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Eglantine

Jean Giraudoux: Eglantine - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJean Giraudoux
titleEglantine
publisherSuhrkamp Verlag
printrun16.-20. Tausend
year1964
translatorEfraim Frisch
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131106
projectideee16016
wgs9110
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Siebtes Kapitel

Eglantine und Fontranges rührten sich nicht aus Paris, obgleich die Ferien bereits gekommen waren. Ja, noch mehr: in Paris selbst bewegten sie sich kaum, betraten nie eine neue Straße, entfernten sich nie von ihrem einzigen Spazierweg. Beide fühlten, daß das geringste Hinaustreten aus ihren Gewohnheiten sie aus der Fassung bringen oder noch weiter führen würde. Sie lebten mit sehr sparsamen Bewegungen dicht beieinander; Eglantine zog ihren Filz mit so viel Vorsicht über ihren Kopf, als wäre er eine Gasmaske, und Fontranges hätte sich mehr gehütet, seinen rechten Arm in die Luft zu strecken, als bei Gewitter mit einem Blitzableiter spazierenzugehen. Noch lieber war es ihnen, miteinander zu sprechen, ohne sich zu bewegen, in den Fauteuils des Salons ausgestreckt, sich vor dem Verhängnis, das sie über sich fühlten, so tot zu stellen, daß sie beim Aussprechen eines Satzes sogar die Augen schlossen und die Verantwortung für ihre Worte den Bildern und Möbeln überließen. Alle Mittel, die verliebte Verwandte in der Provinz anwenden, um vierzig Jahre im gleichen Haus zu leben, ohne sich ihre gegenseitige Leidenschaft zu gestehen, hatten sie in einem Monat erprobt. Wer zuletzt aufblieb, ging dem anderen, der zuerst sich schlafen legte, gute Nacht sagen; nie entfernten sie sich auf dem Spaziergang um einen Schritt voneinander, nie ließen sie einen Unbekannten oder ein Auto zwischen sich plötzlich jene Kette stramm spannen, die sie verband und die ihnen vollkommen genügte, sich nahe zu sein, sich zu berühren, ohne einander zu fühlen. Am Tage löschten sie jeden allzu deutlichen Gedanken in sich aus; bei Nacht vertrieben sie jeden allzu dunklen Gedanken: zwei Helligkeiten und zwei Dunkelheiten zugleich hätten sie nicht ertragen. Jedes spielte dem anderen vor, als hätte es seine besonderen Beschäftigungen, sein besonderes Leben, und erschien beim Frühstück förmlich mit Eigenheit bedeckt; in der Tat aber standen sie beide zur selben Stunde auf, schliefen fast in der gleichen Minute ein und taten den ganzen Tag nichts, als auf die Mahlzeit zu warten, die sie genau in dem Augenblick einnahmen, da Hunger und Durst sich bei beiden einstellte. Wenn sie miteinander ausgingen, beschränkten sie sich darauf, auf den automatischen Waagen sich zu wiegen, sich vor den Spiegeln zu messen, von den Unterschieden befriedigt, als wenn sie keine Gefahr liefen, weil sie nicht das gleiche Gewicht, die gleiche Größe und die gleiche Erscheinung hatten. Das fabelhaft tätige Dasein, das sie miteinander vorspielten, bestand bei Eglantine darin, daß sie eine Stunde lang die Lippen bewegte, ohne ein Wort von sich zu geben, eine Elementar-Übung im Küssen; bei Fontranges darin, den Bruder des Prätendenten, den künftigen König, der ein entfernter Verwandter und Schulkamerad von ihm war, auf seinem regelmäßigen Spaziergang zu begleiten. Alles, was man tut, wenn man auf die Krone Frankreichs wartet, Chinawein in der Rigolett-Bar trinken, St.-Raphael mit Wasser gemischt bei Gaufres, das tat auch Fontranges, glücklich darüber, diesmal gleichsam auf Rechnung eines andern im Schlepptau einer unmöglichen Hoffnung sich zu befinden. Er machte hundertmal den gleichen kurzen Spaziergang, zur Linken den Herzog, von der Avenue Marigny bis zum Rond-Point, die gewohnte Strecke des Thronerben, auf einer Art königlichem, von Heimweh und Erwartung bewegtem Trottoir roulant, das ihm jede Ermüdung ersparte. Er kehrte glücklich nach Hause zurück. Die Rolle des Prätendenten allem gegenüber, das er vom Leben erwartete, Glück, Liebe, schien ihm nicht nur eine ehrenhafte, durchaus befriedigende Rolle, sondern eine Gunst, eine Funktion zu sein. Der Mann, der in ganz Frankreich am meisten das Recht auf Liebe hatte, war wie jener, der das meiste Recht auf Frankreich selbst hatte, der einzige, dem der Eintritt hier verboten war. Manche Leute ließen sich übrigens dadurch nicht täuschen und achteten infolge eines gewissen Glanzes, der auf ihm lag, Fontranges als den wahren Helden der Gefühle, die sie selbst bis zur letzten Bitterkeit oder Süßigkeit ausgekostet hatten und die er gar nicht kannte. Völlig frei und in vollkommener Übereinstimmung mit ihr, lebte er mit Eglantine ein Leben voller Zurückhaltung und Zwang, wie sie der Haß von Verwandten, die Verfolgung eines Papstes, oder ältere Bande so vielen berühmten Paaren auferlegt haben. Es bestand sogar von seiten Fontranges' eine Gefahr mehr: er sah gar nicht, wie hinreißend Eglantine war. Er hatte von seiner Familie die Gewohnheit geerbt, nur Frauen mit einer Adlernase, mit ganz zarten Gelenken und von Seide bedeckt schön zu finden. Eglantine hatte eine kleine gerade Nase und schien des Sommers und der Mode wegen stets nur halb bekleidet zu sein. Fontranges, der sein Lebtag Bruchteile nur von Glück und Schönheit unter einem beträchtlichen Haufen von Kleidern und Hindernissen zu entdecken vermocht hatte, konnte nicht dazu gelangen, diese Arme, diese Schultern, dieses unmittelbare Vorbeistreifen der Anmut und des Nackten an seinem Dasein nach seinem wahren Wert zu schätzen. Der Goldsucher glaubte nicht an einen Boden von Gold. Wenn er geahnt hätte, daß Eglantine das schönste Mädchen in Paris war, dann wäre er aus Bescheidenheit und aus Skrupeln unverzüglich geflohen. Doch beim Anblick dieser langen und beweglichen Hände, dieses schön geschnittenen Mundes, dieser hohen Brust von Mitleid ergriffen, nahm er die Harmonie und die Nacktheit für einen Rest von Kindlichkeit an ihr, und indem sein Gefühl immer um so väterlicher wurde, in dem Maße, wie Eglantinens Röcke immer kürzer wurden, fühlte er sich als den einzigen Beschützer dieses Körpers ohne Korsett. Ohne Mißtrauen nahm er ihren nackten Arm, ließ er sich die Liebkosungen Eglantines gefallen, schließlich auch seine Hände von ihr drücken, mit denen er, um sie ihr zu entziehen, wochenlang im Wagen fortgesetzt am Fenster und an den Vorhängen sich zu schaffen machte. Es war mit der Seele Eglantinens nicht anders als mit ihrem Körper; je mehr sie enthüllte, um so weniger würdigte er ihren Reiz. Sie kam so weit, daß ihre ganze Art, mit ihm zu sprechen, die einer Verliebten war; sie bat ihn um das Salz, wie Julia es von Romeo verlangt hätte, doch Fontranges eignete sich mit instinktiver List die gleiche Sprache bei jeder Gelegenheit an, damit die zärtlichen Worte Eglantines nicht als Ausfluß der Liebe erschienen. Es war übrigens das erste Mal, daß er sich ihrer bediente, und war darüber verwundert, mit welcher Leichtigkeit sie sich bei den gewöhnlichsten Anlässen gebrauchen ließen. Nie ist das Wort Liebe, das Wort lieben so oft in einem Lift und bei einem Frühstück verwendet worden. »Ich liebe dich«, sagte Eglantine, indem sie ihm das Brot reichte. »Welch köstliches Brot, mein Liebes«, erwiderte Fontranges, der seine Rührung auf das Brot, auf die menschliche Nahrung ablenkte. Gleichwohl war er nicht ohne Besorgnis. Über den Wein, über gedämpftes Kalbfleisch, über so profane Nahrung derart in Rührung zu geraten, das hieß etwas Zweideutiges in sich begünstigen. Bellita war abwesend, und um den Überschwang zu dämpfen, ließ er ihren Sohn, den kleinen Aymon, zwischen sich und Eglantine an der Mahlzeit teilnehmen. Bellita fand bei ihrer Rückkehr Aymon zu dick, den Hund zu dick. Das war die Folge davon, daß Fontranges sie überfütterte, um seinen Dialog mit Eglantine einzudämmen. Er versuchte auch noch viel naivere Mittel, um diese Zuneigung, deren leidenschaftliche Wildheit er fühlte, abzulenken. Eglantine hatte erklärt, daß sie sein Parfüm liebte. Er vertauschte es gegen ein anderes. Er bemerkte nicht, daß sein Lieferant, der die ganze Familie versorgte, ihm Eglantines Parfüm gab. Sie aber, sie sah darin eine Geste der Zärtlichkeit. Sie nahm ein anderes Parfüm, nachdem das alte an ihr für sie verjährt war. Sie nahm das frühere Parfüm Fontranges'. Dadurch, daß sie auf diesem Gebiet ihre Plätze gewechselt hatten, waren sie nicht um einen Meter weiter voneinander entfernt ... Eglantine hatte erklärt, daß sie Aymons Kinn bewundere, das, wie sie hinzufügte, mit seiner Rundheit und dem Grübchen dem Kinn seines Großvaters ähnlich war. Er ließ seinen Bart wachsen und zu einem Spitzbart schneiden. Doch mit dem gewachsenen Bart kamen Eigenschaften zum Vorschein, die niemand je an Fontranges vermutet hätte. Er hatte sich damit eine Maske alles dessen aufgesetzt, was ihm just fehlte: von Energie, Unerschütterlichkeit, kriegerischem Geist. Es war jetzt ein unzähmbarer und kühner Reiter, der sich vor der ausgestreckten Hand Eglantines furchtsam zurückzog: sie war darüber hingerissen. Zudem waren dadurch seine Runzeln verdeckt. Er ließ sich die Brauen, die sich über seiner Nase trafen, nicht mehr stutzen; Eglantine wußte, daß dieser zusammengewachsene Bogen ein Merkmal rasender Eifersucht war, und der rasend Eifersüchtige gab ihr den Rat, die Dancings nicht so zu vernachlässigen: sie war darüber entzückt. So daß er mit allen diesen Veränderungen nur erreichte, in den Augen Eglantinens ein Sammelporträt aller seiner Vorfahren, der Ahnengalerie, in der sie früher jeden für sich bewundert und geliebt hatte, darzustellen, und sie war entzückt, alle Ausstrahlungen ihrer Seele endlich in einen Strahl gesammelt zu fühlen. Zum ersten Mal fühlte sie sich nur als ein einzig Herz. Es war ein Gefühl, als seien alle verschwunden – nur eins war geblieben. Das bedeutete eine himmlische Ruhe.

