall aufgeschrieben mit seinem schwerfälligen Verstande und seinen steifen Fingern!

Und nun, meine geliebte Puppe, hab' ich Dein Buch gelesen und Dir meine Meinung darüber gesagt. Aber nun sag' Du mir: was geht uns das eigentlich an? Haben wir einander nicht lieb gehabt? Lieben wir einander nicht noch? Haben wir uns nicht gegenseitig erzogen und die scharfen Kanten abgehobelt, was zu Anfang, wie Du Dich wohl erinnern wirst, gar nicht so einfach war: Was sind das also für Grillen! Zum – mit allen Ottilien und Seminarien! Das war ein recht grätiges Buch, was Du mir da geschickt hast! Wie ein schlecht markiertes Fahrwasser, in dem man leicht ansegeln kann. Aber ich hab' mein Besteck genommen und es auf der Karte markiert, so dass ich freie Fahrt hatte. Aber das thue ich gewiss nie wieder. Nüsse knacken, die innen schwarz sind, wenn man sie endlich einmal aufgekriegt hat, – das hat der Teufel erfunden! Und nun wünsch' ich Dir Glück und Frieden und Deinen gesunden Verstand wieder zurück. Was machen unsere Kleinen? Du hast ja ganz vergessen, etwas über sie zu schreiben, – Du hast wahrscheinlich zu viel an Noras reizende Kinderchen gedacht, – (die es übrigens so nur auf dem Theater giebt.) Weint mein Sohn, spielt mein Kleinstes, singt meine Nachtigall und tanzt mein kleines Püppchen? Das soll sie immer thun, dann ist ihr alter Pall vergnügt. Und jetzt behüte Dich Gott und lass' keine bösen Gedanken zwischen uns aufkommen. Ich bin so traurig und verdriesslich, dass ich es gar nicht sagen kann! Und da soll ich sitzen und Rezensionen über Theaterstücke schreiben! Gott behüte Dich und die Kleinen, gieb ihnen einen Kuss mitten auf den Mund von Deinem treuen alten

Pall.

 

Als der Kapitän mit diesem Briefe fertig war, holte er sich den Doktor und machte für sie beide einen Grog. »Häu!« sagte er, »kennst Du den Geruch von alten schwarzen Hosen? Häu! Surabaja! Sollte meiner Seele hoch auf der Mastspitze gehisst werden, damit sie mal von einem tüchtigen NW. z. N. ausgelüftet wird!«

Aber der Doktor verstand kein Wort davon.

»Ottilie, Ottilie, – die steckt dahinter! Müsste ihre Ration mit dem Knüppel kriegen!«

»Aber was ist eigentlich mit Dir los, alter Pall?« fragte der Doktor.

»Plato! Plato! Jawohl! wenn man sechs Monat auf See gewesen ist, dann ist man für Plato, jawohl! ääh! Da wird man ethisch, ethisch! Ich möchte meinen Kopf verwetten: wenn Ottilie ihre warme Kost hätte, würde es ihr nicht einfallen, von Plato zu reden!«

»Aber was ist denn los?«

»Ach gar nichts! Aber hör mal, Du bist ja Arzt, – wie ist denn das eigentlich mit den Frauenzimmern, sag' mir mal, – ist es nicht gefährlich für sie, so lange unverheiratet herumzulaufen, was? Werden sie nicht so, – na Du weisst schon, so 'n bisschen brustkrank? Hier oben? Was?«

Der Doktor liess sich des Längeren darüber aus, wie beklagenswert es wäre, dass nicht alle Weibchen befruchtet werden könnten. In der Natur, wo das Männchen fast immer in Polygamie lebt, (was auch in den meisten Fällen ganz gut angeht, weil es an Futter für die Jungen nicht fehlt,) giebt es keine solche Abnormitäten wie unverheiratete Weibchen. Aber im Kulturleben, wo man es beinahe einen glücklichen Zufall nennen kann, wenn man sein Auskommen hat, kommt es häufiger vor, da es einen Überschuss an weiblichen Wesen giebt. Man müsse aber nachsichtig gegen alte Jungfern sein, denn sie hätten ein trübseliges Los.

