Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maxim Gorki >

Ehemalige Leute und andere Erzählungen

Maxim Gorki: Ehemalige Leute und andere Erzählungen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorMaxim Gorki
booktitleEhemalige Leute und andere Erzählungen
titleEhemalige Leute und andere Erzählungen
publisherHesse & Becker Verlag
translatorClara Berger, Anna Schapire-Neurath
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070524
modified20160926
projectid174a52d8
Schließen

Navigation:

Das Opfer der Langweile

Schwere, graue Rauchwolken ausstoßend, verschwand der Personenzug wie ein riesiges Reptil in der weiten Steppe, im gelben Getreidemeer. Mit dem Rauch des Zuges verging in der schwülen Luft das ärgerliche Geräusch, das im Verlauf einiger Minuten das gleichgültige Schweigen der weiten, öden Ebene gestört hatte, inmitten welcher die kleine Eisenbahnstation durch ihre Einsamkeit das Gefühl der Schwermut erweckte.

Und als das dumpfe, aber lebensvolle Geräusch des Zuges sich verteilte und unter der klaren Kuppel des wolkenlosen Himmels erstarb, herrschte wieder bedrückende Stille um die Station, und die melancholische Einförmigkeit der Steppe wurde durch sie erhöht.

Die Steppe war goldig-gelb, der Himmel grell-blau. Und jene, wie dieser waren unermeßlich groß; die zwischen sie geworfenen, braunen Stationsgebäude machten den Eindruck einer zufälligen Färbung, die den Mittelpunkt des melancholischen Bildes verdarb, das von einem phantasie- und begeisterungslosen Künstler mit Fleiß gemalt war.

Täglich um 12 und um 4 Uhr nachmittags kommen Züge aus der Steppe auf der Station an und halten je zwei Minuten. Diese vier Minuten – sind die hauptsächliche und einzige Zerstreuung der Station: sie bringen Eindrücke für die Beamten mit sich.

In jedem Zuge ist eine Menge verschiedenartiger, verschieden gekleideter Menschen. Sie erscheinen für einen Moment; in den Waggonfenstern tauchen ihre abgespannten, ungeduldigen, gleichgültigen Gesichter auf – ein Läuten, Pfiffe – und mit nervenerregendem Gedonner eilen sie davon in die Steppe, fernhin, in Städte, wo geräuschvolles Leben braust.

Den Stationsbeamten, die sich in ihrer Einsamkeit langweilen, ist es interessant, diese Gesichter zu sehen, und nachdem sie den Zug expediert, teilen sie einander die Beobachtungen mit, die sie im Fluge erhascht haben. Um sie herum liegt die schweigende Steppe und über ihnen der gleichgültige Himmel, und in ihrem Herzen ist ein dunkler Neid auf die Leute, welche täglich irgendwohin an ihnen vorübereilen, während sie bleiben, in der Einöde eingeschlossen, lebend wie außerhalb des Lebens, mit der Möglichkeit, Menschen nur im Verlauf von vier Minuten zu sehen.

Und so stehen sie, nachdem sie den Zug abgefertigt haben, auf dem Perron der Station, mit den Augen das schwarze Band verfolgend, das im goldenen Getreidemeer verschwindet, und schweigen unter dem Eindruck des Lebens, das an ihnen vorüberflog. Sie sind fast alle da: der Stationsvorsteher, ein gutmütiger, starker Blonder mit einem großen Kosakenschnurrbart, sein Assistent – ein rotblonder, junger Mann mit spitzem Bärtchen; der Stationswärter Lukas – klein, behend und listig, und einer der Weichensteller, Gomosoff, ein stämmiger, breitbärtiger, schweigsamer Bauer mit ernstem, sattem Gesicht.

Auf der Bank an der Tür der Station sitzt die Frau des Vorstehers, eine kleine, dicke Person, die stark durch die Hitze leidet. Auf ihrem Schoße schläft ein Kind, und sein Gesicht ist ebenso rund und rot wie das der Mutter.

Der Zug verschwindet hinter der Biegung, und es ist, als hätte er sich in die Erde eingewühlt.

Da sagt der Stationsvorsteher, indem er sich an seine Frau wendet:

»Nun, Sonja, ist der Samowar fertig?«

»Gewiß,« antwortet sie träge und leise.

»Lukas! Bist du hier . . . fege den Damm und den Perron . . . sieh – was sie da allerhand hingeworfen haben . . .«

»Ich weiß, Matthäus Jegorowitsch . . .«

»Ja . . . nun denn? Wollen wir Tee trinken, Nikolaus Petrowitsch?«

»Wie gewöhnlich . . .« antwortet der Assistent.

Und nach dem Mittagszuge fragt Matthäus Jegorowitsch seine Frau:

»Nun, Sonja, ist das Mittagessen fertig?«

Danach erteilt er Lukas seinen Befehl, stets denselben, und ladet den Assistenten ein, der bei ihnen ißt:

»Nun denn? Wollen wir Mittag essen?«

Und der Assistent antwortet angemessen:

»Wie immer . . .«

Sie gehen vom Perron in die Stube, wo viele Blumen und wenig Möbel sind, wo es nach Küche und Windeln riecht, und dort, um den Tisch, sprechen sie von dem, was an ihnen vorüberflog.

»Haben Sie bemerkt, Nikolaus Petrowitsch, in der zweiten Klasse die Brünette in Gelb? Ein giftiges Stückchen!« . . .

»Nicht übel, aber geschmacklos angezogen« . . . antwortet der Assistent.

