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Ehemalige Leute und andere Erzählungen

Maxim Gorki: Ehemalige Leute und andere Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorMaxim Gorki
booktitleEhemalige Leute und andere Erzählungen
titleEhemalige Leute und andere Erzählungen
publisherHesse & Becker Verlag
translatorClara Berger, Anna Schapire-Neurath
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070524
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Der rote Waska

Vor nicht langer Zeit diente in einem öffentlichen Hause einer der Wolgastädte ein Mensch von etwa vierzig Jahren, namens Waska, mit dem Spitznamen »der Rote«. Dieser Spitzname war ihm gegeben wegen seines grellroten Haares und dicken Gesichts, das die Farbe rohen Fleisches hatte.

Dicklippig, mit großen Ohren, die von seinem Schädel abstanden, wie Henkel vom Waschbecken, frappierte er die Leute durch den grausamen Ausdruck seiner kleinen, farblosen Augen; sie schwammen im Fett, glänzten wie Eisschollen, und ungeachtet seiner satten, fleischigen Gestalt hatte sein Blick stets einen Ausdruck, als wäre dieser Mensch zum Sterben hungrig. Klein und untersetzt, trug er einen dunkelblauen Kosakenrock, weite Tuchhosen und blankgeputzte Stiefel mit kleiner Stulpe. Seine roten Haare lockten sich, und wenn er seine Staatsmütze aufsetzte, legten sie sich, darunter hervorkommend, auf den Mützenrand – dann sah es so aus, als trüge Waska einen roten Kranz auf dem Kopfe.

Den Roten nannten ihn seine Genossen, die Mädchen aber nannten ihn Henker, denn er liebte sie zu foltern.

In der Stadt waren einige höhere Lehranstalten, viele junge Leute, deshalb nahmen die Häuser der Toleranz ein ganzes Viertel darin ein: eine lange Straße und einige Quergassen. Waska war in allen Häusern dieses Viertels bekannt, sein Name jagte den Mädchen Furcht ein, und wenn sie aus irgendeinem Grunde mit der Wirtin zankten und stritten – drohte ihnen diese:

»Nehmt euch in acht! . . . Daß ich nicht die Geduld verliere . . . sonst ruf' ich den roten Waska! . . .«

Manchmal war diese Drohung allein hinreichend, daß die Mädchen sich beruhigten und von ihren Forderungen abgingen, die manchmal ganz gesetzlich und gerecht waren, wie z. B. die Forderung besserer Nahrung oder das Recht, zu einem Spaziergang aus dem Hause zu gehen. Wenn aber die Drohung allein sich für die Zähmung der Mädchen als unzureichend erwies, – dann wurde Waska von der Wirtin gerufen.

Er kam mit dem langsamen Gange eines Menschen, dem es nicht eilt, schloß sich mit der Wirtin in ihr Zimmer ein, und dort wies ihm diese die Mädchen an, die einer Bestrafung unterworfen werden sollten.

Nachdem er ihre Klage schweigend angehört hatte, sagte er kurz zu ihr:

»Gut . . .« und ging zu den Mädchen. Sie erbleichten und zitterten vor ihm; er sah es, und ihre Furcht war ihm ein Genuß. Spielte sich die Szene in der Küche ab, wo die Mädchen Mittag aßen und Tee tranken, – so stand er lange an der Tür, indem er sie ansah, schweigend und unbeweglich wie eine Statue, und die Momente seiner Regungslosigkeit waren für die Mädchen nicht weniger peinigend als die Foltern, denen er sie unterwarf.

Nachdem er sie angesehen, sagte er mit gleichgültiger, heiserer Stimme:

»Maschka! Komm her . . .«

»Wassil Mironitsch!« sagte das Mädchen zuweilen flehentlich und entschlossen: »Rühr' mich nicht an! Rühr' nicht an . . . Rührst du mich an – erhäng' ich mich . . .«

»Komm, Närrin, ich geb' dir den Strick . . .« sagte Waska gleichgültig, ohne Lächeln. Er suchte es stets zu erlangen, daß die Schuldigen selber zu ihm kamen.

»Ich schrei' Gewalt . . . ich schlag' die Scheiben ein . . .« zählte das Mädchen, schweratmend vor Furcht, alles auf, was es tun konnte.

»Schlag' die Scheiben ein . . . ich zwing' dich, sie zu fressen . . .« sagte Waska.

Und das widerspenstige Mädchen ergab sich in den meisten Fällen, d. h. es kam zum Henker; wollte das Mädchen dies aber nicht tun, dann ging Waska selbst zu ihm, nahm es beim Haar und warf es auf den Boden. Seine Freundinnen aber, – oft auch Gleichgesinnten, – banden dem Mädchen Hände und Füße und den Mund zu, und gleich hier, auf dem Fußboden der Küche und vor ihren Augen, wurde die Schuldige gezüchtigt. War es ein gewandtes Mädchen, das hätte klagen können, wurde es mit einem dicken Riemen geschlagen, um die Haut nicht zu verletzen, und durch ein mit Wasser angefeuchtetes Laken, damit keine blutunterlaufenen Stellen auf dem Körper zurückblieben. Auch lange, dünne, mit Sand und Kies angefüllte Säckchen wurden angewandt, – ein Schlag mit solchem Säckchen verursachte dem Menschen einen dumpfen Schmerz, und dieser Schmerz verging lange nicht . . .

