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Eglantine

Jean Giraudoux: Eglantine - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJean Giraudoux
titleEglantine
publisherSuhrkamp Verlag
printrun16.-20. Tausend
year1964
translatorEfraim Frisch
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131106
projectideee16016
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Sechstes Kapitel

Als Moïse am 19. Juni durch eine Kraftleistung, die weit verdienstvoller war als die Leanders, der den Bosporus überquerte, und nach dreißig Vorstellungen bei den türkischen Ministern es endlich erreichte, die Telephonlinie Stambul-Paris einzurichten und selbst zu eröffnen, erhielt er den Bescheid, daß die von ihm verlangte Nummer Passy 71–12 sich nicht melde. Er hatte Eglantine brieflich benachrichtigt und sie auch telegraphisch gebeten, zu einer bestimmten Minute seinen Anruf zu erwarten: er erhielt keine Antwort. Eine ganze Stunde lang ließ er nicht davon ab und weigerte sich, dem französischen Postminister oder dem Präsidenten der Republik oder dem türkischen Botschafter zu telephonieren, wie es die Zeremonie vorschrieb. Erst am späten Nachmittag kehrte er ins Hotel zurück, indessen durch den Draht, durch den Tunnel, durch den telegraphischen Simplon, den man dem mächtigsten Bankier verdankte, alle Zahlen der Börse bereits Galata überfluteten. Sein Wartezimmer war voll, da man wußte, daß seine Abreise bevorstand. Er konnte fast alle Besucher noch empfangen, nur just jene drei nicht, die er dringend bestellt hatte. Dem Archäologen, dem er sich bereits fast verpflichtet hatte, die Ausgrabung des Palasts der Königin Theodora zu übertragen, dem Gartenkünstler, der es für eine geringe Summe unternehmen wollte, die Gärten und Friedhöfe von Ejub bis Skutari wieder mit Zypressen zu bevölkern, dem Unternehmer, der sich anbot, den Bosporus von den schändenden Petroleumkesseln zu befreien, allen dreien ließ er sagen, daß er sie nicht empfangen könne. Dagegen erhielt sein Architekt die Bewilligung, das moderne Gebäude, das die Sophienmoschee von der Meerseite her verstellte, um vier Etagen zu erhöhen ... Auf diese Weise besiegelte Eglantinens Flucht die Häßlichkeit eines Ortes, welcher der schönste auf der Erde war. Am gleichen Abend noch bestieg Moïse den Zug nach Paris. Nicht, daß er gedacht hätte, Eglantine wiederzugewinnen oder auch nur sie wiederzusehen. Er verließ Konstantinopel nur deshalb so schleunig, weil ihn hier alles mit ihr verband. Er nahm es sich übel, so weit gereist zu sein, um den Leiden eine neue und um so schmerzhaftere Form zu geben. Was hatte er es nötig, Worte, die ihm in Frankreich kaum weh getan hätten, sich ins Türkische, in seine Muttersprache fast zu übersetzen, dazu in einem Klima, das sein wahres Kleid war? Er beeilte sich, das Wort: die süßen Wasser von Ejub gegen das Wort Monceau-Park, das Wort: die Inseln gegen das Wort Neuilly zu vertauschen. Das war alles. Er hatte nicht einmal das Bedürfnis, darüber mit Chartier zu sprechen; der wußte die Liebesspuren Moïses geschickter als die Spuren eines Verbrechens verschwinden zu lassen und hatte die mit jeder Post aus Konstantinopel jetzt eintreffenden, wie königliche Geschenke mit Amtssiegeln bedeckten Gaben für Eglantine – Moïse hatte sich dafür der Kuriertaschen von sechs oder sieben Gesandtschaften und Botschaften bedient, deren sonst einander ziemlich widersprechenden Depeschen diesmal einen gemeinsamen Schatz begleiteten – bereits verteilt. Der Bestand an Kunst- und Nippsachen vermehrte sich in Paris durch alles, was etwa eine im Exil gestorbene Favoritin des Sultans hinterlassen konnte ... und dabei hatte es sein Bewenden. Moïse entdeckte wohl eines Tages in einer Schublade einen halbvollen Flakon Eglantinens und eine Puderquaste, doch man hätte nicht sagen können, daß ihn das bewegte ... Jede Trennung, jeder Bruch, jedes Zerwürfnis war für ihn endgültig. Die Frau, von der er sich unter Schmerzen trennen mußte, ob es aus seinem Verschulden, ohne Grund, sie oder sich selbst zu verachten, oder im besten Einvernehmen geschah, hatte kein Gewicht mehr in seinen Gedanken, keine Wirkung auf seine Augen, und wenn er sie in der Tat einmal wiedertraf, dann sah er nichts in ihr als ein gleichgültiges Bild. Je größer die Liebe oder die Freundschaft gewesen waren, um so stärker war dieses Verblassen, um so nichtssagender war das Gespräch mit seiner alten Freundin, wenn er sie wiedersah. Moïse hatte nichts für Totengespräche übrig; er sprach mit diesen Schatten höchstens vom Wetter; er grüßte sie, doch so, wie man einen Leichenzug grüßt. Er war erstaunt, wenn er von ihrem Tode, ihrem doppelten Tode erfuhr. Dieses unmittelbare Vergessen war auch seine Rache. Das Interesse des Naturforschers, das Moïse für die menschliche Geste, für den menschlichen Geist hatte, und wäre es auch nur bei seinem Haushofmeister, verschwand in dem Augenblick, da bei einem anderen sich ein Keim von Rache gebildet hätte, plötzlich völlig. Ob Enaldo z. B. sich die Nase putzte oder farbige Gravüren sammelte in dem Zustand, bevor die Farben aufgetragen wurden – von dem Tage an, da Moïse sich mit ihm entzweit hatte, interessierte ihn das nicht mehr. Er entledigte sich des Interessanten, das die Existenz Enaldos darstellen mochte, wie eines abgestorbenen Organs, das man amputiert. Enaldo hätte seitdem seine nackten Füße auf den Tisch legen können, ohne daß ihm das den Eindruck der Besonderheit gemacht hätte. Eine Frau, die ihn einmal schlecht behandelt hatte, hatte versucht, durch noch mehr Nacktheit sich wieder seiner Aufmerksamkeit aufzudrängen, Moïse bemerkte es gar nicht. Alle diese Lebewesen, und unter ihnen jetzt auch Eglantine, entsandten nicht genug Leben oder Farbe, um sich seiner Netzhaut einzuprägen.

