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Eglantine

Jean Giraudoux: Eglantine - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJean Giraudoux
titleEglantine
publisherSuhrkamp Verlag
printrun16.-20. Tausend
year1964
translatorEfraim Frisch
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131106
projectideee16016
wgs9110
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Drittes Kapitel

Moïse nahm an Alter zu, gewann aber auch an Ansehnlichkeit. Er ließ die Bankiers, seine Zeitgenossen, die er mit Dreißig an Einfluß, mit Vierzig an Reichtum, mit Fünfzig an Freigebigkeit überholt hatte, jetzt nah an Sechzig in bezug auf Schönheit hinter sich. Freilich war es, wie man sehen konnte, eine nur relative Schönheit. Es wuchsen ihm zwar nicht wie Samuel die Wimpern einwärts ins Auge; die Gelbsucht, die alle Geldleute drohend überhängt und die sie mit Spazierengehen und durch die Jagd, hauptsächlich mit Gewehrschüssen wie eine Gewitterwolke zu vertreiben suchen, hatte sich auf Melançon, auf Enaldo niedergelassen, er aber blieb verschont. Indessen traten an Moïses Erscheinung, Statur und Umfang, abgesehen von den negativen Vorzügen, die er nur dem Verfall der andern dankte, neue Elemente sichtbar hervor, welche vermuten ließen, daß Gott Moïses Körper vor dem Tode – um so schlimmer, wenn es in einem Alter, das so nah dem Tode steht, geschah – eine ihm bisher versagte Blütezeit angedeihen lassen wolle: mit einem Wort, er war nicht mehr entsetzenerregend. Die täglichen Massagen, Bäder, Reinigungsarbeiten der Schönheitsprofessoren taten ihre Wirkung; Moïse wurde ein braver Schüler. Die Kugel am Bauch, rund wie ein Geschwür und empfindlich wie ein Leistenbruch, die Moïse wegen ihrer vorstehenden Rundheit besonders haßte, wurde oval, nahm ab. Die Fettpolster, die sich bei Moïse aus einem Mißverständnis der Häßlichkeit an den unwahrscheinlichsten Stellen bildeten, wie die Paraffinpolster am Körper einer gefallsüchtigen Amerikanerin infolge eines Irrtums der Schönheit, schmolzen unter der Sonne der nahen Sechzig zusammen. Als Kind glaubte Moïse, man ziehe Kleider an, weil der Körper so häßlich ist. Mit welcher Hast pflegte er am Abend beim Schlafengehen aus den Kleidern in die Nacht zu schlüpfen! Das ergab täglich nur eine Minute Häßlich-Sein, und er liebte damals schon das Dunkel als sein schönstes Kleid. Er liebte die Nacht als jene Hälfte des Tagumlaufes, in welcher die Menschen schön sind. Er glaubte, man enthaupte die Verurteilten auf dem Markt von Jaffa nur, damit sie von ihrem Körper einzig den Kopf behalten und so vor dem höchsten Richter schön erscheinen. Seine Gefallsucht als Kind hatte darin bestanden, sich ins Meer zu setzen und sich den Spaziergängern bis zum Hals im blauen Wasser zu zeigen. Doch die allgemeine Wahrheit, daß die Männer häßlich sind, mußte für ihn mit der Zeit eine subjektive werden – und siehe da: seit einigen Wochen wich dieser Fluch von ihm. Das Alter festigte sein Fleisch, trocknete die Quellen der Furunkel aus, glättete die Runzeln, die er seit seiner Kindheit hatte. Durch den vermittelnden Eintritt der weißen Farbe, infolge seines ergrauten Haares, eines reinen Tons in diese Mischung unausgesprochener Farben, erhielt der Körper auf einmal, wenn auch nicht Jugendlichkeit, so doch eine gewisse Reinheit wieder. Gleich morgens, wenn er aus dem Bett sprang, ging Moïse jetzt täglich, den Hals immer mehr entblößend, zum Spiegel, um diese erfreulichen Wirkungen des Alters festzustellen. Einmal hatte der Maler Robert zu Moïse (von einer dritten Person natürlich) gesagt: man hat die Fratze, die man verdient. Moïse, den das Wort getroffen hatte, fühlte in der Tat, wie in seinem Innern eine Art von Verdienst wuchs und sich ausbreitete. Er verdiente und erhielt auch wieder Hände, die kaum noch feucht waren, und zum erstenmal verweilten fremde Hände in den seinen, während sie sich sonst benahmen, als hätten sie in einen unsauberen Weihwasserkessel gegriffen. Er verdiente trockeneres Haar, die knisternden Funken mehrten sich, wenn man es rieb. Er überraschte sich selbst, wie er in der Rue de la Paix zwischen zwei Juwelierläden vor einem Spiegel stand, einem schmalen Spiegel noch dazu, der vierzehn Tage früher sein Spiegelbild nicht gefaßt hätte. Wie wäre er erstaunt gewesen, wenn man ihm einmal gesagt hätte, daß während zwei Meter rechts von ihm der schönste Rubin der Welt, zwei Meter links die schönste Perle im Fenster zu sehen war, er es vorziehen würde, länger im Anblick seines eigenen Spiegelbildes und des neuen Schliffs, das die Vorsehung ihm gegeben, zu verweilen. Er traf seine Vorsichtsmaßregeln, daß die Veränderung Dauer erhalte, er tat für diesen neuen Moïse alles, was man für einen zu Besuch weilenden Verwandten, was der Spiritist für die Geistererscheinung zu tun pflegt, er zeigte ihn herum, er ließ ihn photographieren. Er verbrachte eine Woche damit, die Kinder- und Jugendbildnisse, auf welchen sein Verdienst es nur zu flaumigem Haar und Schweinskinnbacken gebracht hatte, bei seinen Freunden durch die neuesten Photographien zu ersetzen. Er versah sie mit seiner Unterschrift. Zum erstenmal behandelte er seinen Körper nicht mehr als den millionsten Anteil einer Handelsgesellschaft. So wich denn die Geringschätzung seines Körpers, der leichte Widerwille, den Moïse gegen ihn empfand, einem Gefühl, das nahe an Ehrerbietung grenzte. Ja selbst seine Bronchitis in diesem Herbstende bekam in seinen Augen etwas Tragisches, eine Art von Persönlichkeit. Das Leichterwerden seines Körpers, das ihm die Waage täglich anzeigte, empfand er in gleichem Maße als moralische Erleichterung. Er wog statt hundertzwanzig, jetzt nur achtzig Kilo; er war um ein Drittel seinem immateriellen Leib nähergekommen. Wenn er von der Waage stieg, war er gefällig und zuvorkommend, als käme er von einer Beichte, in der man nicht seine Sünden, sondern seine Vorzüge bekennt. Die in der Stadt verstreuten Wiegeautomaten waren nicht mehr unnütze Waagen für jenes Tier, das man nicht nach Gewicht verkauft, vielmehr glichen sie auf einmal den ihnen benachbarten automatischen Lieferanten von Schokolade und Naschwerk. Er hatte seine Häßlichkeit, seine Fettsucht gebeichtet und war absolviert worden. Die zweite Sünde mit der er auf die Welt gekommen war und die er hoffnungslos und hochmütig mit sich geschleppt hatte, verflüchtete sich. Nun blieb er, wie alle anderen auch, nur noch mit der Erbsünde behaftet, und was die betrifft, hatte er sich längst seine feste Meinung gebildet. Außerdem ist es ein Kinderspiel, eine Erholung geradezu, es wieder unmittelbar mit der allgemeinen Verdammnis zu tun zu haben, wenn man bisher durch einen besonderen Fluch von ihr getrennt war. Er freute sich wahrlich über seine Abmagerung, über die neue Konsistenz seiner Haut wie über eine neue Unschuld. Die Bankiers, seine Geschäftsfreunde, welche die Veränderung an ihm einem bösartigen Geschwür zuschrieben, vermieden jede Anspielung auf sie und beschränkten sich zuweilen höchstens darauf, ihm verhüllte Komplimente über seine Magerkeit zu machen, diskrete Scherze, wie sie mit Freunden, die Glück bei einer Frau haben, üblich sind, mit dem Hintergedanken, daß er mit dem Tode liebäugle. In der Tat, Moïse war mit Moïse sehr glücklich. Er führte ihn in noch verborgenere Restaurants, bestellte ihm noch feineres Essen. Er ging so weit, daß er mehr Hochschätzung vor ihm bekam. Er schätzte sich höher, weil er bei schönen Schauspielen, vor erhebenden Gemütsbewegungen sich selbst nicht mehr als widerliche Belastung empfand. Er war stolz darauf, daß er zur Musikaufführungen, zu Mozart nicht seine Macht und seine Millionen, sondern einen unauffälligen Körper mit brachte, einen Körper, unter dessen Last die Stühle nicht mehr krachten. Er schwitzte nicht mehr, wenn er Mozart, seinen Gott, hörte. Angesichts jedes großen Musikers fühlte er sich so von einem Mangel, von einem Asthma, von Blähungen entlastet. Vielleicht, weil er glaubte, er schnarche auch nicht mehr, überließ er sich mit mehr Zutrauen dem Schlaf. Sein Sarkasmus, der sich stets zwischen ihn und die Schönheit, oder richtiger zwischen die Schönheit und ihn, wie er jetzt höflicher sagte, eingedrängt hatte, wurde dünner. Sonst pflegte er im Angesicht von Neapel oder des Niagara zu denken: wie schön wäre das alles, wenn ich nicht dabei wäre! Jetzt fühlte er sich am Fuße des Gran Cañon oder der Pyramiden nicht mehr am unrechten Platz, so daß er ganz gut jenen unbekannten Reisenden hätte vorstellen können, den die Maler der Maison Carrée oder des Tivoli in die Ecke ihrer Bilder, als menschliche Signatur gleichsam, hinsetzen. Er mied an nervösen Tagen die Denkmäler nicht mehr, als wären sie mit einer Elektrizität geladen, die ihm unheilvoll werden könnte. Er ging jetzt langsamer den Vendôme-Platz und den Platz de la Concorde entlang. Man konnte ihn sogar mit etwas zerstreuter Miene plötzlich vor dem Invalidendom oder vor dem Tanz von Carpeaux stehen sehen. Das alles bestätigte den Verdacht der Bank von Frankreich, daß Moïse am Krebs leide, und belebte mancherlei Hoffnungen.

