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Eglantine

Jean Giraudoux: Eglantine - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJean Giraudoux
titleEglantine
publisherSuhrkamp Verlag
printrun16.-20. Tausend
year1964
translatorEfraim Frisch
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131106
projectideee16016
wgs9110
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Fünftes Kapitel

Gegen Ende des Frühjahrs entschloß sich Moïse endlich, nach Konstantinopel, wo er bereits seit zwei Jahren beansprucht wurde, zu reisen, und nahm eines Nachmittags gegen sieben Uhr den Orient-Expreß. Nur wenn er nicht liebte, benutzte Moïse einen Früh- oder Vormittagszug. Zu Saras Zeiten und jetzt Eglantines wegen ließ er sich auf einen Ortswechsel nur mit den Nachtzügen ein, die die Abfahrt erleichterten, weil sie ihm erlaubten, sich auf der Reise zunächst im Speisewagen dem Hunger, dann gleich darauf dem Schlaf und am nächsten Morgen in der Früh einem Erwachen zu überlassen. Eglantine wollte ihn heute an die Bahn begleiten. Er löste für sie jenes Billett für zwanzig Centimes – ein Anlaß, die Scheidemünze auszugeben, die er seit zwei Jahren in seiner Tasche trug, ohne dafür das geringste kaufen zu können –, das einem erlaubt, an die Züge zu kommen, den ersten Rauch der Lokomotive und sogar das Gesicht des Lokomotivführers zu sehen. Da er sich bei einer Aufsichtsratsitzung verspätet hatte, fand er keine Zeit mehr, einen Reiseanzug anzuziehen, und war in Blau. Eglantine dagegen hatte, mit jenem weichen Instinkt der Nachahmung, der sie glauben ließ, sie könne in einer Menge oder in einem Gefühl aufgehen, um zur Bahn zu gehen, ein Kostüm angelegt, das sie für eine Reise benutzt hätte, – ein schottisches Kostüm. Moïse litt unter dieser Unintelligenz des Zufalls, welche jeden in eine Hülle steckte, die der andere brauchte; was zu Mißverständnissen mit dem Gepäckträger, dem Schaffner, mit der Zeitungsverkäuferin, die ihr letztes Exemplar der Ève anbringen wollte, und vor allem mit einigen Reisenden des gleichen Wagens Anlaß gab, deren Gesichter erkennen ließen, mit welchem Vergnügen sie die Aussicht erfüllte, im selben rollenden Hause vier Tage mit einer gewissen jungen Person zu verbringen. Man konnte jenes Ziehen an der Krawatte in der Nähe einer hübschen Frau, jene graziöse Bewegung der Dienstbarkeit und des Selbstmordes, um irgendein loses Band oder einen losen Knoten festzumachen, bereits an vier oder fünf Coupétüren beobachten. Moïse, aufgebracht und eifersüchtig, entschädigte sich dadurch, daß er die Männer in ihrer Auffassung bestärkte, indem er Sachen kaufte, welche Damen auf Reisen brauchen, Zitronen, eine Flasche Mineralwasser, und indem er Eglantine zwischen sich und den Zug schob. Erst im letzten Augenblick sahen die enttäuschten Mitreisenden – das Paar hatte sich im Augenblick seiner letzten Umarmung plötzlich entschlossen, die Rollen zu tauschen – den Herrn im Ausgehanzug in den Wagen springen, indessen die Schottin auf einmal ihr Lächeln, ihre Gleichgültigkeit, alle Anzeichen des Schwunges nach Konstantinopel einbüßte.

– Langweilen Sie sich nicht, sagte Moïse. Wie gedenken Sie Ihre Zeit zu verbringen? Ich bleibe wenigstens einen Monat fort.

– Ich werde lesen, Spazierengehen.

– Werden Sie Bellita besuchen?

– Ich weiß nicht ... Ich denke, nicht ...

Beide waren verlegen und wendeten die Köpfe ab, richteten ihre Blicke mechanisch auf ein Symbol, das nicht das ihre war, Eglantine auf die Dampfwolke der Lokomotive, Moïse auf die Marmorstufen des Büfetts. Der eine plötzlich von der Dauerhaftigkeit des Steins, von der Unbeweglichkeit der Bahnhöfe, die andere von dem fliegenden Rauch bewegt, doch alle beide stießen sie, von einem Gedanken getroffen, der wie ein Blitz aus ihnen fuhr und den sie gleich bedauerten, auf Fontranges. Moïse hatte sich just mit seinem letzten Wort verraten. Er war ärgerlich über seine Schwäche. Das hieß ja eigentlich, daß seine letzte Empfehlung an Eglantine so viel sagte wie: sie möchte Fontranges nicht sehen. Auf Eglantine wirkte alles als Fessel und Kette, die Eifersucht ebenso wie der Edelsteinschmuck. Damit hatte ihr also Moïse bei seiner Abreise das letzte Halsband geschenkt; er sah sie es mit dem gleichen Erröten, mit der gleichen Schüchternheit annehmen, wie im Dancing, wenn er sein Etui hervorzog. Sie schien übrigens vor der Annahme zu zögern, sie knöpfte ihre Handschuhe bis zum letzten Knopf zu, hakte ihren Fuchs ein, verbarg ihre Hände, ihren Hals, auf dem sie plötzlich die Eifersucht verspürte, als wäre es der Einsatz einer neuen Partie. Alle beide fühlten, daß in diesem letzten Augenblick, nach der guten Tradition, ein Mann ein Billett in die linke Hand der Frau, deren rechte von dem Abreisenden Abschied nahm, gleiten ließ und daß dieser Mann Fontranges war. Kurz vor Antritt einer großen Reise auf dem Bahnsteig passiert es den Männern nicht, wie es bei Frauen vorkommt, plötzlich zu bemerken, daß sie irgendeinen notwendigen Gegenstand, den Schlüssel ihrer Handtasche oder ihres Koffers, verloren haben, sondern den Verlust des Schlüssels zu den letzten zwei Monaten, zu den letzten Erlebnissen, ja zu ihrem Leben zu entdecken. Drei Minuten vor dem Abfahrtsignal sah Moïse, wie der Körper Eglantinens sich anschickte, von einer anderen Materie zu werden, alles an dieser jungen Frau schien ihm verändert; Haltung, Stimme wechselten unter seinen Augen. Sie blieb aufrichtig, treuherzig, doch von einer völlig entgegengesetzten Aufrichtigkeit und Treue, und man hätte, um sie in ihrer früheren Substanz, ihrer Art zu denken, ihrer Moral aufrechtzuerhalten, sie zu ihrer früheren Logik zurückbringen, an ihr eine Reihe von Manipulationen vornehmen müssen, jenen ähnlich, wie sie bei Ertrunkenen und von Herzkrämpfen Befallenen erforderlich sind. Doch der Fahrplan der internationalen Züge erlaubte es nicht. Indem er die Atmosphäre Eglantinens verließ, befreite sie der dicke Körper Moïses, als wären sie beide in dem gleichen engen Badebassin und als hätte er sie vom Wasser befreit, gleichsam von sich selbst. Er hätte nicht abreisen dürfen, um das sterbende Wesen in ihr wieder zum Leben zu bringen, sie ganz langsam zu entkleiden, – mit einer unendlichen Zartheit, mit tausend Geschenken, tausend Opfern die Wolke, die sich auf sie herabließ und sie für die Augen Moïses unkenntlich machte, zu zerstreuen. Doch der Ort war schlecht gewählt ... Die Worte, die sie sprach, waren nicht Abschiedsworte, sondern Worte und Bewegungen, die ebensogut bei einem Bruch angebracht gewesen wären. Moïse kannte die Kraft der Eigennamen, ihre magische Wirkung, er wußte, daß er, sobald er nur den Namen Fontranges aussprach, sich damit anschickte, seinen Widersacher aus einem hundertjährigen Schlaf oder aus einer Verzauberung zu wecken, und dennoch hielt er sich nur mit Mühe zurück, den Namen zu nennen. Es gelang ihm zwar, doch knapp vor der Abfahrt fühlte er, gleichwie dieser Bahnhof an den Botanischen Garten und an den Tierpark sich drängte, wie verschiedene Raubtiere, große und kleine, Eifersucht, Neid in ihm rumorten; was ihn nicht sehr stolz und auch nicht sehr sicher machte. Er kletterte die Stufen des Waggons hinauf, stieg wieder herab, mit der Angst des Zauberers, dessen Vertrauen in das Instrument, das ihn unsichtbar machen und nach dem Orient entführen sollte, arg zusammengeschrumpft ist, – der nicht mehr sicher ist, daß er seine Gestalt wiedererlangen könnte. Eglantine aber erkannte an dem Umstand, daß sie in diesem Augenblick die Tugenden der Frau, die zu Hause bleibt, Anhänglichkeit und Treue, doppelt empfand, die Gefahr, die sie lief, ums Zweifache vergrößert, ihre Gedanken an Fontranges ums Zweifache verstärkt. Auf der anderen Seite des Bahnsteigs ging gerade der Zug nach Troyes ab, der Zug, der nach Fontranges führte. Er fuhr übrigens leer, fünf Minuten vor dem Zug nach Konstantinopel, ohne Schlafwagen und Speisewagen, so, als hätte er keine andere Aufgabe, als die an seinen Seiten befestigten Aufschriften der wahren Stationen des Lebens, Troyes, Bar-sur-Seine, Is-sur-Tille, durch Frankreich zu führen und zu zeigen. Sie hatte sich diesem Zug ohne Reisende zugewandt. Moïse bemerkte es. Der Beweis, daß sie Fontranges lieben kann – sagte er sich –, ist, daß sie mich liebt. Ich sehe es heute, sie hatte recht, ein Reisekostüm anzuziehen, sie verläßt mich. Nicht ich war es, den sie in mir liebte, es war mein Alter, vielmehr das Alter Fontranges' vielleicht. Sie mag sich beruhigen, ich will mich plagen auf dieser Reise, jünger werde ich nicht zurückkehren. Was denkt sie übrigens, was aus alten Leuten wird, wenn sie älter werden? Wenn sie Fontranges liebte, warum hat sie sich darauf eingelassen, meine Geliebte zu sein, wie eine leibliche Tochter, die aber bis zum Äußersten geht, als sanfte Tochter Lots, die eine Sendung zu erfüllen hat? Warum glaubte sie sich allein auf der Welt mit mir?

