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Eglantine

Jean Giraudoux: Eglantine - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorJean Giraudoux
titleEglantine
publisherSuhrkamp Verlag
printrun16.-20. Tausend
year1964
translatorEfraim Frisch
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131106
projectideee16016
wgs9110
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Zweites Kapitel

Es war Oktober geworden. Ein Zug von Kranichen, die sich so selten in Paris sehen lassen, flog über der Stadt und wurde zur Belustigung der jungen Mädchen laut mit Namen begrüßt. Nach einem Stundenplan, den weder der Krieg noch die Gicht abgeändert hatten und der so fest und unerbittlich war wie die schnurgerade asphaltierte Promenade, in welche die Städte des Orients auslaufen, verließ Moïse um sechs Uhr sein Büro und begab sich durch die Rue de la Paix, den großen Boulevard, den Faubourg St. Honoré nach seinem in der Avenue Gabriel gelegenen Hause. Er kannte jeden Gegenstand, jede Verkäuferin auf der Seite seines Trottoirs, aber keinen Laden gegenüber, bevorzugte die ersteren mit der Vorliebe, wie man sie in Kriegszeiten für die heimischen Gewerbe hat, bezog einzig von ihnen seine Seife, seine Strümpfe, seine Gemälde, und das alles nur, weil das Spiel von Sonne und Schatten ihn bei seinem Ausgang zu dieser Stunde an dieses Gestade fesselte. Weit mehr als das Land, das er gar nicht liebte, gaben ihm die Schaufenster ein Bewußtsein von der Jahreszeit, und zur Tag- und Nachtgleiche, wenn die Krawatten und Hosenträger braun und malvenfarben zu Hunderten in den Auslagen herabregneten, dann erst ließ er – da es ihm an eigenem Antrieb dazu fehlte – seine Garderobe erneuern. Die Sachen, die es auf seiner Straßenseite nicht gab, besorgte sein Kammerdiener, so daß alle übrigen eine persönliche Note hatten und auch dadurch eine gewisse Weihe erhielten, daß in diesem Stadtteil die Nahrungsmittel und Tabakläden von Juwelieren und Antiquitätenhändlern umgeben sind. Was er für die Passanten dieses Trottoirs, Wesen von der gleichen Temperatur, mit denen er verkehren konnte, und fast lauter Stammpublikum übrigens, empfand, war das Bedürfnis, sie jeden Abend wieder zu finden, wieder zu sehen, eine Art Heimweh nach diesen ungekannten und doch täglich nahen Gesichtern, nach dieser vertrauten Fremdheit. Es war so etwas wie Liebe, und er konnte jeden Abend mit größerer Genauigkeit als das statistische Amt den Prozentsatz der Fremden unter ihnen, der in Paris neuangekommenen Fremden angeben, der Leute, die soeben aus Indianopolis oder aus Karachi eingetroffen waren und für welche sein Herz nicht schlug. Er hätte um nichts in der Welt auf diesen Spaziergang verzichtet, der ihm – von dem Gebäude an, wo er selbst mit Gold handelte, an einer Reihe blühender Geschäfte vorbei, die Apotheke eingeschlossen, bis zu ihrer aristokratischen Formel, durch einen richtigen Basar für Götter, auf dem einzigen Steig der Welt, auf dem alle Maharadschahs, alle Könige von Hedjas, alle Nachkommen Bernadottes in ihrem Leben unvorhergesehene Schleichwege einschlugen, ihre königlichen Spuren verwischten, jeder von ihnen bemüht, irgendeinen wütenden, sie persönlich verfolgenden Drachen zu täuschen, auf der ganzen Strecke nur ein einziger Bettler, welcher der reichste Arme von Paris war – der ihm durch den Abstand der Frauenröcke vom Boden, durch die Qualität des Rouge auf Frauenlippen die genaue Temperatur des Luxus und des Vermögens vermittelte. Doch heute abend stieg er verstimmt die Treppen seiner Bank hinab. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er sich über die Bewegung der Drachme getäuscht; er war darüber verdrossen. Das war so, als könnte Moïse, der die geringste Regung des prophetischen Venizelos stets erraten hatte, den Gedanken des Pangalos nicht erraten. Seine Auskünfte über Rußland waren sogar in ihm selbst widerspruchsvoll. Zu guter Letzt riet ihm sein Arzt, auf seine Milz achtzugeben. Nachdem er ihm zwanzig Jahre lang beigebracht hatte, sich mit der Leber in acht zu nehmen, wodurch seine ganze Empfindlichkeit nach rechts gewiesen, der Weltatlas nach dem System von Karlsbad und Vichy eingerichtet wurde, sollte jetzt plötzlich alles nach links umgeladen werden und die Bahnhöfe in den Ferien gar ihre Namen wechseln. Am schlimmsten, daß er links noch keine Schmerzen spürte, dafür dumpfer Druck und Ziehen die angeblich so gesunde rechte Seite fortgesetzt zu beunruhigen nicht aufhörten. Kurz, die letzten Nachrichten des jungen Jahrhunderts und sein alter Organismus stimmten heute mittelmäßig oder gar nicht überein ... Er hatte es übrigens vorher gewußt, daß es ein übler Tag werden würde. Sobald am Morgen der Abdruck der öligen Hand des Garageburschen auf der Rückwand des Autos, das er hinausbringen half, wie die Hand Fatmes zu sehen war, ging alles schief ... Doch grade an der Tür der Bank, als hätte die Vorsehung ihm beim Hinaustreten auf die Straße Verstärkung geschickt, ging mit jenem leichten Schritt, durch welchen uns die Trainer einnehmen, eine junge Frau an Moïse vorüber. Sie ging im selben Schritt wie Moïse, mit der gleichen Geschwindigkeit. Keine Möglichkeit, den Vorsprung von fünf Metern, die sie bereits voraus hatte, jemals einzuholen. Doch Moïse machte sich nichts daraus, er empfand in diesem Augenblick weniger den Wunsch, zu folgen, als überholt zu werden ... Der Anblick einer Antilope entlastet einen zuweilen glücklicherweise davon, als Mensch geschaffen zu sein. Das Wesen, das vor Moïse herschritt, war von den drei Sorgen, von denen er besessen wurde, dermaßen frei, daß es ihn fast erleichterte. Ebenso wie an ihr kein Schmuck zu sehen war, schien diese junge Frau durch nichts an Aktuelles gefesselt zu sein, durch keine griechische Politik, durch keine Milz. Es war angenehm, zu denken, daß in diesem reizenden Körper, an dem jeder Teil so fabelhaft symmetrisch war, allein das Herz eine ungewöhnliche, besondere Rolle hatte. Der Gedanke, diese Frau nicht mit dem zu versuchen, was ihr allenfalls Freude und Vergnügen machen sollte, etwa mit einem leckeren Mahl oder mit Sinnenlust, sondern mit etwas, das sie aus dem Gleichgewicht brächte, mit dem Herzen, um es kurz zu sagen: mit Liebe, mit Zuneigung, hätte sich jedem andern etwas mehr mit sich zufriedenen Manne, als es Moïse war, bestimmt aufgedrängt. Er aber begnügte sich damit, sie zu bewundern, denn sie zeigte auf diesem Weg, den sie vielleicht zum erstenmal zu dieser Stunde ging, Feinheiten, die zu erlangen Moïse Jahre gebraucht haben würde. Zeit und Blick, die sie jedem Laden widmete, waren so abgestuft, daß man meinen konnte, sie kenne genau das innerste Wesen seines Besitzers. Vor einem betrügerischen Antiquar beschleunigte sie den Schritt, verlangsamte ihn vor dem einzigen Parfümeriegeschäft, dessen Inhaber kein Chemiker war, und rächte Moïse allein durch den Rhythmus ihres Ganges für schlechtgewebte Krawatten und ein wenig übermalte Rubensbilder. Dank ihr gab sich Moïse heute auf seinem Spaziergang moralische Rechenschaft, wie zum letztenmal an einem Morgen, wenn man Selbstmord begeht, oder vor einem Erdbeben, das den Stadtteil zerstört; die Art seiner Beziehung zu den Juwelieren wurde ihm endlich ganz klar. Er glaubte jetzt genau unterscheiden zu können, für welchen unter ihnen er mehr als bloß ein Käufer war, ein Stammkunde, ein Freund, für welchen ein Bruder. Die gleiche Gemütsbewegung, die wir als Begleiter unserer ersten Geliebten für jene Denkmäler, mit denen sie in Berührung gekommen ist, für die Fontäne von St.