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Alexander von Ungern-Sternberg: Eduard - Kapitel 2
Quellenangabe
authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleEduard
booktitleNovellen
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1833
firstpub1833
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180529
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Eduard.

Eine Novelle.

———————

Fortsetzung der Novelle:
Die Zerrissenen.

 

Es stürmte, dichtes Schneegestöber fiel herab, der Winter lag kurz vor seinem Dahinscheiden mit seinem ganzen düstern Gefolge vor den Fenstern des Zimmers, in dem drei Männer behaglich am Kamin zusammensaßen und, sich an der Flamme wärmend, die Erinnerungen ihrer Jugend zurückriefen. Eine Pendüle, an der Seitenwand aufgehängt, begleitete mit ihren immer wiederkehrenden Sekundenschlägen die Worte der Männer, gleichsam als schritte die Zeit selbst hörbar in der Stille und dem Frieden des Gemachs an ihnen vorüber.

Ottfried, der jüngste Bruder des Schloßintendanten Werner, hielt eine Rolle Manuscriptbögen in der Hand; es schien, er habe eben etwas vorgelesen; sein Bruder war noch in tiefes Nachsinnen versenkt, und der Prediger des Orts, welcher mit dem Rücken gegen uns durch die breite schwarze Fläche fast den Anblick auf die Flamme versperrt, nahm jezt nach einer ziemlich langen Pause das Wort, und sagte, indem er den Blick um sich auf das Zimmer richtete:

»Ich habe nimmer glauben mögen, daß dieses alte Wohngebäude mit den wenigen Veränderungen, welche Ihr habt anbringen lassen, zu etwas so Würdigem und Behaglichem hätte umgestaltet werden können. Ihr seyd geschickt zu Werke gelangen, theurer Freund, daß Ihr nicht die alte Physiognomie auf Kosten der neuen verwischt habt; die Behaglichkeit seiner frühern Bewohner, ihr vergangenes Leid und Glück, dünkt mich, spricht noch aus diesen Wänden, aus diesem alterthümlichen Geräthe.« –

»Ich habe,« erwiderte der Baron, »hier wie überall das Neuere nicht geradezu für das Bessere gehalten; ja die Sofa's, Stühle und Tische, welche nach der Revolution in die Häuser einwanderten, habe ich eigentlich, ich will's gestehen, nie leiden mögen. Die griechische altklassische Vornehmheit dieser Geschöpfe, ihre graden Beine und antiken Leiber sind mir ordentlich verhaßt gewesen, ich habe nur dann wieder ruhig geathmet, wenn mich mein trefflicher, auf kurzen verdrehten und vergoldeten Dachsbeinen ruhender Sorgenstuhl aufnahm.« –

»Fürwahr,« nahm Ottfried das Wort, »schien es doch fast, als hätte man einen Stuhl jener Tage geradezu aus der Ilias herausgestohlen, oder sein Ruhebett aus der Nachlassenschaft Aspasien's erstanden; das Auge wurde durch die trockne Gelehrsamkeit der Linien ermüdet, ohne daß der Körper durch erhöhte Bequemlichkeit wiederum schadlos gehalten worden wäre. Man sollte doch überall auf diese Dinge, die gleichsam als unsre nächsten Freunde und Angehörigen uns immerdar umgeben, mehr Achtsamkeit verwenden; mir gibt ein Zimmer immer die Geschichte des darin wohnenden Menschen, so wie eine Stadt die Geschichte eines Volks. Versuche man es nur, die Einwohnerschaft der berühmten Hauptstädte zu verrauschen, die Pariser zum Beispiel nach Stockholm, die Schweden nach Paris, die Londoner nach Wien und umgekehrt zu versetzen. Jeder würde sich wie in einem fremden Zimmer höchst unbehaglich fühlen und in Zeit eines Jahres würde die ganze Stadt ein anderes Ansehn gewinnen.« –

»Sehr wahr,« rief der Pastor, »unser Leben und seine Erscheinungen sind nun einmal in die Quadratur eines solchen Zimmers gebannt; drüber hinaus können wir nicht, und was wir von der Natur wissen, ist nur das Wenige, was wir in dieses Quadrat hineinziehn. Wie Einer, der lange in einer dumpfen Luft geathmet, nicht weiß, daß sie dumpf ist, so wissen wir am Ende nicht mehr, daß das freie Naturleben, das Naturganze für uns verloren gegangen. Die zahmen Blumen, welche wir an unsre Fenster gewöhnen, die Hausthiere, die mit uns leben, die Bäume selbst, welche in unsern Parks die Civilisation mit uns theilen, alle diese können uns die freie Natur nicht mehr vergegenwärtigen; auch sie sind in die Quadratur unsers Zimmers gebannt, ihr Leben muß, wenn wir im Stande wären, jemals die Bezauberung, die Jahrtausende auf uns gelegt haben, zu heben, uns nur krampfhaft erscheinen. Die Alten, die immerdar mit der Natur lebten, stellten sich die Erde als ein ungeheures Lebendiges vor, als ein Thier, dessen zuckendes Leben durch Millionen Pulsschläge überall hinverbreitet fühlbar werde; ihnen war Alles Leben und Zusammenhang; daher die zahllosen Gottheiten, die personifizirten Naturkräfte, welche ihr warmblutiges wunderbares Spiel mit einander trieben. Der Mensch trat gleichsam in Ehrfurcht zurück vor dem Coloß, der Millionen Leben auf seinen Armen trug; er fühlte sich unendlich klein und hülfsbedürftig, und dieses Gefühl ging zulezt in Anbetung der Natur über; die christliche Ansicht verdrängte dieses Gefühl, sie stürzte gleichsam die Allmacht der Natur und sezte den Menschen, ihn allein mit seinen streitenden Gegensätzen von Haß und Liebe, auf den Thron. Dieses hochmüthige Bewußtseyn war der Herrscherstab über die Natur; sie war ihm nicht mehr liebende allnährende Mutter, zu deren Blicken er mit Staunen und Verehrung hinaufsah – sie wurde ihm Sklavin, auf seinen Wink ihm Gehorsam schuldig. Die Herrschaft der Idee begann: einem Unsichtbaren wurde nachgestrebt und auf dem Wege der Vergeistigung tönte die Stimme der Natur immer schwächer in unser Ohr; ja sie selbst wurde uns zu einer bloßen Hieroglyphe, man erschrack vor ihr wie vor einem Gespenst, die vollen Formen der göttlichen Schöpferin erhärteten in elender Verknöcherung, und bald in dieses, bald in jenes System sich fügend, mußte sie hier leiden, daß man sie, auf's Procrustesbett gespannt, in die Länge zerrte, dort durch Schrauben in die Kürze drängte; am liebsten jedoch richtete man sie gleich einem zahmen Hausthier ab, gewisse ästhetische Lieblingsideen, in jedem Zeitalter verschieden, aufzufangen und auf ein gegebenes Zeichen ihre Künste zu machen. Gehen wir zum Beispiel auf das Nahe und Nächste. Wir sind an eine gewisse Einrichtung unserer Zimmer gewöhnt, die wir behaglich, gemäß nennen. Was gehört zur Einrichtung eines solchen Zimmers? Alles, kann man antworten, nur nicht die Natur. Die Morgenländer mit ihrem warmen Naturgefühl ziehen ein blühendes, schönes, immer frisches Element in ihre Gemächer, ein Springbrunnen wirft sein klares Wasser in der Mitte der Halle in die Höhe, die Naturlaute der niederfallenden Wasser zuhören, ist ihnen Bedürfniß; wir spannen dagegen einen Teppich auf: seine Weiche und Wärme schmeichelt unserm Fuß, und die dunkle grüne oder braune Farbe hebt alle Gegenstände im Gemach vortheilhaft hervor. An einer Wand steht jenes grausame Werkzeug, die wahrhafte Galeerenbank, an der wir den größten Theil des Tages gegen alle Freiheit und natürliche Entfaltung fest geschmiedet sitzen, der Schreibtisch; über demselben hängen Bilder, die, durch das Quadrat aufgenommen, uns wiederum nur das Quadrat geben; die lebendige Landschaft außerhalb wird uns ebenfalls nur durch das Quadrat der Fensteröffnungen sichtbar, und wo auch diese Mängel nicht so scharf hervortreten, so zeigt sich doch überall dieselbe Absichtlichkeit: Vorhänge, Ueberzüge, Tapete, Bronze und Silberzeug, alle Dinge sind nach festgesezten Regeln übereinstimmend geordnet, nach verwandten Farbenschattirungen gewählt, und selbst das Licht ist nach Regeln gedämpft; die abgemessenen Töne einer Spieluhr geben wieder Maaß und Regel, die Höhe der Stühle, Bänkchen, spanischen Wände, Thüren ist nach der Quadratur des Ganzen bestimmt und so eingerichtet, dem in diesem Zauberkreise gebannten Körper eine gewisse Anzahl immer wiederkehrender Stellungen und Lagen anzugewöhnen, so daß die Kunst der Sculptur schon deßhalb darniederliegen muß, weil dem lebenden Geschlecht eine freie naturgemäße Körperentfaltung durchaus unmöglich gemacht ist.«

»Sie haben Recht, Freund, nahm Ottfried das Wort, »es scheint fast, als wenn all dies Geräthe, das uns umgebende Beiwerk unserer Existenz, dafür, daß wir es aus seinem schönen freien Naturleben herausgerissen und zu unserm Dienst gezwungen, sich nun dadurch rächt, indem es wiederum unsern Körper in unzerreißbare Fesseln schlägt, ihn verkümmert und endlich zerstört. Besonders ist dieses im Norden der Fall; je weiter zum Süden, desto mehr sagt sich der Mensch von der Quadratur des Zimmers los.«

»Als ich noch ein Schüler war,« fuhr der Pastor fort, »kam ich auf einen sonderbaren Einfall. Es geschah öfters, daß ich eine bunte große Landkarte anstarrte, die über meinem Bette hing. Gewöhnlich ehe meine Gedanken in Schlaf übergingen, fußte ich noch einmal hier oder dort auf weitläufigem Länderbesitz, oder ging auf Reisen über Höhen und weite Fernen hinaus; vor Allem war es mir interessant, dem Lauf der Gebirge zu folgen. Einst schlummerte ich ein, und mein Blick war im Traum wieder auf meine geliebte Karte gerichtet, ich suchte meine Berge; doch siehe da! es war eine mehr als seltsame Verwandlung vorgegangen: alle Berge waren von der Stelle gerückt; ich erschrack, als ich die Schweizer- und Italienischen Alpen gegen Holland hinaufgeschoben, die erhabene Kette der Pyrenäen um London herum, und die hohen Tyroler Felsen in der Gegend um Wittenberg erblickte. Noch hatte ich das Auge starr auf diese Erscheinung gerichtet, als mir die seltsame Natur dieser Berge, welche gleichsam schwebend über der Erde sich zu befinden schienen, auffiel; ich grübelte hin und her, da wurde es mir im Traum gesagt, dieses seyen die Höhen des menschlichen Geistes, welche im umgekehrten Verhältniß mit denen der Erde sich befänden. Als ich am Morgen darauf die Karte sah, fiel mir jener wunderliche Traum wieder so lebhaft in's Gedächtniß, daß ich alsbald das Blatt von der Wand nahm, mit dem Entschluß, jener Idee nachzugehen. Ich entwarf eine Karte, färbte sie gleichmäßig dunkel und hob nun, dem Gang der Geistesentwickelung folgend, immer heller und hellere Lichter aus dem Grunde hervor, und wirklich kam ich nun auf die sonderbarsten Contraste. Aegypten, die alte Wiege der Aufklärung, bekanntlich das platteste Land, wurde auf meiner Karte fast das gebirgigste, und so ging die Kette weiter durch Asien nach Europa; mit wahrem Vergnügen pflanzte ich meine Berge hin, doch merkte ich bald, daß ich zu freigebig wurde; eine Menge Berge mußten daher wieder zu Hügeln niedergedämpft werden. Fast immer ging meine Straße den wirklichen Bergen vorbei; Griechenland, Rom erhielten Lichtpunkte, dunkel blieb die ganze Fläche, nur nach Island belustigte ich mich ein paar gewaltige Lichtberge hinzusetzen, und die Karte der alten Welt war fertig. Im Mittelalter rückten noch entschiedener meine Gebirge nach Norden, bis der Süden endlich durchaus flach wurde, wo ich mich nicht enthalten konnte, in das finstere Meer die Worte zu schreiben: Flache Oede voll Aberglauben und Trägheit. Jezt benannte ich meine Berge: der Chimborasso-Luther schien mir eine glückliche Erfindung, der Mont-Blanc Copernicus nicht weniger, die Jungfrau-Newton war spaßhaft, der Gotthard-Keppler u. s. w.; eine neuere Karte stellte um Berlin eine ganze Gebirgskette, die mit Leibnitz, Mendelsohn, Lessing anfing, Kant in sich schloß und mit dem Berge Hegel endigte. Diese phantastische Karte hing ich nun an meine Wand auf, und ich darf die kleine Eitelkeit nicht verschweigen, daß, wenn ich am Abend den Blick auf meine Berge richtete, ich heimlich hoffte, auch mich einst als einen tüchtigen Berg ausgebildet in irgend einer verehrlichen Kette prangen zu sehen. Mein Lehrer, der die unschuldige Spielerei einst betrachtete, sprach lächelnd: Mein Sohn, du beweisest hierdurch, daß aus dir ein Prediger werden soll, denn nach den Bergen zu urtheilen, die du versezt hast, mußt du nothwendig nicht ein Senfkorn, nein einen ganzen Scheffel Glauben besitzen.«

Ottfried und der Baron lächelten, und der Pastor fuhr fort: »In der That knüpft sich dieser Scherz an meine obige Bemerkung: je mehr das Leben sich in die Tiefe einbohrt, desto weniger hat es Raum und Schönheit nöthig. Auf den Gebirgen, in den schönen Thälern, unter einem Himmel, der Blüthen und Sonnengefunkel regnet, in einer Luft, die Balsam träufelt, da wohnt die heiße weiche Sehnsucht, da zuckt der sinnliche Nerv, da verdehnt der Naturmensch in fast schlafender Behaglichkeit sein vollblütiges Daseyn. Höchstens daß unter einer hohen blühenden Aloepflanze, die ihren brennenden Fackelbüschel in den schwarzblauen Himmel richtet, ein horchender Dichter sizt, der schöne farbige Gesänge niederschreibt; doch mitten im Schreiben läßt er den Griffel sinken, um eine volle Muskattraube auszuschlürfen, oder einen schönen Mädchenmund zum Kusse zu sich zu beugen. Anders im Norden: vor der kleinen, durch einen Schneeberg versperrten Thür seiner Zelle sizt am frühen Morgen bei Lampenlicht der einsame Mönch, über den knisternden Schnee gehen mit Laternen die Brüder auf's Feld, um Erstarrende aufzufinden, die Monstranz im silbernen Gehäuse klappert in ihren erstarrten Händen, und der Reif fliegt den Bart an vor den ängstlich hauchenden Lippen: und doch ward in der kleinen Zelle die mächtige Idee geboren, die den Süden erzittern macht. Aber diese Idee trägt bei aller ihrer Erhabenheit doch einen Panzer von Eis, und vor ihrem schneidend kalten Hauch fleucht die gesunde sinnliche Creatur. Ich habe im Scherz einst reden hören, daß, um die Idee des Protestantismus völlig auszubilden, sich ein zweiter, gleichsam in die Potenz erhobener Luther zeigen werde, doch im allerhöchsten Norden, etwa auf Nowa-Sembla, der nun gegen die katholische sinnliche Lehre seines Vorgängers loszöge, und sie der südlichen Glut des Clima's um Eisenach zuschriebe, indeß es ihm gelungen sey, die allerreinste und feinste Vergeistigung aufzustellen. Und wirklich fand ich in einem Buche eines alten schalkhaften reisenden Katholiken aus jener Zeit die Bemerkung aufgeschrieben, daß der Reisende gefunden habe, wie man sich im Norden, was Religionsäußerungen betreffe, strenge zu hüten habe, da die Bäume, Sträucher, ja sogar die Blumen daselbst protestantischer Religion seyen.«

Ottfried nahm das Wort und sagte: »Wenn Sie unter ihren Höhen, Verehrter, die Höhen des reflektirenden Geistes meinen, so pflichte ich Ihrem Scherze bei; doch die Dichtkunst strebt einem andern Gesetze nach und jene grellsinnliche Scheidung und Veranschaulichung möchte uns vielleicht auf die Regel führen, nach der sich jene beiden schaffenden Kräfte im Menschen bilden und von jeher gebildet haben. Gehen wir die Geschichte der Poesie durch, so haben wir eine schönere und faßlichere Naturgeschichte, als die gewöhnliche, die in den Schulen gelehrt wird; dieses ist mir ein Beweis, daß Poesie von schöner Sinnlichkeit nie zu scheiden ist, daß sie überall unter der Herrschaft der Idee verkrüppelt. Aus dem Orient wandert der Dichter ein; ihn treibt es, den Schaaren der stürmisch bewegten Brüder zu folgen, mit den eindringenden Kriegern dringt auch er singend ein; seine entflammte Seele kämpft unter dem südlichen Himmel wie eine Blume mit immer neuen schönen Entfaltungen, indeß jene weiter ziehen, bleibt er an einem reizenden See, an einem üppigen Traubenhügel liegen, und besingt, was er geschaut, bis er, wie eine Blume am See, vergeht, und sein schönes Grab Kunde und Schmuck der ganzen Gegend gibt. Je südlicher ein Dichter, um desto mehr erkennt man Farbe und Gegend an ihm; so Tasso, Ariost, die frühern Novellendichter, nur Dante ist gleichsam ein poetischer Luther. Besser als in jeder neuen Reisebeschreibung von Italien finde ich dieses wunderbare Land in meinem Tasso geschildert, obgleich dieser sich vorsezte, das heilige Land und die Stadt Jerusalem zu malen; in Camoens ist portugiesischer Boden, und im Cervantes die verwandte und doch so verschiedene spanische Natur; brittische dumpfe melancholische Luft weht aus Milton und Shakespeare; trotz ihrer Größe merkt man aber bei diesen Geistern schon die Nähe der Idee. Um Berlin, wo Sie ganze Gebirge häufen, sehe ich nur Flächen, denn die sämmtlichen preußischen Corporale und Grenadiere, die zur Zeit des zweiten Friedrichs Verse schrieben, werden Sie doch nicht für Dichter halten? Es schwindet hier alle Farbe, aller Geschmack, in Gleim's Liedern spüre ich nur Sand, wie in Gellert's Fabeln Wüste; selbst der große Lessing, seufzte er nicht fortwährend nach Dichtern? und war er nicht der Erste, der gestand, daß er keiner sey, daß er nur hervorrufen, ordnen und bessern wolle? Von jener Epoche gilt recht eigentlich, was unser neuester trefflichste Sänger von der Stubenpoesie singt, und welche Worte mir lebhaft einfielen, als Sie von der Quadratur des Zimmers sprachen, unter der alles Lebende erliegt.«

Während dieses Gesprächs hatte sich der Baron erhoben und war an's Fenster getreten, den Blick auf die finstern Scheiben gerichtet, sah er forschend hinaus, als wolle er die Flocken überzählen, welche vom Licht beschienen an der Scheibe niederfielen; die entfernte Schloßuhr tönte kaum hörbar die eilfte Stunde, das Feuer im Kamin war ausgegangen und indeß der Pastor sich damit beschäftigte, es wieder anzuschüren, trat Ottfried zu seinem Bruder und fragte ihn, ob ihn etwas quäle oder beunruhige:

»Nichts, was ich eben nennen könnte,« erwiderte dieser; »es ist die Last der Jahre und Erfahrungen, die mir den Fortschritt der Zeit besonders merklich macht, wenn ich Euch, die Ihr im Grunde nur wenig jünger seyd, von Dingen sprechen höre, die Euch lebhaft interessiren, die auch mich einst nicht gleichgültig ließen, welche aber jezt, so wie fast alles Uebrige, den Reiz für mich verloren haben. Die lezten drei Jahre, wo uns unser Freund, der junge Eduard, auf eine so schmerzliche Weise entzogen worden, der Wechsel in unserm Fürstenhause, das Leiden und die Entfernung der trefflichen Prinzessin, die ich wieder ein paar glückliche Monate in meiner Nähe beherbergen durfte, endlich die Heirath meiner Tochter, zu der ich vielleicht zu voreilig meine Einwilligung gegeben, – alle diese Ereignisse und trüben Vorfälle haben innerhalb dreier Jahre mir die Frische der Lebensansicht bedeutend getrübt; dazu kommt die Verwirrung der Zeit, die sich immer noch nicht lösen will, der Streit, die Verwilderung der Gemüther, der Sturz der Verhältnisse, die meine Jugend mir genußreich und glücklich machten.« –

»Wenn Du erlittene Verluste nennst, Geliebter,« rief Ottfried, »so bedenke, daß ich einen der größten betraure, Goethe's Verlust. Ich habe den wundersamen Mann in der Gruft zu Weimar verschwinden sehen und den Boden sich schließen über einer Welt; ach, es war auch meine Jugendwelt!« –

»Wer hat in dieser schweren Zeit nicht Lieben begraben,« seufzte der Baron; »der schaurige Sichelklang des Todes tönt noch in meinem Ohr.« –

»Ihr erinnert mich,« rief der hinzutretende Pastor, »da Ihr von Begräbnissen sprecht; hat sich denn die seltsame Erscheinung im Schlosse noch nicht erklärt? wie ist es mit der Oeffnung der alten Ahnengruft geblieben?« –

»Nichts ist geschehen,« erwiderte der Intendant verdrüßlich; »ich kann zu keiner Untersuchung schreiten lassen, ehe die ausdrückliche Erlaubniß von den Obern dazu gekommen.« –

»Diese Verzögerung wird deinem August nicht lieb seyn,« bemerkte Ottfried. –

»Ach!« rief der Pastor, »ich wette, die wunderbare Geschichte löst sich höchst prosaisch auf; so vollblütige junge Herrn sehen öfters Gespenster; wo er nur heute so lange ausbleibt, er pflegt doch sonst nicht leicht von unsern Abendgesprächen sich auszuschließen.« –

Der Baron schlug vor, sich am Kamin niederzulassen, um noch ein halbes Stündchen in die Nacht hineinzuplaudern. Es wurde eine Schaale mit Punsch gebracht, und dieser Trank, den sonst Sophie kredenzt hatte, gab den drei einsamen Männern Gelegenheit, von ihr zu sprechen; es waren lange keine Nachrichten von ihr eingelaufen.

»Sie ist mir immer herzlich lieb gewesen,« sagte der Baron, »trotz dem, daß sie mir gleichsam unter den Händen zu etwas ganz Verkehrtem aufwuchs; die bestimmte sichere Meinungsfestigkeit erbte sie wohl von ihrem Großvater, indeß August mit seinem reichen geschmeidigen Sinn das Ebenbild seiner schönen Mutter ist.«

Die Thür öffnete sich jezt und Martin, der Postbote aus der Residenz, trat herein; er lieferte die mitgebrachten Papiere ab und bat um Entschuldigung, daß er sich so spät noch zeige, er habe noch Licht bemerkt und da sey es sein Wunsch gewesen, anzuzeigen, daß der junge Herr mit einer Frauensperson unterwegs sey und wahrscheinlich baldigst eintreffen werde.

»Was sind das für Geschichten,« rief der Baron, »wer ist die Frauensperson?«

»Kann nicht dienen. Euer Gnaden,« entgegnete mit schlauem Lächeln der Alte; »die Nacht ist finster und im Dunkeln pflegen alle Katzen grau zu seyn, nur soviel ließ die Laterne am Wagen bemerken, daß der junge Herr recht vergnügt an der Seite des besagten Frauenzimmers saß.«

Man besprach sich noch über diesen Vorfall, als das Gerassel eines Wagens hörbar wurde; er hielt und indeß die drei Männer neugierig in das Schneegestöber hinaussahen, tönten Grüße hinauf, von bekannten Stimmen ausgesprochen; bald darauf eilten leichte Schritte die Treppe hinauf und eine junge Dame trat in's Gemach, die Ottfried und der Baron mit Herzlichkeit als ihre Nichte begrüßten.

Man hatte die Landräthin, eine Schwester des Barons, nicht so früh erwartet und besonders durfte man nicht hoffen, daß Julie sie begleiten würde; um so lebhafter war die Freude, als nun wieder Frauen, und so liebenswürdige Frauen, das einsame Haus besuchten und der Herrschaft der drei unbeweibten alten und oft verdrüßlichen Männer ein Ende machten. August zeigte sich geschäftig, seiner Cousine Alles nach dem Sinn zu machen; er pries sein Glück, welches ihm geworden, indem er auf seinem einsamen Gange den beiden Wagen begegnet und auch sogleich in einen derselben aufgenommen worden sey.

Das Mißverständniß mit der fremden Frauensperson, nach Martins Aeußerung, löste sich jezt auf eine drollige Weise auf, und man war noch mit Fragen, Erörterungen und Begrüßungen beschäftigt, als der zweite Wagen verfuhr, in dem die kranke Mutter der jungen Dame, in Gesellschaft ihres Arztes, sich befand. Jezt wurde ein reges Leben im Wohnhause bemerkbar; Diener mit Lichtern eilten die Stiegen hinauf und hinab, Thüren wurden geöffnet und unten, wo die Gemächer der Landräthin waren, hörte man lautes Gezänk der Kammerfrau mit dem Arzte und den Dienern; Koffer wurden geschleppt, Reisesäcke abgeladen, der Postillon blies auf seinem heißern Horn ein Abschiedsstückchen und in diesem Wirrwarr und Getöse fehlte wenig, daß der Baron, lange an tiefe Stille gewöhnt, nicht völlig den Kopf verlor.

Ottfried und der Pastor hatten sich zurückgezogen, um eine kleine Toilette zu machen; der Punsch wurde weggeräumt und alles Geräthe im Zimmer so viel wie möglich in Ordnung gesezt; allein es fand sich, daß so viel Anstalten vergeblich waren: die Landräthin, eine hochbejahrte kränkliche Frau, war durch die Reise so angegriffen, daß ihr der Arzt jede Gemüthsaufregung verbot; sie durfte nicht einmal ihre Brüder vor sich lassen und mußte sich für die Nacht in ihre Gemächer zurückziehen.

———————

Der Besuch auf dem Schlosse änderte nur in so fern Einiges im Leben seiner Bewohner, als durch denselben der geselligen Unterhaltung mehr Würze verliehen wurde. Julie kam mit ihrer Mutter gerade aus Paris; ihr lebhafter Geist hatte auf dieser Reise viel Neues und Interessantes kennen gelernt und besonders hatte sie ein aufmerksames Auge auf die schöne Tagesliteratur gerichtet, und da sie Kenntniß, Geschmack und Belesenheit besaß, so war sie den Fortschritten in diesem Fach nicht ohne Richtung und Nutzen nachgegangen.

Der Krieg der Geister hat für ein schönes, in sich geordnetes Gemüth durchaus kein verwundendes, doch immer ein belehrendes Interesse; es prüft und vergleicht in der Stille, empfängt das Würdige und Ernste mit Liebe und weist das Rohe, Ungehörige geräuschlos von sich ab; so erblickt es auf dem Felde, worauf erhizte und getrübte Gemüther Qual und Verwirrung sehen, nur Blumen, von denen es, einer Biene gleich hin und wieder schwebend, Honig sammelt. Ottfried hatte Gelegenheit gehabt, schon frühe den Charakter seiner jungen Angehörigen zu durchschauen und lieb zu gewinnen; es fand sich jezt, da nach den ersten unruhigen Tagen wiederum eine glückliche Stille eintrat, gehörige Zeit, um über jene Erscheinungen des Tages, besonders was die schöne Literatur betraf, Bemerkungen und Ansichten auszutauschen und so den Rest des Winters behaglich zuzubringen.

Gewöhnlich lag der Tisch, an dem die kleine Gesellschaft sich des Abends versammelte, voll neuer Novellen und Poesieen der Franzosen, wo denn Ottfried nicht geringe Mühe hatte, gegen diese Fluth von grünen, rothen und blauen Grausamkeiten, wie er die zierlich gehefteten Neuigkeiten nannte, anzukämpfen; der Pastor und August nahmen öfters Theil am Gespräch, zuweilen mischte sich auch der Arzt, der ein Italiener und nicht ohne gesellige Bildung und Kenntniß war, mit hinein, seltner der Baron, der mit seiner Schwester im Nebenzimmer Familienangelegenheiten und alte Erinnerungen besprach.

»Gestehen Sie es nur,« rief Julie einmal bei Gelegenheit eines Streites ziemlich heftig, »gestehen Sie nur offen, daß Sie seit dem Tode Ihres großen Dichters durchaus keine Hoffnung mehr für die neue schöne Literatur hegen!«

»Ein solches Geständniß wäre eben so voreilig, als unbillig,« entgegnete der Poet; »welche Zeitperiode wäre überhaupt so drohend und finster, daß sie durchaus keine Hoffnung zuließe? Doch muß ich gestehen, daß, wenn ich die Richtung, die der heutige Geschmack nimmt, beobachte, ich gegründete Besorgnisse hege.«

»Die französischen Blätter,« rief Julie, »behaupten, daß mit diesem lezten und bedeutendsten Dichter der Aristokratie, die Poesie ihrer Fesseln entledigt, einen freien großartigen Flug machen, sich zur edlen Verfechterin der Menschheit aufwerfen werde.«

»Leere Worte,« entgegnete der Poet verdrüßlich; »seit wann hat die Poesie denn wohl aufgehört, Sache der ganzen Menschheit zu seyn? Sie sehen hier, Theure, jenes eitle Volk, wie es von seiner schnell und eilig erbauten Marktbude verwirrt und schreiend herabpredigt, stets bemüht, die erste und entscheidende Stimme zu haben, ohne auf Wahrheit, Natur und Charakter besondere Rücksicht zu nehmen. Die Franzosen wenigstens sind es, die neuerdings den alten Streit über romantisch und klassisch wieder auf das Heftigste angeregt haben.«

»Ich muß gestehen,« bemerkte Julie, »daß mir die Gegensätze durchaus nicht klar geworden sind. Wenn ein Kunstwerk mich in allen Forderungen befriedigt, kann es mir da nicht gleichgültig seyn, ob diese oder jene Schule es erschaffen, genug daß es schön ist und seine Bestimmung erfüllt?«

»Allerdings, dem ruhigen Beobachter, der sich frei dem Genuß hingibt, kann dies gleichgültig seyn; allein die Kritik auf ihrer jetzigen Höhe will überall klar sehen und einer Zeiterscheinung auf ihren Ursprung nachgehen. Es ist eigentlich immerdar ein Wechsel der Formen, in denen das Wesen sich verkörpert, besonders in der Poesie. Versuchen wir es, den Unterschied zwischen romantisch und klassisch zu erörtern. Es ist viel hin und hergestritten worden, und Lady Morgan hat in Ungewißheit und Zweifel endlich den Streit auf ihre Weise entschieden, indem sie uns versichert, die romantische Poesie sey nichts anders, als die Freiheit, Alles auszusprechen, was einem eben in den Mund komme. Wirklich scheinen sowohl politisch als poetisch die Bühnendichter und Publicisten diese liebenswürdige Entscheidung in Ausübung bringen zu wollen; andere haben einseitig diese oder jene Werke für klassisch oder romantisch erklärt, ohne sich viel um Gründe zu kümmern; noch andere wollten nur die eine als Poesie gelten lassen, die andere unbedingt verwerfend, und umgekehrt; gewiß ist's aber, daß bei diesem langwierigen und zum Theil nutzlosen Streit die Bühne sowohl als das Fach des Romans mit wahren Ungeheuerlichkeiten, nach Göthe's Ausdruck, reichlich versehen wurde. Nach meiner Ansicht ist die Basis des Romantischen das Geheimnißvolle, die beiden Hauptstützen Volksglaube und Naturstudium, der Zweck ein allgemein menschliches Interesse.«

Julie: »Erklären Sie mir dieses umständlicher.«

»Lassen Sie uns vorher eine kleine Uebersicht einschalten. Das klassische Alterthum stellt uns lobenswerthe Muster auf; doch ging man von der Verehrung jener Geister auch auf die Form über, und bald zollte man dieser so unbedingten Beifall, daß man leider eines mit dem andern verwechselte. Dem Geist konnte man nicht gebieten, die Form aber nachbilden; man bildete sie nach, vergaß aber zu bedenken, daß sie, einer Schaale gleich, nur für eine bestimmte Frucht paßte und daß es thöricht war, erst die Schaale zu formen, um nach dieser die Frucht hineinzuschaffen, statt daß der lebendige Trieb jene nach dieser bildete. Neigte sich diese Erscheinung in Frankreich schon zur Verirrung, so wurde sie in Deutschland, wo sie sich mit dem herrschenden Geiste durchaus nicht vertragen konnte, vollends zur Grimasse, wie Gottsched und seine Schule es zeigt. Diesen Leuten gelang es, den ganzen weitläufigen Apparat der todten Formen herüber zu schaffen; sie arbeiteten jezt ärger, wie die mittelalterlichen Zünftler, nach ihrem Leisten, und einigen großen Geistern gelang es auch wirklich, einiges Leben dem hohlen Gebläse einzuhauchen. Doch vor dem gesunden Athem des Lebendigen konnte dieses Machwerk keinen Bestand haben; man fing an zu ahnen, daß man sich in der Grundlage versehen habe, und sah sich in der Stille nach einer andern, haltbarern um. Das Gerüste der Allegorie mit seinen hängenden, staubigen Perücken, seinen philosophirenden Amoretten und langweiligen personifizirten Tugenden erlitt durch Rousseau den ersten Stoß; man schien jezt inne zu werden, daß es auch eine Natur gab; in Deutschland traten Geister hervor, die der Naturwissenschaft mächtige Erwerbnisse sicherten; mit dem Naturstudium fiel man auf die verwandte Idee, dem Volksleben, dem Volksglauben Aufmerksamkeit zu schenken: und siehe da, die neue Schule stieg in wunderbarer Schönheit aus dem Schaum des bewegten Meeres. Schnell brach jezt das Gebäude der Rhetorik zusammen; an die Stelle der nackten Idee trat sinnliche Anschauung, an die Stelle der Reflexion Glaube, statt kalter Satire zeigte sich der geheimnißvolle Humor, und wo sich die Kritik früher auf leeres Ceremoniel der Schule gestützt hatte, lehnte sie jezt auf das Studium der Natur. Doch, hatte man jezt auch die beiden Wege gefunden, die zum Tempel führten, Naturstudium und Volksglauben, so blieb der Tempel selbst doch unsichtbar und mußte es seinem Wesen nach bleiben, denn er verschloß das Allerheiligste, zu dem kein Geschaffener Zutritt haben sollte, dem sich die Poesie nur auf dem Wege geistigen Schauens, der Ahnung und des Glaubens nähern durfte. Und hier zeigt sich auch der trennende Unterschied der alten Welt von der neuen, des Heidenthums von dem christlichen Glauben. – Dieser, als auf einem Geheimniß beruhend, ist recht eigentlich der Schöpfer der romantischen Poesie, jenes ist mit der Welt und deren Erscheinung abgeschlossen; dieses baut von der Erscheinung, als dem Sichtbaren, in's Unsichtbare, Unendliche hinaus. Kaum hatte sich der neue Zeitgedanke gefestigt, so traten Geister auf, die nun jene anerkannten Grundsätze in's Leben führten und der alten Schule den offenen Kampf boten. Deutschland, und vor Allen unser großer Dichter, sind hier wiederum vorausgegangen; Göthe stellte das Studium der Natur als das Eine, was Noth thut auf, und andere Geister wiesen auf das durch die Natur sich verkündende Mysterium des Glaubens; die beiden Schlegel befestigten von allen Seiten den schönen Bau, in den eine tiefe bedeutsame Vorwelt wie durch helle Kirchenscheiben hineinlächelte. Weil jedoch etwas Geheimnißvolles, Unerforschliches gesucht werden sollte, so konnte es nicht an zahllosen Irrthümern fehlen; doch war ein völliges Irregehen nicht möglich, seitdem die beiden zum Ziele führenden Wege so scharf bezeichnet waren. Vor allen Dingen ging man jezt daran, in Bildwerk, Schrift und Denkmal dem Volksglauben und Volksleben nachzugehen. Lessing hatte schon auf Shakspeare's Schönheit aufmerksam gemacht, die englischen Humoristen, so selten verstanden und gewürdigt, kamen jezt mit ihrem ganzen Anhang herüber; man erweckte zu gleicher Zeit die kräftigen alten Deutschen und die zarten süßlichen Provençalen. Eine Masse von Schriftstellern theilte sich gleichsam in die reiche Arbeit: Novalis tritt im reinsten Lichte hervor, unermüdlich weist er auf das Geheimniß hin, dem er sich in unbedingtem schönen Glauben nähert; Kleist, der unsterbliche Kleist läßt das Mysterium ahnen, indem er die irdische Liebe schildert; an ihn schließt sich Fouqué an, doch wird er später wenig mehr als romantischer Dekorationsmaler, bis dann Hoffmann das Mysteriöse sogar in's Skurrile und Phantastische hinabzieht; sie alle aber vereint gleichsam in sich der Dichter der Genovefa. Einzelne Geister gingen bei diesem Streit unter, wie: Klinger, Lenz. Schiller, Herder und Jean Paul suchten beide Parteien zu vermitteln, indem sie sich wieder der Herrschaft der Idee näherten; doch sie verloren an Klarheit, ohne an Schönheit zu gewinnen.«

»Mir ist,« unterbrach der Pastor hier die Rede, »als wäre jedes zerrissene, mit sich in Zwiespalt lebende Gemüth schon von vorn herein romantisch zu nennen.«

»Das ist es auch,« rief Ottfried, »insofern im Zerrissenseyn schon der Keim religiöser Bildung verborgen liegt, der entweder im Glauben sich empordrängt, oder in finstrer Verneinung untergeht; beide Richtungen sehen wir bei den romantischen Dichtern durchgeführt.«

Julie bemerkte: »Wenden wir diesen Begriff des Romantischen auf den Geist der verschiedenen Nationen an, so möchte ich wissen, welcher Sie das tiefste Eindringen, die reichste Ausbeute zugestehen; unbedingt der Deutschen?«

»Es scheint, daß der Charakter dieses Volks sich besonders dahin neigt. Die Engländer schließen sich ihnen an; grade entgegen diesen Einflüssen möchte aber wohl der Genius der französischen Bildung seyn.«

»Wie? bemerkten Sie nicht früher, daß gerade die schönsten Muster des Romantischen aus Frankreich zu uns gekommen?«

»Freilich, wohl, doch das war das Frankreich im zehnten, elften, zwölften Jahrhundert. Der Geist des neuen Frankreichs ist ein rein historischer; er hatte in der schönen Literatur seine Blüthenepoche, die Epoche seines wahren Triumphs, unter den großen Dramatikern, unter Corneille, Racine, Voltaire. Von den großen Vorbildern der Philosophie ausgehend, ließen sich die Geister zu den Gesängen dahinreißen, die allein durch die Schule glänzen wollten und denen die Form, wo nicht Alles, doch sehr Viel galt. Jene Dichtungen behalten immerdar ihre Würde und ihr Verdienst; doch muß man von ihnen nicht mehr fordern, als was sie geben können. Sie sind zum Theil witzige, zum Theil scharfsinnige und tiefe Erörterungen philosophischer Ideen; nicht in dem Boden der Natur, des Volksglaubens und Volkslebens wurzeln diese Pflanzen, sondern lediglich im Boden der Etikette, des Hofs; sie sind daher eben so wenig romantische Erscheinungen, als daß man sie zu denen rechnen könnte, welche man zum Gegensatz klassisch nennt; denn obwohl sie die äußern Formen des Alterthums annahmen und ausbildeten, so blieb ihnen doch das eigentliche Wesen altgriechischer und römischer Dichtung eben so fremd als es der Geist der Romantiker ihnen war und seyn wird. Anders steht es mit jenen frühen Gesängen, welche uns noch aus ferner Zeit so lieblich herübergrüßen. Diese sind Blumen gleich, die, im gesundesten Boden wurzelnd, in bunter glänzender Farbenpracht, frisch im Kelche den Honigthau wahrend, in den Himmel der Andacht, Minne und Ehre emporblühen. Vergleichen Sie mit diesen süßen Gebilden jene Erzeugnisse, die die heutige französische Schule romantisch nennt, beben Sie da nicht wie vor einem Gespenste zurück? Wo ist da Hindeutung auf ein tiefliegendes Geheimniß, dem man auf dem Wege inniger Naturliebe und Forschung sich nähern soll, wo der frische Farbenton, die tiefe Bedeutsamkeit, die Hindeutung auf höhere Befriedigung, welche besonders da mildernd eintreten soll, wo das Grausen, das tiefste Entsetzen hervorgerufen wird?«

»Sie meinen also,« fragte der Pastor, »daß die Franzosen gut thaten, zu ihrem Racine und Voltaire zurückzukehren?«

»Ich sehe,« fuhr der Dichter fort, »nur in dieser Rückkehr Heil; denn der Geist ihrer poetischen Bildung kann nun einmal ohne strenge Schule und Rhetorik nicht bestehen. Die Wiedererweckung der alten deutschen, englischen, französischen und italienischen Muster drang auch zu ihnen, im Verein mit den politischen Reformen glaubten sie auch die literarischen über sich nehmen zu können; es schien ihnen ein Leichtes, sich auch hier mit dem Besten zu versehen, und ihre Nationaleitelkeit spiegelte ihnen vor, daß es nur nöthig sey, zu wollen, um es schon zu seyn; ja daß es nur eines Anfangs bedürfe, um gleich wie in andern Dingen dem erstaunten Europa zurufen zu können: seht, wir sind auch hierin Meister! Allein sie bedachten nicht, daß es hier auf nichts Geringeres ankam, als eine gänzliche Umwandlung des innern Menschen, auf eine gänzliche Verläugnung ihrer Natur. Es war wohl leicht, dem alten Perückenmann die Perücke, den Atlasfrack und den Galanteriedegen abzureißen; allein, wie sie nun diese Puppe mit dem wunderlichen Putz verblichener Jahrhunderte puzten, so zeigte es sich, daß es immer noch der alte Perückenmann blieb, und daß er seine starren, in vorgeschriebene Hofstellungen eingezwängten Glieder nicht zu den romantischen Sprüngen lebendig machen konnte. Man wollte eine ehrfurchtgebietende tiefgeheimnißvolle Gestalt geben und gab eine Vogelscheuche. Erst wenn die Franzosen sich entschlossen, von ihrer Eitelkeit niederzusteigen, wenn sie sich entschlossen, von vorne herein wieder in die Schule zu gehen bei ihren Nachbarn, wenn sie vor allen Dingen die deutsche tiefeingehende Naturphilosophie mit dem deutschen Ernst, deutscher Bedeutsamkeit aufnähmen, so könnte etwas geschehen, doch heißt dieses nicht eben soviel als fordern, sie sollten aufhören Franzosen zu seyn?«

»Aber die Novellen von Balsac, Janin, die schaudervollen hinreißenden Bilder Eugene Sue's, die Dramen Victor Hugo's!« rief Julie.

