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Eglantine

Jean Giraudoux: Eglantine - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJean Giraudoux
titleEglantine
publisherSuhrkamp Verlag
printrun16.-20. Tausend
year1964
translatorEfraim Frisch
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131106
projectideee16016
wgs9110
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Viertes Kapitel

Einige Wochen nachdem er von dem Verhältnis zwischen Moïse und Eglantine erfahren hatte, fühlte sich Fontranges von einem Unwohlsein befangen, gegen welches er sich zunächst wehrte, weil er es fast als eine Ablenkung von seinem Kummer empfand: es schien ihm nämlich eines Tages, daß er die Hunde weniger liebte. Zwar fuhr er fort, sie aufzuziehen, sie zu betreuen, doch mußte er sich bald eingestehen, daß sein Gehaben mechanisch war und daß nicht nur die Hunde, sondern die Hundeställe ihn gar nicht mehr interessierten. Das war so, als hätte der liebe Gott nicht nur an den Menschen, sondern an der Menschheit selbst den Geschmack verloren. Er war der erste Fontranges, dem dergleichen passierte. Er war darüber beschämt und traurig. Die Hundeställe von Fontranges waren viel älter als die meisten Adelsfamilien Frankreichs. Die gleichen Gewissensbisse, die der erste Montmonrency, der den Waffen entsagte, der erste Racine, der die Poesie von sich stieß, der erste Lauzun, der die Frauen nicht mehr liebte, empfinden mochte, empfand Fontranges jetzt. Und ebenso wie jener letzte Lauzun, um es vom Herzen zu haben, die Mätresse nicht mehr verließ, an welcher der Schwung der Lauzun zu Ende ging, verdoppelte er seine Besuche bei den Hunden. Die Hundeställe enthielten, abgesehen von einigen seltenen Dackeln und Cockers, die auf Ausstellungen erworben waren, nur solche Hunde, die Fontranges geboren werden sah, deren Mütter ihm alle bekannt waren und die er ihrem Charakter nach genau so kannte, wie seine eigenen Gedanken ... Doch sie gingen ihn nichts mehr an ... Er war sich nicht darüber im klaren, daß es eben seine Gedanken waren, die ihn nicht mehr interessierten ... Er überwand sich, seine Lieblinge spazieren zu führen, doch es quälte ihn sogar, ihre Namen zu rufen, die Namen, die bei der Familie Fontranges als Hundenamen fortlebten, Marmouget, Beckett, Clisson, Poltot, alle jene Haß ausdrückenden Namen, die man den treuesten Tieren anvertraute und welche die erloschenen Familien überleben sollten. Er duldete sie noch am Abend vor dem Kaminfeuer aus Rebenzweigen in seiner Nähe, ließ sie ihren Kopf auf seine Knie legen, ja nahm sogar den Kopf in seine Hände; doch alles, was Hamlet mit Yoricks Totenkopf in der Hand dachte, überlegte jetzt Fontranges mit dem lebenden und samtweichen Kopf eines Gordonsetters zwischen den Händen. Er bewegte ihn hin und her, er hörte ein Knistern, ein Rascheln von Samt. Es kam von der Bewegung der langen Ohren, das ihm zugleich wie das Geräusch des im Schädel sich bewegenden Gehirns vorkam. Er dachte nicht ganz deutlich: Sein oder Nichtsein! Er dachte: Sein Setter sein oder nicht! Plötzlich fühlte er sich am anderen Knie angestoßen; es war sein Hühnerhund, der eine Liebkosung zu erbitten meinte und sich für die Todesbetrachtung darbot. Fontranges war ein wenig gerührt, nahm diesen neuen Kopf, bewegte auch ihn hin und her. Hamlets Geste ist viel leichter, viel zärtlicher mit den länglichen Schädeln der Hunde. Der Hühnerhund hielt seinen Kopf hin für diese Seelenmesse der Hunde und fühlte den Gedanken für seinen Herren wie einen himmlischen Floh zwischen seinen beiden Augen, doch Fontranges stieß mit einer langsamen und endgültigen Bewegung ihn zurück, wie man eine Barke abstößt, um allein auf einer Insel zu bleiben, und der Hund ließ, demütig in Schlummer fallend, ihn auf den glühenden Boden sinken ... Alle jene Fragen, die andere Neurastheniker über den Nutzen der Menschen, der Museen, der Küche sich vorlegen, stellte sich Fontranges jetzt bezüglich der Hunde, der Krippen aus Zement und Eisen und hauptsächlich der Hunderassen. Warum gibt es schließlich nicht nur eine einzige Hunderasse auf der Welt? Wieviel Sorgen wären dadurch erspart. Gradezu bolschewikisch drängte sich diese Erkenntnis von der Gleichheit der Hunde dem Abkömmling jener auf, die so viel getan hatten, die Kasten aufzurichten und festzusetzen. Er bemühte sich, dieser Versuchung zu widerstehen. Er fühlte wohl, daß die Gesellschaft verloren wäre, wenn man sich auf dergleichen Theorien einließe und die rassereinen Pointer nicht mehr überwachte. Doch wenn er den alten Zustand der Dinge verteidigte, wenn er die prämiierte Hündin auf der Ausstellung in