Wie tut es doch wohl, in Gesprächen, beim Lesen, in Komödien und Tragödien sogar jede Anspielung auf Häßlichkeit nicht mehr auf sich beziehen zu müssen! Eine ganze Reihe von Verwandtschaften, die Moïse wie richtige Verwandte fast sympathisch geworden waren, die des Quasimodo vor allem, lockerte sich auf einmal, als wäre der angeheiratete Verwandte, der sie aufgedrängt hatte, gestorben. Der Abbruch der Beziehungen erstreckte sich weiter auf die Schaufenster, die Museen, ja sogar auf die Kunstwerke des Altertums. Er hatte mit der Familie der phönizischen Gnome gebrochen. Die Grotesken von Tanagra, mit denen er sich früher scherzhafter Weise als verwandt zu bezeichnen liebte, trieben ihn weit weg von sich, doch nicht zu weit von Tanagra, wo er neue reizende Cousinen entdeckte. Die bei ihm angesammelten Kunst- und Ziergegenstände erlebten einen Umsturz, wie sie nur eine Hochzeit herbeiführt. Er entfernte die Büsten Voltaires und Äsops, die ihn häßlich gesehen hatten. Er benutzte die Gelegenheit, daß es Winter wurde, um seine Garderobe zu erneuern, seine gewohnten Farben, kastanien- und tabakbraun, zu wechseln. Er kaufte Windhunde, eine Venus für das Land. Aus der Tatsache, daß er an einer Stelle weniger häßlich geworden war, folgerte er Entschlüsse, als wäre er vollkommen schön geworden. Er entdeckte plötzlich jene Stellen am menschlichen Körper, die er früher gar nicht sah, Stirn, Schläfen, Nacken, jene Festungswälle der Schönheit, die allen Blicken ausgesetzt sind. Auf Stirn, Schläfen, Nacken, auf diese Körperstellen küßte sich jener Clan, zu dem auch er sich jetzt zugehörig fühlte. Das lenkte seinen Blick ab von Lippen, Augen, Nasenlöchern, erlaubte ihm, an den Menschen nicht nur ihre Sinneswerkzeuge zu sehen. Einmal erblickte er in einem vom Wind bewegten Wasserbecken des Tuileriengartens sein Spiegelbild; sein Bauch erschien drin rund und geschwollen. Er lächelte über dieses nicht von Wasser, sondern von Vergangenheit gefüllte Wasserbecken, das nicht zu wissen schien, daß Moïses Bauch jetzt oval war. Dankbar in seinem Glück, fühlte er sich allen jenen Gegenständen erkenntlich, die nie an ihm verzweifelten und ihn unentwegt wie andere Menschenwesen behandelten, jenen Blumen z. B. in seinem Auto, die seit der Erfindung der Blumenbehälter für Automobile ihm, dem Entstellten, jeden Morgen den Duft, das will sagen, die freundliche Ergebenheit aller Blumen, zubrachten, und endlich und vor allem, wie war er jener Blume dankbar, die ihn aus dem Bereich der häßlichen Schatten entführt hatte, ihr, Eglantine!

Genau genommen, kann nicht behauptet werden, daß Eglantine jene Verwandlung wahrgenommen hätte. Für sie war ein so geringer Unterschied zwischen dem häßlichen und ruhigen Moïse und dem schönen bewegten Moïse, wie zwischen der einfachen Eglantine und der mit Schmuck behängten. Er wieder schrieb den Zuwachs ihres Vertrauens dem halben Wunder zu, das sich an ihm vollzogen hatte, und meinte, aus ihrer Zerstreuung, aus ihrer Anteilnahme einen Vorteil zu ziehen. In der Tat war er zu diesem Zeitpunkt ihre einzige Zuflucht. Bellita befand sich für zwei Monate in Rom, wohin sie sich einmal im Jahr zu begeben pflegte: sie beichtete nur dem Papst. Fontranges blieb seit jenem Abend der Diamanten verschwunden und antwortete auf keine Briefe. Eglantine aber, die beim Schlafengehen ihre Türe offen ließ, die nie unter die Möbel sah, empfand, sobald der Tag anbrach, alle jene Beängstigungen, die unsereinen bei Nacht überfallen. Gern müßig und an jenen bei uns andern schmerzlosen Herznähten besonders empfindlich, übertrug sie die Nerven und die Sinne, die andere im Traum haben, in die Wirklichkeit. Sie liebte Moïse, weil er ihr der einzig Wirkliche, Lebendige schien. Wenn sie sich heftig zwickte, schwankte alles um sie, nur Moïse blieb. Obgleich ihr das Leben bisher nur Gutes gebracht, hatte sie den Instinkt jener, denen großes Mißgeschick vorbestimmt ist. Von kleinlicher Furchtsamkeit war sie frei, sie fürchtete nicht die Mücken, oder sich ein Glied zu verstauchen, jedoch den Blitz, die tollwütigen Hunde. Auf ihrem Gesicht lag die unendliche Ruhe jener Zeiten, da man nur die Pest und die Tortur zu fürchten hatte, doch eben diese fürchtete sie. Ihretwegen brauchte der Autoverkehr nicht geregelt zu werden, war es nicht nötig, Nachtwächter anzustellen, aber Serum und Blitzableiter mußten erfunden werden. Sie war in diesem so zahlreichen Menschengeschlecht ein recht seltenes Exemplar von makellosem Zustand – das unsterblichste und verletzlichste, das es geben kann. Sie kannte keine mittelmäßigen Gefühle, die sentimentalen Angriffe des Tages prallten an ihr ab, sie war unempfindlich gegen Regen, gegen die Häßlichkeit der Vorübergehenden, sie hatte keine plötzlichen Anfälle von Mitleid mit Polizisten oder Portiers; sie wurde von großen Gemütserregungen beherrscht. In dieser Volksmenge selbst ein Blitzableiter für echtes Gefühl und echte Heiterkeit, wußte sie nichts von solchen Gefahren, ahnte sie aber, als wären sie zusammengepreßte azurene Täfelchen, am Winterhimmel über Paris stärker verdichtet, und empfand an den Straßenecken, in den Anlagen die Hoffnungslosigkeit und die Angst, die sich unser im Wald bemächtigen. Wenn sie nach tiefem Schlaf, der, in bestimmte Zeitabschnitte geteilt, wie ein Tag und voll ruhiger Ereignisse war, dem Tag selbst gegenüberstand, fühlte sie sich von Unwissenheit und Befürchtungen überflutet. Einzig neben Moïse brauchte sie nichts zu wissen, nichts zu fürchten. Sie war neben ihm einer Macht teilhaftig, die sie über die Gesetze der Natur erhob, von den menschlichen zu schweigen. Jene gewaltigen Autos, die uns schwache Frauen vor den Gefahren des Raumes und des Windes beschützen, jene Lakaien mit dem riesigen Regenschirm, die uns beim Eintritt ins Restaurant mit einer Leidenschaft vor dem Hagel beschirmen, als drohe dieser, Früchte und Blumen auf uns zu vernichten, jenen Eifer des Oberkellners, der vor einer zu langen Speisefolge warnt – diesen ganzen Haufen von Vorrechten, den die Eitlen und die Emporkömmlinge sich für gewöhnlich wie eine Sammlung zulegen, ließ sie sich aus äußerster Bescheidenheit gefallen. Ebenso entstammte ihr Bedürfnis nach Luxus einem unendlich verfeinerten Schwächegefühl, und die vollkommene Erfüllung dieses demütigen Lebens erforderte als erste und unabweisbare Voraussetzung Moïses großen Reichtum und Ruf. Es war eine Tatsache: Alle Reichtümer Moïses waren in diesem Augenblick nur dadurch gerechtfertigt, daß sie eine Brieftasche mit hundertzehn Francs Inhalt, das ganze Vermögen Eglantinens, einrahmten. Moïses seinerseits hatte nie vorher bei einer anderen Frau das Gefühl gehabt, daß sie sich so sehr auf das stützte, was an ihm stark und dauerhaft war. Ihre Freundschaft war nicht auf der unsicheren Grundlage einer seelischen Schwellung oder einer Verschrobenheit bei Moïse errichtet. Er verstand jetzt den Sinn des Wortes Beschützer, das zu Unrecht so verrufen ist. Wenn er Eglantine Pelze schenkte, so hatte er das Gefühl, sie tatsächlich vor Kälte zu schützen. Mit welchen köstlichen Gerichten hätte er sie – für immer, wenn sie es wollte – vor Hunger und Durst beschützen mögen. Er bestellte eigens eine Limousine von besonderer Bauart, um sie vor der Entfernung und vor den auf dem Trottoir umhergestreuten Bananenschalen zu schützen. Besonders bewegte es ihn aber, daß sie die erste Frau war, die er nicht vor Moïse selbst beschützen mußte ...