Übrigens hing die Grausamkeit der Bestrafung nicht so sehr von dem Charakter der Schuldigen, als von dem Grade ihrer Schuld und Waskas Sympathie ab. Manchmal züchtigte er auch dreiste Mädchen ohne jede Vorsicht und Schonung; in seiner Hosentasche steckte immer eine kleine Peitsche mit drei Enden an einem kurzen, eichenen, vom häufigen Gebrauch polierten Stiel. In die Riemen dieser Peitsche war künstlich Bindfaden eingelegt, der am Ende eine Quaste bildete. Der erste Schlag durchschnitt die Haut bis auf den Knochen, und manchmal wurde auf den zerschlagenen Rücken, um den Schmerz zu erhöhen, ein Senfpflaster geklebt, oder es wurden Lappen daraufgelegt, die mit scharfgesalzenem Wasser angefeuchtet waren.

Waska wurde niemals zornig, wenn er die Mädchen bestrafte, er war stets gleich schweigsam und gleichgültig, und seine Augen verloren nie den Ausdruck ungesättigten Hungers, nur kniff er sie manchmal zusammen, wodurch sie noch schärfer wurden . . .

Sein Strafverfahren war hiermit nicht begrenzt, nein – Waska war unerschöpflich vielseitig darin, und seine Schärfe in Sachen der Mädchenfolter erhob sich bis zu eigener Erfindung.

Zum Beispiel: in einer der Anstalten war das Mädchen Wjera Koptewa von einem Gast verdächtigt worden, ihm fünftausend Rubel gestohlen zu haben. Dieser Gast, ein sibirischer Kaufmann, hatte der Polizei angezeigt, daß er in Wjeras Stube mit ihr und ihrer Freundin Sarah Scherman gewesen war; die letztere war gegangen, nachdem sie etwa eine Stunde bei ihm gesessen hatte, aber mit Wjera war er die ganze Nacht zusammengeblieben und ging betrunken von ihr fort.

Die Sache nahm ihren gesetzlichen Gang; die Untersuchung zog sich lange hin, beide Angeklagten wurden einer vorläufigen Haft unterworfen, sie prozessierten und wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Nach dem Prozeß zu ihrer Wirtin zurückgekehrt, wurde von neuem eine Untersuchung über sie verhängt; die Wirtin war überzeugt, daß der Diebstahl – ihrer Hände Werk war, und wollte ihren Anteil von ihnen haben.

Sarah gelang es, zu beweisen, daß sie mit dem Diebstahl nichts zu tun hatte; da nahm sich die Wirtin ernstlich Wjera Koptewa vor. Sie schloß sie in die Badestube ein und gab ihr dort salzigen Kaviar zu essen, aber ungeachtet dessen und vieles anderen gestand das Mädchen nicht, wo sie das Geld versteckt hatte. Man mußte sich an Waska um Hilfe wenden.

Ihm wurden hundert Rubel versprochen, wenn er herausbringe, wo das Geld sei.

Und da, einmal nachts, erschien in der Badestube, wo Wjera, gepeinigt von Durst, Furcht und Dunkelheit, saß, der Teufel.

Er war in schwarzer, zottiger Wolle, und von seiner Wolle ging Phosphorgeruch und bläulich schimmernder Dunst aus. Zwei feurige Funken blitzten an Stelle seiner Augen. Er stellte sich vor das Mädchen und fragte sie mit schrecklicher Stimme:

»Wo ist das Geld?«

Sie wurde vor Entsetzen verrückt.

Das war im Winter. Am anderen Tage morgens führten sie sie, barfuß und im bloßen Hemd, aus der Badestube ins Haus durch den tiefen Schnee; sie aber lachte leise und sagte mit glücklicher Stimme:

»Morgen geh' ich wieder mit Mama zur Messe . . . geh' ich wieder . . . geh' ich wieder zur Messe . . .«

Als Sarah Scherman sie so sah, erklärte sie leise und verwirrt vor allen:

»Aber ich habe ja das Geld gestohlen . . .«

* * *

Es ist schwer zu sagen, was in den Beziehungen der Mädchen zu Waska mehr war – Furcht vor ihm oder Haß gegen ihn.

Alle tändelten mit ihm und bewarben sich um ihn, jede von ihnen strebte eifrig nach der Ehre, seine Geliebte zu sein, und gleichzeitig redeten sie alle ihren »akkreditierten« Herzensfreunden, Gästen und Bekannten zu, Waska zu verhauen. Aber er verfügte über eine schreckliche Kraft und betrank sich niemals ganz – es war schwer mit ihm fertig zu werden. Mehr als einmal wurde ihm Arsenik ins Essen, in Tee und Bier geschüttet, und einmal mit ziemlichem Gelingen, aber er wurde wieder gesund. Er erfuhr alles, was gegen ihn unternommen wurde; aber es war nicht zu merken, daß die Erkenntnis dessen, was er, unter diesen zahllosen Feinden lebend, riskierte, seine kalte Grausamkeit gegen die Mädchen verminderte oder vermehrte. Gleichgültig, wie immer, sagte er:

»Ich weiß, ihr würdet mich mit den Zähnen totbeißen, wenn es so käme . . . Nu, ihr wütet umsonst . . . mir geschieht nichts.«

Und seine dicken Lippen aufwerfend, schnaubte er ihnen ins Gesicht – er mußte sie wohl auslachen.

