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Ehestandsgeschichten

August Strindberg: Ehestandsgeschichten - Kapitel 2
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authorAugust Strindberg
titleEhestandsgeschichten
publisherGeorg H. Wigand's Verlag
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Herbst

.

Seit zehn Jahren waren sie verheiratet. Glücklich? Nun, so glücklich, wie es die Umstände erlaubten. Sie hatten alle beide schwer gezogen, wie zwei gleich starke Pferde, von denen jedes in seinen Sielen geht.

Im ersten Jahr wurden natürlich eine Menge von Illusionen über die Ehe als einen Zustand absoluter Seligkeit zu Grabe getragen; im nächsten Jahr kam das Kind, und nun liess ihnen die Mühsal des Lebens nicht mehr viel Zeit zu Grübeleien übrig.

Er war sehr häuslich, vielleicht etwas allzusehr, und hatte in der Familie seine kleine Welt gefunden, deren Mittelpunkt er war; die Kinder waren die Radien, und die Frau suchte auch auf eigene Hand ein Mittelpunkt zu sein, – wenn auch nie im eigentlichen Centrum, da sass der Mann.

Jetzt nach zehnjähriger Ehe bekam der Mann eine Anstellung als Sekretär bei der Gefängnisinspektion und musste eine Reise machen. Das gab seinen häuslichen Gewohnheiten einen Stoss, und er empfand wirkliche Unlust bei dem Gedanken, einen ganzen Monat lang von seinem Heim getrennt zu sein. Er wusste nicht recht, ob es die Frau war, oder die Kinder, die er am meisten vermissen würde, – vielleicht alle zusammen.

Am Abend vor der Abreise sitzt er auf seinem Sofa und sieht zu, wie seine Frau ihm den Koffer packt. Sie kniet auf der Diele und legt seine Wäsche hinein. Dann staubt sie den schwarzen Anzug ab und faltet ihn sorgsam zusammen, damit er einen möglichst geringen Platz einnimmt. Er versteht sich auf so etwas ja doch nicht. Sie hat sich niemals als seine Dienerin betrachtet, kaum als seine Frau, – sie war Mutter, für die Kinder und für ihn. Sie fühlte sich niemals gedemütigt, wenn sie seine Strümpfe stopfen musste, und begehrte keinen Dank dafür, sie fand auch nie, dass er deswegen in ihrer Schuld stand, sie wusste ja, dass er ihr dafür neue Strümpfe verschaffte und noch vieles andre, was sie sich sonst mühsam und schwer ausser dem Hause hätte verdienen müssen, während ihre Kinder allein zu Hause bleiben müssten.

Er sass in der Sofaecke und sah ihr zu. Jetzt, wo der Abschied näher kam, fing er schon fast an, sie im Voraus zu vermissen; er betrachtete ihre Figur. Die Schulterblätter traten etwas hervor, und der Rücken war ein wenig gebeugt von der Arbeit über der Wiege, über dem Herde und über dem Plättbrett. Er war auch gebeugt von dem vielen Sitzen am Schreibtisch, und für seine Augen hatte er schon eine Brille nehmen müssen, aber jetzt dachte er wahrhaftig nicht an sich. Er sah, dass ihr Haar dünner geworden war und an einzelnen Stellen ein ganz klein wenig ins Graue spielte. War er es, für den sie ihre Frische und Schönheit hingegeben hatte, er allein? Nein, für die ganze kleine Gemeinde, die sie bildeten; denn sie hatte ja auch für sich selbst gearbeitet. Und sein Haar war ja auch dünner geworden in dem Kampfe um den Unterhalt für sie alle. Er hätte vielleicht mehr von seiner Jugend gehabt, wenn nicht so viele Münder dagewesen wären, wenn er allein gelebt hätte, aber er wollte um keinen Preis einsam sein!