Er spricht immer kurz und überzeugt, denn er hält sich für einen Menschen, der das Leben kennt und gebildet ist. Er hat das Gymnasium absolviert. Er besitzt ein Heftchen in schwarzem Kaliko; dahinein schreibt er verschiedene Aussprüche berühmter Leute, die er aus Zeitungsfeuilletons und Büchern auffischt, die ihm zufällig in die Hände kommen. Der Vorsteher erkennt seine Autorität unbestritten in allem an, was nicht den Dienst betrifft, und hört ihm aufmerksam zu. Besonders gefallen ihm die Weisheitsworte aus Nikolaus Petrowitschs Heftchen, und er ist stets treuherzig von ihnen entzückt. Die Bemerkung des Assistenten über das Kostüm der brünetten Dame ruft bei Matthäus Jegorowitsch die Frage hervor:

»Steht denn Brünetten nicht Gelb?«

»Ich spreche von der Fasson, nicht von der Farbe,« erklärt Nikolaus Petrowitsch, indem er mit Akkuratesse Eingemachtes aus der Glasschale auf sein Tellerchen legt.

»Die Fasson . . . das ist eine andere Sache . . .« stimmt der Vorsteher bei.

Seine Frau mischt sich in die Unterhaltung, denn dies Thema liegt ihr nahe und ist ihr verständlich. Doch da der Verstand dieser Leute wenig geschärft ist, zieht sich die Unterhaltung langsam hin und regt selten ihre Gefühle auf.

Und ins Fenster sieht die Steppe, bezaubert vom Schweigen, und der Himmel, erhaben in seiner großartigen Ruhe.

Fast stündlich erscheinen Güterzüge, aber die sie begleitenden Bediensteten sind längst bekannt. Alle diese Kondukteure sind halbverschlafene Menschen, erdrückt von der langweiligen Fahrt durch die Steppe. Übrigens erzählen sie manchmal von Begebenheiten auf der Strecke; auf der und der Werst wurde ein Mensch überfahren; oder sie sprechen von dienstlichen Neuigkeiten: jener wurde bestraft, dieser befördert. Diese Neuigkeiten werden nicht beurteilt – sie werden verschlungen, wie Leckermäuler ein schmackhaftes und seltenes Gericht verschlingen.

Und die Sonne kriecht langsam vom Himmel bis an den Rand der Steppe, und wenn sie dort fast die Erde berührt, wird sie purpurn. Eine rötliche Beleuchtung liegt über der Steppe, die ein banges Gefühl der Unbefriedigung erweckt, einen unbestimmten Drang in die Ferne, fort aus dieser Öde. Dann berührt die Sonne mit dem Rande die Erde und verschwindet träge in ihr oder hinter ihr. Noch lange nachher spielt leise am Himmel die Musik lichter Farben, des Abendrots, aber es erbleicht immer mehr, und warme, schweigende Dämmerung tritt ein. Die Sterne flammen auf und zittern am Himmel, wie erschreckt durch die Langeweile auf Erden.

In der Dämmerung schrumpft die Steppe zusammen; mächtige Finsternis kriecht von allen Seiten geräuschlos auf die Station zu. Und nun kommt schwarz und finster die Nacht.

Auf der Station werden die Lichter angesteckt; heller und höher als sie alle das grünliche Licht des Semaphors. Finsternis und Schweigen um ihn.

Hin und wieder ertönt ein Läuten – die Ankündigung eines Zuges; der eilige Klang der Glocke zieht durch die Steppe und geht schnell in ihr unter.

Bald nach dem Läuten kommt schnell ein rotes, blitzendes Licht aus der dunklen Ferne, und die Stille in der Steppe erhebt von dem dumpfen Gedonner des Zuges, der zu der einsamen, finsternisumgebenen Station kommt.

* * *

Die untere Schicht der kleinen Gesellschaft auf der Station lebt etwas anders als die Aristokratie. Der Wärter Lukas kämpft ewig mit dem Verlangen, zu Frau und Bruder ins Dorf zu laufen, sieben Werst von der Station. Dort hat er eine Wirtschaft, wie er zu Gomosoff sagt, wenn er den schweigsamen, ernsthaften Weichensteller bittet, auf der Station für ihn den Dienst zu übernehmen.

Bei dem Worte »Wirtschaft« seufzt Gomosoff immer schwer und sagt zu Lukas:

»Gewiß, geh! Die Wirtschaft fordert Aufsicht, das ist sicher . . .«

Doch der andere Weichensteller, Athanasius Jagodka, ein alter Soldat mit grauen Borsten, ein spöttischer, boshafter Mensch, glaubte Lukas nicht.

»Wirtschaft!« ruft er lachend aus. »Frau! . . . Ich weiß wohl, was für eine . . . Deine Frau ist wohl Witwe, was? Oder ein Soldatenweib?«

»Ach du, Vogelgouverneur!« ruft Lukas verächtlich.

Er nennt Jagodka Vogelgouverneur, weil der alte Soldat leidenschaftlich Vögel liebt. Seine ganze Bude ist innen und außen mit Käfigen und Vogelhecken behängt; in ihr, wie um sie herum, ertönt den ganzen Tag unaufhörlich Vogellärm. Die von ihm gefangenen Wachteln rufen unermüdlich ihr einförmiges »podpolot«, die Stare brummen lange Reden, die verschiedenfarbigen, kleinen Vögelchen zwitschern unermüdlich, pfeifen und singen, das einsame Leben des Soldaten versüßend. Während seiner ganzen freien Zeit müht er sich mit ihnen ab und äußert, sich gegen sie freundlich und besorgt zeigend, keinerlei Interesse für seine Kameraden. Lukas nennt er Unke, Gomosow – Kozap, und nimmt keinen Anstand, ihnen ins Gesicht zu sagen, daß sie beide »Schürzenjäger« seien und dafür Schläge verdienten.