-Sulpice oder den Eiffelturm empfanden, fühlte Moïse jetzt für die großen Geschäftsführer, für die Verkäuferinnen auf seiner täglichen Strecke, für die verschiedenen Zeitungsfrauen in den Kiosken, dank diesem Weib-Herold, der ihm, wer weiß, zu welcher ihm selbst noch geheimen Ankündigung oder Versteigerung voranschritt. Sie wurde übrigens von den Vorübergehenden viel angesehen, und die Distanz zwischen ihr und ihm war nicht groß genug, damit die Aufmerksamkeit, die sie erregte, durch Moïse nochmals in Bewegung geriete. Freunde sahen ihn nicht, der Türsteher vom Westminster grüßte ihn nicht. Man hätte sich kein lieblicheres Mittel vorstellen können, um unsichtbar zu bleiben. Im übrigen machte diese Frau keinen Augenblick den Eindruck, als sei sie allein; ihr linker Arm war freier, gelöster als der rechte, das Übergewicht lag mehr nach der Ladenseite als nach der Straße; kein Augenblick, daß sie nicht unwillkürlich, aus Gewohnheit vielleicht, den Platz zu ihrer Rechten für einen Gefährten freigehalten hätte. Moïse hielt sich nur mit Mühe auf der Straßenseite des Trottoirs, ein frauenleerer Raum bildete sich zu seiner Linken, und er fragte sich: Warum? Denn schon längere Zeit hatte ihn keine Gestalt dieses Geschlechtes angestoßen. Das Band, das ihn mit dieser jungen Frau verknüpfte, war derart unsichtbar, daß ein Mann ihr folgte, dann auf gleicher Höhe mit ihr blieb, indem er jenen unsichtbaren Hohlraum besetzte; was Moïse fluchen machte, weil er aus ihm ausgeschlossen war. Dem andern bereitete es offenbar ein Vergnügen, neben ihr herzugehen, mit ihr ein Paar zu bilden, das er nicht ohne Stolz den Vorübergehenden zeigte; doch übrigens bald von dem gleichmäßigen und langsamen Schritt viel mehr ermüdet und zurückgeworfen als durch einen Wettlauf, blieb er von ihr aus den gleichen metaphysischen und logischen Gründen getrennt, welche einst den im schnellsten Lauf dahinrasenden Achilles verhinderten, ein im Schritt gehendes junges Mädchen zu erreichen. Dann kam ein anderer, ebenso mittelmäßiger Läufer. Sie setzte ihren Weg, ohne von diesen falschen Ehen auch nur Notiz zu nehmen, in einer vorbildlichen Weise fort, an welcher man unter den Maschinen für die Fortbewegung, die in ihre Nähe kamen, Autos, Autobusse, Fahrräder, jene unterscheiden konnte, die wahrhaft menschlich waren; in einer vorbildlichen Haltung, die den Maßstab dafür bot, welche Denkmäler und Häuser auf menschlicher Höhe waren. Sie ging, ohne abzuweichen, auf Moïses Fährte voran, den diese göttliche Schleppfahrt mitzog, erreichte sogar durch die gleiche Furt wie er den Platz Beauvau, ging die Mauer des Elysée-Palastes entlang, an diesem Staubecken der Macht, das zu dieser Stunde bis zum Rand voll Lust und Vogelstimmen war, und plötzlich – Moïse glaubte in seiner Erregung einen Wald vor sich zu sehen – wurden die ersten Bäume der Champs-Elysées sichtbar. Das war der Punkt, wo Moïse hätte stehenbleiben müssen. Noch hundert Meter, und er müßte ihr folgen; es würde dann nicht mehr die sanfte Berührung eines irrealen Lebens mit dem seinen sein, nicht jene Überraschung des Löwen, der plötzlich die Gitterstäbe seines Käfigs, in dem er eingeschlossen ist, von einem Vogel durchschritten sieht. Dort unten, von dem japanischen Firnisbaum an, dessen Wurzeln die Allee buckelten und dessen Schatten den harten Rand der Grenze von dem weichen schieden, begann schon das Abenteuer. Moïse liebte die Abenteuer nicht mehr, suchte sie auch nicht mehr, doch wie jene alten, abgenutzten und beschädigten Teppiche, die man für die Museen mit Wasserfarben ergänzt, hätte er das Gewebe seines Lebens durch Freundschaft von kürzerer Dauer, durch kameradschaftliche Beziehungen gern nach dem Muster vollenden mögen ... Er zögerte. Gewiß, er hätte nicht beschwören können, daß er jene beim ersten Zusammentreffen sich einstellende Angleichung zwischen den Frauen, die man in seiner Vergangenheit hat, und der Frau, die sich ihnen anreihen soll, in diesem Augenblick nicht empfand. Diese Frau paßte sich Moïses Heldinnen vielleicht gerade durch alles das an, was jene niemals besaßen, durch ihren eigenwilligen und anmutigen Gang, durch die Abwesenheit oder vielmehr Unkenntnis jeden Schmucks, die auf Moïse wie eine Jungfräulichkeit wirkte; – kein Ring, keine Spange, bis auf die Knöpfe aus Stoff war nichts an ihrem Anzug, das von längerer Dauer hätte sein können als sie selbst. Er zögerte. Er hätte sich beeilen müssen, denn sie befand sich bereits längsseits der Börse für neue Briefmarken, wo zu dieser Stunde anläßlich der Marken auf allen Briefen, welche die Litauer und die Esten nicht geschrieben haben, ein lebhafter Handel mit den neuen baltischen Emissionen stattfand. Zwanzig Schritte noch, und Moïses Strecke, ein so kurzer Ausschnitt nur aus der unbegrenzten dieser Frau, war zu Ende. Nie hatte er eine solche Hemmung gespürt. Das Schicksal entschied für ihn. Er hatte sich dem Rand der Allee genähert, um sein Haus zu erreichen, als ihn ein Fuhrwerk anstieß. Er verlor das Gleichgewicht, wäre gestürzt, da fühlte er sich unterstützt, wieder auf die Beine gestellt, und erblickte über seiner Brust zwei in der Anstrengung verschlungene Frauenhände mit jener unendlichen Fingerzahl, wie sie Jungfrauen im Gebet haben. Doch ohne Ring, Armband oder Uhr, ließ ihr entblößter Anblick Moïses Herz schneller schlagen und veranlaßte ihn, sich fast ehrfurchtsvoll aus dieser Umarmung zu lösen – nicht ohne Erschrecken, als er wahrnahm, daß die eben noch in einiger Entfernung gesehene Frau verschwunden war. Der Horizont war leer, so war sie es wohl. Nur weil Moïses Herz so schnell schlug, konnte er den gleichmäßigen Rhythmus des gegen ihn lehnenden Herzens nicht fühlen, das Herz der Unbekannten, die ihn über dem Kies der Champs-Elysées festhielt wie eine Bestatterin.

