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Ehestandsgeschichten

August Strindberg: Ehestandsgeschichten - Kapitel 3
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authorAugust Strindberg
titleEhestandsgeschichten
publisherGeorg H. Wigand's Verlag
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Brot

.

Er war Assessor im Handelsamt mit 1200 Kronen Gehalt. Er hatte ein junges Mädchen ohne Vermögen geheiratet, aus Liebe, wie er selbst sagte, um sich nicht mehr auf Bällen und auf den Strassen herumtreiben zu müssen, meinten seine Freunde.

Mochte es nun sein, wie es wollte, jedenfalls lebte das Paar anfangs sehr glücklich zusammen.

Wie billig lebt es sich doch, wenn man verheiratet ist! rief er eines Tages bald nach der Hochzeit aus. Dieselbe Summe, mit der er nur knapp seine Junggesellenwirtschaft hatte bestreiten können, reichte jetzt für sie beide aus. Es ist doch eine ausgezeichnete Erfindung, die Ehe, alles hat man innerhalb seiner vier Wände, Schlafstelle, Kneipe, Restaurant, – alles! Keine Kellnerrechnungen mehr, keine Trinkgelder, kein neugieriger Portier, wenn man früh morgens mit seiner Frau am Arm ausgeht.

Das Leben lachte ihn an, er fühlte seine Kräfte wachsen, und er arbeitete für drei. Niemals vorher hatte er sich so voll überschäumender Lebenskraft gefühlt, des Morgens war er mit einem Sprunge aus dem Bett, und seine Laune war vorzüglich, er war wie verjüngt.

Nach zwei Monaten, ehe die Langeweile sich einschleichen konnte, machte ihm seine Frau eine gewisse vertrauliche Mitteilung. Neue Freude, neue Sorgen, aber so leicht zu tragen! Es wurde notwendig, seine Einkünfte etwas zu vermehren, um den neuen Weltbürger würdig empfangen zu können. Er verschaffte sich Übersetzerarbeit. – Kleine niedliche Kleidungsstücke lagen überall auf den Möbeln verstreut, die Wiege stand und wartete im Entree und eines Tages kam der Kleine frisch und munter in dieser Welt der Sorgen an.

Der Vater war entzückt, obschon er sich eines gewissen ängstlichen Gefühls beim Gedanken an die Zukunft nicht erwehren konnte. Ausgaben und Einnahmen wollten nicht mehr so recht stimmen, es wurde unumgänglich nötig, sich mit der Toilette etwas einzuschränken. Der schwarze Gehrock fing an, etwas zu glänzen, und die Chemisetts mussten unter einem langen Schlips versteckt werden. Die Hosen waren unten herum etwas faserig, was von seinen Kollegen mit einigem Naserümpfen bemerkt wurde. Er musste seinen Arbeitstag eben noch verlängern.

»Jetzt dürfen vorläufig keine Kleinen mehr kommen,« dachte er bei sich; aber wie stellt man das an? Das wusste er nicht.

Drei Monate später teilte ihm seine Frau mit, dass seine Vaterfreuden sich binnen einiger Zeit verdoppeln würden. Er war nicht sonderlich erfreut über diese Nachricht, aber es half nun nichts, man musste sich durchbeissen, obschon sich das Verheiratetsein als eine nichts weniger als billige Sache herausstellte.

Aber lass sehen, – dachte er und sah etwas froher aus, – der Jüngere erbt dann Hemdchen und Windeln von dem Älteren, nicht wahr? Auf diese Weise kostet es nichts, und schliesslich – müssen sie eben leben, der eine wie der andre.

So wurde er also zum zweitenmale Vater.

»Das geht ja bei Dir mit vollen Segeln,« sagte einer seiner Kollegen, der schon einige Zeit verheiratet war, aber nur ein Kind hatte, zu ihm.