»Es wird Dir ganz gut thun, etwas herauszukommen,« sagte die Frau, – »Du hast schon viel zu lange zu Hause gehockt.«

»Du bist froh, dass Du mich ein bisschen los wirst,« entgegnete er, nicht ohne Bitterkeit, »aber ich werde Euch schon vermissen.«

»Du bist wie die Hauskatze, Du vermissest Deinen warmen Winkel, – aber mich wirst Du wohl schwerlich sehr vermissen.«

»Und die Kinder?«

»Ja, wenn Du fort bist, – aber zu Hause schiltst Du über sie, – aber nein, lieb hast Du sie wohl, glaube ich, – ich will auch nicht ungerecht sein.«

Beim Abendbrot war er in weicher Stimmung und das Herz war ihm ganz schwer. Er legte die Abendzeitung ungelesen fort und suchte ein Gespräch mit seiner Frau anzuknüpfen; aber sie war so von sorglichen Gedanken erfüllt, hatte so viel vorzubereiten und zu überlegen, dass sie nicht viel Zeit zum Plaudern fand, und ausserdem hatten sich ihre Gefühle wohl auch etwas abgenutzt während der zehnjährigen Kampagne in Küche und Kinderstube.

Er war gerührt, mehr als er merken lassen wollte, und die Unordnung im Zimmer versetzte ihn in Unruhe. Er sah Bruchstücke seines täglichen Lebens, seiner Existenz, in wüstem Durcheinander auf Stühlen und Tischen liegen, und der offene, schwarze Koffer gähnte ihn an wie ein Sarg, weisses Leinen schmiegte sich um schwarze Kleider, die noch die Spuren seiner Kniee und Ellbogen trugen, und ihm war, als sähe er sich selbst im steifen, weissen Totenhemde daliegen, bereit, mit dem Deckel fest über sich, hinausgetragen zu werden.

Am Tage darauf, einem Augustmorgen, sprang er hastig aus dem Bett, kleidete sich an und war sehr nervös. Er ging hin und küsste alle Kinder, die sich schlaftrunken die Augen rieben, dann umarmte er seine Frau, setzte sich in eine Droschke und fuhr zur Bahnstation. Die Fahrt, mit seinem Vorgesetzten zusammen machte ihm Freude, und er fand es jetzt wirklich ganz gut, einmal herauszukommen. Sein Heim lag hinter ihm wie eine muffige Schlafstube, und er war ganz vergnügt und guter Dinge, als sie in Linköping ankamen.

Den Rest des Tages brachte er auf einem »Gefängnisdiner« in dem grossen Hotel zu, wo viel getrunken und auf das Wohl des Landeshauptmanns angestossen wurde, aber nicht auf das der Gefangenen, die doch sozusagen den Zweck der Reise ausmachten.

Aber dann kam der Abend und sein einsames Zimmer. Ein Bett, zwei Stühle, ein Tisch, eine Kommode und zwei Stearinlichter, die ihren feuchten Schein auf die nackten Tapeten warfen.

Dem Sekretär wurde ängstlich zu Mut, ihm fehlte alles! Nichts war da! Pantoffeln, Schlafrock, Pfeifenrohr, Schreibtisch; alle diese kleinen Dinge, die für ihn notwendige Bestandteile des Lebens waren. Und dann die Kinder und die Frau! Wie mochte es ihnen nur gehen? Ob sie gesund waren? Er wurde unruhig und seine Stimmung verdüsterte sich. Als er seine Uhr aufziehen wollte, war der Schlüssel nicht zu finden. Ach ja, der hing zu Hause auf dem kleinen Ständer, den ihm seine Frau als Braut gestickt hatte. Er legte sich zu Bett und zündete eine Cigarre an; aber er musste noch einmal auf und sich ein Buch heraussuchen. Alles lag so fein ordentlich im Koffer, dass es ihm förmlich leid that, alles auseinander zu reissen. Und wie er so kramte, fand er die Pantoffeln. Nein! sie hatte doch wirklich an alles gedacht; und auch das Buch fand er! Aber er las nicht mehr darin. Er lag und dachte an die Vergangenheit, an seine Frau, während der ganzen letzten Jahre. Und dann trat ihr Bild aus vergangenen Zeiten vor ihn hin, und ihr jetziges Bild verschwamm in dem bläulichen Rauch seiner Cigarre, der in Kreisen nach der regenfleckigen Decke emporstieg. Er fühlte sich grenzenlos einsam. Jedes harte Wort, das zwischen ihnen gefallen war, schnitt ihn ins Herz, und er bereute jede bittre Stunde, die er ihr bereitet hatte. Endlich schlief er ein.