Zwar trennten Eglantine, die nicht sah, daß er häßlich, daß er ein Levantiner, daß er reich war, von Moïse nicht diese für andere Frauen schwer zu übersteigenden Hindernisse, doch in dem Maße, als sie bei ihm in dem Hause, das gegenüber dem Tanzlokal, in dem sie sich zuerst getroffen, wie mit Absicht errichtet schien, aus und ein ging, wurde es für ihn immer schwieriger, zu ihr zu gelangen. Vor allem deshalb, weil sie nicht auf gleichem Niveau mit ihm war, das Wort im buchstäblichsten Sinne verstanden, wie es die Erbauer der Brücken und Chauseen gebrauchen. Moïse hatte im allgemeinen nur Frauen geliebt, die flach am Boden lebten. Während seiner Jugend im Orient und in Mitteleuropa kannte er seine Freundinnen nur in hockenden Stellungen, auf Teppichen oder sogar auf den Fliesen des Bodens ausgestreckt, am liebsten vor einem Badebassin oder sonst einem eingelassenen Wasserbecken, als wollten sie die Wasserfläche nie aus den Augen verlieren, und die Liebe bestand für ihn hauptsächlich darin, sich herabzubücken und bei der ganzen Länge seiner Beine so nah als möglich am Boden zu leben. Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr überragten die magersten Kornähren des Libanon, die niedrigsten Taburette von Budapest Moïse, wenn er liebte, immer noch um ein beträchtliches. Zärtlichsein war in seiner Vorstellung stets damit verbunden, daß man auf einer Matte oder einem Diwan ausgestreckt lag, den Kopf in der Linken, hinter seiner ebenso lagernden Geliebten, in einer Stellung, wie sie den Steinbildern etruskischer Fürsten oder der Prinzen von Valois auf ihren Gräbern eigen ist. Der Rauch von Saras Zigaretten stieg fast vom Parkett, vom Boden auf, echter Dunst der Gräser. Die Vogelkäfige standen fast auf dem Teppich. Die persischen Windhunde, wenn die Geliebte eine Vorliebe für persische Windhunde hatte, blickten einen von obenher an und mußten sich bücken, um die Hand zu lecken. Die Augen der Foxterrier lagen auf der gleichen Höhe mit den eigenen; man war so recht auf dem Grunde des Lebens. Hatte Moïse einmal seine bleiernen Sohlen abgelegt, dann tauchte er nach Gesetzen, die denen der Tiefe entgegengesetzt wirkten, leicht, ganz leicht in diesen Abgrund. Zwanzig Jahre waren es her, damals als er Witwer geworden, da wollte es der Zufall, daß die Mode Fauteuils und richtige Betten aus den Wohnungen seiner Freundinnen-Frauen hinauswarf. Es war die jetzt zu Ende gehende Zeit des Sofas, der niedrigen Tische, da die Schwerkraft auf die müde gewordenen westlichen Menschen stärker wirkte als die Anziehung von oben. So war er denn fortgefahren, sich auf den Grund der Zivilisation herabsinken zu lassen. Doch plötzlich erhoben sich alle Bilder, Zeichnungen, Standuhren, die wie Polster um den Kopf eines Kindes in Kopfhöhe der zivilisierten Pariser, wenn sie standen, angebracht waren, damit sie nicht am Ungewohnten, am Einfachen, am Nichts zu Schaden kommen, über ihn, stiegen höher und waren – mitsamt den Vuillards und Bonnards – nichts wie ferne, kleine Lichtluken. Die Beleuchtung, die neuen Farben des Jahrhunderts kommen erst zur Geltung, wenn man sie aus dieser tiefen Lage betrachtet. Mit dem gleichen ungeschickten Schwung wie morgens im Schwimmbassin des Automobilklubs tauchte Moïse am Nachmittag in das Boudoir, in das Bassin, in dem man weder schwimmen noch ausruhen soll, in ein Bassin, wo man speist, da er seine Mahlzeiten fast auf dem Parkett dicht am Boden einzunehmen liebte, im Zwischenstock, dessen Decke plötzlich höher gerückt war, und von Dienern bedient, die fast in Stücke zerbrachen, wenn sie das Brot reichten.