Lukas beachtet seine Worte wenig; gelingt es aber dem Soldaten, ihn zu erzürnen, so schimpft ihn Lukas lange und beißend:

»Du grauer Kommißkerl, du Rattenfresser! Was verstehst du denn, verabschiedeter Ziegentambour? Frösche hast du dein Leben lang unter den Kanonen hervorgejagt und beim Regimentskohl Wache gestanden . . . was verstehst du zu beurteilen? Geh zu deinen Wachteln, die kannst du kommandieren, Vogelkommandeur!«

Jagodka ging, nachdem er die Schimpfreden des Wärters ruhig angehört hatte, zum Stationsvorsteher, um sich über ihn zu beklagen, der aber rief, man solle ihm nicht mit solchen Bagatellen kommen, und jagte den Soldaten fort. Da fand Jagodka Lukas und fing nun seinerseits an, ihn auszuschimpfen, – ohne sich zu ereifern, ganz ruhig, mit wuchtigen, häßlichen Worten, vor denen Lukas schnell davonlief, indem er ausspie.

Gomosoff antwortete mit Seufzern auf die Anschuldigungen des Soldaten und suchte verlegen sich zu rechtfertigen:

»Was soll man machen? Dabei ist nichts zu machen . . . Gewiß . . . es soll nicht sein . . . aber im übrigen, richte nicht, und du wirst nicht gerichtet . . .«

Einmal antwortete ihm der Soldat lächelnd:

»Jakobs Elster wiederholt immer ein und dasselbe: Richte nicht, richte nicht . . . Aber wenn man andere nicht richten soll, haben die Leute ja nichts zu reden . . .«

* * *

Außer der Frau des Vorstehers war noch ein weibliches Wesen auf der Station – die Köchin. Sie hieß Arina, war an 40 Jahre alt und sehr häßlich: untersetzt, mit hängender Brust, immer schmutzig und abgerissen. Sie hatte einen watschelnden Gang, und in ihrem pockennarbigen Gesicht blitzten kleine, erschrockene Augen, von Runzeln umgeben. Es war etwas Sklavisches, Geschlagenes in ihrer plumpen Gestalt, und ihre dicken Lippen waren immer so gestellt, als möchte sie alle Menschen um Verzeihung bitten, sich ihnen zu Füßen werfen, und wage nicht zu weinen. Gomosoff hatte acht Monate auf der Station verlebt, ohne Arina besondere Beachtung zu schenken; wenn er ihr begegnete, sagte er ihr »Guten Tag!« sie antwortete ihm ebenso, sie wechselten zwei, drei Phrasen und gingen auseinander, jeder nach seiner Richtung. Aber einmal kam Gomosoff in die Küche des Stationsvorstehers und machte Arina den Vorschlag, ihm Hemden zu nähen. Sie willigte ein, und als die Hemden fertig waren, trug sie sie ihm selbst hin.

»Schönen Dank!« sagte Gomosoff. »Drei Hemden, zehn Kopeken pro Stück, folglich hast du dreißig Kopeken zu bekommen . . . Stimmt's?«

»Es ist schon so . . .« antwortete Arina.

Gomosoff wurde nachdenklich und schwieg lange.

»Du bist aus welchem Gubernium?« fragte er endlich das Weib, das beständig seinen Bart angesehen hatte.

»Aus dem Rjäsanschen . . .« sagte sie.

»Weither! Und wie bist du hierher gekommen?«

»So . . . ich bin allein . . . einsam . . .«

»Dadurch kann man wohl weiterkommen . . .« seufzte Gomosoff.

Und wieder schwiegen sie lange.

»So ja auch ich. Aus dem Nischnijnowgorodschen bin ich, aus dem Ssergatschewsker Kreise . . .« fing Gomosoff an zu reden. »Ich bin auch allein, ganz hier. Aber ich habe eine Wirtschaft gehabt, auch eine Frau . . . Kinder – zwei. Die Frau starb an der Cholera, und die Kinder einfach so . . . ihre Zeit zu sterben war da, nu, und sie starben eben . . . Aber ich . . . fing an zu verschwenden aus Gram. Ja–a. Dann hab' ich versucht, mich wieder einzurichten – aber nein, die Maschine ist aus den Schrauben, sie arbeitet nicht. Nu, ich ging also – abseits von meinem Wege . . . und schlage mich schon so im dritten Jahr durch . . .«

»Es ist schlimm, wenn man kein eigenes Nest hat,« sagte Arina leise.

»Was nicht noch! . . . Du bist Witwe, nicht wahr?«

»Mädchen . . .«

»Wie denn!« zweifelte Gomosoff offen.

»Wahrhaftig, Mädchen,« versicherte ihm Arina.

»Warum hast du dich nicht verheiratet?«

»Wer nimmt mich? Ich habe nichts . . . wer hätte Vorteil davon . . . dazu bin ich von Gesicht häßlich . . .«

»Ja–a,« dehnte Gomosoff nachdenklich und sah sie forschend an, indem er sich den Bart strich. Dann erkundigte er sich, wieviel Lohn sie bekomme.

»Zwei und einen halben . . .«

»So. Nu . . . Das heißt also, dreißig Kopeken hast du von mir zu bekommen? Weißt du was . . . komm doch heut abend danach . . . so um zehn Uhr, ah? Ich geb' es dir . . . wir trinken Tee und erzählen uns was aus Langerweile . . . Beide sind wir allein . . . komm!«

»Ich komme . . .« sagte sie einfach und ging.

Dann, nachdem sie genau um zehn Uhr abends zu ihm gekommen war, ging sie erst im Morgengrauen fort.

Gomosoff rief sie nicht mehr zu sich, und die dreißig Kopeken gab er ihr nicht. Sie selbst erschien bei ihm, stumpf und ergeben, sie kam und stellte sich schweigend vor ihn hin. Auf der Pritsche liegend, sah er sie an und sagte, an die Wand rückend:

»Setz' dich!«

Und als sie sich gesetzt hatte, erklärte er ihr:

»Was ich dir sagen will – halte dies geheim! Daß niemand nichts – nichts . . . Es wäre sonst schlimm für mich . . . ich bin nicht mehr jung, und du auch . . . Verstehst du?«

Sie nickte bestätigend mit dem Kopfe.