Am folgenden Tage Arbeit und wieder Diner mit Toasten auf den Direktor, aber immer noch nicht auf die Gefangenen. Am Abend Kälte, Leere, Einsamkeit. Er empfand das Bedürfnis, mit seiner Frau zu plaudern, er suchte Papier heraus und setzte sich an den Tisch. Schon bei dem ersten Federzuge stutzte er. Wie sollte er anfangen? »Liebe Mama«, schrieb er jedesmal, wenn er ihr auf einem Zettelchen mitteilte, dass er ausser dem Hause essen wollte. Aber jetzt war es nicht die »Mama«, an die er schrieb, sondern seine alte Braut, seine Geliebte. So schrieb er denn »Lilli, meine Geliebte«, ganz wie früher. Zu Anfang ging es schwer, denn all die schönen Worte von früher waren durch die trockne, schwere Alltagssprache verdrängt worden. Aber bald wurde er warm, und nun stiegen sie alle wieder empor, wie vergessene Melodieen. Walzertakte und Romanfragmente, Fliederbüsche und Schwalben; Abendstunden bei Sonnenuntergang auf spiegelglattem Wasser. Alle Frühlingserinnerungen des Lebens kamen hervor wie Sonnenstrahlen aus Wolken, und alle gruppierten sich um sie. Ganz unten am Rande machte er einen Stern, wie Liebende zu thun pflegen, und schrieb, – ganz wie früher, – die Worte daneben: »küsse dort hin!« Als er zum Schluss seinen Brief durchlas, fühlte er, wie sein Gesicht glühte, – er war förmlich verlegen, er wusste nicht recht, weshalb. Aber ihm war zu Mut, als gäbe er seine innersten Gefühle preis, ohne rechtes Verständnis dafür zu finden.

Er sandte jedoch den Brief ab.

Es vergingen ein paar Tage, ehe die Antwort kam, und bis dahin ging er in unruhiger Wartestimmung umher und fühlte sich so sonderbar beschämt und bedrückt.

Aber endlich kam die Antwort, er hatte den rechten Ton getroffen, und aus Küchen- und Kinderlärm hervor stieg ein klarer, schöner Gesang, – warm und rein wie die erste Liebe.

Und nun begann ein Austausch von Liebesbriefen. Er schrieb jeden Abend, und dazwischen schickte er noch hin und wieder ein Kärtchen ab. Seine Kollegen kannten ihn gar nicht wieder. Er fing nämlich an, sich sorgfältiger zu kleiden und überhaupt mehr auf sein Äusseres zu geben, so dass er in Verdacht kam, eine kleine Liebelei angeknüpft zu haben. Und er war wirklich von Neuem verliebt. Er schickte ihr seine Photographie ohne Brille, und sie ihm ein Löckchen von ihrem Haar. Sie wurden etwas kindisch in ihren Ausdrücken und er schaffte sich sogar rosa Briefpapier an, mit Tauben darauf. Aber sie waren ja auch noch verhältnismässig junge Menschen, und nur die Last des Lebens war schuld, dass sie sich alt fühlten. Er hatte sie auch im letzten Jahre etwas vernachlässigt, nicht eigentlich aus Kälte, sondern aus einer eigentümlichen Ehrfurcht heraus: er sah in ihr immer nur die Mutter der Kinder.

Die Reise näherte sich dem Ende, und nun erfüllte ihn eine gewisse Unruhe beim Gedanken an das Wiedersehen. Er hatte mit der Geliebten korrespondiert, würde er sie in der Mutter und Hausfrau wiederfinden? Er fürchtete sich vor einer Enttäuschung bei der Heimkehr. Er wollte sie nicht in der Küchenschürze finden, mit ein paar Kindern an den Rockfalten, wenn er sie zum ersten Mal wieder umarmte. Sie mussten sich an irgend einem andern Ort treffen, allein. Vielleicht konnte sie ihm nach Vaxholm entgegenkommen, in das kleine Wirtshaus, wo sie als Brautleute so viele frohe Stunden verlebt hatten? Das war eine Idee. Dort wollten sie sich treffen, und zwei Tage dableiben und der Erinnerung leben. Er setzte sich hin und machte ihr diesen Vorschlag in einem langen, glühenden Briefe, auf den sie umgehend bejahend antwortete, glücklich darüber, dass er auf denselben Gedanken gekommen war, den sie schon lange gehabt hatte.