Er verkehrte mit Polizisten, eben solchen »Folterknechten« wie er selbst, und mit Spitzeln, deren es in öffentlichen Häusern stets viele gibt. Aber er hatte keine Freunde unter ihnen, keinen seiner Bekannten wünschte er öfter als den andern zu sehen, gegen alle verhielt er sich ganz gleich und ganz teilnahmlos.

Er trank Bier mit ihnen und redete von den Skandalen, die allnächtlich im Revier passierten. Er selbst ging nie aus seinem Hause, wenn er nicht »in Geschäften« gerufen wurde, d. h. um irgendein Mädchen zu züchtigen oder, wie es dort hieß, »in Furcht zu jagen«.

Das Haus, in dem er diente, gehörte zur Zahl der Anstalten mittlerer Sorte, für den Eintritt wurden von den Gästen drei Rubel erhoben, für die Nacht – fünf. Die Wirtin des Hauses, Thekla Jermolajewna, ein aufgedunsenes, korpulentes Frauenzimmer, an fünfzig Jahre alt, war böse, fürchtete Waska, schätzte ihn sehr und zahlte ihm monatlich fünfzig Rubel außer Kost und Wohnung, – einer kleinen, sargähnlichen Stube auf dem Boden. Dank Waska herrschte in ihrem Hause unter den Mädchen die musterhafteste Ordnung; es waren ihrer elf, und alle waren ruhig wie Schafe.

Wenn sich Thekla Jermolajewna in gutmütiger Stimmung befand und sich mit einem bekannten Gast unterhielt, prahlte sie oft mit ihren Mädchen, wie man mit Schweinen oder Kühen prahlt.

»Ich habe Ware erster Güte,« sagte sie zufrieden und stolz lächelnd. »Alle Mädchen sind frisch und kernig, – die älteste ist sechsundzwanzig Jahre alt. Zugegeben, in der Unterhaltung ist das Mädchen nicht interessant, aber dafür was für einen Körper! Sehen Sie, Väterchen, ein wahres Wunder, kein Mädchen! Xuschka! Komm her . . .«

Xuschka kam herbei, sich wie eine Ente von einer Seite zur anderen wiegend, der Gast »besah« sie mehr oder weniger sorgfältig und war mit ihrem Körper immer zufrieden.

Es war ein Mädchen mittleren Wuchses, dick und stämmig – wie mit dem Hammer geklopft. Ihre Brust war mächtig, hoch, das Gesicht rund, der Mund klein, mit dicken, grellroten Lippen. Die nichtssagenden, ausdruckslosen Augen erinnerten an die beiden Perlen in einem Puppengesicht, und die aufgestülpte Nase, wie die Löckchen über den Brauen vollendeten ihre Ähnlichkeit mit einer Puppe; selbst den anspruchslosesten Gästen wurde die Lust benommen, mit ihr irgendwovon zu reden. Gewöhnlich sagten sie einfach zu ihr:

»Komm!« . . .

Und sie kam mit ihrem schwerfälligen, wiegenden Gang, gedankenlos lächelnd und die Augen rechts und links drehend, was die Wirtin sie gelehrt hatte, und was »die Gäste anziehen« hieß. Ihre Augen waren so an diese Bewegung gewöhnt, daß sie von dem Moment an »die Gäste anzuziehen« anfing, wenn sie, üppig entkleidet, abends in den noch leeren Saal trat, und so bewegten sich ihre Augen von einer Seite zur anderen während der ganzen Zeit, daß sie im Saal war: allein, mit Freundinnen oder einem Gaste – einerlei.

Sie hatte noch eine sonderbare Gewohnheit: nachdem sie ihren langen Zopf von der Farbe frischen Lindenbastes um den Hals gewunden, ließ sie das Ende auf die Brust fallen und hielt es beständig mit der linken Hand fest, – als trüge sie eine Schlinge um den Hals . . .

Sie konnte von sich mitteilen, daß sie Axinia Kalugina hieß, gebürtig aus dem Rjäsanschen Gouvernement, daß sie Mädchen war, sich mit »Fedka« versündigt, geboren hatte und in diese Stadt mit der Familie eines Zollbeamten gekommen war. Sie war Amme bei ihm, und als dann das Kind starb, verlor sie die Stelle und wurde hier »gemietet«. Schon sind es vier Jahre, daß sie hier lebt . . .

»Gefällt's?« wurde sie gefragt.

»So – so. Satt, beschuht, bekleidet . . . Nur unruhig . . . Und dann Waska . . . prügelt immer, der Teufel . . .«

»Dafür ist's lustig!?«

»Wo?« fragte sie, den »Gast anziehend«.

»Doch hier . . . ist's denn nicht lustig?«

»So – so! . . .« antwortete sie und sah sich, den Kopf umdrehend, im Saale um, als wolle sie sehen, wo denn diese Lustigkeit stecke.

Alles um sie herum war betrunken und lärmend, und alles, von der Wirtin und ihren Freundinnen an bis zur Form der Risse an der Decke, war ihr bekannt.