Eines Morgens zeigte Fontranges ein solches Wohlbehagen, küßte mit solcher Ungezwungenheit Eglantinens Hand, beglückwünschte sie so natürlich zu ihrem Kleid, bezeugte ihr den ganzen Tag so viel zerstreute Zuneigung, daß es Eglantine auffiel. Sie forschte nach und erfuhr, daß er am Morgen Sechzig geworden war. Diese Nachricht war für sie entscheidend. Bis jetzt hatte sie Fontranges geliebt, weil er das Unveränderlichste war, das sie auf der Welt angetroffen hatte; jetzt liebte sie ihn plötzlich, weil er das Unbeständigste war. Eglantine war zu jung gewesen, um die Soldaten im Kriege während ihres Urlaubs zu lieben, doch für sie, die so jung war, hatte der Tod noch den edlen Anschein eines Kampfes, und sie wollte niemand vor dem Abgang zu einer Front, die unerbittlich ist, lieben. Fontrages hörte oft gar nicht, was sie sagte, antwortete verkehrt. Man mußte seine Aufmerksamkeit fesseln, bevor er in die ewige Zerstreuung einging. Sie zwang ihn, sie spazieren zu führen, sie aus dem Kreis ihrer Ohnmacht hinauszubringen. Sie wollte Paris besichtigen, von dem sie nur das Zentrum kannte. Er nahm jenen Spaziergang, den er 1914 während der Krankheit Jaques' machte, mit ihr wieder auf ... Mißtrauisch mied er die Terrassen, die Türme. Er hatte den Eindruck, daß jeder Rundblick auf die Stadt den Blick auf sich selbst erweitern würde. Er traf gegen die Schönheiten von Paris Schutzmaßregeln, wie er sie bei seinem ersten Besuch gar nicht angewandt hatte. Es handelte sich nicht mehr darum, ein scheußliches Übel sich zu holen, sondern einem namenlosen Glück aus dem Wege zu gehen. Diesmal vermied er die Schätze. Er verbarg vor Eglantine den Regenten, das Bild in Versailles, auf welchem sein Ahne den berühmten Majordomus ritt. Doch alles unterstützte Eglantine bei ihrem Verführungswerk. Infolge der neuen Gasfabriken in der Umgebung von Levallois gewannen die Sonnenuntergänge an roter und violetter Wildheit. Der ganze Staub des Sommers war dieses Jahr farbig. Wenn der Prätendent einen Lorbeer in den Champs-Elysees berührte, blieb an seinen Fingern ein Staub, wie ihn sein Onkel, Herzog Henry, der Naturforscher, auf seinen südlichen Reisen auf Schmetterlingsflügeln fand. Der Trocadero kam jetzt erst richtig zur Geltung dadurch, daß seine buntscheckige Seite ganz im Schatten lag und die schwarze ganz vergoldet war. Ganz Paris war nichts wie eine Spiegelung, nur daß sie nicht auf dem Kopf stand und wirklich war. Ein andermal hätte Fontranges, der für jede Aufmerksamkeit der Natur Gefühle hatte, lange in Gedanken und auch in Worten dafür gedankt. Doch um sich nicht Lügen zu strafen, um nicht zu verraten, daß er Eglatinens Benehmen durchschaue, gab er vor, dem Benehmen von Paris gegenüber und auch sonst vor allem, das ihn erfreute und rührte, die gleiche unbefangene und wohlwollende unbeteiligte Haltung zu bewahren. Wenn Paris und Eglantine im Einverständnis waren, so mochten sie es nur sein. In seiner Überbescheidenheit und gesteigerten Empfindlichkeit gelangte er auf den Gipfel der Gleichgültigkeit. Die sehr höflichen Menschen, die ungewöhnlich schönen Pferde wurden für ihn etwas Unpersönliches, genau wie der Wind und das schöne Wetter. Er betrachtete dieses festliche Leuchten der Sonne und des Tages, welche den Augen seiner Begleiterin Tränen entlockten, ohne zu sprechen oder auch ohne sich ihretwegen im Sprechen unterbrechen zu lassen. Ja, er betrachtete ihre Tränen mit einem Lächeln. Die Sprache von Paris und des zu Ende gehenden Sommers drückten wie die Eglantinens ein Bekenntnis, eine Andacht vor Fontranges aus: er hütete sich wohl, die Liebe der Dinge zu beachten, vor allem sie ernst zu nehmen; das hätte ihn doch verpflichtet, sie auch an Eglantine wahrzunehmen! So daß in dem Maße, wie die Schmeicheleien des Lichts und der Menschen, beständiges Wetter, der erste Preis auf der Hundeausstellung sich um ihn häuften, er gegen sie nur immer unempfindlicher schien. Er wurde geradezu unhöflich. Er antwortete den Leuten nicht mehr, die sich entschuldigten, wenn sie ihn anstießen; er dankte auch jenen nicht, die ihn zu seiner Auszeichnung für landwirtschaftliche Verdienste beglückwünschten, denn auch die französischen Behörden mischten sich in dieses Spiel und überhäuften ihn mit Artigkeiten. Der künftige König schenkte ihm ein goldenes Zigarettenetui mit einer Inschrift, die auf den Wahlspruch der Fontranges Ferreum ubique anspielte, und vergoldete so ihr Hauptorgan. Er bedankte sich kaum dafür, so wie er Eglantine gedankt hätte; fast hätte er dabei die gewohnten Worte Liebling und Liebes gebraucht. In dem er so aus den Handlungen seines Geistes die Furcht und das Staunen gestrichen hatte, gelangte er dazu, sein gewohntes Leben zu leben, fand sich aber eben dadurch in eine Sphäre hinaufgehoben, in der alles möglich war, wo zu jeder Stunde Situationen eintreten konnten, wie sie nur in der Sage vorkommen, und man, um sie zu bestehen, zu ebenso sagenhaften Mitteln hätte greifen müssen. Während ihn der Besuch irgendeines Vetters aus der Umgebung sonst wie ein ungewöhnliches Ereignis überraschte, fand er es natürlich, daß einer seiner Onkel, George de Lamerouse, ein Fregattenkapitän, der seit vierzig Jahren verschollen war, von den Neuen Hebriden eintraf, um ihm guten Tag zu sagen. Hunderassen, die er ebenfalls aus der Welt verschwunden glaubte, tauchten mitten auf der Cours la Reine auf. Er nahm diese Wunder wie die natürlichsten Tatsachen auf, wie die Liebe Eglantines. Nur eine Weile noch, und das Einhorn und der Drache würden auf den Plan treten. Das schöne Einhorn! hätte er bei seinem Anblick einfach gesagt, und er hätte dessen Glieder und Bau nach dem Handbuch über Einhörner geprüft, das in seiner Bibliothek neben dem Handbuch über arabische Pferde stand, das ihm übrigens den gleichen praktischen Wert zu haben schien: man zielt beim Einhorn nicht auf das Schulterblatt, sondern auf das Horn selbst; das Einhorn wird zu sieben eingespannt ... Alles auf der Welt war seit einem Monat dermaßen verändert, daß zuletzt im Grunde nichts in Rücksicht auf irgend etwas sich verändert fand. Fontranges, der übrigens ein rechter Anhänger einer Welt von solcher Beschaffenheit war, in der die Armen reich, die Reichen arm, aber aus freien Stücken, die Atheisten religiös, die Götter aus Bescheidenheit ungläubig sind, begnügte sich in dieser zwanzigfach übersteigerten und zwanzigfach empfindlichen Atmosphäre, sein natürliches Sichgehenlassen zwanzigfach zu vergrößern. Er studierte jetzt mit Bedacht alle jene äußersten Mittel, um durch Großherzigkeit und ein Übermaß von Liebe die Liebe von sich abzuwenden, Selbstmord zu begehen, Eglantine in einen anderen, viel Jüngeren verliebt zu machen, alles, was im modernen Leben als zweifelhaft gilt, in der Heldensage dagegen geläufig ist. Junge weitläufige Verwandte, junge Leute, die zerstreut in den Zwischenstockwerken der Rue de Prony oder in den Autohandlungen bei der Porte Maillot lebten, waren nicht wenig überrascht, in diesem Monat den Besuch ihres Familienhauptes zu empfangen. Während die kleine Freundin oder die Stenotypistin sich im Nebenraum verbarg, hatten sie vor dem Onkel Fontranges ein Verhör über ihre Beschäftigungen, ihren Militärdienst zu bestehen, wieviel Prozent an den Wagen selbst und wieviel Provision an den Zubehörteilen sie verdienten. Er unterrichtete sich über sie, indem er sich nach der besten Bremsmarke, nach der besten Laterne erkundigte. Er musterte zu gleicher Zeit ihre Zähne, ein Merkmal der Offenheit, ihre Nägel, Merkmale der Treue, ihre Gesichtsfarbe und ihre Augen, Merkmale der Arbeit. Es konnte nicht fehlen, daß seine Wahl auf den fiel, der sich am meisten verstellte, am meisten vergnügungssüchtig und träge war, und eines Abends wurde in einer Tanzstätte Melchior de Virmeux durch ihn Eglantine vorgestellt. Melchior, dem Fontranges von Eglantine als von einem reizenden, doch nicht besonders hübschen Mädchen gesprochen hatte, war geblendet. Sie tanzten.