Ebenso wie die Rache übte der Kummer auf Moïse entgegengesetzte als gewöhnliche Wirkungen. Dadurch, daß der Schmerz die Gefühlsatome, die sein Leben durchfluteten, niederschlug, verlieh er ihm vollkommene Gleichgültigkeit. In seiner Atmosphäre gab es dann kein Bedauern, keine Begierde mehr. Moïse genoß durch ihn eine Art idealen Glücks, reinen Sauerstoffs, dessen Kraft so stark war, daß er oft bei der Ankündigung von Unglück oder Trauer sich die Hände rieb, daß sich ihm die Aussicht auf eine solche Periode eröffnete. Saras Tod unter anderem hatte ihn infolge des grausamen Opfers von allen Rücksichten befreit, die er auf das Leben, dies gemeine Ding, zu nehmen vorgeben mußte, und von der falschen Dankbarkeit, die man für gut findet, dem Schicksal, das man besser nicht mit einem Beiwort wertet, entgegenzubringen. Die Flucht Eglantinens konnte ebenfalls nicht verfehlen, in minderem Grade diesen Zuwachs, diese Prämie an Klarheit und Ahnungsvermögen in Geschäften als Entschädigung zu hinterlassen, wodurch in Moïses Kalender das Datum eines Todes oder einer Prüfung mit dem Datum eines großen finanziellen Erfolges zusammenfiel. Das Aluminium, das Kupfer, die Phosphate stiegen oder fielen um diese Zeit, ohne daß jemand außer Moïse die wahren Gründe dieses Auf und Ab erkannt hätte. Alle verloren, Moïse gewann an allem. Der Grund dafür war eben, daß Baisse und Hausse diesmal den wirklichen Bedürfnissen der Welt entsprachen und daß Moïse als unparteiischer Sterblicher, den weder Laster, Sammelwut noch Familieninteresse, nichts mehr mit den künstlichen Sorgen der anderen Bankiers verband, diese Bedürfnisse voraussah. Die Geschäftswelt setzte ihr falsches Rennen lärmend fort, ohne zu ahnen, daß in ihrem Gespann zum erstenmal ein Milliardär sich befand, der ein Außenseiter war. Man staunte über seine Erfolge, folgte ihm, ahmte ihn bis in seine Art, den Stock in der Hand zu drehen, nach, diesen Zauberstab für Petroleum und Diamanten. In diesen Perioden seiner Gleichgültigkeit war es, daß er den verheerendsten Hunger in Indien voraussah und durch seinen Getreidetrust einigen Millionen Hindus das Leben rettete, den strengsten europäischen Winter herankommen wußte und zum Wohl verschiedener Völker sein Wollmonopol errichtete, und das alles geschah ohne innere Freude, ohne daß er an diesen Wohltaten Geschmack gefunden hätte, denn er war auch in solchen Augenblicken ein Außenseiter. Genug religiös zwar, doch zu gewöhnlichen Zeiten in der Ausübung nur halb, wandte er den Respekt, die Schätzung, die er für das künftige Leben, wie es die Bücher beschreiben, hatte, dem Nichts zu. Man kann nicht sagen, daß er Atheist geworden wäre, eine letzte Spur von Glauben erhellte wohl da und dort, wie die Lampe im jüdischen Tempel, die Winkel der Ewigkeit, auch das Nichts bewahrte sein Ansehn; doch jenes Wohlwollen, das Moïse für die menschliche Mischung früher hatte, verschwand. Er verachtete an ihr die Zusammenhanglosigkeit. Er bewahrte seine Sympathie nur noch für ihre dauerhaften Teile, für ihre Phosphate, ihre Knochen. Er fühlte jetzt seine eigene physische Verbundenheit mit den Elementen viel lebhafter. In diesen Zuständen nur liebte er das Land, weil er seine Verwandtschaft mit ihm fühlte, weil er nicht mehr an den Frieden der Auserwählten, an die Ergötzung der Gerechten glaubte, sondern an die Ruhe des Kalksteins, an den Frieden der Wasser. Der ganze psychische Abfall, der sich in seinem Wesen angesammelt hatte, Groll, Freundschaften, Manien, verdampfte an diesem Eisofen, und es blieb von Moïse nichts übrig als ein ideales Skelett von idealer Sauberkeit, das man zum Mineralreich zählen konnte, so wenig wurde es noch von Gedanken berührt. Kein Schatten mehr von Aufregungen, von Vorurteilen. Mit seinen sechs Milliarden, die in seiner Tasche sich immerfort erneuerten, und mit Geschäften von sechs Milliarden Wert, mit den großen Bedürfnissen der Menschheit hienieden befaßt, plötzlich zum ewigen Juden geworden, erreichte er fast den Zustand der Heiligkeit. Es war die Zeit, da er den feinsten Geschmack hatte und ihn zugleich jede Garküche befriedigte, da sein Urteil von größter Sicherheit war und er seine beliebten Schriftsteller vernachlässigte, um das Romanfeuilleton des Petit Parisien zu lesen. Er hatte keine Vorliebe für irgend jemand mehr: die in seiner Vorstellung vor verschiedene Menschen gesetzten Plus- und Minuszeichen verschwanden und vernichteten alle Binome von Paris. Seine Neigung für Dubardeau, sein Widerwillen gegen Rebendart schrumpften dermaßen zusammen, daß sie, wenn nicht zu ähnlichen, so zu parallelen Gefühlen fast wurden. Die menschliche Energie, die Kraft, die eines Tages hienieden durch einen Zufall sich entfesselt fand, schien ihm der Aufmerksamkeit nicht würdiger zu sein als die Elektrizität, und die Menschen nicht wertvoller als die Glühbirnen. Er liebte diese Metapher. Die Menschen waren in der Tat jene Stellen im ewigen Kreislauf, wo die Elemente, an sich höchste Ruhe und Gleichgültigkeit, für einige Sekunden zum Rotglühen, zur Bosheit oder zur Güte erhitzt sind. So lebte er einige Wochen in großer Klarheit und gleichgültig unter tiefster Stromspannung, so daß er sogar Chartier entsetzlich einschüchterte, der das Gefühl hatte, er habe die Aufgabe, ihm die Vergangenheit des großen Nichts zu verbergen. Die Dienerschaft, die sich durch nichts täuschen läßt, wußte, daß dieser Mann keine Vorliebe, keine Leidenschaft, keinen Gott mehr hatte, und umgab ihn mit Rücksichten, wie man sie jenen widmet, die nicht mehr zu übertreffen sind, äußerst unruhig, daß sie diesen zum erstenmal mit allem zufriedenen Mann zu bedienen hatte, und sie gossen in das, was die Leere selbst war, nichts wie die bestzubereitete Schokolade und fabelhafte Suppen. Chartier versuchte es, ihn in eine bestimmte Richtung zu lenken, und besuchte ihn am Abend auf der Terrasse des Hotels, sprach zu ihm vom Tode, was oft mit Erfolg geschehen war. Die Zahl Sechs, die in den Schulnoten eine kaum über den Durchschnitt stehende Arbeit und in Beziehung aufs Alter einen Mann auf dem Abstieg des Lebens bezeichnet, kam in der Tat näher. Er erinnerte ihn daran. Was Moïses Vergangenheit betraf, durfte er sich ja alles herausnehmen. Doch Moïse, der einst beim Gedanken an den Tod gern verweilte, sich darüber zu belustigen pflegte, daß sein Name mit demselben Buchstaben begann und darin ein Erkennungswort sah, dessen Zärtlichkeit er schätzte, – Napoleon, Namur, Moïse, Mort – antwortete nicht einmal. Er saß wie auf einer Bahnhofsbank da, die Augen im Himmel verloren und hienieden nur durch Beförderungsschwierigkeiten zurückgehalten; und während er die Sterne über Paris entdeckte, befand er sich noch immer in jenem hellseherischen Zustand, der bei ihm ein Anfall war wie bei anderen der plötzliche Verlust des Gedächtnisses oder die Hysterie. Man darf dessen sicher sein, daß die Sterne, auf welchen sein Blick verweilte, aus einem kostbareren Metall waren als die irdischen Metalle.