»Ja, in Teufels Namen, – was soll man denn machen?«

»Man soll vernünftig sein!«

»Vernünftig! Hör 'mal, mein Bester, – man heiratet doch, um – na, ich meine, nicht einzig und allein, – aber doch immerhin, um – na, mit einem Wort, – wir sind nun einmal verheiratet, da ist die Sache doch klar.«

»Nicht so ganz, die Sache hat eine andre Seite, mein Lieber. Wenn Dir daran liegt, befördert zu werden, dann musst Du gute, steife Vorhemden tragen und Deine Hosen dürfen unten nicht ausgefranzt sein und ins Rötliche spielen.

Und der Freund flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr.

So war denn der arme Ehemann auf halbe Ration gesetzt, und nun fing die Misere an.

Zuerst gab es überreizte Nerven, schlaflose Nächte, Mattigkeit und Arbeitsunfähigkeit bei Tage. Und dann der Arzt, drei Kronen für jedes Rezept, und was für ein Rezept, Du grosser Gott! Er durfte sich nicht zu sehr anstrengen. Er hatte zu viel gearbeitet, das Herz zu sehr überanstrengt. Aber nichts thun, das bedeutet den Untergang für alle! Und Arbeiten, das bedeutete auch den Untergang.

Und er arbeitete!

Eines Tages, als er im Bureau sass, über die endlosen Zahlenkolonnen gebeugt, bekam er einen Schwindelanfall und stürzte zu Boden.

Besuch beim Spezialisten: 18 Kronen. Neue Ordination: Urlaub nehmen wegen Kränklichkeit, jeden Morgen einen tüchtigen Ritt und zum Frühstück Beefsteaks mit einem Glase guten Portweins.

Reiten und Portwein!

Aber was das schlimmste war, eine gewisse Kälte gegen die geliebte Frau begann in ihm aufzusteigen, er wusste nicht, woher das kam. Er fürchtete sich, ihr nahe zu kommen, und doch sehnte er sich nach ihr; er liebte sie, – er liebte sie, aber dieses Gefühl war mit einer gewissen Bitterkeit gemischt.

»Du magerst ab, –« sagten seine Kollegen zu ihm.

»Ja, ich glaube wirklich, ich bin magerer geworden,« sagte der arme Ehemann.

»Ich wollte Dir das schon immer sagen,« meinte ein anderer. »Du spielst falsches Spiel, alter Junge!«

»Ich verstehe kein Wort davon.«

»Ja, – solche halbe Geschichte, – wenn man verheiratet ist, ich möchte nur sagen, ich warne Dich, lieber Freund.«

»Ich verstehe Dich weiss Gott noch immer nicht!«

»Es geht nicht an auf die Dauer, sich gegen den Wind zu steifen, sag' ich Dir. Nein, – frisch losgesegelt, und Du wirst sehen, dass Du wieder gesund wirst. Glaub' mir, ich kenne das. Du verstehst mich doch?«

Der Assessor steckte den guten Rat ein, aber er wusste wohl, dass die Einnahmen sich nicht im Verhältnis zur Kinderschar vermehren. Jedenfalls war er jetzt ganz und gar überzeugt, dass hier der Grund zu seiner Krankheit lag.

Indessen war der Sommer gekommen. Die Familie war aufs Land gezogen. Eines schönen Abends ging das Ehepaar zu zweien den Strand entlang auf einem von Erlen beschatteten Wege. Still und niedergeschlagen setzten sie sich ins Gras. Er war schweigsam und es war ihm schlimm zu Mut; düstre Gedanken arbeiteten in seinem gequälten Gehirn. Das Leben erschien ihm wie ein Abgrund, der sich aufthat, um alles, was er liebte, zu verschlingen.

Sie fingen an, davon zu sprechen, dass er wohl bald seine Stellung verlieren würde; der Chef hatte es nämlich schon übel vermerkt, dass er von neuem um Urlaub hatte bitten müssen. Er beklagte sich über das Benehmen seiner Kollegen. Er fühlte sich von allen verlassen und litt bei dem Gedanken, dass auch sie seiner überdrüssig werden könnte.