– Ist Fontranges Ihr Geliebter? fragte Melchior. Doch wie alt ist er?

Eglantine wußte die Art, wie Melchior tanzte, zu schätzen. Die Virmeux waren übrigens Leute, die schon tanzend aus den Kreuzzügen kamen. Es war eine Art Tanzadel, alle ihre Familienporträts waren Festporträts; alle berühmten Daten der Familie waren die großen Ereignisse bei den königlichen Belustigungen: der Ball, auf welchem Eduard de Virmeux im Kostüm eines Gorillas starb, nicht ohne zuvor Maheut de Fontranges gerettet zu haben; die Belagerung von Damiette, bei der einer von ihnen, als Bär verkleidet und tanzend, allein in die Stadt eindrang und dort nach tausend Heldentaten umkam; das Feldlager von Drap d'Or, wo Charles von Virmeux Karl V. in den Sand streckte, doch am gleichen Abend im Turnier, in welchem er als Beelzebub focht, getötet wurde. Unter diesen Tierverkleidungen hatte Melchior eine sehr weiße Haut, große blaue Augen, eine ungewöhnliche anziehende Verkleidung als Mensch gewählt. Er war nicht dumm. Das Gefühl dieser von seinem wahren Wesen so verschiedenen Schönheit verlieh ihm sogar die Bescheidenheit und das Ungestüm eines maskierten Mannes. Er gefiel Eglantine, die sehr bald, was an ihm Altes und Verbrauchtes war, abgeschätzt hatte, der es jedoch Vergnügen machte, diese schöne und ganz neue Hülle zu betrachten und zu berühren. Sie hatte daran das gleiche Vergnügen, wie wenn sie an Fontranges dachte, ihn sah. Sie ließ sich in seinen Armen wie in ihren Gedanken an Fontranges gehen. Der gute Fontranges dort ahnte nicht, daß er sich hier verkörpert hatte und daß er es war, mit dem sie tanzte.

– Ja, antwortete sie. – Und Sie? wie alt sind Sie?

– Ich werde morgen Siebenundzwanzig.