Zum Glück für Moïse ging ein junger, hübscher Mann vorbei, der Eglantine scharf ansah. Nie hätte Moïse die Gleichgültigkeit des Blicks ertragen, welche die Augen seiner Freundin für den Vorbeigehenden ausdrückten. Er atmete wieder auf. Doch schon bekam die Unruhe in ihm eine andere Gestalt, er dachte an Eglantinens Telephon.

Auf seinem Schreibtisch, an Stelle eines Porträts und wenig passend für den Vendôme-Platz, an Stelle eines Rahmens von Silber und eines Schattens, eines recht schmalen Schattens, wie ihn ein dunkles Zimmer vom Gesichte Eglantinens wiedergegeben hätte, stand das Telephon, das ihn direkt mit ihrem Boudoir verband. Er überraschte sich dabei, daß er den Apparat mit der gleichen Zärtlichkeit wie ein Porträt anblickte. Ein Porträt, das mit seinem Original durch einen langen Draht verbunden war, in welchem sich zu fangen Moïse seinen Besuchern sehr übel nahm. Ein Porträt, das jeden Tag sprach ... Mitten unter Moïses sechs Spezialapparaten, für London, das Finanzministerium, für Berlin, aus kostbarerem Holz als die anderen und mit echtem Silber eingelegt, wurde er das empfindlichste Organ auf dem Schreibtisch und hatte ein Läutwerk, auf das Moïse nur persönlich erwiderte. Er duldete es nicht, daß ein Angestellter sich seiner bediente. Er erlebte eines Tages die Überraschung, dieses Instrument der himmlischen Bauchrednerei für Eglantinens ferne Stimme am Ohr Chartiers anzutreffen. Chartier stand mit dem Rücken zu ihm und hatte Moïse nicht bemerkt. Er sprach über Rio- und Suezaktien; es war offenbar, daß er nicht zu Eglantine, sondern zu ihrer Maniküre sprach, deren Tag es war und die zwischen Minen-Explosivstoffen und Melinit-Aktien nie einen Unterschied zu machen vermochte. Die den Priestern heiligen Werkzeuge werden im Gebrauch der Küster vulgär. Doch Moïse wäre nicht erregter gewesen, wenn er Chartier bei einem Flirt ertappt hätte ... Er hatte für diesen Apparat Eglantines Gewohnheit angenommen, die von ihrer Kammerfrau verlangte, daß der Hörer, wenn er angehängt wurde, nicht nach außen, sondern nach dem Träger zugewendet bleibe. Moïses Bürodiener beachtete nur bei diesem Apparat die Weisung und ließ die Hörer Londons oder Rothschilds beliebig nach außen hängen, konkav und schamlos und durch ihre Neugier und Nachlässigkeit den Ohrmuscheln an den Köpfen der Börsenspekulanten ziemlich ähnlich, Trichter des Betruges. Das Telefon Eglantines verhielt sich auf diese Weise reserviert, ablehnend, man dachte bei seinem Anblick an die Schallöffnung an Eglantinens Ohr, das so klein und zumindest von ihrem Haar bedeckt war. Jeden Morgen erhob sich Moïse mit der Absicht, ihr zu einer anderen Stunde zu telephonieren; doch ein unbekanntes Gesetz von der gleichen Art, wie es unvermeidlich den Hunger der Löwen und die Stunde, in der sie trinken, beherrscht, zwang Moïse jeden Tag zu der gleichen Minute zu telephonieren. Womit er immer beschäftigt sein mochte, und war es auch ein Besuch, fand er, plötzlich von einem Wunsch ergriffen, dem nichts widersteht, stets ein Mittel, in seinem Arbeitszimmer allein zu bleiben. Bei jedem seiner früheren Verhältnisse gab es ein Symbol, ein Tier oder ein Ding, das der Freundin Moïses besonders nahestand, ein Pferd, oder ein Ventilator, das in diesen unfruchtbaren Verbindungen die Rolle des Kindes spielte.