Zwei Tage später war er in Vaxholm und brachte im Gasthause das Zimmer in Ordnung. Es war ein schöner Septembertag. Er ass sein Mittag einsam in dem grossen Saal, trank ein Glas Wein und fühlte sich wieder jung. Ihm war so leicht und froh zu Mute. Da draussen funkelte der blaue Fjord, und die Birken am Strande leuchteten in goldenem Gelb. Draussen in dem Gärtchen standen die Dalien noch in voller Blüte und von den Rabattenrändern her duftete das Reseda. Hin und wieder kam noch eine Biene zu den trocknen Kelchen und flog enttäuscht wieder davon. Draussen auf dem Wasser strichen die Segel hin und her und blitzten bei jeder Drehung auf, und die Möven flogen kreischend in grossen Bogen um die Strömlingsfischer herum, die in ihren Booten sassen.

Er trank seinen Kaffee auf der Veranda, und begann auf das Dampfboot zu warten, das um 6 Uhr kommen sollte.

Unruhig, als ginge er etwas Ungewissem entgegen, wanderte er auf und ab und spähte ab und zu über das Wasser hin. Endlich stieg in der Ferne Rauch auf und verursachte ihm solches Herzklopfen, dass er einen Likör trinken musste. Dann ging er an den Strand hinunter. Jetzt war der Dampfer mitten auf dem Fjord, man konnte schon die Flagge auf dem Mast erkennen. War sie mit, oder hatte sie etwa im letzten Augenblick etwas abgehalten? Es brauchte nur einem der Kinder etwas zu fehlen, dann war sie gewiss zu Hause geblieben und dann musste er die Nacht wieder allein im Hotel zubringen. Die Kinder, die während der letzten Wochen in den Hintergrund getreten waren, erschienen ihm jetzt als etwas, das trennend zwischen ihm und seiner Frau stand. Sie hatten in ihren letzten Briefen sehr wenig von den Kindern gesprochen, als hätten sie etwas Störendes fernhalten wollen.

Er ging die Dampferbrücke entlang, die unter seinen Füssen knarrte, dann blieb er stehen und blickte starr nach dem immer grösser werdenden Boote hin, dessen Kielwasser wie ein Strom geschmolzenen Goldes auf der leise gekräuselten, blauen Oberfläche lag. Nun sah er auf Deck Menschen sich bewegen und erkannte die Matrosen, die sich mit dem Takelwerk zu schaffen machten.

Und nun winkt etwas Weisses dicht neben dem Steuerhäuschen, er sieht sich um – er ist allein auf der Brücke, es kann also nur ihm gelten, – und ihm kann weiter niemand zuwinken ausser ihr; so nimmt er also sein Tuch heraus und erwidert ihren Gruss. Nun pfeift der Dampfer und legt an, und er erkennt sie wieder; sie grüssen sich mit den Augen, aber noch können sie kein Wort wechseln, des Abstandes wegen. – Ja, sie ist es, und doch nicht sie; zehn Jahr liegen dazwischen. Die Mode hat sich verändert, der Schnitt der Kleider ist nicht mehr derselbe wie damals. Vor zehn Jahren trug sie einen Hut, der ihr bräunliches Gesichtchen einrahmte und die Stirn freiliess, – jetzt war diese von der geschmacklosen Imitation eines Herrenhutes bedeckt. Auch der lange, kutscherrockähnliche Mantel war unvorteilhaft, und lange nicht so kleidsam, wie der kleine Umhang, den sie damals trug, und nun gar diese schrecklichen chinesisch-zugespitzten Schuhe, die ihren hübschen Fuss so platt und unschön erscheinen liessen.

Es war sie und doch nicht sie! Er umfasste sie und küsste sie! Sie fragten einander, wie es ginge, und dann wanderten sie den Strand entlang.