Barsur-Aube kaufte, wenn er für das Museum seines Hundestalls seinen besten Schnepfenjäger ausstopfen ließ – der erste Hund übrigens, der während dieses Zerwürfnisses zwischen Fontranges und den Hunden eingegangen war –, so tat er es nur aus Pflicht. Er war in der Zeit des Jagdverbots eingegangen, in dem Zeitraum, während dessen fast alle Hunde zugrunde gehen, wie die meisten Professoren während der Ferien sterben. Er starb vor Fontranges' Augen, bewegte seine Rute zum Zeichen, daß er seinen Herren erkenne. Doch sein Herr erkannte ihn nicht mehr ... Fontranges dachte, daß es vielleicht die Beschäftigungslosigkeit der Hunde war, die ihn gegen sie ungerecht machte. Aber er hatte auch etwas gegen sie wegen ihres künstlichen Daseins, wegen jenes künstlichen Einschnittes, welchen die behördliche Autorität zwischen den Jagdmonaten und der Schonzeit schuf. Er konnte sie aber dennoch nicht in der Koppel führen. Eine mit seiner Meute verbrachte Stunde verwandelte seine Gleichgültigkeit in Widerwillen. Die Mängel, die ein anderer nervöser Mensch an den Menschen entdeckt hätte, fand Fontranges jetzt an seinen Hunden. Während er sie bis jetzt als unverantwortliche Wesen behandelt hatte, ebenso gleichgültig gegen ihre Fehler wie ein Determinist gegen die menschlichen, betrübte es ihn jetzt, die Hunde lügenhaft, geschwätzig zu finden. Die sinnlichen Tiere stießen ihn ab. Seine Hunde-Philosophie und -Moral brach in dieser Katastrophe zusammen ... Die prämiierte Hündin von Bar-sur-Aube erwartete ihren Wurf. Er besuchte sie nur aus Achtung für den Namen Fontranges. Zwar glaubte er das Eintreffen der reinrassigen kleinen Tiere wie früher zu wünschen, sich an der Tracht zu erfreuen, die endlich ohne Unfall, durch das vertraute und so gebrechliche Dasein einer Hündin hindurchgegangen, aus dem Hundeparadies eintraf. Doch als die vier Jungen auf der Welt erschienen, alle mit den gewünschten Stigmata an den richtigen Stellen gezeichnet, erkannte er, daß sie ihm gleichgültig waren. Wenn in der Nacht ein Hund auf dem Gute bellte, hielt ihn der Gedanke von der Gleichheit der Hunde und von der Eitelkeit ihrer Kasten wach und traurig. Die Köter, die falschen Schäferhunde riefen sich in ihrer mittelmäßigen Rolle wie Wachen an, um irgendeinen Landstreicher anzuzeigen. Das war zur Not zu ertragen. Doch wenn irgendein junger Hund aus der Meute, der über seinen Beruf noch ungewiß war, Laut gab, drehte er sich ärgerlich in seinem Bette um. Dann wurde er über sich selbst verdrießlich und versuchte dagegen anzukämpfen. Er machte Licht. Er las nicht, was der abscheuliche Linné über die Hunde geschrieben, sondern die Schriftsteller, die sie am meisten liebten, Buffon, Toussenel ... Leider traf ihn bei dieser Lektüre ein neues Unglück. Während er eines Abends im Bett im Buffon in der Gegend des Wortes »Hund« blätterte, erwischte er zufällig das Wort »Pferd«, und plötzlich wurde es ihm klar, daß er ebensowenig die Pferde liebte.

Die Pferde waren bei den Fontranges noch mehr geschätzt als die Hunde. Alle waren sie seit Chlodwig in den Krieg gezogen, und keiner hatte es zu Fuß getan. Das Pferd war für sie der Sockel des Menschen auf der Erde ... Fontranges wurde es kalt ums Herz: wahrhaftig, auch das mußte noch kommen! ... Er zog ein Hauskleid über, stellte sich ans Fenster. Der Nachttau war gefallen, und ins Zimmer drang eine von allen Blumen und Gräsern dermaßen getränkte Duftwolke, daß er sich nicht mit vollen Lungen wie sonst zu atmen getraute, so sehr brandeten seine Sinnesempfindungen um ihn; er tat es nur ängstlich, als atme er ein Gas ein. Zum Glück drang der Duft der beiden Magnolien, die in den Ecken zwischen den Flügeln und dem Hauptgebäude des Schlosses zur Größe von Fichten ausgewachsen und in Blüte waren, durch, drängte sich auf, und Fontranges, von Duft durchtränkt, wagte es, in die Nacht hinauszusehen. Der Mond glänzte, er beschien jenseits der Seine die Schieferdächer der Züchter Dolfoll de Berteval, die in diesem Augenblick alle, Frauen und Töchter eingeschlossen, in tiefer Ruhe ihren Schlummer über ihr altes und unangreifbares, von ihren Vorfahren empfangenes Wissen von allem, was die Kälber, die Stiere, die Fischbrut anging, hingleiten ließen und die beim Erwachen ihren Viehbestand unverändert finden würden. Er beneidete sie. War es wirklich so, daß Gott dem letzten Fontranges das Streitroß nahm, auf welchem seine Väter seit 1125 das Recht hatten, in alle Kirchen der Christenheit einzureiten? Er legte sich wieder zu Bett, las weiter im Buffon. Doch das Übel, das ihn von den Hunden abwendig gemacht hatte, diese Art von Qual beim Anblick eines vollkommenen