Er sagte das recht wie ein Geck, gewöhnt wie er war, im Kreise seiner früheren Freundinnen damit Eindruck zu machen. Er log sogar ein wenig, er wurde zwei Tage später Achtundzwanzig. Doch die Lüge um einen Tag glich in seinen Augen die Lüge um das Jahr aus. Eglantine wußte übrigens die Wahrheit, denn das erste, was Fontranges vor der Besuchstournee bei seinen Neffen getan hatte, war, daß er ein Verzeichnis von ihnen nach den Geburtsdaten anlegte. Der kleine Betrug rührte sie. Daß dieser Riese an Jugend bereits das Mißtrauen des Alters hatte und die Decke seines Lebens so dicht an sich zog; daß das Alter bereits in der Form dieses nicht zugestandenen Jahres, das hinfort ohne Ziel abrollen sollte und in dem Maße, wie der Körper dahinwelkte, bald von anderen unnützen und uneingestandenen Jahren gefolgt sein würde, in diesen Körper eindrang, das hielt Eglantine davon ab, hart gegen Melchior zu sein und ihm eine Lektion zu erteilen, wie es ursprünglich ihre Absicht war. Der also war es, einer, der unter den Kleidern sein Leben lang ein Jahr, das an ihm nagte, verbarg, der den Kampf mit Fontranges auf zunehmen sich vermaß! Wegen des Jahres, das er morgen älter werden sollte, hatte sie mit ihm so viel Mitleid, als würde er jeden Morgen um ein Jahr älter. Fontranges dort, der sie mit halbgeschlossenen Augen im Arm Melchiors sah, ahnte nicht, daß sie mit einem tanzte, der älter war als er. Wohl waren ihre Augen halb geschlossen, doch sie sahen in dem runzelnden Gesicht ihres Tänzers, unter seinem sanften Atem auf jeder Seite seiner Augen die Krähenfüße hervortreten und Augäpfel und Iris der Jugend zwischen greuliche Anführungszeichen setzen. Eglantine verging fast vor Lust. Der Tanz berauschte sie. Diese Derwischdrehungen brachten sie wie die Derwische in einer Minute zu ihrer höchsten Philosophie. Sie hatte ein Gefühl des Stolzes, als Frau geschaffen worden zu sein, um ein wenig zu leben, um zu sterben, um das Schicksal, nicht der Mineralien, nicht der Pflanzen, sondern der Tänzer, der Männer zu teilen. Als einfaches Mädchen, Mädchen ohne jede Sendung empfand sie im Besitz dieses Körpers, der den einzigen Wesen auf der Erde, die liebenswürdig waren, wohlgefiel, die gleiche Hoffnung, den gleichen Stolz wie jene Heldinnen, die mit der Aufgabe belastet waren, ein Vaterland, einen Glauben zu verteidigen. Sie war in Melchiors Armen nichts als menschlicher Leib, menschliche Zier, menschlicher Odem. Nie vorher hatte sie ein ähnliches glückliches Bewußtsein ihrer Verkörperung gehabt. Oh, war das Valencia? ... Sie fühlte jetzt alle jene Partien ihres Körpers, ihren Mund, ihre Brust, ihr glühendes Ohr, von denen die Erlöser bislang keinen Gebrauch gemacht hatten, von Liebe zur Menschheit überströmen ...

– Ein reizender Junge, sagte Fontranges, als sie zurückkam.

– Ich liebe dich, erwiderte sie.

In der Landschaft, in der Fontranges lebte, galt diese Antwort soviel wie: Danke schön, guten Abend, oder Ja.

– Es macht sich, dachte er.

 

Gegen Mitte September hatte Fontranges den Wunsch, das Meer zu sehen.

Es war nicht eine Rückerinnerung an Tristan, was ihm diesen Gedanken eingab, sondern der Tod seines Vetters, des Fregattenkapitäns George de Lamerouse. Dessen Bestattung im Invalidendom hatte Fontranges Eindruck gemacht. Man hätte nicht sagen können, daß der Tod dieses tapferen Mannes für ihn etwas war, das ihn besonders aufmerken ließ, doch ging er ihm nach. Er empfand ihn sogar als eine Ankündigung, daß die Sonnenuntergänge im Begriff seien, an Farbe zu verlieren, der Trocadero wieder häßlich zu werden, Eglantine zu verschwinden. Die den sagenhaften Gefühlen günstige Jahreszeit ging zu Ende. Doch eben jene Bestattungszeremonie schien ihm ihre Apotheose zu sein. Sie war nicht weit von jenem Stockwerk, das Fontranges jetzt bewohnte. Sie hatte alle Freunde des Toten versammelt, alle, die einem vierzig Jahre lang verschollenen Manne ihre Freundschaft zu bewahren fähig waren, alle Sammler von kieselsaurem Salz, auch alle jene, die verneint oder bestätigt hätten, daß der Elefant, um zu sterben, einen besonderen Kral, wo alle Elefanten sterben, aufsucht, zumal da der Ursprung der Kieselsäure und der Tod der Dickhäuter die Spezialforschungen des Verblichenen bildeten – kurz alle Seeleute. Die Feier hatte im Invalidendom stattgefunden, und es fehlte ihr keiner jener Einzelzüge, durch welche das Geschick auf komische oder rührende Weise die für die Menschheit bedeutungsvollen Vorgänge unterstreicht, Einzelheiten, die bei der Verkündigung der Menschenrechte und bei der Redaktion der Weimarer Verfassung fehlten, die aber an diesem Tage im Überfluß vorhanden waren: der Bischof hatte auf seiner Mütze den gleichen rotwollenen Zierat, wie die Matrosen, die den Sarg trugen, auf ihren Mützen. Da Lamérouse in der Kapelle selbst bestattet werden sollte, war der Leichenwagen sofort weggefahren, zum Erstaunen der Pferde, die zum erstenmal den Sarg in einer Kirche stehen ließen, ohne daß sie einen andern zu holen gehabt hätten. Kein Landbewohner, außer Fontranges, war anwesend, der ehrfurchtsvoll zusah, wie in diesem Aquariumlicht Admirale, Ozeanographen, erste Ingenieure von Schiffen, lauter Menschenwesen, die aus Stürmen sich gerettet hatten, sich versammelten, und wie die Stadt Ys mitten in einer Stadt, die nie untergehen will, wiedererstand. Es waren von Paris alle anwesend, für die das Wort Wasser nicht gleichbedeutend ist mit Erfrischung, sondern mit Brand und Durst, alle, die auf dem Wege vom Montmartre nach Montparnasse das Gefühl einer Richtung haben, die auf dem Pont-Royal genau unterscheiden, woher der Wind weht, Männer mit kahlen und jungen Gesichtern, an denen das Alter nur an den ganz weißen Haaren in der Nase sichtbar wird. Es war eine Versammlung naiver Menschen, die, um sich im Leben zu wehren, nichts anderes gelernt hatten als zu schwimmen, was sie nicht hinderte, beim zivilen Tod und bei Schiffbrüchen auf den Grund zu sinken; alle aber hatten so vollkommene Augen, daß sie einander vom Vorplatz bis zum Chor erkennen und im Missale die Worte lesen konnten, die der Bischof übersprang. Das war die einzige Feier in diesem Jahr, bei der die Männer besser als die Frauen wußten, wann man aufsteht, sich setzt und niederkniet, wie zu den Zeiten der ersten Messen. Die Kirchendiener und die Solisten sangen ein Latein, das diese Versammlung, die einzige auf der Welt neben der Akademie von Leiden, in der das Latein noch seine ursprüngliche Kraft hat, kannte und verstand, und jene gute Akustik, welche die Opern durch aufgehängte Kabel und Drähte erlangen, wurde hier durch tausend den Feinden bei Neerwinden und Tananariva abgenommene Fahnen, durch den Ruhm selbst hergestellt. Niemand schien besonders traurig, denn für alle fast war der Tod eines Mannes, der seit einem halben Jahrhundert verschollen war und, anders als die Elfanten, in einem Kral von vier Millionen lebender Menschen zum Sterben wiederkehrte, vielmehr eine Rückkehr. Er sollte übrigens in seinem Tode noch einen beständigen Wind haben; die Flammen aller Wachskerzen um den Katafalk neigten sich in die gleiche Richtung, er hatte gute Fahrt. Man bedauerte vielmehr, daß man den braven Lamérouse, der dank dem Gleichklang in seinem Namen noch mehr Seemann war als der Forscher fast gleichen Namens, kaum einmal wiedergesehen hatte, während die English Review for Liberty in diesem Monat gerade einen langen Aufsatz über die allein sterbenden Elefanten veröffentlichte. Sah man aus dem Grabe Napoleons jene violetten Strahlen aufsteigen, die am Mittag der ganzen Kirche, dem Marmor, den Eingeladenen die einzige Farbe gaben, die den Sonnenauf- und Untergängen gemeinsam ist, so hatte man die Empfindung, daß die französische Marine zwischen 1802 und 1815 in der Tat nicht das war, was sie für diesen Mann hätte sein können, der kein Seemann zwar, aber auf einer Insel geboren und auf einer Insel gestorben war. Als man dann den Sarg Lamérouses, ohne ihn nach einem Kirchhof zu bringen, wie durch die Falltür des Verdecks, wobei er mit einem harten Klang auf dem Meeresboden aufgeschlagen wäre, aus dem Kirchenschiff hinabgleiten ließ, hatte Fontranges, der als nächster Verwandter an das niedrige Gitter des Kirchhofs von Longwood lehnte, von welchem aus man bis zum afrikanischen Dunst sehen konnte, das Gefühl, daß alle diese Männer ihm die Hand drückten und ihn bedauerten, weil er nie das Meer gesehen hatte.