Sie sprach mit tiefer Baßstimme und lachte nur dann, wenn sie gekitzelt wurde; sie lachte laut, wie ein gesunder Bauer, und schüttelte sich ganz und gar vor Lachen. Die Dümmste und Gesündeste unter ihren Freundinnen, war sie weniger unglücklich als sie, denn sie stand dem Tiere näher.

* * *

Es versteht sich, daß Furcht vor Waska und Haß gegen ihn sich am meisten bei den Mädchen des Hauses ansammelte, wo er »Folterknecht« war. In berauschtem Zustande verheimlichten die Mädchen diese Gefühle nicht und beklagten sich laut bei den Gästen über Waska. Aber da die Gäste nicht zu ihnen kamen, um sie zu schützen, hatten ihre Klagen keinen Sinn und keinen Erfolg. In den Fällen aber, wo sie sich zu hysterischem Geschrei und Weinen steigerten und Waska es hörte, – zeigte sich sein feuerroter Kopf in der Saaltür und seine gleichgültige, hölzerne Stimme sagte:

»He du, sei nicht albern . . .«

»Henker! Unmensch!« schrie das Mädchen. »Wie darfst du mich entstellen? Sehen Sie, Herr, wie er mich mit der Karbatsche gezeichnet hat . . .« und das Mädchen machte den Versuch, sich die Taille abzureißen . . .

Dann kam Waska zu ihr heran, nahm sie beim Arm und redete ihr zu, ohne den Ton zu ändern, – was besonders schrecklich war, –:

»Mach' keinen Lärm . . . beruhige dich . . . Was brüllst du so unvernünftig? Du bist betrunken . . . nimm dich in acht!«

Fast immer war dies hinreichend, und sehr selten brauchte Waska das Mädchen aus dem Saal zu führen.

Nie hatte irgendeines der Mädchen von Waska ein freundliches Wort gehört, obwohl viele von ihnen seine Konkubinen gewesen waren. Er nahm sie sich ohne Umstände: gefiel ihm diese oder jene, sagte er zu ihr:

»Ich komm' heut' nacht zu dir . . .«

Dann ging er eine Zeitlang zu ihr und hörte auf zu kommen, ohne ihr ein Wort zu sagen.

»Nu, ein Teufel eben!« äußerten sich die Mädchen über ihn. »Ganz wie aus Holz . . .«

In seiner Anstalt lebte er der Reihe nach fast mit allen Mädchen, und er lebte auch mit Axinia. Und gerade zur Zeit seiner Verbindung mit ihr züchtigte er sie einmal grausam.

Gesund und träge, mochte sie gern schlafen und schlief oft im Saale ein, trotz des ihn erfüllenden Lärmes. Irgendwo im Winkel sitzend, hörte sie plötzlich auf mit ihren dummen Augen »die Gäste anzuziehen«, sie hefteten sich unbeweglich auf einen Gegenstand, dann senkten sich langsam die Lider und bedeckten sie, und ihre Unterlippe hing herab, die großen, weißen Zähne entblößend. Ein behagliches Schnarchen ließ sich hören, welches bei den Freundinnen und Gästen ein lautes Gelächter hervorrief, aber das Lachen erweckte Axinia nicht.

Das passierte ihr oft; die Wirtin schalt sie tüchtig aus, gab ihr Ohrfeigen, aber die Schläge verscheuchten den Schlaf nicht – Axinia weinte danach und schlief wieder.

Da nahm Waska die Sache in die Hand.

Als das Mädchen einmal, auf dem Diwan neben einem betrunkenen, gleichfalls schlummernden Gast sitzend, eingeschlafen war, ging Waska zu ihr, ergriff sie schweigend am Arm und führte sie mit sich fort.

»Du wirst doch nicht schlagen?« fragte ihn Axinia.

»Ich muß . . .« sagte Waska.

Als sie nach der Küche kamen, befahl er ihr, sich zu entkleiden.

»Du wirst doch nicht sehr . . .« bat ihn Axinia.

»Nu, nu . . .«

Sie blieb im bloßen Hemd.

»Zieh aus!« kommandierte Waska.

»Solch frecher Kerl!« seufzte das Mädchen und ließ das Hemd herunter.

Waska gab ihr mit dem Riemen einen Hieb über die Schultern.

»Geh' hinaus!«

»Was denn? Denk', jetzt ist Winter . . . mich wird frieren . . .«

»Gut! Kannst du denn fühlen? . . .«

Er stieß sie aus der Küchentür, führte sie, ihr mit dem Riemen Schläge versetzend, durch den Flur und befahl ihr auf dem Hofe, sich auf einen Schneehaufen zu legen.

»Waska . . . was tust du?«

»Nu, nu!«

Und indem er sie mit dem Gesicht auf den Schnee stieß, drückte er ihren Kopf hinein, damit ihr Geschrei nicht zu hören war, und schlug sie lange mit dem Riemen, indem er dabei sagte:

»Schlaf' nicht, schlaf' nicht, schlaf nicht . . .«

Als er sie gehen ließ, sagte sie, zitternd vor Kälte und Schmerz, durch Tränen und Schluchzen zu ihm:

»Warte, Waska! Deine Zeit kommt . . . und du wirst weinen! Es ist ein Gott, Waska!