»Auf dem Wege bloß historischer Auffassung ist in der Poesie noch nichts geschehen. Die Geschichte liefert uns zahllose Beispiele von Gräuelscenen, Blut, Mord, Gift, Dolch, Einkerkerung, scheußliche Verbrechen aller Art stehen in ihren Jahrbüchern verzeichnet; der Historiker hat nichts weiter zu thun, als sie mit ihrem Anhange von Ursache und Wirkung klar vor's Auge zu stellen, der Philosoph wird an diesen Beispielen sein System zu ergänzen und zu vollenden streben, der Dichter jedoch soll etwas ganz anders; wir fordern von ihm den tiefen Blick in das Geheimniß des Daseyns der Erscheinung. Hinter dem bunten Schleier alles Lebendigen steht ewig die riesenhafte Isisgestalt, und der Poet ist ihr Priester.«

Julie: »Wo ich nicht irre, so nannten Sie ebenfalls als etwas Bezeichnendes für die romantische Poesie, das allgemeine Interesse, das sie einflößen soll.«

Ottfried: »Nicht so wohl ein allgemeines, als ein allgemein menschliches, und hier kommen wir auf den Anfang unsers Gesprächs zurück. Auch hier zeigt es sich, daß die Franzosen nicht zu Romantikern geboren sind, indem sie immerdar in ihre Poesieen mehr oder weniger das gerade herrschende Interesse der Zeit aufgenommen haben. Anfangs zeigte sich ihre Muse als Sklavin des Hofs, jezt zeigt sie sich schlimmer als eine Magd politischer Parteien, und wie hätte auch anders unser größter Dichter jene arge erniedrigende, ja oft völlig grundlose Beurtheilung erfahren, wenn man sich nicht vereinigt hätte, in ihm nichts anderes sehen zu wollen, als eine politische Figur?«

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Der Rest des Winters war verschwunden, mit dem Frühling ließen sich auch zugleich Gäste anmelden; der junge Fürst mit seiner Gemahlin kam auf's Schloß; im Gefolge dieser Herrschaften zeigte sich auch eine Anzahl Tänzer und Schauspieler, die sich sofort der kleinen Bühne im unbewohnten Theile des Schlosses bemächtigten, um einige Vorstellungen zu geben. August begrüßte diese bunten und lustigen Leute mit herzlicher Freude; er hatte sich auch hier bald seine Bekannte herausgefunden und strich besonders mit dem jungen Direktor Müller manche Stunde in der Umgegend und auf der Jagd herum.

Eine noch größere Freude stand ihm bevor, als eines Tages Eduard auf dem Schlosse anlangte und den Intendanten, Ottfried, den Pastor und Julien nicht wenig überraschte. Die Freunde fanden ihn zu seinem Vortheil verändert; sein Blick war heiter, hatte Sicherheit und Klarheit, eine gesunde Röthe färbte seine Wangen, und nur in dem mehr stillen, ernsten Wesen bemerkte man den Flug der Jahre und die Spuren so manchen betrübenden Ereignisses. Ottfried schloß ihn in seine Arme, indem er ausrief:

»So ist uns denn der Geliebte als Mann wieder gegeben, den wir als Jüngling verloren! Ach Verehrter, welches geheimnißvolle Ding ist es um unser Herz; es ist zugleich W

Als Eduard nach seinem Zimmer fragte, erfuhr er, daß Julie es bewohne: »Sie dürfen nicht hinauf,« rief sie mit lächelndem Ernste, »es soll Sie Nichts an das Vergangene mahnen.«

Er erkannte dankbar diese Schonung und sprach von dem Plan einer Reise, zu der er Ottfried und den Baron ebenfalls aufforderte. Diese konnten nicht geradehin zusagen. Es wurden die verschiedenartigsten Entwürfe besprochen und unter durcheinander kreuzenden Fragen und Antworten verstrich eine geraume Zeit, ehe man sich wieder daran gewöhnen konnte, dem ruhigen Fortschreiten des Alltagslebens sich wieder anzuschließen. Der erwachende Frühling erhöhte die Genüsse der kleinen Gesellschaft, die durchaus zufrieden gewesen wäre, wenn nicht die zunehmenden Geschäfte des Barons und die gesteigerte Kränklichkeit der Landräthin den Frohsinn getrübt hätten. Dazu kam der Umstand, daß dem Intendanten das Wesen und Betragen des jungen Fürsten entschieden mißfiel, und er es nicht lassen konnte, im Kreise seiner Familie sich in bittern Tadel hierüber auszulassen.

»Man sehe,« rief er, »die heutigen Fürsten; sollte man nicht glauben, sie wollten stündlich immer neu ihre Krone sich erbitten, so viele Kratzfüße, so viele Händedrücke, so viele für einen Fürsten ganz unanständige Gunstbezeugungen verschwenden sie der Menge, die es ihnen nicht einmal dankt; und nachher beklagen sich die erlauchten Herrn, wenn es um ihr Ansehen geschehen ist. Kommt's mir doch vor, als wenn der Vater ein Jäckchen anzöge, das Steckenpferd zwischen die Beine nähme, um den lieben unartigen Bübchen auch den lezten Willen zu thun, damit sie ihn nur nicht in's Gesicht schlagen.«

Der Pastor stimmte dieser Ansicht bei, und August rief: »Wo ist nun unser Journalist, damit er wieder mit seiner glorreichen Rednergabe uns alle auf's Haupt schlage.« Eduard erkundigte sich nach Sophieen, Ottfried fragte nach dem Abt und Massiello und erfuhr, daß sie sich eine Zeit lang in Rom aufgehalten von dort aber spurlos verloren hätten.

Im Schloß beschäftigte man sich, ein Drama zur Darstellung zu bringen, nur war man über die Wahl des Stücks noch nicht einig. Ottfried und Eduard hatten sich mit Absicht fern gehalten, als aber wiederhohlte Aufforderungen ergingen, ließ sich der leztere willig finden, dem Direktor der Truppe einige gute Bühnenstücke zu nennen; seine Wahl fiel auf Kleistens Käthchen von Heilbronn.

»Ich muß im Vertrauen sagen,« bemerkte Müller, »und zu unserer Freude, daß die königliche Hoheit, unsre gnädigste Frau, die Vehmgerichte, Burgverließe und die sonstigen gefährlichen Spelunken ganz besonders liebt, und Mord, Gift, Dolch darf nicht gespart werden; ebenso unser Gnädigster, so mild und leutselig er im Leben ist, so arg mag er in der Kunst wüthen; meine Frau hat darum die Kosten nicht gescheut, sich aus Paris einen neuerfundenen Kunstbusen bringen zu lassen, mit dem sie die Lucretia Borgia spielte und der beim Moment des Dolchstoßes einen wahrhaft fürchterlichen Effekt auf's Parterre hervorbrachte.«

Eduard erkundigte sich nach der Schauspielerin, die das Käthchen darstellen wollte, und ein junges blühendes Mädchen trat hervor, die Müller als seine Nichte vorstellte.

»Ich selbst,« sezte der spaßhafte Mann hinzu, »gebe den alten wunderlichen Waffenschmied, und nach der neuern Ansicht dieser Rolle, mische ich sogar Humor in die schwerleibige Ernsthaftigkeit dieses Gesellen; den Grafen von Strahl macht dort der erste Liebhaber, Herr Eginhard.«

Es zeigte sich ein blonder, blasser, junger Mann, der eine linkische Verbeugung machte, und bald wieder verschwand. Eduard war nicht sonderlich mit dem Personal zufrieden; doch konnte hier nichts mehr geändert werden, man mußte sich zur Aufführung entschließen; es wurden Proben angeordnet, und Ottfried ließ es sich nicht nehmen, da es sein Lieblingsdrama galt, thätig einzuwirken, um so viel als möglich etwas Ganzes und Geordnetes zu geben.

August fand seine Freude daran, die bewegten Gruppen zu umschwärmen; er besaß, wenn er auch seinem innern Wesen nach nicht poetisch war, doch die Gabe, sich im Leben Verhältnisse herauszufinden und anzueignen, welche eine poetische Beziehung oder Erinnerung in ihm vorriefen; so wußte er sich im Umgange mit den Schauspielern nicht wenig damit, daß jezt seine Lage der des geistreichen Wilhelm Meister ähnle, ja er schwazte Sabinen, so hieß das junge Mädchen, welches das Käthchen machen sollte, so viel über jenen Roman vor, daß sie sich endlich entschloß, ihn zu lesen, und zwar in ihren Musestunden mit dem Jüngling zusammen zu lesen, wodurch denn manche kleine Vertraulichkeit herbeigeführt wurde.

Nicht selten kam zu diesen Bildungs- und Unterhaltungsstunden auch Sabinens Verwandte, eine kleine muthwillige Tänzerin, Namens Rosa, hinzu, die gewöhnlich eine alte Ehrenwächterin, welche auf der Bühne die Kaiserinnen und Hexen spielte, mit sich brachte.

Indeß die Anstalten zur Darstellung getroffen wurden, stritten sich Ottfried, Julie und Eduard über manche Eigenheiten des Kleistischen Meisterwerks.

»Ich glaube,« rief Julie eifrig, »daß für eine Schauspielerin, die nur irgend im Stande ist, über ihren Beruf nachzudenken, es keine schwierigere Aufgabe gibt, als die Rolle des Käthchens. Wie wunderbar, geheimnisvoll und unergründlich ist diese Liebe? Kann sie wirklich im Leben dargestellt werden und ruht sie nicht als eine schöne Fiktion bloß in der Seele des Dichters? Ich muß gestehen, noch nie hat mich eine Darstellung befriedigt und immer wurde mir entweder eine Grimasse vorgeführt, oder es trat im bloßen Abbild das sogenannte edle Mädchen unserer Bühne wieder auf.« –

»Ich kann mich,« bemerkte Eduard, »hier nicht enthalten, eines gehässigen Gefühls zu erwähnen, das mich damals, als ich viel über die Einheit der Kunst und des Lebens nachdachte, stets ergriff, wenn ich dem Spiel auf einer Privatbühne zusah. Es ist nicht auszusprechen, welch ein ungeheurer Seelenschaden jungen aufblühenden Mädchen aus dem Umstand erwächst, daß man sie zwingt, das süßeste Geheimniß und zugleich das zarteste eines jungfräulichen Busens, das Geheimniß der Liebe, vor fremden Augen heraufzubeschwören. Was soll Amor mit einer Psyche, die er nicht mehr entschleiern darf, die sich selbst frech entschleiert, um ihn heranzulocken, allein ihn grade dadurch auf immer vertreibt. Wahrhaft feinfühlende Jünglinge sehen nie gerne eine vollendete Künstlerin auf der Privatbühne, denn sie denken immer an den Bedaurungswürdigen aus ihrer Mitte, dem einmal, wenn er die Gefeierte heimführt in die stille dämmernde Loge der Brautkammer, auch nur die kümmerlichen Reste eines durch Bühnenkünste verwüsteten Herzens geboten werden, anstatt das schamhafte Zucken einer durch ihren doppelten Schleier erröthenden Psyche, die zum erstenmal ein überwältigendes Geheimniß ahnet.«

»Gleichwohl,« rief Ottfried, »muß hier die Kunst der Natur unmittelbar nachgehen; dies ist um so mehr nöthig, da uns hier kein stereotyper Bühnen-Charakter geboten wird, sondern eine neue, aus dem innern Leben eines tiefen Dichtergeistes hervorgegangene, Schöpfung. Je mehr Käthchens ganze Erscheinung, ich möchte sagen in's Traumleben hinüber spielt, desto schwieriger wird es der Künstlerin, sie plastisch wirklich hinzustellen. Die herrschende Auffassung dieses Charakters ist, trotz den Einreden, die einer unserer größten Dichter gethan, immerdar so grob-materiell, daß man im Käthchen wenig mehr, als ein sinnliches, verliebtes, das Zartgefühl beleidigendes Mädchen sieht; der wunderbare Traum in der Sylvesternacht erscheint nichtig, die Erscheinung des Engels wird fortgelassen und so sinkt der ganze mächtige Zauber des Geheimnißvollen, welcher dieses Schauspiel recht eigentlich zu einem Kleinod der romantischen Poesie macht, zu einer völlig bedeutungslosen Zugabe herab.«

»Ich kann überhaupt,« nahm Eduard das Wort, »diesem Stück keinen so unbedingten Werth beilegen; viel Verfehltes, jugendlich Ueberspanntes drängt sich beim ersten Blick auf; alle Personen des Dramas haben nur ein traumhaftes, ängstliches Leben, keine bewegt sich natürlich und ungezwungen. Die Bühne verlangt gesundes kräftiges Leben, und sie hat vollkommen Recht, wenn sie das Heer der Ahnungen, Gesichte, Gespenster und phantastischen Träume von sich weiset, woran die romantischen Dichter so reich sind.«

»Freilich,« erwiderte Ottfried, »erscheint den meisten Bühnendirektoren die Poesie selbst als ein Gespenst, welches zu bannen sie sich auf alle mögliche Weise angelegen seyn lassen, und das Ueble ist, daß es Dichter gibt, die ihnen hierin trefflich in die Hände arbeiten.«

»Gestehen Sie,« rief Eduard ernstlicher, »daß unsre Bühnen entschieden im Verfall sind, seitdem die romantische Schule sich ihrer bemächtigt hat.«

»Ich geb' es zu, seitdem die falsche romantische Schule Herrschaft gewonnen; doch ist Shakspeare, sind die alten Spanier keine Romantiker?« –

»Ich habe über diese Leute,« rief Eduard, »meine eigne Ansichten, die hier auseinanderzusetzen uns zu weit führen würden. Geben Sie mir nur zu, um bei der Tragödie Ihres Kleist zu bleiben, daß weder die unwahrscheinliche traumhafte Liebe des Käthchens, noch die tiefsinnige prahlerische Erscheinung des Grafen wirklich sind, eben so wenig wirklich, als das Edelfräulein Kunigunde, welche in ihrem rothen schleppenden Bademantel mir vorkommt, gleich einem alten Bilde zur Zeit Wohlgemuths, so gänzlich ohne Perspektive und Haltung. Ich möchte behaupten, daß alle Gestalten in dem Gedicht nur verkörperte poetische Träume sind, mit den grellen Farben des Traums bekleidet, zugleich aber auch mit seiner materiellen groben Unwahrscheinlichkeit.«

»Freilich wohl,« rief Ottfried, »der kalten engherzigen Kritik wird jedes Werk innerer Begeisterung nicht viel mehr, als das Werk eines schönen Traums seyn.«

Eduard merkte, daß der Poet in Verteidigung seiner Freunde warm wurde, er brach daher das Gespräch ab und sezte nur noch die Worte hinzu: »So viel ich das Wesen dieser neuen Propheten in der Kunst begreift, so glaube ich, daß sie der streng religiösen Ansicht, aus der sie ihr eigentliches Leben zieht, auch in dem Umstande folgt, daß sie überall unbedingten blinden Glauben fordert. Die Welt, die sie erschafft, entsteigt der Inspiration; ein romantischer Dichter erklärt sich von vornherein als einen auf geheimnißvolle Weise Begeisterten; er will mit Absicht nichts von Regel, Schule, Charakterstudium wissen, er lacht über diese Anforderungen, als elende Erbärmlichkeit; er, für seine Person, er sieht alle seine Gestalten, sie stehen vor ihm, gut oder übel gruppirt, er sorgt nicht, grübelt nicht, er zeichnet sie so hin, und wenn man ihm mit der Frage kommt: warum er sie so und nicht anders hingestellt, dann ruft er uns lächelnd zu: das ist grade das Geheimniß – das ist grade recht aus der Natur geschöpft, hierin beruht der allertiefste Zusammenhang.«

»Ist die Wurzel alles Streites in der Kunst nicht immerdar gewesen, der Gegensatz zwischen Genie und Schule?« rief Ottfried.

Julie, die sich entfernt hatte und jezt wieder eintrat, fragte, ob man im Schauspiel auch den Engel bestehen lasse, der das Käthchen aus dem brennenden Hause rettet.

»Gewiß,« antwortete der Dichter, »der Cherub ist mir so lieb, daß ich ihn um keinen Preis hinter den Coulissen lassen möchte; er ist mir immer erschienen wie der Engel der Verkündigung in den wunderschönen kleinen Passionsbildern von unserm Dürer.«

Der Baron kam, die Gesellschaft zum Spaziergange abzuholen Die Landräthin, auf ihre beiden Söhne gestüzt, stieg die Treppe herab; man ging einige kühle Plätze im Garten durch. Eduard führte Julien am Arm. Die würzige Frische eines schönen Sommerabends lag auf der Gegend; ein schnell vorübergerauschter Regen hatte Alles glänzender gefärbt und frisch getränkt, ein leicht angeschwemmtes Gewölk zog sich im Westen nieder, darum herum und dasselbe durchspielend leuchteten die lebendigsten Farben, doch dauerte es nicht lange, so tränkte der niedersinkende Sonnenball Alles in blutigen Purpur, der breite verlagernde Wolkenschatten selbst sättigte sich mit dem wärmsten Roth, bis er, immer blasser werdend, endlich aus seinem Schooße die lezten abschiednehmenden Strahlen fernhin über die prächtige Kuppel hinfliegen ließ.

Es war schon ganz finster, als August sich in den Flügel des Schlosses schlich, in dem die Schauspieler wohnten. Müller hatte ihn zu einem kleinen Trinkgelage eingeladen und dabei versprochen, daß man sich auf Sabinens Stube versammeln sollte; als er nun anklopfte, fand er die ganze kleine Gesellschaft schon beisammen, doch was ihn wunderte, auch den Arzt der Landräthin, und der schien der kleinen Rosa vorzüglich den Hof zu machen. Der Fürst hatte freien Wein und sogar Speisen schicken lassen. Man fing damit an, zu essen und zu trinken, oder eigentlich man that nichts anderes. Müller brachte auf seine Weise Betrachtungen über's Theater vor und rief endlich, zu August gewendet:

»Ihr müßt es mir nicht übel nehmen, es auch nicht weiter sagen, aber das Stück, das wir Morgen geben sollen, ist doch, Gott sey bei uns, ein ganz miserables Machwerk; ich weiß immer nicht, wie ich mich benehmen soll; und dann das Mädel! – ist die Arme verliebt, nun meinethalben, es ist nicht das erste Mal, aber wozu dann der verwünschte Fliederbaum, die henkersmäßige Plage? – Glaubt Ihr, daß kluge Leute sich dadurch täuschen lassen? Ach, ich versichre Euch, es gibt keinen ehrlichen Lampenputzer, welcher der Dirne nicht gleich an sieht, wo sie hinauswill und daß sie auf die Prinzessinnenschaft losgeht. Du liebe Zeit, als ich mich noch den ersten Schüler des großen Iffland nannte und durchaus nichts als Hofräthe spielte, da gab es so feine Intriguen, so feine sag' ich Euch, daß kein Gott am Anfang des Stückes errathen konnte, wer von den Personen im Drama die andre um Ehre, Titel, Frau, oder nur um baares Geld bestehlen würde; wir selbst oft, die wir die Rolle in der Hand hatten und recht gut wußten, daß wir ein paar Stunden später eine goldne Dose stehlen würden, wir selbst glaubten nicht daran, so herzhaft moralisch kamen wir uns vor, und doch geschah es und zwar wurden wir nicht überrumpelt, nein, ganz folgerecht, auf ganz rechtlichem Wege, den Gesetzen der Kunst durchaus gemäß, gelangten wir auf den Pranger, oder in's Gefängniß. Das heiß ich doch noch Stücke schreiben, wo Kunst, Schule darinnen herrscht; in jenen confusen Tragödieen aber steckt das Unglück eigentlich in der Luft: wer es im Einathmen aufschnappt, der ist des Teufels und kommt sogleich um, ohne daß viel wie und warum gefragt wird. Die Helden sind wie schwache Dirnen, wenn ihre Stunde kommt, so müssen sie davon und sollten sie noch so tugendhaft seyn. Was mich am meisten ärgert, ist, daß die desperaten Leute noch auf ihre lezten Tage so spaßhaft werden, und doch darf über den so elenden Witz, den die arme Kreatur in der Herzensangst ausstößt, bei Leibe nicht gelacht werden: so ging es mir einmal, als ich den König Lear spielte, – in aller Gutmüthigkeit trug ich dem Publikum, das ich recht herzlich gelangweilt hatte, zulezt munter und leicht die guten Witze des wahnsinnigen Mannes vor, und hatte die Freude, das ganze Parterre auf das Heiterste lachen zu hören; allein es bekam mir schlecht; man bewies mir, daß ich das Stück verdürbe, daß ich keinen Sinn für die Ironie hatte, und endlich, daß ich lieber Strümpfe wirken, als den gefeierten Shakspeare darstellen sollte. Meiner Frau ging es nicht besser, als sie in ihrer Einfalt die dummen Liederchen, welche in Ophelien's Rolle stehen, wirklich absang.«

»Nichts vom Theater, nichts von der Kunst!« schrie August. »Sie sind jezt nicht auf der Bühne, sondern in guter Gesellschaft. Da, nehmen Sie ein Glas Wein und lassen Sie uns auf die Gesundheit unserer Damen trinken!« –

»Wie Sie gut unterscheiden,« rief Müller, »daß Sie Bühne und gute Gesellschaft in Gegensatz bringen! Wirklich, nirgends trifft man so schlechte Gesellschaft als auf der Bühne. Manche Dichter thun ihr Möglichstes, schlechte Gesellschaft auf die Bühne zu bringen, und wie soll man sich dann noch bei uns wundern, wenn schlechte Gesellschaft gute Sitten verdirbt.«

Er nahm ein Glas und erwiederte die Gesundheiten. August fand Mittel, sich mit den beiden Mädchen und der Ehrenwächterin fortzuschleichen. Sie gingen auf Rosa's Zimmer, und die kleine Tänzerin ließ sich's angelegen seyn, die Unordnung, welche darin herrschte, so schnell als möglich zu bannen. Geschwind raffte sie die Reste von Flor, Band, seidenen Strümpfen und Tricots zusammen, machte ein Plätzchen auf dem Kanapee frei und setzte sich mit ihrer Freundin darauf. August bat sie, etwas zu tanzen und zeigte auf die Bilder an den Wänden, auf denen einzelne schwierige Balletstellungen hingemalt waren. Die Kleine rühmte ihre Kunst jezt vor allen andern Künsten.

»Glauben Sie nicht,« rief sie äußerst lebhaft, »daß man mich gezwungen hat; mein eigener freier Wille war es, der mich zu diesem Berufe trieb. Mein Vater war Prediger, ein frommer ernster Mann, dem meine Kunst ein Gräuel war; ich weiß, daß er einmal eine lange Predigt hielt und dagegen warnte. Zum Glück habe ich ihm nicht den Kummer gemacht, mich zu denen zu zählen, die er so bitter tadelte; denn als sich mein Lebensplan entschied, und ich in der nächsten Stadt unter vielen Lichtern und Zuschauern auf der Bühne mich zeigte, lag er schon längst auf dem dunkeln Kirchhof unter flüsternden Lindenschatten. Ich denke auch, er wird es mir oben nicht übel nehmen; wir können nicht Alle zu demselben Geschäfte aufwachsen – er war bestimmt, der Gemeinde alle Sonntage herzliche Langeweile zu machen, ich an demselben Tage, jedoch am Abend, sie zu ergötzen; er hat in Kummer und Amtsschweiß sein mühsames Brod erworben, mir beschert ein einziger Abend oft so viel, daß ich mit Freuden einiges in die Armenbüchse liefere.«

August fand diese Äußerungen so liebenswürdig, daß er die kleine Sprecherin umfaßte und küßte.

»Ei, ei!« rief die Ehrenwächterin, die unterdeß einen langen Strumpf hervorgezogen, an dem sie strickte; »daß ich nur dergleichen nicht wieder sehe!«

»Warum nicht, Mütterchen!« entgegnete der ausgelassene Knabe; »ist dir etwa ein Kuß in deinem langen Leben noch nicht vorgekommen?«

Die Alte seufzte und murrte vor sich hin von später Zeit und Schlafengehen. Rosa war fortgegangen, und nach einer Weile hüpfte sie herein in einem niedlichen Balletkostüm, ein dunkelrothes Baret mit mit einer langen biegsamen weißen Feder auf dem schwarzen Lockenkopf; sie begrüßte die Gruppe auf dem Sopha mit einem muthwilligen Entrechat, wirbelte sich ein paar mal auf einem Beine herum und blieb endlich lächelnd stehen, indem sie über August's und Sabinen's Kopf einen Lorbeerkranz hielt. Die Alte war wirklich eingeschlafen und die Tänzerin wandte sich mit unterdrücktem Lachen zu ihr.

»Man sehe,« rief sie, »diese ehrwürdige Mutter, dieses unter der Krone ergraute Haupt, ob sie sich wohl das geringste daraus macht, am Abend ihres Lebens Strumpf zu stricken? – O diese liebenswürdige Popularität, Muster einer Fürstin, einer Volksfreundin! Wo ist die Hoheit ihres Standes? wo sieht man da die geborne Fürstin? – Schöner Engel, schlummre sanft! ach, dein Daseyn war nicht ohne Kummer, der geringste war, daß du deine Rolle nie wußtest, so wie du sie auch jezt eben gänzlich vergessen hast. Wenn ich nun nicht da wäre, wo bliebe da der Schutz, den jene unbefangenen jungen Leute so nöthig haben.«

Sie warf einen lächelnden Blick herüber, tanzte dann in einer Menge kleiner Sprünge um den Stuhl der Alten herum, und weckte diese endlich auf, indem sie ihr den rauschenden Papierkranz ziemlich herzhaft auf die Haube drückte; sie fuhr aus dem Schlafe und gleich einer wahnsinnigen Prophetin über die Liebenden her, indem sie sie hinunter zur Gesellschaft trieb.

»Das war auch schon unsere Absicht,« rief Rosa; »nehmt die Lichter!«

Sie tanzte voran, ihr folgte das zärtliche Pärchen, dann die Alte mit dem Lorbeerkranz und den beiden Lichtern. Als man eben die Stiege herabbog und auf den Vorsaal gelangt war, kreischte Rosa hell auf – sie war auf dem Boden zusammengesunken, ihr Antlitz bedeckend; auch August und Sabine wichen zurück, denn dicht vor ihnen stand eine lange blasse Gestalt, in schleppendem erdfarbenen Mantel gehüllt; sie verharrte einige Minuten unbeweglich in einer Stellung, dann ging sie auf das Gemach zu, wo die Andern versammelt waren. August verfolgte sie; er trat in's Zimmer und fand jene noch am Tisch beim Weine, allein keine Spur von dem unheimlichen Gaste; er fragte, beschrieb und erzählte, doch Niemand wollte etwas gesehen haben.

Die Mädchen wollten sich nicht beruhigen, und August mußte sich, da es spät geworden, endlich wieder fortstehlen. Er fühlte seine Wange brennen, sein Herz klopfen; eilig durchrannte er die Gänge des Gartens und kehrte erst heim, als Alles im Schlosse schon schlief. –

Julie hatte Eduarden den Zutritt in das früher von ihm bewohnte Gemach nicht länger versagen mögen, und er blickte jezt mit Thränen im Auge auf den Platz am Fenster, wo er damals das wundersame Bild, gleichsam in Folge einer Eingebung, verfertigt hatte. Die vergangene Zeit trat ihm nah, doch sie sah ihn mit fremdem Antlitz an; er fühlte sich auf festem Boden und erblickte sein Bild auf ungewissen stürmischen Wellen dahinschweben.

»Warum geliebte Freundin,« rief er Julien zu, »mir diese ernsten und doch freudigen Genüsse rauben? Der Mensch findet doch am Ende nur in sich selber die Erklärung, denn nur dem Selbsterfahrenen mißt er vollen Glauben bei. Diese Wände jenes Tafelwerk, die daran klebende alte Tapete, sie schlossen mich damals ein, als ich, noch mit mir selbst uneinig, unausgesezt am innern Tempel baute und änderte; Jugendthorheit, Träume, eine unwürdige Liebe durften mir so Vieles rauben, so manches Edle entführen und umgestalten; ich schleuderte thöricht fort, was ich jezt ängstlich zusammenscharre; ich griff wie ein begehrliches Kind nach tausend Dingen, und fand unter dem Wust des Entbehrlichen auch das Nöthige und Brauchbare. So ist die Jugend allemal ein Traum, den das spätere Leben wahr macht.«

Julie reichte ihm ihre Hand, ein tiefes Mitgefühl glänzte in ihrem Auge; sie hielt es für ihre Pflicht, die bittern Erinnerungen vorüberzuleiten und führte darum ihren Gast vor den Malertisch, auf dem eine kleine zierlich aufgefaßte Landschaft angefangen dalag.

»Nicht das, theure Freundin!« rief er; »ich bin gekommen, Sie zu finden, und kein hübsches Spielwerk. Wir nehmen nur zu oft Gelegenheit, uns selbst zu entfliehen, wenn wir uns nicht amüsant finden.« –

»Wie kommen Sie zu diesem Ausdruck?« fragte Julie mit Lächeln.

»Er drückt recht eigentlich das aus, was ich meine,« entgegnete Eduard. »Es gibt Stimmungen, bei denen wir mit Vergnügen in uns selbst zurückkehren, wo Nachdenken und Erinnerung uns immer neue liebe Bilder vorführen; es gibt aber auch andere, wo es höchst unerquicklich ist, sich mit sich selber zu beschäftigen, obwohl man die Nothwendigkeit dazu einsieht. Wie ein träger verschwenderischer Hausherr fürchtet man die Stunde, wo die Rechnung abgeschlossen werden soll, um dem Hause fernere Existenz und Ordnung zuzusichern, und je länger man diese Pflicht hinausschiebt, desto unbehaglicher wird uns der Mangel an Ordnung und Gewißheit.« –

»Sind Sie mit Ihrer Umgebung nicht zufrieden?« fragte Julie. –

»Ich habe vollkommen Ursache, es zu seyn,« nahm Eduard das Wort; »unseres Ottfrieds immer gleiche warme Gemächlichkeit, Ihres Onkels würdiger Ernst, unseres Freundes August blühende Jugend und, lassen Sie mich's gestehen, Ihr reicher schöner Lebenssinn, Julie, thun meinem Herzen wohl, und füllen es mit stets gleicher Wärme. Dieser Friede könnte aufbauen, was eine rasche thörichte Jugend, drei Jahre voll Reisen und Zerstreuungen zerstört oder unangebaut gelassen, wenn ich, wie gesagt, mich nicht scheute, meinen Geist einer ernsten Einsamkeit auszusetzen. Auf der andern Seite fühle ich, daß dieses Verlangen nach Ordnung und Zweck etwas Peinigendes hat, daß es, noch mehr gesteigert, zur wahren Krankheit werden und mich um jede freie Entfaltung bringen kann; aus Furcht, nicht schwach, nicht ohne Halt zu erscheinen, verfalle ich in die wahre Schwäche und Haltlosigkeit, und bin am Ende einer bloßen Grille, einem Gespenste zinsbar, das aus meinem bösen Blute emporsteigt. Wo, schöne Freundin, ist da Ziel und Ausweg?«

Julie hörte die Mittheilungen nicht ruhig an, sie fürchtete die Notwendigkeit, etwas darauf erwidern zu müssen, und wie leicht konnte dann der Freund, der sich ihr offen und vertraulich hingab, unzart berührt oder einge schüchtert werden. Eduard fuhr fort:

»So ist's denn wirklich wahr, daß wir uns nur glücklich fühlen, wenn ein fremder Wille sich mit dem unsrigen verbindet, ein fremdes Interesse sich unserer bemeistert? – Wir lieben in der Jugend und fallen einem fremden oft bösartigen Willen anheim; wir ahnen, glauben, beurtheilen und richten, meinen selbstständig zu handeln, und wenn wir scharf prüfen, so hat immerdar, manchesmal offenbar, dann versteckt, ein fremder Wille über uns geherrscht. Und ist dieses nicht auch ein Glück? führt nicht der starr und selbstisch abgeschlossene Wille stets zum Bösen? ist nicht darum das Gesetz der Liebe ein Hauptgesetz unsers Glaubens, eigentlich nichts anderes als der Durst, mehr Seele in sich zu saugen, eine unvollkommene Seele durch Liebe, den eigentlichen Seelenstoff, immer mehr zu vervollkommnen?«

Dieser Diskurs wurde unterbrochen durch August und den Pastor, die eilig und erhizt eintraten.