Eines Tages endlich wich die Krisis. Die Zeit kam wieder, da Moïse sich des Salats annehmen sollte. Doch statt daß die Rückkehr in den normalen Zustand sich bei ihm durch einen Tränenausbruch oder eine Neuralgie angekündigt hätte, wurde Moïse vielmehr von einer Phobie, von einer recht eigenartigen Phobie ergriffen. Sie stimmte Moïse nicht etwa gegen die Person feindlich, welche die Ursache seines Übels war, auch nicht gegen eine andere einzelne Erscheinung. Die Individuen hatten ihn nie gestört. Er konnte wohl das eine dem anderen vorziehen, doch das Spiel ihrer Freiheit schien ihm zu armselig karg geregelt, als daß er sie für verantwortlich hätte halten können. Er erreichte in dieser Beziehung eine Höhe der Weisheit, der Müdigkeit, auf der man mit einem Blick an jedem Wesen die Ähnlichkeit ausmacht, durch die es einem der sieben oder acht menschlichen Typen, einem der sieben Formen der Ehre oder einem der sieben oder acht Arten, das Brot zu essen, zugehörig wird. So richtete sich denn sein Unwillen plötzlich gegen jene künstlichen Gruppen, die er für verantwortlich hielt; sein Zorn übersprang rasch die Stufen, als welche da sind: die Regierungen, die Kongresse, die Parlamente, und gelangte bald zu den Nationen selbst. Die Summe von Vorurteilen, falscher Verherrlichung von Verbrechen, deren Werkstatt eine Nation ist, begann ihn einige Tage lang zu quälen. Die Rassen – darüber machte er sich lustig, die waren nur verschiedene Verfahren, die Sonne zu empfangen, zu schwimmen, doch die Nation, das war ein Verfahren, um ungerecht, selbstsüchtig und habgierig zu sein.