»Rede!« sagte er ruhig. »Schlaf noch 'mal im Saal ein! Dann bring' ich dich auf den Hof, peitsche dich und begieß' dich mit Wasser . . .«

* * *

Das Leben hat seine Weisheit, ihr Name ist Zufall; sie belohnt uns manchmal, aber rächt öfter, und wie die Sonne jedem Gegenstand den Schatten gibt, so bereitet die Weisheit des Lebens jeder Handlung der Menschen die Vergeltung. Das ist sicher, das ist unvermeidlich, und wir alle müssen das wissen und daran denken . . .

Auch für Waska brach der Tag der Vergeltung an.

Einmal abends, als die halbbekleideten Mädchen Abendbrot aßen, ehe sie in den Saal gingen, verkündete eine von ihnen, Lida Tschernogorowa, eine dreiste, böse Dirne, nachdem sie aus dem Fenster gesehen:

»Waska ist gekommen . . .«

Einige beklommene Schimpfworte ertönten.

»Seht mal!« rief Lida. »Er . . . ist betrunken! Mit einem Polizisten . . . seht mal!«

Alle stürzten ans Fenster.

»Er wird heruntergehoben . . . er geht nicht selbst . . . Mädchen!« rief Lida voll Freude. »Er hat sich augenscheinlich zerschlagen!«

In der Küche erschallte ein Getöse von Schimpfworten und bösem Gelächter, – dem frohen Lachen der Gerächten. Die Mädchen stürzten, einander stoßend, in den Flur, dem machtlosen Feinde entgegen.

Da sahen sie, daß der Polizist und der Droschkenkutscher Waska untergefaßt führten, und Waskas Gesicht war grau, auf seiner Stirn trat Schweiß in großen Tropfen hervor, und sein linkes Bein schleppte ihm nach.

»Wassil Mironitsch! Was ist das?« rief die Wirtin.

Waska schüttelte kraftlos den Kopf und antwortete heiser:

»Ich bin gefallen . . .«

»Von der Pferdebahn gefallen . . .« erklärte der Polizist. »Gefallen – das will sagen, sein Bein unters Rad! Knack . . . und es war geschehen!«

Die Mädchen schwiegen, aber ihre Augen brannten wie Kohlen.

Waska wurde nach oben in seine Stube gebracht, zu Bett gelegt und der Doktor geholt. Vor dem Bett stehend, sahen die Mädchen einander an, aber sprachen kein Wort.

»Geht weg!« sagte Waska zu ihnen.

Keine von ihnen rührte sich vom Platze.

»Ah! Ihr freut euch! . . .«

»Wir werden nicht weinen . . .« antwortete Lida lächelnd.

»Wirtin! Jage sie fort . . . Wozu sind sie . . . gekommen?«

»Hast du Angst?« fragte Lida, indem sie sich über ihn beugte.

»Geht, Mädchen, geht nach unten . . .« befahl die Wirtin.

Sie gingen. Aber hinausgehend, sah sich jede von ihnen unheilkündend nach ihm um, – und Lida sagte leise:

»Wir kommen!«

Axinia aber drohte ihm mit der Faust und rief:

»Ah, Teufel! Was – das Bein gebrochen? Das ist dir recht . . .«

Diese ihre Tapferkeit setzte die Mädchen sehr in Erstaunen.

Aber unten packte sie das Entzücken der Schadenfreude, ein rachsüchtiges Entzücken, dessen scharfe Süßigkeit sie bisher noch nicht erprobt hatten. Außer sich vor Freude, machten sie sich über Waska lustig, indem sie die Wirtin durch ihre ungestüme Laune erschreckten und ein wenig ansteckten.

Auch sie war froh, Waska vom Schicksal bestraft zu sehen; er war auch für sie gesalzen, indem er mit ihr nicht wie ein Dienender verkehrte, sondern eher wie ein Vorgesetzter mit seiner Untergebenen. Aber sie wußte, daß sie die Mädchen ohne ihn nicht in Zucht und Ordnung hielt, und äußerte ihre Gefühle für Waska vorsichtig.

Der Doktor kam, legte einen Verband an, schrieb Rezepte und fuhr fort, nachdem er der Wirtin gesagt hatte, es sei besser, Waska ins Krankenhaus zu bringen.

»Mädchen! Was, wollen wir nicht unser krankes Herzliebchen besuchen?!« rief Lida mutig.

Und alle stürzten mit Gelächter und Geschrei nach oben.

Waska lag mit geschlossenen Augen und sagte, ohne sie zu öffnen:

»Ihr kommt wieder . . .«

»Natürlich, du tust uns leid, Wassil Mironitsch . . .«

»Lieben wir dich denn nicht?«

»Denk' daran, wie du mich . . .«

Sie sprachen nicht laut, aber eindringlich, und sahen, sein Bett umringend, mit bösen und frohen Augen in sein graues Gesicht. Er sah sie auch an, und niemals früher hatten seine Augen soviel unbefriedigten, unersättlichen Hunger ausgedrückt, – jenen unverständlichen Hunger, der immer in ihnen flimmerte.

»Mädchen . . . gebt acht! Wenn ich aufstehe . . .«

»Aber vielleicht gibt Gott, du stehst nicht auf . . .« unterbrach ihn Lida.

Waska preßte die Lippen zusammen und schwieg.