Als er sie hinausbegleitete, gab er ihr seine Sachen zum Ausbessern mit und erinnerte sie nochmals:

»Daß keine Seele – nichts – nichts . . .«

So lebten sie, vor allen ihren Bund verheimlichend.

Arina stahl sich nachts beinahe auf allen vieren zu ihm. Er nahm sie mit Herablassung an, mit Herrschermiene, und sagte zuweilen offen zu ihr:

»Aber häßlich bist du von Gesicht!«

Sie lächelte ihn schweigend, mit einem bleichen, schuldigen Lächeln an, und wenn sie von ihm ging, nahm sie fast immer irgendeine Arbeit mit, die er ihr gegeben hatte.

Sie sahen sich nicht häufig. Aber dann und wann sagte Gomosoff, wenn er sie irgendwo auf der Station traf, halblaut zu ihr:

»Komm heut . . .«

Und gehorsam erschien sie bei ihm, mit einem so ernsten Ausdruck in ihrem narbigen Gesicht, als gelte es eine Pflicht zu erfüllen, deren Wichtigkeit sie begriffen hatte.

Aber wenn sie nach Hause ging, hatte ihr Gesicht schon wieder die gewöhnliche, tote Miene der Schuld und des Schreckens.

Manchmal blieb sie irgendwo an einer Ecke öder einem Baum stehen und sah lange in die Steppe hinaus. Dort herrschte die Nacht, und ihr finsteres Schweigen machte das Herz schwer.

* * *

Einmal, nachdem der Abendzug fort war, arrangierte der Stationsvorstand einen Teeabend im Garten, vor den Fenstern von Matthäus Jegorowitschs Wohnung, im dichten Schatten der Pappeln.

An heißen Tagen taten sie das oft, – es brachte doch etwas Abwechslung in die Monotonie ihres Lebens.

Sie tranken Tee und schwiegen, da sie bereits alle Eindrücke erschöpft hatten, die ihnen der Zug gebracht hatte.

»Heut ist es noch heißer als gestern,« sägte Matthäus Jegorowitsch, mit der einen Hand seiner Frau das leere Glas reichend, während er sich mit der anderen den Schweiß vom Gesicht wischte.

Die Frau nahm das Glas und meinte:

»Es ist nur vor Langerweile, daß es heißer zu sein scheint . . .«

»Hm! . . . Zugeben . . . es ist wirklich . . . ein langweiliges Leben! In diesem Fall sind Karten gut . . . aber wir sind nur unserer drei . . .«

Nikolaus Petrowitsch zuckte die Schultern, kniff die Augen zusammen und sprach mit Präzision:

»Das Kartenspiel ist, einer Äußerung Schopenhauers nach, der Bankerott an allen Gedanken.«

»Gewandt!« sagte Matthäus Jegorowitsch wohlgefällig. »Wie war es? der Bankerott der Gedanken . . . ja–a! Und wer hat das gesagt?«

»Schopenhauer, ein Deutscher, ein Philosoph . . .«

»Philosoph? Hm . . .«

»Sind diese Philosophen – an Universitäten angestellt?« fragte Sophie Iwanowna neugierig.

»Das heißt, wie soll ich Ihnen sagen? Es ist kein Rang, sondern . . . sozusagen, eine angeborene Gabe . . . Philosoph kann jeder sein . . . wer mit der Gewohnheit zu denken und in allem Anfang und Ende zu suchen geboren ist. Gewiß, auch an Universitäten gibt es Philosophen . . . aber sie können auch einfach so sein . . . können sogar Eisenbahnbeamte sein.«

»Und bekommen die viel, die an Universitäten sind?«

»Je nach . . . Verstand . . .«

»Aber wenn wir den Vierten hätten – könnten wir sehr nett Wint spielen!« sagte Matthäus Jegorowitsch mit einem Seufzer.

Und das Gespräch brach ab.

Am blauen Himmel singen die Lerchen, auf den Pappeln hüpfen Grasmücken von Zweig zu Zweig und zirpen leise. In der Stube weint das Kind.

»Ist Arina da?« fragt Matthäus Jegorowitsch.

»Gewiß . . .« antwortet ihm die Frau kurz.

»Ein originelles Weib, diese Arina; beobachten Sie, Nikolaus Petrowitsch . . .«

»Die Originalität – der erste Abdruck der Banalität,« sagt Nikolaus Petrowitsch wie für sich, mit gedankenvoller, nachdenklicher Miene.

»Wie?« fragt der Vorsteher lebhaft.

Und als Nikolaus Petrowitsch den Ausspruch deutlich wiederholt, kneift er wohlgefällig die Augen zusammen, und Sophie Iwanowna sagt mit schmachtendem Stimmchen:

»Wie gut Sie sich dessen erinnern, was Sie gelesen haben . . . Ich lese etwas, und am nächsten Tage – schlagen Sie mich tot – weiß ich nichts mehr davon . . . Neulich las ich in der »Niwa« etwas so Interessantes, so Amüsantes, – und? kein Wort weiß ich mehr davon!«

»Gewohnheit . . .« erklärt Nikolaus Petrowitsch kurz.

»Nein, dies ist besser als das von . . . Wie hieß er doch? Schopenhauer . . .« sagt Matthäus Jegorowitsch lächelnd. »Das kommt darauf hinaus, daß alles Neue Altes wird!«

»Und umgekehrt, denn ein Dichter hat gesagt: ›Ja, ökonomisch ist die Schöpfungsweisheit – denn alles Neue macht sie aus Altem‹«

»Ei der Teufel! Wie Sie das . . . als fiele es aus dem Siebe!«

Matthäus Jegorowitsch lacht zufrieden, seine Frau lächelt hold, und Nikolaus Petrowitsch fühlt sich geschmeichelt und sucht es erfolglos zu verbergen.