Einen ganzen Tag lang ärgerte er sich über die geringsten Handlungen der Nation, die sich für die Frau, die ihn verraten hatte, als Sündenbock darbot, über ihre Ohnmacht, die Eisenbahnen wiederherzustellen, das Rindvieh aufzuzüchten. In der Nacht wurde es bei seiner Schlaflosigkeit zu einem richtigen Alpdruck. Der Nation, die grade an der Reihe war, für einige Zeit den Fluch zu tragen, schrieb Moise alle gemeinen Handlungen auf der Welt zu; die bereits geschehen waren oder noch geschehen sollten, und sah sie da viel grausamer ausgeführt als bei dem Volk, wo sie tatsächlich geschehen waren. Er sah, auf welche Weise die Belgier den Chevalier de la Barre hingerichtet, die Holländer die Jungfrau von Orleans verbrannt hätten. Als er anfing, England zu hassen, entlastete er die andern Völker von allem Schädlichen, das ihre Geschichte enthielt, und übertrug den Mord an Simson auf die Quäker und das Gemetzel der Kinder auf die Heilsarmee. Das ermangelte nicht, erschreckende Ergebnisse zu zeitigen. Diesmal war Amerika an der Reihe, ohne daß übrigens zwischen Eglantine und den Vereinigten Staaten eine andere Beziehung bestanden hätte als in der Größe ihrer Rolle, die sie im Leben Moïses und in dem der Welt spielten.

 

Folgender Art war die Krisis beschaffen, die Moïse für immer von Eglantine trennte ... Am Anfang war es kaum zu merken ... Es war nur eine gewisse Ungeduld, wenn man ihm im Restaurant Mais vorsetzte, ein leichter Widerwillen gegen Grape-Fruit, eine gewisse Reizbarkeit vor den Plakaten der Cadum-Seife – lauter Erscheinungen, durch die sich jener Widerwille, welcher der Liebe folgt, am Menschen verrät. Er vermochte mit Amerika nicht aus dem gleichen Glas zu trinken noch von dem gleichen Teller zu essen oder sich mit derselben Seife zu waschen. Er berichtigte jene Gewohnheiten, die aus der Berührung mit Amerikanern in seiner Haltung sich fanden, nahm seinen Hut nicht mehr im Fahrstuhl ab, zog die Handschuhe nicht mehr aus, um jemandem die Hand zu drücken. Dann brach eines schönen Morgens seine Feindseligkeit aus, hervorgerufen durch den Scherz eines Amerikaners, der in der Rue Royale eine Pferdedroschke bestieg und sich nach Biarritz fahren ließ. Moïse war zu gerecht, um in seinem Haß der blöden Vorwürfe der Ladenbesitzer oder der vermittelst südamerikanischer Pesos gegen Nordamerika aufgehetzten Zeitungen sich zu bedienen. Ihm war es gleichgültig, daß dieses Volk durch seinen Reichtum, durch seine große Zahl, durch sein Glück das bisherige Verhältnis zwischen den Völkern zerstörte und damit die Sendung der anderen Völker entwertete, gleichgültig, daß es das siegreiche Volk war, ohne gekämpft zu haben, das reiche Volk, ohne das Elend gekannt zu haben, daß es an Büffeln und Savannen das Patent sich verdiente, das andere auserwählte Völker auf blutigen Schlachtfeldern und Ruinen von Kaiserreichen gewonnen haben. Moïse hatte für diese Schikanen nichts übrig. Was ihn bewegte, waren Ideen des Propheten, unter anderem die Sicherheit zum Beispiel – die er bei keiner anderen Nation, nicht bei Portugal oder Bosnien hatte –, daß niemals ein Messias in den Vereinigten Staaten zur Welt kommen werde. Er war von jenem Bedürfnis, in Schmähungen auszubrechen, ergriffen, das die Propheten gegen die unfruchtbaren Frauen und Länder bewegte. Er schlief wenig. Er verbrachte seine Nacht damit, an diesem Volk von New York bis Los Angeles die großen Schauspiele der Ungerechtigkeit der Alten Welt auszuprobieren. Eine Tournee, die alle großen Schauspieler umfaßte: eines Nachts z.B. war es der Tod des Sokrates in Chikago. Er war darüber entsetzt. Man kann sich keine Vorstellung machen, was aus der schönsten Lehre, die die Menschen von Christus erhalten haben, am Michigan-See wurde. Die Neger erhöhten den Preis für das Schuhwichsen für all die Leute, die hingingen, um die Vergiftung zu sehen, um zehn Cents. Zehn Cowboys galoppierten vor dem Ford, in welchem der Hilfsprofessor, Dozent der Chemie an der Universität Michigan, den von ihrem Rektor dargebotenen Schierlingsbecher brachte; das zweiundzwanzigste Reserveregiment bildete bei seiner Parade in der zweiundzwanzigsten Armorystraße mit jeder seiner Kompanien einen großen Buchstaben, die zusammen den Satz ergaben: Sokrates dies, Sokrates stirbt. Ein trostloser Tag, es schneite. Die Lichtreklamen, welche die einzelnen Phasen der Handlung: right to dead; left leg taken; right knee out of life, ankündigten, drangen wie glühende Eisen durch den Schnee. Der falsche griechische Stil der öffentlichen Gebäude, auch des Gefängnisses, wirkte noch wie eine Betonung der allgemeinen Heuchelei. Die noch unbeschriebenen phonographischen Platten – diese Platten, deren Fehlen seinerzeit bewirkte, daß man sich an Xenophon und Plato halten mußte – wurden mit Ungeduld gehandhabt, weil Sokrates zu leise sprach. Sokrates sprach etwas durch die Nase. Und was soll man erst von Sokrates' Anzug sagen, einem Anzug aus grün und weiß vertikal gestreiftem Stoff ... Heart attacked, assistant Professor Robinson said Socrates' last minute is come ... Moïse war kaum eingeschlafen, als ihn das Pfeifen einer Lokomotive auf dem Ostbahnhof mit einem Ruck auffahren ließ: alle Schiffssirenen im Hafen von New York heulten auf einmal, um den Tod des Sokrates zu verkünden ...