In der Legende von Eglantine und Moïse war dieses Kind das Telephon. Nie hatte er Eglantine telephonieren sehen, weil sie offenbar nur an ihn telephonierte und dieses legendäre Mittel für die Gespräche mit ihm sich vorbehielt. Doch in seiner Vorstellung sah er Eglantine, wie sie sich dem Apparat näherte, den Hörer abnahm und für ihn dem entflammten Kreis der Frauen, Jungfrauen, Witwen des Telephonamts, in deren Mitte er wartete, kühn die Stirn bot. Er genoß dieses Entgegenkommen von Eglantinens Hand, ihrer Ohren, ihres Mundes. Eglantine schrieb überhaupt wenig, las selten, telephonierte noch seltener. Es war sehr umständlich für sie, einen Brief zu beenden oder ein Buch zu lesen; sie näherte sich dem Spiegel, prüfte vorerst ihre Zähne, ihre Lippen, ihren Teint. Sie selbst war es, die sich den Gedanken, der Lektüre darbrachte. Sie ordnete die Kissen auf ihrem Sessel, nahm jene Grazie und den tanzenden Schritt an, die den Vorbereitungen zu allen ihren Handlungen den Anschein einer Vorbereitung für eine Liebeshandlung gaben, nahm endlich das Buch, verführte es, liebte es. Sie tanzte auch um das Telephon, bevor sie es anfaßte, wie vor dem Lesen, puderte sich, trocknete sich ab, da es ihr nicht unbekannt war, daß man durch die Feuchtigkeit vom Blitz getroffen werden konnte. Sie hatte jenen Respekt vor dem Telephon, den andere für das Echo haben. Sie sprach nichts Heimliches, nichts als die üblichsten Phrasen. Sie handhabte es bedächtig, sie gehörte nicht zu jenen, die den Hörer vom Ohr entfernen und ihn in drehende Bewegung setzen, wie der Jäger zu Fuß die Trompete, wenn der Unterredner abschweifte. Sie verfeinerte davor ihre Gedanken, ihre Sprache, wodurch ihre Worte eine gewisse Würde erhielten, wenn es sich auch nur um ein Frühstück handelte. So daß Moïse, der durchs Telephon ins Herz Eglatinens, in ihre Intimität, zu ihrer Stimme, zu ihrem Körper zu gelangen vermeinte, nur mit einem abstrakten Wesen verbunden wurde und von ihr nur die konventionellste Phrase zu hören kriegte, und sicherlich auch die reinste unter allen Verbindungen, die in diesem Abschnitt zustande kamen. Während sie bei ihren Zusammenkünften von der gleichen Gefühlsatmosphäre und dem gleichen Gefolge von Gefühlen umgeben zu sein schienen, tauchten, sobald jeder vor seinem Telephon stand, bei jedem sehr verschiedene Begleiter auf, bei Moïse die Unruhe, die Eifersucht, bei Eglantine eine solche Treue zum Leben, daß jede besondere Treue überflüssig wurde. Am Telephon war es auch, daß Moïse zum erstenmal Eglantine duzte, in jenen kurzen und drängenden Satzbruchstücken, die wie Ausrufe in der Wollust sind – Verstehst du mich? Sprich! – während Eglantine dagegen die persönlichen Fürwörter sogar zu vermeiden suchte. Moïse dachte jetzt traurig an das alles, an die Länge des Drahts, der sie morgen schon trennen würde, daran, was diese Trennung aus ihm und ihr – aus dieser im Augenblick noch fast gleichen Dichtigkeit – machen würde, wenn die Veränderungen im gleichen Verhältnis zur Entfernung zunahmen: aus ihm einen Haufen voll Gift, aus ihr einen Schatten.

Der Ruf: Einsteigen! ertönte. Moïse, beschämt, daß er seit einer Viertelstunde diese Posse spielte, kaufte mit erregter Hast Sachen und Zeitungen, Zigarren, die Information Financière und warf sie in sein Abteil, wodurch er die Erwartung der Ungarn und Rumänen, die sich als die künftigen Mitreisenden Eglantinens fühlten, in die Irre führte. Das wäre ja großartig, wenn diese hinreißende Person Zigarren rauchte, sich mit Bankangelegenheiten befaßte! Am Ende reiste gar der Mann mit, und was sie für eine Abschiedsszene hielten, war einfach eine Szene. Doch bereits machte sich die Ebbe bemerkbar, welche die Zurückbleibenden von den Schienen entfernt, und drängte Eglantine auf das Trottoir zurück ... Die Reisenden, für die sie die Prämie bei der Abreise und nicht bei der Ankunft sein sollte, waren enttäuscht. Die Tatsache, daß diese junge Frau nicht mitreiste, bewirkte, daß der Wert des Zuges, der Reise plötzlich viel geringer wurde als der Wert von Paris, des Dableibens! Es ist Verrat von Seiten der Eisenbahngesellschaften, solche Sinnbilder der Trennung auf den Bahnhöfen zu dulden! Ein Eindruck, der übrigens nicht vorhalten sollte, wenn die Reisenden am anderen Morgen jene jungen vor den Türen stehenden Frauen entdecken werden, die sich würdevoll an die Landschaft flachdrücken, um sie vorbeizulassen; die man nie bei der Abfahrt einsteigen sieht und die in der ersten Nacht in den nichtbesetzten Salonbetten aus der Erschütterung geboren zu sein scheinen ... Man mußte abreisen ... Man mußte Eglantine zum erstenmal vor einem Publikum umarmen ... Moïse nahm seine Hut ab, kündigte den Zuschauern mit seinem halb kahlen Kopf, seinen gerührten Augen ein recht sehenswertes Schauspiel an, doch sie hatten nicht mit Eglantine gerechnet, die, unempfindlich gegen das Lächerliche, den Abreisenden kaum mit den Lippen, vielmehr mit ihrem Lächeln zart berührte und durch diesen zärtlichen und aufrichtigen Abschied alle Erwartungen beseitigte, die diese Szene auf die Allegorie wecken mochte: Die Jugend das Alter umarmend, oder: Unschuldiges Laster ... Jetzt zum erstenmal über Eglantine erhoben, gab Moïse ihr seine letzten Ratschläge.

– Amüsiere dich, soviel du kannst, ja? Geh aus. Geh tanzen.

Die Reisenden verwunderten sich über diese Ratschläge, Ratschläge, die ins Verderben trieben. Sie wußten nicht, daß dieser Satz sagen wollte: – Tanze, komm spät heim. Aber telephoniere nicht. Um so schlimmer, wenn die jungen Leute dich mit etwas mehr Gefühl an sich drücken und ihre Hände mit zuviel Hingabe deine Taille untersuchen, doch sprich nicht eine von jenen Zahlen aus, die Fontranges in Oberburgund wie ein Ruf erreichen. Die jungen Leute, die dich im Wagen nach Haus bringen werden, wagen es vielleicht, dir die Hände etwas zu zerdrücken, laß diese Gewalttaten über dich ergehen. Doch vergiß nicht, daß junge Mädchen vom Blitz getötet aufgefunden wurden, wenn sie nackt im Bad oder bekleidet im Zimmer telephoniert hatten.

– Telephoniere nicht, Eglantine. Versprich es mir.

– Wie?

Der Zug fuhr ab. Moïse schämte sich. Er war nicht sicher, ob Eglantine ihn verstanden hatte. Welch traurige Krankheit, das gleiche Telephon, das uns mit unserem Arzt, unserem Lieferanten, mit der äußeren Welt verbindet, Eglantine dagegen mit einer unterirdischen Welt verbinden zu sehen! Da schickte sie ihm noch einen Kuß nach, mit der gleichen Bewegung fast, die er ihr eben noch für einen Monat verboten hatte ... Er hatte seinen Platz in der Richtung des Zuges, und sein Coupégenosse, der mit dem Rücken zur Lokomotive bis nach Venedig fuhr, war es, der in der Kurve einige Sekunden länger Eglantine sehen konnte ... Sie blieb auf ihrem Platz stehen, als wollte sie eine Minute lang den Abstand, der sie von Moïse trennte, von sich aus nicht vergrößern, indessen der Zug bereits in Ivry verschwand und durch die Perspektive zu einem kleinen rollenden Sarg teleskopiert wurde ... Sie dachte lächelnd an Moïse, wie er in seinem mit Löchern versehenen Kasten erregt an Fontranges dachte ... Sie dachte an Moïse, an dem der Verdacht nagte, sie würde mit Fontranges tanzen, mit ihm telephonieren ... Sie dachte nicht an Fontranges.