Er bemühte sich vergeblich, die Königin der Luft mit sich unter das Wasser zu ziehen. Eglantine verstand es im Gegensatz dazu nicht, auf flachem Boden zu leben. In Fontranges lebte man in hoher Lage. Jedenfalls hatte Eglantines Leben sich fast ganz wie in dem Kinderspiel Hüpf hinauf! mit einem unsichtbaren Gegenspieler abgespielt. Man sah sie nie anders als hoch oben auf Heuwagen, auf Dachgiebeln, in den Wipfeln der Pappeln. Das Schloßauto stammte noch aus dem Mittelalter des Automobilismus und gab an Höhe keinem Jagdwagen nach. Die Betten standen auf Estraden. Eglantine mochte so wenig auf einem Teppich schlafen wie ein Bauer auf dem Boden. Es machte ihr zuweilen Spaß, aufrecht an einen Baum gelehnt zu schlafen. Aus einem Gefühl der Würde heraus pflegte sie vor dem Schlafengehen einige Minuten zu zögern, bevor sie sich in die gestreckte Lage, in die Stellung der Toten schickte. Sie umkreiste das Bett, hängte die Kleider auf, rückte die Bilder zurecht und gab die aufrechte Haltung erst auf, wenn die Müdigkeit sie umwarf. Schlafengehen bedeutete ihr wahrlich so viel, wie im Kampf besiegt zu sein; der Schlaf konnte dann mit ihr machen, was er wollte, denn sobald sie sich dem Schlummer hingab, hatte sie das Bewußtsein, sich hingegeben zu haben. Seit ihren ersten Besuchen bei Moïse hatte sie kein anderes ihrer Statur angepaßtes Möbel gefunden als die Fensterbrüstung. Sie kam und ging zwischen den tief herabreichenden Spiegeln, die ihre Knie und Knöchel spiegelten, ihren Gang ausspionierten, ohne sich hinzusetzen. In Fontranges sah man in der Erntezeit, wenn die Schnitter bündelten oder schliefen, nur den Kopf der kleinen Eglantine aus den Ähren und der sommerlichen Flut hervortauchen. Noch nie hatte Moïse ein so aufrechtes Wesen getroffen, das mit einer so genau gemessenen Schnur an seinen Zenit befestigt war. Noch ein klein wenig, und die Füße hätten den Boden nicht mehr berührt. Neben ihr erschienen ihm alle anderen Menschen wie Figuren eines Puppenspiels, die von schwerfälligen sich aus der Erde streckenden Händen von der Tiefe her bewegt wurden und die als schlaffe Haufen von Fleisch und Kleidern zusammenfielen, wenn die Hände sich zurückzogen. Eglantine aber bewegte sich wie um einen gespannten Draht. Ihr Schatten umkreiste sie ebenso bestimmt und zart wie der Schatten auf einer Sonnenuhr. An keinem Menschenwesen konnte man so sicher die Tagesstunde und das Wetter ablesen wie an Eglantine in der Sonne. Nie war die Hand der Lüge, der Niedrigkeit, der Heuchelei unter ihr Kleid geglitten. Die Müdigkeit stieg bei ihr nie von den Füßen, Beinen, Knien auf. Sie machte sich in den Schultern, im Nacken fühlbar wie bei uns, wenn wir Museen besuchen. Zwischen Menschen, Häusern, Bäumen sich zu bewegen, verursachte ihr jene besondere Abspannung, die Michelangelo, Rembrandt, die lange Reihe der italienischen Primitiven bei uns bewirken. Sobald sie saß, kreuzte sie die Füße, wie es die in der Luft hängenden oder auf dem Trapez ausruhenden Akrobaten tun. Moïse hatte zum erstenmal in seinem Leben die Empfindung, daß dies nicht eins jener Zusammentreffen auf dem horizontalen Plan war, wie es Männersache ist, kein Zusammenstoß von Angesicht zu Angesicht am Boden festgenagelter Wesen, die das Verhängnis übereinanderwirft, sondern eine außerordentlich seltene vertikale Begegnung mit einem Wesen von anderer Höhe und Dichtigkeit, so daß er jetzt, wenn er Eglantine empfing, sich nicht mehr unter ihr wie ein Souffleur oder ein Orchester ausstreckte, sondern ebenfalls stehenblieb. Sie gingen hin und her, blieben auch stehen, doch stets in Brusthöhe mit der Querstange am Fenster, das man, weil es schneite oder regnete, schließen mußte, in gleicher Höhe mit den höchsten Baumästen der Champs-Elysées, mit dem Panthéon. Er blieb aufrecht wie jemand, der auf den Ablauf eines ernsten Ereignisses, das im Nebenzimmer vor sich geht, Geburt oder Tod wartet. Manchmal und nur selten fiel ein Wort. Eglantine las in irgendeinem Buch, das sie aus der Reihe genommen hatte. Moïse ging von einem Ende des Raums zum andern hin und her. Es hatte auch Ähnlichkeit mit jener Szene im Löwenkäfig, wo eine junge Frau sich den Anschein gibt, nachzudenken oder zu lesen, während der Dompteur vor den Bestien auf und ab geht. Es kam manchmal umgekehrt auch vor, daß Eglantine redselig wurde. Sie war es mit einem Liebreiz, der Moïse überraschte. Ihre stets munteren Worte waren von einer solchen Wahrhaftigkeit, daß sie eine lautere Handlung oder eine vollkommene Entblößung ihres Innern einzuleiten schienen. Man empfand beim Hören das gleiche Vergnügen, wie an einem Sommertag die Kleidungsstücke einer lustigen, im Erlengebüsch verborgenen Badenden, die ebenso aufrecht steht und sich entkleidet, in einer Steigerung, die das Letzte verrät, in die Höhe fliegen zu sehen. Jedes Wort Eglantines zog eine Hülle von ihrer Seele, die stets unsichtbar blieb. Er zog Handschuhe an, um in den kostbaren Ausgaben zu blättern, denn seine Hände waren immer etwas feucht. Eglantine, von solcher Achtung vor den Büchern gerührt, hörte ihm zu. Sie las wenig, dennoch hatten Bücher selten auf jemand solche Wirkung. Seit ihrer Kindheit horchte sie mit glühendem Eifer auf alles, was über Dichter und Erzähler gesagt wurde, und jeder dieser Namen erregte sie zu einer inneren Bewegung, die sehr oft der entsprach, die der Dichter hervorzurufen sich wünschte, nur mit dem Unterschied, daß sie bei ihr vollkommen echt war. Jeder Name einer Schriftstellerin hatte für sie jene Intensität, die für uns die so unzugänglichen Bezeichnungen Ost, West oder Nord haben. Sie bewahrte die mündliche Überlieferung in einer Zeit dichtester Produktion der Druckereien und hielt die Ohren offen, so wie von einem Buche die Rede war. Das Ergebnis davon war eine zwar unvollständige Bildung, doch in ihrem Innern eine so reiche und starke Differenzierung der Empfindungen wie bei einem Seemann, der auf tausend Himmelsrichtungen eingestellt wäre. Es hatte auch zur Folge, daß sie für alles, was nicht gelesen wird, was aber eine gewisse Magie in sich bewahrt, für Nippes, Möbel, die Zuneigung einer Leserin empfand, und eine hübsche Kaminuhr ihr wie ein Buch eine Art von Gefühlserregung gab mit Einleitung, Entwicklung und Lösung ... Dann tranken sie Tee, immer stehend, indessen die Diener lächelten, die Eglantine Dank dafür wußten, daß sie ihnen den Buckel der Dienstbarkeit ersparte. Es erinnerte auch an die Beschäftigungen während einer Reisepause, wenn die Pferde gewechselt werden. Nie ging Moïse ausgeruhter und besser aufgelegt aus als nach dieser Stunde, während der er sich nicht hatte setzen können ... Es war dabei nicht möglich, etwas anderes zu tun, als zuweilen Eglantines Arm zu nehmen, wie auf dem Deck eines Schiffes.

Doch das war nicht das Wichtigste. Chartier wünschte mit Moïse über die junge Frau, die er jeden Tag traf, zu sprechen. Dieser Schritt ließ etwas Ernstes vermuten, das sein Leben betraf, ernster als alles, was Moïse für alle die Frauen übrig hatte, die er im Laufe von zwanzig Jahren gekannt. Er hatte die Unterredung hinausgeschoben. Da Chartier in ihn drang, mußte er nachgeben. Doch Moïse sah statt eines Angebers erstaunt einen lächelnden Chartier eintreten: es fand sich nichts in Eglantines Vergangenheit. Chartier sagte, er bedaure, gegen die Tradition zu verstoßen, doch fühle er sich verpflichtet, seinen Chef davon zu benachrichtigen: nichts. Einige Male mit Fontranges ausgegangen. Das war alles. Moïse dankte Chartier, schien befriedigt, doch bei sich selbst war er über diese Befriedigung nicht im klaren. Hatte Chartier nicht statt einer Vergangenheit, die man, mochte sie womit immer belastet sein, hingenommen hätte, alles in allem eine Abstraktion hingestellt, eine Art allgemeiner Vergangenheit wie bei jedem Mädchen, das noch nicht geliebt hat? Wie der Clown im Zirkus, der sich mit dem Ellbogen auf seinen Kameraden zu stützen glaubt, plötzlich entdeckt, daß es die Reiterin selbst ist, fand sich Moïse, nachdem ihm Eglantines Vergangenheit weggezogen worden war, plötzlich an eine Reihe von Persönlichkeiten gelehnt, die er fürchtete ... deren Arglosigkeit und Hoffnung ... Zum erstenmal fühlte Moïse sich als den Ausgangspunkt, von dem aus ein junges Mädchen ins Leben eindringen sollte. Die Anhänglichkeit Eglantinens, ihr Eigensinn, ihm, wie eine Biene in die Fensterscheibe, gerade ins Gesicht zu sehen, erschreckte ihn jetzt. Gab es denn für eine so reine Jugend nur diese rostbedeckte, von Goldrost freilich bedeckte Tür, nur Moïse zum Ausgang? Vergeblich suchte er zuweilen in seiner Vergangenheit nach ereignislosen Stunden, nach Empfindungen ohne Folgen, versuchte er, sich mit Hilfe dieser zarten und durchsichtigen Zeichnung, als die sich Eglantines Vergangenheit darstellte, zu seiner eigenen Kindheit zurückzufinden. Doch was ihn an Chartiers Eröffnung vor allem beunruhigte, war, daß er Eglantine dadurch von der Schar ihrer Vorgängerinnen loslöste und sie allein der einzigen Frau zugesellte, die ebenso ohne Vergangenheit zu Moïse gekommen war, seiner Frau. Die Parallelen, die er zwischen den Menschen zu ziehen liebte und die ihm zu einem Urteil über sie verhalfen, drängten sich ihm diesmal nicht als Vergleich zwischen Eglantine und Georgette oder Lolita oder Regine auf, sondern zwischen Sara und Eglantine.