Er machte sich frei. Sie wartete ernst, gab acht, daß er wieder ins Gleichgewicht kam, ließ ihn erst los, als sie dessen sicher war, und übte so zum erstenmal an Moïse jene Sorgfalt, wie sie Mütter für ihr Kind haben, an dem Tage, da es gehen lernt. Seitdem dachte Moïse oft mit Rührung an diesen Augenblick, an diese neue und logische, vom Leben gefundene Lösung: recht alt zu sein mit einer sehr jungen Mutter. Sie, ohne zu ahnen, daß sie eben das erlebt hatte, was so viele ihrer habgierigen Schwestern ersehnen, Carnegie vor dem Ertrinken zu retten, das scheugewordene Pferd Rockefellers zum Stehen zu bringen, sie klopfte ihm den Staub von den Kleidern, nicht den Straßenstaub, denn er hatte den Boden nicht berührt, sondern ihren Puder und ein bißchen ihres Parfüms. Moïses Gedanke war noch so sehr unterwegs, um dem Bilde der jungen Frau auf ihrem ewigen Weg längs der Champs-Elysées zu folgen, daß er der jungen Frau, die leibhaftig vor ihm stand, nichts zu sagen vermochte.

– Sie sollten eine Stärkung zu sich nehmen, sagte sie. Darf ich Sie begleiten?

Moïses Wohnpalast befand sich gerade zur Rechten, das berühmteste Tanzcafé von Paris gerade zur Linken. Der plötzliche Wunsch nach Einsamkeit, Zartgefühl und Ehrfurcht vor der Zukunft bewirkten, daß Moïse sich für das Tanzhaus entschied.

– Gehen wir da hinein, sagte er.

Sie zögerte.

– Nun denn – Sehen Sie mich an!

Sie lächelte und trat ein. Moïse fragte sich seitdem oft, was diese Frage und das Lächeln der jungen Frau alles in allem zu bedeuten hatten. Was wollte sie mit dem – »Sehen Sie mich an« – sagen, und wovon war sie daraufhin überzeugt? Wollte sie damit sagen, daß ich häßlich bin oder daß ich alt bin oder daß ich einer Gemeinheit nicht fähig bin, oder: Was ist es mit der Milz? Indessen schien aus der Haltung seiner Begleiterin, die plötzlich rosig und heiter war, hervorzugehen, daß ihren Worten ein unendlich viel noblerer Sinn innewohnte als allen seinen Deutungen, und sie trat so aufrecht und schwirrend in den Saal, als wäre sie in Begleitung eines jungen, hübschen und gesunden Mannes.