Auf dem Bahnhofplatz schickte sie ihren Wagen nach Hause, – bereute, es getan zu haben. Im nächsten Postbüro sagte sie telegraphisch dem alten Mardoc, dem Onkel Moïses ab, der sie zum Diner erwartete, – bereute, abtelegraphiert zu haben. In Gedanken befreite sie sich auch von den anderen Verpflichtungen: Morgen wird sie nicht zur Anprobe des Abendmantels gehen und übermorgen abends nicht ins Konzert, für das der Mantel bestellt war – und jeder dieser winzigen Entschlüsse war von einem Unbehagen gefolgt, das sie nicht verstand. Was sie da abschüttelte, das war – sie wußte es nicht – das Netz, das Moïse über sie geworfen hatte. Sie befreite sich davon auch schon für die nächste Woche, indem sie den Wohltätigkeitsbasar absagte, für den nächsten Monat, indem sie Chartier abschrieb, mit dem sie zur Jagd auf Krähen verabredet war. Sie bemerkte nicht, daß sie kaum zehn Minuten, nachdem Moïse abgereist war, sich genau in dem Zustand befand, in welchem Moïse sie vor fünf Monaten angetroffen hatte, ohne Auto, ohne Diner bei Mardoc, ohne klassische Musik, ohne Mozart. Sie sah nicht, daß alle diese Entscheidungen aufs genaueste die einer Frau waren, welche die Abreise Moïses nur abgepaßt hatte, um sich von allem Zwang und allen von ihm auferlegten Gewohnheiten frei zu machen. Die neue Art, wie sie von ihrer Zeit Gebrauch machte, war die gleiche, die es ihr seinerzeit erlaubte, Moïse zu treffen, aber es war zugleich eine Art Gebrauch von der Zeit, wie er nötig war, um ihn zu betrügen. Hätte Moïse in seinem Zug erfahren, daß alle ihre Beschäftigungen, über welche er sich im voraus aufs frömmste unterrichtet hatte, um seiner fernen Freundin zu jeder Stunde folgen zu können, daß dieser mit seiner Hilfe aufgebaute Stundenplan von Besuchen, Konzerten, Diners jetzt bereits zusammengebrochen war und damit auch der gesamte Fahrplan seiner feurigen Gefühle und Erregungen aus der Entfernung, er wäre davon nicht weniger getroffen gewesen als von einer Untreue. Mit der Freiheit betrügen, heißt auch betrügen. Moïse hatte in dem Augenblick, als er verschwunden war, nicht die geringste Spur mehr auf Eglantine zurückgelassen. Ohne daß auch nur ein Atom von Heuchelei oder Betrug in ihr gewesen wäre, hatte sie, je nachdem, ob sie bei einem Freunde oder bei einem Unbekannten war, andere Bewegungen, Stimme und ein fast nicht wiederzuerkennendes Gesicht. Die Kameradschaft hob in ihr jede persönliche innere Regung, jeden persönlichen Geschmack auf, wie es bei andern die Liebe bewirkt. Kaum tauchte ein Freund auf, so wurde sie zur Sklavin, ging stets instinktiv sich zu dem zu setzen, den sie jetzt vorzog, und es war ihr zuwider, im Restaurant eine andere Speisefolge, einen anderen Wein, ja selbst ein anderes Mineralwasser als Moïse zu wählen. An den Tagen, an welchen sie geneigt war, nachzudenken oder zu überlegen, genügte es, daß Moïse eintrat, damit ihre Gedanken über das Leben, den Tod, das Piano, ja die ganze Spiegelfläche ihres Geistes während der Zeit seines Besuchs erstarrten. Die Freundschaft war für sie eine Art Morphiumeinspritzung auch in Beziehung auf die Künste, die Literatur oder den Sport. Es wäre ihr nicht eingefallen, eine andere Zeitung, als sie Moïse las, zu lesen ... Doch sobald sie allein oder in der Menge war, kehrte ihr Geschmack und ihr Tastsinn, und dann nur um so launenhafter wieder. Jetzt, da Moïse verschwunden war, richteten ihre Sinne vom vergangenen Winter sich plötzlich wieder auf, alle ihre Beziehungen zu den Trams, zur Unsterblichkeit der Seele, zum Huhn mit Curry, wurden persönlich und unlenksam. Von dem dienenden Geist, dem willfährigen Körper, der Moise an den Orient-Expreß begleitet hatte, blieb nichts, als ein unverbesserliches und unzähmbares Wesen zurück. Sie folgte dem Kai, der Seine, als sei es für ein menschliches Wesen der Gipfel der Freiheit, dem unausweichlichen, vom Geschick gezogenen Lauf eines Stromes zu folgen. Vor jedem Bücherstand wurden die Gedichte von Ducerceau und die Weltgeschichte von Augustin Thierry, diese zarten und beständigen Anschwemmungen, endlich von einem neuen Blick getroffen. Ihr echtes Urteil über Notre-Dame, ihre echte Unwissenheit über Ducerceau kamen jetzt zum Vorschein. Das blühende Aufschießen von Überlegungen, Wünschen, Bejahungen, die durch ihr Verhältnis wie von einem Winter gehemmt wurden, kam vor dem Institut dennoch zum Stillstand. Die Mitglieder der Akademie der Inschriften verließen das mit seinen Uhren und Löwen den Bahnhöfen zu seinen Seiten so ähnliche Gebäude. Der Bahnhof eines recht fernen Landes. Die Männer, die herauskamen, waren recht alt, das Gepäck des einen war ein assyrisches Bas-Relief, des anderen die Fläschchen und die Werkzeuge, mit denen man in Phokis einst Pomade machte. Doch einer von ihnen wurde auf Eglantine aufmerksam, und just sah er Fontranges ähnlich. Nicht so sehr seinem Gesicht oder seinem Körper nach als durch sein Alter. Vor allem trug er ebenfalls jenes Monokel, in welchem Fontranges – gleich dem Fuchs in der Fabel, der die Flöhe zwang, sich auf dem Bausch aus Moos auf seiner Nase zu sammeln, um dann, wenn er sie alle dort hatte, ins Wasser zu tauchen – alle Strahlen, die aus ihm selbst aufstiegen oder ihn treffen wollten, sammelte, um sie mit einem trockenen Schlag, der ihn wieder ins Dunkel barg, abzuschütteln. Der falsche Fontranges blieb jetzt zögernd hinter ihr zurück und suchte etwas auf einem Bücherstand. Plötzlich erbebte sie. Es hatte jemand ihre rechte Hand, die auf dem Geländer ruhte, erfaßt. Sie wandte sich erschreckt um. Dann lächelte sie, lächelte dem zu, der ihr eben die Hand geküßt hatte: das war nichts, es war nicht die geringste Gefahr dabei, es war ein ganz junger Mensch.