Die Worte fielen trocken, schwerfällig und gezwungen. So wunderlich! Sie schämten sich förmlich vor einander, und keiner machte eine Anspielung auf ihre Briefe.

Endlich fasste er sich Mut und sagte:

»Wollen wir nicht ein Stückchen spazieren gehen, ehe die Sonne ganz fort ist?«

»Ja, gern,« sagte sie und nahm seinen Arm.

Sie gingen durch eine der Vorstadtstrassen der kleinen Stadt. Alle Kaffeegärten waren geschlossen. Hier und da hing noch ein vergessener Apfel in dem spärlichen Laub der Bäume, aber die Rabatten waren schon aller Blumen beraubt, die Veranden ohne Zeltmarkisen sahen wie Skelette aus, und wo man sonst Gesichter sah und frohes Lachen hörte, war alles still.

»Es sieht schon recht herbstlich aus,« sagte sie.

»Ja, der Anblick all dieser Gärten ist nicht gerade erbaulich.«

Und sie wanderten weiter.

»Wir wollen doch 'mal dahin gehen, wo wir damals gewohnt haben,« sagte sie.

»Ach ja, – das wird hübsch sein.«

Und sie gingen weiter, an der Badeeinrichtung vorbei.

Da lag das kleine Häuschen, eingeklemmt zwischen zwei andere, mit dem roten Stacket vor dem Gärtchen, mit der kleinen Veranda und der Steintreppe davor.

Alte Erinnerungen tauchten auf. Dort in der Stube war der Älteste geboren worden; Jubel und Feste, Jugend und Gesang! Dort stand der Rosenbusch, den sie gepflanzt hatten, da lag das Erdbeerbeet, das sie angelegt hatten, – aber jetzt war nichts mehr davon zu erkennen, das Gras hatte alles überwuchert. An den Eschen sah man noch die Spuren der Schaukel, die da gehangen hatte.

»Ich dank' Dir für Deine lieben Briefe,« sagte sie und drückte seinen Arm.

Er wurde rot und antwortete nicht. Darauf kehrten sie um und gingen zum Hotel, während er Einzelheiten von der Reise erzählte.

Er hatte in dem grossen Saal decken lassen, an dem Tische, wo sie damals immer gesessen hatten.

Und nun sassen sie wieder einmal zu zweien. Er nahm das Brotkörbchen und bot es ihr an; sie lachte. An so viel Aufmerksamkeit war sie gar nicht mehr gewöhnt. Aber es war so hübsch und behaglich, einmal auswärts zu essen, und es dauerte nicht lange, so war eine lebhafte Unterhaltung im Gange, wie ein Duett, in dem bald der eine, bald der andere die Melodie aufnahm, sie vertieften sich ganz in alte Erinnerungen, ihre Blicke leuchteten und die kleinen Runzeln in den Gesichtern glätteten sich. O die goldene, rosenrote Zeit, die man nur einmal lebt, wenn sie einem überhaupt vergönnt ist, und die viele, viele gar niemals kennen lernen. Beim Dessert flüsterte er dem Kellner etwas zu, der gleich darauf mit einer Champagnerflasche erschien.

»Aber liebster Axel, was fällt Dir ein!« sagte seine Frau in einem Ton, der fast wie Tadel klang.

»Auf den Frühling, der vergangen ist, aber wiederkommen wird!«

Aber seine Gedanken waren nicht ganz bei diesem Toast, denn bei dem leisen Tadel seiner Frau tauchte das düstre Bild der Kinderstube und der grossen Grützeschüssel vor ihm auf. Es war, als sei eine Katze durch das Zimmer geschlichen.

Aber die gute Stimmung kehrte wieder, der rosenrote Wein liess schöne alte Bilder aufleben, und beide stürzten sich von neuem in den Strom der Erinnerungen.

Er sass da, die Hände auf den Tisch gestützt, und beschattete die Augen mit der Hand, als wollte er sich gegen die störende Gegenwart schützen, – die Gegenwart, die er doch eben gerade suchte.

Die Stunden verflossen, sie standen auf und gingen in den kleinen Salon, wo das Klavier stand, um hier Kaffee zu trinken.

»Wie mag es nur meinen Kleinen zu Hause gehen,« sagte sie plötzlich, als erwache sie aus einem Rausch.