Auf den ersten Blick freilich schien die Parallele ziemlich unnütz. Moïse hatte Sara geheiratet, als sie bereits ein recht ältliches Mädchen war; sie war eine geborene Bernheim, erschreckend mager, doch mit so starker Anlage zur Fettsucht, daß man sie täglich wiegen mußte, um die Mahlzeiten des Tages für sie zu bestimmen. Eglantine dagegen war unveränderbar, hatte vor und nach den Mahlzeiten das gleiche Gewicht. Sara hatte eine bald erdige, bald rosige Gesichtsfarbe, Runzeln, von denen man nicht wußte, woher sie kamen, Risse gleichsam in der Glasur, die von der Abstammung herrührten, denn sie blieben oft Wochen lang weg, und die man den Bernheims im allgemeinen auf Rechnung setzte. Eglantine war glatt. Jede Falte an ihr war Zier oder Lust. Sara hatte keinen Geruch an sich. Ihre Lieblingshunde sahen sie, aber rochen sie nicht. Hielt man neben ihr die Augen geschlossen, so fühlte man sie als eine Art Leere in menschlicher Gestalt; auch für die Wollust ein unauffindbares Wild. Eglantine hatte jenen Duft des Fleisches, der in der Unterwelt Zusammenläufe hervorruft, wenn ein neuangekommener Schatten noch eine Spur von ihm bewahrt hat. Doch Moïse zog aus alledem keine Schlüsse; angesichts der Fülle genau entgegengesetzter Eigenschaften gab es sogar eine Art Gleichheit zwischen den Frauen. Die eine war häßlich und Jüdin, die andere schön und Christin. Das waren grundverschiedene Ausgangspunkte, aber keine Unterschiede. Sara war unfruchtbar, Eglantine jungfräulich. Doch Saras Unfruchtbarkeit, ihr ganzes Verhältnis, im gehörigen Abstand übrigens von einer Sünde ohne Empfängnis, wurde allmählich durch Saras Tugenden und Moïses Respekt im Geiste des Ehepaares zu einem heiligen Verhältnis, zu einer sündenlosen Empfängnis. Nein, was Moïse betroffen machte, war, daß Eglantine die Rivalin Saras in deren eigenen Herrschaftsbereich wurde und in allem, wodurch sich Moïses Gattin über alle anderen Frauen erhob. Sara hatte nie gelogen, nie übertrieben, nie etwas erdichtet; nicht Not noch Reichtum vermochten auch nur ein Molekül der Worte Gold, Diamant, Brot in ihrem Munde zu verändern. Aber Eglantine sagen zu hören, wieviel Uhr es ist, gab den gleichen Eindruck von Offenheit. Über Saras Lippen kam nie ein böses Wort; die Verantwortung für einen Verrat schob sie auf die teuren Zeiten, für Verbrechen auf das schlechte Wetter, für Unfähigkeit auf die Verspätungen der Züge, verspätet durchweg nicht aus Verschulden der Lokomotivführer, sondern wegen des Rindviehs, das zuweilen die Geleise versperrt; mehr aus Intelligenz übrigens als aus Dummheit. Für Eglantine war es schon eine harte Anstrengung, über einen Freund zu schweigen; sie errötete, wenn sie nicht etwas Gutes von jemand sagen konnte. Die Röte, welche Moïse zuweilen mitten in einem völligen Schweigen auf ihren Wangen auffiel, enthielt alle unausgesprochene Lobpreisung des Tages, eines Vogels, der vorbeigeflogen war, Moïses selbst. Doch die Tugenden Saras, die aus einer ausgezeichneten Moral herstammten, wie es kaum noch eine gab, ihre Lebensgrundsätze – die andere Backe darzubieten, den Nächsten wie sich selbst zu lieben – diese auf dem gleichen Berg wie der Wein des Messias gekelterten und vom Schloß durch sichere Vermittler ihr direkt gelieferten Grundsätze erschienen Moïse nicht von zuverlässigerer Beschaffenheit als die Tugenden Eglantinens, die von irgendeiner Moral der Zukunft hergestrahlt kamen oder aus dem Instinkt geschöpft waren. Alles, was dazu beigetragen hatte, Sara häßlich, krumm, ungelenk zu machen, die Ausübung ihrer großartigen Mildtätigkeit nämlich, ihre Vertrauensseligkeit, war an Eglantine eine Form der Koketterie, die sie sogar – wie den Freimut auf ihren Lippen beispielsweise – mit den Werkzeugen der Eleganz auffrischte. Alle Gebote Saras wurden, auf Eglantine angewendet, zu einer Verfeinerung der Wollust: die andere Backe hinzuhalten, zur anderen Backe Eglantinens; jemand offen ins Gesicht zu sehen, zu der Lust, von Eglantine ganz nahe Auge in Auge angesehen zu werden, so daß Moïse unwillkürlich dazu gebracht wurde, die Parallele zwischen Sara und Eglantine durch eine Reihe von heiligen Geschichten weiter zu verfolgen, bis zu jenem Tag, da Sara ihm sogar die wahre Heldin zu übertreffen schien; denn es war wohl möglich, daß Rebekka zu sparsam und Judith ein wenig übertrieben war. Doch auch hier war Eglantine nicht besiegt. Von den Grenzen der äußersten Zukunft in die Abenteuer der Sintflut, der Wüste, in die durch Fuchsschwänze verbrannten Felder herbeigeholt, brachte sie rosig jene Frische hinein, die wir im Hohen Lied atmen und die wir da nur der Einführung von Negerinnen verdanken. Leibhaft und frisch dem Boden Frankreichs, einem Boden, der keine Götter erzeugt hat, entnommen und ins Neue oder ins Alte Testament versetzt, als einzige, frischgewaschene Gestalt in diesem bereits dunklen Fresko – man errät, was sie für Moïse bedeuten mochte mit dem Haupt des Holofernes in der Hand, oder wenn sie sich anschickte, einen Strohbrand an die Fuchsschwänze zu heften. Eglantine kam Sara durchaus gleich. Moïse mußte in schlaflosen Nächten die Parallele bis zu ihrem letzten Augenblick, bis zu ihrem Tode ausdehnen ...

Kein Wesen ist je mit größerer Diskretion aus dem Leben gegangen als Sara. Von einer durch ihre Seltenheit berühmten Krankheit ergriffen, deren Anfälle erschreckend unregelmäßig auftraten, lernte sie auch hierin Voraussicht und brachte Beständigkeit hinein; deren unbekannte und schmerzensreiche Entwicklung nahm bei ihr den Verlauf einer gutbürgerlichen Krankheit. Kein sprunghaftes Auftreten des Übels, keine falschen Hoffnungen; sie kam nicht einen Schritt mehr zurück, nachdem sie den Weg des Todes einmal betreten hatte. Sie schien mit dem Tod bekannt, wie es nur jemand sein kann, der dieses Abenteuer schon wiederholt erlebt hat. Sie verlangte, daß Moïse wie gewöhnlich in seine Bank gehe. Moïse tat oft, als ginge er, und blieb unbeweglich lesend im Zimmer nebenan. Sie vermutete es. Man liest nicht so absprechende Zeitungen, wie den Temps, ohne sich im tiefsten zu verraten. Übrigens hatte sie in ihrem Leben stets so gehandelt, als befände sich Moïse, den Temps lesend, nebenan, und der drohende Tod tat jetzt nichts mehr, als daß er den unsichtbaren und stets anwesenden Moïse verkörperte. Moïse fand sie, die ein wenig taub, ein wenig kurzsichtig war und etwas hinkte, jeden Abend bald ohne ihr Hörrohr, bald ohne ihr Lorgnon oder ihre Krücke. Sie warf diesen Ballast aus Bescheidenheit ab, ohne sich zu beschweren, und einzig in der Absicht, mit der nötigen völligen Blindheit und Taubheit sich dem Nichts zu nähern.