Ach nein, – nein, sie liebte ihn gewiss ebensosehr wie in den ersten glücklichen Tagen ihrer jungen Ehe. Konnte, er daran zweifeln?

Nein, – das konnte er nicht, aber er hatte so sehr viel gelitten, er fühlte sich gar nicht mehr Herr über seine Gedanken. Und er verbarg sein glühendes Gesicht an ihrem Halse, schlang den Arm um sie und bedeckte dann ihre Augen mit heissen Küssen.

Die Mücken tanzten in grossen Schwärmen ihren Hochzeitstanz um die Birke, ohne sich um die tausend Kleinen zu kümmern, die sie in diesen seligen Stunden ins Dasein riefen. Im Wasser spielten sorglos die Fische und in der Luft die Schwalben, die sich im Fluge küssten, ohne Furcht vor den Folgen ihrer illegitimen Verbindungen.

Plötzlich sprang er auf und reckte sich wie nach einem schweren Schlaf mit bösen Träumen, während er in tiefen Zügen die laue Luft einatmete.

»Was ist Dir?« fragte seine Frau tief errötend.

»Ich weiss nicht, – ich weiss nur, dass ich wieder lebe, wieder atme!«

Und strahlend, mit verklärten Zügen und glänzenden Augen streckte er seine starken Arme nach ihr aus, hob sie hoch wie ein Kind und drückte einen Kuss auf ihre Stirn. Seine Muskeln schwollen wie bei einem antiken Gott, sein Körper richtete sich stolz auf, und wie berauscht von Glück und Lebenskraft trug er seine liebe Last bis zu dem Fusspfade hin, auf den er sie niedersetzte.

»Du verhebst Dich, Liebster,« sagte sie abwehrend, während sie sich vergebens bemühte, aus seiner Umarmung loszukommen.

»Ach bewahre, ich könnte Dich bis zum Ende der Welt tragen, – und ich will Euch alle tragen, soviel Ihr da seid, oder vielmehr,« – fügte er hinzu, – »soviel Eurer noch werden.«

Und voller Freude wanderten sie Arm in Arm heim.

»Wenn alles zu allem kommt, Liebling, muss man gestehen, dass es ganz leicht ist, den Abgrund zu überspringen, der Körper und Seele trennt.«

»Ach, wie Du sprichst!«

»Hätte ich das nur früher gewusst, dann wäre ich nicht so unglücklich gewesen. O, diese Idealisten!«

Und sie gingen ins Haus.

Die guten alten Zeiten fingen wieder an, und diesmal schienen sie dauerhafter zu sein. Der Mann ging wieder auf sein Bureau und der alte Liebesfrühling lebte noch einmal wieder auf.

Kein Doktor mehr und die Laune immer Ia.

Nach der dritten Taufe fängt er aber doch wieder an, die Sache bedenklich zu finden und dasselbe »falsche Spiel« zu spielen mit denselben Folgen. Der Doktor, – Urlaub, – Reiten und Portwein trinken! Man musste ein Ende machen, das Defizit im Budget machte sich immer mehr geltend.

Gänzlich erschöpft, die ganze Nervenmaschine in Unordnung gebracht, sah er sich endlich genötigt, der Natur ihren Gang zu lassen, – und wieder stiegen die Ausgaben und sanken die Einnahmen.

»Die Wahrheit zu gestehen, liebes Kind, – haben wir wieder genau dieselbe Geschichte wie damals,« sagte er.

»Bis zu einem gewissen Punkte, ja, Liebster,« sagte das arme Wesen, auf der neben den Mutterpflichten noch der grösste Teil der Hausarbeit lastete.

– – – Nach dem vierten Wochenbett wurde es ihr zu schwer, und man sah sich gezwungen, ein Kindermädchen zu nehmen.

»Jetzt ist es aber genug,« sagte der unglückselige Ehemann, – »jetzt machen wir einen Strich.«

Die Grundpfeiler des Hauses begannen zu schwanken, die Armut starrte sie an.