 

Eglantine überraschte ihn dabei, als er im Begriffe war, sechs Taschentücher, Seife und einen Pullover wie ein Schiffsjunge in eine Tasche zu packen. Er mußte beichten. Er war damit einverstanden, sie über Samstag an den Kanal mitzunehmen. Sie übernahm es sogar, die Zimmer zu bestellen.

 

Jetzt rührte sich Fontranges nicht mehr. Auf dem großen Bett im Hotelzimmer ausgestreckt, traute er sich nicht, eine Bewegung zu machen: er war noch nicht sicher, ob er das Bett für sich allein behielt. Er hatte das Gespräch Eglantinens mit der Leiterin des Hotels nicht recht verstanden; er fragte sich, ob er recht gehört hatte, ob es nur ein Zimmer gab für beide. Eine Furcht, die ihn erröten machte, hatte ihn bewogen, in dem riesigen Raum nur die viel kleinere Hälfte für sich in Anspruch zu nehmen. Er bewohnte ihn nur zur Hälfte, seine Toilettengegenstände lagen in der Ecke des Ankleideraums zusammengedrängt, seine Kleider in einem Winkel des Schrankes ... Abgesehen von dieser dummen Vermutung war nichts, was ihn annehmen lassen konnte, Eglantine würde wiederkommen, es sei denn die logische Folge dieses unnormalen Lebens, das er seit zwei Monaten führte. Bei einiger Überlegung beruhigte er sich. Gewiß, Eglantine hatte nicht zu ihm gesprochen, doch hatte sie ihm mit einem Kopfnicken gute Nacht gesagt. Sie hatte ihm nicht die Hand gedrückt. Aber vielleicht weil es ein sittenstrenges Hotel war, wo man sich nicht gehen lassen durfte, ohne einen schlechten Eindruck zu machen. Man war ja hier nicht weit von England, wo die Hoteliers nur Paare aufnehmen, auf denen sie jenen Lack legitimer Zugehörigkeit erkennen, der weniger glänzend als der der Leidenschaft, aber um so dauerhafter ist. Sicherlich wird Eglantine auch morgen bei den Mahlzeiten sich in ihrem Überschwang zurückhalten und bei Brot und Gewürz eine andere Sprache als die der Liebe sprechen müssen. Nicht weit von der Stelle, wo Tristan sich eingeschifft hatte, sollten das Leben gewöhnlicher Menschen und die guten Formen der Table d'hôte endlich für Fontranges wiederkehren. Er fühlte sich dadurch erleichtert. So würde denn diese unsinnliche Leidenschaft ein Ende haben! So brauchte er sich nicht mehr im Sinnlosen und Vernunftwidrigen zu vervollkommnen, brauchte heute abend die steilste und unlogischste Partie seiner Rolle, das heißt im Nachtgewand und nackt, nicht mehr zu spielen. Er atmete auf. Er würde nicht neben Eglantine schlafen, neben ihr erwachen müssen. Es gab also, es konnte wieder eine Zeit im Tagesverlauf geben, da sein verfehltes und einsames Leben, sein falsches Leben wieder sich hervorwagte – das wahre Leben. Er freute sich darüber, denn im gleichen Augenblick erwachte auch sein Gefühl wieder. Nichts hinderte den Gedanken an Eglantine, dort wieder zu erscheinen, wo sie selbst verschwunden war. Wie angenehm und normal war es, die Hälfte dieses Bettes, des Schlafes, dieser Nacht für Eglantine bereit zu halten, wenn sie selbst nur nicht kam! Dank ihrer Abwesenheit, ihrem Schweigen erhielt stumm und unsichtbar jene, die er liebte, die Substanz der einzigen Wesen, die Fontranges zu lieben verstand, wieder, breitete sie ein nichtexistierendes Reisenecessaire aus, hängte Kleider auf, die nicht vorhanden waren. Plötzlich in die prüde Lebensweise der Hotels geraten, in einen Bereich, in welchem Eglantine nicht mehr von Liebe sprechen, nicht schmeicheln konnte, erlangte er seine Freiheit ihr gegenüber wieder, die Freiheit des von Leidenschaft verzehrten Sechzigjährigen ... Mit Vergnügen löschte er seine elektrische Lampe, flüchtete er in jenes Dunkel, in die Träume, mit dem Gefühl der Wirklichkeit, das ein Schauspieler hat, der in seine Kneipe und zu seiner Freundin wiederkehrt. Diese Hingabe, diese Phantasien waren Fontranges' fester Boden ... Ja, er fühlte sogar, daß er in diesem befreienden Schwung nicht bei den Ausschweifungen seines Gedankens verweilen, sondern möglichst bald auf den höchsten Plan, in den Schlaf, in den echten Traum gelangen würde ... Ja, der Schlaf kam ... Durch die schlecht schließenden Jalousien drang alle vier Sekunden ein schimmernder Strahl, die Feuergarbe des Leuchtturms ... Es war einer der einfachsten Leuchttürme Frankreichs, vier Sekunden Dunkel, dann ein Blitz; er war all jenen Leuchttürmen von vielfältigerem Licht, die der Onkel Dubardeau ihm zu zeigen wünschte, wenig ähnlich; Fontranges hätte ihn übrigens heute den Verdunklungen oder dem Rot, welche die Pest, die Untiefen oder die Klippen von Sainguinaires anzeigen, vorgezogen. Das stets gleichmäßige Aufleuchten, das er durch die Lider hindurch fühlte, wiegte ihn ein. Es war das erste Mal, daß er in der Tiefe der Nacht vom Licht gewiegt wurde ... Er war im Begriff einzuschlafen, als die Tür aufging.