Zehn Tage verstrichen auf diese Weise. Um den Gedanken an Fontranges zu entgehen, um sich vor sich selbst von dem ihr von Moïse so ungeschickt nachgelassenen Verdacht zu befreien, ging sie mit dem jungen Mann, den sie am Pont des Arts getroffen hatte, aus. Sie amüsierte sich. Sie nahm an allen Einladungen, allen Unterhaltungen derer, die sie nicht zu fürchten hatte, der jungen Leute, teil. Die gesetzten Männer blickten mit Neid beim Tanzen auf den Jüngling, der sie umschlungen hielt. Sie hatten Unrecht mit ihrer Eifersucht. Sie nahm das Leben mit dem jungen Menschen, Paris mit dem jungen Menschen, ihn selbst für ihren Vormittag, für ihren Nachmittag hin, so wie man sich des Eintänzers im Tanzetablissement oder des Schlittschuhläufers im Eispalast bedient. Er war für sie eine Art Berufsmensch, der von dem Luxusunternehmen, dem schönen Wetter und der Phantasie, die Paris hieß, bezahlt wird. Die Vorstellung, seinetwegen innerlich in Bewegung zu geraten, machte sie lachen. Durch alles das, was ihnen beiden gemeinsam war, Glanz, Unabhängigkeit, Jugend, getäuscht, fehlte es ihr an jeder Empfindung dafür, daß ein anderer Unterschied bestand. Das wahre Geschlecht ist das Alter. Er wieder ließ sie hinterhältigerweise trinken, ohne zu wissen, daß die Wirkung des Champagners ebenso wie die des Aspirins, auch der Gifte vielleicht, machtlos an ihr war. Er wollte sie verführen, entdeckte ihr, daß er der Sohn des Akademikers mit dem Monokel sei. Eglantine schien es, daß er der Sohn der Liebe, der Zärtlichkeit selbst sei. Sie gewährte ihm einen Kuß, einmal ließ sie sich sogar von ihm umarmen, so sehr war er ihr selbst ähnlich. Man hat ja nicht immer einen Spiegel vor den Augen. Doch das war alles. Als er sie eines Tages in das Schwimmbassin des Clardige mitnahm, das seine Freunde gemietet hatten, und ihr dort die erste Lektion im crawl gab, hatte sie nackt inmitten aller dieser nackten jungen Menschen das Gefühl äußerster Sicherheit. Es war Frühling geworden. Sie erwachte mit Freude, sie verstand sich sofort mit diesem jungen Tag wie mit jedem jungen Wesen, befürchtete nichts von ihm, stellte sich nackt vor ihm hin und betrachtete sich ohne Furcht vor sich selbst, die so jung war, im Spiegel. Den ganzen Morgen verbrachte sie im Spiel mit den jungen Vorzügen und Fehlern, mit der erwachenden Großmut, mit der jugendlichen Naschhaftigkeit. Dann wurde es Mittag. Der Mittag war für sie die ernste Stunde, fast so etwas wie für andere Mitternacht. Waren die zwölf Schläge verklungen, dann wurde sie gegenüber dem Tag, der zu altern anfing, viel zurückhaltender. Das Alter wirkte auf sie mit der gleichen Anziehung wie auf andere die Kraft oder die Schönheit. Vor einem Tag, der zwanzig Stunden, vor einem Manne, der sechzig Jahre alt werden sollte, fühlte sie in sich ein besonderes Gefühl wachsen, das weder Freundschaft noch Liebe, sondern eine Art von Anbetung war. Ein Schrecken vor dem Wechsel, eine Gier, das Bleibende festzuhalten, bewirkten, daß sie das Alter liebte, weil es unveränderlich und endgültig war. Das einzige Versprechen, das Gott oder die Natur hielt, war, daß die Männer alt wurden. Man konnte dessen jedenfalls sicher sein. Sie liebte das Alter sogar an Tieren und Pflanzen, pflückte sorglos die Blumen, aber sah mit Furcht eine Eiche fällen. Im Theater war sie unbekümmert oder gerührt, je nachdem das Stück von jungen oder alten Schauspielerinnen gespielt wurde. Das Begräbnis eines jungen Mädchens machte sie kaum traurig, doch sobald sie im Leichenzug auf den Kränzen an jenen wie aus einer Trauersuppe gefischten Buchstaben sah, daß es ein Abschied von einem Vater oder Großvater war, litt sie. Noch schlimmer war es, wenn es sich um einen berühmten Greis handelte. Der Tod, der um jene Zeit Freycinet in seinem siebenundneunzigsten Jahre traf, schien ihr eine Rechtsverweigerung. Sie beklagte sich den ganzen Tag bei den jungen Leuten darüber, die etwas verblüfft waren und sich ein wenig schuldig fühlten. Auf einem Maskenfest bei dem Vater ihres Freundes verkleidete sie sich als alter Zauberer. Mit allen Mitteln, die den Frauen dazu dienen, sich jünger zu machen, malte sie sich, ganz verliebt, falsche Runzeln und Schatten. Nie wurde ein alter Zauberer so viel auf den Hals geküßt, doch am Morgen beim Erwachen erlebte sie, daß sie ihre Perücke abzunehmen vergessen hatte, eine freudige Überraschung: sie stellte an sich eines jener Wunder fest, die sich nur bei einem großen Glück ereignen: ihr Haar war ganz weiß.

Die Zeit ging hin. Eglantine hatte indessen mit allen hübschen jungen Leuten, die es in den fünf vornehmsten Tanzetablissements geben mochte, fast alle Probleme gelöst, die die Jahreszeit, der Regen, der Sieg des französischen Tennis in den Vereinigten Staaten aufgeben. Sie hatte mit jedem auch unter vier Augen gesprochen, mit ihrer ruhigen und klanglosen Stimme, die den Eindruck machte, als spreche sie nahe am Gesicht wie ins Telephon, doch telephoniert hatte sie eben noch nicht. Zwei- oder dreimal war sie ans Telephon gestürzt, da die Glocke rief. Wie in jener rheinischen Landschaft, von der Saintine erzählt, wo man den Toten drei Tage lang an ein Netz von Glöckchen anschließt und wo es manchmal wegen der Ratten und der Fledermäuse aufregenden Alarm gibt, war das Läutewerk des verschwundenen Moïse fälschlich erklungen, weil eine Dame, die ihren Notar anrief, und ein Flieger, der seidene Strümpfe bestellte, sich im Netz verfangen hatten. Mehrere Male hatte auch das betäubende Geklingel des Läutewerks, das bald wieder aufhörte und das viel mehr dem Gedanken Moïses als seinen Anrufen zu entsprechen schien, das Parkett Eglantinens ohne Grund durchbrochen oder auch zufolge der Wirkung der silbernen Fläche, die unter Paris strömt. Ein richtiger Wasserstrahl hätte weniger Eindruck auf sie gemacht, denn sie sah im Telephon viel weniger den Apparat, der gute oder schlechte Nachrichten bringt, als ein Ding, durch welches uns unsere eigenen Abenteuer enthüllt werden. Sie meinte, es müßte an dem Tage erklingen, an welchem etwas, alles in ihr vielleicht sich wandeln würde. Sie erinnerte sich zu gut an die Geschichte der Agafia: an dem Tage, da Agafia an ihrem eigenen Miniaturbildnis ihre Zöpfe zu Schnecken um ihre Schläfen sich einrollen und das Schiffchen auf dem Meer des Hintergrundes tanzen sah, wußte sie, daß ihre Güte in Haß sich wandeln würde! Was wird wohl aus Eglantinens Treue geworden sein an dem Tage, da das Telephon läuten wird? Sie wagte es, sich ihm zu nähern, sie wagte es, indem sie den Finger auf die Aushebevorrichtung legte, damit die Telephondamen nicht alarmiert werden, sich mit der vollkommenen Stille in Verbindung zu setzen, die ihr einziger Schutz war und die zuweilen von Männer- oder Frauenstimmen, Arbeitern, die im unterirdischen Paris werkten, unterbrochen wurde. Wer Eglantine studiert hätte, hätte jetzt wissen können, welche Macht dieses sanfte und willfährige Mädchen zu ihrem vollkommenen Musterexemplar sich erwählt hat: das Schicksal nämlich.