Und mit 30 Jahren, in dem blühendsten Alter, wo alle Blumen Anspruch auf Befruchtung haben, sahen sich die jungen Eheleute zu einem traurigen, schmählichen Cölibat verdammt.

Der Mann wurde übellaunig, bekam eine fahle Gesichtsfarbe und erloschene Augen. Die üppige Schönheit seiner Frau welkte hin, ihr kräftiger Busen sank ein, und sie hatte all die Leiden einer Mutter auszustehen, die ihre Kinder schlecht genährt und schlecht gekleidet sieht.

Eines Tages stand sie am Herde und briet Hering, als eine Nachbarin zu ihr kam, um etwas zu plaudern.

»Wie geht's Ihnen denn,« fragte sie.

»Danke, so ziemlich. Und wie geht's Ihnen selbst?«

»Ach, ich bin recht bedrückt! Es ist keine schöne Sache, verheiratet zu sein, wenn man auf Schritt und Tritt auf seiner Hut sein muss.«

»Glauben Sie etwa, es geht Ihnen allein so?«

»Ah – –?«

»Wissen Sie, was er einmal zu mir gesagt hat? Man muss die Zugtiere schonen, hat er gesagt, – aber ich leide dabei, das können Sie mir glauben! Ja, es ist fein, das Verheiratetsein; – einer von beiden muss das erfahren, das kommt auf eins heraus, er oder sie.«

»Oder auch alle beide!«

»Es scheint aber in der Sache nichts zu machen zu sein.«

»Und die Gelehrten, die sich auf öffentliche Kosten gütlich thun? was machen die?«

»Die Gelehrten, – ja, – die haben anderes zu denken, und ausserdem gilt es ja auch für unpassend, über solche Sachen zu schreiben, man könnte sie ja nicht laut lesen.«

Und nun fangen die beiden Frauen an, einander ihre trüben Erfahrungen mitzuteilen.

– – Im nächsten Sommer mussten sie in der Stadt bleiben; ihre Parterrewohnung lag in einer engen Gasse, die Fenster gingen grade auf den Rinnstein hinaus, der so schlecht roch, dass man kaum lüften konnte.

Die Hausfrau sitzt und näht in demselben Raum, wo die Kinder spielen; der Mann, der seine frühere Stellung verloren hat, sitzt mit seiner Abschreibearbeit nebenan und brummt über den Lärm, den die Kinder machen. Man ruft sich durch die Thür bittre Worte zu. – – –

– – – Es ist Pfingstsonntag, Nachmittag. Der Mann liegt auf dem alten Ledersopha und betrachtet durch die Scheiben ein gegenüberliegendes Fenster. Er sieht dort ein Mädchen, die wegen ihres schlechten Lebenswandels berüchtigt ist, stehen und sich für den Abendspaziergang putzen. Neben ihrem Toilettenspiegel steckt ein Fliederzweig, darunter liegen zwei Apfelsinen. Ohne sich um neugierige Blicke zu kümmern, schnürt sie ihr Leibchen über der festen Brust zusammen.

»Das ist gar kein so schlechter Lebenswandel, den die da führt,« sagte der zum Cölibat Verurteilte bei sich selbst, indem er plötzlich zornig aufloderte. »Man lebt doch nur einmal.«

Seine Frau, die in diesem Augenblick ins Zimmer trat und seine Blicke auffing, bemerkte sofort das Ziel derselben. Es flammte in ihren Augen auf, der letzte Funke einer ausgebrannten Liebe, die unter der Asche glimmt und die Form einer flüchtigen Eifersucht annimmt.

»Meinst Du nicht, wir sollten mit den Kindern etwas in die Anlagen gehen?« fragte sie.