»Setz' Dich und sing' etwas,« bat er und öffnete das Instrument.

»Was soll ich singen? Du weisst ja, ich habe so ewig lange nicht mehr gesungen.«

Ja das wusste er, das machte aber nichts.

Sie setzte sich ans Klavier und präludierte etwas; – es war ein schlechtes Gasthaus-Pianino, dessen einzelne Töne an lose Zähne erinnerten.

»Was soll ich singen?« fragte sie und wandte sich auf dem Stuhle um.

»Du weisst schon, Lilly,« entgegnete er, ohne zu wagen, ihren Blicken zu begegnen.

»Dein Lied! Ja! Ob ich es weiss!«

Und so sang sie: »Wie mag das Land wohl heissen, wo meine Liebste wohnt.«

Aber die Stimme war dünn und heiser und vor Rührung wurde sie etwas unrein. Manchmal klang sie wie ein Schrei aus der Tiefe der Seele, die fühlt, dass Mittag vorüber ist, und dass der Abend sich nähert. Die Finger, die tagaus tagein schwere Arbeit thun müssen, sind nicht mehr so leicht und leise wie früher und schlagen manchen falschen Ton an; das Klavier ist abgespielt, die Tuchverkleidung der Hämmer ist fort und das nackte Holz schlägt an die Metall-Saiten.

Als das Lied zu Ende war, sass sie ein Weilchen still, ohne sich zu rühren, es war, als wartete sie darauf, dass er kommen würde, ihr etwas zu sagen. Aber er kam nicht, und es blieb alles still. Als sie sich mit dem Stuhl umwandte, sass er in der Sofaecke und weinte. Sie wollte aufspringen, seinen Kopf in beide Hände nehmen und ihn küssen, wie früher, aber sie blieb unbeweglich sitzen, die Blicke starr auf den Boden gerichtet.

Er hielt eine unangezündete Cigarre zwischen Daumen und Zeigefinger. Als er hörte, dass das Spiel verstummte, biss er die Spitze ab und strich ein Zündhölzchen an.

»Danke Lilly,« sagte er und errötete. »Willst Du jetzt nicht Kaffee trinken?«

Sie tranken Kaffee und sprachen von Sommerfrischen im Allgemeinen, und wo sie nächstes Jahr hingehen wollten. Aber die Unterhaltung kam bald ins Stocken und man wiederholte sich.

Endlich sagte er mit einem langen, schlecht verhaltenen Gähnen:

»Jetzt geh' ich und lege mich hin.«

»Ich auch,« sagte sie und stand auf, »aber erst geh' ich noch ein Augenblickchen heraus – auf den Balkon.«

Er ging ins Schlafzimmer. Seine Frau stand noch ein Weilchen im Esszimmer und plauderte mit der Wirtin über eingemachte Zwiebeln. Dann kamen sie auf das Thema der Wollwäsche, und aus dem Augenblickchen wurde eine halbe Stunde.

Sie ging an die Schlafzimmerthür und lauschte. Drinnen war alles still und seine Stiefel standen vor der Thür. Sie klopfte an, niemand antwortete. Da öffnete sie die Thür und trat ein. Er schlief.

Er schlief!

Am Morgen darauf sassen sie beim Kaffeetisch. Der Herr hatte Kopfschmerzen und die Frau sah unruhig aus.

»Puh! solch ein Kaffee!« sagte er und zog ein Gesicht.

»Es ist brasilianischer,« sagte sie.

»Was wollen wir heute unternehmen?« Er zog die Uhr heraus.

»Du solltest Dir ein Butterbrot geben lassen,« meinte seine Frau, »statt in dem Kaffee herumzurühren.«

»Ja, das will ich auch, und einen kleinen Schnaps dazu. Das ist der Champagner von gestern. Brrrr!«

Er bekam seinen Likör und seine belegte Schnitte, und die Laune hob sich wieder.

»Jetzt wollen wir auf den Lotsberg gehen und die Aussicht ansehen.«

Sie standen auf und gingen hinaus. Das Wetter war herrlich und der kleine Gang that ihnen gut. Aber als es an das Besteigen des Hügels ging, fehlte ihr der Atem, und seine Kniee waren etwas steif. Vergleiche mit früher wurden nicht angestellt.