»Wer hat das von der Banalität gesagt?«

»Barjatinsky, ein Dichter.«

»Und das andere?«

»Auch ein Dichter – Fofanoff.«

»Gewandte Leute!« lobt Matthäus Jegorowitsch die Dichter und wiederholt den Doppelvers mit einem Lächeln der Zufriedenheit im Gesicht.

Es ist, als spiele die Langeweile mit ihnen, – sie läßt sie für einen Augenblick aus ihrer engen Umarmung los und umfängt sie von neuem. Dann schweigen sie wieder, keuchend vor Hitze, die der Tee noch vermehrt.

Stille auf der Station. In der Steppe – nur Sonne.

»Ja, ich sprach von Arina . . .« erinnert sich Matthäus Jegorowitsch. »Eine sonderbare Person, seh' ich sie an, muß ich mich wundern. Sie ist wie auf den Kopf gefallen, lacht nicht, singt nicht, spricht wenig . . . ein richtiger Klotz! Aber sie arbeitet sehr gut und gibt sich so mit Lola ab, wissen Sie, paßt so auf das Kind auf . . .«

Er spricht leise, weil er nicht will, daß Arina seine Worte durch das Fenster hört. Er weiß, daß man Dienstboten nicht loben muß, wenn man nicht will, daß sie sich zuviel herausnehmen. Die Frau unterbricht ihn, indem sie bedeutungsvoll das Gesicht verzieht:

»Nun, laß gut sein . . . Du weißt nicht alles von ihr.«

»Sklavin der Liebe,
»Bin ich so schwach
»Im Kampf mit Dir,
»O Dämon mein! –

singt Nikolaus Petrowitsch leise im Rezitativ, mit dem Löffel auf dem Tisch den Takt schlagend. Er lächelt.

»Was, was heißt das? Sie . . . nu, nu, das lügt ihr beide denn doch.« Und Matthäus Jegorowitsch lacht laut. Seine Backen zittern, und Schweißtropfen rinnen schnell von der Stirn.

»Das ist gar nicht einmal lächerlich!« unterbricht ihn seine Frau. »Erstens hat sie das Kind unter den Händen, und zweitens, sieh, was für Brot? Versäuert, verbrannt . . . Und warum?«

»Ja–a, das Brot ist wirklich nicht so . . . Sie muß zur Rede gestellt werden! Aber, wahrhaftig! Das . . . das habe ich nicht erwartet! Sie ist ja Teig! Ach, hol' der Teufel! Aber er, wer ist er? Lukaschka? Ich werd' ihn aber auslachen, den alten Teufel! Oder Jagodka? Aha, die rasierte Lippe!«

»Gomosoff . . .« sagt Nikolaus Petrowitsch kurz.

»Nu–u? Solch ehrbarer Bauer? Oho? Erfindet ihr da nichts, ah?«

Diese höchst lächerliche Geschichte beschäftigt Matthäus Jegorowitsch sehr. Bald lacht er laut mit feuchten Augen, bald spricht er ernsthaft von der Notwendigkeit, den Verliebten strenge Vorhaltungen zu machen, dann stellt er sich die zärtlichen Unterhaltungen zwischen ihnen vor und lacht wieder betäubend. Schließlich wird er ganz fortgerissen. Da macht Nikolaus Petrowitsch ein strenges Gesicht, und Sophie Iwanowna unterbricht ihn heftig.

»Ach, Teufel! Nu, ich werde sie aber auslachen! Das ist interessant . . .« läßt Matthäus Jegorowitsch nicht nach.

Lukas erscheint und meldet:

»Der Telegraph klopft . . .«

»Ich komme. Melde Nr. 42.«

Bald kommt er mit dem Assistenten auf die Station, wo Lukas das Glockenzeichen gibt. Nikolaus Petrowitsch setzt sich an den Apparat und fragt bei der nächsten Station an: »Kann ich Zug Nr. 42 expedieren,« und sein Vorsteher geht im Bureau umher, lächelt und sagt:

»Wir machen uns einen Spaß mit den Teufeln . . . lachen wenigstens ein bißchen aus Langerweile . . .«

»Das ist erlaubt . . .« sagt Nikolaus Petrowitsch beistimmend, indem er mit dem Apparat hantiert.

Er weiß, daß sich ein Philosoph lakonisch ausdrücken muß.

* * *

Die Möglichkeit zu lachen bot sich ihnen bald.

Einmal nachts kam Gomosoff zu Arina in den Keller, wo sie auf sein Geheiß und mit Erlaubnis Sophie Iwanownas sich inmitten verschiedenen Wirtschaftsgerümpels ein Lager hergerichtet hatte. Hier war es feucht und kühl, und zerbrochene Stühle, Zuber, Bretter und allerhand Hausrat nahmen in der Dunkelheit erschreckende Formen an; und wenn Arina zwischen ihnen allein war – fürchtete sie sich so, daß sie kaum schlief und, mit offenen Augen auf einem Bund Stroh liegend, die Gebete vor sich hinflüsterte, die sie kannte.

Gomosoff kam, drückte sie lange und schweigend, und als er müde war, schlief er ein. Aber bald weckte ihn Arina mit aufgeregtem Flüstern:

»Thimothej Petrowitsch! Thimothej Petrowitsch!«

»Nu?« fragte Gomosoff im Schlaf.

»Sie haben uns eingeschlossen . . .«

»Wieso?« fragte er, aufspringend.

»Sie sind gekommen und . . . mit dem Schloß . . .«

»Du lügst . . .« flüsterte er zornig und erschrocken und stieß sie von sich.

»Sieh selbst nach,« sagte sie ergeben.