Es war schwer, Platz zu finden. Sie wurden beide einer Art von Scheinwerfer gegenüber gesetzt, unter dem keinem vom andern das Geringste entgehen konnte. Jedes war von allem, was ihn vor den Blicken des anderen verhüllt hatte, vom Halbdunkel, von der Abenddämmerung, von der Distanz plötzlich entkleidet. Selten wohl saßen Menschen so eng beieinander, die ein so genaues Bild voneinander hatten und zugleich in so völliger Unkenntnis ihrer persönlichen Verhältnisse waren. Es war auch einer jener Abende, an dem Gesichter, Hände, Körper eine solche Besonderheit und Individualisierung bekommen, daß man meint, die Seele habe man nur fertig aus der Konfektion beziehen können. Moïse war von diesem grellen Aug in Aug ebenso befriedigt, wie er es ein andermal von einer Seelenbeichte gewesen wäre. Er, der in Beziehung auf alles, was Männer betrifft, voll unbändiger Neugier war und über sie einen Nachrichtendienst unterhielt, den er sich als Luxus leistete, liebte dagegen jene Doppelgängerinnen ihrer selbst, welche in einer frauenfremden Atmosphäre die noch so klar umrissenen Frauen geheimnisvoll machen. Ja, er ermutigte sogar diese Schatten auf Kosten der Frauen selbst. Er wußte, daß diese Kopien an Würde und Interesse gewannen, wenn sie ganz als für sich seiend behandelt wurden; er wußte, daß auch die selbstsüchtigsten Frauen für den, der ihr Alter nicht kannte, außerhalb ihrer selbst gleichsam ein Herz, das bluten konnte, eine echte Jugend besaßen und daß sogar die hartherzigsten und heuchlerischsten wieder zum Weinen und zur Treue gebracht werden konnten, wenn man ihre wahren Vornamen nicht wußte. Obgleich er in seiner Wahl nicht immer glücklich gewesen war, eben weil er es den Frauen so leicht machte, ihre wahre Natur wiederzufinden, und obgleich sie ihn oft betrogen und genarrt hatten, kann man doch wohl sagen, daß er nur anständige und treue Frauen zu Freundinnen gehabt hatte. Doch bis jetzt waren sie es immer, die Moïse brauchten. Sie kannten seine Herkunft, wußten genau, wie reich er war; war er doch einer von den dreißig Menschen in Europa, deren Laune, Großartigkeit und antike Möbel in einer bestimmten Rubrik prangten. Nie hatten sie es ihm erlaubt, sich jenes feinfühlige und vollkommen anonyme Abbild von ihnen zu schaffen; sie kannten deshalb nur seine Kameradschaft, sein Mißtrauen, seinen Luxus. Heute aber saß zum erstenmal eine junge Frau ihm zur Seite, ohne etwas von Moïse zu wissen, und ohne jede Absicht, zu verführen. Dieses entzückende Mädchen, augenscheinlich ohne Beschäftigung, Sklavin vermutlich geringer Arbeiten, war so ohne jede Neugier, so fest und so liebenswürdig abwesend, wie es nur jene sein können, die ein Gelübde abgelegt oder von einer großen Sendung belastet sind, Schwestern der Armen und der Gelehrten. Ihre unbefangene gute Laune war jedenfalls der Heiligkeit oder der Hoffnung wesensgleich. Viel später dachte Moïse mit guten Gründen, daß sie nur das Gelübde getan hatte, das Leben zu lieben. Man hätte übrigens nicht sagen können, daß sie teilnahmslos oder gleichgültig gewesen wäre. Es schien vielmehr, als sähe sie zum erstenmal ein Negerorchester oder Neger überhaupt, als hätte sie nie vorher eine moderne Tanzweise oder Musik überhaupt gehört. Selbst das elektrische Licht machte ihr tiefen Eindruck. Doch in bezug auf alles, was Moïse betraf, schien sie eine erstaunlich feinfühlige Erfahrung zu besitzen. Sie schien nicht nur Herrn Nohain, den Direktor des Etablissements, der ihnen entgegenstürzte und Moïse mit »Herr Baron« anredete, oder den jungen Bauberges, der mit der elegantesten Frau tanzte und, von seiner Partnerin, die plötzlich ein entgegenkommendes Gesicht machte, begleitet, herbeikam, ihn zu begrüßen, weder zu sehen noch zu hören, sondern sie stand sofort auf, als Moïse seinen Porter getrunken hatte, als sei sie tatsächlich nur deswegen hier, und nun müsse man das Lokal wie eine Apotheke verlassen. Ebensowenig schien sie Moïses von englischen Pfunden schwellende Brieftasche zu bemerken, die er, wie man einen Dieb versuchte, eine Weile geöffnet auf dem Tisch liegen ließ, um ihren Blick zu reizen. Sie sprach wenig, gebrauchte dabei unbedeutende Worte, doch lag in ihrer Schweigsamkeit nichts Schüchternes. Ihr Blick, ihr Lächeln, ihre Bewegungen zeigten vielmehr an, daß sie sich in ihrer Beziehung zu Moïse auf einem Punkt befand, der bereits alle in einem langen, gemeinsamen Leben vorkommenden und ausgetauschten Banalitäten hinter sich gelassen, und fortan das Wort nur in der Bedeutung dringender Notwendigkeit oder tiefer Überlegung auftreten sollte. Einzig die zwei Ausrufe: Feuer! oder: Ich liebe dich! wären auf diesen Lippen natürlich gewesen. Die Tatsache, daß sie schwieg, tat auf erschreckende Weise dar, daß in diesem Augenblick keine Überschwemmungen, keine Erdbeben auf der Welt wüteten und daß es keine Liebe gab. Doch daß sein Reichtum, sein Ansehen sie so unberührt ließen, machte Moïse einen so ganz neuen Eindruck, daß er darin die Äußerung eines neuen Gefühls sah; mehr als eine Liebeserklärung war es, eine Freundschaftserklärung, oder noch mehr: die Erklärung, daß man zusammengehörte.

Er hatte sich nicht getäuscht. Sie war damit einverstanden, morgen wiederzukommen, und dann trafen sie sich jeden Tag. Sie kam stets pünktlich und ohne je gegen die von Moïse vorgeschlagene Zeit Einwendungen zu erheben, ohne je eilig zu scheinen oder den Eindruck der Trägheit oder Lässigkeit zu machen. Es war die erste Frau, die Moïse von jenem Netz der Stunden, in das sich andere Frauen von dem Augenblick an, da sie aus dem Bett sich erheben, den ganzen Tag verstricken, befreit sah, und das war genug, um sie in seinem Herzen jenseits der Zeit anzusiedeln. Es war die erste Frau, die sich nicht verabschiedete, weil sie noch eine dringende Verpflichtung rief, sondern die nur ging, weil die Tische aufeinandergestellt wurden. Sie wäre mit ihm bis zum Schluß der Konzerte, der Reisen beisammengeblieben, auch wohl auf den Reisen um die Welt, die er stets allein beenden mußte, weil jenen Damen schon von Marseille an die Luft ausging oder weil sie schon in Malta seekrank wurden. Und dennoch war keine von ihnen schwerer zu erfassen als sie. Man hätte sagen können, daß die Schneiderinnen sie nur anzuziehen vermochten, wenn sie sie überraschten. Ebenso wie diese Hände, dieser Hals nicht nur keinen Schmuck, sondern nicht einmal eine Spur von ihm aufwiesen, so zeigte nichts an ihr, weder Worte noch Haltung, auch nur ein Merkmal der Versklavung, auch nicht das geringste Zeichen, das ihre Herkunft verraten hätte, es sei denn die besondere Sorgfalt, die ihre Erzeuger darauf gewandt hatten, sie heiter zu schaffen; eine Heiterkeit ohne Ausbrüche, die aber ihren Augen ständig eine Art trockener Sonne entströmen ließ, just das Widerspiel von Tränen. Wenn Moïse in einer Bar auf eine Frau wartete, war er nicht auf die Empfindung vorbereitet, wie sie seine Vorfahren am Libanon, sechzigjährig wie er, gehabt haben mochten, wenn sie an der Einfassung einer Quelle das namenlose junge Mädchen, das jeden Abend vom Osten kam, erwarteten, doch war es tatsächlich der gleiche Kummer, mit dem er jeden Abend, nachdem er in der Bar etwas getrunken hatte, sie in die Champs-Elysées wie in die Wüste entließ. Sie verschwand in der Richtung dieses ihm fremden Stadtteils, wo sie auf Moïses Rechnung gleichsam Einsamkeit sowohl als Schweigen bezog und sich die Nägel mit wer weiß was für einem fremdartigen Stein polierte. Keinem ihrer Worte war es anzufühlen, daß es von der Vergangenheit oder in unserem klassischen Satzbau aufgeweicht wäre. Sie hatte eine Art, die Einzahl für die Mehrzahl zu gebrauchen, daß in Moïse über seine Sprache, seine Stimme und über alle seine Zahlen die Scham hochstieg. Manchmal ärgerte er sich über seine Sentimentalität. Wenn ich es nicht wäre, sagte er sich, dann wäre es eben ein anderer! Dabei fühlte er aber, daß dieser Satz erstens nicht durch Originalität glänzte, dann war er ungenau, ja ungerecht, denn in der Tat traten nicht wenig Angebote an sie heran. Junge Männer, immer die hübschesten, forderten sie zum Tanzen auf. Sie willfahrte, hielt sich eine Weile außerhalb Moïses Reichweite auf dieser kreisenden Form aufrecht, was seinen Trennungsschmerz vergrößerte, dann kehrte sie zurück und setzte sich, ohne ihrem Tänzer mit mehr als einem Ja oder Nein, die unveränderlich einander folgten, geantwortet zu haben; Moïse konnte es an ihren Lippen ablesen. Doch nie hörte er eine Frage, nie verrieten ihre Augen den Wunsch, zu erfahren, was und wie Moïses Leben, Name, Inneres sein mochten. Das, was Moïse am meisten haßte, nämlich Moïses Erscheinung, sein Alter, eben das schien ihr völlig zu genügen, ja sie höchlich zu befriedigen.