Man sollte gut zu ihnen sein, – ja, das war leicht gesagt, wenn sie nun aber nicht gut zu uns sind? Und nun schüttete er sein Herz aus und erzählte ihm alles bis auf die Rezension, die er hatte abfassen müssen.

»Ach, die schreiben jetzt so viel Blech zusammen,« sagte der Doktor, indem er den Deckel auf die Toddykanne that, – »zuletzt ist es doch die Wissenschaft, die diese grossen Fragen entscheidet, einzig und allein die Wissenschaft!«

Als der Kapitän nach sechsmonatlicher Abwesenheit und einem langweiligen Briefwechsel mit seiner Frau, – die seine Rezension des Ibsenschen Stückes scharf mitgenommen hatte, – in Dalarö an Land ging, wurde er von seiner Frau, allen Kindern, zwei Mädchen und Ottilie empfangen. Seine Frau war lieb und gut, aber nicht recht zärtlich, – zum Willkommenkuss reichte sie ihm nur die Stirn hin. Ottilie war lang wie ein Baum und trug abgeschorenes Haar, das wie ein Scheuerbesen um den Nacken her stand. Das Abendessen war ziemlich öde, mit Thee. Die Barkasse steckte voller Kinder, und der Kapitän musste in einem andern Zimmer schlafen. O, wie anders war das alles früher! Der Kapitän sah gealtert aus und war ganz verblüfft. Es wäre eine reine Hölle, meinte er, verheiratet zu sein und doch keine Frau zu haben!

Am nächsten Morgen wollte er eine kleine Segeltour machen, aber Ottilie vertrug die See nicht. Schon bei der Herreise war ihr so sehr schlecht geworden. Und im übrigen war es ja Sonntag. – Sonntag! Da haben wirs! Statt dessen wollten sie wenigstens etwas spazieren gehen, – sie hatten sich doch so viel zu sagen, – aber Ottilie sollte nicht mit dabei sein!

Sie gingen Arm in Arm, aber sie sprachen wenig, und das wenige, was sie sagten, schien mehr darauf berechnet, ihre eigentlichen Gedanken zu verstecken, als sie auszudrücken. Sie kamen bei dem kleinen Cholerakirchhof vorbei und schlugen den Weg nach dem Schweizerthal ein. Endlich setzte sie sich auf einen Stein und er zu ihren Füssen. Jetzt wird's bald losgehen, dachte er, und es ging los.

»Hast Du etwas nachgedacht über unsere Ehe?« begann sie.

»Nein,« sagte er, als wäre er auf diese Frage schon vorbereitet gewesen, »ich habe es nur gefühlt, ich glaube nämlich, dass die Liebe eine Gefühlssache ist. Wenn man beim Segeln die Gegend aus Erfahrung kennt, dann kommt man in den Hafen, verlässt man sich nur auf Kompass und Karte, dann geht man zu Grunde.«

»Ja, aber unsre Ehe ist doch auch nichts anderes gewesen, als ein Puppenheim!«

»Lügen, mit Respekt zu sagen. Du hast niemals Wechsel gefälscht, Du hast nie Deine Strümpfe einem x-beliebigen Doktor gezeigt, von dem Du Geld leihen wolltest. Du bist nie so romantisch stupide gewesen, zu erwarten, Dein Mann solle sich als Urheber eines Vergehens angeben, das seine Frau aus Dummheit begangen hat, und das gar kein Vergehen wäre, wenn sich kein Ankläger fände; Du hast mich nie belogen! Ich habe Dich ebenso ehrlich behandelt, wie Helmer seine Frau, als er sie zu seiner Herzensfreundin machte. Wir sind also ein echtes Ehepaar nach altmodischen wie nach neumodischen Begriffen.«