Hundes, dieser kindliche Kummer von der Eitelkeit des Hundeadels, dieser Bolschewismus seines Gedankens steckte trotz der Phrasen Buffons nun auch die Pferde an. Die Zelter, auf welchen die ersten Fontranges zusammen mit Karl dem Großen Frankreich geschaffen, und Diadumene, ihr erstes Rennpferd, das im Jahre 1781 das Pferd des Herzogs von Orleans geschlagen, und Feubles, der 1848 seinen Herrn wie ein Hund mit den Zähnen vom Ertrinken gerettet hatte, alle wurden sie in seiner Vorstellung jedem beliebigen Pferde auf dem Gute gleich. Die gesamte Kavallerie Frankreichs war in seiner Vorstellung plötzlich zu Fuß. Die ganze Geschichte Frankreichs wurde zu einer Geschichte der Infanterie. Namen wie Azincourt, Reichshofen, Namen der Niederlagen für die Menschen, aber der Siege für die Pferde, widerhallten in seinen Ohren ebenso nüchtern wie die gutbürgerlichen Bouvines oder Coulmiers. Er wollte damit fertig werden. Er stieg, um die Halle mit ihren Bildern zu vermeiden, wo er Gefahr lief, im Mondschein zwischen zwei unbekannten Ahnen einen Hund oder ein Pferd, dessen Namen und Geschichte er auswendig wußte, wahrzunehmen, über die Turmtreppe hinab, erreichte die Hofgebäude und öffnete mit der Bewegung eines Schleusenwärters, der Selbstmord begeht, indem er den Strom über sich losläßt, ganz weit die Doppeltür seines Stalles.

Der in einem der Stände schlafende Fuchs schnaufte leise ohne Unruhe. Die Angelegenheit seiner Rasse war erledigt, Fontranges befahl ihm streng, zu schweigen. Der Mond überflutete den Stall. Im Hausgewand, die nackten Füße in Sandalen, betrachtete Fontranges, ein altgewordener Apoll, im Mondlicht seine vier Lieblingspferde, diese Quadriga, die er nicht mehr an die Sonnenscheibe anspannen sollte. Der Magnolienduft mischte sich hier mit dem des Jasmin, der die Hofgebäude umgab. Mit welcher Wollust hatte er einst diesen von der Wärme des Stalles verstärkten Duft geatmet, wenn er vor Sonnenaufgang reitend zur Jagd ausgezogen war! Jetzt noch, in dieser Nacht durchdrang er ihn, lag er auf ihm wie ein Versprechen ... Doch was versprach er? Die Magnolien, der Jasmin, mit einem Wort die Natur, schienen offenbar von Fontranges' Gedanken unterrichtet zu sein. Alles, was in ihrem süßen Duft an Verheißung für den Menschen lag, blieb wahr, doch infolge einer Logik, die Fontranges nicht begriff, bezogen sich die Versprechen auf die Vergangenheit: Du wirst eine glückliche Vergangenheit haben! sagten die Magnolien, und der Jasmin dazwischen: Deine Zukunft, sprach er, war dunkel, traurig, doch du, glücklicher Fontranges, wirst köstliche Tage der Vergangenheit leben! ... Der arme Fontranges, mit seinem unordentlich herabhängenden Schnurrbart, zum erstenmal ohne Monokel vor seinen Pferden, schlug sich zwischen Mondlicht und Schatten auf diese Weise herum, durch die Blumen daran gehindert, zwischen dem, was schon abgelaufen, und dem, was noch nicht abgelaufen war, seine Richtung zu finden. Die Pferde schliefen auf ihrem aufgehäuften Stroh in Ruhe, alle vier, die zwei Vollblüter, das Halbblut und der Cob. Fontranges sah sie zugleich mit Groll und Mitleid an, wie jemand eine Geliebte, die zu verlassen er im Begriffe ist, im Schlaf betrachtet. Der Cob schnarchte. Die Füße eingerollt und an den Leib gebogen, so wie die Maler sie zeichnen, wenn der Platz am Rande des Blattes nicht zureicht, lagen sie auf der Erde, wie die Fabelpferde des Meeres auf dem Wasser; von ihren vier Namen, auf welche die Menschen sie getauft hatten und die über den Boxen angebracht waren, abgelöst, fern von jeder Sprache, von jedem Gedanken, schliefen sie den Schlaf der unintelligentesten Tiere und tranken aus einem schwarzen Abgrund, aus dem Chaos. Der Mond erhellte die weißen Flecken, die der Apfelschimmel seinem Vater Hebron verdankte. Doch der Ruhm Hebrons, die weißen Rundflecke ließen heute das Herz seines Herrn nicht mehr vor Erinnerung und Stolz höher schlagen. Fontranges schämte sich fast, die herrlichen Tiere, die er verriet, in dieser Stellung zu überraschen, und räusperte sich unwillkürlich, so wie er es getan hätte, um einen im Schlaf, der ihn entlarvt, überraschten Freund auf seine Anwesenheit aufmerksam zu machen. Drei von ihnen erkannten die Stimme ihres Herrn, der Apfelschimmel und der Fuchs versuchten sogar sich aufzurichten und wieherten. Das Vollblut und das Halbblut nährten im Herzen der Pferde mit gleicher Kraft die Treue für das Haus Fontranges. Aus dem dunklen Abgrund entstiegen, waren sie vom Mond erschreckt. Doch ließ er ihr Kleid erglänzen. Nie hat der Mond das Herz der Pferde von Fontranges stärker bewegt und ihnen eine glänzendere Haut verliehen.