»Es ist nichts Geringeres im Werke,« rief der Erstere, »als eine vollkommene Geisterbeschwörung. Das Unwesen auf dem Schloß hat den höchsten Punkt erreicht, die hohen Herrschaften haben auch etwas davon erlauscht und Niemand will mehr in den Opernsaal gehen. Es sind Anstalten getroffen worden und eine Menge Leute wollen die nächste Nacht im Saal und den anstoßenden Kabinetten Wache halten. Hier unser trefflicher Pastor hat sich willig erklärt, mit den Waffen der Kirche anzustürmen, indeß wir andern weltliche Degen und Pistolen in Bereitschaft halten. Ich meine, Sie werden auch von der Gesellschaft seyn.«

Eduard erklärte sich willig, und Julie erschrack nicht wenig, als sie von einer vollständigen Heeresrüstung vernahm, die sich in der Stille zu einem so seltsamen Unternehmen gebildet hatte. Das Gerücht vom Spuk im Opernsaal war in der Umgegend schnell verbreitet worden und die abentheuerlichsten Geschichten fanden Glauben. Einige wollten wissen, der verstorbene Herzog lebe noch in einem unterirdischen Gewölbe verborgen. Andere räumten diesen Ort einer Räuberbande ein, die Politiker des Dorfs jedoch sahen überall versteckte Revolutionsmänner. Nachts hatte man im Saal die wunderbarste Musik vernommen, einmal ein Todtenamt, dann wieder helle phantastische Opernarien, während die Mitternacht still auf Schloß und Land lag und keine Seele im Schloß wachte.

Als der verhängnißvolle Abend erschien, ließ sich's der Fürst nicht nehmen, mit einem Kammerherrn und ein paar Dienern im Saale selbst zu wachen, indeß Eduard und August im Kabinet rechts, der Pastor jedoch im Kabinet links Platz fanden; Müller ging auf und ab, auch der blasse Eginhard zeigte sich mit noch einigen andern neugierigen Schloßbewohnern. Der Fürst ließ Tische decken, Weinflaschen wurden in alle Zimmer vertheilt und dabei der Befehl gegeben, daß derjenige, der zuerst etwas Ungewöhnliches sähe, seinem Nachbar hiervon durch einen lauten Ruf Anzeige machen sollte.

Das Zimmer, in welchem Eduard sich befand, zeigte ganz das Gepräge des glücklichen Jahrhunderts Ludwigs des Vierzehnten. Schwere grünseidene Wandbekleidungen, mit goldenem Muschelwerk verziert, schlossen, im Verein mit einem dunkeln Fußteppich, ein hohes Gemach ein, das sein Licht von zwei schmalen, doch ebenfalls sehr hohen Fenstern erhielt; ein auf dünnen goldnen Beinen stehender Marmortisch nahm zwei silberne Armleuchter und ein paar Flaschen Wein auf; in der Nische, den Fenstern gegenüber, stand ein weites, ebenfalls grün drappirtes Bett mit schweren goldnen Franzen, hinter diesem altertümlichen Gerüste bemerkte man in der Vertiefung einen kleinen Betaltar mit einem Kruzefix. Ein paar Bilder an den Wänden, eine Dame in vollem Putz und ein Herr in schwarzer Tracht zeigten sich nur dunkel im Schatten der Fenstervorhänge.

August hatte seinen Rock abgeworfen und, den Degen umschnallend, lehnte er an einem der Spiegelpfeiler, den Blick sehnsüchtig hinaus in die Mondlandschaft gerichtet. Der Direktor Müller fand sich bei Eduard ein, indem er für sich und seinen Begleiter, einen alten Schloßwächter, der unterm alten verstorbenen Fürsten Kammerdiener gewesen war, ein Plätzchen am Tische erbat.

»Wir sind,« fing Müller an, »hier so recht eigentlich im Bereich der Gespenster; die alten Schlösser aus dem vorigen Jahrhundert sind ihre wahren Residenzen; ich wüßte wahrlich keins aus der guten alten Zeit, in dessen Gängen und Gemächern nicht weiße und schwarze Frauen in Menge herumzögen; ja es gibt fast kein adliges Schloß, das nicht seine Hausgespenster hätte, die es mit ihm und seiner Sache halten; diese aristokratischen Hausthiere, wenn man so sagen darf, fehlen uns jezt ganz, und der Adel, seitdem er keine Gespenster mehr sieht, ist selbst zum Gespenst geworden, wenigstens pflegte mein guter Vater stets zu sagen: heut zu Tage sey nichts Selteneres zu sehen, als ein Edelmann vom alten guten Schroot und Korn und ein Gespenst. Es ist hier nicht die Rede von jenen Naturgespenstern, die in einer Blume zu Bett gehen oder in einer Felsenkammer kühl eingeschlossen wohnen; diese mögen wohl immer bleiben, denn die alte wunderliche Mutter Natur duldet nun einmal solche Käuze, wie sie denn überhaupt das Baroke und Seltsame recht heimlich liebkoset und bewahrt, sondern hier ist lediglich von den Sippschaft-Gespenstern die Rede, die bedeutenden Sippschaften angehören und gleichsam im Laubwerk der alten bestäubten Stammbäume als Motten und Nachtschmetterlinge nisten; sie gehen gewissermaßen nicht anders, als mit Wappen und Adelsbrief herum und hüten sich ebenso, wie ihre lebenden Stammesgenossen, sich mit der Crepule gemein zu machen, so daß es nothwendig wird, um ein solches adliges Sippschaft-Gespenst zu werden, daß man durchaus, wie bei der Bewerbung um Stiftsstellen, sechszehn Ahnen untadelhaft aufweisen muß. Ich kann mir ein solches Gespenst nicht anders denken, als mit feinen weißen Handschuhen, vom langen im Grabe Liegen etwas vergelbt, in seidnen Kleidern, Strümpfen, in Schnallen und Schuhen und mit einer höchst unheimlich gekräuselten Perücke.«

Der alte Kammerdiener, der diese Scherze nicht verstand, machte zu Müllers Worten ein höchst gläubiges Gesicht, endlich sagte er:

»Sie haben vollkommen Recht, mein Herr; das Mißgeschick so großer Personen hat immer etwas Besonderes an sich, wenn der liebe Herrgott mit ihnen auch in's Gericht geht, und ihnen der Stab gebrochen wird, so geschieht's immer auf eine äußerst feine säuberliche Weise, im Geheim, im verschlossenen Kabinet, wohin kein Auge sieht; oft in schlaflosen Nächten, hinter ihren seidnen Vorhängen erleiden sie ihre bittersten Züchtigungen und in ihren silbernen Särgen sind sie nicht einmal sicher. O mein Herr, mein lieber Herr, ich wüßte Ihnen eine Geschichte zu erzählen, bei der jedes Haar auf Ihrem Haupte sich emporbäumen müßte; ich sage Ihnen, eine schreckliche Geschichte, und zwar hat sie sich in diesem Zimmer, wo wir jezt sitzen, ereignet.«

August kam vom Fenster zurück, Eduard forderte den Alten auf, zu erzählen, und dieser erhob sich langsam von seinem Sitz; krampfhaft spreizte er die langen magern Finger auseinander, indem er mit ihnen auf den Boden wies und den haarlosen weißen Schädel mit dem gefurchten Antlitz tief herabbeugte.

»Da unten, mein Herr,« rief er mit dumpfer Stimme, »da schlafen sie, die hier gewandelt sind im Sonnenlichte, da schlafen sie – man kann sie nachzählen, jeder Sarg hat seinen Inhalt, allein, einer ist – leer! Der Schläfer, der darin schlafen sollte, wo ist er? Gott allein weiß dieses – er wandelt herum, meine Herrn, er wird wandeln bis an den Tag, wo das Antlitz der Sonne verstäubt und die ewigen Sterne wie Blätter vom Baume des Lebens verdorren und niederfallen – er wird wandeln bis zum Tage des Gerichts, denn er hat den geläugnet, an dessen Namen das Leben der Creatur hängt.«

Diese prophetischen Worte und der feierliche ergreifende Ton mit dem sie ausgesprochen wurden, brachten Müllers scherzhafte Angriffe zum Schweigen; er nahm still seinen Platz ein, und hörte wie die Andern aufmerksam der Erzählung des Alten zu. Dieser Bericht enthielt jedoch nichts anderes, als was Eduard sich besann, früher schon gehört zu haben, nämlich die lezten Schicksale und den Tod des Fürsten Sigismund, der Lothar's Vater war, und für einen der ausgelassensten und größten Freigeister der damaligen Zeit galt. Er hatte tyrannisch regiert und sich zahllose Verbrechen zu Schulden kommen lassen, und über seine lezten Augenblicke war manches seltsame Gerücht im Umlauf.

»Wenn ich mich recht ausdrücken soll,« fuhr der Alte in seiner Erzählung fort, »so muß ich vor allen Dingen einen gewissen Herrn anklagen, der damals Bücher schrieb und, wie man mir gesagt, eben keine fromme, gottgefällige. Ich habe sie nicht gelesen, und weiß mich nur auf einen Mann zu besinnen, der einmal in einem rothseidnen Kleide hier zu Mittag speiste, wie ein ächter Spötter aussah, und von dem der Pfarrer versicherte, er wäre das leibhaftige Conterfey des Antichrists – das war der Herr von Voltaire; er las mit unserm Herrn die Nächte durch, disputirte, und führte allerlei sündige und schalkhafte Reden. War es nun dieser allein oder waren auch andre dabei, kurz es kam so weit, daß unser Herr allen Glauben verlor und weder von Gott noch irgend etwas Heiligem wissen wollte. Als er nun zum Sterben kam, ein Zeitpunkt, wo unser eins sich mit Inbrunst nach einem himmlischen Rathgeber umsieht, da wußte er nicht, wo er hinschauen sollte. Ich besinne mich noch, es war damals eine fürchterliche Nacht, draußen kämpfte der Sturm mit mehreren Gewittern, die sich um unser Schloß versammelt hatten; hier innen, im rundum verhängten Gemach, dort auf dem Bette lag er; ich sehe ihn, die blasse dünne Gestalt, mit den wahnsinnigen hohlen Späßen auf der trocknen Lippe, mit den gräßlichen Zweifeln im halbzugedrückten Auge. Im Vorgemach gingen die Frauen händeringend auf und nieder, die Aerzte durchwandelten mit ihren Gläsern geräuschlos die mit doppelten Teppichen bedeckten Gänge; ich drückte mich in die Ecke dieses Zimmers und holte von Zeit zu Zeit die zitternden Pagen wieder zurück, die sich fortschleichen wollten. Eine schöne edle Frau, die ich nicht nennen darf, vereinigte sich mit dem würdigsten Geistlichen der Residenz; sie beide kamen mit sanften Worten an sein Lager und sprachen lange und unermüdlich von Gott und dem Erlöser – aber, o es war fürchterlich, er antwortete mit einigen Witzworten, über die er selber lachte, dann aber wieder laut aufschrie, als die fürchterlichen Schmerzen kamen. Die Beiden aber ließen nicht nach, die schöne Frau hatte sich auf die Kniee geworfen, der Bischof hielt das Bild des Gekreuzigten hoch über ihn – jezt geschah das Entsetzliche – er sah das Bild lange an mit fürchterlichem Blicke und rief endlich: Der ist eben so wenig erstanden, als ich erstehen werde! Alle packte bei diesen Worten das Entsetzen, ich selbst schlug meine Hände, ohne zu überlegen, wo ich war, laut zum Gebet in einander und als wäre ein Gespenst erschienen, so flohen alle davon und nur die edle Frau blieb, wie im Schmerz versunken, am Lager liegen; sie bestand darauf, daß dem Sterbenden, der bald nach jenen fluchwürdigen Worten, wie erstarrt dalag, die Oelung gereicht werde. O Himmel, nie sind wohl die kostbaren himmlischen Gnadenmittel auf ein Haupt niedergeflossen, das ihrer unwürdiger war.«

Der Alte hielt inne, als wolle er sich auf einen würdigen Ton besinnen, um den Schluß seiner grausenvollen Geschichte auszusprechen, endlich sagte er leise, indem er scheu zur Seite sah:

»Nach sechs Tagen war die Leiche aus dem Sarge verschwunden, in der Gruft hatten die Wachen ein schreckliches, dumpfes Getöse gehört. Das Gericht des Herrn war über ihn ergangen, er war auferstanden!« –

Eine Pause entstand, als diese Worte geendet waren; keiner der Zuhörer konnte ein unheimliches Gefühl unterdrücken, jeder hatte den Blick auf das alterthümliche Bett im Hintergrund der Nische gerichtet und allen kam es vor, als bewegten sich die schweren seidnen Vorhänge, als sähe ein blasses, im furchtbaren Hohn verzerrtes, Menschenantlitz hervor. Müller unterbrach endlich die Stille, er erhob sich geräuschvoll, füllte sein Glas und leerte es schnell wieder in einem Zuge.

»Nun, und was hat man denn von dem alten Herrn vernommen, seit seinem Verschwinden?« fragte er rasch.

»Nichts,« entgegnete der Erzähler; »man hat nachher ausgesprengt, die Jesuiten hätten den Körper, ich weiß nicht aus welchem Grunde, in Sicherheit gebracht. Andre behaupten, der Vorfall sey ein mit Vorsatz angeordnetes Schauspiel gewesen, um Schrecken zu erregen; die Wahrheit jedoch bleibt, daß der Herr den Gottlosen gezüchtigt hat und daß er jetzt bis zum jüngsten Tag herumwandeln muß.«

Eduard verlor sich in Gedanken über die Untersuchung, wie viel wohl von den Eigenthümlichkeiten des Vaters auf Lothar übergegangen seyen. Eine Menge Bemerkungen über frühere Verhältnisse, manche schon halb vergessene Mittheilungen erwachten jezt im aufgeregten Zustande lebhaft in ihm und bestimmten ihn, noch einige Fragen an den gesprächigen Alten zu thun.

Er war eben im Begriff, diese vorzubringen, als ein dumpfer Schrei über den Saal herüber Allen schreckbringend in's Ohr tönte. Sie erhoben sich eilig – die Mitternachtglocke hatte so eben getönt, August ergriff ein Licht, eilte voran, die Andern folgten. Im Saale fand man den Prinzen eingeschlafen; der ganze kleine Zug drängte sich jezt in's Kabinet, in dem der Pastor eingeschlossen und aus dem der Schrei erschollen war.

Bei Eröffnung der Thür erblickte man den frommen Herrn im Kampf mit einem kleinen grauen Ungethüm, das, wie es schien, alle Kräfte anwandte, sich aus den umschließenden Armen des Pastors loszumachen; ein Tisch mit Gläsern lag umgeworfen, ein verrosteter alter Degen, ein zerbrochenes Licht lagen auf dem Fußboden. Indem die Andern noch erstaunt dastanden, brach Müller in ein lautes Gelächter aus, sich der kleinen grauen Gestalt bemächtigend, riß er ihr die Verhüllung ab und es erschien Rosas ängstliches und erhiztes Blumengesichtchen; bald darauf stand sie auch in ihrer zierlichen Kleidung da, das kurze Röckchen mit Rosen besezt.

Der Pastor betrachtete sie aufmerksam durch die Brille und machte ein Gesicht, worüber Müller von Neuem in Lachen ausbrach, indem er aus dem Barbier von Sevilla die Worte rief: »Seht doch den Bartholo!«

Als jezt der Fürst erschien, wichen Alle ehrerbietig zurück, nur Eduard fuhr fort, die Kleine auszuforschen, was sie beim Pastor gewollt; sie stammelte mit äußerster Befangenheit einige Entschuldigungen, aus denen hervorzugehen schien, daß sie auf dem Corridor irre gegangen und in eine unrechte Thür eingetreten sey, auch hätte sie, als sie erschienen, nicht vermuthet, daß der ehrwürdige Herr ein so furchtsames Herz im Leibe habe, sezte sie ihren Entschuldigungen mit einem schalkhaften Blicke hinzu.

»Das ist nicht der Fall,« vertheidigte sich der Pastor ernstlich, »es war meine Pflicht, Mademoiselle, bei Erblickung eines verdächtigen Gegenstandes die Wache aufzurufen.«

Diese Worte machten neues Lachen rege; man stritt und scherzte noch lange hin und her, besonders konnte sich Müller nicht zufrieden geben, die Tänzerin im Arm des Pastors überrascht zu haben, so daß dieser endlich böse wurde und dem Spötter in ziemlich bestimmten Ausdrücken Stillschweigen auferlegte. August schlich bei diesen Verhandlungen verdrüßlich herum und als endlich die Lichter wieder angezündet, die Tische in Ordnung gerückt waren, blieb Eduard allein mit dem Fürsten, der fest darauf bestand, vor Beginn des Morgens nicht vom Kampfplatz weichen zu wollen.

Am Morgen darauf wurde Eduard zur alten Landräthin hinbeschieden; er vernahm mit Schrecken, daß sie in der Nacht einen bedeutenden Anfall ihrer Krankheit hatte bestehen müssen, so daß sie jezt in einem Zustande sich befände, der eben so beunruhigend, als bedenklich sey. Auf der Stiege kam unserm Freund der Baron entgegen und nahm ihn mit den Worten bei Seite:

»Meine gute Schwester wünscht eine kleine Reise in's Gebirge zu machen; ich finde keinen, den ich ihr lieber zum Begleiter wünschte, als Sie, theurer Freund. Bringen Sie mir und ihr das Opfer, schlagen Sie uns die paar Tage, die Sie dabei verlieren, nicht ab; zudem wird es, wie ich Sie kenne, Ihrem beobachtenden Geist ein Interesse darbieten, wenn Sie erfahren, daß das Ziel der Reise ein Kloster ist, das einzige in der Umgegend, das man noch hat bestehen lassen, weil die drei bis vier alten Nonnen, die darin leben, keinen andern Verbleib wissen und überdies die Aebtissin mit der fürstlichen Familie verwandt ist. Meine Schwester ist dort erzogen, ihre Kindheit haben jene kühlenden Klosterschatten beschüzt, sie will auch das Ende ihres Lebens dort finden, und ich fürchte, nach den Ereignissen dieser Nacht, daß ihr vorahnendes Gefühl sie nicht täuscht; ich bin gefaßt darauf, sie nicht wiederkehren zu sehen.«

Er trocknete sich bei diesen Worten eine Thräne aus dem Auge und indem er Eduards Hand herzlich drückte, nahm er dessen Zusicherung zur Reise mit Dank an.

»Sie werden bei der Gelegenheit,« fuhr er fort, »meine gute Schwester näher kennen lernen und finden, in wie fern ich Recht habe, wenn ich behaupte, daß sie es verdiente, die Erzieherin unsrer theuren Fürstin, die wir als Braut hier empfangen und bald darauf so schmerzlich verloren haben, zu seyn. Auch der Inhalt dieses Frauenlebens beschäftigte und füllte eine Liebe aus, obwohl unglücklich, dennoch von ihrer Seite mit Treue und Aufopferung bis an den Tod ausdauernd; mit einem Wort, ich kann es behaupten, daß nichts Niederes noch Alltägliches sich in ihren Lebenslauf drängte, und was können wir Schönres wünschen, als daß uns vom Schicksal große und bedeutende Momente zufallen? Deßhalb dringe ich auch darauf, daß man sich im thätigen Leben einem fürstlichen Daseyn so nah als möglich anschließe, denn wo fände sich ein bewegter Wirkungskreis, wenn es der nicht wäre, den zu bewegen alle übrigen Kreise hinarbeiten und der seinerseits wieder in alle entschieden und mächtig eingreift.«

Er wollte noch einige Bemerkungen hinzusetzen, als die Thür sich öffnete und Julie heraustrat, sie führte Eduarden in das Zimmer der Kranken, die sich mühsam aufrichtete, um ihn freundlich zu begrüßen. Sie ließ sich von ihm den ganzen, auf's Komische hinauslaufenden Vorfall im Schloß erzählen und lachte, trotz ihrer Schwäche, herzlich über des Pastors Verlegenheit. Als sie von ihrer Reise sprach, wurde sie sehr ernst und sagte, indem sie Eduarden die Hand reichte:

»Mein junger Freund, Sie werden jezt die störenden und eigensinnigen Schwachheiten des Alters kennen lernen; ich werde Sie bitten, sie zu ertragen, wenn Sie sie auch thöricht finden sollten. Die Nachsicht, die Sie bei der Gelegenheit an mir üben, kommt vielleicht noch einem andern meiner leidenden Mitgeschöpfe zu gut.«

Am andern Tage wurde schon der Reiseplan näher bestimmt. Eduard reiste mit der Landräthin und ihrem Arzt, Julie blieb mit Ottfried und dem Pastor zurück, der Freiherr begleitete mit Augusten, der bei Hofe eine Anstellung finden sollte, das fürstliche Paar in die Residenz zurück. Mit den abziehenden hohen Gästen wurde auch das Schloß wieder leer, denn auch Müller und seine Gesellschaft hatten sich einige Tage früher wegbegeben.

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Die Reise in's nahe Gebirge ging wegen der Kranken zwar sehr langsam, doch dafür desto gelegner, um die Schönheiten der Gegend zu genießen; je wilder diese wurde, je ernster sich der Charakter zeigte, den die Baumpartieen und das Gestein annahmen, je seltner sich die anfangs hell und freundlich, später immer versteckter und düstrer gelegenen Dörfer und Ortschaften wiesen, desto heitrer und lebhafter wurde die Laune der kranken Dame. Mit einem hellen, von innerem Feuer glänzenden Auge blickte sie in die ableitenden, von blühenden Sträuchern halb versteckten Gebirgsgänge und Schluchten.

»O,« rief sie lebhaft, »warum hab' ich euch nicht früher aufgesucht, ihr theuren Bilder! Ist's nicht, als quölle auf diesen saftigen Schatten, auf diesen kühlen, von Gebirgswänden überbauten Thälern, die schöne frische Jugend selbst als eine kräftige junge Pflanze hervor, über deren geschlossenen Blüthenkolben schaurige trübe Ahnungen, wilde Seligkeiten dahintreiben? Ach, diese Bäume an der Straße, sie haben mich als Kind hier wandeln sehen und emporwachsend nahmen sie in ihre rauschenden Gipfel den Kranz früher Erinnerungen mit hinauf; die Blumen liegen eingeäschert, doch ihre Kinder und Kindeskinder sind es, die jezt die Häupter dem Licht entgegenheben.«

Als der Weg um einen Hügel herumbog, kam ein kleines Heiligenbild zum Vorschein, das ziemlich geschickt in Stein gehauen, die heilige Therese darstellte; die Kranke bewillkommte sie mit einem frommen Gruß. Bald zeigte sich jezt auch das Klostergebäude; man fuhr in den Hof ein, der von alten Linden so dicht beschattet wurde, daß beständig eine kühle grünliche Dämmerung, gleich einer Waldstille, darin herrschte. Die Gebäude waren alle im gothischen Styl aus alter Zeit; unangetastet, finster, begrenzt, Ehrfurcht gebietend hoben sich die spitzen Giebel in die Lüfte; Kloster und Kirche hingen zusammen, ein schlanker schöner Thurm diente der leztern zur Zierde und hob sich durch das düstre Colorit seines alten Mauerwerks vorteilhaft ab von der entfernten Gebirgswand, die ihre malerischen Formen schon halb in die aufsteigenden Abendnebel gehüllt hatte.

Ein Glöckchen ertönte, man hörte im Innern der Gebäude einen choralmäßigen leisen Gesang. Endlich erschien die Pförtnerin mit ihren Schlüsseln; als sie die Landräthin erblickte, die, von ihren beiden Begleitern geführt, mit gesenktem Haupt sich langsam dem alten Wohnplatz ihrer Jugend nahte, kam sie ehrerbietig auf sie zu und küsste ihr Gewand und Hände – jene dankte stumm und Eduard glaubte zu bemerken, wie ihre Thränen unaufhörlich rannen.

»Wo ist Hanna?« fragte sie endlich die Pförtnerin – Es zeigte sich eine Gestalt, die, von einer Führerin unterstüzt, oben auf der Treppe erschien.

»Elisabeth!« tönte eine Stimme durch die Dämmerung der Gewölbe.

»Hier bin ich!« stammelte die Ankommende.

Mit einem Laut der Freude eilte jene herab und beide Freundinnen schlossen sich, auf einander zueilend, mit einer Hast in die Arme, als wäre mit dem Zug der Liebe auch Jugend und Kraft in ihren Busen zurückgekehrt. Die Schleier der Aebtissin flogen im Abendwind und wirbelten sich gleich einer Wolke, die das rührende Bild einhüllte, als wollte sie es sogleich in so schöner Umarmung gen Himmel tragen.

Eduard blickte in stummer Rührung auf die Gruppe; es war ihm, als wenn alle poetischen Bilder, die er sich jemals geträumt, vor seinem Auge in die Wirklichkeit träten. Die alte Pförtnerin war auf die Kniee gesunken; laut tönte der Gesang aus der Kirche – jezt sprang der Arzt hinzu, er fing die Landräthin in seinen Armen auf. Was er befürchtet hatte, war geschehen; der Sturm der Gefühle hatte ihrem geschwächten Körper eine Ohnmacht zugezogen; leblos wurde sie von den Nonnen hinauf in die Zelle getragen. Eduarden ließ die Aebtissin sagen, daß für ihn und den Arzt außerhalb der heiligen Mauern eine Wohnung bereit stehe, und sie ihn morgen bei früher Stunde vorlassen wolle.

Als er kam, wurde er in's Sprachzimmer geführt; es war gewölbt wie die übrigen Gemächer und ein alterthümliches Gitter schied nach strenger Sitte das Gemach in zwei ungleiche Hälften. Eine ältliche Dame in der Tracht des Ordens zeigte sich, trat einige Schritte vor, dann wieder zurück und wechselte, indem sie die Blicke unausgesezt auf den eben eingetretenen Fremdling richtete, einige Worte mit ihrer Be gleiterin; endlich kam sie ganz hervor, öffnete die Gitterthür und Eduard blickte in ein altes nicht häßliches Antlitz, das ein Zug von gutmüthiger Laune belebte. Sie spielte mit ihrem Schleier, und ihn halb vor's Gesicht ziehend, sagte sie mit schalkhaftem Tone:

»Sollte es wohl nöthig seyn, daß ich mich verschleiere?«

Eduard grüßte mit einer stummen Verbeugung.

»Es ist nicht nöthig!« rief sie, und trat vor. »Ich meine, bei einem Antlitz, das so wenig Grund hat, sich für eine gefährliche Lockung zu halten, ist der Schleier mehr ein Beweis für die Eitelkeit, als gegen dieselbe, und so lassen Sie mich denn, verehrter Gast, ohne weitere Umstände, die Grüße abstatten, die unsere Aebtissin ihnen durch mich sendet. Einst freilich,« setzte sie in ihrem frühern Tone hinzu, »zeigte ich mich hinter diesem Gitter als eine Gestalt, die wohl die Aufmerksamkeit anzuziehen verdiente; aber du lieber Gott, wo sind die Zeiten hin! sagte mir dieses auch mein eigenes Leben nicht, so würde ich es schon an den Schicksalen absehen, welche unsre Gegend und auch zum Theil dieses Kloster betroffen haben. Heutzutage, wo das Interesse für junge liebenswürdige Bräute viel zu sehr vorherrscht, fährt eine alte Braut Christi nur übel, und das beste Loos, das ihr fallen kann, ist, daß man sie vergißt. Was thut's auch, wird doch ihr ewiger Bräutigam sie weder vergessen noch verlassen.«

Eduard mußte lächeln; er fühlte sich hingezogen zu der guten Alten, die ihm von ihrem Brautstande sprach. Er machte sie durch einige Bemerkungen noch zutraulicher, und sie kam nun ganz hinter dem Gitter hervor, reichte ihm die Hand und entschloß sich endlich, so lange die Aebtissin noch zu erscheinen zögern würde, ihm die Klosterkirche und einige Nebengemächer zu zeigen. Im Refektorium blieb sie vor einer kleinen in der Mauer befindlichen Oeffnung stehen:

»Hier,« sagte sie geheimnißvoll, »hat ein fremder Fürst unsere Aebtissin, als sie noch jung war, belauscht, wenn sie an der Tafel saß. Obgleich dies Wagstück mit nicht geringer Gefahr verknüpft war, so fanden sich doch Andere, die es ihm nachmachten; denn wirklich, eine so große Schönheit, als die unserer verehrten Schwester, konnte auch im ganzen Lande nicht gefunden werden. Ihr werdet es jezt noch dem Gesichte ansehen, welch ein Zauber es beherrschte. Kronen lagen zu ihren Füßen, sie hätte mit den reichsten spielen können; allein sie zog es vor, als eine Magd im Tempel des Herrn zu dienen, das Allerheiligste zu säubern.«

In der Kirche fand sich ein schönes Altarblatt, das sich gerade in der günstigsten Beleuchtung zeigte. Vorzüglich schön war ein Kopf der heiligen Anna.

»Das ist ihr Bild,« rief Schwester Cordula; »so sah sie aus, als sie vor der Einkleidung zum leztenmal am Hofe ihres durchlauchtigen Vaters erschien – jenes goldstoffene Gewand, jener Schleier, ach – ach ich habe sie noch so gesehen!«

Eduard mußte sich gestehen, daß das Oval des Gesichts eine zarte süße Schönheit barg, ein bezauberndes Lächeln, in den großen Augen eine überraschende Helle und Klarheit; es kamen ihm, er wußte selbst nicht wie, Magdalenens Züge in's Gedächtniß, und er stand lange sinnend, die Worte der guten Cordula überhörend.

Indem ertönte eine Glocke, Schritte wurden oben auf den Galerieen hörbar und zwei Frauengestalten erschienen, die die Säulenreihe herauf zum Altar schritten. Eduard wich bei Seite; er erkannte die Landräthin an dem Arm der Aebtissin, beide verschleiert; sie kamen in Umarmung geschlossen langsam hervor, und sich vor dem Altar auf die Knie niederlassend, berührten sie fast mit ihren Stirnen den Boden, so tief waren sie zusammengesunken.

In dem Moment stieg aus der Tiefe der Kirche Pergolesi's herrlicher Gesang: Salve regina! hervor Mit einer erschütternden Innigkeit flossen vom Chor die Worte nieder: o clemens, o pia, o dulcis virgo Maria! mater misericordiæ! Schon waren die Töne längst verklungen, und noch lagen die beiden verschlungenen Gestalten vor dem Altar.

Der Arzt näherte sich Eduarden und flüsterte ihm zu: »Suchen Sie doch, Verehrter, auf unsere Kranke zu wirken; da liegt sie nun wieder am Altar. Diese tiefen schneidenden Eindrücke müssen sie ja tödten; dieses stundenlange Gebet, diese Erschütterungen sind für einen solchen Körper Gift; aber hört sie wohl auf meine Worte, befolgt sie wohl meine Lehren? Immer bekomme ich zur Antwort: Lassen Sie mich, lassen Sie mich mit durstigen Zügen noch das Süßeste aus dem Becher des Lebens trinken; ich bin wieder jung, wieder reich und glücklich! – Du lieber Himmel! sie ist vielleicht morgen todt – Hab' ich's nicht gesagt, da liegt sie wieder in Ohnmacht auf dem Steinboden.«

Wirklich sah man die Nonnen beschäftigt, die Kranke heimzutragen; im Gefolge der Andern verschwand auch Cordula. In der Abendstunde wurde Eduard endlich vor die Aebtissin gelassen. Sie saß in ihrer Zelle, in der Tracht des Ordens gekleidet, in einem Armsessel hinter einem Lichtschirm, dessen brennend rothe Farben einen Schimmer durchsichtiger zarter Röthe auf das schmale, zarte, wachsbleiche Antlitz warfen. Sie nöthigte Eduarden, ihr gegenüber Platz zu nehmen und hub mit leiser aber wohlklingender Stimme das Gespräch an.

»Sie haben, mein Herr, die Güte gehabt, meine Freundin hierher zu begleiten; dieser christliche Dienst gibt Ihnen schon vollen Anspruch auf meine Erkenntlichkeit, wenn nicht schon ohnedieß günstige Beurtheilungen von Seiten meiner lieben Kranken Ihnen meine Theilnahme und Achtung zugewendet hätten. Sie sind meinem Neffen, dem Fürsten Lothar, von einer vortheilhaften Seite bekannt gewesen, und es wird ihnen nicht unlieb seyn, ihn in seinem einsamen Zufluchtsort, der wenige Stunden von hier tiefer im Gebirge liegt, aufzusuchen.«

Eduard dankte für diese Mitteilungen; er forschte näher nach dem Leben des Fürsten, doch die ehrwürdige Dame brach hier das Gespräch schnell ab; eine düstre Wolke schwebte über ihrer Stirne, die sich jedoch gleich wieder zertheilte, als die Landräthin hereintrat. Unser Freund erstaunte nicht wenig über die Verwandlung; sie war völlig als Nonne gekleidet, ein Rosenkranz und ein Psalmbüchlein ruhten in ihren Händen.

»Ich freue mich,« rief sie mit einem leichten Lächeln zum jungen Mann, »mich Ihnen in meinen Brautkleidern wieder vorzustellen. Ach, hätte ich doch nie den frommen Talar mit dem weltlichen Rocke vertauscht, wahrlich, ich wäre glücklicher gewesen!«

Sie hielt das Tuch vor die Augen, und die Aebtissin zog sie tröstend zu sich nieder. Das Gespräch ging jezt auf allgemeine Gegenstände über; die Geschichte des Klosters kam zur Sprache, und beide Frauen bemühten sich, einige historische Fakta aufzuzählen; doch immer wieder mischten sich in diese die zartesten und schönsten Jugenderinnerungen. Eduards Blicke weilten auf dem Antlitz der Aebtissin; wenn es sich aus dem rothen Scheine des Lichtschirms herausbewegte, so deckte es eine vollkommene Leichenblässe, deren auffallender Eindruck noch erhöht wurde, wenn die Augenlieder mit den langen Wimpern sich so tief senkten, daß die Augen fest geschlossen schienen; stets kam ihm Magdalenens Bild wieder in's Gedächtniß. Als er wieder verabschiedet wurde, trat ihm im Corridor die Pförtnerin entgegen und winkte ihm bei Seite.

»Die Schwester Cordula,« flüsterte sie mit einem verschämten Lächeln, das sonderbar durch die vielen Runzeln zuckte, »läßt sich die Ehre ausbitten, den gnädigen Herrn noch auf ein paar Minuten zu sprechen.«

Eduard mußte unwillkührlich hierbei an die alten romantischen Geschichten und Abentheuer denken, wie er sie öfters in seiner Jugend mit Interesse gelesen, wo einsam trauernde Nonnen ihre Paladine mit Gefahr zu sich bescheiden lassen. Als er mit diesem Gedanken beschäftigt in Schwester Cordula's Zimmer trat, mußte diese ihm dergleichen abgemerkt haben, denn indem sie sich gebückt und von der Gicht gelähmt aus ihrem Armsessel erhob, sagte sie mit ihrem gewohnten Tone schalkhaften Scherzes:

»Es ist uns keineswegs erlaubt, um diese Stunde auf unserm Zimmer Besuch von Herren, und zwar noch von so liebenswürdigen, anzunehmen; allein Sie sehen in mir eine kleine Freidenkerin, das heißt, im guten, im erlaubten Sinne. Der Grund, wenn ich die so ehrwürdigen Schranken durchbreche, ist allein die Ueberzeugung, daß Sie, verehrter Herr, für so manche Erscheinung hier Erklärung und Deutung nöthig haben. Sie wollen ein paar Wochen der Gast dieser Gegend seyn; wohlan, ich kann mir denken, wie Sie vor Begierde brennen, zu erfahren, was es denn eigentlich mit den Personen und Dingen, die Sie hier sehen, für eine Bewandtniß hat. Sie bemerken hier Einrichtungen, Gebräuche, hören hier Worte, die für die übrige Welt schon anfangen, ihre Bedeutung zu verlieren; ich selbst, wie ich hier vor Ihnen sitze, bin zweifelhaft, ob Sie nicht meine Erscheinung, mein Thun und Lassen auf das Gröbste mißdeuten? und so auch mit andern Gegenständen, denn ich sehe ihnen an, daß Sie ein Beobachter sind. Wohlan, Sie sollen Auskunft haben! Ehe die Glocke mich in den Betsaal fortruft, haben wir noch ein halbes Stündchen; setzen Sie sich hierher und hören Sie zu.«

Ein anhaltender Husten unterbrach hier ihre geläufige Rede; als sie ein bereitstehendes Medikament und ein Stückchen Zucker zu sich genommen, sezte sie dieselbe augenblicklich fort.