»Um unser Elend öffentlich auszustellen, ja? Danke bestens.«

»Aber hier drin ist es so heiss, ich werde die Gardinen zuziehen.«

»Mache doch lieber das Fenster auf.«

Er errät die Gedanken seiner Frau und steht auf, um es selbst zu thun. Draussen auf der Kante des Trottoirs sitzen seine vier Kleinen ganz nahe bei dem einen Abflussrohr. Sie stampfen in dem trocknen Rinnstein herum und spielen mit Apfelsinenschalen, die sie irgendwo aufgelesen haben. Er empfindet einen Stich im Herzen und das Weinen steckt ihm in der Kehle; aber die Armut hat ihn stumpf gemacht, so dass er mit gekreuzten Armen unthätig stehen bleibt.

Plötzlich quellen zwei schmutzige Ströme aus der Kloakenröhre und überschwemmen den Rinnstein und die Füsse der Kinder, die, halb erstickt von dem entsetzlichen Gestank, zu schreien anfangen.

»Zieh' die Kinder zum Ausgehen an, aber schnell!« ruft er, ganz verzagt bei dem trübseligen Anblick, seiner Frau zu. –

Der Vater schob den Korbwagen, in dem das Kleinste lag, während die Mutter die anderen bei der Hand führte. Sie kamen nach dem gewöhnlichen Ziel ihrer Spaziergänge, dem St. Clara-Kirchhof, dessen dunkelstämmige Linden in üppigem Laube grünten, als mästeten sie sich von den Leichen, über denen sie wuchsen. Die Armenhäuslerinnen gingen scharenweise zum Abendgottesdienst und setzten sich in die leergewordenen Bänke der reichen Leute, die ihre Seele im Hauptgottesdienst erquickt hatten und sich jetzt im königlichen Tiergarten auf Gummirädern schaukelten.

Das Ehepaar setzte sich auf eine Bank, neben sich den Kinderwagen, in dem das Kleinste an seiner Flasche saugte. Die andern Kinder setzten sich auf die grossen flachen Grabsteine, die mit Wappen und Inschriften geschmückt waren. Zwei Hunde, halbversteckt im hohen Grase, gaben sich beim Klange der Glocken ihren Frühlingsgefühlen hin.

Ein junges, elegantes Ehepaar, das ein kleines, in Seide und Spitzen gekleidetes Mädchen an der Hand führte, kam vorbei. Der arme Abschreiber erkannte einen seiner früheren Kollegen aus der Handelskammer. Der that, als sähe er ihn nicht. Da stieg ein Gefühl des Neides in ihm auf, so heftig und bitter, dass er sich durch dieses sogenannte unedle Gefühl mehr gedemütigt fühlte, als durch seine beklagenswerte Lage. Gönnte er denn dem andern die Stelle nicht, die er selbst gern gehabt hätte? Gewiss nicht. Vielleicht war auch sein Neid nur die Kehrseite seines Gerechtigkeitsgefühls und sein Leiden um so tiefer, als er wusste, dass es von einer ganzen Klasse von Enterbten geteilt wurde. Er war überzeugt, dass die elenden Armenhausweiber, die da unter dem Joch der kommunalen Wohlthätigkeit einhergingen, seine Frau beneideten, und es war keine Frage, dass viele dieser hochwohlgeborenen Verstorbenen, die hier unter pomphaften Inschriften ruhten, ihn um seine Kinder beneidet haben würden, sie, die ohne Erben für ihr Majorat aus dem Leben gehen mussten. Gewiss fehlt es in jedem Leben an etwas, aber warum sollen die fetten Bissen gerade immer denen zufallen, denen es so schon gut geht, – wie kommt es, dass die grossen Gewinne immer auf diejenigen treffen, die schon viel haben. Die Enterbten müssen sich mit der Kirche, dem Abendgottesdienst begnügen.