Er stand auf und ging nach der Tür, an alles stoßend, was er auf dem Wege traf, gab ihr einen Stoß und sagte nach einer Weile finster:

»Das ist der Soldat . . .«

Hinter der Tür erschallte frohlockendes Gelächter.

»Laß mich hinaus!« bat Gomosoff laut.

»Was?« ertönte die Stimme des Soldaten.

»Laß hinaus, sage ich . . .«

»Am Morgen lassen wir dich heraus,« sagte der Soldat und ging fort.

»Ich habe Dienst, Teufel!« rief Gomosoff ärgerlich und dringend.

»Ich übernehme ihn . . . sitze, kehr' dich an nichts . . .«

Und der Soldat ging.

»Ach, Hund!« flüsterte der Weichensteller beklommen. »Wart! . . . einschließen kannst du mich doch nicht . . . Der Vorsteher ist da . . . was wirst du ihm sagen? Er fragt – wo ist Gomosoff, – ah? Antwort' ihm dann . . .«

»Aber der Vorsteher hat es ihm ja selbst befohlen,« sagte Arina leise und hoffnungslos.

»Der Vorsteher?« fragte Gomosoff erschrocken dagegen. »Weshalb denn er?« Und nachdem er eine Zeitlang geschwiegen, schrie er sie an: »Du lügst!«

Sie antwortete mit einem schweren Seufzer.

»Was soll nur daraus werden?« fragte der Weichensteller, indem er sich auf einen Zuber neben der Tür setzte. »Welche Schande für mich! Und alles du, Teufelsbraten, alles du . . . o–o!«

Er drohte mit der zur Faust geballten Hand nach der Seite, woher ihr Atem kam. Sie aber schwieg.

Feuchte Finsternis umgab sie, Finsternis, durchdrungen vom Geruch des Sauerkohls, Schimmels und noch etwas Scharfem, das die Nase kitzelte. Durch die Türspalten drangen Streifen Mondlichts. Hinter der Tür donnerte der Güterzug, der die Station verließ.

»Was schweigst du, Gespenst?« sagte Gomosoff hämisch und verächtlich. »Was wird jetzt mit mir? Hast es verursacht und schweigst? Denk' nach, Teufel, was machen wir? Wo soll ich hin vor Schmach? Ach, Herr, mein Gott! Wozu hab' ich mich mit einer solchen eingelassen! . . .«

»Ich werde um Verzeihung bitten,« erklärte Arina leise.

»Nu?«

»Vielleicht verzeihen sie . . .«

»Was hab' ich davon? Nu, dir verzeihen sie, nu? Bleibt denn die Schande auf mir oder nicht? Werden sie mich auslachen?«

Nachdem er eine Weile geschwiegen, fing er wieder an ihr Vorwürfe zu machen und sie zu beschimpfen. Und die Zeit verging mit grausamer Langsamkeit. Endlich bat ihn das Weib mit einem Beben in der Stimme:

»Verzeih mir, Thimothej Petrowitsch!«

»Verzeihen mit einem Zaunpfahl an deinen Schädel!« brüllte er los.

Und wieder trat finsteres, niederdrückendes Schweigen ein, voll dumpfen Leidens und Zornes für die beiden, im Finstern eingeschlossenen Leute.

»Herrgott! würde es doch bald Licht,« flehte Arina beklommen.

»Schweig du . . . ich werde dir ein Licht anstecken!« drohte ihr Gomosoff und fiel wieder mit schweren Vorwürfen über sie her. Dann trat die Tortur der Stille und des Schweigens ein. Und die Grausamkeit der Zeit wurde mit dem Nahen der Dämmerung immer schlimmer, als zögere jede Minute zu entfliehen vor Freude an der lächerlichen, schmachvollen und schweren Lage dieser Leute.

Gomosoff schlummerte schließlich ein und erwachte von einem Hahnenschrei, der neben dem Keller ertönte.

»He, du . . . Hexe! Schläfst du?« fragte er dumpf.

»Nein,« antwortete Arina mit einem schweren Seufzer.

»Aber ich würde doch einschlafen!« schlug ihr der Weichensteller ironisch vor. »Ach, – du . . .«

»Thimothej Petrowitsch,« rief Arina fast wimmernd, »sei mir nicht böse! Hab' Mitleid mit mir! Ich bitte dich um Christi, um Gottes willen – hab' Mitleid! Ich bin ja allein, ganz allein! Und du hast mir . . . du mein Lieber – du hast mir doch . . .«

»Heul' nicht, mach' die Leute nicht lachen!« unterbrach Gomosoff streng das hysterische Geflüster des Weibes, das ihn ein wenig besänftigte. »Schweig' schon . . . wenn Gott geschlagen hat . . .«

Und wieder erwarteten sie schweigend jede folgende Minute. Aber die Minuten vergingen, ohne ihnen etwas zu bringen. Da endlich blitzten Sonnenstrahlen durch die Türritzen und durchschnitten wie glänzende Fäden das Dunkel im Keller. Bald erschallten Schritte am Keller. Jemand kam an die Tür, stand ein Weilchen und entfernte sich.

»P . . . Peiniger!« brüllte Gomosoff auf und spie aus. Wieder schweigendes, gespanntes Warten . . .

»Herrgott! . . . erbarme dich . . .« flüsterte Arina.

Es war, als schliche man sich leise an den Keller heran . . . Das Schloß klirrt, und die strenge Stimme des Vorstehers erschallt:

»Gomosoff! Nimm Arina an die Hand und komm heraus, nun, rasch!«

»Komm!« sagte Gomosoff halblaut.

Arina kam und stellte sich gesenkten Kopfes neben ihn.