»Für's Erste, wie kommen Ihnen die beiden alten würdigen Damen vor – nicht wahr, seltsam? so etwas haben Sie noch nicht gesehen! – Doch halt, wie komme ich selbst Ihnen vor? – nun? Antwort – alt, wunderlich – voller Vorurtheile, plauderhaft? nicht wahr, so etwas? – still, hören Sie! Ich bin aus einer angesehenen Familie, die in der Residenz noch Besitzungen hat; von meinen drei Geschwistern bin ich, als die jüngste, zum geistlichen Stande bestimmt worden. Dergleichen Beispiele waren in unserer Sippschaft nichts Seltenes; doch vielleicht griff man bei der Wahl dieses Berufs bei mir am meisten fehl. Ich war jung, unbesonnen, muthwillig, von einem feurigen Temperament, was ich jezt wohl eingestehen kann; einem solchen Wesen, wie Sie sich denken können, behagte die Welt mit ihren Freuden besser, als das beschauliche Leben hinter Klostermauern; allein mein Zeitalter heischte Opfer und ich fiel als ein solches. Der farbige Kranz der Freude, meinen jugendlichen Locken so wohl stehend, wurde mir vom Haupt gerissen; meine schönen bunten Gewänder, mein kindischer Putz, Alles sank und schwand unter den Händen meiner unerbittlichen Richter. Allein der Jugend kann man nie ihren Schmuck rauben; sie selbst ist ein schöner Schmuck, und nimmt man ihr die Perlen, so werden die Thränen, die sie weint, zu Perlen, und ziehen mehr als die wirklichen die Augen der Bewunderer auf sich. Bei mir fehlten diese Perlen nicht, und da ein Paar blaue Augen sie weinten, die man nicht häßlich nennen durfte, so wurde mir das Glück oder das Unglück zu Theil, Bewunderer anzuziehen, die sich hinter meinen Klostermauern versammelten und dort für mich schwärmten. Thörichte Schwärmerei, eitle Weltlust! was haben diese unbesonnenen Bemühungen gefruchtet? – sie brachten mir nichts ein als schlaflose Nächte. Ach, unter meinen Verehrern war besonders einer, der mir sehr viele Kämpfe und Thränen gekostet hat; doch das ist Alles nun vorbei! Sie lächeln vielleicht, verehrter Herr, daß ich Ihnen meine Confessionen so offen hinlege; doch mein mittheilsamer Charakter hat nie Erörterungen der Art gescheut, und mein gutes Glück hat mir stets Personen zugeführt, bei denen ich nicht Gefahr lief, verkannt zu werden. Ueberhaupt, im Alter blüht man herab zu einer bloß historischen Erscheinung, man wird sein eigener Geschichtschreiber, und sieht sich selbst unpartheiisch aus der Entfernung an. Diese Selbsterkenntniß und Selbstberuhigung ist wenigstens eine Frucht, die auf meinem sonst ziemlich dürren Lebensbaum gewachsen ist; Belehrung, die ich theils aus eigenem Nachdenken, theils aus Studien geschöpft, hat diese Frucht zur Reife gebracht.«

Man hörte hier Tritte im Gange.

»Halt!« rief die Nonne, »die halbe Stunde läuft zu Ende, und ich bin noch nicht über mich selbst herüber gekommen. So muß man immer und immer an sich arbeiten, und legt die häßlichen Gewohnheiten dennoch nicht ab; darum schnell jezt auf die beiden würdigen Damen, die ich Zeitgenossinnen nennen darf.«

Sie hielt inne und sah unsern Freund von der Seite lächelnd an.

»Allein mein Herr,« fuhr sie fort, »durfte ich früher offen reden, da es meine kleinen Angelegenheiten galt, so stockt mir jezt die Zunge, da ich fremde Lebensumstände berühren soll. Ich fühle, daß ich Ihnen Einiges sagen muß, doch geben Sie mir die Hand darauf, daß Sie weder mich noch Andere verrathen wollen.«

Eduard gab das Versprechen; er war schon längst begierig gewesen, etwas Näheres über die Aebtissin und die Landräthin zu erfahren.

»Ich kenne und verehre diese beiden Damen,« sezte er hinzu; »ich bin mit ihren Familien bekannt, darum entdecken Sie mir ohne Scheu, Verehrte, so viel Sie nach Ihrem Gewissen mir entdecken wollen und können.« –

»Was ich Ihnen mittheilen will,« entgegnete die Nonne, »sind keine Geheimnisse, weder vor der Welt, noch meinem Gewissen; doch bleiben es immer Eröffnungen, die ihrer Natur nach zart und leicht verletzbar sind. So erfahren Sie denn, daß jene beiden Damen das Band einer so aufopfernden Freundschaft verbindet, wie sie wohl jezt schwerlich mehr gefunden wird; sie waren beide, wie Sie noch werden beurtheilen können, von hoher Schönheit. Prinzessin Serene, wie unsere Oberin mit ihrem weltlichen Namen hieß, ist keineswegs für's Kloster erzogen worden, vielmehr bestimmte man sie zur Gemahlin des Prinzen Sigismund, des Vaters Lothar's. Dieser fürstliche Herr jedoch, gewohnt, seinen Leidenschaften blindlings zu folgen, zeichnete damals am Hofe das Fräulein von Hohenried, die Sie jezt als Landräthin kennen, aus; es ging die Rede, daß er fest entschlossen sey, sich mit ihr zu verbinden und zwar, indem er sie zu seiner Gemahlin erhob. Dieser Entschluß konnte bei einem Charakter, wie der seinige, nicht auffallend seyn, auch war er, als ein Prinz, der bei der damaligen Stellung der Verhältnisse nicht hoffen durfte, den Thron zu besteigen, so ziemlich Herr über seine Wahl. Kaum nahm nun die Prinzessin die Leidenschaft ihrer Freundin zu dem Prinzen wahr, als sie zu Gunsten derselben völlig abtrat, und, um jede Möglichkeit einer andern Schicksalswendung zu verhindern, sich in's Kloster einschloß, wo schon mehrere ihrer erlauchten Vorfahren die Aebtinnen-Würde bekleidet hatten. Dieser heldenmüthige Entschluß erscheint in seinem vollen schönen Lichte, wenn man weiß, wie sehr das Herz der Prinzessin bei der Entsagung litt. Jezt hätte man erwarten dürfen, daß sich der Fürst entschied, alle Welt forderte auch gleichsam stillschweigend eine Erklärung; allein sie erfolgte nicht, im Gegentheil loderte die Flamme dieses leidenschaftlichen Herrn für den Gegenstand, der jezt doppelten Reiz für ihn zu haben schien, da seine Erkämpfung mit fast unübersteiglichen Hindernissen verbunden war; wahrlich, eine Perfidie, welche dem männlichen Geschlechte eigen zu seyn pflegt! Allein, hatte er geglaubt, daß er es mit einem Herzen zu thun hätte, das sich zum Spielwerk seiner Launen herabwürdigte, so kannte er die edle Fürstentochter durchaus nicht – sie war es jezt, die auf ihrem Entschluß beharrend, standhaft jede Bewerbung von sich wies. Jezt trat das Fräulein auf, und begünstigte in schöner Aufopferung, ihre eigene Leidenschaft bekämpfend, die der Freundin. Noch war der Schritt zurück in die Welt möglich, allein die Prinzessin that ihn nicht; sey es, daß sie einen zu tiefen Blick in das Herz der Männer gethan, sey es, daß die Gottesstille hier im heiligen Beruf ihrer Seele Bedürfniß geworden: der Fürst erreichte seine Zwecke nicht, und nachdem er zwei edle Herzen muthwillig zertreten, gab er sich der Welt und den wildesten Zerstreuungen hin. Nicht lange darauf gelangte er zum Thron, den er jedoch nicht geziert hat. Nicht wahr, mein Herr, eine traurige Geschichte, aber erquicklich für den an's Edle haltenden Glauben. So sind dann die Freundinnen vereint geblieben, denn selbst die Verheiratung der Landräthin hat kein störendes Zwischenband geknüpft.«

Man hörte jezt eine Glocke ertönen, die Erzählerin erhob sich eilig, ihr Husten befiel sie von Neuem und zwar heftiger.

»Da soll ich nun singen,« keuchte sie, »und habe meine Lunge bei Erzählung irdischer Armseligkeiten verarbeitet; doch der liebe Gott sieht eben nicht auf die Geläufigkeit einer guten Kehle, er wird sich einige heisere Töne schon gefallen lassen. Nun leben Sie wohl, mein gütiger Herr!«

Sie sagte dies mit besonderer Heiterkeit, nahm aus einem Schränkchen etwas Lebensbalsam auf Zucker, machte dann eine leichte Verbeugung und schwand aus der Thür hinaus. Eduard sah sie den Gang hinab wandeln, so gebeugt, daß das tiefherabhängende Haupt fast nicht zu sehen war; eine Magd trug ihr ein paar Notenbücher, eine Brille und ein Medikamentgläschen nach; als sie um die Ecke bog, stimmte sie schon einige Töne an. Man hörte Thüren gehen und bald traten hier und da aus den Zellen eben so alte wankende Gestalten, welche sich den Corridor hinab bewegten.

Eduard sah ihnen mit Rührung nach, dann trat er in den Klostergarten, den eben der Mond, hinter den schwarzen Ahorngipfeln sich erhebend, mit klarem Licht füllte. Er wählte sich ein ruhiges Plätzchen; die Geschichte, die er eben von der Nonne vernommen, beschäftigte ihn auf's angelegentlichste; es war ihm, als hätte die Erzählerin einen bedeutenden Umstand verschwiegen, wenigstens konnte er das Gehörte mit den einzelnen Zügen des Gemäldes nicht vereinigen, das er sich nämlich entworfen hatte, und welches auch zum Theil seinen Ursprung früher ihm zu Ohren gekommenen Gerüchten verdankte.

In diese und ähnliche Gedanken vertieft, mochte er eine Weile regungslos dagesessen haben; als er jezt den Mick erhob, erstaunte er nicht wenig, nicht weit von seinem Platze im Dämmerlichte des Mondes vor einem Heiligenbilde nach der Mauer hin eine weibliche Gestalt knieen zu sehen, den Rücken ihm zuwendend. Ruhig auf seinem Posten verharrend, wartete er den Zeitpunkt ab, wo sich die stille Beterin erheben würde, und als dieses geschah, zeigte es sich, daß es keine Nonne war, ihr Gang, ihre Gestalt hatten Jugend und Anmuth – als sie sich vom Bilde entfernte, warf sie einen flüchtigen Blick zurück und Eduard erschrack heftig, denn er glaubte Magdalena erkannt zu haben.

In diesem Momente tauchte die ganze schmerzvolle Zeit seines Lebens neu in seinem Innern auf; er fühlte sich von den widersprechendsten Gefühlen auf das Heftigste bewegt, dazu erschien ihm der Garten, die Giebel und Thürme des Klosters, der ferne Gesang der Nonnen, Alles fremd und traumartig; er gestand sich, daß es ihm erst jezt gelungen sey, einen tiefern Blick in das Leben einer schönen stillen Frauenseele gethan zu haben; Rührung und Verehrung erfaßte ihn, und das kleinste flüchtigste Gefühl im Gemüthe jener Edlen erschien ihm heilig und unantastbar. Konnte es nicht auch seyn, daß Magdalena sich rechtfertigte? Lebte sie wirklich hier in der Nähe und im Umgang mit Frauen, wie die Aebtissin und Landräthin es waren? Fanden diese sie ihrer Achtung, ihrer Liebe würdig, konnte sie wohl die schwarze Heuchlerin seyn, die sie ihm dünkte? Dann trat wieder des Fürsten Bild vor seine Seele und von Neuem überwallte ihn Bitterkeit. Mißmuthig und mit sich im Kampfe verließ er den Garten.

Als er am Morgen darauf in seinem Gasthof erwachte, störte ihn ein anhaltendes Geräusch von Stimmen, die erhizt und laut durcheinandersprachen, sie alle aber übertönte der derbe Organ des corpulenten Gastwirths. Er öffnete das Fenster und blickte auf eine Gruppe von Menschen herab, die einen Reisewagen umstanden, in welchem sich eine Dame befand, die im Wagen stehend durch ihre Gläser unruhig die sie umgebende Menge musterte. Auf Eduard's Wink bewegte sich der schwerfällige Mann herauf und begann oben sein Klaglied.

»Der Teufel halte es länger aus! Wahrlich, jezt ist's Zeit, daß die Obrigkeit von Rechtswegen einschreitet, so lange sie im Gebirge ihr Wesen trieben, konnte unser einer es noch ruhig ansehen; doch nun kommt das Gezüchte am hellen lichten Tage aus seinen Spelunken hervor, um durch seine Predigten dem Dienstgesinde, das durch die Reisenden so schon verdorben ist, vollends den Kopf zu verrücken. Gestern noch ist mir eine Magd davon gelaufen, und heute hör' ich, daß die leichtfertige Person bereits getauft ist und predigt.« –

»Wer ist die Dame im Wagen dort,« fragte Eduard.

»Das ist ja eben, weßhalb ich zanke,« erwiderte der Geplagte. »So eben ist diese ausländische Frauensperson angefahren; obgleich sie keine Handvoll verständliche deutsche Worte bei sich führt, so wird sie doch gleich zu predigen anfangen, geben Sie nur Acht, und ich alter Esel muß stehen und mir den Unsinn über die Nase laufen lassen, ohne mich rühren zu dürfen.«

Eduard besänftigte den unglücklichen Mann so gut es gehen wollte, er stieg mit ihm herab und mischte sich unter die Menge. Die Dame hatte ihren Wagen verlassen; sie näherte sich einer Gruppe von Mägden, die am Ufer des Baches mit Waschen beschäftigt waren, und die bei ihrem Erscheinen die Arbeit ruhen ließen, um neugierig aufzublicken. An einem vorspringenden breiten Steine blieb die Prophetin stehen, und grüßte mit dem Zeichen des Kreuzes den sie einschließenden Kreis, dann wandte sie sich zu den Wäscherinnen und fragte mit einer sanften aber eindringlichen Stimme:

»Was macht ihr da?«

Ein hübsches blondhaariges Kind von sechzehn Jahren unter den Mägden sah ihr erstaunt in's Auge und erwiderte endlich zögernd: »Wir waschen unsre Kleider, gnädige Frau!« –

»Nun wohl,« fuhr jene in gebrochenem Deutsch fort, »ihr reinigt eure Gewänder, aber habt ihr auch daran gedacht, eure Seelen von der Befleckung der Sünde zu reinigen? Täglich sorgt ihr, daß diese Fetzen in ihren ursprünglichen reinen Zustand zurückkehren, weil ihr euch schämen würdet, vor der Gemeinde in Kleidern zu erscheinen, denen der Staub des Tages anklebt; wie, und ihr sorgt nicht, ihr bedenkt nicht, daß der Herr euch täglich und stündlich sehn muß, mit euren befleckten staubigen Seelen! O ihr Unbesonnenen, so ist euch also das irdische Kleid, das morgen in Lumpen zerfällt, lieber als eure unsterbliche Seele, der Gott ein ewiges Leben zugesagt hat!«

In diesem Styl bewegte sich nun die Rede weiter fort, es fehlte ihr nicht an Feuer und Begeisterung, und die Wirkung, die sie hervorbrachte, war nicht gering, wenigstens zeigte sich besonders bei den Schlußworten: »der Herr spricht zu euch, ihr Verirrten, gehet hin und lasset euch taufen!« eine allgemeine Bewegung zu Gunsten der Rednerin. Sie bestieg den Stein am Ufer und indem sie sich in erhobener Gestalt der Menge zeigte, fielen einige der Mägde auf die Kniee, indem sie laut einige Psalmen absangen. Jezt drängte sich der Wirth unwillig in den Haufen.

»Madame!« rief er zu der Prophetin hinauf, »ich weiß nicht, wer Sie sind, noch was Sie wollen; doch das weiß ich, daß es nicht erlaubt ist, fleißige, arbeitsame Leute von ihrem Geschäft zu locken und zu Müßiggängern zu machen! Gehen Sie in's Gebirge zurück, Madame, dort können Sie mit den übrigen Propheten Ihr Wesen treiben, allein hier im Umkreis meines Gasthofes leide ich nun einmal dergleichen nicht, haben Sie's gehört?« –

Er wandte sich zu gehen, doch in dem Moment rief die Prophetin von ihrem erhabenen Standpunkt ein lautes Wehe über ihn aus.

»Leidet es nicht, ihr frommen Leute,« tönte ihre Stimme, »daß der bösartige Mann euren Glauben und eure Gesinnung antaste! Ich sage euch, er ist es, der eurem Seelenheil entgegenarbeitet, euch durch knechtischen Frohndienst niederdrückt, damit er des höllischen Mammon's mehr im Kasten habe. Ja, ja! ihr alle kennt diesen Mann, der aus der Fremde hergekommen ist, sich durch euren Schweiß, durch euer Blut zu bereichern. Habt ihr ihn wohl jemals in einer Kirche gesehen? weder in der unsrigen noch sonst einer?« –

»Donnerwetter!« brüllte der Gastwirth, »soll einem da nicht die Geduld ausgehen! Mir dergleichen! jezt wird's zu arg! Ist Sie selber nicht eine fremde hergelaufene Person? Mache Sie auf der Stelle, daß Sie fortkommt, oder ich hole vom Kloster den Polizei-Amtmann herüber.«

Kaum waren diese Worte ausgestoßen, als die Bewegung in der Menge plötzlich sehr stark wurde; die Weiber und ein großer Theil der Männer schlossen die Prophetin ein, die, von ihrem Rednerplatz niedersteigend, sich langsam im Schutz ihrer handfesten Garde zum Wagen zurückzog. Als jezt die Knechte aus dem Gasthof auf Befehl ihres Herrn hervorstürzten, entstand um den Wagen herum ein ziemlich heftiges Gefecht, bei welchen derbe Knittel und noch derbere Dreschflegel den Streitenden um die Ohren sausten. Eduarden, der unterdeß den Amtmann herbeigerufen hatte, gelang es endlich, Ruhe zu schaffen; die Prophetin bestieg wieder ihren Wagen, nachdem sie Geld und kleine Geschenke ausgetheilt hatte, und fuhr im Triumphe, von dem ganzen Haufen Landleute begleitet, wieder in's Gebirge zurück.

Der Gastwirth warf sich ermüdet und fluchend auf die Bank vor seinem Hause nieder, indem er sich von seiner Tochter eine unbedeutende kleine Verwundung am Arm verbinden ließ, Eduard und der Amtmann traten zu ihm, ihn tadelnd über seinen eben so zwecklosen als blinden Eifer.

»Bedenkt,« rief der letztere, »bedenkt doch, Herr Gevatter, daß Ihr das Wespennest nur noch mehr gegen Euch aufbringt, je toller ihr mit beiden Fäusten hineinschlagt; Ihr allein werdet doch nichts ausrichten. Diese predigenden Weiber sind nicht ohne Rückenhalt, es stecken vornehme Personen im Spiele; leicht könntet Ihr Euch bei dem dummen Strauße eine blutige Nase holen, ohne nur das Mindeste auszurichten; laßt lieber andre Leute dem Unwesen steuern, die ihre Meinung mit mehr Gewicht durchsetzen können.«

Der Gastwirth sprang auf. »Ich habe Euer Wort, Amtmann!« rief er; »Ihr habt so eben das Treiben dort im Gebirge ein Unwesen genannt, dieser Herr ist Zeuge; wohlan, Ihr werdet mir auch bei Gerichte beistehn, wenn es zur öffentlichen Anklage kommt, denn klagen will ich und das lieber heute als morgen.«

Der Amtmann trat einen Schritt zurück. »Ich habe nichts gesagt, nichts, als daß Ihr ein unvorsichtiger, thörichter Mann seyd, der in sein Unglück rennt. Was gehen Euch die Leute an? Laßt sie eurethalben taufen, wiedertaufen und predigen so viel sie wollen. Wäret Ihr ein gescheidter Mann, so könntet Ihr noch Nutzen ziehen. Schlagt Euch zur Sekte, beherbergt einige Propheten, die Hauptschreier, in Euern vier Pfählen, und Ihr sollt sehen, welchen Zulauf Ihr erhaltet, besonders wenn es Euch gelänge, den Herrn Leonhard zu fangen; allein Ihr wollt von den Fortschritten der Zeit nie etwas wissen. Obgleich ein Fremder und noch ein ziemlich rüstiger Mann, seyd Ihr doch wie die alten Klostermauern dort. Ich habe es Euch unten in der Schenke schon manchesmal beweisen wollen, ein Gastwirth heutzutage ist die glückseligste Creatur; die große Masse von Reisenden, die täglich und stündlich auf unsrer Weltkugel in Bewegung sind, muß, wenn er es recht anzufangen weiß, immerdar an seinem Häuschen vorbei und dort Wolle lassen. Ich meine mit dieser Wolle nicht immer klingende Münze, die ist freilich nicht zu verachten, sondern auch klingende neugeprägte Ideen, die heutzutage sich augenblicklich in Münze umsetzen lassen, wer es versteht. Habt Ihr Euer Häuschen an die rechte Stelle angelegt, so ist's gleichsam ein Filtrirsack, durch den der Canal des öffentlichen Lebens geht, und in dem die Quintessenz der Meinungen, welche grade die Welt beherrschen, für Euch stecken bleibt; allein da müßt Ihr nicht selbst unklug einen Damm vorbauen wollen. Eure Kunst besteht darin, mit jedem Reisenden, weß Alters und Standes er ist, mitzureisen, und da müßt Ihr's so weit bringen, daß Jeder, er mag wollen oder nicht, Euch in seinem Felleisen mit einpacken muß. So seyd Ihr in London, Paris, Spitzbergen, Tunis, überall, und habt am Ende nur den Weg von einem Ende der Wirthstafel zur andern gemacht. Fällt ein sogenanntes Weltereigniß vor, so hat man's immer zuerst bei Euch gehört; zwischendurch könnt Ihr auch berühmte Männer reisen lassen; ist's auch gelogen, so schadet es doch nichts; fragt man nach ihnen, so heißt's: soeben sind sie wieder fortgereist. Diese Sekte nun im Gebirge wäre für Euch, wenn Ihr's anzufangen wüßtet, ein gefüllter Beutel täglich. Habt Ihr denn noch nichts von den St. Simonisten gehört? Wißt Ihr nicht, daß diese Leute auf Gemeinschaft des Geldes und der Weiber dringen? Geschwind, reißt Euer altes Schild, worauf der König Salomo sitzt, den doch Niemand eines Blickes würdigt, herab, und schreibt dagegen die Worte hin: Gasthof zu den St. Simonisten im Gebirge. Was thut's, wenn's nachher nicht wahr ist, die Leute, die einmal ihre Batzen in Euern Säckel abgeliefert, nehmen sie nicht wieder zurück. Oder Ihr könntet auch den Salomon geradezu zum St. Simon machen, der lange Judenbart macht die Sache äußerst wahrscheinlich! – Seht, da sind nun ein Dutzend guter Rathschläge; wollte Gott, Ihr nähmt sie an und kämt auf diese Weise zu Geld und Vernunft.«

Der Gastwirth hatte sich bei dieser Rede verdrüßlich abgewendet; er hätte gern seinen alten Gevatter in Eduards Beiseyn zum Schweigen gebracht, doch feierte dieser nur zu deutlich einen für ihn schimpflichen Triumph; sein Sieg schien völlig entschieden, als Eduard ihn sich zum Begleiter erbat, um noch diesen Vormittag einen Besuch im Gebirge bei der Sekte abzustatten. Als eben die Anstalten zu dem Gange getroffen wurden, erschien jedoch ein Bote aus dem Kloster, der von den Damen Grüße brachte und unsern Freund hinauf beschied.

Die Landräthin empfing ihn in ihrem Zimmer; sie saß am hohen Spitzbogenfenster, dessen eine Seite geöffnet war und den Anblick auf den schönsten farbigsten Blumenflor und im Hintergrunde auf die herrlichen Baumgruppen des Gartens darbot; ein einfacher grauer Teppich deckte den Steinboden, ein sauber behängter kleiner Altar, mit einer guten Copie der heiligen Cäcilie von Carlo Dolce, stand mit frischen Blumen geschmückt in einer Wandnische. Eduard fand seine Freundin besonders leidend, doch mild und beruhigend gestimmt; sie duldete mit Rührung seinen Handkuß und nöthigte ihn neben sich.

Das Gespräch verbreitete sich über die Ereignisse dieses Morgens beim Gasthof; mehrere Umstände, die dabei zur Sprache kamen, gaben Gelegenheit, jener Sekte, die sich erst seit kurzem gebildet hatte, zu erwähnen. Eduard that seinen Entschluß kund, jene, ihm interessanten Leute aufzusuchen; doch verschwieg er nicht, daß er fürchte, dem Fürsten zu begegnen, den er unter ganz andern Verhältnissen gekannt. Die Landräthin rieth dazu, ihm unbefangen und mit Vertrauen wieder nahzutreten.

»Er ist nicht schlecht,« sezte sie hinzu, »aber er ist schwach, und Schwäche ist oft schlimmer, als Schlechtigkeit, bei einem Regenten gewiß. Der Wille beherrscht die Völker, dem festen Willen ist nichts unmöglich, aber der Schwache, Wankelmüthige stürzt sich und Andre in's Verderben. Die moralische Schwäche eines Herrschers ist das wahre Uebel der Völker, der Stoff zu Revolutionen.«

Eine Pause entstand, während sie mit Lächeln einen Blick auf ihre Kleidung und Umgebung richtete, dann fuhr sie fort:

»Betrachten Sie, verehrter junger Freund, diese Tracht, die Wahl dieses Aufenthalts nicht als ein Ergebniß eitler Schwärmerei. Das Leben hat mich in eine ernste Schule genommen, ich bin überall auf das Wirkliche, Wahre aufmerksam gemacht worden, und so haben die Kräfte meines Gemüths sich nie der Leitung jenes praktischen Verstandesprinzips entrissen, dem die Schwärmer gleich zuerst entlaufen. Betrachten Sie vielmehr diese Kleidung als ein Sterbekleid, dieses Gemach als ein Sterbezimmer. Ich fühle es, daß ich bald mein Leben beschließen werde; auch mein Arzt macht mir kein Geheimniß daraus. Nun wohlan, mein Geliebter, einer Sterbenden nimmt man nichts übel; so hören Sie an, was ich für Ihre Zukunft mir vorgebildet habe! Doch zuerst ein Vorwurf. Sie haben einem schönen weiblichen Herzen, das für Sie empfand, schmerzlich Unrecht gethan, Sie haben sich von Magdalenen entfernt –«

Eduard war überrascht, er wollte antworten, doch die Dame fiel ihm in's Wort: »Ich weiß, was Sie sagen wollen. Nicht das Fräulein, nicht Sie, ein unglückliches Mißverständniß, will ich annehmen, trägt die Schuld; doch ein Wort aus meinem Munde kann Sie über viele und große Zweifel hinwegheben: Magdalena ist des Fürsten Lothar Schwester!«

Sie hielt inne und suchte fragend den Blick des jungen Mannes, der verwirrt und im Innersten befangen zur Erde blickte. Die edle Dame fühlte, daß sie zu weit gegangen war und schmerzlich eine Seite berührt hatte, die auf alle Weise zu schonen sie sich vorgenommen. Ihr gekränkter Freund konnte Absicht und Plan vermuthen, darum reichte sie ihm versöhnend die Hand.

»Bedenken Sie,« rief sie mit sanfter Stimme, »daß eine Sterbende zu Ihnen spricht; wenn man bereit ist, in eine bessere Welt überzugehen, so wird man nicht zulezt den Saamen weltlicher Klugheit und Berechnung ausstreuen. Meine Absicht war nur, zwei würdige Gemüther zu enttäuschen. Jezt haben Sie mein Vermächtniß in Händen, schalten Sie damit wie Sie wollen; oder soll ich Ihnen jezt noch die Bilder Ihrer Zukunft aufstellen?«

Eduard erröthete und das Lächeln der alten Dame brachte ihn vollends aus der Fassung; er fühlte sich nicht wenig erleichtert, als das Glöcklein der Pförtnerin einen Besuch meldete. Man hörte im Corridor gehen, Wagen fuhren in den Hof und bald darauf erschien Schwester Cordula mit einem freudeglänzenden Gesicht, indem sie rief:

»Eure durchlauchtige Schülerin, liebe Schwester, ist angelangt.« –

»O Himmel,« rief die Landräthin, »auch das noch! selbst diese Freude noch!« –

Sie erhob sich, doch der Arzt trat ein und meldete, daß die Prinzessin sich erst nach einigen Stunden den Empfang ausbitte.

»Welche Grausamkeit!« entgegnete die Kranke, »diese Stunden, die ich nun warten muß, werden mir schädlicher seyn, als die Freude, meine geliebte Rosalie jezt gleich zu sehen; man führe mich nur zu ihr.«

Der Arzt zuckte die Achseln, er gab einen Wink, die Thür öffnete sich und in derselben zeigte sich die Prinzessin; sie kam der Landräthin, die ihr eine ehrfurchtsvolle Verbeugung machen wollte, zuvor und küßte, sich tief herabbeugend, ihr die Hand, dann leitete sie sie selbst zum Polsterstuhl zurück. Alle Anwesenden, Eduard am meisten, theilten die Rührung des edlen Paares. Die Fürstin wandte sich zu ihm, doch indem sie einige freundliche Worte mit ihm wechselte, schien es, als zuckten, während sie sprach, schmerzliche Erinnerungen um ihre Lippen, die sie mit Gewalt niederkämpfte. Als man die Aebtissin anmeldete, entfernte sich unser Freund, um beim Feste einer so glücklichen Vereinigung nicht störend einzuwirken. –

Als er auf seinem einsamen Zimmer angelangt war, trieb ihn das aufgeregte Gefühl hinaus in die freie duftende Waldnacht, welche sich nach Westen hin, bis an den Fuß des Gebirges ausdehnte. Er konnte sich's nicht ableugnen, die Eindrücke, die jezt sich seiner bemächtigten, fanden sein Herz um vieles gewappneter, sein Inneres ausgebildeter; dennoch war ihm der Gedanke fürchterlich, Magdalenen jezt wieder zu begegnen, um ihr sein Unrecht abzubitten, ein Unrecht, das sich bei ihm noch nicht als völliges Unrecht zeigen wollte. Die Vermuthung stieg in ihm auf, Magdalena könne die Tochter der Landräthin seyn; doch dem schien der Umstand zu widersprechen, daß weder in des Barons, noch Ottfrieds Aeußerungen jemals, wenn auch die leiseste Anspielung, auf ein Verhältniß der Art vorgekommen war.

Cordulas Worte ließen freilich noch eine andre Deutung ahnen und dieser einen Schein von Gewißheit zu geben, war die wunderbare Aehnlichkeit auf dem Altarbilde wohl geeignet; allein konnte hier nicht ein Spiel der Phantasie herrschen? Trotz dieser widerstrebenden Gefühle, die ihn von Magdalenen entfernten, erschien ihm dennoch ihre Gestalt im rührendsten Zauber; er war bereit, sie zu entschuldigen, ihr Wirken groß und trefflich zu finden und nur sich anzuklagen, daß er mit Absicht gefärbte Gläser seinem Auge vorschiebe. Mit diesen unglückseligen Zweifeln, leider seinem Charakter eigen, marterte er sich wohl mehr als eine Stunde.

Indeß hatte er den Weg, den er eingeschlagen, willenlos verfolgt und der brachte ihn jezt an den Ausgang des Wäldchens, wo sich dem Blick ein reizendes kleines Thal, hart von Bergen eingeschlossen, von einem Flusse durchschnitten, zeigte. Am Ufer des Wassers erhob sich eine Reihe einfacher, aber freundlich erbauter Wohnungen, halb von blühenden Sträuchern und üppigen Baumgruppen versteckt. Unter einem vollblättrigen Ahorn befand sich eine Bank und über derselben am Strome eine Inschrift befestigt, welche die Worte: Arbeit, Ruhe, Erkenntniß, enthielt. Eduard dachte über diese Worte nach, und sie schienen ihm einen Widerspruch zu enthalten; denn wer arbeitet, ruht nicht, und wer Erkenntniß sucht, wird nie ruhen dürfen. Ermüdet ließ er sich auf die Bank nieder.

Nicht lange, so erschien ein Mann in höchsteinfacher Kleidung, mit einer strengen, doch nichtsbedeutenden Miene. Er grüßte ohne den kleinen grauen Hut zu lüften und wollte eben seinen einsamen Spaziergang fortsetzen, als ein Gezänk vom Ufer des Flusses herüberscholl und seine Aufmerksamkeit rege machte; er lenkte jezt unverzüglich seine Schritte dorthin und Eduard entschloß sich, ihm zu folgen. Auf dem grünen Plätzchen am Flusse hatten sich einige Leute in derselben Tracht und von demselben Ansehen versammelt; in ihrer Mitte bewegte sich eine kleine verwachsene Figur, mit einer spitzigen, stark gerötheten Nase und lebhaften Augen; sie schien sich eben über etwas heftig beklagt zu haben, denn noch drückten die Gesichter des einen Theils der Zuhörer Unwillen, des andern Theils Theilnahme und Verwunderung aus.

Kaum gewahrte der kleine Mann den einsamen Spaziergänger, als er auf ihn zusprang und ausrief: »Nun kommt ja der Herr Johannes, der wird doch Vernunft annehmen, wenn man ihm die Sache genau erklärt. Liebwerthester Herr Johannes,« sezte er seine Rede fort, »der Fall ist dieser: Ihr wißt, wie ich in die Gemeinde kam, war ich so arm wie eine Kirchenratze, oder wie ein Fürst, dem die Stände seine Einkünfte genommen haben; ich besaß nichts weiter, als meine zehn Finger, den Fingerhut, meine Scheere und ein paar papierne Maaße, damit hab' ich denn redlich zum Besten der Menschheit hier das Meinige beigetragen, gepredigt, getauft und hie und da einige schadhafte Kleidungsstücke meiner Mitpropheten zu Glauben und Vernunft zurückgebracht. Jezt aber stirbt mir eine Muhme, die im Gebirge wohnte; ich erfahre heute die willkommene Nachricht, daß die Gute mir eine kleine Erbschaft ausgeworfen hat; so wie nun diese Post bekannt wird, sammeln sich diese Spitzbuben um mich und jeder besteht darauf, seinen Antheil von der Erbschaft einzukassiren. Eine verteufelte Geschichte! Wären Sie nun, Herr Johannes, nicht zum Glück ein gescheiter Mann, so könnten mich diese verdammten Propheten noch um das Meinige bringen.«

Johannes nahm bei diesen Worten eine ernste Miene an; er stand mit verschränkten Armen da und betrachtete sich die Gruppe mit finstern Blicken.

»Bruder Roland,« hub er endlich an, »Du weißt, daß kein Bruder bei uns mehr, als der andre besitzen darf.« –

»Großen Dank!« rief der Zurechtgewiesene; »dergleichen käme mir eben recht. Ich für meinen Theil hatte immer die Absicht, nur so lange ein Bruder zu seyn, als des Herrn Leonhard Einkünfte hinreichten, uns alle hier gemächlich frei zu halten; hab' ich aber mein Schäfchen im Trocknen, wie ich's jezt nachweisen kann, so müßte ich ja ein Narr seyn, hier täglich ein paarmal im kalten Wasser herum zu schwimmen und Predigten anzuhören, die nur das Gehirn auf Lebenszeit schief stellen. Nein, so haben wir nicht gewettet! Ich mache Euch mein aufrichtiges Compliment, Herr Johannes, oder wie Ihr sonst heißen mögt, schnüre mein Bündel, nehme den Erbpfennig meiner guten Muhme zwischen die Zähne und treibe, wenn ich aus diesem verteufelten Gebirge hinaus bin, nach wie vor mein redliches Gewerbe.« –

»Roland, Roland!« rief Johannes, »Du vergißest, daß Du bereits durch die Taufe einer der Unsrigen geworden bist.« –

»Was Taufe!« schrie der Schneider, »man hat mich ganz wider meinen Willen unters Wasser gestoßen! Ich bin, wie Ihr seht, ein kleiner und dazu schwächlicher Mann, und der Bruder Christoph ist stark und gewichtig, wie ein Hebebaum; ist's da ein Wunder, wenn ich gute Miene zum bösen Spiel machte?« –

»Gleichviel!« riefen mehrere Stimmen, »Du gehörst jezt zur Gemeinde und darfst nicht fort, das Erbtheil deiner Muhme eben so wenig.« –

»Alle Teufel über Euch! Das will ich doch einmal mit ansehen, ob Ihr dergleichen durchsetzen könnt. Auf der Stelle gehe ich zu dem Herrn Leonhard selbst.«

Er machte Anstalten, den Kreis zu durchbrechen, als mehrere Stimmen plötzlich: Stille! riefen.

»Gebt Platz!« befahl Johannes; »geht bei Seite, die Taufkinder kommen! Räumt den Platz am Fluß! kein weiteres Gezänk unter Brüdern!« –

»Schöne Brüder!« brummte der Schneider; »Gesindel aus dem Zuchthause freigegeben, vom Galgen abgeschnitten, mit Ruthen ausgedroschen, zu nichts weiter nutz, als mit ihren Leibern den Fluß zu stopfen.«

Er trat scheltend bei Seite und schloß sich Eduarden an, den er vom Scheitel bis zur Sohle prüfend ansah. Der Platz am Fluß war jezt leer, eine geistliche Musik ertönte und paarweise sah man einen kleinen Zug sich dem Wasser nähern. Es waren Leute darunter von ziemlich verdächtigem Ansehen; sie trugen eine Art langer geschwärzter Gewänder, mit denen sie in's Wasser stiegen, dabei wurden einige Stellen aus den Evangelien vorgelesen; nach einer Pause fiel wieder der Gesang ein und ein großer dickleibiger Mann zeigte sich geschäftig, die Handlung der Taufe nicht eben mit viel Geschicklichkeit und Schonung zu vollziehen. Der Schneider ließ nicht nach, während der heiligen Handlung seine spöttischen Bemerkungen zu machen; er suchte Eduards Aufmerksamkeit auf die fühllosen stumpfen Physiognomieen der Leute, welche die Taufe empfingen, zu lenken.