Nur Sebah erhob sich nicht. Es war ein schwarzer Vollblutaraber, von dessen Rasse seit Ludwig dem Heiligen stets ein Muster in der Familie sich befand. Es war Sebah, so benannt nach dem Pferd, das einst dem Propheten so teuer war und von dem gewisse Hippologen behaupten, es sei eine Stute, andere, es sei ein Hengst gewesen. Die Erörterung über diesen Gegenstand beschäftigte auch die Fontranges. Die hartherzigen Mitglieder der Familie bewahrten diesen Namen für einen Hengst, die sanften für eine Stute ... Sebah aber schlief. Sie schlief fast wie eine Frau, die Beine eingezogen, die langen Wimpern zart gesenkt, mit verdrehtem Hals, Abbild auch der Gazelle, die der Beduine vor der Zuchtstute, ihrer Mutter, und dem Hengst in der Stunde des Belegens hingestellt hatte. Sebah war schon alt, doch sie blieb Fontranges' Liebling. Sie beherrschte seine Phantasie, sein ganzes Wissen. Die einzigen Bücher, die er studiert hatten, waren die arabischen Abhandlungen über die Reitkunst, die zu gleicher Zeit mit Sebah nach Fontranges gelangten. Er, der das gebräuchlichste englische oder deutsche Wort nie hatte erlernen können, kannte den vom Propheten und den arabischen Großen geschaffenen Wortschatz für die Aufzucht und das Leben der Pferde auswendig. Man kann wohl sagen, daß er während des ganzen ersten Jahres nur arabisch mit Sebah gesprochen hatte, während der Zeit, die eine arabische Frau brauchen würde, um auf Französisch sich kleiden, essen und lieben zu lernen. Sie war für ihn auch die ganze Dichtung. Fontranges, der nie einen französischen Vers gelesen hatte, kannte wohl an die zwanzig arabische Gedichte auf die Pferde, nach dem Ausspruch der Abenzerragen die schönsten von allen Gedichten. Er war ein leidenschaftlicher Zuschauer bei dem Turnier der Dichter von Jemen, welche darin wetteiferten, den Schweif oder das Geräusch des Galopps ihres Reitpferdes zu beschreiben. Er wußte ihre dem letzten Distichon aufgeprägte Metapher zu würdigen, die wie ein erhabener Peitschenschlag ausklang. Er fand es gerecht, den Preis dem Dichter zu geben, der den Schweif Sebahs den Schleier der Neuvermählten genannt hatte und ihren Galopp ein Knattern von Reisern in den Flammen. Sebah war zu Fontranges in jenem glücklichen Jahr gekommen, als seine Liebe zu Jacques blühte. Die arabische Dichtung ist nichts anderes als ein Zwiegespräch zwischen Vätern und Söhnen über ihre Renner. Statt seinem Sohne die Fabeln von Ratisbonne zu erläutern, überlieferte er ihm die Poesie, während er mit Jacques um Sebah kreiste und ihm wie der Prophet seiner Umgebung zeigte, daß Sebah die vollkommene Stute war, weil sie, von vorn gesehen, ungeduldig, vom Rücken imposant, von der Seite mächtig war, oder am Tage darauf, wenn er ein anderes Gedicht kennengelernt hatte, weil Sebah von vorn einem Sperber, vom Rücken einem Löwen, von der Seite einem Wolfe glich. Der Tag, an dem er die Beschreibung des Pferdes ihres Vaters Hamir von zwei wißbegierigen kleinen Mädchen las, war der einzige, an dem er sehr genau und wißbegierig an seine Töchter dachte. Es war Sebah, auf der Jacques seine ersten Galopps reiten lernte. Er hatte ihn auf ihr festgebunden. Warum hatte er an diesem Tage vergessen, daß sie von dem berühmten Dahir, dem Juwel Palästinas, abstammte, dessen Blut Katastrophen herbeigeführt, dessen Nachkommenschaft mehrere Könige auf sich getötet sah oder ganze Völker ins Exil begleitet hatte? Das Schicksal hätte über diesen Vater lachen müssen, der sich darum sorgte, daß sein Sohn nicht fest genug auf dem Rücken des Unglücks saß ...

Arme Sebah!