 

Ihm schien auf einmal, daß der Leuchtturm keine dunklen Pausen mehr hätte – wie schön mußte das Meer unter dem steten Perlmutterglanz sein! –, Eglantine hatte Licht gemacht. Sie trat leise wie eine verspätete oder schuldige Gattin ein. Er hörte, wie sie ihre Taschen hinlegte, hörte den Figaro knistern, den sie leise an die elektrische Birne heftete, um das Licht zu dämpfen, mit einer Nadel, die, wie er fürchtete, seine Krawattennadel mit der goldnen Peitsche sein mußte. In der von Fontranges freigelassenen Zimmerhälfte füllte sie die leeren Stellen des Schrankes und der Toilette mit ihren Flakons, mit ihrem Parfüm und befestigte den Vorhang dichter mit Fontranges' Kette, wobei sie die unsichtbare Grenze einhielt, ungezwungen sich bewegte, solange sie auf ihrer Seite des Zimmers war, während ihr Schritt gleichsam Ehrerbietung ausdrückte, sobald sie die Grenze überschreiten mußte. Alle Schmuckgegenstände Fontranges' wurden auf diese Weise für notwendige Verrichtungen gebraucht. Fontranges hörte sie ihren Koffer auspacken, hörte, wie sie sich dabei unterbrach, um, wie er es selbst getan hatte, den riesigen Kleiderständer zu untersuchen, dann ihre Sachen daranzuhängen. Wie leicht ist es wahrzunehmen, daß diejenige, die man liebt, die Erde nicht mehr berührt! Dazwischen eine Stille, ein Seufzer, was daher kam, daß sie wie Fontranges die verwundete Löwin auf dem Kamin aufzuheben versuchte, um sich zu überzeugen, ob sie aus patiniertem Gips oder aus Bronze war. Sie war aus Bronze. Eglantine hatte es ebenso wie Fontranges übrigens nicht erwartet, und man hörte den Aufschlag des Sockels auf dem Marmor. Dann, nach einigen unendlich langen Sekunden, während welcher Eglantine verschwunden zu sein, für immer an dem widerstrebenden Kleiderständer sich aufgehängt zu haben schien, knarrte das Bett unter einer plötzlichen Bürde. Sie beugte sich über ihn, sie war im Begriff zu sprechen: er bedauerte, jene Antiphone nicht zu haben, mit denen man sich grade am Meer die Ohren zu verstopfen pflegt. Er hörte alles. Er hörte das Tosen des Meeres, weil er ungeschickt wie immer just den Tag der Äquinoktien gewählt hatte, um es zu besuchen. Er hörte alle Drohungen der Elemente gegen den Menschen. Wenn er sich auch ohne Schuld gegen sie fühlte, so nahm er doch sein Teil auf sich. Er hörte endlich einen von einem plötzlichen Windstoß fast ausgelöschten Hauch ... »Ich liebe Sie«. Er zitterte bei dem Wort Sie: zum erstenmal hatte sie ihn nicht geduzt, war Eglantine aus dem zugestandenen Spiel, aus dem erlaubten Wortschatz herausgetreten, um ihn mit diesem schrecklichen Plural zu überfallen. Und nachdem sie, aus Scham wohl, diesen Satz in allen ihren Kleidern gesprochen hatte, begann sie sich auszuziehen. Fontranges hatte keine andere Frau als Indiana sich entkleiden hören. Er fürchtete die Länge dieses Moments, währenddessen Indiana, nachdem ihre Liebhaber sich gelegt hatten, für die Nacht sich schminkte, ihr Haar kämmte und nackt bis auf die Schuhe, ihren Hut für morgen auf ihrem Körper von heute probierte. Doch Eglantine entkleidete sich bedächtig, legte erst ihren Hut ab, zog dann die Schuhe aus, methodisch wie ein Page, der sich zu seinem Herrn ins Bett legt. Ein Page? Wie war ihm diese Vorstellung vom Pagen doch willkommen! Sobald ihm dieses Bild durch den Kopf fuhr, war Eglantine für immer in einer Verkleidung, und Fontranges ungewiß, nicht darüber, was er tun, sondern was er denken werde, war erfreut, plötzlich seine Haltung in dieser Prüfung entdeckt zu haben. Da es ein Page war, erwartete er den Pagen. Er machte aus all der Zärtlichkeit, aus allen mit Eglantine gemeinsamen Erinnerungen der Vergangenheit eine Art männlicher Zärtlichkeit, männlicher Vergangenheit. Eglantine zog den Figaro um die Lampe zurecht, entstieg ihrem Kleid, ohne zu ahnen, daß sie auf einmal ihre Natur und ihre Rolle gewechselt hatte und daß sie für den, der sie liebte, bei Nacht nicht mehr zu fürchten war. Dann gab es noch eine stille Pause, da der Page an den Toilettentisch ging, um die Aufschrift auf der Gravüre zu lesen, die darüber hing und die den Kardinal Bembo und seine Nichte darstellte, wie sie die Ausgrabungen in der römischen Campagna überwachen. Es waren auch mehrere italienische Pagen just darauf abgebildet, die den Mantel des Prälaten und den Stock des jungen Mädchens hielten. Dann wieder eine Stille, denn der Page war jetzt nackt, und die Stille sprang in großen Wellen aus seiner frischen und weißen Haut. Dann konnte Fontranges wahrnehmen, wie das ständige Licht erlosch und das Blinkfeuer des Leuchtturms wiederkehrte, und hörte Eglantine durch die Hecke von Licht und Schatten schwerfällig dem Bett sich nähern. Sie stieß mit dem Knie gegen das Messing, doch der Stoß war so sanft, daß ein verankertes Boot davon kaum aus seiner Richtung gekommen wäre, und streckte sich auf dem leeren Platz, auf ihrem Platz aus. Fontranges hatte seit jenem Gedanken vom Pagen jetzt nicht einmal den Eindruck eines Abenteuers, eines Ereignisses. Er stellte sich vielmehr die Frage, aber rein zufällig und ohne daß ihm diese Neugierde die geringste Beziehung zu der Situation zu haben schien, ob die Ehepaare, die vierzig Jahre nebeneinander in Keuschheit schliefen, vor dem Schlafengehen sich umarmten ... So kam es, daß der Mann, für den die einfachste Zuvorkommenheit, eine freundschaftliche Geste eine Überraschung und eine Aufmerksamkeit von so starker Wirkung war, daß sein Herz sie nicht ungestraft ertragen konnte, in dem Märchen mit Eglantine dahin gelangte, weder Erstaunen noch eine innere Bewegung zu empfinden, als die, die er liebte, sich neben ihn legte ... Nackt mit Eglantine leben, dreißig Jahre jede Nacht mit Eglantine zubringen ... Die Perspektive dieser zehntausend Nächte vereinfachte und erleichterte solchermaßen sein Benehmen in dieser ersten Nacht!

 