Unter seiner gewöhnlichen Maske der Unscheinbarkeit, betätigte das Geschick sich bereits ganz leidlich in Moïses Haus. Vorerst veränderten sich die Speisefolgen: Languste, Gänseleber, Schmorbraten, diese Werkzeuge eines freien Willens, wurden von Eglantine allmählich beseitigt. Sie kehrte zu der Art, zu essen, wie sie es in Fontranges gewöhnt war, zurück, und der weiße Käse, den Moïse nicht leiden konnte, erschien wieder – o Untreue – in der Form des Herzens. Dann folgten klares Wasser, Mohrrüben, Omelette mit Kartoffeln; die Nahrungsmittel des Verhängnisses sind auch die der Gesundheit zuträglichen. Eglantine ließ sich nicht mehr auf dem niedrigen Tisch am Divan auftragen; sie stellte einen richtigen Eßtisch mit Fußgestell auf und aß auf einem hohen Stuhle allein bei dem Gastmahl. Ihre früheren Neigungen stellten sich wieder ein. Sie besuchte nicht mehr die Pferderennen, sondern die Preisreiten, denn sie liebte die Reiter mehr als die Pferde. Sie ging nicht mehr in die Ausstellungen, sondern in die Museen, denn sie liebte die Bilder und nicht die Maler. Moïse ging nur bei Sonnenschein aus. Enaldo sagte von ihm, daß er nur ausgehe, um seinen Schatten spazieren zu führen. Eglantine pflegte in Fontranges mit Ungeduld den Regen zu erwarten, um mit bloßem Kopf die Blumentöpfe ins freie zu stellen, weil das Regenwasser das Haar ebenso kräftigt wie die Petunien. An einem jener für Moïse verbotenen Tage, da schlechtes Wetter drohte und er seinen Spaziergang absagte, um Eglantine Patiencen beizubringen, ging sie aus, nicht ohne innere Vorwürfe darüber, daß es eine Flucht war, nicht, ohne sich zu sagen, daß sie weniger das Haus als den Tempel Moïses verließ, setzte ihren Hut statt des Haares mit um so mehr Vergnügen dem Regen aus, als der Nutzen gering war, und kehrte von der Freiheit ebenso zerzaust zurück, als käme sie aus dem Meer. Es gab drei häßliche Tage, jene Tage während der Tag- und Nachtgleiche, an welchen Moïse, von seinem halbjährig wiederkehrenden Unwohlsein befallen, ausgestreckt zu Hause lag. Eglantine machte Ausgaben wie für eine Nordpolexpedition, kaufte besondere Hüte, Regenmäntel und stieg nach Paris hinab, das für sie wieder eine Fremdenstadt wurde. Moïse schrieb täglich aus Konstantinopel, wo das Wetter herrlich war. Aller Aufträge, die er Eglantine gab und die er sie von dort unten im Sonnenschein erledigen sah, eine zum Verkauf angebotene Villa in Versailles zu besichtigen, nach der Hôtellerie zur Mühle von Andelle, von der er Anteile besaß, zum Frühstück zu fahren, entledigte sich Eglantine im strömenden Regen und unter hängenden Wolken. Sie frühstückte allein in der Mühle, deren Wasser über die Schleusen gestiegen war und das Speisezimmer überschwemmte. Moïse empfing eine dithyrambische Beschreibung darüber und verdoppelte telegraphisch seine Einlage ... Alles in allem: sie betrog Moïse. Sie trieb es noch so weiter. Eines Abends ließ sie, statt sich in das chinesische Bett zu legen, eine richtige Metallbettstelle aufstellen, und, nachdem sie sich bald nach dem Abendessen in einer Höhenlage zur Ruhe begab, auf der die Offiziere, die Lehrer, die Akademiker in Frankreich schlafen, wurde sie plötzlich von Gewissensbissen überfallen, selbst davon überrascht, daß sie sogar in der Ruhe Moïse betrog, und machte sich auf einen telephonischen Anruf gefaßt.

Es klingelte.

Eglantine stürzte aus dem Bett, stieß in der Dunkelheit die zwei Gegenstände um, die man in den Nächten der Schiffbrüche auf allen Schiffen der Welt umwirft und deren Fall die größten Katastrophen des Jahrhunderts ankündigt: die elektrische Nachtlampe und den Aschenbecher, ergriff im Dunkeln den Hörer, der sich ihr wie die Hand eines Wesens, das so kalt ist wie der Tod und das Nickel, entgegenstreckte. Es war Bellita. Bellita bat sie, am nächsten Abend zum Diner mit Fontranges zu ihr zu kommen. Sie wollte ablehnen, doch schon war sie unterbrochen. Sie hörte nur noch, wie Zahlen gegen Zahlen anstürmten, als wäre es die Seele Moïses, die da drin zappelt. Eine Minute lang folgte sie, ohne anzuhängen, diesem Kampf der Zahlen, über welchen zuweilen ein siegreicher Name, Fleurus, Wagram, auftauchte ...

– Sprechen Sie noch? fragte die Stimme des Telephonbeamten. – Was wünschen Sie?

Zu dieser Nachtstunde ist es wenigstens die Stimme eines Mannes, eine ernste Stimme, die wissen will, was man wünscht, was man erwartet, was einem fehlt.

– Aber Sie sprechen ja nicht – begann die Stimme wieder. Ihre Lampe brennt, löschen Sie aus: es ist das automatische System!

Sie hängte an. Ein Schimmer zog sie ans Fenster. Der Mond ging vermöge eines noch automatischeren System auf. Lange blieb Eglantine so stehen, immer noch in einer tiefen und schweigsamen Auseinandersetzung mit dem unsichtbaren Unterredner. Gegen drei Uhr früh ging sie wieder zu Bett: sie hatten sich fast alles gesagt ...

 

Als die Zeit für den Salat kam, erbebte Eglantine: Fontranges bereitete den Salat selbst.