Aus der gleichen Bescheidenheit legte sie jetzt mehr Sorgfalt auf ihre sonst allzu einfache Toilette, damit es nicht den Anschein habe, als wolle sie vor den Augen des Richters ihre Häßlichkeit – ihre einzige Armut, ihr einziges Verdienst – vergrößern. Mit der Fähigkeit ausgestattet, zwischen verschiedenen schwarzen Stoffen zu unterscheiden, die einzigen, die sie ihr Lebtag getragen, wählte sie mit dem gleichen Scharfblick, wie ihn andere Frauen für den Unterschied von Orange und Indigo haben, für ihr letztes Kleid ein tiefes Schwarz, das nicht als Trauer gedeutet werden konnte. Sie war sechsundvierzig Jahre alt. Sie hatte in einer Zeitung gelesen, daß das durchschnittliche Lebensalter in Frankreich genau siebenundvierzig ist, und empfand Freude darüber, zu sterben, ohne den Kindern Tage, die ihr eigenes Leben hätten verlängern können, zu rauben, ihnen vielmehr noch fast ein ganzes Jahr als Zugabe zu hinterlassen. Nie gab es eine Klage, nie einen Ausbruch; sie wußte, sie könne ihren Mann nicht täuschen, ihm nicht verbergen, daß sie dem Tode entgegenging, doch hielt sie darauf, daß er sie in gutem Stande, ja bei guter Gesundheit sozusagen ans Ende kommen sehe. Sie war glücklich, auf so gute Art dahin zu gelangen. Wenn Moïse sie anblickte, las er nicht mehr jene Bitte um Verzeihung in ihren Augen, die ihn seit seiner Vermählung bis zu Tränen rührte, sondern vielmehr einen Strahl von Genugtuung, von ein bißchen Selbstgefälligkeit fast darüber, daß sie zum erstenmal in ihrem Leben eine Beschäftigung hatte, für die sie geschaffen war. Sie konnte von ihren besten Eigenschaften bisher keinen Gebrauch machen, doch das war nicht ihre Schuld, sondern die des Lebens. Ihre Eigenschaften waren Heroismus, Geduld, kühne Beherztheit, grenzenlose Hingabe. Wäre das Leben für Moïse anstatt Triumph, Luxus, Freude eine Katastrophe, ein betrügerischer Bankrott, eine Löwengrube gewesen, dann wäre Saras Natur strahlend zur Geltung gekommen, und Moïse wußte das wohl. Er hatte der Vorsehung oft dafür gedankt, daß sie ihn mit einem Wesen verbunden hatte, durch welches jene Laufbahn des Mißgeschickes, die er stets parallel zu seiner glückhaften wie ein Talent fühlte, von dem Gebrauch zu machen er keine Gelegenheit fand, geadelt und erhöht worden wäre. Sooft ihm diese seine Begabung für das Unglück, den Bankrott, die Gefahr ins Bewußtsein trat – ein Gefühl, wie es Mozart für die Musik gehabt hätte, wenn er Steuereinnehmer gewesen wäre, oder Galilei als Militär für die Metaphysik –, freute es ihn, die beste Geige wenigstens, die dankbarste Hypothese zur Hand zu haben: Sara. Nun aber ereignete es sich, daß die erste der Prüfungen, in welcher Sara sich bewähren sollte, eintraf, und das war eben Saras Tod. Man konnte nach ihrer Haltung ermessen, wie sie sich in den anderen benommen hätte. Der Tod vermochte dieser demütigen Frau nur Würde zu entlocken. Die ganze Pracht des Hauses und der Lebensweise, gegen welche sie sonst abstach, erschien dadurch fast zu einfach; es war durchaus natürlich, daß man die goldenen Tassen aus dem Büfett nahm, daß die Dienerschaft vom frühen Morgen an die Livree trug. Hatte Sara bis zu diesem Tage keine anderen Genossinnen als eine arme Kusine, namens Frau Bloch, und eine Gesellschaftsdame, Fräulein Durand geheißen, so sah man jetzt fast vollzählig die ganze Reihe jener Persönlichkeiten erscheinen, welche mehr oder minder authentisch die höhere Sphäre und die menschliche Würde in Paris darstellten: den Oberrabbiner, den Erzbischof, den Herzog von Aumale. Alle wohltätigen Gesellschaften, die sie mit Mitteln versah und in denen sie nie etwas anderes als ein einfaches Mitglied sein wollte, entsandten zu ihr ihre Direktoren und Präsidenten, die, sonst überall als Konkurrenten kühl miteinander, sich bei ihr versöhnten. Aus Bescheidenheit ließ sie ihre Tür nicht verschließen. Sie, die nie einen Jour gehabt hatte, empfing jetzt zu jeder Stunde; alle ihre Empfangstage drängten sich am Ende ihres Lebens zusammen. Moïse stieß in den Gängen auf berühmte Männer, die im Straßenanzug oder in Uniform aus dem Zimmer kamen, in welchem sie nie gewesen, sondern wie durch ein Wunder plötzlich aufgetaucht zu sein schienen. Die noch so verschiedenen Gesinnungen vornehmer Geister besiegelten, statt einander zu bekämpfen, am Kopfende dieses Bettes ihre Eintracht. Es war das Gegenteil der Affäre Dreyfus. »Ich komme kaum dazu, dich auch einmal zu sehen«, sagte Moïse, als er allein mit ihr blieb ... Es war acht Uhr, die einzige Zeit, da sie vor Beginn der stets schlimmen Nacht etwas Ruhe fand, doch sie verbarg es vor Moïse und opferte ihm den letzten Schlaf. »Ich aber«, antwortete sie, »ich sehe dich immer.« Beide sprachen das Gegenteil von dem aus, was sie fühlten: Moïse verzichtete zur Not darauf, Sara zu sehen, war aber stets in Gedanken bei ihr, Sara wünschte glühend seine Gegenwart, doch dank der zärtlichen Diagonale zwischen ihrem Herzen und ihren Lippen drückten sie beide eine treue und reine Liebe aus. Aus Saloniki war Rachel, eine angeheiratete Kusine, eingetroffen, die Sara sehr liebte und die nur spanisch sprach. Rachel hielt sich stets zwischen Bett und Wand auf, und voll unbändiger Neugier auf das ferne Paris, das sie zum erstenmal wegen der Krankheit und der Sterbeliturgien ihrer Kusine besuchte, verlangt sie über alle Besucher und zu allem, was Sara sagte, Aufklärungen und Erläuterungen in spanischer Sprache – Este el hombre que mata microbios. Este el grande Tenante General de Negrier. Meme gusta agua pura mas que Tokay ... Moïse hörte im Geiste noch diese großartige Übersetzung der letzten Eindrücke Saras und ihrer letzten Wünsche, etwas Nahrung einzunehmen. Jetzt noch, wenn er im Restaurant einen Spanier in seiner Sprache Gänseleberpastete und herben Wein bestellen hörte, erbebte er in Erinnerung an diese neue Art, sich dem Tode zu nähern. Nach dem Tode Saras liebte er Spanien als die freie Zone zwischen dem Leben und dem, was ihm folgt. Er reiste oft hin, aus einem Bedürfnis, die Gemälde, die Landschaften, den Tanz dieses Mittlerlandes kennen zu lernen, das durch seinen Adel und seine reine Akustik unsern Weltteil mit dem Jenseits verbindet. Er gewöhnte sich an diese spanische Auferstehung Saras nach jeder ihrer letzten Bewegungen oder ihrer letzten französischen Gedanken, als wäre es ein Beweis der Lebenskraft und der Hoffnung. Doch der Tag kam, da sie sagte: »Ich sterbe« – und die vollkommene Übersetzung davon war, daß sie plötzlich starr, gestreckt und bleich wurde wie die Jungfrau auf einem Greco.

Aber der Tod Eglantinens, so wie er ihn sich zuweilen mitten in der Nacht vorstellte, stand diesem Tode in nichts nach. Es war der einfachste Tod, den Moïse je gesehen hatte. Eglantine litt nicht. Sie nahm nicht ab. Sie wurde nur ganz einfach von Tag zu Tag immer weniger rosig, immer weniger lebendig. Sie erreichte die letzte Unbeweglichkeit durch eine von Stunde zu Stunde wachsende Zurückhaltung und Höflichkeit gegenüber dem Nichts. Ihre Temperatur sank täglich mehr und mehr: 37, 36,35. Sie starb eines Todes, wie wir ihn sterben müssen, wenn die Sonne langsam auskühlte, eines Todes übrigens, den wir in der Tat sterben, nur hindert unsereinen daran Alter und Krankheit. Sie starb an einer Art von besonderem Weltuntergang, der aber Moïse das Ende des einzigen Lebewesens schien, das er kannte, so sehr schleuderte Eglantines Wirklichkeit alle anderen Wesen ins Nichtsein oder in das bloß Angenommene zurück. Wenn er von ihr kam, noch lau von einer Wärme, die sie dem Leben allein verdankte und die auf ihn stärker wirkte als Feuer, dann schienen ihm seine Freunde, ja er selbst und alle, die vorüberkamen, nur durch die Sauerstoffverbrennung und die Gebärdennachahmung künstlich zu atmen und sich zu bewegen. Er kam so weit, daß er die Außenwelt nur noch durch diesen Auswuchs, der in Gestalt einer liegenden Frau aus einem unbestimmten Universum herausragte, empfinden und lieben konnte. Ihr Tod war nicht ein Sterben, sondern ein allmähliches Untertauchen, ein allmähliches Verschwinden. Möglich, daß einige Wochen hindurch eine Hand bloß, eine Brust als letztes Zeichen, als letzte Erhebung sichtbar blieb, und dann Schluß ... Diese Hand, diese Schulter, von der man nur die Krümmung noch sah, diese schon schattenhafte Kurve, dieser Schein der Kurve, der sich in einem Nebel verlor, das war der Tod Eglantinens. Die einzige Frau, die kein Automat war hienieden, starb. Er erlangte von ihr durch unendliche Zuvorkommenheit, daß sie Worte ausspreche, die man nun zum letztenmal hören sollte, Worte, die fortan nur durch den Phonographen, den echten Phonographen, die menschliche Kehle, Wiedergabe finden würde: Danke ... Ja, ich liebe Sie ... Er sah mit Angst und äußerster Neugier, wie die Sterbende Wahrheit verlieh den Dingen, die morgen schon unecht sein würden, dem Wasser, wenn sie trank, dem Licht durch ihren Blick. Doch das war nicht das Schreckliche, es war ... plötzlich klopfte es an die Tür von Moïses Arbeitszimmer ...

In die Felle von vierzig Zobeltieren gehüllt, die zum erstenmal dem Rhythmus der menschlichen Lunge gehorchten, unter einer Toque aus Maulwurf, deren Kaste auf der Stufenleiter der Hüte ein nach seiner natürlichen Form geschnittener Edelstein, ein Transvaaldiamant, anzeigte, mit einem Lächeln, das man, so unparteiisch auf zwei Lippen verteilt, auch in diesen gerechten Zeiten noch nicht gesehen hatte, trat Eglantine ein und gab für die gerührten Augen Moïses dem Maulwurf und Transvaal ihre ganze Wirklichkeit wieder.