Übrigens verriet auch an Eglantine nichts eine Verwirrung. Sie atmete ruhig, in einem Rhythmus, der fast ebenso wie der Leuchtturm der Dunkelheit alle vier Sekunden den Bettüchern und dem Bett einen liebkosenden Ruck gab. Man fühlte sie schwer und daß sie mit ihrer ganzen Masse auf der Nacht ruhte. Hätte jemand sie wie die Löwin in der Hand gewogen, in der Meinung, sie sei leicht und bemalt, er wäre über ihr Gewicht erstaunt gewesen. Fontranges fühlte, daß sie ihm aus einer Feinheit, die er verstand, nicht den Rücken zukehrte, damit das Bett nicht das Bild eines empfindungslosen oder verzankten Paares darbiete. Beide lagen sie auf der rechten Seite ausgestreckt, in der Lage, in welcher die Träume nicht kommen, wie die zwei Statuen, die der Kardinal Bembo aus der Tiefe der Erde befreit hatte und die Seite an Seite lagen; sie hatte sich auf ihrem Platz für diese unbewegliche Reise eingefunden und nahm ebenfalls eilig ihre Richtung nach dem Unbewußten. Die Wände stöhnten zuweilen, die Türen schlugen unter den Windstößen, und ihre winzigsten Bewegungen, ihre leichtesten Seufzer schienen ebenfalls von dieser Entfeßlung verursacht zu sein. Wohl nie ist ein so ruhiges Paar so nah an den Sturm versetzt gewesen. Eglantine hatte weniger das Gefühl, sich schlafen zu legen, als sich für eine erste Reise einzuschiffen. Sie war ohne Absichten und ohne Bedenken in ein Bett geglitten, das wohl in ganz Frankreich dem Meer zunächst stand. Etwas weiter vorn gab es nur noch Betten, in denen man nicht zu zweit schlafen konnte, nur Hängematten. Sie öffnete beim Aufblitzen des Leuchtfeuers zuweilen die Augen, indem sie den Rhythmus der Küste aufnahm, der die gefährdeten Seeleute rettete und sie vor den Riffen warnte. Sie sah alle vier Sekunden Fontranges Nacken, wobei alles, was der Nacken eines Mannes, dieses Symbol der Erwartung, der Geduld und des Verhängnisses, wachzurufen vermag, ihr in den Sinn kam: der Rücken des Inders, auf welchen der Panther vom Baum sich zu stürzen im Begriffe ist, der Rücken des Orpheus, der Eurydike aus der Unterwelt zurückführt, und der Rücken der türkischen Führer, die aus äußerster Höflichkeit sich nie nach denen umwenden, die sie führen. Auch er würde sich nicht umwenden, das wußte sie. Die Nacht, die Fontranges zu Bett gebracht hatte, hatte ihm, diesem Atlas eines entstofflichten Globus, die riesige Kugel aus Luft abgenommen, die er, wenn er stand, zu tragen schien. Er glich jetzt jenen Reitern aus Blei, die man von ihrem Pferd gehoben hat. Man mußte an das Pferd denken. Eglantine dachte daran, dachte vor allem an Sebah, sein Lieblingspferd. Sie dachte an jene Stunden der Frühe, wenn sie aufstand, um im Hof und im Garten den Vögeln Körner zu streuen, wobei sie die Plätze wechselte, damit die Katzen sie nicht finden, und wie sie da Fontranges vor Sebah stehen sah, verliebt, doch nur aus der Ferne zu ihr sprechend, ohne sie zu streicheln oder zu küssen, wie vor einer richtigen Geliebten. Sebah streckte vergeblich ihre samtenen Nüstern, die Eglantine auf dem Rückweg heimlich küßte, nach ihm aus und hob fortgesetzt ihren rechten Fuß in die Höhe, zum Zeichen, wie glücklich sie sei.

»Schlafen Sie?« fragte sie.

Fontranges wußte ihr Dank für dieses Wort, für diese Zartheit. Sie zwang sich zu sprechen, er verstand es, damit diese Nacht nicht eine zweideutige Erinnerung bliebe.

»Nein«, sagte er, »und du?«

»Laß uns schlafen«, sagte sie.

Das Haus erzitterte unter einem Windstoß.

»Was für ein Wetter«, sagte Fontranges.

Er wollte hinzufügen, daß der Regen für die Felder sehr zur Zeit käme, dachte aber, daß es hier bedeutungslos war; was nutzte der Regen dem Meer?

Von der See her kam ein mächtiges Wiehern.

»Erinnern Sie sich an das arabische Wort, das Sie früher abends zu Sebah sprachen und das ›Gute Nacht‹ bedeutete?«

Fontranges suchte unter den Ruinen seines arabischen Wortschatzes, den er seit dem Tode Jacques' recht vernachlässigt hatte, fand das Wort »Guten Morgen«, den Satz: »Gesegnet sei die aufgehende Sonne, sie gleicht dem Gerechten«, aber nicht das Wort vor dem Schlaf. Doch hatte die Stimme Eglantinens alles Dunkel, das er in seinem Geiste fühlte, zerteilt; was im Grunde in dieser Nacht recht natürlich war. Es war offenbar doch wohl besser, nicht davon zu sprechen, es war eine Regung aus einer anderen Zeit, eine wohlgelungene Wiederherstellung der Seelen, der Herzen von früher. Übrigens mochte die Anzahl der Leute, welche die Worte Fontranges', wenn er gesagt hätte: an dem Abend, als Eglantine und ich zusammenschliefen oder: als Eglantine grad um Mitternacht mich fragte, ob ich schlafe ... nicht übel gedeutet hätten, beträchtlicher sein, als man denken konnte.

Er unterbrach sich in dieser Abschweifung seiner Gedanken, da das arabische Wort ihm einfiel. Trotz dem Tosen der nordischen Flut, dem frischen Jodgeruch, drang das arabische Wort durch alle übrigens dünnen Schichten von Fontranges' Gedanken über die Menschheit oder über die Schule von Saumur, indem es das einzige fremdsprachige Wort »Gute Nacht«, das Fontranges kannte, (ein Ausdruck, von dem er sicher war, daß er in direkter Linie von einer Kurfürstin von Köln, einer Verwandten der Fontranges, herstammte) unterwegs streifte, mit unüberwindlicher Kraft durch. Gewöhnlich pflegte Fontranges die Worte, die er am Tag vorher vergeblich gesucht, erst beim Erwachen zu finden, doch das arabische Wort, das »Gute Nacht« bedeutete, wohl wissend, daß es seine Pflicht war, vor der noch recht entfernten Morgendämmerung anzukommen, traf jetzt ein. Im schlummernden Körper Fontranges' versuchten Zunge und Stimmritze arabische Sätze und Zurufe leise zu murmeln. Fontranges wiederholte auf gut Glück arabische Sprichwörter, in denen sich das Wort finden konnte. Erst kam: Bleibe aufrecht, wenn du Rosen pflückst, – bei: Schneide dem Blinden keine Grimassen, fühlte Fontranges das Wort langsam sich nähern. Dann stieß er unterwegs noch auf einen Vers von Saadi, auf den Spruch über den Trab des Pferdes, der den Bewegungen beim Schwimmen ähnlich ist, und plötzlich war das Wort da, sprang aus der Vergeßlichkeit Fontranges' deutlich hervor, wie die heiligen Buchstaben in Sta. Sophia unter dem türkischen Gips ...

» Ektab«, sagte er.

»Wie?« murmelte Eglantine schlaftrunken.

» Ektab

Er sprach es, ohne den Kopf zu wenden, als hielte er reitend ein rauhes Streitroß in den Zügeln ...

Eglantine, die hinten aufgesessen war, sank in Schlaf.

 