Darauf gingen sie über die Waldwiese.

Das Gras war längst gemäht und abgeweidet, so dass nicht eine Blume zu sehen war. Sie setzten sich jeder auf einen Stein.

Er begann von der Gefängnisinspektion und ihrer Arbeit zu reden; sie von den Kindern.

Dann gingen sie wieder ein Stück weiter, ohne zu sprechen. Er zog die Uhr heraus.

»Es sind ja noch drei Stunden bis Mittag!« sagte er und dachte bei sich: was in aller Welt sollen wir mit der ganzen Zeit anfangen!

Sie gingen zurück zum Hotel, und er begann nach den Zeitungen zu suchen. Sie lachte und setzte sich still neben ihn.

Das Mittagessen verging unter Schweigen. Endlich brachte sie das Gespräch auf die Dienstmädchen.

»Ach, aber um Gottes Willen, lass mich mit den Mädchen in Ruh'!«

»Ja, um zu zanken sind wir auch nicht hergekommen.«

»Zanken? Habe ich denn gezankt?«

»Na, ich doch nicht.«

Und so entstand wieder eine gefährliche Pause. Wie angenehm wäre ihm jetzt die Dazwischenkunft eines Dritten gewesen, der Kinder z.B. Dieses tête à tête begann ungemütlich zu werden. Aber es gab ihm doch einen Stich ins Herz, wenn er an die schönen Stunden des gestrigen Tages dachte.

»Gehen wir doch einmal auf den Eichenhügel,« schlug sie vor, »wo die Erdbeeren stehen.«

»Ja, aber Erdbeeren werden wir schwerlich da finden, – es ist ja Herbst.«

»Schadet nichts, gehen wir nur!«

Und sie machten sich auf den Weg. Aber es kam keine Unterhaltung auf. Er suchte mit den Augen nach irgend etwas, irgend einer Stelle am Wege, an die sich ein Gespräch knüpfen liess, aber alles war vertrocknet, der Stoff erschöpft. Sie wusste seine Ansichten über alles, und missbilligte einen grossen Teil derselben. Ausserdem sehnte er sich heim, nach Haus und Kindern. Es war doch eigentlich auch albern, hier so zum Gelächter rumzulaufen, – und sich dazu noch beinahe zu zanken. Endlich blieben sie stehen, denn seine Frau war müde. Er stützte sich auf seinen zwischen den Beinen durchgesteckten Stock, und wartete nur auf eine Gelegenheit zur Aussprache.

»Woran denkst Du?« fragte sie schliesslich.

»Ich?« er fühlte sich wie von einer Last befreit. »Ja, ich dachte daran, dass wir alt sind, Mamachen; wir haben ausgespielt und müssen uns zufrieden geben mit dem, was gewesen ist. Wenn Du so denkst wie ich, dann fahren wir heut' Abend mit dem Dampfer nach Hause, was?«

»Daran habe ich schon die ganze Zeit über gedacht, mein guter Junge, aber Du solltest doch Deinen Willen haben.«

»Also abgemacht, wir fahren nach Hause, – es ist eben nicht mehr Sommer, – es ist Herbst.«

»Ja, es ist Herbst.«

Sie gingen ganz erleichtert zurück. Immerhin fühlte er sich aber etwas bekniffen über die prosaische Wendung der Sache und empfand das Bedürfnis, eine psychologisch-philosophische Erklärung dafür zu finden.

»Siehst Du, Mamachen,« sagte er, »meine Lieb – hm, (das Wort war zu stark,) meine Zuneigung zu Dir hat im Lauf der Jahre eine gewisse Evolution durchgemacht, wie man heutzutage sagt. Sie hat sich entwickelt, – amplifiziert, sozusagen, so dass jetzt nicht wie zu Anfang nur das eine Individuum, sondern die Familie als Kollektivität das Ziel derselben ist. Sie gilt jetzt nicht nur Dir persönlich, auch nicht den Kindern allein, sondern dem Ganzen...«

»Oder wie der Onkel immer sagt: die Kinder sind die Blitzableiter.«

Er war nach dieser kleinen philosophischen Auseinandersetzung wieder er selbst. Es war angenehm, den Visitenrock auszuziehen und wieder in den alten Schlafrock zu schlüpfen.