»Was nutzt,« rief er, »bei solchem Volke Lehre und Ermahnung? im Gegentheil, ihr Zustand wird nur um Vieles schlimmer und bedenklicher; denn waren sie früher nur simple Bösewichte, so stempelt man sie jezt zu Heuchlern. Doch es scheint mir, mein Herr, daß Ihr Interesse an dem Schauspiel findet; wahrscheinlich seht Ihr's aus dem Standpunkte der Belehrung an und da muß es allerdings einige Ausbeute liefern. Wenn es Euch gelegen ist, so will ich Euch in das Versammlungshaus führen, wo auch die gemeinschaftlichen Mahlzeiten gehalten werden. Ihr mögt Euch auch dort umsehen.«

Eduard folgte dem kleinen Mann, der erzählend und erklärend ihm vorschritt, in ein freundliches, ziemlich großes Gebäude und zwar in einen großen Saal, wo mehrere Kranke und Hülfsbedürftige versammelt waren. Dieselbe Frau die den Zorn des Gastwirths so sehr gereizt hatte, ging hier, von einer Begleiterin gefolgt durch die Reihen, Medikamente und Brod vertheilend; als ein Glöckchen ertönte, sank sie auf die Kniee und verrichtete ein kurzes Gebet.

In einem zweiten Saale befand sich eine Versammlung, und ein ehrwürdig aussehender Mann, in einfacher Kleidung, gab seinen Zuhörern Ermahnungen und Lehren. In seiner Rede kam viel vor über die Armuth und Glückseligkeit, über die Demuth und Bescheidenheit, im Gegensatze zur Welt und dem eitlen hoffärtigen Treiben. Der blasse friedliche Mann schien es aus dem Grunde seines Herzens ehrlich zu meinen; er war wohl selbst einer von denen, die einen bittern Kelch bis auf die Hefe hatten leeren müssen, die ihr armes blutendes Herz nun mit hastiger Heimlichkeit verstecken, damit Niemand merke, wie sie selbst bis zum Tode sich matt gerungen haben, um so klar und freundlich von Frieden zu sprechen.

Eduard sah in das blasse blaue Auge des Mannes, es schien ihm, als wolle es jeden Augenblick brechen. Um die Wangen, um die feinen Lippen spielte ein so bittendes Lächeln, als wolle es sagen: Was ich predige, sind gebrochene Herzen, und womit ich tröste, ist Blut; aber haltet nur stille der Ruthe, einmal ist es doch aus; auch die härteste Brust fällt in Asche, und ein kühler Hügel wird drauf gedeckt. Roland konnte am Ende der Rede seine Rührung nicht verbergen.

»Der Mensch bleibt doch eine schwache Creatur,« sagte er; »Ich weiß nun, daß es mit all diesen herzbrechenden Worten nicht recht richtig beschaffen ist, und demnach kann ich ihnen mein Thränlein nicht versagen. Sollte man nicht glauben, es wäre ein wahres Labsal, ein Hungerleider zu seyn, so rührend, so wahrhaft bezaubernd wird einem das liebe Elend dargestellt. Wahrlich, wenn die Erbschaft meiner guten Muhme nicht gekommen wäre, ich weiß nicht, ob ich mich nicht entschlossen hätte, bei diesen närrischen Leuten die noch übrige Zeit meiner Jugend zuzubringen.«

Eduard verließ mit seinem Gefährten den Saal und sie betraten jezt die Arbeitsstuben, wo Reinlichkeit und Ordnung zu herrschen schienen; von hier ging es in andere Gebäude, die zu den Bedürfnissen der Sektirer mit großer Eilfertigkeit eingerichtet waren. Am Schlusse dieses ziemlich bedeutenden Spaziergangs wollte sich Eduard seinem Führer erkenntlich beweisen; doch er lehnte jedes Geschenk ab und rief mit Pathos:

»Keinen Dank, mein Herr! Ich habe sogleich beim ersten Blick gesehen, wen ich vor mir hatte. Wir Schneider haben einen scharfen physiognomischen Blick, und da wir selbst die Schöpfer unserer Physiognomieen sind, so trügen wir uns selten. Ein solcher Rock, mein Herr, und die Weise, wie Ihr ihn traget, kann nur einen Mann von Welt und Bildung anzeigen, und nicht wahr, ich habe recht? Doch ehe Ihr diese Häuser verlassen wollt, muß ich Euch auf jenes kleine, unscheinbare Gebäude aufmerksam machen. Es ist nichts Geringeres als ein fürstlicher Palast, obgleich sein Bewohner nichts davon wissen will, daß er einmal über Land und Leute regiert hat. Ihr lächelt? und dennoch ist's buchstäblich so. Dort wohnt unser Herr und Meister, der Bruder Leonhard, oder wie er mit seinem eigentlichen Namen heißt, der Herzog Lothar. Wenn Ihr ihn sehen wollt, so müßt Ihr Euch erst an seinen Leibbarbier wenden, der jezt die oberste Person ist; auch müßt Ihr Euch fein in Acht nehmen, daß Ihr den Herrn Leonhard nicht etwa mit ›Euer Durchlaucht‹ oder dergleichen anredet; er würde Euch dann unfehlbar den Rücken zuwenden. Sprecht mit ihm wie mit einem alten Bekannten, das wird er am liebsten hören. Jezt lebt wohl! Ist's Euch gelegen, so spreche ich auf meiner Reise nach der Erbschaft wohl bei Euch im Wirthshaus an.«

Er ging, und Eduard blieb allein vor dem bezeichneten Häuschen stehen. Es war Abend geworden; die Sonne ruhte in einem Meer von Purpur; einzelne leichte Wolken flogen über den reinen Abendhimmel und trugen die Geister des Schlafes und Friedens zur müden Erde nieder; eine weitverbreitete Stille herrschte, die nur der einsame Ton des Klosterglöckcheus unterbrach.

»So also muß ich dich wiederfinden!« rief Eduard bei sich, »seltsamer, unglücklicher Mann, aus dem Palast, wo Reichthümer, Glanz und alle Genüsse der Erde dich umgaben, bist du freiwillig in diese niedere Hütte gezogen, bloß um den zürnenden Gott in deinem Busen zu beschwichtigen. Und hast du denn hier den Frieden gefunden?«

Er wollte eintreten, an der Klingelschnur ziehen; doch ein Gefühl, gleich einem Schauder, hielt ihn ab. Im Hause wurde es laut, eine männliche Stimme sang ein einfaches geistliches Lied. In dem Moment öffnete sich auch die Thür und der Fürst trat heraus. Er sah Eduarden lange an, gleichsam als wolle er sich auf eine längstvergessene Erscheinung besinnen; dann trat er freundlich auf ihn zu und bot ihm die Hand. Sein Aeusseres hatte sich bis zum Unkenntlichen verändert, das Feuer der Augen war erloschen, die Wange schmal und eingefallen, der sonst edle kräftige Körperbau gebeugt und abgehärmt.

»Sieh da!« rief er mit einem trockenen Lächeln, »ein Freund aus der Welt, so bekannt und doch wieder so unbekannt; allein es kommt wohl aus dem Grunde, weil Sie die Maskentracht noch tragen, die ich schon abgelegt habe. Seyn Sie mir willkommen, treten Sie ein.«

Als Eduard die Stube betrat, zeigte sich am Eingang ein großer untersezter, finster schauender Mann, der, die Hände auf dem Rücken, mit langen Schritten auf und abging. Bei Oeffnung der Thür wandte er sich rasch um und fragte mit rauher Stimme:

»Was soll das heißen – wie kömmt der fremde Mensch hier herein?«

»Er ist mein Bekannter und Freund,« entgegnete der Fürst, »und kommt mich zu besuchen.« –

»So soll er draußen warten, bis ich ihm befehlen werde einzutreten.«

Eduard war ungewiß, was er zu dieser unerwarteten Begrüßung sagen sollte; er war eben im Begriff, die dreiste Unverschämtheit dieses Emporkömmlings mit einigen verweisenden Worten zu rügen, als ein Wink des Fürsten ihn zu schweigen bat.

»Elias!« rief dieser, »wie bist Du nun heute wieder so streng. Gönnst Du mir nicht diese kleine Erheiterung, mit einem Freunde aus frühern Tagen zu plaudern?« –

»Erheiterung?« tönte die höhnende Antwort; »ja freilich, es ist sehr nöthig, daß das alte sündige Leben wieder beginne; diese saubere Erheiterung mit liederlichen Mädchen und gottlosen Freunden! Kurz und gut, ich will, daß der Fremde sich entferne, er stört unsere Uebungsstunde.«

»Elias!« entgegnete der Herzog, und sein Antlitz deckte Blässe. »Das sagst Du mir, mir in Gegenwart dieses Mannes!« –

»Ja, Euch, – Euch sage ich's, und wollte Gott, die ganze Menschheit hörte es mit an, so würdet Ihr endlich einmal in Euch schlagen und den verdammten Hochmuthsteufel fahren lassen. So also haben meine Ermahnungen, meine guten Lehren gewirkt? Ich sehe, mit weit größerer Strenge muß ich Euch behandeln, sonst ist doch Alles umsonst gewesen.«

»Das geht zu weit!« schrie der Fürst. »Ich befehle Dir, sogleich dieses Zimmer zu verlassen.«

Der Barbier hörte diese Worte gelassen an, die Arme in die Seite stemmend, stand er eine Weile da, den Blick der kleinen grauen Augen scharf auf den Gegenstand seines innern Zornes gerichtet; dann wandte er sich rasch um, packte einiges Geräthe, das auf dem Tisch lag, zusammen und ging stillschweigend an die Thür.

»Wohin, Elias?« rief der Fürst –

»Euch verlassen,« war die Antwort; »ich will es unserm Propheten sagen, daß Ihr jezt ein tugendhafter Mensch geworden seyd, der uns nicht mehr nöthig hat.« –

Der Herzog kämpfte sichtlich mit sich, dann eilte er auf den Abgehenden zu und rief: »Verlasse mich nicht, Elias, bleibe hier! Elias, vergib mir, wenn ich Dich beleidigt habe. Du hast vollkommen Recht, das Gespräch mit jenem Fremden könnte mich jezt nur zerstreuen – Sie sehen, liebster Freund,« wandte er sich zu Eduard, »ich muß schon ein Uebriges thun und Sie bitten, sich auf ein halbes Stündchen zu entfernen; draußen im Bogengang finden wir uns wohl wieder.«

Eduard war froh, daß er den peinlichen Eindrücken, die der Anblick dieser Scene auf ihn verursachten, entgehen konnte, und eilte, das Wäldchen wieder zu erreichen, in dessen erquickenden Schatten er sich barg, indem er am Ufer eines einsamen Waldquells Platz nahm, sein Antlitz mit den Händen bedeckend. Der Sturm brauste über ihm, er hörte es nicht; ein Gewitter zog auf, Donnerschläge durchtönten den Hain, Blitze durchleuchteten ihn; er war so tief in die Bilder seines Innern versenkt, daß die äußern Erscheinungen machtlos an ihm vorüberrauschten. Erst spät in der Nacht nahm er den Rückweg in den Gasthof.

Im Zimmer der Landräthin, die sich heute etwas wohler fühlte, hatten sich die Prinzessin und Aebtissin eingefunden; auch Eduarden war eine Einladung zugeschickt worden, und als er eintrat, erschien mit ihm jener blasse Mann im grauen Rock, den er im Gebirge hatte predigen hören. Die Landräthin hatte Nachrichten von ihrem Bruder erhalten, die beunruhigend lauteten. August war aus der Residenz verschwunden, und nirgends, auch nicht im Schlosse zu finden; man konnte nicht errathen, wo er herumschweifen möchte. Als diese Neuigkeiten noch besprochen wurden, hatte unterdeß die Aebtissin mit dem blassen Mann, den sie Bernhard nannte, einige Worte gewechselt, und drückte ihm jezt eine Rolle Geld in die Hände:

»Thun Sie,« sezte sie ihre Rede fort, »thun Sie mit dieser Summe, was Ihnen recht dünkt. Habe ich auch, was Ihre Sekte anbetrifft, meine eigenen von den Ihrigen abweichenden Ansichten, so besitzen Sie doch mein unbedingtes Vertrauen, und ich weiß, daß das Geld in Ihren Händen gewiß an seine Bestimmung gelangt.«

Der Mann erwiderte einige Worte, machte dann eine kurze Verbeugung und verschwand.

»Theure Freundin!« rief die Landräthin, »sagen Sie mir doch, ich bitte, was ist das für eine merkwürdige Physiognomie; wahrlich ein besonderer Charakter!« –

»Gewiß,« erwiderte die Aebtissin; »zwar kenne ich den Mann wenig, doch genug, um ihn zu achten und mich von ihm angezogen zu fühlen. So viel ich vernommen, hat ihn vielfaches Unglück betroffen; seine Frau hat ihn verlassen; ein Freund hat sie und sein Vermögen entführt. Er ist ein Nordländer, darum schon von Natur zum Tiefsinn und zur Schwermuth geneigt. Wie ich höre, hat er sich lange zur Brüdergemeinde gehalten, von dort sich jedoch zurückgezogen und der Gebirge-Sekte angeschlossen. Es soll erschütternd seyn, ihn über die Pflichten des Christentums, so wie er sie aufgefaßt hat, reden zu hören.«

Eduard bestätigte dieses und die Damen ließen sich nun von ihm jene Eindrücke beschreiben, welche er vom Besuch der Sekte mitgebracht, wobei er jedoch sorgfältig vermied, der unwürdigen Erscheinung des Fürsten zu erwähnen.

»Ist es nicht eine betrübende Erfahrung,« bemerkte die Aebtissin, »daß ein Gefühl, welches an und für sich nicht verdammlich ist, und recht gelenkt so viel Schönes und Edles zur Reife bringen kann, Anlaß geben muß zu so tiefen Verirrungen; ich meine die Schwärmerei. Wahrlich, wenn man hört, wie die Edelsten und Besten, die immerdar sich eines trefflichen Willens bewußt waren, so straucheln und fallen können, welche Macht gibt einem dann Sicherheit, daß man selbst nicht dem Abgrund ganz nahe ist?« –

»Wie meinen Sie das, Verehrte?« fragte die Landräthin. »Ich meine,« entgegnete die Dame, »daß unsere menschlichen Begriffe nicht ausreichen, uns einen sichern Maaßstab an die Hand zu geben, und daß wir oft noch übler daran sind, wenn wir ein Gefühl, obgleich ein edles, walten lassen. Wo ist die Gränze, auf der sich eine ursprünglich reine Erscheinung in etwas Unreines, Sündhaftes verwandelt? Mir ist oft, besonders in lezter Zeit, der Gedanke gekommen, ob nicht die Liebe für das Klosterleben, die Neigung für dessen Pflichten und Opfer ebenfalls, etwas verdammlich Schwärmerisches an sich trage?« –

»Wie können Sie das glauben, theure Hanne!« rief die Landräthin rasch; »ich meine, wir sehen diese und ähnliche Verhältnisse, die die Zeit freilich verdammt, mit so geläutertem Auge an, daß sich wohl schwerlich grobe Irrthümer und Schwächen in unsere Klosterliebe mischen.« –

»Und dennoch!« entgegnete die Aebtissin; »gerade diese entschiedene Liebe ist gefährlich. Glauben nicht jene Leute im Gebirge ebenfalls, auf dem rechten Wege zu seyn? meinen sie nicht auf das Gewisseste, ihr Heil so und nicht anders zu finden? und wie grob, wie unnatürlich erscheinen uns ihre Irrthümer? Ich muß bei der Gelegenheit eines Ereignisses aus meinem Leben Erwähnung thun, welches mich zuerst entschieden hat, nicht in die besprochene Auflösung unsres Klosters zu willigen, sondern meine kleine Heerde fortzuleiten, bis sie und mich der Tod von der Erde nimmt. Es ist nicht so lange her, daß jene merkwürdige Frau, die so viel von sich sprechen machte, gleichsam in einer Art geistlichen Triumphs über die Erde zog, ich spreche von der Verfasserin der Valerie. In jenen Jahren war diese Erscheinung doppelt merkwürdig; der allergrellste Unglaube, Religionsverachtung, dabei Krieg, Elend aller Art zogen mit ihren Schrecken durch die Länder, da erhob sich diese merkwürdige Schwärmerin und predigte das Kreuz mit einer Leidenschaft, einem Feuer, das Tausende mit sich fortriß. Ich war bis dahin in meinem Beruf glücklich und zufrieden gewesen; meine stillen Berge hatten mich geschützt gegen die seichte Aufklärungssucht, gegen Zweifel, Unmuth und innern Zwiespalt, ich war, wie es eben gehen wollte, mit mir selber fertig und einig geworden, die kleinen Kämpfe in meiner Brust waren beschwichtigt; jezt kam auch zu mir der Beschluß der Regierungen, die Klöster aufzuheben, und ich erfuhr, daß auch dem meinigen dieses Schicksal ernstlich drohe. Diese Nachricht erschütterte mich auf das Heftigste, nicht als wenn der Gedanke mir neu gewesen wäre; ich hätte nicht historisch fortleben müssen, um mit dem Geiste der Zeit so unbekannt zu bleiben; ich sah auch ein, daß die meisten Anstalten der Art nicht mehr vom kräftigen gesunden Athemzug des Glaubens und einer heiligen Gesinnung belebt, nur zwecklose, jedem Staate sogar hinderliche Institute seyn dürften; paßte nun aber dieses Gemälde, das ich mir von der Zeit entwarf, auch auf mich, auch auf die kleine Schaar, die ich der einstigen Verantwortung entgegenführte? Diese Zweifel machten mich fürchten; ich weilte Nächte lang schlaflos auf meinem Lager, vergeblich! Da sich mir das menschliche Verständniß verschliessen zu wollen schien, flüchtete ich zum Göttlichen und erflehte eine höhere Eingebung; doch so viel ich sorgte und litt, es wurde mir keine klare Anschauung und die Zweifel wuchsen täglich. Inzwischen näherte sich die Zeit, die ich zur endlichen Entscheidung und Offenbarung meines Willens anberaumt hatte. Ich befand mich damals in der Residenz, im Gewühl einer großen Menge, die zu einem kirchlichen Feste herbeigeströmt war. Es geschah, daß ich mit dem ganzen fürstlichen Hause die Kathedrale besuchte und bekleidet mit der Tracht meines Ordens in der herzoglichen Loge saß. Als nun die heiligen Prozessionen begannen, die Lichter flammten, die Weihrauchwolken emporwirbelten und die Melodieen des Chors auf die entzückte Menge niederrauschten, da fühlte ich im allgemeinen Hochgefühl meine Brust verschlossen, der Geist der Erde, des Kleinmuth's und der Zweifelsucht bestürmte mich; ich mußte die Augen niederschlagen und hörte nur die gellenden Glocken, wie sie an den verschiedenen Altären erklangen. Da war es mir plötzlich, als riefe mich Jemand unten; obgleich dieses durchaus unmöglich war, so schaute ich doch hinab und wie gebannt fühlte sich mein Auge vom Blicke eines fremden Augenpaars, das von unten hinaufschaute; ich wurde verwirrt, wegblickend suchte ich jenem Strahl zu entgehen, doch wo ich auch hinlenkte, immer wieder wurde ich in seinen Umkreis gezogen. Das tausendstimmige Hallelujah erschallte, die Pauken wirbelten, der Donner der Kanonen machte die Gewölbe dröhnen; ich hörte und sah nichts, denn es schien, als wachse die magische Gewalt jenes Blickes mit jeder Minute; jetzt faßte ich die Erscheinung näher in's Auge und fand, daß es eine Frau war, wie es schien, zum niederen Stande gehörend, wenigstens ließ dies ihre einfache Kleidung, die jedes festlichen Schmucks entbehrte, vermuthen. So verging eine Stunde, der Gottesdienst erreichte sein Ende, die fürstliche Familie verließ ihre Sitze, die Menge umgab uns. Wie wir unten angelangt waren, fühlte ich, wie Jemand meinen Arm absichtlich berührte; herumblickend, und jene unheimlichen Augen dicht in meiner Nähe gewahrend, wich ich mit einer Gebehrde des Schreckens und der Furcht aus; die Frau jedoch ließ sich hierdurch nicht irre machen, sie strebte sich mir wieder zu nähern, und ehe ich ihr ausbeugen konnte, tönten mir die Worte ins Ohr: ›Hanna, bleib treu deinem Gelübde! Gehorsam ist besser denn Opfer, spricht der Herr.‹ Ein Schauder überlief mich, ich glaubte in dem Moment die heilige Cäcilie, die Patronin meines Klosters gesehen zu haben; tausend wunderbare und seltsame Bilder gingen durch meinen Kopf. Wie ich mich noch einmal umblickte, war die begeisterte Frau in der Menge verschwunden. Als ich nach Hause angelangt war, stand mein Entschluß fest. ›Gehorsam ist besser denn Opfer!‹ rief ich; ›der Herr fordert keine Opfer, er will Gehorsam der einmal übernommenen Pflicht.‹ Jezt legte ich die Erklärung ab, daß ich mein Kloster nicht verlassen wolle, und meine fürstlichen Anverwandten hatten Mittel, mich in meinem frommen Entschluß mit weltlicher Macht zu beschützen. Später, als ich wieder in meine Mauern heimgekehrt war, fand ich Gelegenheit, jene merkwürdige Frau zu sehen, mich mit ihr zu unterhalten, wo sie mir dann gestand, daß sie sich damals in der Kirche angelegentlich mit mir beschäftigt habe, und daß eine göttliche Eingebung ihr befohlen, mir jene Worte zuzurufen. Seitdem hat sich mein Leben, trotz äußerer Unruhen, immer mehr in seiner innern Form gefestigt.«

»Verehrte mütterliche Freundin,« nahm die Prinzessin das Wort, »wer verdiente wohl die aus einer schönen Ueberzeugung hervorgehende Ruhe, wenn Sie es nicht wären? Eben so weit entfernt vom blinden Schwärmer-Glauben, als dem stumpfen, sich jedem Verhältniß fügenden Indifferentismus, haben Sie immer bei aller Gemüthswärme das klare geläuterte Bild unsrer Bestimmung vor Augen behalten.«

Die Aebtissin reichte der Sprechenden die Hand, indem sie gerührt sagte: »Liebe Freundin und Tochter! Sie haben von jeher mir wohlgewollt, ich weiß es, Ihr Urtheil könnte bestochen seyn; doch auf der andern Seite weiß ich, Liebe, daß Sie streng das Wahre suchen, und so will ich mir immer eine freundliche Bestimmung aus Ihrem Lobe heraus nehmen. In jener Zeit, als ich noch schwankte, suchte ich, wie gesagt, überall Belehrung, Aufklärung; die Schriften unsrer Kirchenväter waren mir im Wesentlichen nicht fremd, was sie jedoch über das Klosterleben, besonders der Frauen, sagen, schien mir zu sehr den Stempel jener frühen dunkeln Jahrhunderte an sich zu tragen, wo mehr oder weniger der Buchstabe den Geist beherrschte. Ich rückte mit meinem Studium weiter, und gelangte in jene Zeit, wo die Herrschaft der Kirche ihre vollendetste Bildung gewann, und mit dieser zugleich die Opposition in's Leben trat. Hier war es mir nun, als wäre die früher nur dunkel angedeutete Bestimmung der Klöster, die Idee des klösterlichen Lebens überhaupt, von der Zeit zum selbstständigen Bewußtseyn hindurchgeführt worden; es war nicht anders, als wolle jezt, da der Feind sich zeige, Jeder in der Vestung sich nach dem ihm zugewiesenen Posten umsehen, um dessen Tüchtigkeit zu prüfen. In der Zeit der ruhig herrschenden Kirche waren der Mönch wie die Nonne wenig mehr als blindgehorchende Werkzeuge, der Buchstabe herrschte und schrieb Allen seine Gesetze vor; bei der ausbrechenden Opposition forderte der Geist den Geist kampflustig heraus, und da zeigte es sich, daß die meisten dieser frommen Anstalten nur da waren, um dem Buchstaben Festigkeit zu geben. So trefflich sie hiezu gedient hatten, in einer Zeit, wo wenig mehr als das gefordert wurde, wo es galt, die äußere Erscheinung des Christenthums in feste Form zu bringen, so zwecklos schienen sie jezt, da lebendige geistige Anforderungen an sie gemacht wurden. Ein Mönch selbst sprach diese Anforderung der Zeit aus, ein Mönch brach die Jahrhunderte lang verschlossenen Klosterpforten und ließ in die finstern Gewölbe das Licht einer neuen Sonne fallen. Hatte man nun in diesem Eifer einestheils das Rechte erwählt, so ging man auf der andern wiederum zu weit, indem man die Klöster ganz verbannt wissen wollte; denn im Dienste des Buchstabens liegt auch Verdienst, und viele christliche Tugenden, als Barmherzigkeit, Mildthätigkeit, Gehorsam, Ordnungsliebe, Pflege und Leitung der Kranken, können sich gar wohl mit dem bloßen Buchstaben des Gesetzes vertragen. Doch nicht allein dies, ich fand auch, daß sich eine höhere geistige, wenn ich sagen soll, protestantische Ansicht mit der Idee des Klosterlebens vereinigen läßt; ja Luther selbst, dessen Schriften ich mit vieler Aufmerksamkeit las, spricht sich, trotz dem, was ich oben gesagt habe, nicht unbedingt gegen das Klosterleben aus; er gibt Fälle an, wo es ihm nützlich, ja nothwendig scheint, sich von der Welt abzuscheiden, nur will er jeden Zwang entfernt wissen. Wie denn überhaupt nur auf dem Gebiet der Streit- und Partheisucht scharfe Gegensätze bestehen, in Folge gereifter Wissenschaft, vorurtheilsfreier und ruhiger Untersuchung jedoch immer mehr verschwinden, so auch hier. Hat der Staat, haben die Regierungen erst einmal eingesehen, daß sich mit ihren Zwecken Institute der Art vertragen, so wird für die Idee eines vergeistigten Klosterlebens auch sogleich eine zeitgemäße passende Form gefunden seyn, und eine große Anzahl Menschen hätten Ziel und Bestimmung. Nun vollends wir armen Frauen, denen man überhaupt einen passiven Stand im gesellschaftlichen Zusammenleben anweist, ist's uns wohl zu verargen, wenn wir jene Zeiten zurückwünschen? Ist denn einzig und allein die eine Bestimmung uns zugewiesen? sind die heiligen Pflichten, die zu erfüllen eine schöne Einsamkeit des Herzens erfordert wird, ist die Beschäftigung mit großen und ernsten Ideen, sind endlich der Unterricht, die Verpflegung der Hülfsbedürftigen, nicht auch treffliche Wirkungskreise, würdig, daß ein weiblicher Geist sich in ihnen bewege? Muß denn Alles Schwärmerei, Lüge, Unnatur seyn, was nicht dem nahen und allernächsten Zweck dient? dessen Ziel dem stumpfen Auge nicht gleich erkenntlich wird? – Doch dieses ist der Maaßstab, nach dem die Welt mißt und schonungslos verdammt.«

»Ich meine,« bemerkte Eduard, »daß auch nach dieser Ansicht protestantische Klöster bestehen, nur nicht diesen Namen führen, in denen kein Gelübde gefordert wird und wo es den Frauen freisteht, den Zufluchtsort wieder zu verlassen, wenn ihnen ein anderer geboten wird.« –

»Ich verstehe!« rief die Aebtin mit Leidenschaft; »doch ich bekenne nun, diese Ansicht zu theilen, bin ich zu sehr Katholikin; so niedrig will ich das Kloster nicht gestellt sehen. Das Haus meines Gottes, das er mir mild und gütig öffnet, da ich mühselig und beladen Einlaß heischte, das muß mir zu heilig seyn, als daß ich es, wenn ein andres Gelüste mich befällt, leichtsinnig und lachend wieder verlasse. Nein, ich heische, daß das Gelübde in seiner ganzen Kraft und Strenge bestehe, meinethalben mag die Prüfungszeit verlängert werden; allein ist einmal das entscheidende Wort, welches den Schleier über die ganze Welt wirft, ausgesprochen, so soll kein irdisches Verlangen es wieder zurückrufen dürfen, am wenigsten soll hier jenem augenblicklichen Reize, jener trüben Weltlockung, die Tausende von meinem Geschlechte in die Arme tiefer Erniedrigung, beispiellosen Elends geführt hat, auf's leiseste Anklopfen sogleich das Thor geöffnet werden.«

»Wenn Sie auf diesen Gegenstand zu sprechen kommen,« bemerkte die Landräthin, mit einem Seitenblick auf Eduard, »so möchte unser junger Freund am wenigsten Ihrer Meinung seyn; er würde Sie, meine Liebe, und alle Klosterfrauen der Welt, grausam schelten, wenn Sie ihm seine Geliebte vorenthielten.«

Die Aebtissin lächelte. »Vielleicht,« erwiderte sie mit ihrer liebenswürdigen Sanftmuth, »hätte ich auch in diesem Falle Unrecht.« –

»Nur vielleicht!« triumphirte die Landräthin; »sehen Sie wohl, man traut Ihnen doch nicht ganz.« –

»Würde ich mir denn nicht selbst die härtesten Vorwürfe machen müssen,« versezte Eduard, »wenn ich das junge Mädchen einem Beruf entzöge, der, wenn man ihn hier von seiner hohen Beschützerin gedeutet hört, nur zu dem würdigsten und edelsten Ziele führen kann?« –

»Sie ergeben sich,« rief die Fürstin, »und das ist allerdings das Gescheuteste, was Sie unserem weisen und erhabnen Rathe gegenüber thun können! Welcher Ansicht Sie in der Stille beipflichten, daß ist Ihr Geheimniß.« –

»Uebrigens, theure Hanna,« nahm die Landräthin wieder das Wort, »sähe ich Sie gerne noch wärmer, noch begeisterter; ich theile nur zu sehr Ihre Ansicht. Ach, hätte ich doch nie dieses schöne wunderbare Haus, dessen kunstreiche spitze Gewölbe sich jezt wieder über meinem Haupte erheben, verlassen! Die Jahre, die ich hier zubrachte, bleiben die schönsten meines Lebens; ich denke an sie zurück, wie man auf ein wunderbares Eiland hinschaut, das fern im Abendglanze über einer weiten Meeresfläche leuchtet und von wo man nur schwach das silberne Geläute der Abendglocke, die dort zur Ruhe läutet, vernimmt. Diese Gänge und Altäre, die Gitter, Kreuze und Beichtstühle, die Kerzen auf dem Altar, das Räucherwerk und vor allen der Gesang auf dem Chor, sie sind meiner Seele, wie irdische Speise dem Leibe, Bedürfniß, ich muß sie schauen und hören; an sie, wie an die Genossen einer reinen Jugend, knüpft sich alles, was ich später Edles, Treffliches erfahren. Ich kann dies um so mehr sagen, da ich die Welt und ihre Freuden in der Nähe betrachtet habe. Der gütige Himmel hat mir kein hartes Loos beschieden, ich war glücklich, was die Welt glücklich nennt; allein wie trübe, wie gestaltlos, wie ewig wechselnd und nie befriedigend sind alle jene Geschicke, die jezt hinter mir liegen, wenn ich an den Frieden denke, den hier meine Seele genoß. Ist dies nun Schwärmerei, ist dies Sinnenbetrug, so will ich gern gestehen, daß ich in dieser Schwäche befangen bin.« –

»Liebe Elisabeth!« rief die Aebtissin, »wer wollte Dir wohl diesen Vorwurf machen! Gewiß trotz dem, daß man Dich mir genommen, zähle ich Dich zu den Meinigen, und wie Du mir jezt erscheinst, ist es, als wärest Du nie von meiner Seite gegangen. Du treue, redliche, edle Seele! wir bringen, als die lezten Nonnen, die Schlüssel unseres Klosters unserer hohen Beschützerin dort oben.«

In den Augen der Landräthin blinkten Thränen; sie hatte die Hand der Freundin gefaßt und drückte sie an ihren Busen. »Verzeihung!« rief sie zur Fürstin und Eduard, »Verzeihung, wenn ich mich meinem Gefühl rücksichtlos überlasse; allein der Momente, die ich noch unter Euch weilen darf, sind vielleicht nur noch sehr wenige, so laßt mich denn einer Begebenheit erwähnen, die mir hier in diesen Klostermauern nahe trat und die mir jezt wieder lebendig vorschwebt. Es war die Nacht vor dem Feste unsrer Heiligen, mein Austritt aus dem Kloster war bestimmt; vielleicht hatten die schmerzlichen Gefühle, die mich bestürmten, den größten Theil an einer Krankheit, welche mich befiel und auf's Lager warf; ich kämpfte mit heftigen Fieberphantasieen und fühlte mich besonders über den Umstand trostlos, daß es mir unmöglich gemacht wurde, dem Feste beizuwohnen. Das Fieber erreichte eine gefährliche Höhe, eine Erkältung trat hinzu und es zeigte sich, daß mein Tod so gut als gewiß sey. In jener Nacht nun war es mir, als erwachte ich – (ich will es jezt noch nicht für einen Traum ausgeben) und sah die heilige Cäcilie selbst vor meinem Lager stehen. Glanz umfloß sie, doch ein trüber Ernst schwebte auf ihren engelgleichen Zügen; in der Rechten hielt sie einen Kranz von weißen Rosen, den sie auf mein Haupt, als Todtenkrone, niedersinken ließ. In Andacht beugte ich mich und faltete meine Hände; als ich aufblickte, stand die Heilige noch vor mir, doch ihr Auge blickte um vieles milder – ich erschrack, seitwärts, am Altar meiner Zelle, sah ich in weitfließenden Gewändern, Dich, meine Hanna, in leidenschaftlicher Heftigkeit hingeworfen. Du rangst die Hände, ich sah deine erhobnen Blicke von Thränen überfließen. Jezt erhobst Du dich langsam. Du tratst zu mir. Du rührtest die Rosen auf meinem Haupte an und siehe die bleichen Knospen rötheten sich, bis sie endlich in schöner Glut leuchteten – der Todtenkranz hatte sich in einen bräutlichen verwandelt. Die Heilige lächelte verzeihend und ihre Hand schwebte segnend über uns beiden. Als ich am Morgen aus einem erquickenden Schlummer erwachte, fühlte ich die Kraft der Krankheit gebrochen; ich genas und jener bräutliche Kranz zierte ein Jahr darauf meine Locken. O meine Hanna, wenn der Engel jezt naht, wirst Du auch dann ihn von mir fern halten können?« –

Die Aebtissin neigte sich zu ihrer heftig bewegten Freundin; sie bat sie, ruhig zu seyn, ihrer schwächlichen Gesundheit zu schonen. In dem Moment trat auch der Arzt in's Zimmer und mahnte an den täglich festgesezten Spaziergang. Die Landräthin erhob sich, die Aebtissin unterstüzte sie und bald darauf sah Eduard durch's Fenster beide im Klostergarten den Baumgang hinunterwandeln, langsam, eine sich an die andre stützend; ihm fielen Uhland's tief ergreifende Worte ein:

Im stillen Klostergarten
Eine bleiche Jungfrau ging;
Der Mond beschien sie trübe,
An ihrer Wimper hing
Die Thräne zarter Liebe.

O wohl mir, daß gestorben
Der treue Buhle mein,
Ich darf ihn wieder lieben,
Er wird ein Engel seyn,
Und Engel darf ich lieben.

Er rezitirte die Verse der Fürstin und diese, welche sie schon kannte, rief lebhaft aus: »Wie passen doch die schönen Strophen auf beide ehrwürdige Damen, die uns eben so liebenswürdig und offen ihre Ansichten und Erfahrungen mitgetheilt haben und die Schwärmerinnen sind, obgleich sie es nicht eingestehen wollen. Da wandeln sie hin, die Treuliebenden; die Fülle und Seligkeit ihrer Herzen, wer verstand sie, wer wußte ihre Gefühle zu erwidern? Wohl dürfen sie jezt ohne Schuld an den Geliebten ihrer Jugend denken; er wird, von irdischen Mängeln gereinigt, jezt auch klar und gerechtfertigt dastehen.«

Die Nonne Cordula, die jezt eintrat, unterbrach das Gespräch; sie brachte Briefe mit und meldete zugleich, daß die Hofdame der Prinzessin angelangt sey und ein Zimmer im Kloster erhalten habe. Eduard beurlaubte sich; als er zu Hause angelangt war, fühlte er eine heilige Stille des Gemüths in sich verbreitet, die er dem Gespräch jener frommen, in sich beruhigten Charaktere zuschrieb. Das Kloster erschien ihm jezt doppelt ehrwürdig und seine dunkeln Mauern, wie sie in der Abendbeleuchtung zu ihm herübersahen, mahnten ihn an die einfachen, aber rührenden Legenden, welche die katholische Kirche aufbewahrt und die gebrochene Herzen, stille erhabene Frauentugend zum Gegenstand haben.

Es war ihm in dieser Stimmung gerade recht, den Prediger aus dem Gebirge, den blassen Bernhard, einige Schritte vom Hause gehen zu sehen; er eilte hinab und schloß sich dem Manne an, den er, nach manchem vergeblichen Versuch, zu nicht uninteressanten Mitteilungen brachte. Sie gingen tiefer in's Wäldchen hinein, und als die Abendkühle, der Duft des frischen Bodens, der bunte Glanz der Kräuter und Blumen ihre freundlichen Eindrücke verbreiteten, wurde auch sichtlich das Gemüth des Verschlossenen milder und mittheilsamer. Er sprach jezt von seinem Mißgeschick, das er erfahren, doch mit einer Weise, wie Andre von glücklichen, schönen Erinnerungen sprechen.

»Diejenigen,« rief er, »die das Unrecht ausüben, sind wahrhaft zu beklagen, doch die, welche es leiden, gewiß nicht, denn sie genießen des Trostes, den ein unverdientes Leiden begleitet. Ueberhaupt kann eine Religion, deren Hauptverdienst im Leiden besteht, durch Verfolgung, Marter und Bedrückung nie zerstört werden, denn das hilft sie gerade begünstigen; viel eher findet sie ihren Untergang, indem man sie mit Macht, Glanz und Ansehen überschüttet. So war auch ich reich, angesehen, mit Freunden umgeben; aber dieser Reichthum war eine Armuth und ich wurde erst reich, als ich meinen Reichthum verlor. Ich war Priester und diente dem Herrn, allein mein Herr war die Welt und mein Dienst, ein eitler Weltdienst; erst als ich den heiligen Talar abgestreift hatte, als ich elend, ein Knecht unter Knechten wandelte, da erschien mir der Herr und ich durfte ihm dienen. So war ich denn neun und vierzig Jahre ein Christ gewesen und in der lezten Minute des fünfzigsten Jahres, erfuhr ich erst, was es heiße, empfing ich mit einemmal den ganzen Schatz dieses Glaubens.«

Eduard sah dem blassen Mann theilnehmend in's Antlitz; er sah, daß seine Augen sich mit Thränen gefüllt hatten.