 

In einer anderen Nacht war es noch ernsthafter, war es die Kreuzigung. Moïse stellte sich schonungslos die Grausamkeit der Kreuzigung in New York vor: er schmeckte die Kinderei der Untersuchung, den radiographischen Nachweis der verkalkten Nervenknoten in den Lungen Christi, den durch die Radiographie gelieferten Beweis von der Materialität Christi, die Ungeschicklichkeit der Kolumbusritter, die Hartnäckigkeit der Rotary-Klubs. Welcher Geschmack, der das Holz für das Kreuz in den Wäldern von kostbaren Hölzern aussuchen ließ! Die goldenen Kreuznägel, die vom Staate Virginia gestiftet wurden, die Zollschwierigkeiten, die es wegen des Weins für das Abendmahl gab. Die Nachrichtenagentur, welche für hunderttausend Dollar die Erlaubnis erhielt, ihren Draht am Kreuze selbst anzubringen. Die Policemen, die den Kalvarienberg bewachten und den Verkehr in zwei Richtungen regelten. Borah, der im Senat seine – natürlich negative – Meinung über Christus äußert. Die mitleidigen Schauspielerinnen, die Kronen mit Dornen aus Kautschuk schickten. Die ganze Nacht hatte Moïse bei jeder dieser grausamen Episoden, die eine tausendjährige Gewohnheit in Liebe und Güte gehüllt hat, entsetzliche Püffe und Rückstöße auszuhalten, so wenn er sich vorstellte, wie die Steine des Passionsweges durch einen besonderen Makadam, auf dem man im Regen ausglitt – es gab keine Stationen – ersetzt waren, die Ölbäume durch Bananenbäume, die heilige Veronika durch Hanfstängel, den ersten Kunstphotographen. Das INRI auf dem Kreuz diente der International News Report Illinois zur Reklame. In den Zeitungen die Photographie von Mary Pikford, die gesagt hat: If my brother had suffered such a pain, I would die for shame. Der Neger, der gelyncht wurde, weil er beim Vorbeizug Christi gesagt hatte: I am sorry for him. Der Wettbewerb für die Wahl des bösen und des guten Schachers unter Nachlaß des Strafvollzugs. Borah, der noch im letzten Moment eingriff und verlangte, daß die Hinrichtung an den Ufern des Niagara stattfinde. Die Einspritzungen an den Händen, Füßen, an der Seite Christi – was mußte er dadurch noch mehr leiden! –, um sie gegen den Schmerz unempfindlich zu machen. Das Interview mit Dempsey über den Tod der Götter. Petrus als Amerikaner, Maria Magdalena als Amerikanerin, Judas als Amerikaner. Alles das wurde für Moïse ein Alpdruck. Er mußte sich schließlich sagen, daß an der Hinrichtung, wie sie sich in Jerusalem abgespielt hatte, etwas Vollkommenes, ja sogar etwas Freundliches war. Wenn man das göttliche Ereignis aus der Nähe betrachtete, so hatte doch das Volk von Jerusalem ein Gefühl für die universale Bedeutung des Vorganges, eine Empfindung für seine Würde, es hatte wohl ein Höchstmaß von göttlicher Niedrigkeit, aber ein Minimum von menschlicher Gemeinheit dabei an den Tag gelegt; es hatte das Stück mit der gleichen Freiwilligkeit, mit dem gleichen Ernst, mit dem gleichen Verständnis für seine Rolle gespielt, wie die deutschen Schauspieler, deren Leben der Aufgabe gewidmet ist, das Mysterium zu spielen. Kein Verbrechen auf der Erde ist jemals auf solcher Höhe verübt worden und mit einem solchen schicksalhaften Schwung, wodurch alle, die dabei mitspielten, im Laufe der Jahrhunderte einen Zug von Unschuld bewahrten und die Gerechten noch heute ihren Kindern die Namen der Männer geben, die in erhabener Treue an jenem Tage die Feigen und Verräter waren.

Diese Besessenheit dauerte einige Tage. Er wurde nicht durch die neuesten Nachrichten, die aus Amerika kamen, von ihr befreit – wie man meinen sollte –, wo man angeblich die Kriegsschulden annulliert hatte oder wo Tornados von Maine bis nach Florida die unehrenhaften Firmen verwüsteten und die anständigen säuberten. Vielmehr schlich sich in seinen von diesen Anachronismen bereits ermüdeten Geist das Bild der großen Ungerechtigkeiten von ausgesprochen amerikanischem Charakter. Er sah Roosevelt, wie er in Kuba einbricht; er sah den Zusammenbruch Wilsons. Für diese beiden Schauspiele wurden die ganzen Vereinigten Staaten eine durchaus echte und absolut notwendige Dekoration, offenbarten sie jene Helligkeit, die England z. B. für sich in Anspruch nahm, als es die Jungfrau von Orleans verbrannte. Eine neue Gestalt des menschlichen Mißgeschicks, das heißt seiner Größe, wurde durch diese ungeheure Begriffsstutzigkeit oder auch durch diese ungeheure Grausamkeit geschaffen. Alle diese amerikanischen Flüsse, die so zwecklos und unbeweglich sind, sobald es sich um Christus handelt, diese vor Simson und Dalila so blödsinnigen Seen, diese Prozessionen der Freimaurer mit ihren violetten Schirmen, die sich Sokrates gegenüber so dumm ausnehmen, erhalten ihren Sinn, ihre Strömung und ihre Schönheit wieder, sobald die Dampfschiffskapitäne von Pittsburg bis New Orleans, die ihren ersten Kaugummi auf Whitman gespien hatten, die ersten für die Spanier bestimmten Kugeln auf die Flußalligatoren abfeuern lassen. Die Gestalt jenes Borah, den das Herannahen Jesu nicht erleuchtet hatte, bekommt beim Herannahen Wilsons auf einmal einen Ewigkeitszug. Die Köpfe der dreißig Senatoren, die sich über den plötzlich gelähmten Wilson beugen, die auf einmal verstummten Lautsprecher, indessen ein einziger Telegraphist seine Arbeit fortsetzt und drahtlos das Signal der in Seenot geratenen Schiffe in die Welt schickt, das alles hatte wieder ein menschliches Gesicht. Dieses Schauspiel war von den Eigennamen umschwirrt, welche die Nachwelt als Taufnamen verwenden wird. Die Passion eines Präsidenten der Republik, das ist schon etwas für ein neues Volk. Die Begehung eines Verbrechens, das einen Volksstamm zugrunde richtet und der ganzen Welt nützt, schuf in diesen gestern noch so wenig individualisierten Gesichtern jene Halbflächen und Blicke, aus welchen Kunst und Dichtung ihren Nachtisch bereiten.