– Sind Sie glücklich? fragte er sie einmal.

– Sehr glücklich, sagte sie.

Er war darüber enttäuscht. Er wußte, daß es ihm nur darum gelang, die Frauen zu gewinnen, weil er sie an den Männern rächte. Er zerstörte gern schlechte Ehen, Verbindungen, die ein unheilvolles Ansehen gewannen. Er hatte in seinem Leben auf diese Weise manche kühne Rettung vollbracht; die erste und weitberühmte war die der Duse, die er ihrem ersten Manne, einem Italiener, der argentinischer Konsul in Lissabon war, entrissen hatte. Ganz Argentinien, hatte ihm der Mann geschrieben, könne gegen soviel Geld nichts ausrichten. Er verachtete solche Beleidigungen. Er lieferte der Frau, wenn sie es wollte, und zuweilen auch, ohne daß sie es ahnte, alle Waffen, die Macht, die Bank, eine Gruppe fest zusammenhaltender Freunde in jeder Hauptstadt, die so zuverlässig waren wie seine Firma. Sie wurde für einige Wochen eine von den großen Mächten des Erdballs, auf welche der verblüffte Ehemann stieß und der er weichen mußte. Doch diese Frau, das fühlte Moïse, bedurfte seiner nicht, bedurfte seiner nicht aus Gründen ihrer natürlichen Anlage. Sie war eine von denen, die man nicht rächt, die man nicht bewaffnet. Er litt darunter, als wäre sie von anderer Rasse, mit anderen Sinnen ausgestattet. Wie sollte man jemand rächen an der Freiheit, am Nicht-Unglück? Er gefiel sich darin, ihr wenigstens wichtige Verabredungen zum Opfer zu bringen, einmal die mit einem König. Treu seinem Vorhaben, als hätte er gewettet, begleitete er sie nie nach einem Zusammensein, schlug ihr nie eine Reise oder ein Abendessen vor, nichts, was eine Erklärung erfordert und dieses Abenteuer, das er im Augenblick bis in seine Kindheit hinaufgreifen fühlte, an eine bestimmte Stelle des laufenden Jahres festgelegt hätte. Mit Bangen öffnete er die an ihn persönlich gerichtete Post. Sicherlich sprach man bereits über die neue Frau; sicherlich wurde sie von allen Agenturen seiner Feinde heimlich beobachtet, hatte man bereits begonnen, auf den eigens zu diesem Zweck hergerichteten, unkenntlich gemachten Schreibmaschinen die anonymen Briefe zu schreiben. Es war Zeit, Chartier zu Hilfe zu rufen.

Wir werden noch einmal viel mit Chartier zu tun haben. Jetzt ist der rechte Augenblick, ihn vorzustellen. Seinen dauernden Erfolg verdankte Moïse dem Umstand, daß er alle Stellungen, in welchen andere als anrüchige Beamte zu beschäftigen sonst Finanz- und Staatsmänner sich entehrt gefühlt hätten, nur mit Talenten ersten Ranges besetzte. Chartier war in Amboise, das ist im äußersten Süden der Ile-de-France, geboren. Er stammte von jenem Rande ihres Königreiches, den zu Wagen zu erreichen unsere Herzöge und Könige einst einen ganzen Tag brauchten, so wie jetzt wir eine Nacht, um nach Nizza zu gelangen, und wo sie ihre Landhäuser bauten, die Chenonceux und Chambord heißen. Chartier, darin nicht anders übrigens als seine Landsleute, hatte alle Eigenschaften des Südländers, Phantasie, Optimismus, Beredsamkeit, doch in viel feinerem Grade und solche, wie sie einem Südländer nicht etwa aus dem Süden Frankreichs, sondern aus der Ile-de-France anstehen. Der Durchmesser von Paris nach Tours und Amboise galt Moïse als der gelungenste Durchmesser, der den Gedanken mit der freien Luft, den Ernst mit der Lebensfreude verbindet. Er schätzte an Chartier jene richtige Mischung von Verstand und Skepsis, von Hingabe ans Geschick und rechter Würdigung des Menschen, welche an den Leuten von Tours Stil ist, während die Strahlenbrechung des südlichen Himmels und die Gemüse des Mittelmeeres den Optimismus des Provençalen der Mißbildung aussetzen. Die Riviera, die er liebte, war die, welche sich von Ancenis nach Chinon hinzieht ... Frankreich ist das einzige Land, dessen Zukunft stets genau seiner Vergangenheit gleicht; doch fast nur die Leute von Tours sehen diese beiden Horizonte in gleicher Entfernung und nutzen in allen Geschäften, die sie zu behandeln haben, dieses Wissen um eine freundliche Ewigkeit. Das Urteil Chartiers, eben weil er von der Selbstzufriedenheit wie von der Ängstlichkeit des Emporkömmlings frei war, enthielt stets das treffendste und unparteiischste Wort, auch wenn es sich um Frauen oder um das Wetter handelte. Sein Dienst war eine Vertrauensstellung. Wenn Moïse für die Bank eine berühmte Kartothek von Auskünften unterhielt, so war er, was seine Person betraf, dagegen der Meinung, daß er sich alles vom Leibe halten müsse, was nach Denunziation, Enthüllung schmeckte, und Chartier war damit beauftragt, ihm zwar nicht die Wahrheit, doch die Erkundigungen fernzuhalten. Seit zehn Jahren war der größte Teil von Moïses Geheimnissen ihm selbst ein Geheimnis geblieben; Chartier schluckte sie auf, verzehrte sie, nahm die Begegnungen, bei welchen die Diebstähle, die Fehlschläge, die Feindschaften zutage traten, auf sich, kaufte Korrespondenzen auf und ließ, auch von den Moïse befreundeten Frauen, nur vom Gift gereinigte, von der Polizei des Herzens durchforschte und fast harmlose Bilder bis zu Moïse gelangen. Erst am Jahresende, wenn das Blatt mit der Kostenrechnung Chartiers ihm vor die Augen kam, konnte er nach Maßgabe der aufgewendeten Summen den Umfang der Verbrechen und Gemeinheiten ermessen, die namenlos ihn umwogt hatten. Die erste Verleumdung seiner Freundin mußte bereits im Anzuge sein. Er verständigte Chartier, übergab ihm jeden verdächtigen Briefumschlag, er atmete auf ...

Er mußte übrigens befürchten, daß die erste Angeberei von seiner Freundin selbst kommen würde. Eines Abends, als sie hörte, wie eine Tischnachbarin in einem Satz fast ihr ganzes Leben enthüllte: »Ich, ich bin am 29. August 1890 in Langres geboren ...« wandte sie sich lächelnd an Moïse und begann ...