Weil nämlich auch Moïse bei allen seinen Diners und auch, wenn er bei Gastfreunden, welche dieser seiner Manie diskret schmeichelten, eingeladen war, den Anspruch machte, den besten Salat auf der Welt zu bereiten. Dieses Schauspiel war Eglantine schon immer eine Art Komödie geschienen und peinlich, weil alle Eigenschaften, die Moïse sonst auszeichneten, seine Geringschätzung der Menschen, seine hervorragende Begabung, in den Seelen anderer zu lesen, beim Salat von Kinderei und Blindheit abgelöst wurden. Von dem Moment an, da man die Salatschüssel, eine klare Kristallschale, die wie eine Retorte nicht die geringste Einzelheit der Handlung aus den Augen verlieren ließ, vor ihn hinstellte, bis zu dem Augenblick, da das letzte Salatblatt, nicht ohne hörbaren Schluckauf, im Schlunde des Gastes, dem rohe Nahrungsmittel verboten waren, verschwand, tobten an der Tafel Schmeichelei, falsche Unabhängigkeit, falsche Rauheit sich aus, da sie fühlten, daß Moïse unfähig war, sie von Echtheit und Freundschaft zu unterscheiden. Am Anfang war er vor Zweifel zerquält, ob es ihm möglich sein würde, einen so vollkommenen Erfolg wie beim letzten Mal zu erringen. Ein General, der niemals gelogen hatte und der sein Leben für einen achtundvierziger Kognak hingegeben hätte, behauptete, ein gutangemachter Salat sei das Beste auf der Welt. Ein aus dem Languedoc stammender Minister, der nie um einen Zoll von seinen Überzeugungen abgewichen war, hielt dem General eine Minute lang mit einer Lobrede auf Wachteln mit Trauben zu einem echten Narbonne-Wein stand, dann ergab er sich, ergab sich dem Salat. Als Moïse das besondere Öl verlangte, das in Maßkännchen aus der Zeit Ludwigs XIII. wie ein Salböl herbeigebracht wurde, erschien auf den Lippen seiner Nachbarin jenes angsterfüllte Lächeln, wie es auf den Lippen der Frauen beim Tode Tristans schwebt. Die ganz Gerissenen, die einen rauhen Freimut vorspielten, waren geneigt, sich für Weinessig zu entscheiden, um sich sofort als besiegt zu erklären, da Moïse den Salat mit Zitronensaft anmachte. Er tat noch Senf und Gewürz hinzu. Er mischt ihn selbst mit Löffeln aus Gold. Lange Diskussionen, die Strophen glichen, brachen, genau wie das letztemal, zwischen den Damen aus, die dem römischen Salat, und anderen, die dem holländischen den Vorzug gaben. Süßsaure Anspielungen fielen dabei über das Talent der Colette, die Salatherzen roh zu essen pflegte: Chéri war wohl recht überschätzt. Man zog den Ursprung und die beste Verwendung von Salz und Pfeffer ans Licht. Es gab Vorrangstreitigkeiten über Westindien und Cayenne, über die Steinsalzminen und die Salzablagerungen des Meeres; sie wurden von Moïse geschlichtet. Jene Rolle des Haupts eines Volksstammes, eines Königs im Kreise der Familie, eines Propheten, die Moïse für alle andern Handlungen seines Lebens versagt blieb und die er übrigens abgelehnt hätte, beanspruchte er beim Mahl, beim Salat. Allein bei dieser Gelegenheit bezeugte er eine ungeduldige Herrschsucht und legte einem neuen Gast, der von der Lavallière im Kloster oder von der Häufigkeit der Brände in den Eisenbahnwagen, welche Rennpferde befördern, sprechen wollte, Schweigen auf und war für jedes ihm gewidmete Interesse empfindlich und grausam gegen die geringste Gleichgültigkeit, so als ob er es wäre und nicht die Gäste, der leiden, sterben müßte, wenn die Mischung mißlang. Nachdem dann der Salat von Hand zu Hand herumgegangen war, um die Unterbrechung durch die Lakaien zu vermeiden, die an den Tagen, da ihnen die Gunst verliehen war, ihn herumzureichen, Reverenzen machten, die selbst beim Chateau-Lafitte unbekannt sind, verpflichtete diese Pflanze, als wäre sie ein Zauberwerk, die verstocktesten Gäste in Lobeserhebungen über sie auszubrechen, in Lobeserhebungen über den Pfeffer, über Cayenne, in Lobeserhebungen über Moïse. Ein Konzert von Lobreden stieg auf, plötzlich unterbrochen vom Schweigen der Versammelten, die, auf einmal in eine vegetarische Herde verwandelt, weidete und auf Verlangen auch wiedergekäut hätte, indessen Moïse, dessen Demut und Stolz zugleich befriedigt waren, bei diesen Wiesengeräuschen ein unendliches Erbarmen für die Menschenwesen, Schafe mit Schmuck und Geld, in sich aufsteigen fühlte; und während der Arbeit der Kiefer an dieser Pflanzenfaser schienen ihm an den Köpfen der Gäste Hörner und bewegte Ohren sich abzuzeichnen. Dann wechselte man die Teller, und die Gäste stürzten sich mit gespielter Verachtung auf die von Moïse nicht selbst bereiteten Nahrungsmittel, auf den Pont l'Evêque und den trockenen Champagner. Einzig Eglantine, die steif und aufrecht dem Gastgeber gegenübersaß, bot alles auf, um diese Schwäche des Mannes, die er eigentlich nicht haben durfte, zu lieben, ja, sie versuchte es sogar zu seinen Gunsten auszulegen, daß er seinen Stolz und seine rücksichtslose Aufrichtigkeit hinter einem Salatblatt verbarg. Aber sie brachte kein Wort über ihre Lippen. Sie verschlang mit Widerwillen ihren Salat, als wäre es eine Speise von fremder Rasse, fühlte sich plötzlich als Fleischesserin und wandte ihre Augen von Moïses Augen ab, der über diese Zurückhaltung so bestürzt war, wie der Trapezkünstler, der beim Auftreten seine Frau mit einem fremden Mann auf den Zirkusstufen sitzend erblickte. Heute war dieser Unbekannte anwesend, und es war jemand, den Eglantine am besten auf der Welt kannte.

Denn Eglantine beobachtete hingerissen, wie Fontranges den Salat zubereitete. Er machte ihn, ohne daß er daran dachte, es war eben der Brauch in Fontranges seit Jahrhunderten. Die Handlung rief keine Stille hervor, keine Schmeichelei der Gäste, keine besondere Unterwürfigkeit der Dienerschaft ... Die Kinder belustigten sich zuweilen damit, rote Seidenfäden hineinzumischen, und es gab was zu lachen, wenn man meinte, es seien Raupen. Oder sie taten Bleistückchen hinein und gratulierten dann Fontranges zu seiner guten Jagd ... Die Handlung hatte auch keinen religiösen Charakter, das Öl, einfaches Nußöl, wurde nicht aus einem Kännchen der Richelieu-Zeit, sondern aus der Ölflasche der Tischmenage entnommen. Es wurde keine Zitrone verwendet, der Anspruch an exotischen Gewürzen beschränkte sich auf Pfeffer. Es war Fontranges ganz gleichgültig, ob man ihn aß oder nicht. Während eines ganzen Sommers pflegte er ihn schwach zu würzen, weil er seinen Teil dem Lieblingshund unter dem Tisch überließ, der den Salat selbst mit etwas Essig dem Hundszahn vorzog. Das Gefäß war eine richtige Salatschüssel, die manchmal auch zum Einrühren der Pfannkuchen gebraucht wurde. Eines Tages hatte man sie, ohne daß Fontranges es wahrnahm, durch ein anderes neues Gefäß mit einer Vertiefung auf dem Grunde ersetzt. Die Viertelstunde, die bei Moïses Mahl seine selbst in den stürmischsten Aufsichtsratssitzungen gut verborgene Tyrannei enthüllte, war hier eine Viertelstunde der Ruhe und Erholung für den Haushofmeister, der sie dazu benützte, um in aller Gemächlichkeit den Tellerwechsel vorzubereiten, ebenso für die Eingeladenen, in denen diese Handlung das angenehme Gefühl familiärer Vertraulichkeit weckte. Eglantinens Blick, der sich von der Maske der Geckenhaftigkeit und gespielter Unbefangenheit auf Moïses Gesicht, wenn er seine Zitrone mit der amerikanischen Zitronenpresse ausdrückte, chokiert fühlte, erfreute sich an Fontranges, der mit der Hand den Salat würzte. Nie war ein Salat besser gelungen, sie mußten es ihm bekennen. Es war das erstemal, daß Fontranges bei dieser Gelegenheit, wie übrigens bei jeder anderen Gelegenheit, ein Kompliment hörte; er errötete. Statt an zu weißen Blättern, die durch ein fünf Minuten langes Einweichen in eine orientalische Konserve sich verwandelten, delektierte sich Eglantine an noch grünen Blättern, die man mit der Hand nehmen konnte und auf welche die heimische Würze nur einen andern Tau träufelte. Dann kam der Nachtisch. Eglantine hatte nicht wie bei Moïse den Eindruck, daß die Pfirsiche, die Birnen etwas seien, das Moïse zu machen nicht der Mühe wert hielt. Ein herber luftiger Weißwein beschloß die Mahlzeit ohne die Hilfe des Samos. Alle Vorzüge des Okzidents beherrschten den Abend und den einfachen Empfang. Heimische Sprichwörter bildeten sich unwillkürlich in Eglantinens Geist: Stampfe den Salat nicht, du wirst keinen Wein aus ihm keltern! ... Wie die Sklavin eines Paschas, die bei Okzidentalen zu Besuch ist, fühlte Eglantine ihre Ketten.