Er trat näher zu der Schlafenden. Harte Worte, wie er sie nie ihr gegenüber gebrauchte, kamen über seine Lippen. Er sagte zu ihr trocken: Ugaf, das Wort, bei dem Alis Pferde sich erhoben. Er sagte zu ihr, zum erstenmal seit ihrer Aufzucht, das Wort Raba, das für die Pferde der Zobeïde als Verweis galt ... Sebah erhob sich erstaunt, sah ihn mit ihren sanften Augen an, suchte zerknirscht nach dem Fehler, den sie im tiefen Schlaf begangen hatte. Er trat näher; sie stampfte stolz auf, krümmte den Bug. Nach der strengsten arabischen Dressur gezogen, führte sie jede ihrer Bewegungen wie nach einem Ritus aus. Die mittelalterliche Haltung in dem Geschirr, das Fontranges durch einen am Zaumzeug angebrachten kleinen Kappzaum, durch die Bogenrundung am Sattelknopf dem Geschirr der Kreuzritter ähnlich machte, mit der sie auf den Spazierritten die benachbarten Schloßherrn zur Anerkennung zwang, bewahrte sie auch in der Ruhe, auch ungesattelt ... Doch Fontranges mußte sich sagen, daß er sie nicht mehr liebte! Jene kleinen Anwürfe, die er manchmal in einem Anfall von Lustigkeit gegen Jesus formuliert hatte, gegen Jesus, der nicht wie Mohammed eine Sprache für die Pferde geschaffen, der höchstens einen Esel geritten hatte, fand er heute morgen lächerlich. Auf einem Esel blieb Jesus heute Sieger im Wettkampf. Fontranges fühlte plötzlich seine Seele verdunkelt. Er wußte nicht, daß, was er in der samtigen Gestalt Sehabs geliebt und was plötzlich seiner Vorstellung entschwand, der Orient selbst war. Er erriet durchaus nicht, daß jene netten Ausritte gegen Sonnenaufgang in dem so leichten und sicheren Schritt Sebahs, die allein vielleicht unter allen arabischen Pferden auf der Welt, wie die Rosse der Paladine noch im Schritt zu gehen verstand, kleine Reisen nach dem Orient bedeuteten, und daß der Geist; der ihn mit solcher Befriedigung in den Sattel mit dem bogenartigen Sattelknopf hob, der Geist der Kreuzzüge war ... Das alles ging ihn nichts mehr an. Warum hatte er eigentlich den Namen Sebah nicht für einen Hengst vorbehalten, wie es sein Vater getan! Der Cob, der offenbar vom Bodensatz des Chaos getrunken hatte, war davon erregt. Fontranges liebte es nicht, daß ein Pferd erregt aus dem Schlafe stieg, heute aber war es ihm gleich. Seine Gedanken schweiften um die Eitelkeit des Gemüts, der Aufzucht, des Lebens. Der Cob nagte an seinem Strick, um sich frei zu machen, wieherte Sebah zu. Ein andermal hätte Fontranges zur Peitsche gegriffen, heute hatte er für all das nur Gleichgültigkeit, fast Widerwillen. Mochte der Hengst sich losmachen, sich auf Sebah stürzen! Er näherte sich, schmeichelte ihm, streichelte ihn ... Den Cob nicht schlagen, der sich ungebührlich benahm! Er hätte fast darüber geweint ... Er liebte ihn nicht mehr ... Er schloß behutsam die Tür, wie ein Pferdedieb.

Der Widerwillen gegen Hunde und Pferde hielt an. Wenn Fontranges sich zu beobachten vermocht hätte, dann hätte er gesehen, daß er sich ebenso von den anderen Tieren, von Ebern, Trappen, Hasen, losgelöst hatte. Doch da sein Leben auf Pferden und Hunden aufgebaut war, so litt er nur an ihnen und fühlte den Schmerz kaum, den ihm die Wachteln, die Feldmäuse und die Sumpfvögel verursachten. Er traf lustlos die Vorbereitungen zur Eröffnung der Jagd. Er machte noch selbst seine Patronen, doch ohne Freude und so, als wären es Konserven. Er vergaß zu schießen oder unterließ es aus Nachlässigkeit. Oft, nachdem er angelegt und auf ein Rebhuhn gezielt hatte, setzte er das Gewehr ab, doch gab er sich keine Rechenschaft darüber, daß diese Bewegung bestätigte, daß er die Rebhühner nicht mehr liebte. Es begann von Dachsen, von Füchsen nur so zu wimmeln. Die Neurasthenie des Herrn brachte im Distrikt die urweltlichen Kämpfe zurück. Hätte Fontranges übrigens nicht diesen Vorhang der Hunde und Pferde vor seinen Augen gehabt, so würde er erkannt haben, daß er auch die Menschen nicht mehr liebte.