Aber der gute und gerechte Gott, der die Gaben so ungleich verteilt hat? Wäre es nicht besser, gut zu leben ohne einen schlechten Gott, der überdies noch aufrichtig genug war, zuzugestehen, dass »der Wind bläst von wannen er will«, und damit zugab, dass er sich wenig um unsere Angelegenheiten bekümmert. Aber doch, – ohne Kirche kein Trost. Und wozu Trost? Wäre es nicht besser, sich so einzurichten, dass man keines Trostes bedürfte?

In diesen Grübeleien unterbrach ihn sein ältestes Töchterchen mit der Bitte um ein Lindenblatt, das sie ihrer Puppe als Schirm geben wollte. Aber der Vater war kaum auf die Bank gestiegen, um einen kleinen Zweig zu pflücken, als ein Polizist erschien und mit barscher Stimme bemerkte, es sei verboten, die Bäume anzurühren. Neue Demütigung! Und zugleich bat der Polizist, darauf zu achten, dass die Kinder nicht auf die Grabsteine träten, denn das wäre gleichfalls verboten.

»Es ist am besten, wir gehen nach Hause,« sagte der unglückliche Mann empört. »Wie viel Umstände macht man sich für die Toten, und wie wenig für die Lebenden!«

Und sie gingen nach Hause.

Der Mann setzte sich an seine Arbeit. Er hatte das Manuskript zu einer akademischen Vorlesung abzuschreiben, die von der Übervölkerung handelte.

Er konnte es nicht lassen, sich für den Inhalt zu interessieren, und fing an, das Heft zu lesen.

Der junge Autor, der der sogenannten ethischen oder Frauenzimmerschule angehörte, predigte gegen das Laster.

»Was für ein Laster?« fragte sich der Abschreiber. Dasselbe, kraft dessen wir alle zur Welt gekommen sind, dasselbe, welches bei der Trauung gepredigt wird mit den Worten: »Seid fruchtbar und mehret Euch.«

Und der junge Autor fuhr fort: Ausserhalb der Ehe wäre die Vermehrung der Menschheit ein unglückbringendes Laster, in der Ehe dagegen wäre es Pflicht, seinen Neigungen freien Lauf zu lassen, u. s. w.; u. s. w.

Und all diese Albernheiten musste er mit seiner schönsten Schrift ins Reine schreiben.

Eine solche Menge Moral und kein Wort der Aufklärung!

Zum Schluss schrie der junge Philosoph sich heiser über das Thema, wie der enorme Vorrat an Weizen der beste Beweis dafür sei, dass es keine Übervölkerung gäbe, und dass die Theorie des Neumalthusianismus falsch und zugleich verbrecherisch sei, verbrecherisch sowohl vom Standpunkt des bürgerlichen Gesetzes als von dem der Moral.

Und der unglückliche Familienvater, der schon seit mehreren Jahren kein gutes Weizenbrot mehr gegessen hatte, stand auf, um den Kindern mit gutem Beispiel voran zu gehen und die grobe Roggengrütze mit bläulicher Milch herunter zu schlingen, mit der sie sich allabendlich den Leib vollschlugen, ohne sich sonderlich satt zu fühlen.

Das war bitter – – –. Nicht die Wassergrütze, das war nicht das Schlimmste, aber die gute Laune, diese Zauberfee, die den grauen Roggen in hellen Weizen umzuwandeln verstand, und die allmächtige Liebe mit ihrem Füllhorn, – – – die waren fort, verdunstet, verflüchtigt, Tropfen für Tropfen. Die Kinder erschienen nur als eine Last, und die geliebte Frau war jetzt ein versteckter Feind, verachtet und verachtend.

Und die Quelle all dieser Misere? Der Mangel an Brot. Und zu derselben Zeit stürzte in der Neuen Welt ein grosses Handelshaus zusammen unter dem allzu reichlichen Weizenangebot.

Eine Welt von Widersprüchen!

Die Wissenschaft, die heute die Stelle der Religion einnimmt, hat keine Antwort auf all diese Fragen; sie konstatiert Thatsachen und lässt es ruhig geschehen, dass die Kinder vor Hunger sterben und die Eltern vor Durst.

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