Die feinfühligsten Freunde verlassen nicht anders als die treulosen ihren Freund dann, wenn er abwesend ist. Die Feigheit und die größte Tapferkeit haben nur einen und denselben Ausweg: die Flucht. Eglantine floh vor Moïse. Nie hatte sie es früher gewagt, Fontranges ins Gesicht zu sehen wie heute. Sie floh zu ihm hin, so hingerissen, daß sie sich trotz des Tisches dazwischen ihm um einige Zentimeter näher fühlte. Er war im Frack, sie im Abendkleid; zum erstenmal begegneten sie einander im Zeichen der Seide. Nie hätte sie geglaubt, daß der Abstand, der sie trennte, so unausrechenbar sei; alle Gesetze der Schwere, der Liebe, einer leichten Trunkenheit wetteiferten, um den Schwung, der sie bald ihm zuschleudern sollte, zu verstärken. Fontranges ahnte kaum, daß eine feurige Kugel sich seiner Atmosphäre näherte. Er tat das, was man übrigens stets einen Augenblick vor einem Erdbeben oder vor einer Sturmflut tut, er tat Zucker in seinen Kaffee, er zündete seine Zigarette an, wobei er einige scherzhafte Anspielungen auf die Monopolstreichhölzer machte. In dem Maße, wie die himmlischen Kilometer unter der immer mehr zunehmenden Geschwindigkeit schrumpften, sah Eglantine Fontranges immer deutlicher. Er hatte sich nicht verändert. Die üblen Wirkungen des Winters, die an ihm sichtbar waren, die gleichen, wie sie der Schnee auf die Wölfe übt, etwas dünnere Lippen, etwas magerere Gelenke, etwas dunklere Gesichtsfarbe erschienen Eglantine nicht als die Missetaten des Alters, sondern des Altertums. Sie erhielt einen Fontranges mit Patina, mit echter Patina zurück. Auf seiner Wange fand sie den kleinen Schnitt wieder, den er sich täglich beim Rasieren zufügte – es war genau ein Tag nötig, bis er zuheilte –, der ihr wie die stets offene Stelle erschien, aus der sein Blut an jenem Tag des Jagdkonzerts zu ihr hinübergeflossen war. Mit dem grausamen und schöpferischen Blick, den die meisten Frauen haben, sah Eglantine alles an Fontranges, sein Äußeres, sein Skelett, die Äderchen in seinen Augen und zu gleicher Zeit vor allen Blicken ausgebreitet und um so weniger bekannt – sein Leben. Sie fühlte, wie ungerecht es war, daß so viel Leidenschaft, so viel Zärtlichkeit nutzlos in der Welt vertan wurde. Die Lippen dieses Mannes, der so viel geliebt hatte, hatten nie gesprochen: Ich liebe dich. Diese geschmeidigen Hände, deren jede Bewegung nach dem Vorsprung, der Rundung eines Körpers oder eines Gesichts gebildet schienen, hatten nie etwas anderes als Reitpeitschen, Waffen aus Neuguinea und Haarschneide-Apparate für Pferde berührt. Diese Augen, die über die Welt und über die obere Champagne besonders gewandert sind, zwei Strahlen der Liebe statt zweier Blicke, nie würde sie eine Lippe schließen, es sei denn in der Todesstunde ... Während Bellita über die Toiletten ihrer Milchschwester Fragen stellte, verglich Fontranges Eglantine laut mit der Kaiserin Eugénie, dann mit der Lavallière. Sie hätte eine unmittelbarere Vision vorgezogen. Sie sah, daß er sich noch nicht traute, ihr anders als durch einen Namen, eine Erinnerung, durch einen Zeitraum hindurch, der zumindest ein halbes Jahrhundert zurücklag, zu schmeicheln. Er vermied außerdem, auf ihre enthüllte Brust zu sehen: er fühlte sich vielmehr bewogen, sich hinter ihr zu halten, der Unglückliche, ohne zu ahnen, daß der Rückenausschnitt bis zur Taille reichte. Fontranges hatte alle Gefühle sowie alle Frauen, die sich den meisten Menschen nackt darbieten, nie anders als bekleidet und bis zum Hals zugeknöpft gesehen. Eglantine fühlte das und war stolz auf ihr Dekolleté, als würde sie damit ihm den Blick freigeben für den Teil jener sinnlichen Welt, der ihm bisher verborgen geblieben. Sie reckte ihren Hals, zeigte ihre Arme, gab eine Lektion in Nacktheit und Liebe. Nie, nie vorher hatte sie weniger Schamgefühl empfunden. Oh, wie drängte es sie, diesem Manne, der ganz Liebe war, zu offenbaren, daß die Liebe nicht eine einseitige Eigenschaft sei, wie das Talent für Brandmalerei oder die Fähigkeit, Tontauben zu schießen, daß es sie zu zweit gibt, daß sie zu zweit geübt wird! ... Man stand von der Tafel auf. Es belustigte sie, ihm den Rücken, den bis zur Taille nackten Rücken zuzukehren, mit der angezündeten Zigarette ging sie einige Schritte rückwärts näher zu ihm, suchte sie den anderen Teil des Wesens zu erreichen, von dem man sie abgeschnitten hatte und dessen liebliche und reine Hälfte sie war. Sie fühlte wie ein Wundmal ihre Haut ohne Naht und ohne Fehl, von der Fontranges seine Augen abwandte wie von einem schimpflichen Palimpsest. Sogar diese Vereinigung Rücken an Rücken, von mehr mythologischem als sinnlichem Charakter, fürchtete Fontranges und richtete es so ein, daß er nur den von einer Maske bedeckten Teil Eglantines vor Augen hatte, ihr Gesicht. Bellita hatte sich ans Klavier gesetzt und spielte einen hawaischen Tanz. Eglantine belustigte sich, ihn mit Gebärden zu begleiten. Vor Fontranges, der die Augen groß geöffnet und blinder als je wie vor einem Schauspiel dasaß, ahmte sie sehr kunstgerecht, doch ebenso graziös jene Tanzschritte der Jugend nach, die sie morgens im Zimmer ihres Gebieters getanzt hatte, tat sie, als ziehe sie den Vorhang, als betrachte sie sich im Spiegel, als berührte sie die Schatullen auf den Kommoden wie damals. Doch Fontranges merkte nichts von diesem ganzen Bekenntnis und meinte, alles das, Haltung und Geste, sehnsüchtige Augen und die Unterbrechung beim Ziehen der Vorhangschnur sei durchaus hawaisch. Sie tat, als stieße sie eine Vase um, als schnitte sie sich mit einem Rasiermesser. Fontranges klatschte dieser Pantomime von Honolulu Beifall. Die lieblichste Erinnerung seines Lebens wurde vor ihm wiederholt, und er, in seiner Bescheidenheit, erkannte sie nicht. Als er von Zambelli zu sprechen begann, unterbrach sich Eglantine verdrossen. Jede Kühnheit an ihrer Abendtoilette, an ihrem Körper, an ihrer Seele verbarg sie nur um so mehr vor den Augen Fontranges.

Er begleitete sie im Auto. Sie ließ ihren Kopf auf seine Schulter sinken, auf der nie andere Köpfe als die toter Verwandter gelastet hatten, wenn er sie aus dem Sterbezimmer auf das Paradebett trug ... Diesmal wunderte er sich, den übrigen Körper so warm, so lebendig zu fühlen ... Der Kopf lag jetzt an seiner Wange, ohne Hut, das Haar nach hinten gestrichen und am Nacken abgeschnitten, ein Kopf so nackt, daß Fontranges seinen Hut abnahm, wie im Fahrstuhl eines Hotels ... Er hatte zudem auch das Gefühl, in die Höhe zu steigen ...

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