»Ja, aber ich bin Deine Haushälterin gewesen!«

»Lügen, mit Respekt zu sagen! Du hast nie in der Küche gegessen, Du hast nicht Lohn von mir bekommen, Du hast nie Rechenschaft über das Wirtschaftsgeld zu geben brauchen, und hast nie Schelte bekommen, wenn dies oder das nicht gestimmt hat! Und hältst Du etwa meine Arbeit, – das Haien und Brassen, und Kommandieren, Heringe abzählen und Suppe ausmessen, Erbsen wiegen und Mehl prüfen, hältst Du das alles für ehrenhafter als nach den Mädchen zu sehen und auf den Markt zu gehen, Kinder in die Welt zu setzen und sie zu erziehen.«

»Nein, aber Du hast dafür bezahlt. Du bist selbständig, Du bist der Mann und Du bestimmst.«

»Mein liebes Kind! Willst Du Lohn von mir haben? Willst Du wirklich meine Haushälterin sein? Dass ich ein Mann bin, ist ein Zufall, – das lässt sich überhaupt erst im siebenten Monat entscheiden. Das ist betrübend, denn heutzutage ist es ein Vergehen, Mann zu sein. Aber der Teufel hole den, der die beiden Hälften der Menschheit gegen einander aufgehetzt hat! Der trägt eine grosse Verantwortung. Du sagst: ich herrsche! Herrsche ich denn? Herrschen wir nicht alle beide? Thue ich irgend etwas Wichtiges, ohne Dich um Rat zu fragen? Du dagegen erziehst z. B. die Kinder ganz nach Deinem Kopf! Denke nur dran, wie ich damals das Wiegen abschaffen wollte, weil ich es unrecht finde, die Kinder so zu betäuben, – wie hast Du Dich da aufgelehnt! Und Du hast doch Deinen Willen durchgesetzt! Ein andermal habe ich meinen Willen gehabt, und das nächste Mal wieder Du! Einen Mittelweg giebt's doch nicht, denn zwischen Wiegen und Nichtwiegen giebt es kein Drittes! Und es ist doch auch auf die Weise bis jetzt ganz gut gegangen! Aber Du bist mir über Deiner Ottilie untreu geworden!«

»Ottilie! Immer Ottilie! Hast Du mich nicht selbst zu der Freundschaft gedrängt?«

»Doch nicht zu dieser speziell: Jedenfalls ist sie es aber jetzt, die das Ruder in Händen hat.«

»Von allem, was ich lieb habe, willst Du mich trennen!«

»Ist Ottilie alles? Es sieht fast so aus!«

»Aber ich kann sie doch nicht einfach fortschicken, jetzt, wo ich sie aufgefordert habe, die Mädchen fürs Gymnasium vorzubereiten, und Latein mit ihnen zu treiben!«

»Latein, was? Herr Jesus, sollen die auch verrückt werden?«

»Ja, sie sollen ebensoviel wissen, wie ein Mann weiss, damit ihre Ehe, wenn sie einmal heiraten, eine wahre Ehe wird.«

»Aber liebste Seele, können denn alle Männer Latein? Ich kann ja auch kaum noch ein einziges Wort davon! Und dabei sind wir doch glücklich gewesen, nicht? Im übrigen geht man ja damit um, auch die Männer vom Latein als von etwas Unnützem zu erlösen. Wollt Ihr Euch denn auch in diesen Unsinn stürzen? Könnt Ihr Euch nicht an uns ein Beispiel nehmen? Ist es noch nicht genug damit, dass man das männliche Geschlecht mit dem Zeug verdorben hat? Sollen die Frauen durchaus auch noch verdorben werden? O Ottilie, Ottilie, was hast Du angerichtet?«

»Sprechen wir nicht mehr davon! Aber unsre Liebe, Wilhelm, die ist nicht so gewesen, wie sie sein sollte! sie ist sinnlich gewesen!«