Und als sie ins Hotel kamen, machte sie sich gleich mit den Koffern zu schaffen, da war sie in ihrem Element.

An Bord des Dampfbootes angelangt, begaben sie sich gleich hinunter in den Speisesalon, nachdem er erst schandenhalber gefragt hatte, ob sie nicht den Sonnenuntergang ansehen wollten, was sie aber ablehnte.

Beim Abendbrot nahm er sich wieder zuerst, und sie fragte die Dame am Büffet, was das Brot kostete.

Als er satt war und das Porterglas eben an den Mund setzen wollte, konnte er einen Gedanken, der ihn schon lange beschäftigte, nicht länger zurückhalten:

»Ein alter Narr bin ich, was?« sagte er und lachte seine Frau an, die während des Essens zu ihm hinüberblickte.

Aber sie lachte nicht, als sie in sein fettes, glänzendes Gesicht sah, sondern ihre Augen nahmen einen so zerschmetternden Ausdruck von Würde an, dass er ganz verlegen wurde.

Jetzt war der Zauber gebrochen, die letzte Spur der Geliebten war verschwunden, er sass neben der Mutter der Kinder, und er fühlte sich geduckt.

»Du darfst mich nicht gering achten, weil ich einen Augenblick lang thöricht war,« sagte sie ernst. »Aber in der Zuneigung des Mannes liegt ein grosser Teil Verachtung, das ist wunderbar.«

»Und in der des Weibes?«

»Noch viel mehr, das ist wahr, aber sie hat auch viel mehr Veranlassung dazu.«

»Weiss Gott! Aber im Grunde kommt es wohl beinahe auf eins heraus, jedenfalls haben sie beide unrecht damit; aber man kommt wohl leicht dazu, das gering zu achten, was man zuerst, weil es so schwer zu erreichen war, überschätzt hat.«

»Weshalb sollte man es überschätzen?«

»Weshalb wird einem das Erreichen so schwer gemacht?«

Die Dampfpfeife über ihren Köpfen unterbrach das Gespräch.

Sie waren am Ziel.

Als sie wieder in ihre Behausung traten und er sie mitten in der Kinderschar sah, merkte er, dass seine Zuneigung für sie wirklich eine Verwandlung erlebt hatte, und dass ihre Liebe zu ihm verteilt und auf all diese kleinen Schreihälse übertragen war. Vielleicht hatte er auch nur als Mittel zum Zweck ihre Neigung besessen. Er hatte nur eine vorübergehende Rolle gehabt, jetzt fühlte er sich zurückgesetzt. Wenn man ihn nicht als Ernährer brauchte, würde man ihn wahrscheinlich jetzt ganz einfach beiseite setzen.

Er ging in sein Arbeitszimmer, zog Schlafrock und Pantoffeln an und fühlte sich wieder heimisch.

Draussen peitschte der Regen gegen die Scheiben und es heulte im Ofenrohr.

Seine Frau kam herein, nachdem sie mit den Kindern fertig war.

»Das ist kein Wetter zum Erdbeeren pflücken, nicht wahr?«

»Nein, meine Liebe, der Sommer ist zu Ende, und es ist Herbst.«

»Ja, es ist Herbst,« antwortete sie, »aber doch noch nicht Winter, – immerhin ein Trost.«

»Schöner Trost, wenn man nur einmal lebt!«

»Man lebt zweimal, wenn man Kinder hat und dreimal, wenn man noch seine Enkelkinder sieht.«

»Ja, aber dann ist doch wirklich Schluss.«

»Ja, wenn es kein Leben nach diesem hier giebt.«

»Was wissen wir davon? Nichts Gewisses. Ich glaube daran, aber nein, Glaube ist kein Beweis.«

»Ja, das ist wahr, aber es ist doch so schön, es zu glauben, wir wollen es glauben, ja? Wir wollen hoffen, dass der Frühling auch für uns noch einmal kommt, – wollen wir?«

»Ja, – wir wollen es glauben,« sagte er langsam und schlang den Arm um ihre Schulter.

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