 

Der Winter war gekommen. Ein rein irdischer Winter, der unseren Boden mit Schnee bedeckte, unsere Atmosphäre vereiste. Doch von da an, wo der leere Raum anfängt, lag ein sommerlicher Himmel über Paris. Noch nie waren solchermaßen beide Jahreszeiten zu gleicher Zeit gegenwärtig. Die schönen, durch die Annäherung an unseren Planeten sich abkühlenden Strahlen stießen gegen die Scheinwerfer der Autos, gegen die vernickelten Peitschenbehälter der Fiaker, gegen die gefrorenen Obelisken, und, aus Milliarden von Kalorien entsprungen, priesen sie sich glücklich, zwischen so viel eisigen Steinen und Metall bei ihrer Ankunft einen menschlichen Körper mit seinen siebenunddreißig Graden anzutreffen. In den Straßen streuten die Straßenwärter dem nie zufrierenden Meer entnommenes Salz auf den Schnee, und alles Wasser, das durch die Keller von Paris floß, schmeckte nach dem Ozean. Doch in der Nacht fiel neuer Schnee, dämpfte die Stadt, und die benachbarten Orte hörten den Lärm von Paris nicht mehr. Der Pariser selbst wurde schwerhörig, nur nicht für die menschliche Rede, doch konnten die Mütter der Spur der ungehorsamen Kinder auf ihrem Wege zur Schule folgen. Der Schnee breitete über ganz Frankreich jene Möglichkeit der Überwachung aus, für die man bei diebischem Gesinde Ruß oder Mehl verwendet. Der Schritt schwangerer Frauen, der der Männer, welche Frauen trugen, der Ein-Schritt der Verstümmelten, das alles prägte sich heute dem Lande auf, und die Kinder beeilten sich, sich ganz darauf abzubilden, sich auf diesem beim Eintritt des neuen Jahres ausgebreiteten Kontrollpapier auszustrecken, das bald nach Schluß der Einführungszeremonie bereits verschwinden sollte.

Moïse hatte sich heute bis an das Bois hinausgewagt. Er hatte versucht, dem Ministerpräsidenten, der in der Nähe wohnte, die Aufhebung der Unterpräfekturen und der Kreisgerichtshöfe auszureden. Die Reform hatte ihn höchlichst aufgebracht. Aus Gründen vor allem, die er dem Minister nicht auseinandersetzte und die nur für Moïse allein galten. Er erinnerte sich, wie ihm auf allen seinen Reisen durch Frankreich jene Häuser gefielen, die mitten in der Stadt von einem weiträumigen Garten umgeben und – da die Unterpräfekturen und Kreistribunale zu der Zeit eingerichtet wurden, als Jussieu seine Zeder vom Libanon nach Frankreich brachte – von einer prächtigen Zeder flankiert waren. Das alles sollte nun verkauft, parzelliert, in Fabriken umgewandelt werden, deren Öfen das Holz der Zedern sicherlich als erstes schlucken würden. Das waren auf Frankreich gerechnet, drei- bis vierhundert Zedern, die dadurch zum Tode verurteilt wurden. Nach der Ausrottung der gewöhnlichen Bäume sollte die der heiligen Bäume beginnen. Dieser unselige, auf dem Libanon selbst nicht mehr vorhandene Wald von Libanon, der durch einen Glückszufall hier und mit viel größeren Abständen zwischen den Bäumen als in seinem Heimatlande wieder erstanden war und der aus jedem Gerichtskreis eine Lichtung machte, wodurch allein bei uns ein Unterpräfekt oder ein Richter in den Stand gesetzt wurde, den Himmel in orientalischer Brechung, durch eine Weisheit hindurch zu sehen, die zu allen Jahreszeiten grün blieb, diese einzig wohlduftende Ruhestange unserer Vögel, die wir haben – das alles sollte verschwinden. Unter Louis Philippe befaßte sich ein Sondergesetz mit den Freiheitsbäumen, die während der Restauration verstümmelt worden waren, und mit diesen beamteten Zedern, die in der Verordnung Bäume der Weisheit genannt wurden. Auf ihnen war ausschließlich verboten, Inschriften oder private Initialen anzubringen, und deren Äste durften, wenn sie vom Sturm gebrochen werden sollten, einzig den Schreinern der Unterpräfekturen zur Verwendung überlassen werden. So kam in Coulommiers im Sturmjahr 1860 ein ganzes Bett zustande, in Provins eine Wiege und zu Roanne drei gedrehte Sockel für die Büsten der Wohltäter von Forez. Die Bestrafung der Zeder an Stelle der Eiche des heiligen Ludwig, die unerlaubterweise in der französischen Verwaltung einreißen sollte, war es nicht allein, was ihren Landsmann erregte. Moïse hatte die Neigung, jede Reform zu mißbilligen, welche die Justiz zu einem ebenso mechanischen und unpersönlichen Gegenschlag, wie es die Elektrizität ist, zu machen versuchte und Staatsanwälte und Richter zu Glühbirnen. Er war hierin durchaus noch nicht der Meinung, daß es in der Welt einen naturgegebenen Unterschied zwischen Schuldigen und Unschuldigen gebe. Er liebte die Rückwirkungen, die jedes Einzelwesen und jede Gruppe gegen den Menschen übt, der ihre Gewohnheiten bricht. Der Umstand, daß die gesetzlichen Sanktionen in jeder entferntesten Ecke Frankreichs, in jedem Tal, auf jeder Bergspitze statthaben konnte, bewirkte bei dem Schuldigen jedesmal vielfältige Furcht und vielfältige Lust – ging man dran, den Angeklagten auch ihre Lust zu verbieten? – und gab zugleich unserer Justiz so viel Abwechslung, wie sie die Musik in Deutschland hat. Diese Reform sollte dazu führen, daß in Frankreich nicht mehr Recht gesprochen würde zu Sables-d'Olonne, zu Cusset und zu Saint-Flour, was so viel heißt, nicht mehr in einem Kessel von schwefligem Wasser und auf einem basaltenen Hochplateau. Die unveränderliche Stätte, wo der zu Tode Verurteilte seit Jahrhunderten hingerichtet wurde, sollte in der Auvergne und in der alten Grafschaft Avignon wechseln; wenn Frankreich nunmehr seine Verurteilten auf beliebigen Plätzen und Anlagen tötete, dann wurde die Gerechtigkeit eine Art Krieg, eine Jagd. Zu Ende war es in jeder kleinen Stadt mit jener nächtlichen Begegnung von Gericht, Kirche und Gefängnis, in welchem nur ein einziger Gefangener schlief, der aber so notwendig war, wie die einzige Sünde dem Gerechten; aufgelöst die Versammlung von Staatsanwälten, Gerichtsdienern, Obersekretären, die durch ihre Kleidung die Feinheit in den Schneider- und Hutläden noch aufrechterhielten, die durch Heiraten sich mit dem Handel der Stadt mischten und ihn zur Gewissenhaftigkeit erzogen. Fortan würden in allen kleinen Städten Frankreichs die wohlhabenden Krämer nur noch mit den wohlhabenden Schustern untereinander Ehen eingehen, die Weinhändler mit den Krämern und zu einer für das Land unfruchtbaren und ratlos lassenden Vervielfältigung der heimischen Erzeugnisse führen ...

Es würden in den Klub-Cafés und auf der Promenade jene Tische und Gruppen pensionierter Richter fehlen, die von der Verwaltung mit Absicht in diese Abschließung gebracht wurden, wo sie von der irdischen zur himmlischen Gerechtigkeit hinübergeleitet werden sollten, wo sie doppelte Hochachtung genossen und den Senat eines jeden Kreises bildeten. Alle Orchester, welche die ganze harmonische Musik unserer Zivilisation an sechshundertunddreißig französischen Orten spielten, im Norden von korsischen Richtern besetzt, im Bordeaux von solchen aus Limoges, – sollten nun aufgehoben werden. Warum mußten unsere neuesten Reformer solchermaßen begabt sein, das Geistige, das Unsichtbare zu zerstören? Alle waren sie Spezialisten, um die Instinkte loszuschrauben, Techniker, um das Räderwerk der Vergangenheit abzumontieren. Moïses dicker Freund hatte mit seiner mächtigen Faust das den Augen verborgene entzückende Denkmal Empire, das einzige, das die Revolution und Bonaparte über der französischen Kleinstadt aufzurichten noch Zeit fanden, abgerissen und kündigte bereits durch Plakate die Versteigerung der Gerichtsgebäude und Kanzleistuben, allen Eigentums der letzten Verurteilten, der Justiz, an.