»Liebes Herz, wie hätten wir denn Kinder haben sollen, wenn unsre Liebe nicht auch sinnlich gewesen wäre! Aber sie ist doch nicht bloss sinnlich gewesen!«

»Kann denn etwas schwarz und weiss zugleich sein, frage ich Dich? Antworte mir darauf.«

»Jawohl, – sieh Deinen Sonnenschirm an, der ist oben schwarz und unten drunter weiss!«

»Sophist!«

»Höre mal, liebstes Kind, sprich Du doch mit Deinem eigenen Munde und Verstande und nicht mit Sätzen aus Ottiliens Büchern! Nimm Deine Vernunft zusammen und sei wieder Du selbst, meine eigne, liebe, kleine Frau.«

»Ja, Deine eigne, das ist es eben, Dein Eigentum, das Du kaufst mit dem Gelde, das Du durch Deine Arbeit verdienst.«

»Ganz ebenso, merke Dir das, bin ich Dein Mann, Dein eigener Mann, an den keine andre Frau rühren darf, wenn sie sich auch die Augen aus dem Kopfe guckt, und den Du zum Geschenk, nein, zum Ersatz dafür bekommen hast, dass er Dich hat. Ist das nicht partie égale?«

»Aber haben wir nicht unser Leben vertändelt? Haben wir höhere Interessen gehabt, Wilhelm?«

»Ja, Gurli, wir haben die höchsten Interessen gehabt, wir haben nicht nur getändelt, es hat auch ernsthafte Stunden für uns gegeben. Wir haben die höchsten Interessen gehabt, die es giebt, denn wir haben für die kommende Generation gesorgt, und wir haben uns tüchtig für die Kleinen gequält und abgemüht, – Du am meisten! Bist Du nicht für sie viermal dem Tode nahe gewesen? Hast Du nicht bei Tage Zerstreuung und Vergnügen, und bei Nacht den Schlaf geopfert, um sie zu schützen und zu pflegen? Könnten wir nicht sechs Zimmer und Küche auf der feinsten Strasse haben statt unserer kleinen Wohnung auf der langen Strasse, wenn wir die Kleinen nicht hätten? Könnte meine Liebste nicht seidene Kleider und Perlen haben, und könnte nicht Dein Mann in ungestopften Hosen 'rumgehen, – wenn die Kleinen nicht wären? Sind wir also solche Puppen? Sind wir wirklich so selbstsüchtig? Höhere Interessen! Sind das höhere Interessen, wenn man Latein treibt, oder wenn man sich zu wohlthätigen Zwecken halbnackend auszieht und derweil die Kinder zuhause liegen und in ihren nassen Windeln krank werden lässt? Ich habe höhere Interessen als Ottilie, wenn ich gesunde, starke, frohe Kinder haben will, die später einmal ausrichten sollen, was wir nicht gekonnt haben! Aber dazu ist kein Latein nötig! – Leb wohl, Gurli! Ich muss auf Wache, kommst Du mit?«

Sie blieb sitzen und schwieg. Da ging er allein, mit schweren, schweren Schritten, und der blaue Fjord schien ihm düster und die Sonne ohne Glanz.

»Pall, Pall, wo soll das hinaus,« sagte er zu sich selbst, als er am Kirchhof vorbeiging. »Ich wünschte, ich läge da im Schatten unter den Baumwurzeln, aber Ruhe fände ich gewiss nicht, wenn ich allein liegen müsste! Gurli! Gurli!«

*

»Jetzt geht's ganz schief, Schwiegermutter,« sagte der Kapitän eines Tages im Herbst, als er zu der alten Dame in der Sturegasse kam.

»Wie steht's denn, lieber Wilhelm?«

Der Kapitän klagte seine Not.