Dann schloß sich Amerika wieder, wie ein Wandschirm sich einrollt, den man aufgespannt hat, um eine Verkleidung oder einen Abgang zu decken, Eglantine war verschwunden, und Moïse nahm sein gewohntes Leben wieder auf.

 

Er erschien wieder regelmäßig im Klub, im Schwimmbad und stellte fest, daß die freundlichen und oft etwas lebhaften Scherze, mit denen man ihn zu empfangen pflegte, sich wieder einstellten. Er empfand es mit einem gewissen Behagen. Der Schleier von Höflichkeit, mit dem sich diese nackten Männer, solange sein Verhältnis mit Eglantine dauerte, bedeckt zu haben schienen, fiel von ihnen ab. Die nautischen Scherze des französischen Adels kehrten wieder. Man belustigte sich aufs neue, durch crawl seine Zigarre auszulöschen, mit trudgeon seinen Schädel unter Wasser zu tauchen. Moïse fühlte fast Hochachtung für die Kameraden dafür, daß ihre mondäne Grobheit mit dem Zustand seines Herzens so gut übereinstimmte. Sie waren übrigens nicht die einzigen. Auch die unteren Klassen waren bereits davon unterrichtet, daß Moïse in Freiheit gesetzt war. Der Pédicure erzählte wieder Weibergeschichten, sogar der Masseur stürzte sich jetzt mit verdoppelter Kraft auf sein Sitzbein. Man hatte es wieder mit Moïses alter Haut, mit seinem alten Skelett zu tun, und nicht mit jener wenig dauerhaften Hülle, die während einer ganzen Saison die Leute eingeschüchtert hatte. Die Wiederverkörperung ging nicht ohne Schmerzen ab. Moïse fühlte seine Leber, seine Schwielen wieder, er litt aufs neue an seiner Abhängigkeit von diesem allzu menschlichen Leib, von der er eine Zeitlang befreit war. Er fand sich schwerer geworden, ermüdete viel rascher. Er bekam Angst, wog sich und erschrak: ohne daß er sein vorjähriges Gewicht noch erreicht hätte, wog er jetzt nackt so viel wie drei Wochen vorher in Kleidern. Seine neue Erscheinung wog mehr als ein Abendanzug, sein Smoking. Zugleich stellte er fest, daß sein Bauch runder geworden war. Sie kam wieder, jene unfruchtbare Schwangerschaft, an der er zwanzig Jahre gelitten hatte. Um zehn Uhr, als er auf dem Wege in sein Büro im Spiegel eines Ladens sein Profil erblickte, fing sein Herz rascher zu schlagen an. Es schien ihm, daß er wieder häßlich geworden war.