Gewöhnt, die Bedeutung der Menschen nach ihren Beziehungen zum Hunde- und Pferdestall zu beurteilen, glaubte er die Piköre und Stallknechte ihres Berufes wegen nicht mehr zu lieben. In Wahrheit war es, weil ihm der eine zu gerötet, der andere zu bleich schien. Wenn er jetzt weniger Vergnügen daran fand, Renée Bardini, die junge Frau des Hypothekenkontrolleurs, zu besuchen, glaubte er, daß es darum war, weil der Hund Renées, ein an den Ursprung der Seine verschlagener Chow-Chow, ihn nicht mehr anzog. Wenn Renée gähnte, was ihr zum mindesten einmal bei Fontranges, der wenig gesprächig war, passierte, und dabei ihren rosigen Gaumen, ihre zugespitzte Zunge, ihre Zahnreihe ohne Eckzähne zeigte, lauter Merkmale, welche am Hunde die Bastardierung, doch am Indoeuropäer die Reinrassigkeit anzeigen, vermied Fontranges' Blick den Schlund von rosigem Fleisch, weil er, wie er meinte, ihn an das Gähnen des Chow-Chow erinnerte. Die Wahrheit war, daß er nichts Angenehmes mehr am Munde Renées, am Munde der Frauen fand. Er las in einer Reise in Rußland, daß die Moskauer Pferde mit ihren Quasten, Büscheln, Glöckchen, mit ihrem geschmückten und hüpfenden Brustriemen am besten sich mit Frauen vergleichen ließen. Er war von der Richtigkeit dieser Beobachtung überrascht. Wahrhaftig, es mußte dort Ponys geben, die wie Renée Bardini aussahen. Er beobachtete sie tags darauf während seines Besuches. Kein Zweifel, sie war dazu gemacht, um herausstaffiert, eingespannt und an den See gefahren zu werden: er liebte sie nicht mehr. So wußte er denn auch nicht, daß alle Männer, alle Frauen, sowohl die Knaben wie die Mädchen, die Stationsvorsteher und die Kürassierwachtmeister, die Barone und die Könige, alle Statisten seines Lebens ihm zu Anlässen der Traurigkeit und des Hasses wurden. Hinter der ersten geopferten Linie der Pferde und der Hunde verborgen warteten alle diese Lebewesen nur darauf, daß ein Wind über die Melancholie Fontranges' daherfahre, um sichtbar zu werden. Eines Abends, als ein richtiger Wind geblasen hatte und die Luft sich erst kurz vor Sonnenuntergang beruhigte, nahm Fontranges seine Pelerine, sein Gewehr und ging durch den Park in den Wald. Die Hunde und die Pferde, ein wenig fett geworden wie die des Hyppolit, als er in Aricia verliebt war, doch aus einem unheilvollerem Grunde, rissen, als er vorbeikam, vergeblich an ihren Ketten. Er liebte es, jetzt nur noch zu Fuß und allein spazierenzugehen. Der Regen hatte in den Alleen die noch vom Frühling herrührenden Radspuren aufgefrischt. Winzige Kröten tummelten sich als erbliche Herrscher in den kaum eine Stunde alten Wasserlachen herum. Die Regengüsse eines Tages hatten genügt, die gestern noch trockene Gegend in eine Wasserlandschaft zu verwandeln, und statt der Wachteln hörte man das Geschrei der Wasserhühner und der Enten. Fontranges genoß diese Verwandlung der trockenen Zeit. Er brauchte es, daß von den Bäumen nicht Schatten, sondern Wasser auf ihn fiel, daß der Boden nicht widerstand, sondern ihn einsaugte, daß der Rasen seine Stiefel nicht trocknete, sondern salbte, und sein Spaziergang führte ihn nicht auf eine steinige Höhe, sondern zum See. Die letzte Sonne färbte den Horizont und die überschwemmten Wege purpurn. Weniger Eigensinnige als Fontranges hätten an diesem trostlosen Abend sich nicht länger verhehlen können, daß es keinen Trost gibt für den Tod eines Sohnes, für die Kränkung, die das Schicksal ihm mit dem Tod des jungen Fontranges zugefügt hatte, für den Tod einer Tochter, dafür, daß seine Freundin ihn verlassen; doch Fontranges entdeckte stets zur rechten Zeit in den Wagenspuren den Abdruck eines Hufeisens oder einer Hundepfote, um sich an das Zerwürfnis mit diesen zwei Tiergattungen zu klammern. Er kam an den See. Der Wind hatte sich wieder erhoben. Die Massen der Fichten bewegten sich mit einem Rauschen, das man nur an ihrem Rande wahrnahm. Ein völliger Verzicht, eine vollkommene Trostlosigkeit würde Fontranges erleichtert haben. Der Wasserspiegel des Sees entriß ihm einen anstößigen und armseligen Reflex, ein echtes Bekenntnis. An solch unheilvoller Stelle hätte jeder andere bekannt, daß er Frankreich nicht mehr liebe noch seine Könige, noch jene ersten Fontranges, welche durch ihren Mut und ihre Ruhe die Fähigkeit erworben hatten, die Devise Ferreum ubique zu verstehen. Aber ein Bellen aus der Ferne erreichte ihn noch rechtzeitig und erlaubte ihm, zu denken, wie laut und unerträglich der Dackel sei, und ihn laut mit Namensnennung zu beschimpfen. Wäre er offen gewesen, so hätte er zugestanden, daß er Madame Bardini nicht mehr hübsch fand, daß seine Töchter Bella und Bellita ihm nichts mehr waren, daß Eglantine, daß alles, mehr als alles ihm einerlei, ja ganz einerlei war ... Doch er hielt sich noch zurück, da er grade in die Spur eines Karrens einlenkte, und dachte, Buffon hätte ebensogut schreiben können, daß die beklagenswerteste Eroberung, die der Mensch jemals gemacht hat, war ... Doch plötzlich hörte er Äste krachen. Er drehte sich um.