»Ja, ja, das ist ein schwerer Fall, lieber Wille, aber wir werden schon etwas ausfindig machen. Es ist doch nicht möglich, dass Du, grosser Mensch, so herumläufst, wie ein Junggeselle!«

»Ja, das meine ich eben auch!«

»Ich habe es ihr neulich ganz offen gesagt, wenn Du es so weiter treibst, bringst Du Deinen Mann dahin, dass er zu schlechten Mädchen geht.«

»Na, und was sagte sie darauf?«

»Sie sagte, das dürfe er immerhin, denn über seinen Körper könne jeder verfügen.«

»Sie auch, natürlich! Feine Theorien, muss ich sagen! Ich werde grau, Schwiegermama!«

»Es giebt ein gutes, altbewährtes Mittel, und das ist: sie eifersüchtig zu machen. Das pflegt eine Radikalkur zu sein, denn wenn noch Liebe vorhanden ist, dann kommt sie bei diesem Mittel sicher zum Vorschein.«

»O, vorhanden ist sie schon!«

»Ganz gewiss, denn die Liebe stirbt nicht so knall und fall; sie kann wohl im Lauf der Jahre etwas zernagt werden, wenn das überhaupt möglich ist. – Weisst Du, – mache Ottilien den Hof!«

»Den Hof machen? Der?«

»Versuche es nur! Giebt es nichts, was Du verstehst und was auch sie interessiert?«

»Na, – lass 'mal sehen! Augenblicklich haben sie es mit der Statistik! Gefallene Mädchen, ansteckende Krankheiten, Häu! Vielleicht könnte ich die Mathematik etwas aufs Tapet bringen, – die verstehe ich wenigstens.« »Na, siehst Du! Fange nur mit der Mathematik an, dann gehst Du dazu über, ihr den Shawl umzugeben und gelegentlich 'mal die Schuhe zuzuknöpfen. Dann begleite sie abends nach Hause, – trinke 'mal ein bisschen mit ihr und gieb ihr einen Kuss, so dass Gurli es sieht. Wenn's sein muss, dann kannst Du auch etwas zudringlich werden, – ih, – sie wird nicht böse drüber sein, glaube mir! Und vor allem immer viel Mathematik, möglichst so, dass Gurli nichts davon versteht, immer still dabei sitzen muss. – Und nach acht Tagen komm nur ja her und erzähle, wie es abgelaufen ist!«

Der Kapitän ging nach Hause, las schnell die letzten Broschüren über die Unsittlichkeitsfrage durch und schritt dann ans Werk.

Acht Tage später sass er vergnügt bei seiner Schwiegermutter und trank einen guten Sherry.

»Erzähle nur, erzähle,« sagte die alte Dame und schob die Brille in die Höhe.