Die Tür öffnete sich, vor ihnen stand der Stationsvorsteher. Er verbeugte sich und sagte:

»Ich gratuliere zur rechtmäßigen Vermählung! Bitte, kommt! Musikanten – spielt!«

Gomosoff tat einen Schritt über die Schwelle und blieb stehen, betäubt von einem Ausbruch albernen, absurden Lärms. Hinter der Tür standen Lukas, Jagodka und Nikolaus Petrowitsch.

Lukas schlug mit der Faust auf einen Eimer und brüllte etwas im Bockstenor. Der Soldat blies sein Horn, und Nikolaus Petrowitsch schwenkte mit der Hand durch die Luft, blies die Backen auf und machte mit den Lippen wie eine Trompete:

»Bum! bum! Bum – bum – bum!«

Der Eimer dröhnte, das Horn wimmerte und heulte. Matthäus Jegorowitsch lachte, sich die Seiten haltend. Auch sein Assistent lachte bei Gomosoffs Anblick, der verwirrt, mit grauem Gesicht und einem verlegenen Lächeln auf den zitternden Lippen, vor ihnen stand. Hinter ihm stand Arina regungslos, wie versteinert, den Kopf tief auf die Brust gesenkt.

»Thimotheus hat Arina
Süße Worte zugeflüstert« . . .

sang Lukas irgendwelchen Unsinn und schnitt Gomosoff widerliche Grimassen. Und der Soldat näherte sich Gomosoff, setzte ihm sein Horn ans Ohr und blies – blies.

»Nun, kommt . . . nun . . . gib ihr den Arm!« rief der Stationsvorsteher, der vor Lachen platzen wollte. Auf der Treppe saß seine Frau und wiegte sich hin und her, indem sie quiekend rief: »Motja . . . genug . . . ach! ich sterbe!«

»Daß ich Dich wiederseh',
Dulde ich Leid und Weh!«

sang Nikolaus Petrowitsch Gomosoff gerade ins Gesicht.

»Hurra den Neuvermählten!« kommandierte Matthäus Jegorowitsch, als Gomosoff einen Schritt vorwärts machte. Und alle vier kreischten einträchtig »hurra!«, wobei der Soldat mit Baßstimme brüllte.

Arina ging hinter Gomosoff, den Kopf erhoben, den Mund offen und die Arme am Leib niederhängend. Ihre Augen blickten stumpf geradeaus, aber sie sahen kaum etwas.

»Motja, befiehl ihnen . . . sich zu küssen! . . . ha, ha, ha!«

»Neuvermählte, bitte!« rief Nikolaus Petrowitsch, und Matthäus Jegorowitsch lehnte sich sogar an einen Baum, denn er konnte sich vor Lachen nicht auf den Füßen halten. Und der Eimer dröhnte, das Horn heulte, brüllte, neckte, und Lukas sang, dazu tanzend:

»Und recht dick hast Du, Arina,
Uns die Grütze eingekocht!«

Und Nikolaus Petrowitsch machte wieder mit den Lippen:

»Bum – bum – bum! Tra – ta – ta! Bum! bum!
Tra – ra – ra!«

Gomosoff war bis an die Kasernentür gelangt und verschwand dahinter. Arina blieb auf dem Hofe, von den wie besessenen Leuten umringt. Sie grölten, lachten, pfiffen ihr in die Ohren und sprangen in einem Anfall sinnlosen Vergnügens um sie herum. Sie stand vor ihnen mit unbeweglichem Gesicht, zerzaust, schmutzig, kläglich und lächerlich zugleich.

»Der Neuvermählte ist ausgerissen, aber sie ist geblieben,« rief Matthäus Jegorowitsch seiner Frau zu, indem er auf Arina zeigte, und krümmte sich wieder vor Lachen.

Arina wandte den Kopf nach ihm und ging an der Kaserne vorüber – in die Steppe. Pfeifen, Geschrei, Lachen begleiteten sie.

»Genug! Laßt sein!« rief Sophie Iwanowna. »Laßt sie zu sich kommen! Das Mittagessen muß bald bereitet werden.«

Arina ging in die Steppe, dorthin, wo hinter der Grenzlinie ein borstiger Streifen Korn stand. Sie ging langsam, wie ein Mensch, der tief in Gedanken versunken ist.

»Wie, wie?« befragte Matthäus Jegorowitsch die Teilnehmer an diesem Spaße, die einander verschiedene kleine Einzelheiten des Betragens der Neuvermählten erzählten. Und alle lachten. Kaum daß Nikolaus Petrowitsch sogar Zeit und Stelle fand, einen kleinen Weisheitsspruch einzuschalten:

»Zu lachen keine Sünde ist
Über das, was wirklich lächerlich ist,«

sagte er zu Sophie Iwanowna und fügte mit Bedeutung hinzu:

»Aber viel lachen ist schädlich.«

* * *

An jenem Tage wurde auf der Station viel gelacht, aber schlecht zu Mittag gegessen, weil Arina nicht zum Kochen erschien und Sophie Iwanowna selbst das Essen bereiten mußte. Aber auch das schlechte Mittagsessen verdarb nicht die gute Laune. Gomosoff verließ die Kaserne nicht, bis er Dienst hatte, und als er kam, wurde er in das Bureau des Vorstehers gerufen, und dort, beim Lachen Matthäus Jegorowitschs und Lukas', fing Nikolaus Petrowitsch an ihn auszufragen, wie er seine Schöne »angezogen« habe.

»Der Originalität nach – ist das Sündenfall Nr. 1,« sagte Nikolaus Petrowitsch zum Vorsteher.

»Ein Sündenfall ist es auch,« sagte der ehrbare Weichensteller, verdrießlich lächelnd. Er begriff, daß er weniger ausgelacht werden würde, wenn er es verstände, sich über Arina lustig zu machen. Und er erzählte.