Fünf Meter von ihm entfernt, mit Rücken zum See und zur Sonne, betrachtete ihn ein Hirsch, aus dessen Maul ein Faden silbrigen Wassers floß, die Ohren nach vorn gespannt, während ein unausgesetztes Zittern über seine von Regenwasser noch dampfenden Flanken lief. Er sah Fontranges ohne Neugier, doch mit festem Blick wie ein Hypnotiseur an, indem er zuweilen die Stirn senkte. In einem solchen Augenblick, dachte Fontranges, kann man sehen, wie dumm die Geschichten sind, in denen der Erzähler eine Amsel auf das Geweih des Hirsches sich setzen läßt! Man fühlte, wie geweiht diese Verzweigung war, jedem Vogel verboten, die ältesten und einzig lebendigen Äste des Waldes. Der Hirsch schien übrigens eine bestimmte Sendung zu haben. Er kam mit einem berechnenden Schritt, und ohne zu stampfen, näher, so nah, daß Fontranges sein eigenes Spiegelbild in den großen mandelförmigen Augen sah. Dann, als wäre die göttliche Gunst, keine Furcht zu haben, die Menschheit anzublicken, ihr eine Lektion in der Tapferkeit zu geben, dem Tier plötzlich entzogen worden, erschrak es, tat einen Sprung und verschwand.

Fontranges war nicht abergläubisch, aber von empfindlichen Sinnen, und alles, was auf den Willen eines gläubigen Geistes gewirkt hätte, übte die gleiche Wirkung auf sein Herz. Er glaubte nicht an böse Vorbedeutungen, an Befehle, die durch krächzende Raben oder Käuzchen vermittelt werden oder durch schwarze Katzen und Hasen, die den Weg kreuzen, doch dergleichen Vorkommnisse brachten ihn dazu, mitleidig über die menschliche Leichtgläubigkeit, über alles menschliche Unglück, aber auch über das Unglück der Raben und der Eulen nachzudenken. Er bestand nicht mehr darauf, das Prestige der Vögel zu verringern, und aus Demut und Ergebenheit hörte er auf diese Vorbedeutung. Wenn ein Hund, Tod verkündend, heulte, glaubte er nicht, daß ein Nachbar sterben würde, doch da er halbe Maßregeln nicht liebte, dachte er an alle vergangenen und zukünftigen Tode, eingeschlossen den Tod der Hunde, und schließlich beeindruckte ihn das Heulen ebenso wie die alten Weiber im Schloß. Er sah in dem Erscheinen des Zehnenders nicht ein zweites Hubertuswunder, aber er war über die Aufmerksamkeit des Schicksals gerührt, das ihn an einer bürgerlichen Wiederholung dieses Wunders, vielleicht an seiner Erklärung teilnehmen ließ. Der große Hirsch, der sich plötzlich aufgerichtet hatte, nicht um ihm als seinem Herrn seine Grausamkeit, sein Gemetzel vorzuwerfen, sondern im Gegenteil, ihn dafür zu tadeln, daß er die Jagd nicht mehr liebte; das Tier, das Fontranges gegenüber die Verteidigung der Hunde und Pferde, der ewigen Todfeinde der Hirsche, übernahm und im Sonnenuntergang und im Regen die Heiligkeit der Jagd über sich verdichtete, – Fontranges wußte wohl, daß es der Zufall war, der es auftauchen ließ, doch war er darüber gerührt, daß die Zufälle noch einen so heiligen Charakter haben konnten, daß die Schönheit sich noch durch solche primitive Bewegungen auszudrücken vermochte. Daß das Wunder des heiligen Hubertus sich grade in der Stunde wiederholte, da der Heilige aufgehört hatte, der Patron von Fontranges zu sein, die feine Ironie, daß der Hirsch gezwungen war, den Tod der Rebhühner und der Hirschkühe zu erbitten, das Fehlen des Kreuzes zwischen dem Geweih, was klar auszudrücken schien, daß es nur ein laienhaftes, nicht für die Menge bestimmtes kleines Familienwunder war, das alles gab ihm wahrlich ein Gefühl, daß die Natur, daß Gott – aus Vergeßlichkeit oder wegen des Erfolges, den sie damit hatten – eines ihrer Wunder erneuert hatten. Er konnte deshalb weniger Hochachtung für sie hegen, so wie für einen großen Mann, der einem zweimal dieselbe Anekdote erzählt, doch hatte er vor allem die Empfindung, wie eitel die Wunder, die Menschen und – was neu war – seine eigenen Traurigkeiten seien. Die Anhänglichkeit der Pferde und Hunde schien ihm ebenso eitel wie die Liebe für sie, von der er einst besessen war. Er kannte diesen Hirsch wie alles übrige Wild des Waldes. Er kannte seine intimen Gewohnheiten, die Anzahl der Jungen, die er gezeugt hatte, sein Geschick, sein Rudel zu verteidigen, sein genaues Gewicht; doch mußte er anerkennen, daß so, wie irgendeine Heldentat