»Welch Füßchen tut denn weh?« fragte eins der Mädchen freundlich, indem es sich über ihn beugte, – ihr Gesicht war bleich und sie fletschte die Zähne. »Dies, nicht wahr?«

Und Waska an dem kranken Fuß ergreifend, zog sie ihn mit Gewalt an sich.

Waska klapperte mit den Zähnen und brüllte auf. Seine linke Hand war auch verletzt, er holte mit der rechten aus, wollte das Mädchen schlagen und schlug sich auf den Leib.

Eine Lachsalve ertönte rings um ihn.

»Mädchen!« heulte er, schrecklich die Augen rollend. »Nehmt euch in acht! . . . Ich bring' euch um! . . .«

Aber sie sprangen um sein Bett, kniffen ihn, rissen ihn an den Haaren, spuckten ihm ins Gesicht, zogen an seinem kranken Bein. Ihre Augen brannten, sie lachten, schimpften, heulten wie Hunde, ihre Foppereien nahmen einen unaussprechlich garstigen und zynischen Charakter an. Sie waren in einem Racherausch und gerieten darin bis zur Raserei. Alle in Weiß, halbbekleidet, von dem Gedränge erhitzt, waren sie unmenschlich-schrecklich.

Waska brüllte, indem er die rechte Hand hin und her schwenkte; die Wirtin, welche in der Tür stand, heulte mit wilder Stimme:

»Genug! Laßt sein . . . ich ruf' die Polizei! Ihr macht ihn tot . . . Väterchen! Väterchen!«

Aber sie folgten ihr nicht. Er folterte sie Jahre, sie vergalten ihm Minuten und hatten es eilig . . .

Plötzlich ertönte inmitten des Lärms und Geheuls dieser Orgie eine tiefe, flehende Stimme:

»Mädchen! Genug schon . . . Mädchen, erbarmt euch . . . Er ist doch auch . . . doch auch . . . es tut ihm weh! Lieben! Um Christi willen . . . Lieben . . .

Auf die Mädchen wirkte diese Stimme wie ein Strahl kalten Wassers: sie gingen erschreckt und schnell von Waska fort.

Axinia hatte gesprochen; sie stand am Fenster, zitterte am ganzen Leibe und verbeugte sich tief vor ihnen, bald die Hände an den Leib pressend, bald sie ungeschickt nach vorn streckend.

Waska lag regungslos; sein Hemd war auf der Brust zerrissen, und diese breite, mit dichtem, rotem Flaum bewachsene Brust bebte ganz und gar, als klopfe etwas darin, klopfe, außer sich bestrebt, sich herauszureißen. Er röchelte, und seine Augen waren geschlossen.

In einen Haufen gedrängt, wie zu einem großen Leibe zusammengeklebt, standen die Mädchen an der Tür und schwiegen, indem sie zuhörten, wie Axinia dumpf etwas murmelte, und wie Waska röchelte. Lida, die vor allen stand, säuberte schnell ihre rechte Hand von den roten Haaren, die sich zwischen den Fingern verwirrt hatten.

»Aber . . . wenn er stirbt? . . .« ertönte jemandes Flüstern. Und wieder wurde es still . . .

Eines nach dem andern gingen die Mädchen vorsichtig aus Waskas Stube, indem sie sich Mühe gaben, kein Geräusch zu machen, und als sie alle fort waren, zeigten sich auf dem Fußboden der Stube viele Fetzen, Büschel . . .

Axinia blieb im Zimmer.

Schwer seufzend ging sie zu Waska heran und fragte ihn mit ihrer gewöhnlichen Baßstimme:

»Was soll ich dir jetzt machen?«

Er öffnete die Augen, sah sie an und antwortete nichts.

»Nu, sag' doch . . . Trinken . . . aufräumen . . . Ich würde ja aufräumen . . . aber vielleicht willst du Wasser trinken? Ich gebe dir auch Wasser . . .«

Waska schüttelte schweigend den Kopf, und seine Lippen regten sich. Aber er sagte kein Wort.

»Sieh an – auch sprechen kannst du nicht!« sagte sie, indem sie ihren Zopf um den Hals wand. »So haben wir dich gequält . . . Tut es weh, Waskja? ah? . . . Nu, halt' nur aus . . . das geht ja vorüber . . . es tut nur zuerst weh . . . ich weiß es!«

In Waskas Gesicht bebte etwas, er sagte heiser:

»Gib . . . Wasser . . .«

Und der Ausdruck unbefriedigten Hungers schwand aus seinen Augen.

* * *

So blieb Axinia denn oben bei Waska und ging nur hinunter, um zu essen, Tee zu trinken und für den Kranken etwas zu holen. Die Freundinnen sprachen nicht mit ihr und fragten sie nach nichts, auch die Wirtin hinderte sie nicht, den Kranken zu pflegen, und rief sie abends nicht zu den Gästen. Gewöhnlich saß Axinia in Waskas Stube am Fenster und blickte auf die schneebedeckten Dächer, auf die Bäume, weiß vom Reif, auf den Rauch, der in opalfarbenen Wolken zum Himmel stieg. War sie des Hinaussehens müde, schlief sie ebenda auf dem Stuhl ein, indem sie die Ellbogen auf den Tisch stützte. Nachts schlief sie auf dem Fußboden neben Waskas Bett.