»Zuerst hat sie mir immer zugeblinzelt . . .«

»Zugeblinzelt? Ha – ha – ha! Nikolaus Petrowitsch, stellen Sie sich doch vor, wie sie mit dieser Fr–ratze ihm zugeblinzelt haben muß? Reizend!«

»Gewiß, sie blinzelt mir zu, ich seh' es und denke bei mir – du spaßest! Danach sagt sie also, wenn du willst, sagt sie, näh' ich dir Hemden!«

»Doch nicht im Nähen lag hier die Stärke . . .« bemerkte Nikolaus Petrowitsch und erklärte dem Vorsteher: »Das ist von Nekrassoff, wissen Sie – aus dem Gedicht ›Die Elegante und die Dürftige‹ . . . fahr' fort, Thimothej!«

Und Thimothej fuhr fort zu sprechen; zuerst tat er sich Gewalt an, dann reizte ihn allmählich die Lüge, denn er sah, daß sie ihm von Nutzen war.

Und die, von der er sprach, lag währenddessen in der Steppe. Sie war tief in das Getreidemeer hineingegangen, ließ sich dort schwer auf die Erde nieder und lag lange regungslos auf der Erde. Als aber die Sonne dermaßen ihren Rücken sengte, daß sie die brennenden Strahlen nicht mehr ertragen konnte, drehte sie sich um, die Brust nach oben, und bedeckte das Gesicht mit den Händen, um die übermäßig helle Sonne und den allzuklaren Himmel in seiner Tiefe nicht zu sehen.

Trocken rauschten die Kornähren um das Weib, welches die Schande erdrückte, und unaufhörlich zirpten besorgt zahllose Grillen. Und heiß war es. Sie versuchte sich ihrer Gebete zu erinnern und konnte nicht – vor ihren Augen drehten sich lachende Fratzen in wildem Tanze, und in den Ohren schmerzte Lukas' Tenor, schallte das spöttisch-klägliche Gewimmer des Hornes und das Gelächter. Davon oder von der Hitze wurde ihr die Brust zu eng, sie knöpfte die Jacke auf und setzte ihren Leib den Sonnenstrahlen aus, vielleicht in der Erwartung, so leichter atmen zu können. Und während die Sonne auf ihrer Haut brannte, bohrte im Innern ihrer Brust eine Empfindung, fast Schmerz und ähnlich wie Sodbrennen. Schweratmend flüsterte sie dann und wann:

»Herrgott! . . . erbarme dich . . .«

Aber ihr zur Antwort ertönte nur das trockene Rascheln der Kornähren und das besorgte Zirpen der Grillen. Den Kopf über die Getreidewogen erhebend, sah sie ihr goldiges Schillern, das schwarze Rohr der Pumpe, das fern der Station in einer Schlucht aufragte, und die Dächer der Stationsgebäude. Weiter war nichts in der unermeßlichen, gelben Ebene, welche die blaue Himmelskuppel bedeckte, und es war Arina, als sei sie allein auf der Erde und läge gerade in ihrer Mitte und keiner komme jemals mehr, die Last ihrer Einsamkeit zu teilen, – niemand, niemals . . .

Gegen Abend hörte sie Rufe:

»Arina–a! Arischka, Teu–eufel! . . .«

Die eine war Lukas' Stimme, die andere – des Soldaten. Es verlangte sie, die dritte zu hören, aber die rief sie nicht, und da weinte sie reichliche Tränen, die schnell über ihre narbigen Wangen auf die Brust rannen. Sie weinte und rieb die nackte Brust auf der trockenen, warmen Erde, um dies Brennen, das sie immer stärker peinigte, zu betäuben. Sie weinte und schwieg, ihr Stöhnen unterdrückend, als fürchte sie, daß jemand sie hören und ihr verbieten könne, zu weinen.

Als dann die Nacht hereinbrach, stand sie auf und ging langsam nach der Station.

An die Stationsgebäude gelangt, lehnte sie sich mit dem Rücken an die Kellerwand und stand dort lange, in die Steppe hinaussehend. Güterzüge erschienen und verschwanden – sie hörte, wie der Soldat den Kondukteuren von ihrer Schande erzählte, und wie sie lachten. Die Nacht war still und mondhell . . . das Lachen schallte weit über die öde Steppe, wo die Pfiffe kaum hörbar ertönten.

»Gott! erbarme dich . . .« seufzte das Weib, sich dicht an die Wand schmiegend. Aber diese Seufzer erleichterten nicht die Last, die ihr Herz bedrückte.

Gegen Morgen schlich sie sich vorsichtig auf den Boden der Station und eine Schlinge aus der Leine machend, auf welcher sie die von ihr gewaschene Wäsche zu trocknen pflegte, erhängte sie sich dort.

Nach zwei Tagen wurde Arinas Leiche infolge des Geruchs gefunden. Anfangs erschraken alle, dann fingen sie an zu erörtern, wer daran schuld sei? Nikolaus Petrowitsch bewies unumstößlich, daß – Gomosoff schuld sei. Da gab ihm der Stationsvorsteher in die Zähne und befahl ihm drohend, zu schweigen.

Das Gericht erschien, es wurde eine Untersuchung angestellt, und es ergab sich, daß Arina an Schwermut gelitten hatte . . . Die Arbeiter des Bahnmeisters wurden beauftragt, sie in die Steppe zu bringen und dort einzugraben. Als dies geschehen war – herrschte wieder Ordnung und Ruhe auf der Station.

Und wieder fingen ihre Bewohner an vier Minuten im Tage zu leben, vor Langerweile und Einsamkeit, vor Nichtstun und Hitze vergehend, mit Neid den an ihnen vorüberfliegenden Zügen nachsehend.

. . . Und im Winter, wenn Schneestürme mit Heulen und Brausen über die Steppe ziehen, die kleine Station mit Schnee und wilden Lauten überschüttend – dann wird für die Stationsbewohner das Leben noch langweiliger.

 


 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.