»Verzeihen Sie, fremder Herr!« rief er, »ich zeige Ihnen da die Merkmale, daß ich heute das Gedächtniß eines frohen Tages feiere. Es sind grade heute zehn Jahre, daß mich mein Weib verließ; sie entfloh mit einem meiner liebsten Freunde. In jener bittern Stunde füllten mich todesbange Ahnungen; ich lag im Gebet Nachts vor dem Altar unsrer Kirche, und als ich eben in den empfindlichsten Süßigkeiten meiner Seele opferte und meinen getödteten Heiland mit den schärfsten Blicken des Glaubens betrachtete, da erscholl das furchtbare Gerücht in mein Ohr und warf mich ohnmächtig hin auf den Steinboden der Kirche. Ich habe sie nicht verfolgt, gedankt habe ich ihnen, in meiner Seele, denn sie haben mir unendliches Gute gethan; ich bin durch diese Schmerzen, die ich durch sie empfand, meinem Gott näher gekommen und habe ein noch dürftigeres Gewand angelegt.«

Auf Eduards Fragen erzählte er noch Manches aus seinem Leben, doch es erforderte nähere Bekanntschaft, um seine seltsame Auffassungsweise und die oft dunkeln Bilder und Gleichnisse, die er brauchte, zu verstehen. Unser Freund entschloß sich, ihn öfter aufzusuchen und nahm herzlich und mit Theilnahme Abschied. Bernhard sezte seinen einsamen Weg fort und man sah die graue, magre, hinwandelnde Gestalt noch lange, bis sie sich endlich hinter den Baumstämmen verlor.

Eine Woche war vergangen beim Aufenthalt im Gebirge, als Eduard eines Tages durch einen lebhaften Lärm im Gasthofe aus seinen Zimmern gelockt wurde. Auf der Stiege fand er den Amtmann und den Wirth in Streit.

»Nicht wahr,« rief der Leztere höhnisch, »auch das ist Humanität und Weltkenntniß, auch bei diesem Ereigniß läßt sich, nach Eurer Weise, ausnehmend viel lernen?« –

»Ihr seyd ein durchaus beschränkter Kopf, Gevatter!« rief der Amtmann achselzuckend; »an Euch sind nun einmal Moral und Philosophie verloren. Die beiden Herren oben haben nun freilich ihr Bad weg, aber ist es nicht denkbar, daß sie sich's verdientermaßen selbst zugezogen haben? – Vielleicht durch Spott, durch unüberlegte Scherze?« –

»Keineswegs,« entgegnete der Wirth verdrüßlich, »ich habe mir den Verlauf dieses Begebnisses auf das Genaueste erzählen lassen. Die beiden Herren, die jezt oben auf ihrem Zimmer in den lezten Zügen liegen und von denen der eine, der dicke, in ein so fürchterliches Niesen und Pruhsten verfallen ist, daß wenig Hoffnung zu seinem Weiterleben vorhanden ist, diese beiden Herrn sind mir so anständige Reisende, wie es nur welche gibt; sie sind reich, fahren zu ihrem Vergnügen herum, und wie ich aus sichern Quellen weiß, hat unsre schöne Gebirgsnatur sie hergezogen. Der Tag war warm, sie wandeln langsam ihren Weg dahin, indeß der Wagen nachkommt; die Kühlung, das Erfrischende des Flusses, reizt sie zum Bad und sie folgen dieser Reizung. Kaum sind sie nun im Wasser, so springt der dicke Schuster, oder wie er jezt heißt, Bruder Gabriel, über sie her und stößt sie mit dem Haupt unter's Wasser; vergeblich schrien jene nach Hülfe, ihre Demonstrationen ersticken im Andrang der Fluth, die zu Mund und Ohr einströmt. Während nun die Armen zum Grund niederfahren, brüllt der wahnsinnige Jonas am Ufer seine Psalmen ab. Zum Glück ging ich und Freund Roland, der kleine Schneider, der die reiche Erbschaft gethan, grade im Wäldchen spazieren, als der Lärm, das Gesinge und das Fluchen in unser Ohr tönt; wir schnell eilen hinzu, und finden die jammervolle Bescheerung. Indeß war der Wagen angelangt; der eine der Reisenden, ein kleiner Mann, war dem plumpen Gabriel geschickt und glücklich durch die Beine geschlüpft, und stieg daher jezt vollkommen munter an's Land, der andere jedoch mußte im Wagen langsam hergefahren werden. Jezt erst fängt er wieder an zu sich zu kommen, wenigstens hat er eine doppelte Portion Thee bestellt.«

Der Amtmann lachte aus vollem Halse.

»Und womit entschuldigte sich der Täufer?« fragte Eduard.

»Mit seiner Eselsdummheit!« erwiderte der Wirth grimmig; »die dicke Wassertonne hat gemeint, es seyen die zwei Taufkandidaten, die sich Tags vorher aus dem Thale hatten melden lassen.«

Indem erscholl die Klingel aus den obern Zimmern; das Fenster wurde aufgemacht und man hörte einige rollende Passagen auf dem Pianoforte, dazwischen Gelächter und Fluchen. Eduard ließ sich's nicht nehmen, dem Wirth nachzugehen; er blieb auf dem Gange stehen, der zu den Gemächern der Fremden führte.

»Donner und Wetter!« schrie eine bekannte Stimme dem eintretenden Wirth entgegen, »wo bleiben Sie, Liebwerthester? und wo der Thee? Soll denn durchaus das Bischen Körper, das Ihre Karaiben uns noch gelassen haben, noch vor Durst verschmachten?« –

Eduard riß die Thür auf, und – Massiello flog in seine Arme.

»Himmel!«, rief der Musiker, »Herzensfreund! Edelster der Sterblichen! Sie hier?! Hier in diesem Thal, bei armen Hirten, wo mit jedem jungen Jahr Fremde gemordet werden? – Seyn Sie mir tausendmal gegrüßt!« –

Eduard erwiderte seine Umarmung, bei der Gelegenheit ließ sich ein dumpfes Stöhnen aus der Tiefe des Zimmers hören. Auf einem hochaufgethürmten Bette lag der Abt und winkte, indem er leise und unverständliche Laute ausstieß.

»Ach Gott!« rief Massiello, »der Verehrte murmelt uns Grüße zu. Kommen Sie, Geliebter! sehen Sie, wie man dieses Wesen behandelt hat, – es ist fürchterlich! – Heiter und gesellig brachte ich ihn in dieses verdammte Thal, und nun liegt er mir da, wie der fünfte Akt eines Trauerspiels, matt, ohne Handlung, dennoch aber höchst rührend.«

Eduard half dem Freund sich aufrichten, der Wirth brachte den Tisch mit dem Theezeug; und als nun die Abendsonne in die blinkenden, zierlichen Flaschen schimmerte, dazu der Duft aus der dampfenden Kanne an die Decke wirbelte, vermischt mit dem würzigen Geruch einiger vollen Orangen, die auf einem Kristallteller aufgehäuft standen, erwachten die Lebensgeister des Erkrankten, seine Augen gewannen wieder Feuer, und er schloß Eduarden gerührt in die Arme; indeß Massiello, mit seiner gewohnten Lebendigkeit, um den Tisch kreiste, unaufhörlich beschäftigt, bald dieses, bald jenes zu ordnen und herbeizuschaffen. Die Fensterflügel wurden aufgestoßen und dem Blicke die köstliche Aussicht in's Gebirge und dessen langsam niederlaufende, schön bewachsene Abhänge freigelassen.

»Zuerst, Freunde!« begann der Musiker, »ehe noch ein Wort von alten Geschichten fällt, zuerst diese volle Opferschaale dem Gotte der Schönheit und des Genusses, der uns wieder zusammengeführt hat!«

Er goß die duftende Schaale Thee in den Kranz der blühenden Gebüsche unter dem Fenster, indem er sein Taschentuch hervorzog und damit der Abendsonne zuwinkte; dann sezte er sich an den Tisch und vertheilte die Schaalen. Eduard wurde aufgefordert zu erzählen, und der Abt hörte, mit einem matten, beifälligen Lächeln, Einiges von den Schicksalen des Freundes an.

»Wir,« rief Massiello, »sind herumgezogen, um Lebensgenuß bettelnd, an Palast und Hüttenthüren, überall, wo wir reiche Herzen und freigebige Augen fanden. Jezt führen wir eine schöne Gräfin mit uns, eine ungarische Magnatentochter, deren Ahnherrn sind bei Sigeth gefallen, und sie spielt jezt die schwierigsten Fugen, von Sebastian Bach, vom Blatte weg; sie ist reich, angesehen, eine Weltdame. Mit einer alternden Ehrenfrau an der Seite, durchirrt sie vornehmlich Gebirgsgegenden, die sie liebt, und wo ihr musikalisches Ohr die schönsten Melodieen aus den einfachen, frischen Naturliedchen, wie sie jeder Bube an der Landstraße singt, heraushorcht. Obgleich eine Wienerin, weiß sie doch alles Schöne zu schätzen, wenn es auch nicht gerade in Oestreich das Licht der Welt erblickt hat. Sie duldet uns gerne in ihrer Nähe und so haben wir schon im andern Flügel dieses zierlichen Hauses, einen kleinen Salon für sie besprochen und gemiethet.«

Eduard erzählte vom Fürsten, der Prinzessin und den Damen im Kloster.

»So ist's doch wahr?« seufzte der Abt, »so müssen wir denn Serenissimus in diesem Zustande wiederfinden? Den eleganten Weltmann, den verführerischen Don Juan, hier in der kleinen Sittsamkeit? Beherrscht von einer verunglückten Rednerin, zweien Betschwestern und einem Barbier? – O Tyrannei! Glauben Sie, daß er uns vorlassen wird?« –

»Es käme auf einen Versuch an,« erwiderte Eduard, »vor allen Dingen müßte jedoch vorsichtig zu Werke gegangen werden.« –

»Ach!« rief der Abt, »gehören wir denn nicht schon zur Sekte? Ist an uns nicht der wahrhaft erschütternde Aktus der Taufe durchgeführt worden? Wahrlich, nie in meinem Leben vergesse ich dieses Bad! – Ich habe irgendwo einen alten Roman gefunden, der lediglich nur aus der Absicht geschrieben worden war, um das Baden mehr zu begünstigen. Vielleicht war der Verfasser ein Holländer und schrieb daher über seinen Gegenstand mit Herzenslust, oder er lebte in einer in dieser Beziehung sehr antiholländischen Stadt; kurz in diesem Roman badete alles: der Held, die Heldin, die Haupt- und Nebenpersonen, alle gingen eine große Wäsche durch; zwischendurch wurde viel und verworren über die Trefflichkeit der Bäder in alter und neuer Zeit gesprochen, über die Weise, wie sie zweckmäßig einzurichten seyen, und was der guten Rathschläge mehr waren; auch kleine Anekdoten wurden erzählt, und oft welche, die der Reinigung eben so wohl und noch mehr vielleicht, als ihre Erzähler, bedurften. Das schadete jedoch alles nichts; das Baden ging frisch immerdar vorwärts, und die gewöhnlichen Ingredienzien eines Romans, Liebe, Schwärmerei, überirdische Entsagung, kräftiges und verruchtes Wüthen, endliche Heirath des Helden mit der Heldin, alle diese Dinge wurden nebenher glücklich abgemacht, und so drängte sich der ganze Zug des Personals zwischen den ungeheuren Badewannen, die gleichsam über jedem Kapitel standen, hindurch bis an's Ende, wo eine gemeinschaftliche Wanne sie aufnahm, und zum Labsal des Lesers ertränkte; wenigstens war dies der symbolische Schluß, den ich mir selbst hinzudachte, als ich aus dem Bade dieser Romantik endlich herausstieg. Hätte mein Verfasser von unserm unglücklichen Bad heute etwas erfahren, gewiß wäre seinem Roman ein recht ergötzliches Kapitel zugeschossen, zumal da er eine moralisch symbolische Nutzanwendung daraus bequem hätte folgern können, um über die alten religiösen Gebräuche des Bades bei der Taufe, und über andre Curiositäten mehr, sich weitläufig zu verbreiten.« –

»Ich begreife noch nicht,« rief Massiello, »wie das Ungethüm auf den Einfall kam, uns zu den Seinigen zu zählen! es muß eine reine teuflische Verblendung ihn beherrscht haben.« –

»Ich begreife vollkommen!« entgegnete der Abt mit Lächeln; »die Sekte fängt allgemach an einzuschmelzen, die Propheten und Wundermänner werden immer dünner gesäet und je mehr die Schaale der Vernunft jenseits des Bergrückens steigt, desto tiefer fällt hier die Schaale des Aberwitzes, und da muß man freilich wohl am Ende zu so verzweifelten Mitteln schreiten. Und wirklich hat auch dieser Uebelstand sein Gutes. So manchem schwachen Charakter, der bis auf diese Minute zweifelhaft war, zu welcher Kirche er eigentlich gehöre, ist es grade gelegen, daß beim Spaziergang, gleichsam hinterrücks, ihm eine Religion über den Hals geworfen wird, die, wenn er sie näher besieht, am Ende grade die ist, die er suchte und wünschte.« –

»Ihr seyd die alten Spötter!« rief Eduard; »thut dieses Wesen von Euch, so lange Ihr hier weilt: denn es hat sich eine äußerst achtbare Gesellschaft in der Nähe zusammengethan, wo nun dergleichen durchaus nicht geht.«

Der Abt und Massiello theilten jezt ihren Entschluß mit, den Fürsten bekehren zu wollen.

»Ich werde ihm ein Miserere von Traetta vorspielen,« rief der Leztere; »wenn er auf solche Gründe nicht eingeht, so muß man freilich zum Aeußersten greifen, und ihm das Haus über'm Kopf anzünden.« –

»Könnte man nicht,« bemerkte der Abt, »die heiligen Frauen in Bewegung setzen! Bedenkt Freunde, wie ganz anders wir auftreten können, wenn jeder von uns eine Nonne im Hintergrund hat; ich würde mir die Aebtissin ausgebeten haben, die noch dazu zu der durchlauchtigen Sippschaft gehört.« –

»Nein!« rief Massiello, »ich für mein Theil ließe bei dieser Angelegenheit alle Verwandte und Spillmagen aus dem Spiel, sie thun in der Regel wenig Gutes.«

»Auch scheint die ehrwürdige Frau,« bemerkte Eduard, »ihn entweder aufgegeben zu haben, oder sie übt zu wenig Gewalt über die unwürdige Umgebung aus, unter deren Vormundschaft er sich selbst gestellt.«

Massiello war an's Fenster getreten. »Lassen wir das jezt!« rief er; »der Abend ist köstlich, wir wollen am sanften Abhang dahin schlendern, vielleicht begegnen wir dem Wagen, der unsere Gräfin in's Gebirge bringt.«

Sie traten hinaus; als sie ein paar Schritte gegangen waren, sahen sie einen wunderlichen Zug auf sich zukommen. Eduard erkannte den kleinen Schneider Roland, der von seinem dickleibigen Freunde, dem Amtmann, begleitet wurde; hinter ihnen zeigte sich der Täufer Gabriel, an seiner Seite eine Frau, die auf das Lebhafteste mit den Armen in die Luft focht, indem sie den Andern Rathschläge und Befehle ertheilte; der Gastwirth bezeichnete sie als die Prophetin, welche ihm die Mägde aufrührerisch gestimmt hatte.

»Meine Herren!« rief Massiello ihnen entgegen, »Sie kommen wahrscheinlich, uns wegen der übereilten Taufe um Entschuldigung zu bitten?» –

»So ist's!« entgegnete der Schneider; »unser trefflicher Bruder Gabriel gesteht, daß er aus zu großem Eifer diesmal das Kind mit dem Bade verschüttet habe, oder daß vielmehr gar kein Kind da gewesen sey, welches er pflichtmäßig hätte verschütten dürfen.«

»Was schwäzt Ihr da von Kind und Bad,« rief Gabriel dazwischentretend; »ich sah wohl, daß ich es mit keinem Kinde zu thun hatte, allein in der Tracht, die die Herren im Wasser hatten und die sie gemeinschaftlich mit andern Adamskinder haben, konnte ich nicht wissen, wen ich vor mir hatte.« –

»Das sage ich ja eben,« schrie Roland heftig, »das Kleid macht den Mann! Ein Blick auf diesen Anzug hat mir schon vor einigen Tagen, da ich das Glück hatte –«

Der Gastwirth unterbrach jezt alle weitern Erörterungen, indem er erklärte, daß die fremden Herren vollkommen zum Frieden geneigt seyen.

»Wenn das ist,« rief die Prophetin hervortretend, »so bitte ich mir den Versöhnungskuß aus!«

Der Abt erschrack heftig; man unterhandelte lange über den Kuß, bis er endlich zu einem Händedruck herabgemildert wurde, der von der Prophetin auf's Feierlichste genommen und erwidert wurde; dann schied die Gesellschaft in Frieden.

Nach einigen Tagen trafen der Prediger Bernhard und Eduard wieder zusammen. Der Leztere suchte seinen neuerworbenen Freund auf solche Gegenstände zu lenken, bei deren Beurtheilung der Geist thätig war und das Gemüth mehr oder weniger schwieg; er sprach vom Sektengeist.

»Wie vielen Neuerungen,« sagte er, »gab nicht zum Beispiel der ausgesprochene Wunsch das Daseyn, die Kirche in ihrer ursprünglichen Reinheit, wie sie zur Zeit der Apostel war, wieder herzustellen? Und kann diesem Wunsche wirklich Genüge geleistet werden, ist's möglich, daß der Gedanke in's Leben tritt?« –

Bernhard erwiderte: »Wie viel wissen wir denn überhaupt von jener wunderbaren Zeit? die Seele, von Begeisterung und Liebe getragen, darf wohl in jene frühe klare Paradiesesfrische tauchen; dem schauenden Auge, das nach Innen blickt, schweben jene süßen Wunder lebend vor – aber dem forschenden Verstande bleibt das Wesentliche verschlossen und verdeckt.«

Eduard: »Und kann wohl jener anfängliche, gestaltlose Zustand der christlichen Lehre uns zum Muster dienen?« –

»Als Lehre wohl,« entgegnete Bernhard, »als Institut wohl schwerlich und hierin liegt allerdings mit ein Grund zu unzähligen Spaltungen und Streitigkeiten. Die Kirche, wie sie sich zur Zeit der Apostel zeigte, wenn wir sie überhaupt schon Kirche nennen dürfen, stand in offenbarer Opposition gegen den Staat; einige der allernächsten Anhänger Christi waren selbst nicht gewiß, wie das Unternehmen ausgehen werde, und manche waren noch im Stillen der Meinung, es werde sich ein irdisches Reich, eine weltliche Herrschaft begründen. Diese Zweifel treten nun nach dem Tode des Erlösers und der Apostel auf das Lebendigste hervor, und die Geschichte lehrt, welches Blutvergießen es kostete, ehe sich, was früher nur Eigenthum eines gläubigen Gemüths war, nun auch in's öffentliche Leben als etwas Bestehendes hinstellte und Form gewann. Erst jezt dürfen wir von einer christlichen Kirche sprechen. So wie nun aber die Form sich ausbildete, sank in eben dem Verhältnisse der Geist. Von einer streng verpönten Geheimlehre, deren Verbreiter selber arme Vertriebene waren, von einer vom Staate verfolgten Feindin wurde sie dessen Beschützerin, und ihre Diener gewannen die Oberhand. Bald gedieh das Uebel zur Reife und die Kirche, als Alleinherrscherin, trat feindlich auf gegen die reine ursprüngliche Lehre, aus der sie selbst hervorgegangen war; doch in dem fürchterlichen Kampfe, der jezt begann, siegte die leztere; zahllose Irrthümer und Mißbräuche wurden abgeschafft, die Kirche als Institut in ihre Schranken zurückgewiesen. Um nun der Wiederkehr der glücklich besiegten Uebelstände zu wehren, mußte vor allen Dingen jener müßigen Ruhe, die die Kräfte allmählig in Schlaf senkt, vorgebeugt werden, und von diesem Gesichtspunkt gesehen erscheinen nun die Sekten für das Wohl der Lehre ersprießlich; sie sind es, die den Boden der Kirche reinigen und immer von Neuem die Opposition wach erhalten.«

Eduard hörte mit Interesse diesen Aeußerungen zu; er veranlaßte jezt ein Gespräch, welches tiefer eingehend sich mit dem eigentlichen Wesen verschiedener Sekten, mit den Absichten und Ideen ihrer Stifter beschäftigte. Bernhard zeigte überall, wo er auf dem historischen Wege bleiben durfte Klarheit und Uebersicht; so wie er aber die Erscheinungen des Gemüths berührte, trat jene traumhafte Undeutlichkeit, jene tiefe, mit Gewalt zurückgedrängte Leidenschaftlichkeit, die ihn völlig aus sich selbst und dem Bestehenden heraussezte, wieder hervor und zeigte nur zu deutlich den Schwärmer.

Als Eduard sich bei der Aebtissin anmelden ließ, fand er diese mit der Nonne Cordula im Gespräch; die Leztere schien sehr bewegt. Als sich unser Freund zurückziehen wollte, winkte ihm die Aebtissin, zu bleiben.

»Geht, liebe Schwester!« sagte sie zur Nonne, »Ihr nehmt die Sache zu ernst; laßt ihn kommen, sprecht ihn wo und wie Ihr wollt; Ihr habt meine Vergünstigung. Wie Ihr wißt, habe ich mir das Recht ertheilen lassen, einige kleine zeitgemäße Freiheiten einzuführen, und diese sehe ich als eine solche an.« –

»Verehrte Mutter!« rief Cordula mit einem Handkuß, »solltet Ihr diese Angelegenheit nicht zu leicht nehmen? Das Einzige, was mir mein Gewissen erlaubt, ist, daß ich ihn hinter'm Gitter spreche; denn bedenket. Hochwürdige, er ist – ja, wie soll ich sagen, er war mir doch kein gleichgültiges Wesen.« –

»Das ist freilich sehr übel, und Ihr thut mir da ein Bekenntniß, Schwester, worüber Ihr im Beichtstuhl genaue Rechenschaft geben sollt!« rief die ehrwürdige Dame mit schalkhaftem Ernst – »Jezt geht und prüft Euch darüber, liebe Schwester, meine Meinung ist Euch bekannt.«

Die Nonne ging und Eduard sah ihr mit einem verwunderten Blick nach.

»Wer sollte glauben,« bemerkte die Aebtin lächelnd, »daß meine gute alte Tochter noch mit Liebessorgen sich plagen würde; wahrlich, der Fall ist seit fünfundzwanzig Jahren in meiner geistlichen Disciplin hier noch nicht vorgekommen.« –

»Wie?« rief Eduard, »eine Liebesgeschichte und die Nonne Cordula?« –

»So ist's! Es hat sich ein früherer Verehrer meines frommen Kindes gefunden, eine lebende Erinnerung aus der Jugend; er will sie sprechen, und die Gute, die sonst, was jene kleinen Aeußerlichkeiten betrifft, die unserm Institut ankleben, eben nicht zu den Strengen gehört, findet jezt allerlei Bedenklichkeiten.« –

»Wer ist denn dieser Geliebte?« fragte Eduard.

»Ich kenne ihn nicht,« erwiderte die Aebtin, »und will auch nicht in das Geheimniß eindringen.«

Sie sah lächelnd vor sich hin; dann ging der Blick ihres schönen Auges in Ernst über, und sie hub an von der Landräthin zu sprechen.

»Mir sagt ein dunkles Gefühl,« sagte sie, »daß wir unsere Freundin nicht lange mehr haben, vielleicht wenige Tage nur noch. Ich habe im Geheim Boten ausgesendet zu ihren Brüdern, so wie an ihre Tochter. Sie, mein verehrter Freund, stehen in besonderer Gunst bei meiner Jugendgespielin; sie verlangt nach Ihrer Gesellschaft und ich habe gestern nach Ihnen senden müssen; allein es hieß, Sie wären mit ein paar Freunden ins Gebirge gegangen. Ist es Ihnen gelegen, so gehen wir jezt zu ihr hinüber.«

Eduard beurlaubte sich, und als er vorauseilend den Corridor durchschritt, kam ihm Cordula aus ihrer Zelle entgegen. Ihr Wesen hatte etwas Festliches, Befangenes angenommen; die eingesunkene Gestalt überwallte fast der reine weiße Schleier; am Busen schwankte ein weißes Röschen; in der Rechten ruhte das Medikamentfläschchen nebst ein paar Stücken Zucker, in der Linken weiße Handschuhe.

»Haben Sie schon vernommen?« rief sie Eduarden entgegen, »ich bin in eine nicht geringe Verlegenheit versezt; einer meiner Verehrer hat sich eingefunden und fordert mich auf, ihm eine Zusammenkunft zu schenken. Ich habe die Sache reiflich überlegt, und bin jezt auf dem Wege, mich ihm zu zeigen. Ach, was wird das für ein Wiedersehen seyn! Wird er mich kennen? und wenn er mich nicht erkennt, wie kränkend für mich! Welche Sprache soll ich führen? darf ich scherzend auftreten? und wenn ich das Gespräch ernst halte, wozu kann das führen? Am schicklichsten ist der Austausch einiger leichten Jugenderinnerungen; doch wie schwierig ist in solchen Fällen die Gränze zu beobachten, daß man nicht, die Saite des Scherzes anschlagend, die des Gefühls mit trifft. Wie eine geschickte Lautenspielerin muß man rasch von einem Ton auf den andern übergehen, und bei keinem verweilen; allein dazu gehört gleichwohl Uebung, und, du lieber Gott, wie sehr bin ich aus dem heraus, was man guten Weltton nennt. Hier in der Stille, in der Abgeschiedenheit habe ich mich mit würdigern Dingen beschäftigt, meine kleinen Talente, hatte ich überhaupt welche, sind eingeschlummert, oder sind wenigstens so schwach, daß sie mich in derlei Fällen nicht unterstützen können, und für eine durchaus fromme Unterhaltung wird, fürchte ich, mein Verehrer keinen Sinn haben. Ach, wäre er doch lieber gar nicht erschienen! wozu eine solche Scene! Ich fühle eine meinen Jahren ganz widersprechende und thörichte Unruhe. Ha! da kömmt die Aebtissin! Ich fürchte mich ordentlich, wie eine Leichtfertige, vor ihrem ehrwürdigen Antlitz – so will ich denn eilen, mein Abentheuer zu bestehen.«

Sie zog sich in ihre Zelle zurück; man hörte sie unruhig darin auf und abgehen, dann husten und endlich scharrten ihre Pantoffel den Gang hinab zum Sprechsaal.

Im Gasthof war indeß die Gräfin angelangt. Als Eduard von seinem Besuch aus dem Kloster zurückkehrte, fand er sie mit Massiello und der alten Marquise, ihrer Gesellschafterin, in der Laube sitzen. Die Gestalt der Dame war edel, ihre schönen Züge, besonders die lebhaften Augen, sprachen Geist und Anmuth aus. Sie führte eben die Unterhaltung mit Sicherheit und Leichtigkeit, und zog Eduarden, der ihr vorgestellt wurde, sogleich mit in's Gespräch.

»Wir reden eben,« sagte sie, »von der Mode, wie Sie merken, ein Kapitel von Wichtigkeit für unser einen, und ich suche Ihrem Freund zu beweisen, daß das Alte wiederkehrt, ja, daß die Wiederkehr für uns ein Glück ist. Ich wenigstens freue mich, wieder Puder zu sehen und jene Reifröcke rauschen zu hören, in denen sich unsere Großmütter mit so viel Würde bewegten. Jene gute alte Zeit mit ihrer Sicherheit, ihrem bestimmten Zweck, ihrem ausgebildeten Lebensgenuß! Ich hasse das Mittelalter mit seinen rohen Verzerrungen, mit seinen barbarischen Gestalten, die man mit Hülfe unserer besten Dichter mühsam zu nur einigermaßen umgänglichen Wesen herangebildet hat. Mir erscheint Alles in jener Zeit finster, roh, ungebildet, unklar, und die überschwängliche Schwärmerei für jene Tage wahrhaft lächerlich; ich bin auch überzeugt, daß bald der Spott sie vernichten wird. Unsere Bühne wird von diesen kleinen, tollen und abentheuerlichen Raufbolden gereinigt werden, die in furchtbaren sinnlosen Reden herumtosen, keine Schranken kennen, außer ihren albernen Tournirschranken, und mit der Kunst auf eine Weise verfahren, die freilich an die Zeiten des Faustrechts lebhaft erinnert. Eben so sind schon von unsern Straßen und Marktplätzen jene blondhaarigen Albrecht Dürer und Cranache verschwunden, die mit blassen, geistlosen Gesichtern in den Schatten der alten Münster dahinwandelten. In der Literatur fängt man Gottlob wieder an, den Racine zu übersetzen, man liest wieder den Molière und, was mich nun am meisten entzückt, der modische Anzug ähnelt wieder dem, der zur Zeit Ludwig XIV. gesehen wurde.«

»Wenn das ist,« rief die Marquise, »so kann ich mit einer höchst eleganten Robe dienen, die ich im Kleiderschranke meiner Mutter gefunden.« –

»Und die ich mir auf jeden Fall ausbitten werde,« bemerkte die Gräfin lächelnd; »es ist schade darum, daß in Lyon so kostbare Stoffe nicht mehr gewebt werden; bis dahin, wo man wieder anfängt, müssen freilich die alten trefflichen Ueberbleibsel aushelfen.« –

Massiello und Eduard stimmten in diese Betrachtungen mit ein; der Erste öffnete das Buch, welches vor der Gräfin lag, und fand, daß es Sophien's Reise von Memel nach Sachsen war.

»Dieser alte vergessene Roman,« rief die Gräfin, gehört jezt mit zu meiner Lieblingslektüre, ich finde ihn höchst anziehend. Das gute, liebevolle und einfache Mädchen, das unter interessanten Verhältnissen ihren ersten Ausflug in die Welt macht, ist so wahr, so anziehend, mit so viel Wärme und Zartheit geschildert, daß ich, die Länge der Schrift ausgenommen, wirklich diesen Roman vortrefflich finde. Freilich sind es meistens in Preußen lebende Familien, die darin auftreten, mit ihren Schicksalen treu nach dem Leben geschildert; keine verbannte Hochländer, oder tollkühne Piraten, die die Klippen der schottländischen Inseln beschiffen, keine Nornen und Zwerge. Eben so geht es mir mit dem Grandison, der Clarissa und hundert andern amüsanten Büchern aus jener Zeit. Von der Musik, meiner Lieblingsmuse will ich nicht sprechen, denn wir sind hoffentlich darüber einverstanden, daß die Stimme einer Mara, einer Todi, die Compositionen eines Haydn, Graun, Mozart mit den heutigen Stimmen und Compositionen nicht wohl zu vergleichen sind.«

Eduard hatte mit Interesse in das schöne belebte Gesicht gesehen, auf das Spiel der großen lebhaften Augen, die mit Freundlichkeit bald diesen, bald jenen der Zuhörer anblickten, als wollten sie für die schmeichelnden Worte des kleinen zarten Mundes noch mehr Aufmerksamkeit erbitten. Massiello hing mit sichtlichem Entzücken an der eleganten zarten Gestalt. Man brachte jezt die Chokolade, und die Marquise stand auf, um das Geräthe zu ordnen; die Laube war für den Tisch mit dem Service zu eng, und die kleine Gesellschaft mußte nahe zusammenrücken. Eduard kam dicht neben die Gräfin zu sitzen, so daß die Falten ihres weiten Morgenkleides an sein Knie streiften. Sie griff nach einer der auf den Tisch gesezten Schaalen und hob sie mit Triumph in die Höhe.

»Sehen Sie,« rief sie, auf die kleinen am Deckel angebrachten Figuren zeigend, »sehen Sie, meine porzellanenen Schäferinnen und lustigen kleinen Blümchen sind auch wieder da! Es ist das Allerneueste und Geschmackvollste.«

Der Wirth, als er sah, daß die Dame daran ein Vergnügen fand, brachte eine Menge Figürchen der Art herbei, und die Gräfin belustigte sich, das Heer der kleinen, mit rothen, blauen, grünen Röcken gezierten Schäfer, die im Reifrock prangenden, mit spitzigem Mäulchen lächelnden Schäferinnen, sammt dem Aufzuge von Möpsen, Vögeln und Pagoden in Reih und Glied aufzustellen. Eduard bemerkte die Abwesenheit des Abts; er benuzte den Augenblick, wo die Gräfin mit der Marquise sich besprach, um nach dem verloren gegangenen Freund zu forschen.

Massiello war aus der Laube hervorgetreten und sagte lächelnd: »Wo anders soll er seyn, als im Kloster bei den alten Weibern? Nicht genug, daß Sie, Verehrter, uns auf diese Weise entzogen werden, immer breiten diese Frommen ihre räuberischen Arme nach unserm Abbate aus.«

»Wie?« rief Eduard, »also er ist es, der eine frühere Bekannte dort aufsucht?« –

»Fragen Sie mich nicht,« entgegnete der Musiker, »ich weiß von dieser neuen thörichten Unternehmung nichts; so viel glaube ich vermuthen zu dürfen, daß er jezt schon wieder heimgekehrt seyn wird. Gehen Sie, forschen Sie im Gasthof nach, ich darf die Damen nicht verlassen.«

Eduard ging, Cordula's Worte kamen ihm wieder in den Sinn, und er mußte über ihre Bedenklichkeiten lächeln. In der Wirthsstube erfuhr er, daß der Abt, so eben angelangt, ein tüchtiges Frühstück sich bestellt habe, auch sey dem Diener anbefohlen worden, Niemanden vorzulassen, indem sich der Herr gleich nach dem genossenen Frühstück zur Ruhe legen wolle. Als Eduard trotz dieses Verbots die Thür öffnete, winkte ihm der Abt hinter den Flaschen einen freundlichen Gruß zu.

»Wie?« rief Eduard, »Sie essen, Sie wollen schlafen, und das Alles gleich nach einer erschütternden Zusammenkunft mit einer Geliebten? Ich begreife Sie nicht!«

Der Abt sah mit Ernst auf. »Keinen Scherz!« drohte er, »kann es einem Menschenkinde wohl gleichgültig seyn, wenn ihm unvermuthet auf seinem staubigen Wege die Geliebte seiner Jugend entgegentritt?«

Er reichte die Hand Eduarden hin und drückte dessen Rechte.

»Ach, Freund! ich hab' es fühlen müssen – ich bin alt geworden, es sind die Jahre gekommen, von denen ich sagen darf, sie gefallen mir nicht. Ach, das Alter ist eine wunderbare Krankheit! Alle sehen einem das Uebel an, nur der damit Behaftete merkt nichts davon. Da hab' ich nun gescherzt, gelacht, gemüthlich dahingelebt, und unterdeß schreibt die Zeit ihre furchtbaren Zahlen über meinem Haupte immer weiter. Ich muß an den alten Fleackwouth und sein seltsames Leichenbegräbniß denken. – Ja, Freund! es war wirklich grausig, als wir, gleich zwei alten Schauspielern, mit unsern Rollen in der Hand auftraten, jede Liebkosung zu einem höhnenden Vorwurf wurde, ehe wir's merkten. O Freund, Freund! wo ist mein Leben geblieben? wo ist's geblieben? wo? – Sie hat in Klostermauern es zusammengehalten, ich habe es in tausend lustigen Stunden verstreut in alle Welt – sie kann Rechnung ablegen; ich aber, du lieber Gott, ich habe nie an eine Rechnung gedacht.«

Er füllte sein Glas und leerte es in langsamen Zügen.

»Wo haben Sie sie kennen gelernt?« fragte Eduard.

»Es sind jezt fast vierzig Jahre, als ich, ein blutjunger Student, in der Gegend ihres älterlichen Hauses meine Sommerferien zubrachte. Ich könnte Ihnen noch den Abend bestimmen, wo ich, bepackt mit ein Duzend Todtenköpfen, hinauf in's Schloß stieg. Es war damals jene Zeit in Deutschland, wo Gall's Lehre und Lavater's Physiognomik die Köpfe erhizte. Ich weiß nicht, welche hochtrabende Namen ich meinen im nächsten Kirchhof ausgescharrten Schädeln beilegte; allein es schien mir, daß ich wohl nicht dem Bischen Witz in meinem lebenden, sondern lediglich dem gelehrten Staub in den todten Schädeln die gute Aufnahme verdankte, nebst der Erlaubniß, dem Fräulein Bärbchen Stunden geben zu dürfen. Wir wußten beide, daß wir zum geistlichen Stand bestimmt waren, und dieses Bewußtseyn warf über unsre aufkeimende Leidenschaft jenen larmoyanten Anstrich, den junge schwärmende Seelen so eifrig suchen. Sie war älter als ich, nie sonderlich schön, doch in ihrer Offenheit und ihrer graziösen Laune unendlich liebenswürdig. Später, als ich mich dazu entschied, die Stelle eines regulirten Chorherrn in einem der Reichsstifter zu suchen, eine Würde, die jedoch bald aufgehoben wurde, sah ich sie noch einmal, kurz vorher, ehe sie in's Kloster ging, wie ich vermuthe auf Veranlassung ihrer habsüchtigen Verwandten, die sich jezt im Besitz der ihr bestimmten Reichthümer befinden. Dies ist der ganze kleine Roman.«

Er griff mit diesen Worten nach einer neuen Schüssel. Eduard sprach von der Gräfin und der Abt kam mit der Wendung wieder auf seine frühere Liebschaft zurück.