Sie sprachen fast nicht miteinander; bittet Waska um Wasser oder sonst etwas – bringt es Axinia ihm, sieht nach ihm, seufzt und geht ans Fenster.

So vergingen vier Tage. Die Wirtin bemühte sich eifrig um Waskas Übersiedlung nach einem Krankenhause, aber es war dort bisher kein Platz.

Und da, einmal abends, als Waskas Stube schon von Dämmerung erfüllt war, hob er den Kopf und fragte:

»Axinia, bist du hier?«

Sie schlummerte, aber seine Frage erweckte sie.

»Wo denn?« entgegnete sie.

»Komm mal her . . .«

Sie kam an das Bett und blieb stehen, wie gewöhnlich den Zopf um den Hals gewunden und mit der Hand das Ende haltend.

»Was willst du?«

»Nimm einen Stuhl, setz' dich her . . .«

Aufseufzend holte sie vom Fenster einen Stuhl, trug ihn an das Bett und setzte sich.

»Nu?«

»Ich will nichts . . . sitz' hier, sag' ich . . .«

An der Wand, über Waskas Bett, hing seine große, silberne Uhr und tickte eilfertig. Auf der Straße jagte schnell ein Iswoschtschik vorüber; es war zu hören, wie die Kufen knirschten. Unten lachten die Mädchen, und eine von ihnen sang mit hoher Stimme:

»Ich liebte einen hungrigen Studenten . . .«

»Axinia!« sagte Waska.

»Ah?«

»Höre . . . wir wollen zusammenleben.«

»Wir leben ja auch so . . .« antwortete das Mädchen träge.

»Nein, warte . . . wir wollen, wie sich's gehört . . .«

»Meinetwegen . . .« stimmte sie bei.

»Nun, sieh . . .«

Er schwieg wieder und lag lange mit offenen Augen.

»Sieh . . . Wir gehen von hier fort und richten uns ein.«

»Wo gehen wir hin?« fragte Axinia.

»Irgendwohin . . . Ich verklage die Straßenbahn für die Verstümmelung . . . Sie bezahlt, – gesetzlich muß sie bezahlen. Dann habe ich eigenes Geld, an sechshundert Rubel.«

»Wieviel?« fragte Axinia.

»Etwa 600 Rubel.«

»Sieh an!« sagte das Mädchen und gähnte.

»Ja . . . für dies Geld allein kann man eine Anstalt eröffnen . . . und wenn man noch der Bahn etwas abzwackt . . . Wir fahren nach Ssimbirsk oder auch nach Ssamara . . . und da eröffnen wir . . . Das erste Haus in der Stadt soll es werden . . . Mädchen nehmen wir die allerbesten an . . . Fünf Rubel Eintrittsgeld nehmen wir . . .«

»Rede!« lachte Axinia.

»Wieso? So wird es sein . . .«

»Wie denn? . . .«

»Wie ich sage, wird es sein . . . wenn du willst – lassen wir uns trauen.«

»Wa–as?!« rief Axinia, dumm mit den Augen blinzelnd.

»Wir lassen uns trauen . . .« wiederholte Waska mit einer gewissen Unruhe.

»Wir beide?«

»Nu, ja . . .«

Axinia fing laut an zu lachen. Sich auf dem Stuhle hin und her wiegend, hielt sie sich die Seiten und lachte bald laut in Baßtönen, bald winselte sie, was für sie ganz unnatürlich war.

»Was ist dir?« fragte Waska, und in seinen Augen erschien wieder etwas Hungriges. Aber sie lachte beständig. »Was ist dir?« fragte er wieder.

Endlich sprach sie sich zur Not zwischen Lachen und Winseln aus:

»Wegen der Trauung . . . Ist denn das möglich? Ich bin drei Jahre nicht in der Kirche gewesen . . . vielleicht auch mehr . . . Wunderlicher Mensch! Hat eine Frau gefunden! Kinder erwartest du nicht von mir? Ha–ha–ha!«

Der Gedanke an Kinder rief einen neuen Ausbruch aufrichtigen Lachens hervor. Waska sah sie an und schwieg . . .

»Ja, und würde ich denn mit dir irgendwohin reisen? Siehst du – auch das – Du bringst mich fort und schlägst mich irgendwo tot . . . Du bist ja doch ein bekannter Peiniger.«

»Nu, schweig' schon!« sagte Waska leise.

Aber sie fing an, ihm von seinen Grausamkeiten zu erzählen, indem sie an verschiedene Vorfälle erinnerte.

»Schweige!« bat er sie, aber als sie nicht hörte, rief er heiser: »Schweig', sage ich!«

An diesem Abend sprachen sie nichts mehr. Nachts phantasierte Waska. Röcheln und Wimmern entriß sich seiner breiten Brust. Er knirschte mit den Zähnen und holte mit der rechten Hand in der Luft aus, indem er sich manchmal auf die Brust schlug.

Axinia wachte auf, stand am Bett und sah ihm lange voll Furcht ins Gesicht. Dann weckte sie ihn.

»Was ist dir? Hattest du Alpdrücken?«

»Mir träumte so . . .« sagte Waska schwach. »Gib Wasser.«

Nachdem er Wasser getrunken, schüttelte er mit dem Kopf und sagte:

»Nein, eine Anstalt eröffne ich nicht . . . besser fang' ich ein Geschäft an . . . besser! Eine Anstalt ist nicht nötig . . .«

»Ein Geschäft . . .« sagte Axinia nachdenklich . . . »N–ja . . . einen kleinen Laden aufmachen – das ist gut.«

»Kommst du denn mit mir?« fragte Waska dringend und leise.