Moïse befand sich am Rande des Bois, als er Eglantine erblickte. Sie näherte sich dem Gitter mit plötzlich gleichgültig werdender Miene, mit einer Unauffälligkeit, wie jemand, der auf der Flucht ist, um dann, als sie die Grenze von Paris überschritten und sich aus den Augen des Zollwächters fühlte, die Konterbande, die sie aus der Stadt mitbrachte, einen jugendlichen Schritt, ein lächelndes Gesicht zu enthüllen. Selbst ihr Kleid, ihr Pelz schienen sich zu beleben. Moïse folgte ihr. Sie wiederholte jenen Spaziergang, den sie am Tage ihres ersten Zusammentreffens auf dem belebtesten Punkte der Welt ausführte, heute auf dieser menschenleeren Bahn. Er war zwanzig Schritt hinter ihr her, er sah, daß sie ihren ganzen Schmuck angelegt hatte. Die Sonne fiel schräg auf sie; er hätte unter Tausend diesen Arm, diesen Hals, auf dem die kostbaren Steine einen reinen Schimmer warfen, wiedererkannt. Sie hörte hinter sich einen Schritt und ging, von Unruhe erfaßt, hastiger voran. Mit der den Frauen, wenn sie einen Dieb vermuten, eigenen Logik ließ sie durch den raschen Gang ihre Spangen und Ringe noch mehr erglänzen. Sie schritt, ohne sich umzusehen, stets in einer Gangart bald rascher, bald langsamer dahin, die dem Gang der Erde im entgegengesetzten Sinne zu entsprechen schien und das Gefühl eines göttlichen Auf-der-Stelle-Tretens auslöste. Sie folgte offenbar einer ganz bestimmten Route, wie damals die vom Vendôme-Platz nach der Avenue Gabriel. Zuweilen bemerkte Moise im harten Schnee den Abdruck eines Absatzes, der dem heutigen ähnlich war, und meinte, es sei die gestrige Spur. Da es ihn ermüdete, sie zu erreichen, ließ er den Abstand zwischen sich und ihr größer werden, wurde neugierig. Alles, was der Wald im Sommer verbirgt, war heute auf dem weißen Hintergrunde sichtbar, die Vogelnester, die Hirschkühe. Der Atem Eglantines, der Hauch, den er um ihr Gesicht sah, das einzige Anzeichen von Wärme zwischen den trostlosen Büschen machte plötzlich die Tiere, diese geheime und verliebte Schrift der Natur in den Wäldern, sichtbar, die heute die gleiche Sprache mit dem Hauch ihrer Mäuler sprachen. Die gleiche moralische Vision, die sie am ersten Tag von den Diamantenhändlern, den Geschäftsführern, den Marine-Uhrmachern seines Stadtteils in ihm erweckt hatte, gab sie ihm heute von den verschiedenen Baumgruppen und Bäumen. Moïse fühlte heute – dank ihr und vielleicht wegen der Geschichte mit den Zedern – die genaue Distanz, welche die Menschen von den Akazien, den immergrünen Eichen trennt ... Eine Distanz, die dadurch verringert wird, daß man sich ihnen nähert, sie mit der Hand streichelt. Eglantine erreichte jetzt den Hohlweg, der nach dem Stadtteil Madrid führte, wo ein Förster ihn auf ein dreifaches Echo aufmerksam gemacht hatte. Der Förster war gerade da. Es war einer, der früher wirklich in Wäldern gelebt hatte und nicht wie die meisten seiner Kollegen ein Gärtner, den man plötzlich mit der gleichen Machtbefugnis über Tiere und Menschen belehnt hatte, ein Schutzmann für die Fauna und Flora. Gewöhnlich pflegte Moïse sich in ein längeres Gespräch mit ihm einzulassen, erfuhr durch ihn, wie die Schwäne von dem kleinen zum großen See hinüberkommen, oder etwas über die Wanderungen der Ratten von Bagatelle, über die Ankunft der Waldschnepfen und Brachschnepfen und über die Krankheiten der Ziegen vom Polo-Klub, und freute sich, dank ihm, hinter diesem Park und seinen Pariser Sitten die echten Sitten und Gewohnheiten der Wälder wiederzufinden. Heute kam es nicht in Frage, das dreifache Echo, das unter den Schritten Eglantinens ein dreifaches Schweigen wurde, zu probieren. Der Wächter bestand übrigens nicht darauf. Er hatte von einer Jagd auf die Genette-Katze zu erzählen, er verstand sich nämlich aufs Fallenlegen, doch entging es ihm nicht, daß es sich im Augenblick ebenfalls um eine Jagdtätigkeit oder zumindest um eine Verfolgung handelte. Er hätte aber gleichwohl dem Baron viel über den Einbruch der Raben zu erzählen gehabt, von denen gerade eine Schar, als sähe sie das tragische Ende dieser Jagd und eine Beutemahlzeit voraus, hungrig, in heuchlerischen Bögen zwischen der jungen Frau und dem alten Manne flog, ungewiß und ohne noch erraten zu können, wer das Opfer sein werde, doch näher an Eglantine als an dem schönen silbrigen Haar. Moïse hatte nicht den Eindruck, daß sie zu einem Rendezvous ging, denn wenn ihr Weg auch klar vorgezeichnet schien, konnte man doch sehen, daß sie an keine Zeit gebunden war. Sie hatte den Schritt eines Menschen, der ein gefangenes Tier füttern oder irgendeine Statue bewundern geht. Sie ging zu irgend etwas, das nicht friert, nicht hustet, zu etwas, das, alles in allem, heute so bestimmt das Gegenteil von Moïse war, daß er die Empfindung hatte, sie entferne sich von ihm. Die Luft wurde bereits windiger, die Pinien erschienen; alle Kräfte der Höhe entwichen aus dieser flachen Landschaft. Dann kamen die Fichten. Dann kam an der Stelle, wo sich eigentlich ein Observatorium befinden sollte, das Gitter des Bois ... Moïse war dadurch bedrückt. Plötzlich erbebte er.

Eglantine war vor einem Briefkasten, der am Gitter angebracht war, stehengeblieben. Es war der Briefkasten für die Bewohner des Bois, für die Akzisebeamten, die Gärtner, die Sittenpolizei. Nie hatte er mit einem Geschäftsbrief, einem Werbeprospekt zu tun gehabt. Eglantine hatte vor ihm stehend einen Brief aus ihrer Handtasche herausgenommen. Sie betrachtete ihn, glättete mit der Hand den Umschlag, und da ein Auto sie grade dem Blick des Torwächters entzog, bedeckte sie ihn mit Küssen, schob ihn bescheiden in den Schlitz wie ein Almosen für den Park und kehrte in die Stadt zurück. Moïse schien es plötzlich an dem nötigen Paß für den gleichen Weg zu fehlen, er nahm seinen Weg nach Hause durch den Bois.

Der Rest des Tages wurde ihm lang. Er empfand Bitterkeit und zugleich etwas wie Erleichterung. Nicht daß er überzeugt gewesen wäre, daß Chartier sich getäuscht, daß Eglantine eine Vergangenheit hatte, doch dieses Geheimnis, diese Geste von ihr bewies, daß sie eine bestimmte, schicksalhafte Zukunft hatte, und das zerstörte in Moïse jedes Bedenken, ob er in ihr Leben eingreifen dürfe. Die Vision von einer Eglantine nach ihrem Bruch mit Moïse, gestern noch ein undeutlich fernes Futurum, wurde zu einem Präsens. Moïse versuchte den ganzen Tag, das Nichtwissen und das Vergessen gewaltsam von sich abzuwehren, um seiner Liebe einen weiteren Spielraum zu schaffen. Er wagte es, Eglantine, als sie um sechs Uhr zu ihm kam, in seine Arme zu nehmen, wagte es, sie zu küssen, sie zu bitten, daß sie bei ihm in der Avenue Gabriel Wohnung nehme. Sie stimmte zu, sie ließ sich von ihm umarmen, so, als müßten sie beide sich beeilen, das Leben einer schon alten Vergangenheit nachzuholen. In der Nacht erwachte er. Der Gedanke tauchte in ihm auf, daß der Brief vielleicht an ihn gerichtet sei. Er machte sich wegen seines Benehmens am Nachmittag ihr gegenüber Vorwürfe. Er konnte nicht wieder einschlafen. Alles, was Eglantine während des gestrigen Besuches gesprochen hatte, waren Worte, wie man sie in einem Brief gebraucht: »Mein lieber Freund«, »auf bald, mein Lieber«; ja, sie hatte sogar wie für das Kuvert »Herr Moïse«, gesagt. Er ließ seinen Sekretär wecken und befahl, ihm die Post gleich aus der Hand des Briefträgers zu bringen.

Der Erfolg war, daß er durch den einzigen von der ganzen Post an ihn persönlich eingetroffenen Brief eine Stunde früher erfuhr, daß seine Exzellenz Monçalva y Ventura y Milleto Guarrero, Präsident der Republik von Guatemala, ihm auf Antrag des Herrn Ramon de Urugue Plancentas, seines Zeremonienmeisters, den Großorden des Kreuzes des Südens verliehen hatte, grün mit gelben Streifen, mit malvefarbener Litze für die Gala und mit karminroter für minder feierliche Gelegenheiten.

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