»Ja, siehst Du, – anfangs war's nicht leicht, – denn sie war misstrauisch, sie dachte, ich wollte mich über sie lustig machen. Aber da fing ich davon an, was für einen kolossalen Einfluss die Wahrscheinlichkeitsrechnung in Amerika auf die Sittlichkeitsstatistik ausgeübt habe, das hatte geradezu Epoche gemacht! Soo? Das wusste sie nicht, und das reizte sie. Ich führte ein Beispiel an und bewies ihr mit Ziffern und Daten, dass man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit im Voraus berechnen könnte, wie viele Mädchen in einem bestimmten Zeitraum fallen würden. Das erstaunte sie! Nun sah ich, dass sie neugierig geworden war und sich für das nächste Zusammensein einen Triumph verschaffen wollte. Gurli war riesig froh, dass wir uns befreundeten, und trieb uns förmlich mit Gewalt zusammen. Sie schob uns in mein Zimmer und machte die Thür hinter uns zu, und da sassen wir nun den ganzen Nachmittag und rechneten. Sie selbst, die alte Schachtel, war ganz glücklich, mich endlich besiegt zu haben und nach drei Stunden waren wir Freunde. Beim Abendbrot fand meine Frau, dass so gute alte Freunde wie wir beide uns duzen müssten. Ich holte von meinem guten alten Sherry herauf, um das grosse Ereignis zu feiern, – und dann küsste ich sie mitten auf den Mund – Gott verzeih' mir meine Sünden. Gurli sah etwas erschrocken aus, wurde aber nicht böse. Sie war eitel Glück und Freude! Der Sherry war stark, und Ottilie war schwach. Ich half ihr beim Mantelanziehen und begleitete sie nach Hause, drückte auf der Steppsholmbrücke ihren Arm und erklärte ihr die ganze Sternkarte. Sie war begeistert! A–ach! Hatte den Sternhimmel von jeher so geliebt, aber nie die Namen der Sterne gelernt! Die armen Frauenzimmer lernten ja nichts! Sie schwärmte förmlich und wir trennten uns als die besten Freunde, die einander so lange, so lange verkannt hatten. Den Tag drauf noch mehr Mathematik. Wir sassen bis zum Abendbrot dabei. Gurli kam hin und wieder herein und nickte uns zu, und abends begleitete ich Ottilien wieder nach Hause. Aber auf dem Quai begegnete ich Kapitän Björn, mit dem ich ins Grand-Hotel ging und ein Glas Punsch trank. Heim kam ich erst um ein Uhr.

Gurli sass noch auf. ›Wo bist Du so lange gewesen, Wilhelm?‹ fragte sie.

Da fuhr der Teufel in mich und ich sagte: ›Wir haben so lange mit einander geplaudert, Ottilie und ich, dass ich ganz die Zeit vergessen habe.‹ – Das zog, sag' ich Dir!

›Ich finde es eigentlich nicht passend, des Nachts mit einem jungen Mädchen umherzuziehen,‹ sagte sie.

Ich that verlegen und sagte, wenn man sich viel zu sagen hätte, vergässe man leicht, was passend ist und was nicht.

›Über was habt Ihr denn gesprochen?‹ sagte Gurli und setzte ihre kleine Miene auf.

Ich konnte mich nicht recht besinnen – –

»Das war famos, mein Junge,« unterbrach ihn die alte Dame, – »nur weiter, weiter!«

»Am dritten Tage,« – fuhr der Kapitän fort, – »kam Gurli mit ihrer Handarbeit und setzte sich zu uns bis zum Schluss der Mathematikstunde. Das Abendbrot war nicht so munter wie sonst, dafür aber desto mehr astronomisch. Zuletzt half ich der alten Schachtel in die Überschuhe hinein, und das machte einen tiefen Eindruck auf Gurli die bloss die Backe hinhielt, als Ottilie sie zum Abschied küssen wollte. Zärtliches Armdrücken unterwegs und ein Gespräch über die Sympathie der Seelen und über die Heimat der Sterne und der Seelen. – Dann trank ich wieder Punsch im Grand-Hotel und kam um zwei Uhr nach Hause. Gurli sass noch auf, ich sah es wohl, aber ich ging direkt in mein Schlafzimmer, – ich bin ja jetzt Junggeselle, wie Du weisst, und Gurli schämte sich, hereinzukommen und zu fragen. Tags drauf Astronomie; Gurli erklärte, sie hätte grosse Lust, mit dabei zu sein, aber Ottilie sagte, wir wären schon zu weit fortgeschritten, – sie wolle Gurli erst die Anfangsgründe lehren. Gurli ging beleidigt hinaus. Zum Abendbrot reichlich Sherry. Beim Gesegnete-Mahlzeit-Sagen fasste ich Ottilie um die Taille und küsste sie. Gurli wurde blass. Beim Zuknöpfen der Überschuhe that ich so einen unvermuteten kleinen Griff, hm, hm, –«

»Geniere Dich nur nicht vor mir, Du, Wille,« sagte die Schwiegermutter, »ich bin eine alte Frau.«

»Hm, – nach der Wade hin, – gar nicht so übel übrigens, – wirklich gar nicht so übel, häu! – Aber als ich mir gerade den Überzieher anziehen will, – hast Du nicht gesehen, steht Lina da, bereit, das Fräulein zu begleiten, und Gurli erfindet für mich eine Entschuldigung, ich hätte mich am vorigen Abend erkältet und dürfte nicht wieder in die Nachtluft hinaus. Ottilie sah wütend aus und gab Gurli keinen Kuss.