»Du fragst doch nicht im Ernst?« rief Axinia, vom Bett zurückweichend.

»Axinia Semjonowna!« sagte Waska mit klingender Stimme, indem er den Kopf vom Kissen hob . . . »Da hast du . . .«

Und er verstummte, mit der Hand in der Luft ausholend.

»Nirgend geh' ich mit dir hin . . .« sagte Axinia, ohne seine Worte abzuwarten, und schüttelte entschieden den Kopf . . . »Nirgend!«

»Wenn ich will – gehst du . . .« sagte Waska leise.

»Nirgend geh' ich hin.«

»Ich will nur nicht so . . . Aber wenn ich wollte . . . gehst du! . . .«

»Nein doch . . .«

»Ja, Teufel!« rief Waska erzürnt. »Du gibst dich doch mit mir ab, pflegst mich hier . . . weshalb denn?«

»Das ist eine andere Sache . . .« sagte Axinia vernünftig. »Aber mit dir leben – nein! Ich habe Angst vor dir . . . Du bist ein zu großer Bösewicht!«

»Ach! Was verstehst du!?« rief Waska zornig aus. »Bösewicht! Närrin du . . . Du denkst – Bösewicht, das ist dann alles? Du denkst – es ist leicht, ein Bösewicht sein?«

Seine Stimme brach, und Waska schwieg eine Weile, indem er die Brust mit der gesunden Hand rieb. Dann fing er wieder leise, mit Kummer in der Stimme und Angst in den Augen, zu sprechen an:

»Was ihr schon . . . ein großer? Nu, ein Bösewicht . . . ist denn das der ganze Mensch? Ach! . . . Was ist von mir verlangt worden? . . . Wir wollen gehen, Axinia Semjonowna!«

»Sprich nicht davon! Ich geh' nicht . . .« bestand Axinia hartnäckig auf ihrem Willen und wich argwöhnisch von ihm zurück.

Wieder brach ihr Gespräch ab. Ins Zimmer sah der Mond, und Waskas Gesicht erschien grau in seinem Licht. Er lag lange schweigend, bald die Augen öffnend, bald schließend. Unten – wurde getanzt, gesungen, gelacht.

Axiniens kräftiges Schnarchen ertönte; Waska seufzte tief auf.

Es vergingen noch zwei Tage, und die Wirtin besorgte Waska einen Platz im Krankenhause.

Der Krankenwagen mit Feldscher und Wärter kam nach ihm. Waska wurde von oben vorsichtig in die Küche geführt, und da erblickte er alle Mädchen, zusammengedrängt an der Stubentür.

Sein Gesicht verzog sich, aber er sagte nichts zu ihnen. Sie sahen ihn ernst und finster an, aber nach ihren Augen war nicht zu bestimmen, was sie bei Waskas Anblick dachten. Axinia und die Wirtin zogen ihm den Paletot an, und schwer und finster schwiegen alle in der Küche.

»Lebt wohl!« sagte plötzlich Waska, indem er den Kopf neigte, und ohne die Mädchen anzusehen. »Lebt . . . lebt wohl!«

Einige von ihnen neigten sich schweigend, doch er sah es nicht; aber Lida sagte ruhig:

»Leb' wohl, Wassil Mironitsch . . .«

»Lebt wohl . . . ja . . .«

Der Feldscher und der Krankenwärter nahmen ihn unter dem Arm, hoben ihn von der Bank und führten ihn zur Tür. Aber er drehte sich wieder nach den Mädchen um:

»Lebt wohl . . . Ich war . . . als ob . . .«

Noch zwei oder drei Stimmen sagten zu ihm:

»Leb' wohl, Wassil . . .«

»Es ist nichts zu machen!« schüttelte er den Kopf, und in seinem Gesicht zeigte sich etwas, das ihm zum Verwundern unähnlich war . . . »Lebt wohl! Um Christi willen . . . die . . . denen . . .«

»Sie bringen ihn fort! Sie – bringen ihn fort, meinen Liebsten . . .« wimmerte plötzlich Axinia wild auf, auf eine Bank niederfallend.

Waska erbebte und hob den Kopf. Seine Augen fingen schrecklich an zu funkeln; er stand, aufmerksam dem Gewimmer lauschend, und sagte leise mit zitternden Lippen:

»Sieh . . . die Närrin! Sieh solche När–rin!«

»Kommt, kommt!« trieb der Feldscher zur Eile, die Brauen runzelnd.

»Leb' wohl, Axinia! Komm' ins Krankenhaus . . .« sagte Waska laut.

Aber Axinia wimmerte beständig . . .

»Und warum hast du mich verlassen? . . .«

Die Mädchen umringten sie und sahen ihr mit stumpfen Augen ins Gesicht und auf die Tränen, die aus ihren Augen strömten.

Aber Lida beugte sich über sie und tröstete sie rauh:

»Nu, Xuschka, was brüllst du so! Er ist ja nicht tot . . . Nu, du gehst zu ihm . . . nu, sieh, morgen machst du dich auf und gehst hin! . . .«

 


 

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