Er hatte nie einen Spiegel in seinem Arbeitszimmer. Er bedauerte es jetzt. Er erledigte ungeduldig Geschäfte, Besuche. Die Post war auch nicht grade erquicklich. Aus Bagdad erhielt er den Vorschlag, an der englischen Gruppe Verrat zu üben: das Gerücht, daß er wieder häßlich geworden sei, durchlief bereits Bagdad. Die Stenographin, welche seine Nervosität spürte, verdoppelte ihren Eifer, öffnete weit ihre großen Augen; unzulängliche Augen. Wie einer, der sich von einem Übel befallen glaubt, nur daran denkt, allein zu bleiben, um im Lexikon das Kapitel Leber oder Blase nachzuschlagen, hatte er es eilig, allein zu bleiben. Er sah von sich nur seine Hände, seine Gelenke; das war in der Tat nicht sehr schön. Das Fehlen seines Spiegelbildes im Arbeitszimmer erschien ihm auf einmal wie ein Vorbehalt, wie eine den Wänden und den Möbeln erteilte Weisung, zu schweigen. Er kam auf den Gedanken, in den Saal der Aufsichtsratsitzungen sich zu begeben, wo er allein sein würde und wo ein von der Gesellschaft von St.-Gobain, deren Aufsichtsrat er war, gestifteter Spiegel sich befand, der unter den gelungensten und höchsten Spiegeln Frankreichs ausgesucht worden war. Ein vier Meter großer Moïse, ein Goliath konnte sich ganz drin sehen. Gewöhnlich hätte es einer Generalversammlung oder einer plötzlichen Katastrophe bedurft, um ihn durch die Büros der Prozeßangelegenheiten bis dorthin zu bringen; das letztemal war es nach dem Schiffbruch der »Guyenne«, die bei seiner Bank rückversichert war. Dieser Gang war ihm so lebhaft im Gedächtnis geblieben, als hätte er den Schiffbruch selbst erlebt. Es hatte dreihundert Tote gegeben. Im Strudel der Pulte sah er auf seinem Weg heute denselben Kopf des Buchhalters, den Nacken der Stenotypistin schwimmen. Er beeilte sich, da er etwas wie Gewissensbisse empfand, diesen Gang in einer so egoistischen Absicht zu machen. Die Büros fragten sich, zu welchem unseligen Rendezvous der Chef mit diesem gemacht natürlichen Schritt da hastete, und ob die Nachrichten, die ihn eine Viertelstunde früher als alle anderen Menschen erreichten, heute die einer Katastrophe oder eines Krieges seien. Niemand von ihnen ahnte, daß Moïse nur von der bevorstehenden Ankunft seines alten Spiegelbildes, seiner alten Erscheinung in dem von St.-Gobain gespendeten Spiegel benachrichtigt war. Er war im Begriffe, es sich rasch wieder anzueignen, brauchte es für den Rest seines Lebens, für die Jahreszeit, für den Abend, für die nächste Stunde notwendig. Die Beamten wichen stehend aus oder blieben in einer Reihe stehen, als wenn ein Leichenkondukt oder ein Sanitätswagen vorbeigefahren wäre und die Aktenmappen des Petroleums und des Goldes sich gedulden müßten, bis er aus den Augen war. Man meldete ihm drei Besuche an, alle drei Vorsteher von Advokatenkammern. Alle Vorsteherschaften schienen sich heute zwischen Moïses Schönheit und Häßlichkeit vereinigt zu haben, wie sie es an Tagen tun, wenn ein Urteil, ob schuldig oder nicht schuldig, gefällt werden sollte. Er ließ bitten, sie möchten warten. Die Tür des Saales war verschlossen. Moïse rüttelte an ihr mit aller Kraft; es ging darum, Moïse, der gefangen war, zu befreien. Er ließ Fräulein Honorine, im Scheckbüro Hono und im Verkaufsbüro Riri genannt, rufen, die Sekretärin vom Dienst kam herbeigerannt. Doch als freundliche Kerkermeisterin trat sie mit ihm ein.

Moïse hatte mit dieser Anwesenheit nicht gerechnet. Es war recht schwierig, vor der schönen Hono in den Spiegel zu tauchen, und er fragte sich, was er wohl in diesem leeren Saal unternehmen könne, als er im Hintergrunde am Fenster die Große Enzyklopädie entdeckte. So lenkte er denn glücklich über dieses Alibi seine Schritte in diese Richtung, ging rasch an dem acht Quadratmeter-Spiegel vorbei, nicht ohne in ihm einen untersetzten Schatten vorbeihuschen zu sehen, gleich dem, den man auf der Bärenjagd, und nachdem man den ganzen Tag gewartet hat, in der Dämmerung auf einer Lichtung zwischen zwei Dickichten erblickt. – Welchen Band er haben wollte? Er dachte stets an seine Häßlichkeit und verlangte den mit dem Buchstaben H. Es war zufällig der schwerste Band. Hono brachte das von allen historischen und wissenschaftlichen Hs belastete H mit ihren entblößten Armen, an denen die Anstrengung nicht die Adern und Muskeln spannte, vielmehr das Weiße und die Rundheit hervorhob, bis ans Tischchen, brachte weißes Papier, eine Feder herbei, und Moïse, um nicht unfreundlich zu erscheinen, tat so, als setze er sich hin, um Notizen zu machen. Sie verließ den Raum nicht, sie entfernte sich nur, als er den Band öffnete. Sie wußte, daß die Lexika nicht als die unpersönlichsten Bücher auf der Welt und nicht von jenen geblättert werden, die sich über die Rechtschreibung unterrichten wollen, sondern von jenen, die ein heftiges Verlangen, eine tödliche Krankheit, eine Leidenschaft dazu treibt, und daß es das Buch der Wahrheit und des Lebens ist. Sie wußte auch, daß die Menschen gern auf diese Weise die großen Gefühle an ihrer Oberfläche wenigstens, an den Worten, die sie ausdrücken, berühren mögen. Sie selber hatte beim Wort Geliebter, beim Wort Kleopatra, deren Nase sie haben wollte, und an einem Tag, wo sie sich unruhig fühlte, beim Wort Messalina nachgeschlagen. Abgesehen von dem Vizechef der Prozeßabteilung, der nie wußte, ob Bône (Algier) mit oder ohne accent circonflexe geschrieben wird, und zu jeder Post sich den ebenfalls sehr schweren Band B bringen ließ, einzig um den Akzent zu kontrollieren; abgesehen von dem jungen Pirat von der Buchhaltung, der den Buchstaben Y dazu benützte, um die auf seinen botanischen Ausflügen sonntags gesammelten Pflanzen in ihm zu trocknen, nahmen jene Angestellten der Bank, die mit Angst die Diagnose einer Krankheit, die sie selbst oder ihre Familie plötzlich befallen hatte, dort festzustellen suchten, ihre Zuflucht zu diesen Bänden; jene Männer oder Frauen der Bank, auf die ein allgemeines oder besonderes Wort wie eine Feuerkugel herabgestürzt war. Hono war dahin gelangt, sich als die Hüterin dieser Geheimnisse zu fühlen ... Sie war es, die man nach einer Diskussion zwischen den Bürochefs nach der eigentlichen Bedeutung des Wortes Mystik oder des Wortes Golfstrom fragte ... Sie konnte fast schon am Gesicht des Fragenden erraten, welches Wort ihn zu ihr führte, und war nahe daran, einem, der mit trockenem Husten einen Band verlangte, gleich den Band H zu bringen ... So daß sie eine gewisse Zuneigung zu der Großen Enzyklopädie faßte, wie eine Priesterin zu ihrem heiligen Buch. Ja, sie war sogar in die Nationalbibliothek gegangen, um die Enzyklopädie mit Larousse und mit Littre zu vergleichen, indem sie diese Handbücher bei den typischen Worten: Frau, Bank, Liebesverhältnis, aufblätterte, gab aber der Enzyklopädie wegen ihrer Zurückhaltung, ihres liberalen Geistes und ihrer Dezenz den Vorzug. Was Littre z. B. vom Hunde sagte, fand sie abscheulich. Da sie nicht wußte, daß die Beiträge drin von geldbedürftigen Söhnen von Gelehrten, von Chemikern, zu Zeiten, da an der Chemie nichts zu verdienen war, von pensionierten Militärs geschrieben waren, von jungen Leuten meist in einem üblen materiellen und moralischen Zustand, stiegen aus dem Werk die Emanationen des Reichtums und der Vorväter-Weisheit zu ihr empor, die ihr für den Tag den Stolz einer Sybille verliehen ... Darum war sie auch geschmeichelt, daß der Chef der Bank, der Herr über Paris plötzlich sich an sie wandte, um den Sinn und die Bedeutung eines Wortes bei ihr zu suchen ... Sie hielt sich abseits, sie hatte es zu sehr bereut, eines Tages den Syndikus mit einem stummen und bleichen Gesicht das Wort Krebs lesen zu sehen; sie entfernte sich mit der Diskretion einer Krankenwärterin. Sie ging dabei rückwärts, noch im Durchschreiten durch irgend etwas, das der Spiegel war, angezogen und befriedigt, als sie, mit der Hand hinter sich tastend, den Marmor des Kamins fühlte.