Am nächsten Tage sollte ich Ottilien in der Schule astronomische Instrumente zeigen und erklären. Sie kam auch, war aber pikiert. Hatte zuerst Gurli aufgesucht, die unfreundlich gegen sie gewesen war. Konnte sich gar nicht erklären, weshalb. Als ich zu Tisch nach Hause kam, fand ich Gurli ganz verändert, kalt und stumm wie ein Fisch. Sie litt, das sah ich, aber nun musste das Messer 'rein!

›Was hast Du denn mit Ottilien gehabt? Sie war ja so verdriesslich?‹ fing ich an.

›Was ich mit ihr gehabt habe? Ich habe ihr gesagt, dass sie eine Kokette ist, – das haben wir mit einander gehabt.‹

›Wie konntest Du nur das sagen,‹ rief ich, – ›Du bist doch nicht etwa eifersüchtig?‹

›Ich? Eifersüchtig auf die?‹

›Ja, das sollte mich auch wundern, – denn einem so intelligenten verständigen Mädchen könnte es doch nie in den Sinn kommen, sich mit dem Mann einer andern einzulassen!‹

›Nein, (Jetzt kam es!) aber dem Manne einer andern könnte es wohl einfallen, sich mit einem beliebigen Mädchen einzulassen!‹ Huhuhuhu! Jetzt war es fertig. Ich verteidigte Ottilie so lange, bis Gurli ganz wild wurde. Und an diesem Nachmittag kam keine Ottilie. Sie schrieb einen pikierten Brief und entschuldigte sich; sie sähe, sie wäre überflüssig, schrieb sie. Ich protestierte und that, als wollte ich Ottilie holen, – aber da geriet Gurli ganz ausser sich. Sie wüsste ja, ich hätte mich in Ottilie verliebt, und sie, Gurli, sei mir gar nichts mehr, sie wüsste ja, sie wäre ein thörichtes Ding, das nichts verstände und zu nichts taugte, – und Mathematik, – huhuhuhu! die könnte sie nie lernen, das sähe sie deutlich! – Na, ich liess einen Schlitten holen, und so fuhren wir nach Lidingöbro. Da tranken wir Glühwein und assen ein famoses Frühstück, – es war wahrhaftig wie bei der Hochzeit, – und dann fuhren wir nach Hause.«

»Und dann?« fragte die Alte und guckte ihn über die Brille an.

»Dann? Hm! Gott verzeih' mir meine Sünden, – ich habe sie verführt, regulär verführt, bei Gott und meiner Ehre! – Was sagst Du dazu, Schwiegermama?«

»Da hast Du sehr recht gethan! Und nun?«

»Ach, jetzt ist alles gut, – all right, – und nun sprechen wir von Kindererziehung und der Befreiung des Weibes von allerhand dummem Zeug, Romantik etc., – aber wir sprechen zu zweien, und da versteht man einander schon am besten, nicht wahr?«

»Gewiss, Herzenskinder, – und jetzt komme ich auch bald 'mal wieder und sehe nach Euch.«

»Thu das nur, Mamachen, – da sollst Du wieder sehen, wie die Puppen tanzen und die Lerchen singen und zwitschern, und wie lustig und hübsch es bei uns ist, weil keiner herumgeht und auf ›das Wunderbare‹ wartet, was es doch nur in Büchern giebt, nicht wahr? – Da wirst Du 'mal ein richtiges Puppenheim zu sehen bekommen, sag' ich Dir.«

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