– Ich ...

Moïse spürte eine Beklemmung am Herzen. Der Name der Stadt, das Datum, dieses Eintausendund ... waren im Begriffe, sich ihr wie mit glühendem Eisen aufzuprägen. Sie schickte sich an, in die Masse der anderen Frauen wieder hinabzusteigen, in die Galeere ... Doch jetzt sprach sie den Satz zu Ende:

– Ich, ich bin zwanzig.

Es war schwer, ein gelungeneres Inkognito zu wählen. Moïse war über dieses Bekenntnis, das sie glücklicherweise noch mehr verbarg, gerührt. In der Tat aber war es nicht die Wirkung des Zufalls, sondern ihres Instinkts. Eglantine stand wohl im Begriff, den Ort ihrer Geburt zu nennen, zu sagen: Ich bin in Fontranges am 3. November 1900 geboren, doch sie überlegte. Sicherlich war kein Mensch mehr zu Vertraulichkeiten geneigt als sie, und die zufälligste Freundin hätte nach vier Fragen ihr ganzes Leben gekannt. So hatte sie auch jener jungen Frau, die sie zwei Monate vorher in Paris getroffen, die ihr Freundschaft gelobt hatte und dann verschwunden war, nichts davon vorenthalten. Doch erriet sie die Pflichten dieser neuen Verbindung: sich nicht anzuvertrauen, sich nicht zu enthüllen. Sie fand sich leicht damit ab, jeden Tag für zwei Stunden keinen Namen zu haben. Jene, die ihre drei Vornamen kannte, hatte sie verhöhnt. Jene, die vom Tode ihrer Eltern wußte, schrieb ihr nicht. Jene, der sie erzählt hatte, wie schön es in Fontranges war, ließ nie mehr von sich hören. Da die Welt ihr eine Erholung außerhalb der Jahreszeit verbot, ein Vergnügen ohne Personalakten, die Erfüllung für eine hingebende und glückliche Denkart gewährte, früher mit Fontranges bei Nacht und Dunkelheit, heute mit diesem dicken Mann unter einem Scheinwerfer und zwischen zwei Musikkapellen, so wünschte sie sich nichts mehr. Sie grübelte über die Art ihrer Zuneigung für diese beiden Männer, die, ungewöhnlich reich, in diesem namenlosen Lande für sie sorgten, nicht nach. In ihrer wohligen Lebensweise, außerhalb alles Gewöhnlichen, hatte sie jetzt nicht einmal die Empfindung, Fontranges unrecht zu tun, so sehr fühlte sie sich in dem Bereich, in den er sie versetzt hatte, am richtigen Platz. Unbefangen und bescheiden wie sie war, gab sie sich keine Rechenschaft darüber, daß auch die mittelmäßige Erfüllung ihres Lebens nichts geringeres als das Dasein eines Milliardärs oder eines letzten Kreuzritters beanspruchte, und schrieb jenes Wohlbefinden und jene Sicherheit, die sie im Umkreis der Millionen oder eines sagenhaften Adels fühlte, dem Alter ihrer beiden Freunde zu. Ihr Vertrauen zum Glück, ihr Trieb nach Wirklichkeit brachte sie auf ganz natürliche Weise zu jenen menschlichen Wesen, welche, seit sie selbst ein Kind war, die gleichen geblieben waren, das heißt: zu den Alten. Nur diese erschienen ihr als der widerstandsfähige Teil der Welt, als der Bestand der Welt selbst. Von der tiefen, ihr kaum bewußten Todesangst, dem Wunsch, dem grausamen Gesetz des Lebens zu entgehen – davon konnten sie gewiß weder die Flieger noch die Wöchnerinnen befreien, vielmehr Fontranges, vielmehr Moïse, gegen welche sechzig Jahre vergebens gewütet hatten. Das Jugendalter schien ihr eine Maske zu sein, sie zog die anhänglichen, vertrauenden Menschen vor. Schwarzes Haar, rosige Wangen flößten ihr jetzt Furcht ein. Klare Augen ohne Äderchen, eine glatte Stirn kündeten ihr Unruhe, Verwicklungen an, kurz alles, dem sie aus dem Wege gehen wollte. Manchmal begab sie sich zum Stelldichein mit der geheimen Angst im Herzen, daß sie Moïse bisher vielleicht nicht gut genug beobachtet hätte und an seiner Statt einen jüngeren Mann antreffen würde, dem das Altern noch bevorstand, einen Mann übrigens, wie ihn Moïse genau zur selben Zeit an seinem Toilettentisch vermittels Rasiermesser und Pasten herzustellen sich bemühte. Doch sobald sie von der Tür aus an Moïse das einzige graue Haar im Saale erblickte, die Gesichtsrunzeln, in denen der einzige Schatten des Saales nistete, seinen Blick wahrnahm, der sie deutlich sah – Moïse war nämlich weitsichtig –, ihr aber trüb schien, zog es sie dermaßen vor Dankbarkeit zu ihm hin, daß ihr Gesicht, das jüngste in dieser Versammlung, davon erstrahlte und von gedoppelter Jugend geschminkt schien.