»So bin ich,« rief er, »mit der fortwährenden Absicht, Alles zu vermeiden, was nur einer Passion gliche, dennoch in einen gleichsam rührenden Zustand gerathen; auf wenige Minuten habe ich meinen Gleichmuth, das Köstlichste im Leben, verloren, und ich könnte, wenn ich mich nicht schnell wieder sammelte, selbst zu der Gattung jener guten Leute herabsinken, auf deren Kosten ich mir manchesmal Späße erlaubt habe. So muß man sich in Acht nehmen, so lauert der Feind des Lebens stets hinter den Coulissen.«

Er speiste weiter, und als jezt Massiello erschien, wurde der Plan, den Fürsten zu besuchen und zu bekehren, wiederum eifrig besprochen; auch Eduarden wurde eine Rolle zugetheilt, doch dieser erklärte sogleich, daß es ihm durchaus unmöglich sey, dem Unglücklichen sich wieder vorzustellen.

Als Eduard in's Kloster berufen wurde, erfuhr er, daß die Landräthin, vom Arzt aufgegeben, mit dem Tode ringe. Ein heftiger Schmerz erschütterte ihn bei diesen Worten, und er trat bleich im Gesicht in den Vorsaal, wo er im Schimmer der Abenddämmerung einen Mann am Fenster lehnend fand, der, die Stirn an die Scheiben drückend, unbeweglich dastand. Es war Ottfried, der ihm jezt entgegentrat.

»Ein schönes Menschenherz geht unter,« rief er mit weichem Ton unserem Freunde zu, »und wie die Sonne dort, möchte es im Sinken Alles um sich vergolden! Treten Sie ein, Geliebter! meine gute Schwester wünscht Sie zu sehen, Ihnen den Engelsgruß zu geben, den jede schöne entfliehende Seele als das reichste, herrlichste Vermächtniß austheilt.«

Eduard trat leise in's Krankenzimmer; die bunten Scheiben des Fensters warfen eine Farbenglorie um's Haupt der bleichen, in ihrer Nonnentracht daliegenden Frau. In dunkelen schweren Gewändern, deren Falten rings auf den Boden niederflossen, vom Schleier fast ganz eingehüllt, lag die Aebtissin auf den Knieen; am Fuße des Bettes saß die Prinzessin. Eduard mußte unwillkührlich an ein treffliches Bild der alt-deutschen Schule denken, das den Tod Mariens, von ihren heiligen Freundinnen umgeben, darstellte. Als sein Eintritt in der tiefen Stelle bemerkbar wurde, erhoben sich die beiden Frauen und verließen das Zimmer, und die Sterbende wies ihm den leergewordenen Sitz zu ihrem Haupte an.

»Mein theurer Sohn!« sagte sie mit freundlicher, doch schwacher Stimme, »der Herr hat über mich bestimmt, ich gehe – wie ich's immer gethan bei meinem irdischen Wirken, richte auch jezt, da ich gehe, den Blick zurück auf mein Haus; Sie stehen so, gleich auf der Schwelle desselben, und habe ich das Geschick der Meinigen nach meiner Weise geordnet, so möchte ich auch das Ihrige klar vor mir sehen. Wie soll ich Sie mir im Verlauf weniger Jahre denken, in Bewegung oder in Ruhe? und welche ist ihrem Herzen die nothwendigste Ruhe? in welcher findet es die schönste Befriedigung? Lassen Sie mich glauben, daß dies in einer würdigen Neigung sey. Sie haben geliebt, Sie sind wieder geliebt, ein leeres Blendwerk, ein Räthsel, das, hätten Sie vorsichtiger forschen wollen, längst keins mehr gewesen wäre, hat Sie von der Geliebten weggescheucht – lassen Sie mich, wie ich überall gerne Irrthümer löse, auch diesen lösen. Magdalena ist die Tochter meiner Freundin, der Aebtissin. Sie hat mit schwesterlicher Liebe jenen unglücklichen Lothar mit seinem Geschick zu versöhnen gesucht; er hat in ihr neben der Schwester eine schöne geistige Geliebte verehrt, deren großes leidendes Herz er später dennoch durch so viel Kleinmüthigkeit und Irregehen gekränkt hat. Hier nun, mein Sohn, besitzen Sie das Vermächtniß einer Sterbenden; es kann Sie reich, es kann Sie glücklich machen. Sprechen Sie mit der Prinzessin, auch sie hat anfangs Magdalenen verkannt; jezt weiß sie um Ihrer beider Geschick, und ist, diese liebe Tochter, stets bereit, meine Wünsche zu erfüllen, wird hier besonders eilen, da sie glauben muß, das Glück ihrer Freundin zu begründen, wofür sie jezt das Fräulein ansieht. O, mein Freund! wenn man nur noch wenige Minuten, wie die lezten Sparpfennige, in der Hand hält, dann weiß man, was ein großer schöner Reichthum goldener Lebensstunden zu sagen hat, von denen, wenn wir mit dem rechten Wirthe zu Rathe gehen, uns keine entschlüpfen darf, ohne daß wir reichlich irdisch und himmlisch Gut dafür einkaufen.«

Sie drückte Eduards Hand, der, ohne ein Wort sprechen zu können, sich im überwältigenden Gefühl zu der Sterbenden neigte. Er hörte sie weinen, dann zwischendurch leise beten, beides erschütterte ihn heftig. Er glaubte ihre Hand in der seinigen langsam erkalten zu fühlen, er wollte nach Hülfe rufen, als die Thür sich öffnete, und die Aebtissin, auf die Prinzessin gestüzt, hereinwankte.

»O meine Hanna!« rief die Sterbende, »da kommst Du ja! da kommst Du ja mit Deinem weißen Rosenkränzlein!« –

»Ich komme!« entgegnete die Aebtissin, »ich komme, Elisabeth! Du sollst Deinen Kranz haben, und keine andre als ich, soll ihn Dir aufsetzen.«

Sie ließ sich vom Fenster die eben aufgeblühten Rosen geben, und auf die Kniee niedergesunken, bei Vergießung häufiger Thränen flocht sie sie eilig zusammen. Bei dieser Arbeit verlezte sie ein Dorn, und von ihrem Blut röthete sich eine der schönsten Rosen. –

»So bist Du, Hanna!« rief die Sterbende, indem sie dies bemerkte, »Dein Herzblut hast Du nie gespart für mich, – ich habe an Dir eine treue Schwester gefunden! komm und empfange meinen Kuß, für so viel Liebe und Trost!«

Die Prinzessin ging zwischen beiden auf und ab, sie fürchtete für beide und auch ihr selbst fehlte zum erstenmal, bei einem so rührenden Auftritt, die Klarheit ihres Blicks, die Ruhe ihrer Brust. – Der Baron, Ottfried und Julie traten, vom Arzt gefolgt, hinein; sie alle empfingen auch ein leztes Lebewohl. Als die Sterbende vollendet hatte, trug man die Aebtissin ohnmächtig aus dem Gemach. Auf dem Haupt der Leiche schimmerte der Kranz von weißen Rosen.

Die Prinzessin besorgte, da die Aebtin krank lag, die Feierlichkeiten des Begräbnisses. Eduard hatte seine mütterliche Freundin noch einmal besucht, bevor sie das unkenntlich machende Grab aufnahm. In der Klosterkirche lag sie ausgestellt; ein einsamer schöner Gesang klagte die Stunden der Nacht hindurch und geweihte Kerzen spielten im Hauch der kühlen Lüfte. In der Stille der Mitternacht, wo er sich der Leiche näherte, glaubte er eine schlanke, weiße Gestalt sich vom Sarge erheben zu sehen; das Licht des Mondes und der Kerzen traf nur mit ungewissem Glanz ihre Züge, doch schienen ihm diese Magdalenen anzugehören.

Am Morgen darauf wurde das Todtenamt gehalten; eine Menge Besucher füllte die Kirche, unter denen die meisten Nothleidende waren, denen die Verklärte wohlgethan. Ein Requiem, von Massiello auf Ottfrieds Worte componirt und vorgetragen, lockte von Weitem Fremde herbei, unter denen auch die Gräfin mit der Marquise sich befanden. –

Die trübe Stimmung, in die dieser Todesfall die Freunde versezte, wurde noch vermehrt als aus dem Gebirge die Nachricht eintraf, der Fürst sey plötzlich und auf eine geheimnißvolle Art um's Leben gekommen. Man hatte ihn in seinem Zimmer, im Blut schwimmend, gefunden, mit einer tiefen Verwundung an der Kehle. Der Verdacht dieser schrecklichen That fiel, nicht ohne Wahrscheinlichkeit, auf den Barbier Elias, denn derselbe war den Morgen mit einer bedeutenden Summe Geldes und andern Kostbarkeiten verschwunden; dagegen fanden sich jedoch Zeugen, welche vor Gericht bekannten, daß Elias völlig unschuldig und er in den Stunden, wo der Mord vorgefallen, in einem entfernten Dorfe abwesend gewesen sey. Die Gerichte, die nach allen Seiten hin in Thätigkeit gesezt wurden, brachten ebenfalls keine Gewißheit; und nach Erwägung vieler Umstände, so wie nach dem geheimen Verhör einiger Zeugen, schien es fast ausgemacht, daß der Unglückliche sich selbst das Leben genommen.

Die Freunde vereinigten sich, ihm die lezte Ehre zu erweisen, indem sie dem Begräbniß, das in der Stille begangen wurde, beiwohnten. Nach einer aufgefundenen Willensverfügung des Verstorbenen, fand der Körper seine Ruhe unter dem Baume mit der Inschrift. Als der Grabhügel schon gewölbt war, trafen aus der Residenz der Oberhofmarschall mit mehreren Hofcavalieren ein, die fürstliche Vollmachten mitbrachten, rücksichtlich mancherlei Anordungen; doch wie es deutlich hervorleuchtete, waren sie nur zur Beobachtung äußerer Form ausgesandt. Nachdem sie eine Weile am Grabhügel gestanden hatten, sich gegenseitig mit zweifelhaften und befangenen Blicken ansehend, sezten sie sich wieder in ihre Wägen und fuhren davon. In der Hauptstadt erfuhr man nichts Anderes, als daß der Fürst am Schlagfluß gestorben sey. –

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Eine Woche später befanden sich die Freunde wieder auf der Reise. Das Kloster lag hinter ihnen. Die Formen des Gebirgs schwächten sich in Umriß und Farbe immer mehr ab, und eine neue, wilde Natur, vielleicht noch großartiger und malerischer als die verlassene, öffnete sich den Blicken.

Der Reisewagen lenkte einem Walde zu, der die schönsten Abhänge mit seinem mannigfaltigen Grün bekleidete. Man hatte sich einen weiten Umweg vorgesezt, um einige, von der Straße abwärtsliegende, reizende Partieen aufzusuchen, und durch diese hindurch dem Hauptwege wieder sich zuzuwenden. Die Gräfin gab den Rath, immer tiefer in die Wildniß hineinzulenken. Es machte ihr nicht wenig Freude, wenn auf dieser, oder jener Schlucht ein Dörfchen, wie mit neugierigen Augen emporguckte, oder ein vergessenes Thürmchen seinen spitzen, grauen Hut aus einem vollen blühenden Bouquet von Frühlingsbäumen und Stauden vorscheinen ließ. –

»Gewiß,« rief sie, »macht unsre Erscheinung bei diesen Leuten Epoche, nach langen Jahren wird ein würdiger Greis zu seinen Enkeln sagen, damals geschah dies oder jenes, als die vielen Wägen mit den fremden Herren und Damen durch unser Dorf kamen; oder ein altes Mütterchen erinnert sich lächelnd, daß sie grade damals Braut wurde, als die vielen Wägen mit den fremden Herren und Damen durch das Dorf kamen.« –

»Freilich!« entgegnete Massiello, »wir helfen den guten Leuten in ihrer Zeitrechnung nach, und bekommen Plätze im Kalender, neben dem alten, vollwangigen Mond, diesem ewigen Reisenden.« –

»Bemerken Sie nur,« rief die Gräfin, »diese Frische des Eindrucks, wie alle uns staunend nachsehen, wie die großen blauen Augen fragend herumrollen, und auf den frischen Lippen es wie Lachen und Weinen zugleich zuckt. Sehen Sie da! der Herr Pfarrer läßt sich nicht abhalten, die Mauer seines Gärtchens zu besteigen, um das beispiellose Ereigniß in der Nähe zu betrachten. Hinter ihm, halbverdeckt von den ehrwürdigen Rockschößen, lauscht die gute, ehrliche Pfarrerin von Grünau, die unser Voß so trefflich nach dem Leben gemalt, in ihrem Kattunleibchen, mit dem Gesicht, das der liebe Gott so gern hat, weil so gar nichts von weltlicher Schönheit darin zu finden ist. O geschwind; lassen Sie uns hier absteigen! die guten Leute bewohnen ein großes Haus, sie werden uns ein Lager für die Nacht nicht abschlagen, und wo fänden wir so treffliche Gelegenheit, die Einfalt, die uns Deutschen so trefflich kleidet, zu studieren, als hier? Mir ahnet, daß in unsrer Literatur das Idyll wieder Mode wird. Und um den lieben Leuten einen Spaß zu machen, nehmen wir Namen an, die ihnen vertraut und angenehm in die Ohren klingen. Sie, meine Gute,« wandte sie sich zur Marquise, »sind die Karschin, unser Componist ist Gellert, und was mich betrifft, so will ich die schwedische Gräfin seyn, die der gute Fabeldichter zum Gegenstand eines eben so weitläufigen, als langweiligen Romans gemacht hat. O trefflich! welch eine Lust für unsere Pastorfamilie, der jezt gleichsam eine ganze lebende Bibliothek in die Arme fährt, von lauter Lieblingsautoren! Daß jeder in seiner Rolle sprechen und handeln muß, versteht sich von selbst.« –

»Aber bedenken Sie, Verehrte!« rief Massiello, »daß der Pastor nothwendig außerhalb aller Zeitrechnung wohnen muß, um den tollen Glauben zu fassen, wir seyen wirklich jene alten Dichter.« –

»Wer verlangt dies?« entgegnete die Dame lächelnd; »wir sind Nachkommen jener Leute; Tochter, Enkel, Großenkel, wie jeder es am passendsten bei seinem Alter zu verantworten gedenkt. Ein großer sympathetischer Zug hat uns zusammengeführt. Doch sieh, da sind ja noch zwei Namenlose.« –

Eduard und der Abt zeigten sich. –

»Sie,« rief die Gräfin zum Erstern, »gehören der neuern Zeit an und heißen Werther, und Sie, mein ehrwürdiger Herr, mögen unter den Namen Rabener, Hagedorn, Uz wählen.«

Der Abt verbeugte sich. »Der leztere,« bemerkte er, »war immer der Mann meines Herzens; so will ich ihn denn auch jezt mir ausgebeten haben.«

Ottfried, der Baron und Julie gingen nicht in den Scherz ein, doch war die Heiterkeit der Gräfin ihnen wohlthuend und zerstreuend.

Es war Abend, als man im Pfarrhause anlangte. Auf einem grünen Plätzchen, unter schattigen Linden, war ein einfacher Tisch gedeckt, auf dem die Abendmahlzeit der Landfamilie, eine volle Schaale mit Milch, einige Teller mit Früchten und Gebackenem stand. Die Wagen waren vor dem Wirthshause zurückgelassen worden, und umringt von einer muntern Jugend, zeigten sich dem verlegenen Pfarrer seine Gäste am Eingang einer Schlehdornumzäunung. Die Gräfin ging voran, Julie und die Marquise folgten; sie holten die Pfarrerin ein, die eben entschlüpfen wollte, um ein Sonntagskleid und eine Festtagshaube anzulegen.

»Meine liebe Frau,« rief die Gräfin mit ihrer gewohnten Freundlichkeit, »wenn Sie viel Umstände machen, so ist dies das Mittel, uns sogleich wieder zu verscheuchen. Wir sind Reisende, die das Gebirge sehen wollen; im kleinen und engen Gasthofe unten, fehlen uns sowohl Bequemlichkeit, als auch Gesellschaft und Belehrung; die schenken Sie uns für eine Nacht und wir bleiben Ihre dankbaren Schuldner.« –

Die treffliche Frau machte eine Verbeugung nach der andern; der Pfarrer erklärte, daß hier durchaus keine Schwierigkeit sey, und als er die Namen seiner Gäste erfuhr, ging seine Befangenheit in ein freudiges Erstaunen über. Vor Allen war ihm Massiello's Bekanntschaft ein wahres Geschenk vom Himmel.

»Wer hätte denken sollen,« rief er, »daß ich auf meine alten Tage einen Enkel des alten herrlichen Dichters, den ich als Student einmal besuchte, beherbergen würde! und Uz – o Himmel! wie ist Dir, Barbara?« sagte er zu seiner Frau, »wenn Du es dir klar vorstellst, den leibhaftigen Sohn des Mannes zu sehen, von dem Du manchmal so rührende Liedchen singst?«

Der Enthusiasmus des guten Landpredigers brach in volle Flammen aus, als die Reisenden trefflichen Wein kommen ließen und bereits einige Flaschen geleert waren; er sprang in seine Bibliothek, holte das alte Fabelbuch hervor, zugleich Uzen's Liebeslieder, und begann abwechselnd aus dem einen und aus dem andern Buche vorzulesen. Die Damen hatten sich zur Pastorin gesezt und von dieser das Versprechen erhalten, daß sie später einige kleine Arien hören sollten. Die ganze kleine Gesellschaft war bald auf das Engste mit einander vertraut.

»Wie kann man auch anders,« rief der Pastor, »mit Leuten, die einem von der lieben Jugend her bekannt und verehrlich sind? O meine Herren und Damen! diese Reise ist für Sie unstreitig nur ein Vergnügen, für mich ist sie eine wahre Schickung; der Herr hat mich offenbar heute mit einem günstigen Auge angesehen, daß er mich solches erleben ließ. Wenn man so im Gebirge Jahr aus, Jahr ein lebt, fern, fern von dem großen Treiben der Welt, und einem doch dabei ein schöner lebendiger Sinn gegeben worden, der gerne lebt und leben läßt, so ist ein solcher Besuch geradezu ein treffliches Geschenk. Und Sie, edle Dame!« rief er, zur Marquise gewandt, »Sie wissen sicherlich das schöne Gedicht auswendig, das Ihre treffliche und berühmte Mutter verfertigte, und womit sie sich beim großen Friedrich so schlechten Dank verdiente.« –

»In der That,« entgegnete die Marquise mit Verlegenheit, ich wüßte Ihnen die Verse nicht herzusagen; meine gute Mutter war stets etwas geheimnißvoll mit ihren Arbeiten.« –

»Geheimnißvoll?« rief der Pastor, »o sagen Sie das nicht! sie hat das Gedicht drucken lassen; ich hab's in meiner Bibliothek, und Ihnen wäre es wirklich unbekannt? Aber Sie haben wohl die kleine spätere Leipziger Ausgabe im Sinn, in der es allerdings fehlt?«

Die Marquise machte eine bejahende Bewegung, indem sie sich besorgt und gepeinigt nach der Gräfin umsah, die jedoch auf keine Winke und Zeichen hören wollte.

»Und Sie, Herr Uz,« wandte sich der kleine gesprächige Mann zum Abt, »lassen Sie mich annehmen, daß Sie in die Fußstapfen Ihres großen Verwandten getreten sind. Sie geben Gedichte heraus, in jener leichten scherzenden Gattung, Liebeständeleien, nicht wahr?« –

»Sie haben's errathen,« erwiderte der Abt; »doch lassen wir das jezt! ein Gläschen Wein und etwas von Ihren schönen Früchten dort, Herr Pastor, wird uns am besten thun.«

Die Pfarrerin, hatte wahrend dieses Discurses die Gräfin aufmerksam und mit stiller Bewunderung angesehen. »In der That,« bemerkte sie jezt leise der Marquise, »wir haben also dort eine Abkömmlingin der schwedischen Gräfin vor Augen? Ich habe es in meiner Jugend Gellerten nie verzeihen können, daß er von seinem ehrwürdigen Beruf, als moralischer Fabeldichter, in den leichtfertigen der Romanschreiber verfiel; allein wenn seine Heldin dieser jungen Dame ähnlich sah, so muß ich wohl den Poeten völlig entschuldigen; denn gewißlich, es ist ein überaus schönes Frauenbild.«

Sie ging mit dieser Aeußerung auf die Gräfin zu, und erkundigte sich nach allerlei Umständen, deren im Roman Erwähnung geschieht, und erhielt die allerbefriedigendsten Aufklärungen: Um die Heiterkeit zu vermehren, kam wieder der Gesang in Vorschlag; die Pastorin trug ein paar Lieder von Claudius vor. Als die Gräfin und Massiello Musik hörten, trat das Maskenspiel bei ihnen plötzlich in volles Leben; sie griffen beide jezt in vollem Ernst in die kalte frische Quelle der Poesie, wie sie in den Liedern des alten Wandsbecker Boten, in den Liebesgesängen des armen und leidenschaftlichen Bürgers, des ehrlichen Amtmanns zu Altengleichen, sprudelt. Die wunderlichsten und tiefsten Liederstimmen wurden rege; die alte gute Zeit wachte auf und im Hauch der Kerzen, die unbewegt zum Abendhimmel hinaufbrannten, zogen die großen Tongeister jener entschwundenen Tage über die Versammelten dahin. Massiello wußte fast alle Melodien des alten Zelter, Reichardt und Anderer auswendig, jene heimlichen süßen Melodieen, die so viele Mädchenherzen durchzogen hatten, von den blühenden frischen Lippen so vieler verliebter Knaben getönt. Der Baron und Ottfried hörten mit Entzücken zu.

»Nun auch etwas von Göthe! nun auch etwas von ihm!« riefen Mehrere.

Massiello wollte eben ein Lied beginnen, als eine Stimme aus dem nahen Gebüsch laut wurde, die die Worte rief: »Weckt mich nicht wieder auf, ich bin müde; laßt mich ruhen!« –

»Um Gottes Willen!« schrie die Gräfin und erhob sich, »wer sprach da?«

Alle standen auf; Massiello drang zuerst in's Gebüsch, Eduard ihm nach; die erschreckten Damen erhoben die Lichter; allein, so deutlich und nah die Stimme sich hatte hören lassen, so war jezt doch Niemand zu entdecken, von dem sie hätte ausgehen können; nur ferne war es, als rauschte es im Gebüsche. Der dunkle warme Nachthimmel deckte weithin die stille ruhende Erde. Als die Suchenden zurückkehrten, zeigte sich Massiello von der Seltsamkeit des wunderlichen Auftritts erschüttert und begeistert; er bestieg einen Stuhl und rief in die Nacht hinein:

»Unglücklicher Geist, sey ruhig, wir wollen dich nicht wecken! wandle mit deinen Entzückungen und Schmerzen hinauf die Straße in die schöne Verklärung! Wie? von Neuem sollten wir dir, dem Müden, vom großen Jammer unserer kleinen Zeit aufladen? von Neuem dich tragen lassen an der ungeheuern Last unserer Erbärmlichkeit, von Neuem dich verwunden mit den tausend kleinen Stacheln unsers Tadels und unsers Lobes? Nein, Befriedigter, geh' ein in dein kühles Todtenreich! Du hast den Schicksalsfluch, der dich dazu bestimmte, groß zu seyn, mit Würde getragen; nicht wie gemeine Seelen hast du Lob mit Lob vergolten, eingedenk der Gesetze des größten Geistes, lobtest du die, die dich tadelten, und schlug dich der kleine Neid, du selbst reichtest ihm die andere Wange hin, damit man deine Gottheit an den Mißhandlungen, die du erfuhrst, erkenne! Ja, Mißhandelter, schüttle nicht dein Lorbeerhaupt – so, so thatest du! Ich war nicht unter dem Haufen, der dich umgab, als du zum erstenmal vor den grauen Judenbärten der alten Nicolaischen Schule das neue Wort vom Geiste predigtest, als du mit der eisernen Faust des Götz den Tempel reinigtest, in dem die alten Höckerweiber des stetigen Gottsched's Nachlaß feil boten; ich war aber dabei, als sie von dir ein irdisches Reich verlangten, und du ihnen das himmlische deines Faust's gabst. Ja, großer Todter, wir rufen dich nicht zurück, dein Tod ist ja unser Leben! Gelitten und geseufzt haben wir unter deiner strahlenden Größe; es ist nichts so unbequem, als Größe zu ertragen, und diese Beschwerde hast du uns reichlich aufgeladen. Unser Leben war ein ewiger Kampf gegen dein Licht, und die dich am giftigsten zu bekämpfen suchten, die lobten dich! Es ist nicht angenehm, übersehen zu werden, und wir wurden übersehen! – Darum wecken wir dich gewiß nicht auf, altes Lorbeerhaupt! Schlummre ruhig in der Gruft Seiner königlichen Hoheit des Großherzogs von Weimar, so ruhig, als lägest du mit jenem alten vergessenen Kaiser am öden Inselstrande! Gewiß, unser Jahrhundert ist mild und einsichtsvoll; es weckt keinen Todten auf, besonders keinen großen! Vielleicht daß hie und da ein Liedchen ertönt, deinen Namen nennend, daß ein armer blöder Knabe in der Angst seiner Seele, bei brechendem Herzen und vorquellenden Thränen dir nachruft, oder daß ein vergessener Professor einer noch vergessenern Lehranstalt ein Wörtlein von dir fallen läßt und sagt, daß du eine alte Kindersage, den Faust, geschrieben habest, die nicht schlecht sey; oder ein lustiger Franzose stößt deinen Namen im Fluch aus, weil er sich die sonderbare Grille in den Kopf gesezt hat, doch auch einmal etwas von einem alten deutschen Autor zu lesen. Ja, ja, vergessen! sey gewiß, Zürnender, du wirst vergessen! Wir freuen uns aus voller Seele, da wir so viele Dinge behalten müssen, daß wir endlich einmal auch etwas vergessen dürfen, und bei dir dürfen wir es, da du groß bist; es ist sogar eine Pflicht, die alle kleinen Geister einander schuldig sind, und die wir treulich erfüllen wollen. Nichts, nichts soll uns an dich erinnern, selbst nicht einmal die neue Cottasche Ausgabe deiner Werke! Freut euch, Millionen der Erde! es gibt nichts mehr zu bewundern, nichts mehr zu verehren; der alte adlige Sänger ist todt! es gibt keinen Unterschied der Stände und der Geister mehr; wir sind Alle klein, glücklich, frei und gleich! o herrliches Jahrhundert!« –

Er stieg herab und Ottfried schloß ihn begeistert in die Arme. Die Gräfin blickte mit glänzendem Auge zur Erde und auch Julien traf das Verwundende in jenen Worten.

»Jezt geschwind!« rief Ottfried, »die schönste Ballade, die jemals gedichtet worden, dem wandelnden Todten in die Nacht hinaus nachgerufen! den König von Thule!«

Die Gräfin wählte eine neue Composition, in der jeder Ton eine Fülle von Wehmuth und Seligkeit in sich trägt. Angeregt durch die Schauer des Moments, tönte die alte Sage wie eine schauerliche Liebeserinnerung aus ferner dunkler Zeit über die Erde hin; es war, als ballte sich aus unheimlichen Nebeln eine ungeheure Gestalt zusammen, die schwankend das Haupt in die dunkle Wölbung des Himmels hineinhob, jezt wieder über die ängstlich rauschenden Baumgipfel beugte und mit blitzenden Augen niedersah in den Kreis der Lichter und Menschen. Die Gräfin erhob sich, hüllte sich fester in ihre Tücher und gab das Zeichen zum Aufbruch.

»Wir haben geschwärmt,« rief sie, »und sollten schon längst zur Vernunft, das heißt, zur warmen Stube zurückgekehrt seyn. Ich muß gestehen, daß mir bange ist, der Unbekannte, der uns vor wenig Minuten so erschreckt hat, könnte seinen Besuch erneuern.«

Sie warf einen unruhig prüfenden Blick ins Gebüsch, hing sich dann an den Arm der Marquise und der Gesellschaft eine ruhige Nacht wünschend, eilte sie, von Julien und der Pfarrerin, gefolgt, auf's Haus zu. Der Abt folgte bald nach, auch Massiello verlor sich; Eduard, den das Lied vom König von Thule heftig erschüttert hatte, mußte jezt wider Willen dem guten Pastor Stand halten, der in eine wahrhaft ermüdende Geschwätzigkeit gerieth, und doch am Ende die wenige Aufmerksamkeit bemerkte, die ihm sein Gast schenkte; allein der Gutmüthige entschuldigte diesen Umstand damit, daß ein junger Mann, dessen Verwandter ein so trübseliges Ende genommen, unmöglich viel Interesse für fremde Leiden und Freuden haben könne; er hatte noch das Zartgefühl, in seinen Gesprächen alle Geschichten zu vermeiden, in denen von unglücklicher Liebe, Selbstmord, oder von Pistolen etwas vorkam. –

Am Morgen darauf nahm der Baron von der Gesellschaft Abschied; theils Familienangelegenheiten, theils fortwährend beunruhigende Nachrichten über August's Verschwinden riefen ihn ab. Aus dem Kloster erschienen tröstende Briefe, welche meldeten, die Aebtissin habe sich schon bereits in so weit erholt, um in Gesellschaft der Prinzessin eine kleine Reise anzutreten.

»Zählen Sie mich nicht,« sagte Eduard zum Baron, als dieser von seinen Bekümmernissen sprach, »zu den Fröhlichen und Unbefangenen; ich kämpfe mit mir selber, ob ich dem Rath eines edlen, für mich besorgten Herzens, oder ob ich meinen eigenen Ansichten und Gefühlen folgen soll. Ach! meine mütterliche Freundin ist gerade in dem Moment von mir gegangen, wo ich ihres scharfen Auges, ihres treuen Sinnes am meisten bedurft hätte; doch, hat sie nicht ihre Wünsche deutlich genug erklärt? Häufe ich nicht den schwärzesten Undank auf ihr Haupt, wenn ich ihrem liebevollen Rath nicht Folge leiste?« –

Er versank in trübes Nachsinnen, und erst des Barons Abschiedsgruß schüttelte ihn wieder wach.

»Wie gefällt Ihnen die Gräfin?« fragte jener; »wahrlich, ein so sicherer, gebildeter, und dabei so zart weiblicher Geschmack ist mir selten vorgekommen. Warum schenkte mir der Himmel nicht eine solche Tochter?« –

»Sie kann ja noch die Ihrige werden,« bemerkte Eduard in der Zerstreuung.

»Wie meinen Sie das?« fragte der Baron lebhaft, »mein August ist doch wohl für sie zu jung, und –« er stockte und blickte rasch um sich; sein Auge fiel auf den Wagen, der bereit stand, ihn aufzunehmen. Ottfried und der Abt kamen hervor und die Freunde begleiteten sie durch das Dorf hinaus.

In den Nachmittagsstunden drang der Pastor darauf, die Geschichte der schwedischen Gräfin vorzulesen, indem er einen schalkhaften Seitenblick auf die Gräfin warf; nur mit Mühe gelang es dieser, ihn durch den Vorschlag eines Spazierganges von der Lektüre abzubringen. Schnell waren die Vorbereitungen getroffen und als die Schatten sich eben zu verlängern anfingen, verließen die Gräfin, Julie, Eduard, Massiello und Ottfried die Pfarrwohnung, den Fußweg längs dem Abhange einschlagend.

Das Wäldchen, das die Wandelnden in sein frisches duftendes Grün aufnahm, lichtete sich bald und gewährte einen schönen Blick in's Gebirge gegen Abend. Einzelne reiche Bilder, durch malerische Vorgründe begränzt, reizten und entzückten vorzüglich das Auge. Eduard hatte sein Skizzenbuch hervorgeholt und nahm einen alten Baumstamm mit seiner pittoresken Umgebung auf; Julie und die Gräfin ließen sich von Ottfried einige seltene Gebirgspflanzen zeigen; Massiello war vorausgegangen, um die fernere Richtung des Weges zu bestimmen. Man hörte jezt seine Stimme, die etwas Neues und Besonderes zu verkünden schien; bald trat er auch selbst hervor, und bat mit geheimnißvoller Miene, ihm zu folgen.

Als man ein geringes Stück Weges zurückgelegt hatte und jezt um die Spitze eines vorspringenden Hügels bog, zeigte sich ein eben so schöner, als überraschender Anblick: ein nicht großes, aber geschmackvoll gebautes Landhaus, welches seine zierlichen Linien, von einigen hochstämmigen Pappeln unterbrochen, auf der Höhe des Abhangs mit Leichtigkeit und Zierlichkeit abzeichnete. Ein Weg, von vollen Rosengebüschen eingefaßt, führte hinauf; oben warf ein heller Wasserstrahl seine flimmernden Kristalltropfen in ein weites Becken; nicht fern von diesem stand ein eleganter Lehnsessel, auf dessen rothem Polster ein Taschentuch und ein aufgeschlagenes Buch lagen. Ein paar Stufen führten aufwärts und oben erblickte man durch die offene Thür einen Gartensalon, aus dessen Innerm Bildsäulen, goldene Rahmen, rothe glänzende Stoffe, Blumenvasen schimmerten und blinkten. Ein Bologneser Hündchen kam bellend über den glatten Parketboden, und schaute, auf der obersten Stufe stehen bleibend, neugierig die Gruppe der Fremden an.

»Seltsam!« rief Ottfried, »warum hat nur der Pastor uns nichts von diesem zierlichen Fremdling, der sich hier niedergelassen, erzählt? oder bewohnt etwa dieses kleine Paphos eine Göttin, die von unserm blöden Pfarrer keine Kenntniß nehmen will?« –

Massiello, der unterdeß einen Diener angetroffen und befragt hatte, kam mit der Nachricht zurück: es wohne hier ein Mann von Stande, der Bücher schreibe.

»Dies sind,« rief der Componist, »die eigenen Worte des Gärtners; nun fragt es sich, ob es der Mühe lohnt, die Bekanntschaft eines deutschen Gelehrten zu machen?« –

»Und der Name?« fragte Eduard. »Den habe ich mir absichtlich nicht nennen lassen; wir bewahren so gegenseitig eine Art Maskenfreiheit, die uns und ihm vollkommene Unbefangenheit gibt.«

Eduard hatte das Buch ergriffen, und fand, daß es die Gedichte eines Grafen waren, der sich den Ruf eines Aristophanes erworben.

»Sieh da,« rief Massiello lebhaft, »wie passend! dort das Geplätscher des Springbrunnens, hier das der Ghaselen, eines ist so melodisch und so gut Poesie, wie das andere.« –

»Ich achte diesen Dichter,« bemerkte Ottfried, »doch in den angeführten Gedichten gefällt er mir nur wenig. Wozu diese morgenländischen Künsteleien? Als Form betrachtet werden sie nie bei uns einheimisch werden, und der Gedanke läuft oft auf eine Albernheit hinaus, die durch einen süßlichen, oft unreinen Beigeschmack reizen soll. Am schönsten und lebendigsten, was Farbenfrische betrifft, sind die frühen, kleinen Romanzen und einige Lieder; die folgenden metrischen Kunstwerke gleichen Bildern, die der kostbaren Rahmen wegen gemalt worden.« –

Während dieser Worte wurde man eben auf der Terasse den Gelehrten gewahr, der mit den Damen Begrüßungen wechselte. Er war ein Mann von noch nicht vorgerücktem Alter, von einnehmendem Wesen; sein Auge, obgleich nicht schön, konnte geistreich genannt werden, und ein freundlicher gewinnender Zug um den Mund trug, wenn er sprach, viel zur Annehmlichkeit seiner Gesichtsbildung bei. Er trat jezt auf die Freunde zu, und Massiello begrüßte einen frühern Bekannten, mit dem er in Rom fröhliche Tage zusammen verlebt.

Die kleine Gesellschaft ließ sich jezt am Springbrunnen nieder; es wurden Erfrischungen gebracht, und ein Teller mit trefflichen Ananas-Erdbeeren sagten den vom kleinen Spaziergang ermüdeten Frauen besonders zu. Das Gespräch kam auf den Pastor, und es wurde wieder die Frage aufgeworfen, warum er wohl seine Nachbarschaft den Gästen verhehlt habe.

»Ich glaube,« entgegnete der Gelehrte, »daß der gute Mann in der That nichts von meinem Daseyn weiß; wenigstens ist der Fall noch nicht vorgekommen, daß er sich bis hieher aus seinen vier Pfählen verirrt hätte; es ist hier das Gebiet eines andern Herrn, und er ist wohl seit Jahren nie aus dem Dörfchen heraus gekommen. Dagegen besuche ich ihn manchmal auf meinen einsamen Streifereien und blicke ihm, ohne daß er eine Ahnung davon hat, in sein Thun und Treiben hinein. Uebrigens,« sezte er lächelnd hinzu, »hätte ich nicht das Vergnügen, Sie heute hier zu sehen, so wäre ich morgen in der Pastorwohnung erschienen, um die nähere Bekanntschaft des begeisterten Redners zu machen, der mir gestern die feierliche Versicherung gab, daß man mich vergessen würde.« –

»Wie?« rief die Gräfin lebhaft, »so waren Sie es also, der uns die Geisterworte zurief?« –

»Kein andrer!« entgegnete der Gelehrte; »die Gesellschaft, die vielen Lichter zogen mich an. Das Gebüsch verbarg mich und gestattete meine Annäherung dergestalt, daß ich, ohne fürchten zu müssen, entdeckt zu werden, ein unsichtbarer Zuhörer der schönen Gesänge wurde, eine Freiheit, die ich mir nahm, und für die ich jezt die Verzeihung nachsuchen muß.« –

»Sie ist Ihnen gewährt!« rief Ottfried mit Feuer; »ich bin erfreut, einen Verbündeten zu treffen, denn da uns gleiche Liebe und Verehrung für den großen Dichter einigt, so können wir unmöglich uns noch fremd gegenüberstehen.«

Der Gelehrte erwiederte diese Begrüßung mit Herzlichkeit; er bemerkte das Buch in Eduard's Händen, und das Gespräch ging jezt auf die neuen Dichter über.