Mitten in der Nacht erwachte sie, und es schien ihr, daß Fontranges schlief. Er schlief tatsächlich. Jener berühmte Schlaf, der bewirkt hat, daß sein Urahne Jean am Tage von Marignano zehn Minuten nach dem schon verspäteten Franz I. erwachte, hatte ihn überwältigt. Es war ein Schlaf ohne viel Träume. Der Urahne Jean hatte bei Marignano geträumt, seine Beinschiene sei aufgegangen, und er bekäme sie nicht wieder zu. Bayard bemühte sich vergeblich, ihm zu helfen. Fontranges träumte, daß das Schnürband seines Stiefels gerissen war und daß der Jagdgehilfe sich weigerte, ihm ein anderes zu geben. Das war unfaßlich bei einem Manne, der im Schloß geboren war und der seinen Kindern und seinen jungen Hunden von niemand anderem als von Fontranges die Namen geben ließ. Fontranges, in der Erwartung, daß es nur ein plötzlicher Eigensinn und keine Feindseligkeit sei, verlangte, um sich zu überzeugen, die verschiedensten Sachen von ihm, seinen Gewehrriemen, seine Hosenträger, doch der andere verweigerte alles. Solcher Art waren jetzt Fontranges' Visionen, doch, wie immer es sein mochte, fühlte Eglantine den Körper ihres Nachbarn vom Traum bewohnt. Sie warf leise die Decke ab. Mit jener Geschmeidigkeit, die ihr jede Bewegung erlaubte, ohne daß ein Gelenk knackte oder ein Muskel sich spannte und sie jede Kraftanstrengung, jeden Luftsprung sogar mit einem in Ruhe befindlichen Körper machen ließ, während sie alle vier Sekunden durch ihr seitlich geschlitztes Nachtgewand bald einen verlassenen und ungenützten Perlmutterstreifen, bald Schattenstellen darbot, die zum erstenmal hienieden von dem Strahl eines Leuchtfeuers getroffen wurden, in jener Unordnung, welche auf den farbigen Gravüren die bekleidete Psyche sichtbarer als den ganz nackten Amor macht, kniete sie auf dem Bett und betrachtete durch das Gitter der Nacht Fontranges. Ihr schien, daß der Leuchtturm alle vier Sekunden den verlorenen Seeleuten, den in Seenot befindlichen Schiffen das Bild Fontranges' zublinkte. Er lag, die Hände ineinander gefaltet, mit ausgestreckten Ellbogen auf dem Rücken, in einer Lage, wie man sie denen empfiehlt, die eine dichte Menge teilen sollen, oder denen, die tot sind. Es waren feste Ellenbogen, mit denen er die Ansammlungen der Lebenden, der Vorurteile, der Leidenschaften, ohne es viel zu merken, hätte spalten können und die ihm bald eine Gasse auch durch die Haufen der glaubenslosen Schatten, der seelenlosen Schatten bahnen würden. Nie vorher hatte Eglantine ihn dem so ähnlich gesehen, als der er ihr galt, und in der Tat konnte alles, was Fontranges in seinem Leben getan, in den Augen des Schicksals nur dies Ziel gehabt haben: mitten in der Nacht schlafend überrascht zu werden. Die Mühe, die Fontranges sich gegeben, stets nur durch die Nase zu atmen, und auch seine Umgebung, Jagdgehilfen und Dienerinnen gezwungen hatte, ein gleiches zu tun, indem er ihnen an Sebah zeigte, daß ein Pferd fast erstickt, wenn man ihm die Nüstern verstopft, wurde endlich belohnt: sein Mund stand nicht offen, er schnarchte nicht. Die Wachsamkeit, mit welcher er sich Bücher mit zu kleinen Buchstaben, Bücher-Lektüre überhaupt, fernhielt, trug heute ihre Früchte: seine Augenlider waren kaum geschwollen, kaum bläulich. Die Sorgfalt, mit der er seine kosmetischen Mittel wählte, war endlich gerechtfertigt: der Scheitel, den man in der Familie eingedenk des bei Azincourt vom Kopf bis zum Fuß durchgehauenen Fontranges genau mitten auf dem Schädel trug, war tadellos geblieben und ließ in der Tat nie den Wunsch aufkommen, einen Fontranges in horizontale Teile zu zerteilen. Zuletzt wurde auch die riesige Stickerei mit seinem Wappen auf der Brusttasche des Pyjamas sichtbar, die wie das Schild einer Fußballmannschaft oder einer Mannschaft für Wasserpolo aussah, Abzeichen der Mannschaft unserer Könige, in welcher Fontranges in einer niedrigen Rolle ganz hinten im letzten Augenblick stets die Schlaffheit und den Betrug abgewehrt hatte. Auch die Güte Fontranges' fand ihre Belohnung, er hatte keine andern Furchen im Gesicht als solche, die von einem Lächeln eingegraben werden, und in diesem Augenblick waren sie alle verschwunden, denn er lächelte: der Jagdgehilfe hatte ihm im Überschwang der zurückgekehrten Großherzigkeit sogar seinen Mantel gegeben, den er rückwärts schwer von Wild belastet fühlte. So lag er, alle vier Sekunden aus dem Nichts entsteigend, in seiner Vollkommenheit da, und Eglantine betrachtete dieses Wesen ohne Flügel, ohne rosige Wangen und ohne Lorbeergürtel um den Nabel, mit den Augen der Psyche, – denn er war für sie verloren.

Es hatte keinen Sinn mehr, zu beharren, gegen ihn zu kämpfen, ihn aus seinem sagenhaften Bereich, wohin er sich geflüchtet hatte, in einen anderen hinauszutreiben, in den Bereich des Wahnsinns vielleicht; er war verloren. Der Mann, der selbst nichtausgesprochene Schwüre hielt, nichtabgelegte Gelübde erfüllte, der nichtexistierende Gatten respektierte, für den um dieses freie und sich darbietende Mädchen alle unsichtbaren und unübersteigbaren Hindernisse sich aufgetürmt hatten, er wollte sie nicht, er verwarf sie! Draußen tobte noch der Wind. Ihr Herz preßte sich zusammen, wie beim Landen an einer feindlichen Küste. Es war die Angst vor der Rückkehr von der Insel, auf der sie den ganzen Sommer allein mit Fontranges gelebt hatte. Ihr war, als würde Fontranges, wenn er sie heute abend mit dem Anschlußzug für die Kanalschiffe nach Paris zurückbrächte, sie jedem der vier Millionen Pariser zuführen. Sie fühlte, wie die eigenwillige Langsamkeit ihrer Sinne, ihrer Gedanken, die ganze glückhafte Zukunft eines Hanges zur Ruhe, die einzige, die sie begehrte, sie wie die Ehrenhaftigkeit selbst verließ. Es schien ihr, daß sie zum erstenmal mit den Männern, diesem vornehmsten Schimmel der Welt, von dem sie bis jetzt der Gedanke an Fontranges fernhielt, in Berührung kommen sollte. Es würde ihr fortan nicht mehr möglich sein, zu glauben, daß es nur einen Mann gäbe. Die Fülle der Farben, der Haarschnitte, der verschiedenen Fußbekleidungen aller jener Wesen, unter die sie sich morgen schon mischen sollte, übermannte sie, sie, für die die menschliche Erscheinung stets auf den Scheitel und das Jackett Fontranges' beschränkt geblieben war. Statt dieser unveränderlichen Größe, die viel zuverlässiger berechnet war als der Platinmeter nach dem Erdmeridian, würde es jetzt kleine Männer, mittelgroße und große geben. Er würde sie zu den Buckligen, zu den Wassersüchtigen, zu den Kahlköpfen zurückbringen. Ebenso würde jetzt auch jedes Gefühl zu einem Labyrinth werden. Die Sinne werden genug zu tun haben, um mit diesem schrecklichen Element fertig zu werden, wie die Kiemen der Fische im Meer. Jedesmal schon, wenn das Zimmer ins Dunkel zurückfiel und Fontranges verschwand, war es ein fremder Mann, den sie schlafend im Bett ausgestreckt vor sich zu haben meinte: Melchior, Jacques, Alain. Viele Männer, die sie nicht einmal bemerkt zu haben glaubte, lagen so unsichtbar neben ihr, einer vom andern durch eine Reihe starrer und verführerischer Fontranges getrennt ... So war auch diese Nacht die letzte vor ihrem Eintritt in das schreckliche Kloster der Menschen. Sie zitterte, doch fühlte sie, wie unnütz und grausam es war, sich dagegen aufzulehnen ... Sie warf einen letzten Blick auf diesen Körper, der, wenngleich er nur einem recht gewöhnlichen und banalen Gebrauch gedient hatte, doch allen Zubehör eines Heldenkörpers besaß, auf die leicht geschwollene Schlagader am Hals, die geplatzt wäre beim Hornblasen, auf diese Hand, die er lieber feierlich verbrannt hätte, als einen Falscheid zu schwören, – streckte sich wieder aus und konnte einschlafen. Er lag jetzt ihr zugewendet. Beide hatten sie den Arm unter dem Kopf, und sie schienen eine schwere Bürde zu tragen, wie übrigens alle stehenden, liegenden, sitzenden oder knieenden Menschenwesen – Karyatiden im leeren Raum ...

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