Wochen verstrichen, und alles ging vortrefflich. Nohain separierte, bereits zwei Stunden bevor Moïse erschien, dessen Tisch von den übrigen um die wenigen Zentimeter, die in solchen Räumen die Absonderung ausdrücken. Er war blendend weiß mit seinem Hotel-Tischtuch. Nohain, der nach der Kriegserklärung die Jacht des Kaisers von Österreich hatte verlassen müssen, fühlte sich dabei in der gleichen Atmosphäre von See und allerhöchsten Herrschaften, reservierte die benachbarten Tische für bevorzugte Gäste und führte im Gespräch mit den habgierigen weiblichen Stammgästen die junge Frau ohne Juwelen als Vorbild an ... Doch eines Tages, während er noch einen Augenblick zuvor mit Andacht die beiden nackten Hände, die auch für ihn ein Sinnbild der Jugend waren, betrachtet hatte – denn er pflegte das Alter der Frauen nach der Anzahl der Diamanten zu berechnen, und die Steine an ihrem Körper stießen seinen Blick ab, wie die rheumatischen Ablagerungen die Röntgenstrahlen –, erblickte er, als er sich wieder umdrehte, an einem eben noch makellosen Finger eine Perle. Er war dessen gewiß, daß sie fünf Minuten vorher sich dort noch nicht befunden hatte. Die Erscheinung war wohl ins Leben getreten, während er ihnen den Rücken zuwandte, um den Champagner zu entkorken. Er sah fast enttäuscht und vorwurfsvoll auf Eglantine und Moïse, die jetzt wieder jenen schweifenden und farblosen Blick zeigten, wie Menschen, die sich eben geküßt hatten. Als er die Flasche brachte, sprach er Eglantine mit Fräulein an, jetzt beim Einschenken sagte er: gnädige Frau. Eglantine errötete, auf frischer Tat ertappt zu sein. Ihre Hand errötete. Die Veränderung in Nohains Blick und Haltung wagte sich übrigens nicht über die Hand hinaus. Er betonte seine Verehrung für alles Übrige, das an ihr davon unberührt blieb. Doch entschuldigte er sich kaum, als er einen Tropfen auf Eglantinens Hand fallen ließ, als erwartete er, daß diese fortan ein eigenes Dasein haben würde, und wandte sich mit seiner Entschuldigung unhöflicherweise an den Baron und nicht an Eglantine. Das war übertrieben. Moïse stellte grade fest, daß die Perle die beiden Hände einander durchaus nicht unähnlich machte. Sie gab im Gegenteil so etwas wie ein Gegengewicht. Sie schien dazu bestimmt, den Abgang sozusagen auszugleichen, der durch die Nacktheit und Unbestimmtheit der anderen Hand entstand. Statt Ungleichheit zwischen ihnen zu schaffen, bewirkte die Perle, daß jetzt beide vollendet gleich wurden. Sicherlich wußte Moïse, daß man an eine Frau so viel Perlen, wie man will, hängen kann, ohne dadurch an ihrem Wert mehr zu verändern als an einer Zahl, an die man vorne eine Reihe von Nullen hängt, gleichwohl war er beruhigt, zu sehen, wie sich diese Eglantinen einverleibt hatte. Alle Verlegenheit, die der Ring Eglantinen verursachte, lag in ihren Augen, während so viele Frauen, die ein solcher Zwang physisch geniert, ein Mittel finden, mit der Perle an die Flaschen zu klirren, an das Kupfer des Geländers oder an die Scheiben des Autos zu klopfen. Warum man sich gerade mit seiner letzten Freundin nicht mehr verstand! Wie schweigsam war es doch heute! Eglantines Hand hatte stets eine solche Lage, daß die Perle ohne Ring an ihr zu haften schien, jede ihrer Bewegungen war eine Lektion, wie man etwas im Gleichgewicht erhält; so, wie man ein Käferchen haften zu lassen sucht. Als würde sie sich davonmachen, wenn Eglantine den Finger erhöbe. Moïse freute sich, daß er eine unauffällige von mittlerer Größe genommen hatte. Für gewöhnlich liebte er es, seltene oder merkwürdige Juwelen auszusuchen, belustigte es ihn, eine Beziehung zwischen ihnen und der Frau, der er sie schenkte, herzustellen (so z. B. hatte er sich dazu verdammt, einer seiner letzten Freundinnen, die einen unmäßigen Nationalismus zur Schau trug, nur kostbare Steine, die in Frankreich vorkommen, zu schenken), und er war leicht gerührt, wenn er auf Bällen, bei Rennen, unter elektrischem Licht oder im Sonnenschein an Körpern, die ihn jetzt gleichgültig ließen, jene blitzenden und unempfindlichen Spuren wiedererkannte, die er dort gelassen hatte. Gestern erst hatte er auf einem recht fremd gewordenen Dekolleté mit Vergnügen die zwei größten Rubinen aus den Alpen und jenen Diamanten wiedergesehen, den, wie man erzählt, ein Vetter von Jaurès in Carmaux entdeckt hatte. Doch eine Furcht, die ihm neu war, die Angst, an Eglantine das Erkennungszeichen dieser glücklichen Wochen einst, wenn sie verflossen sein würden, wiederzufinden, hatte ihn diesmal bewogen, eine Perle ohne jede Besonderheit und ohne jeden Makel zu wählen. Der Orient, hatte der Händler bemerkt, verleiht ihr keine auffallende Farbe. Nicht so, wie bei mir, hatte Moïse gescherzt und aus Höflichkeit hinzugefügt: Oder bei Ihnen. Seit Mittag trug er das Etui in der Tasche, nahm es in jenen müßigen Augenblicken, da er sonst eine Zigarette anzustecken pflegte, heraus und öffnete es wie ein Feuerzeug. Gleich als Eglantine kam, hatte er ihre Hand ergriffen, erwogen, welche die rechte, welche die linke sei, dann langsam und kraftvoll die Linke zurückgebogen, wie bei einer Färse, die man zeichnet. Sie wollte abwehren; sah Moïses Freude; ein Geschenk unter Unbekannten, schien Moïse sagen zu wollen, ist eigentlich kein Geschenk. Er hatte darauf nichts gesprochen, als wollte er sich dadurch noch fremder stellen. Jetzt sprach sie, während sie schamhaft ihre Handschuhe überzog, um durch den Saal zu gehen. Moïse sah den kleinen Buckel unter dem Gemsleder, blickte der entschwindenden Eglantine bewegt nach, fast als sei sie schwanger von ihm, schwanger mit einer Perle.

Da war es, das Spiel, das Moïse gefunden hatte! Seitdem machte er auf der kürzesten und sichersten Strecke mit Eglantine jene Reise durch die kostbaren Steine, zu welcher seine Freunde, die geringere Kenner oder nicht so millionenreich sind, Jahre brauchen, um sie zurückzulegen. Jede Woche, manchesmal an zwei Tagen hintereinander, brachte er einen neuen Edelstein herbei. Eine Laune, die seinen Ursprung enthüllte, trieb ihn, wie den Franzosen zu den Weinen, sobald sich nur Gelegenheit bot, zu den Edelsteinen; doch wie bei der ersten Perle wurde er jetzt einzig vom Strahl des Steines, von dessen anonymer Kraft angezogen. Kurz, Moïse wurde, wie es ihm der afghanische Verkäufer bei Cartier sagte – klassisch; nie zuvor hatte er bei gleicher Karatanzahl soviel Leuchten bekommen. Eglantine, die nicht wußte, was sie davon halten sollte, ließ es, fast ohne daran zu denken, doch ein wenig erschrocken geschehen. Sie blieb bewegungslos und etwas steif vor ihm, wie das Mädchen im Zirkus, wenn der Mann sich anschickt, sie mit aus der Entfernung geschleuderten Dolchen einzurahmen. Sie hatte vor jedem sich öffnenden Etui Angst, wie vor einem Schlüssel, der sie selbst öffnen wollte. Doch Moïse belästigte sie mit keinen Fragen mehr. Eines Abends, als der aus der Hand lesende Fakir an ihren Tisch kam und Eglantine ihm schon die Hand hinhielt, schickte er ihn weg, er wollte nicht einmal die Zukunft dieser Frau mehr kennen. Der Fakir, von ihren Kostbarkeiten angelockt und diesmal selbst neugierig, zu wissen, in wie vielen Jahren man dem Sarg des schönen Mädchens folgen würde, und ob ihre Hand eine bedeutungslose Erhöhung aufwiese, wurde zudringlich. Nohain ließ ihn hinausweisen. Doch als Moïse einmal nachts vor dem Einschlafen in der neuen Geschichte der Edelsteine von Rosenthal las, die er auf seinem Nachttisch fand, wurde es ihm klar, welchen Weg er zurückgelegt hatte, wenn in dem Handbuch die Wahrheit stand. An den Geschenken dieser Woche und aus dem, was der arabische Dolmetsch sagte, konnte er ermessen, von welcher galoppierenden und in Brand setzenden Leidenschaft, die jener, welche kühn macht oder tötet, um ein weniges voraus ist, er befallen war. Er klärte diese orientalische Wahrheit für seinen Pariser Gebrauch ab: er war im Begriff zu lieben.