plötzlich die Tiere den Sprung in ein ideales Bestiarium machen läßt und sie an einen Heiligen oder einen Märtyrer koppelt, dieser Hirsch in sein Leben gesprungen war und für immer dem letzten Fontranges verhaftet bleiben werde. Das war weniger ein Wunder als eine Lektion der Vornehmheit, der Haltung fast, eine Lektion gegen die degradierende Melancholie und Nervosität. Diese beiden Wesen, die einander wie zu Zeiten des heiligen Hubertus in ihrer Würde begegnet sind, der Hirsch in jeder Beziehung seinen Vorfahren ähnlich, der letzte Fontranges, von dem Schuster in Saumur beschuht, und mit seinem Monokel, denn er hatte noch nicht Zeit gefunden zu erkennen, daß er Stiefel und Zierat auch nicht mehr liebte; der Hirsch noch mit dem gleichen Geschmack für junge Triebe und Gras, Fontranges nicht zu sehr mit Radikalismus, Sozialismus oder Snobismus getränkt; der Hirsch, sich bäumend, Fontranges ihm zum erstenmal näher in die Augen sehend als beim Zielen, indessen eine ungewohnte Stille um sie herrschte und alle anderen Tiere, Hasen, Kaninchen und Wasserenten, die Fische im See, furchtsamer noch, weil sie ihre Kraft in dieses einzige Tier entsendet hatten, sich in den Gebüschen und im Wasser verbargen, – das war ein Bild aus vergangener Zeit, das war für einen Jäger, was für ein fleißiges Kind in der Schule ein Lichtdruck ist. Das satisfecit, das Gott ihm so spät noch verliehen, entlockte ihm, der seit einem Monat nicht mehr gelächelt hatte, ein Lächeln ... Er dachte an das Fell des Hirsches, das so hart anzufassen ist und so weich zum Ansehen. Er dachte an die Nüstern des Hirsches, die viel weicher sind als die des Pferdes und die er nur an toten Hirschen, das letztemal just an dem Vater des heute erschienen Hirsches, gestreichelt hatte. Die Liebe, die Freundschaft, die Güte kehrten wieder bei ihm ein. Als ein Reiher aufstieg, griff er heiter zum Gewehr und schoß. Der Reiher scheuchte beim Herabfallen einen Hasen auf, der ebenfalls getötet wurde. Während fünf Minuten tönte die Dämmerung von Gewehrschüssen, welche das kesselförmige Seeufer im ganzen Walde widerhallen ließ und anzeigte, daß Fontranges zum Leben zurückgekehrt war und daß Fasanen und Hasen wieder für ihn lebendig wurden. Er folgte fast unbewußt dem Weg, auf welchem der Hirsch verschwunden war. Auf der Spur des Hirsches erhoben sich rote Rebhühner, Sumpfhühner, wilde Kaninchen; der Hirsch hatte sich zur Versöhnung mit seinem Herrn in allerhand fliegende und laufende Arten verwandelt. Zum erstenmal seit dem Auftreten seines Übels fühlte sich Fontranges ihnen gegenüber nicht mehr schuldig. Er tötete sie guten Mutes. Er säte auf seinem Weg die kleinen Tode wie an glücklicheren Tagen. Die Jagdhüter dachten erst, es sei ein Wilddieb, doch die Hunde heulten vor Freude, die Pferde, die nur unmittelbar etwas begreifen, wieherten und verstanden, als sie die Hunde bellen hörten. Beim aufgehenden Mond kam Fontranges mit Tieren beladen zurück, so mannigfaltig wie auf den holländischen Bildern, auf welchem die Schöpfung dargestellt ist. Er trug einen Reiher, einen Hasen, einen Marder, ja sogar Stare ... Er trat in den Hundestall ein, ließ jede Rasse ihre Beute riechen. Die Hunde umsprangen ihn ... Durch das Ochsenauge rief er der wiehernden Sebah das Wort des Propheten zu, welches das Pferd zur kriegerischen Erregung aufruft. Sebah stampfte ... Auf diese Weise nahm Fontranges durch das Eingreifen eines Hirsches die Jagd, das göttliche Handwerk, wieder auf und fand wieder Liebe in sich für alles, was zur Jagd gehörte, für Hunde, Pferde, Waldhüter und Wilddiebe. Es war noch nicht zu spät. Er wußte nun, daß er während einiger Monate die Menschen gehaßt hatte ... An dem Tage, da er den Zug bestieg, um die Hundeausstellung in Paris zu besuchen, wurde er sich bewußt, daß er nicht allein mit den Hunden, sondern mit seinen beiden Töchtern, mit Renée Bardini, mit Eglantine wieder versöhnt war, und die Trauer um Bella und Jacques empfand er nicht mehr als eine Erniedrigung, eine Krankheit, sondern als echte und schreckliche Trauer. Denn Hunde und Pferde hatten es ihm auch verborgen, daß er mit den Toten zerfallen war ...

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