Der Artikel über die Häßlichkeit war in dem gleichen unparteiischen Sinne geschrieben, wie der über Renan und über Loyola. Es wurden ihre Vorzüge hervorgehoben. Die Häßlichkeit war durchaus nicht der Gegensatz der Schönheit, ja, der als beauté de diable bezeichnete Jugendreiz war eine Art Häßlichkeit. Das belustigte Moïse. Die meisten großen Männer waren durchaus nicht schön; die berühmten Partien der gefeierten Schönheiten waren nicht grade das Schöne an ihnen, so die Nase an Kleopatra, der rechte Fuß bei Berta, die vorstehenden Augen bei Agnes Sorel. Der Verfasser führte alle großen Männer an, die durch ihre Häßlichkeit berühmt waren, Villemain, den Jesuiten Martineau, Bourignon ... Die Beweisführung war freilich nicht sehr überzeugend, erlaubte freundliche Hypothesen über die Schönheit Corneilles, Molières und Racines. Doch Moïse, der schräg zum Zimmer saß, war bereits weniger durch seine Lektüre als durch das Gehaben Honos interessiert. Ein zuverlässiger und mächtiger Magnet drehte sie zusehends dem Spiegel zu. Man spürte, daß sie mit Ungeduld darauf wartete, daß Moïse ginge, um sich ohne Zwang im Spiegel zu betrachten. Bei dem Gedanken, sich zu sehen, erfaßte sie plötzlich eine Ungeduld, wie beim Gedanken an ein Rendezvous, und sie machte sich Vorwürfe, das Spiegelbild, das sie gar nicht erwartete, seit fünf Minuten warten gelassen zu haben. Moïse nahm mit einem Blick alle Einzelheiten an ihr auf. Schlanke, liebliche Enzyklopädie einer bescheidenen, aber zarten Schönheit, vereinigte sie angesichts eines bescheidenen Lebens und sicherlich auch bescheidenen Liebe, gewöhnliche für den üblichen Gebrauch passende Züge mit einer entzückend schön geformten, vorspringenden Nase, einem Mund, dessen Winkel so unsichtbar waren wie die Haltestellen, ein vom Licht eingerahmtes durchsichtiges Ohr, die den Ruf einer Königin oder Kaiserin hätte begründen können; im ganzen ein Gesicht, das keinen Augenblick den Eindruck billiger Herstellung machte, vielmehr unmittelbar einen geistigen oder inspirierten Schöpfer verriet. Man fühlte, daß es bereit war, sich an seinem Spiegelbilde allen erlaubten, allen in diesem Fall möglichen Berührungen, dem Kuß allenfalls sich hinzugeben. Um ihren Körper und um ihre Züge war jene Klarheit, die an schönen Mädchen in der Nähe eines Spiegels, der nicht häßlich macht, wahrzunehmen ist. Moïse schämte sich seiner Kinderei und ging hinaus.

Er betrachtete sich in keinem Spiegel mehr. Am gleichen Abend noch in der Opéra Comique bei »Figaros Hochzeit« kam ihm an einer Art Geniertheit, die er empfand, sich in die erste Reihe der Orchestersessel niederzulassen, sich Mozart gegenüber zu sehen, zum Bewußtsein, daß er wieder häßlich geworden war. Doch war ihm das alles bereits gleichgültig. Jeden Morgen rasierte er vor seinem schmalen Toilettenspiegel, ohne es anzusehen, Moïses Gesicht, das eine unsichtbare, doch sorgsame Judith, die ihn beschimpfte, wenn er es schnitt, von einer Serviette umrahmt, ihm hinhielt – wie man das Gesicht eines Toten rasiert.

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