Eglantine ihrerseits wagte kaum noch vor Moïses durchdringenden Blicken, wie einst vor dem schlafenden Fontranges, eine Bewegung zu machen oder ein Wort zu sprechen. Sie wollte ihn aber auch nicht aus dem glücklichen Wachzustand bringen, wie jenen nicht aus dem Schlaf. Sie wagte es nicht, sich einzugestehen, daß das tägliche Beschenktwerden mit Rubinen und Smaragden ihr ein Wohlgefühl bereitete, dem streichelnden, das sie empfand, als sie Seite an Seite mit Fontranges lag und er ihr sein Blut schenkte, fast gleichkam. Sie nahm das Blut des Orients in sich auf. Sie fühlte wohl unklar, daß Moïses Freiherrnschaft genau auf der entgegengesetzten Seite von der Baronie Fontranges' lag, ebenso sein Edelmut, seine Weisheit, seine Hingabe, doch hätte sich nie ein Gefühl des Irrtums in sie geschlichen, wenn Bellita ihr nicht eines Abends folgenden Brief übermittelt hätte:

»Meine liebe Bellita«, – sagte Fontranges in dem längsten Brief, den er je geschrieben und in welchem nach seiner Gewohnheit jedes Satzglied mit dem nächsten durch ein dem Leser unsichtbares Band in Verbindung stand, – »ich möchte Dir ein Geschenk machen. Willst du Eglantine das Kästchen einhändigen, das ich gerade zufällig fand und in das ich den Diamanten des Onkels Brunehaut getan habe. Bitte sie, es anzunehmen. Heute ist mein Namenstag. Renée Bardini hat ein dickes Baby bekommen. Ich befinde mich sehr wohl. Fontranges.«

In einem Nest von Watte, die der Hundeapotheke entnommen war, schlief auf dem Grunde eines der Kästchen, mit welchem Eglantine einst auf der Kommode sich am meisten zu schaffen gemacht hatte, der Diamant des Onkels Brunehaut in seiner Erstarrung, gegen welche der Schlaf von Alibabas Schatz die reine Schlaflosigkeit war. Der Diamant des Onkels Brunehaut war gar nicht klein, aber matt und von jenem runden Schnitt, der so verrufen war, daß ihn ein Papst einst exkommunizierte, und gab keinen Glanz von sich. Er war einmal von einem Goldschmied in Troyes auf Gold montiert worden, und der Onkel Brunehaut hatte eine besonders solide Fassung verlangt, denn er jagte die Wölfe zu Pferd, und die Zügel nützten die Ringe ab. Brachte man Onkel Brunehauts Diamant um die Mittagszeit vor ein Fenster oder bewegte ihn im elektrischen Licht, so ließ er sich herbei, inwendig ein trübes Wasser zu zeigen, doch entließ er keinen Strahl aus sich. Was für ein Vorgefühl brachte Fontranges auf den Gedanken, in der Sammlung zu Essig gewordener Rubine, erstarrter Opale, toter Saphire, grade unter den Diamanten zu suchen? Eglantine stellte sich diese Frage und schämte sich. Sie betrachtete an ihren nackten Armen die Stellen, an denen die Adern mit dem Blute Fontranges' hervortraten, sah Moïses blaue und rote Steine wie traurige Krampfadern, tat sie ab, steckte den Ring des Onkels Brunehaut an und schlief ein. Der Ring drückte sie zuweilen, weckte sie. Der Mond stand voll und erhellte das Zimmer. Eglantine erhob ihren Arm. Der Mond ließ den Arm in blendender Weiße schimmern und zog einen Stein aus dem Ring, wie ihn die Röntgenstrahlen von einem verschluckten Schlüssel oder Kiesel zeigen ... Lieber Diamant, du Kohle im Mondlicht ... Dann stieg die Morgendämmerung herauf ... Man sollte es nicht glauben, welch ein Mut die Frau beseelt, die mit dem Ringe eines Mannes am Finger eingeschlummert ist ...

 

Es ist doch wohl unnötig, diese geschraubte Geschichte, dieses übertriebene Hin und Her, wie Eglantine zwischen Moïse und Fontranges, zwischen Orient und Okzident pendelt, weiter zu verfolgen, nicht wahr?

Jedermann errät, daß Moïse, der mit einem Kleinod von Frau geschlafen hatte, sie an diesem Tage mit Angst erwartete, als müßte sie irgend etwas Neues, Frisches, Fremdes an sich haben ... Ja, jetzt sah er es: sie hatte keinen Schmuck an; erriet, daß er fast erstaunt war, von ihr wiedererkannt zu werden; daß er damit einverstanden war, alle seine Geschenke zurückzunehmen. Sie wolle sie von da ab nur noch im Geiste tragen? Gut, er werde den Schmuck in einem Geldschrank einschließen, aus dem er nie hervorgeholt werden sollte, sie konnte ihn mit vollem Recht in Gedanken tragen; daß er ihr sagte, wie sehr er diese Regung verstehe, ja, wie sehr er sie schätze; daß er indessen sie dazu brachte, die erste Perle zu behalten; dann die erste Spange. Welch reizendes Mädchen, dem man die gleichen Steine zweimal schenken durfte! Arme Eglantine! Sie wußte nicht, daß es für den Mann, der französische Bons der Nationalen Verteidigung den Schweden, Panama-Aktien den Kolumbiern und die Chartered, ebenfalls Diamanten, den Feinden Transvaals aufzudrängen vermochte, ein Kinderspiel war, ein schönes junges Mädchen zur Annahme einiger kostbarer Steine zu bewegen. Ihr ganzer Schmuck kehrte Stück für Stück in vollkommener Zurichtung zu ihr zurück ... Sie ließ es geschehen. Sah zu, wie jedes Stück, ein übernatürlicher Magnet, sich an sie heftete. Jede Verletzung bewirkte in der Tat nur einen ganz geringen Schmerz. Als sie ihren Kopf an Moïses Schulter lehnte, zog er ein Perlenhalsband aus der Tasche und schloß es um ihren Hals ... Jedermann errät auch wohl, daß, als Eglantine, solchermaßen geschmückt, alles Licht des Kronleuchters in ihrem Zimmer einschaltete und ihren Mantel fallen ließ, sie dort Fontranges, der im Dunkel auf sie wartete, sitzen fand. Er sprach kein Wort, als er mit Staunen das junge Mädchen erstrahlen sah, weit stärker erstrahlen, leider, als seine Erinnerung es wußte.

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