»Ich meine, sie alle zu kennen,« bemerkte die Gräfin; doch ich finde keinen, der mir ganz genügte.« –

»Wie Gnädigste!« rief Ottfried zürnend, »Sie vergessen die neuen schwäbischen Dichter, die herrlichen Lieder, die alle Welt entzücken; die süßen Stimmen, die jede Brust mit Trost, Frieden, Liebe und Verehrung füllen, jene Gesänge, die so frisch und bezaubernd selbst nicht zu den Zeiten des zweiten Friedrich's, des kunstliebenden Kaisers erschollen seyn können. Hat je die Muse etwas Köstlicheres bescheert, als jene wunderschönen Romanzen, von denen eine immer heller und bedeutsamer als die andre erklingt? Sie sind Blumen unsrer heutigen Poesie.« –

»Wer widerstreitet das?« rief die Gräfin; »und sie würden unstreitig noch farbenreicher und duftiger erblühen, wenn sie nicht auf dem Boden des Mittelalters wüchsen, das mir nun einmal widerwärtig ist. Ich meine, daß diese Stoffe, wenn sie auch für den Dichter einst ergiebig waren, doch jezt abgenuzt sind; der Born des alten Nibelungen-Liedes kann doch endlich einmal ausgeschöpft seyn, und Liederchen, die von Jung-Siegfried und Jungfrau Sieglinden handeln, lassen selbst die Verehrer des Dichters kalt und erinnern zu ihrem Nachtheil an die nordischen Ungeheuerlichkeiten, an die Karrikaturen aus der Edda, und an jene Zeit, wo man an einem eleganten Theetisch oft von nichts anderem hörte, als von den Tölpeleien eines isländischen Riesen, oder von den minniglichen Albernheiten einiger Schwächlinge, die sich in Rüstungen verirrten. Wie kräftig und wahr erscheint dagegen Bürger's Leonore, wie ergreifend sein Lied vom braven Mann!« –

»Um's Himmelswillen!« nahm der Poet das Wort, »machen Sie nur diese Ansicht geltend, Verehrte, und wir sehen wieder die alten mit Glück vertriebenen Perücken aufmarschiren; es werden wieder betrogene Landmädchen, weinerliche Pfarrerstöchter besungen; die zahllosen saft- und kraftlosen Schäfergedichte treten wieder auf und wir verfallen von Neuem in den tiefen bodenlosen Jammer der Allegorie.« –

»Ich sehe dazu keine Notwendigkeit,« erwiderte die Dame. »Die Verirrungen jener Tage stehen uns zu nah vor Augen, als daß wir sie nicht vermeiden sollten. Man gebe nur einen Band Schäfergedichte heraus, aber freilich mit dem Geist und Geschmack, wie jene süßen kleinen Gesänge, die wir von den besten Dichtern aus jener Zeit haben. Jene unschuldige arkadische Welt, die so schalkhaft oft die wirkliche parodirte, und die dem Poeten, wenn er seinem Stoff gewachsen war, zahllose Gelegenheit bot, Laune, Gefühl, Witz und Tiefsinn zu zeigen, und die endlich, wenn auch öfters Karrikatur, doch nie in Gräßlichkeiten und widerliche Verzerrungen ausartete; ist sie nicht ein weit dankbarerer Stoff zur poetischen Unterhaltung, als alle grotesken Wundergeschichten zusammen genommen? Damals galt es nur, für einen Zweck zu wirken, diesen zu erreichen arbeitete Alles hin, und dieser war kein anderer, als einem gewissen Institut Glanz, Festigkeit, Dauer und Würde zu geben; dieses Institut war die sogenannte › gute Gesellschaft.‹ Von Frankreich, wo man die Kunst zu leben, geist- und genußvoll zu leben, auf das feinste ausgebildet hatte, wo das, was man gute Gesellschaft nannte, auf die gewissesten und bestimmtesten Regeln gesezt war, von Frankreich gingen auch jene Gesetze aus, die die heutige Welt viel zu voreilig verwirft. Das erste Gesetz war, daß die so notwendige Form nie und nirgends verlezt werde, so im Leben, wie in der Kunst. Unsere Zeit, die darauf ausgeht, jede Schranke aufzuheben, wird zeitig inne werden, wie nothwendig, wie durch die Forderungen des geselligen Lebens selbst bedingt, die Grundsätze des Umgangs waren, die heutzutage leeres Ceremoniel, lächerliche Anmaßung, thörichte Etikette gescholten werden. Die ›gute Gesellschaft‹ war der Gott, dem Alles opfern mußte. Die Kunst, wie alle andern Genüsse des Lebens, waren nur da, um ihr zu dienen, und sie schlang dafür ihr sicheres vereinigendes Band um die ganze gesittete Welt. Die Verse des Racine dienten ebensowohl, dieses Band zu befestigen, als die Haarbeutel und die Frisur à la Pompadour; ja, die Poesie selbst, wie sie in den Strophen jener galanten Dichter blühte, war eigentlich ein großer Hymnus auf die gute Gesellschaft, während sie jezt nur noch ein Spottlied auf dieselbe ist und oft ein recht niedriges. Was die Bühne betrifft, so muß man nicht glauben, als hätte das Publikum nicht recht gut gewußt, daß ein alter römischer Imperator nicht in der Perücke erscheinen durfte, daß die arkadischen Schäfer und Schäferinnen auf keine Weise so existirten, wie sie sich zeigten; es war vielmehr noch Niemanden eingefallen, die Kunst für mehr auszugeben, als sie seyn soll und ihr jene lächerlichen Anforderungen aufzudringen, die zum Theil auch den Verfall unsers Theaters herbeigeführt haben. Auf den Brettern, wie im Leben, wollte man nur die gute Gesellschaft finden, d. h. jene angenehme Zusammenfügung von Geist, Frohsinn, Ernst, Lebensgenuß und eleganter, stets zierlicher Form; zeigten sich diese Forderungen erfüllt, so war man zufrieden und schöpfte so viel Erheiterung, Vergnügen und Erhebung, als diese Anstalt gewähren soll. Auch die Philosophie vertrug sich mit dieser Ansicht der Kunst, denn sie fand überall festen Boden, auf dem sie fußen und weiterbauen konnte, indeß sie heutzutage völlig verzweifelt, den wilden Sprüngen eines ausschweifenden, sich in seiner unseligen Gesetzlosigkeit gefallenden Talentes zu folgen.«

Die Gräfin hielt bei diesen Worten inne und fügte endlich, indem sie einen lächelnden Blick auf ihre Umgebung warf, nach einer Pause hinzu:

»Doch ich spreche vielleicht etwas zu unverständlich von einer goldnen Zeit, die nie wiederkehren wird. Wo sind jene sichern Verhältnisse hin, die allein eine Rückkehr möglich machen? wo der Glanz der Höfe, die Würde der Familien? Haben wir erst diese, oft so muthwillig der Zerstörung preisgegebenen Stützen der Gesellschaft wieder, dann werden wir uns auch rühmen können, eine Kunst zu besitzen; so aber müssen wir von der Bühne herab, aus den Gesängen unserer Dichter, aus den Werkstätten unserer Künstler, von den Tribünen unserer Volksredner, ja selbst aus den Läden unsrer Modehändler den tönenden Fluch hören, daß all unser Treiben nur Stückwerk ist, daß wir weder zu leben, noch zu sterben verstehen, und daß wir vor allen Dingen nicht wissen, was wir wollen.«

»Es scheint,« nahm der Gelehrte, der mit Interesse dieser Rede zugehört hatte, das Wort, »daß man im Felde des Romans sich wieder jenen Tagen nähert. Die Novellen unsers großen, noch lebenden Meisters, beschäftigen sich wieder mit Schilderungen aus der Gesellschaft; so neu die Form und eigenthümlich die Bildung ist, so erinnern viele dieser Erzählungen an gute Muster jener Tage, und der Landgeistliche von Wakefield wäre, mit einigem Raisonnement versehen, durchaus eine Novelle im neuesten Geschmack zu nennen. So haben wir einen, vor Kurzem erschienenen anziehenden Roman, der die Zeit des siebenjährigen Krieges schildert, und der sammt einem andern Buch: Denkwürdigkeiten aus alten Papieren, lebhaft die Zeit, von der die Rede ist, wiedergibt.« –

»Dieses Buch, rief die Gräfin lebhaft, »liefert einen treffenden Beweis zu meinen Behauptungen. Wer kann es ohne Interesse lesen? wem tritt nicht jener ruhige, heitre, vergnügliche gemüthvolle Geist frisch und lebendig entgegen, wen erfreut nicht der gute Alte, der nach Zurücklegung einer dornenvollen diplomatischen Laufbahn, noch zahllosen kleinen Verlegenheiten entgegenläuft, blos weil seine Gutmüthigkeit es ihm nicht erlaubt, eine Bitte abzuschlagen, und einen jungen Wildfang sich selber zu überlassen. Köstlich, und mit einer Fülle der gesundesten Laune ausgestattet ist die Ankunft des Alten im Narrenhaus, wahrhaft rührend seine späte Liebschaft und Ansprache. Die Scenen auf dem Schlosse und die Schilderung auf der rheinischen Arcadia sind trefflich und ganz im Geist dessen, was ich die ›gute Gesellschaft‹ genannt; wie belehrend und geistvoll endlich die Gespräche über Kunst in der gelehrten Pariser Abendgesellschaft.«

»Mir,« sprach Ottfried, »ist das ganze Machwerk ziemlich unerquicklich vorgekommen. Wenn wir die alten Formen wieder erwecken, um sie auf solche Schöpfungen anzuwenden, so hätten wir sie lieber ruhen lassen können.« –

»Nun gut,« entgegnete die Gräfin mit einiger Empfindlichkeit, »wenn Sie sich denn, Verehrter, durchaus nicht von der Fahne Ihrer jezt schon veralteten Schule wenden wollen, so soll es Ihnen auch vollkommen frei stehen, Ihren großen Unbekannten nach wie vor zu verehren und zu lieben; auch gibt es ja neuere desperate Historienschreiber, die mühsam jeden Tropfen Blutes, der bald hier, bald dort in einer Rauferei gefallen ist, vom Boden der Geschichte aufzulesen, um mit diesen kostbaren Resten ihre fürchterlichen Gemälde zu coloriren. Hat sich doch Einer von diesen ehrenwerthen Leuten sogar vorgesezt, die ganze Chronik des Hauses Hannover zu plündern, und jeden dort herumtosenden Wüthrich und Landstreicher aufzufangen, und ihn ziemlich zugestuzt in den goldenen Behälter irgend eines zierlichen Damentaschenbuchs zu sperren.«

Die Freunde lachten und Ottfried gab sich überwunden, um nicht die Gunst seiner schönen Gegnerin völlig zu verscherzen. Der Gelehrte lenkte das Gespräch auf andere Gegenstände. Die Sonne war indeß im Gebirge niedergesunken, der starke Duft der Abendpflanzen, so wie die vermehrte Kühlung des Springbrunnens, mahnten an die Nähe der Nacht, und zugleich an den Rückweg, den unsre Reisenden jezt antreten mußten, wenn sie noch vor Eintritt der Dunkelheit ihr Dorf erreichen wollten.

Der Gelehrte entschloß sich, seine Gäste zu begleiten, und so endlich die Bekanntschaft des Pfarrers, seines Nachbars zu machen … Es wurde ein näherer Weg eingeschlagen, der das kleine Thal in grader Linie durchschnitt; als man nach einer ziemlich beschwerlichen und eiligen Wanderung das Pfarrhaus endlich vor sich sah, erschien der Pastor mit ängstlicher Hast und begrüßte seine Gäste mit einem Freudengeschrei.

»Willkommen!« rief er, »Gott willkommen! So sind Sie wieder da! Fast mußte ich fürchten, auch Sie hätte ein Unglück betroffen.« –

»Ein Unglück?« fragte die Gräfin besorgt, »und wem wäre denn ein solches zugestoßen?« –

»Sie wissen noch von nichts?« entgegnete der besorgte Mann, »unser trefflicher Uz und die Frau Karschin sind verloren gegangen!« –

»Wie!« rief der Gelehrte, »hör' ich recht – Uz – Karschin?« –

»Ja,« antwortete der Pastor, mit einer leichten Verbeugung gegen den fremden Mann, »ich habe das besondere Glück, eine Gesellschaft Abkömmlinge berühmter Dichter, die sich zu einer gesellschaftlichen Reise verbunden haben, bei mir zu beherbergen; zwei davon sind mir nun, wie Sie hören, auf eine unbegreifliche Weist abhanden gekommen.« –

»Sie scherzen,« sagte die Gräfin, »meine Freundin befindet sich wohl auf einem Spaziergang.« –

»Ein schöner Spaziergang,« rief der Pastor, »der bis jezt anhielt! In der Nacht spaziert man nicht. Nein, nein! es ist richtig, ein Unglück ist geschehen! Es sind allerlei verzweifelte Gerüchte in der Umgegend wach; ich habe derselben nicht erwähnen wollen, um die Gesellschaft, welche auf ihrer Reise noch die bösesten Regionen passiren muß, nicht furchtsam zu machen; allein es ist nur zu wahr, das Unglück ist da! Wo war auch mein Verstand, daß ich die beiden Leutchen so allein gehen ließ? Ich wollte schon nach, doch meine Frau hielt mich ab, indem sie sagte: störe sie nicht, sie wollen vielleicht zusammen Gedichte machen.«

Diese Nachrichten wirkten nun freilich beunruhigend auf die Gesellschaft. Man stritt sich hin und her, was Gutes zu thun sey, doch ehe sich Alle zu einer und derselben Maßregel vereinigten, erschienen die Vermißten am Ausgang des Waldes eben so unerwartet, als freudig überraschend. Sie wurden sogleich umringt und mit Fragen bestürmt.

Die Marquise erzählte, daß sie die Absicht gehabt, den Heimkehrenden entgegen zu gehn, daß aber ein Führer, den sie sich gewählt, ob mit oder ohne Absicht, sie irre geführt und tiefer in die Waldung hineingeleitet habe; allerdings seyen ihnen einige verdächtige Gestalten entgegen getreten, doch sey es glücklicherweise beim Schrecken geblieben.

Der Abt erklärte, daß er sich nach diesem kleinen Abentheuer das Souper vortrefflich werde schmecken lassen; die Gesellschaft stimmte ihm bei, gute Laune und Fröhlichkeit erhoben sich nach dieser kurzen Unterbrechung wieder neu, und der Gelehrte, der sich von Massiello den Scherz mit den Namen hatte erklären lassen, stimmte in das heitre Gespräch von ganzem Herzen ein.

Den Morgen darauf begleiteten ihn Eduard und Ottfried wieder zurück. Der Leztere brachte während des Ganges das Gespräch auf den gestern behandelten Gegenstand, auf die neuesten Erscheinungen in der schönen Literatur.

»Es ist ausgemacht,« rief der Gelehrte, »daß wir einer Umgestaltung und Veränderung entgegen gehen, und die liebenswürdige Dame hat gestern viel Wahres und Treffendes bemerkt.« –

»Soll uns Belehrung und Besserung kommen,« entgegnete der Poet, »so kann dies auf jenem Wege, meines Bedünkens, niemals geschehen. Wie? wir hatten glücklich die Idole der Unvernunft, des Ungeschmacks gestürzt, um thöricht nachher die einzelnen Scherben wieder zu sammeln und zusammen zu stückeln?« –

»Untersuchen wir,« erwiderte der Gelehrte, »untersuchen wir, ehe wir rücksichtlos verdammen, was wirklich thöricht und geschmacklos ist, und was diesen Tadel nur in unserm Vorurtheil findet. Mit dem Ausbruch der ersten großen Revolution war ein Geist der Neuerungssucht, ein verworrener Trieb erwacht, alles und jedes zu verwerfen, das Alte, wo es sich nicht ganz vernichten ließ, wenigstens ganz und gar umzugestalten. Man untersuchte nicht, man tadelte, und verwarf. Auf diese Weise konnte es nicht fehlen, daß das Gute mit dem Schlimmen zugleich zerstört wurde. Ueberall war man geschäftig, tausend und abertausend Hände griffen nach dem Neuen, und nach allen Seiten hin thaten sich Schulen auf, deren Lebensathem nur in der Opposition bestand, und die sogleich zu existiren aufhörten, sobald die Opposition nicht mehr war. So ist es auch mit der romantischen Poesie; man wird aufhören von ihr zu sprechen, sobald man sich darüber verständigt haben wird, daß es nur eine Poesie geben kann und muß, und daß es völlig gleichgültig ist, ob man diese klassisch oder romantisch nennt, ob sie ihre Lehrsätze aus der Naturphilosophie, oder aus dem Aristoteles schöpft. Ich habe eine geraume Zeit hindurch meine Aufmerksamkeit einer Gattung des Romans, der Novelle, geschenkt, und auch hier jenes Unbestimmte, Schwankende entdeckt, welches das Element unsrer heutigen, poetischen Erzeugnisse zu seyn scheint. Eines Theils finde ich in dieser Form, wenn man sie eine nennen darf, eine bedeutende Annäherung an den Sittenroman jener Tage, und diese möchte wohl die ersprießlichste Richtung seyn. Anderntheils zeigen sich mir in dieser Gestalt lauter verkrüppelte, historische Stoffe, oft eben so übel gewählt, als behandelt. Vor fünfzig Jahren zurück spaltete sich der Roman in viele Nebenzweige, die für sich ein Ganzes bildeten; es gab wohl ein Dutzend Gattungen, und unter diesen zeichneten sich der historische, der Bildungs- oder moralische, der Sitten-, der philosophische, der satirische und der gewöhnliche Liebesroman, aus. Jezt wirft man diese verschiedenen Stoffe in eine Form zusammen und nennt diese eine Novelle. Wie die Italiener diese Gattung betrachtet, wie sie bei spanischen und zum Theil altdeutschen Mustern sich zeigt, scheint ihr feststehender Charakter ursprünglich kein anderer zu seyn, als etwas wirklich Geschehenes zu geben, daraus ein Geschichtchen zu machen, das öfters mit Scharfsinn und Ernst, gewöhnlich jedoch mit Laune, Munterkeit, Witz und schuldloser Satire zur Belustigung einer frohen Gesellschaft erzählt wurde. Die Stoffe zu derlei Arbeiten boten sich dem jovialen Dichter wohl täglich, und bot ihm die Geschichte des Tages nichts, so plünderte er die alten Historien, und da sehen wir oft auf höchst naive, komische Weise sehr ernste, tragische Vorfälle behandelt. Unsre neuen Novellen treten dagegen ganz anders auf. Weit entfernt von der ursprünglichen Einfachheit, jenem muthwilligen ungesuchten Scherz, sind sie oft nur kleine gelehrte Compendien, überladen mit gesuchtem Scherz und süffisanter Laune; die Fabel, welche Hauptsache seyn sollte, wird dergestalt Nebensache, daß die auftretenden Personen zu Herolden gewisser Ansichten und Meinungen gestempelt werden, die sich nun auf eine unterhaltende und belehrende Weise selbst bekämpfen. Unmöglich hätte sich diese Gattung so seltsam ausbilden können, wenn nicht ihr ursprünglicher Zweck auch ein polemischer, gegen die Zeit gerichteter, gewesen wäre. Ein großer Meister, der Stifter der Schule, hat auch diese Form in's Leben gerufen, und allerdings erscheint die Novelle, so wie er sie gibt, mit dem Zauber der Diktion, mit der Frische und Kraft des Gedankens und der Fülle eines wahrhaft goldnen Humors, überaus reizend; sie bewegt sich scharf im Gegensatze gegen die oft gemeine Wirklichkeit des historischen Romans, dessen Boden tausend Füße bereits platt getreten haben, und gibt in stetem, lebendigem Farbenspiel eine wunderbare, träumerische Welt, die ihren Grund im Innern des Gemüths, in der Tiefe einer poetischen Anschauung findet. Um diese Worte zu bekräftigen, braucht man nur die Arbeiten zweier Meister, die sich fast einen und denselben Gegenstand wählten, in dessen Behandlung jedoch auf das Entschiedenste abweichen, an einander zu halten: ich meine » den Aufruhr in den Cevennen« und Scotts historisches Gemälde » die Schwärmer.« Welche Verschiedenheit! wie schwankend und ungewiß ist die Lokalität in jenem, gegen die topographische Genauigkeit des historischen Bodens in diesem; dagegen ist die Menschenbrust in ihren Tiefen auf das Wunderbarste in jenem dem Auge bloßgestellt, während in diesem immer nur die Begebenheit die Hauptsache bleibt, und sich der Dichter offenbar, wo er die innere Gemüthswelt berühren soll, seinem Gegenstand durchaus nicht gewachsen zeigt. Vielleicht läßt sich auch auf diesem Wege erforschen, warum der Dichter des Cevennen-Aufruhrs seine Arbeit eine Novelle und nicht historischen Roman genannt, und welches eigentlich die Theorie ist, nach der er jene Gattung beurtheilt sehen will.«

Eduard sagte: »So trefflich ich diese Schöpfungen finde, so ist mir doch der jugendliche, feurige Genius, der das klare Heiligenbild Genovefa's zu malen verstand, Golo's tiefen Liebesschmerz so ergreifend schilderte, der endlich im Octavian ein ganzes Füllhorn von Muthwillen, Geist, Liebessehnsucht und glühender Schwärmerei ausschüttet, doch unendlich viel lieber, als der spätere, durch die Widersprüche des Lebens abgekühlte, oft mit verwundenden Zweifeln spielende Geist, wie er sich besonders im Cevennen-Aufruhr, im Alten vom Berge und anderen Arbeiten offenbart.« –

»Diese trefflichen Dichtungen,« nahm der Gelehrte wieder das Wort, »sind ihrem Werthe nach noch lange nicht genug anerkannt, oder man verkennt sie jezt mit Absicht. Es gibt eine Menge Uebelwollende und Unverständige, die auch hier Partei suchen, wo sie nur den frisch schaffenden Genius suchen und verehren sollten. In ihm, dem größten, jezt lebenden Dichter, in seiner Verehrung sollte man sich vereinigen, um doch ein Ziel, einen Zweck im Auge zu behalten. Die Franzosen, welche die Dichtungsart der Novelle jezt nachahmen, sollten vor allem ihn zu übersetzen suchen; wenn sie überhaupt im Stande sind, einen tiefen, poetischen Geist zu würdigen; allein ich fürchte, daß sie lieber zu den Karrikaturen von Hoffmann greifen, als zu Dichtungen, wie z. B. der blonde Eckbert, Liebeszauber und andre.« –

Diese Worte versöhnten Ottfried vollkommen mit dem Gelehrten, er drückte ihm die Hand und rief: »An dieser Aeußerung sehe ich, Verehrter, daß wir uns vollkommen verständigen können. Nur nicht das Jahrhundert des vierzehnten Ludwigs wieder hervorgerufen!«

Der Gelehrte sah seinen neuen Freund mit einem lächelnden Seitenblick an. Als er sich entfernt hatte, sagte er zu Eduard: »Was würde der gute Mann wohl sagen, erführe er, daß ich eben eine Uebersetzung des Racine unter Händen habe; ja, daß ich sogar den Voltaire und Crebillon herausgeben will, und daß ich, was auch jene Aeußerungen betrifft, in vollem Ernst daran arbeite, den ganzen mittelalterlichen Schutt herauszukehren. Ich meine, die Meister der Schule selbst sind allbereits dahinter gekommen, daß sie vor einem goldnen Kalb getanzt; doch haben sie freilich zum Theil hübsche, zierliche Sprünge gemacht, allein vom Sinai steigt Moses herab mit den Tafeln des neuen Gesetzes. Ihre Gräfin ist eine treffliche Dame; sie hat vollkommen Recht, wenn sie verlangt, daß wieder das Zeitalter der Galanterie erwache, wo eine Ninon noch im achtzigsten Jahre so pikante Triumphe feierte. Auch wir werden es endlich müde werden, für nichts und wieder nichts zu streiten; wir werden eine große, wohlgepuderte Perrücke über das Ohr ziehen, und nichts hören, als was wir hören wollen. Das Jahrhundert der Ideen ist ein sehr unbequemes Jahrhundert, und ich ziehe unbedingt das Jahrhundert des Genusses vor. Es ist unstreitig weit angenehmer, über ein Liedchen von Grecourt zu lachen, als über das Verhältniß der Unterthanen zu ihrem Herrscher sich den Kopf zu zerbrechen; und am Ende wiegt doch eine Minute, in der man lacht, zehn Jahre auf, die man mit vergeblichen Grübeleien zugebracht.« –

Eduard war zweifelhaft, ob der zutrauliche Mann scherze, oder im Ernst spreche; doch ein Blick auf die ausgesuchte Bequemlichkeit und Zierlichkeit der Umgebung, das Wohlbehagliche in der ganzen Erscheinung des Philosophen schien wohl für das letztere zu sprechen. Obgleich er ihm in manchen Dingen Recht geben mußte, fühlte er sich dennoch mehr zu Ottfrieds Wärme hingezogen, wenn auch dieser oft den Charakter der Schwärmerei annahm. Man trennte sich, und die Freunde eilten, zu ihrer Begleitung zu gelangen, da die Fortsetzung der Reise noch auf denselben Tag festgesezt war.

Als unser Freund im Pfarrhause angelangt war, erhielt er Briefe von der Äbtissin, in denen sie ihre Ankunft im fürstlichen Schlosse meldete, und zugleich beifügte, daß die Prinzessin und Magdalena bei ihr wären. Diese Nachricht erleuchtete wie ein Blitz die trübe Dämmerung seines Busens. Er entschloß sich, die beengenden Zweifel, die ihn während der Abwesenheit vom Kloster immerdar gequält hatten, mit einem Streich zu zerstören, und sein Schicksal in die Hand des geliebten, von ihm gekränkten Mädchens zu legen.

Er schrieb an Magdalenen, er bat sie in den rührendsten Ausdrücken um Vergebung, und erinnerte sie an den Schwur der Liebe, den sie von seinen Lippen empfangen. Diesen Brief schloß er ein in den an die Aebtissin. Kaum waren diese Papiere fort, als ihn der quälende Gedanke mit verdoppelter Kraft befiel, daß er zu eilig gehandelt, daß er vielleicht mit diesem Schritt das Unglück seines Lebens herbei beschworen. Während die Anstalten zur Reise die ganze Gesellschaft in Thätigkeit sezten, irrte er noch einsam im Walde herum, sich und sein unglückliches Geschick verwünschend. –

Der Pfarrer war untröstlich über die Abreise seiner Gäste; er hatte zulezt noch dem Abt einige Gesänge vorgelesen, die dieser überhörte, und die Pfarrerin, die von der Gräfin ein artiges Geschenk zum Angedenken erhielt, sang in falschen Tönen noch ein Abschiedsliedchen.

Der Zug der Wagen bewegte sich jezt langsam den alten Lindengang hinab, die Männer hatten sich, auf Anrathen des Schulzen im Dorf, leicht bewaffnet, doch lehnten sie eine Garde von Bauernknechten, die ihnen der Pfarrer mitgeben wollte, ab. Auf des Barons hinterlassene Einladung entschloß man sich, auf dessen Landgut einzukehren, und Alle, besonders Eduard, konnten nicht erwarten, ihren freundlichen gastfreien Wirth bald wiederzusehen. Diese Ungeduld zu verwehren, trug viel der schlechte ungebahnte Weg, den man jezt mitten im Forste fand, und das eingetretene böse Wetter bei. Es ging nur langsam vorwärts; öfters mußten Führer angenommen werden und trotz deren Hülfe irrten die Reisenden nicht selten.

An dem zweiten Abend, an dem man tiefer in die Nacht hinein zu fahren gezwungen war, geriethen die Wagen in eine enge Schlucht, in der sie in Gefahr kamen, einen Sturz zu thun, da wenige Schritte vorwärts sich ein tiefer Abgrund zeigte. Die Gräfin und Julie stiegen herab; in dem Moment scheuten die Pferde, es rauschte im Dickicht, und schnell auf einander fielen zwei Pistolenschüsse. Ein dumpfes verhallendes Rufen mehrerer Stimmen erhob sich. Eduard, Massiello und die Diener bemächtigten sich der Pferde, die Gräfin zeigte eben so viel Entschlossenheit als Muth.

»Eilen Sie!« rief sie den Männern zu, »leisten Sie Gegenwehr! An Flucht ist nicht zu denken, ehe die Wagen sicher den Abhang hinabgeleitet sind. Ueberlassen Sie meinem Schutze das Fräulein.«

Der Mond, der über die rauschenden Fichtenhäupter emporstieg, warf seinen vollen Glanz auf die Gruppe. Es fielen wieder mehrere Schüsse, ohne daß einer der Banditen sich aus dem Hinterhalt hervorwagte. Dieser Umstand ließ vermuthen, daß ihre Anzahl nicht bedeutend sey. Es gelang Eduarden, vereint mit den Dienern der Gräfin, die Anhöhe zu erklimmen, wo er auch sogleich mit drei verwegenen Burschen in Kampf gerieth; zwei von ihnen wurden verwundet, doch ersezten zwei andere ihre Stelle. Der Jäger, welcher neben Eduarden seinen Platz tapfer behauptete, verwickelte sich mit seinen Sporen in den Wurzeln am Boden, und stürzte den Abhang hinab. Diesen Unglücksfall benuzten sogleich die Räuber und drangen mit verdoppelter Wuth ein; unfehlbar wäre Eduard ihren Streichen nicht gewachsen gewesen, wenn nicht in dem Augenblick ein junger Mensch aus dem Gebüsch gesprungen und ihm zu Hülfe geeilt wäre. Die tapfern Hiebe, die der Unbekannte austheilte, halfen den Kampf entscheiden.

Indessen waren die Wagen den Engpaß hindurch geleitet worden; Massiello und Ottfried hatten die Frauen hineingehoben; Eduard bot dem verwundeten Jäger in seiner leichten Reisechaise einen Platz, der fremde junge Mann stieg ebenfalls ein, und jezt flogen die Pferde auf dem bessern Wege in möglichster Eile dem Dorfe zu, wo man übernachten wollte, und das nicht mehr fern war.

Als Eduard seinen Mitkämpfer näher fixirte, lüftete dieser den breiten Hut, der sein Gesicht in tiefe Schatten hüllte, und mit einem Rufe der freudigsten Ueberraschung begrüßten sich die Freunde. Es war August.

»Danken Sie mir nicht,« sagte der Kadet, »nicht ich habe Sie gerettet, wohl aber Sie mich; den weitläufigern Bericht lassen Sie mich nachher machen, wenn wir erst aus aller Gefahr sind.«

Der Zug hielt bald darauf auf einem freundlichen Platz vor dem Dörfchen. Die Damen wollten durchaus von Eduards Befinden umständliche Nachricht; er trat selbst zu ihnen an den Wagen, an der Hand den Freund, dessen schlanken Körper die wilde romantische Tracht durchaus nicht schlecht kleidete. Alle waren über rascht und verwundert; man drang in ihn, zu erzählen.

»Meine ganze tragische Geschichte,« sagte der Kadet, indem ein lebhaftes Roth seine bräunliche Wange färbte, »gehört eigentlich mehr vor das Ohr meines Beichtvaters, als vor das junger Damen. Indeß, da bei aller Dreistigkeit von meiner Seite, und aller Rohheit von Seiten der Feinde doch etwas Romantisches in meinem Schicksal liegt, so will ich es denn zum Besten geben. Ich hatte nämlich den abentheuerlichen Plan gefaßt, ohne Wissen meines guten Vaters, eine kleine Tänzerin zu entführen, die ich im Schlosse kennen gelernt; ich wußte aber nicht, daß ein elender Bube ihr gleichfalls nachschlich, der sich unter der Maske eines Schauspielers bei Müllers Truppe eingeführt hatte, eigentlich aber nichts anderes als ein entlaufener Spitzbube war. Mit einigen seiner Spießgesellen gelang es ihm, in unsere Gegend zu dringen, ja, die Frechheit so weit zu treiben, im fürstlichen Schlosse selbst Schlupfwinkel aufzufinden, aus denen heraus er den abentheuerlichen Spuk veranlaßte, von dem man reden hörte. Als ich nun mit meiner Beute mich zu Sabinens Tante, welche hier wohnt, auf den Weg mache, falle ich in die Hände dieser Elenden, die mich in ihre Behausungen brachten, und von wo aus sie mir versprachen, wegen eines Lösegeldes in Unterhand lung zu treten. Ich weiß nicht, ob mein guter Vater etwas von meinem Unglück erfahren hat. Ich selbst war entschlossen, mich auf irgend eine Weise, sey sie auch noch so verzweifelt, wieder frei zu machen; denn das Einzige, was mich hätte in meiner Waldeinsamkeit trösten können, Sabinens Gegenwart, vermehrte nur noch mein Unbehagen, denn ich mußte leider nur zu bald gewahr werden, daß sie gegen Andere eben so gütig war, wie gegen mich. Nun, ich will ihr nichts Uebles wünschen; jezt, da ich wieder frei bin, sollen Alle, und selbst die elenden Schufte, leben. Welchen Spaß wird es geben, wenn ich dieses allerliebste Costüm abstreife, und dagegen in die zierliche Uniform eines Kammerjunkers fahre! Wahrlich, das Schicksal will mir wohl, es schickt mir doch allerlei belustigende Situationen!«

Er scherzte noch lange so fort, und die Gräfin verwandte kein Auge von den schönen, jugendlichen Zügen, aus denen Offenheit, List, Muthwille und Jugendfrische in einem lieblichen Verein strahlten. Eduard trieb zum Weiterfahren am frühen Morgen; seine Ungeduld, das Ziel der Reise zu erreichen, stieg mit jeder Stunde Weges, die er ihm näher kam. Er ging der Entscheidung seines Schicksals entgegen.

Am Mittag des dritten Tages langte der kleine Zug vor dem Landhause des Barons an. Er selbst kam den Aussteigenden mit seiner gewohnten Freundlichkeit entgegen, die noch erhöht wurde, und sogar den Charakter der Galanterie annahm, als er jezt die Gräfin aus dem Wagen hob.

»Ich möchte Ihnen gern ein Geschenk machen,« rief die Dame lächelnd, »doch weiß ich nicht, ob Sie aus meinen Händen etwas annehmen wollen.« –

»Welche Frage?« rief der Baron.

»Nun wohlan,« entgegnete sie, und brachte den versteckt gehaltenen August hinter dem Wagen hervor, »da, hier ist meine Gabe!«

Vater und Sohn begrüßten sich herzlich; dem Jüngling standen die Thränen im Auge. »Nicht wahr,« rief er auf seine lebhafte Weise, »wenn die Gabe auch gering ist, durch die Geberin erhält sie großen Werth?« –

»So ist's, mein Sohn!« entgegnete der Baron und umarmte seinen Liebling, der von Neuem dem Vater zeigte, daß er, was die galante Aufmerksamkeit gegen das schöne Geschlecht betrifft, mit keinem Apfel zu vergleichen war, der weit vom Stamme gefallen. Durch diese Schmeichelkünste erwarb er sich auch Verzeihung für die Entführungsgeschichte.

Die Prinzessin mit Magdalenen und der Aebtissin war nach der Residenz abgereist. Diese Nachricht erschreckte Eduarden nicht wenig. Julie zeigte sich verstimmt und traurig, denn jeder, auch der geringfügigste Umstand, erinnerte sie an die fehlende Mutter; auch Ottfried fühlte den Verlust schmerzlich, und nur der Baron, schien es, wußte sich in Gesellschaft der Gräfin zu trösten.

Massiello bereitete sich eine unerwartete Freude vor, indem ein Brief aus der Residenz ihm Roberts Ankunft meldete. Bald nach Empfang des Schreibens erschien der lang vermißte Freund selbst. Er war noch immer der stolze, übersehende, schöne Mann; die Jahre schienen wirkungslos über seinem Haupte dahingegangen. Seine Reichthümer hatten ihm Rang, seine Talente Ansehen verschafft; dennoch war Juliens Urtheil über ihn äußerst treffend; sie führte die Stelle aus dem Faust an: »Es steht ihm an der Stirn geschrieben, daß er keine Seele mag lieben!« Er überredete Massiello, mit ihm auf sein Landschloß nach England zu gehen. Der Musiker willigte ein, doch bemerkte er gegen Eduard:

»Ich weiß nicht, wie euer Schicksal sich gestalten wird, ihr Lieben, aber mich holt nun der Teufel, dies ist ausgemacht; schon daß wir bei Nacht und Nebel morgen abziehen sollen, ist wahrhaft teuflisch. Ich fürchte, es wird mit uns ein sehr böses Ende nehmen; die Ouvertüre unserer Jugend war zu genial componirt, als daß ein mattes, alltägliches Finale irgend passen sollte.«

Eduard erkundigte sich nach der Gräfin Eva. »Wenn Sie sie sehen wollen, ich führe sie bei mir,« erwiderte Robert mit einem matten überdrüssigen Ton. Er brachte eines der neuen englischen Taschenbücher zum Vorschein, das sich die Aufgabe gestellt, Portraits schöner und berühmter Frauen zu geben, und siehe, gleich auf dem ersten Blatte glänzten ihm die großen schwarzen Augen mit ihrem magischen Zauber entgegen. –

»Himmel!« rief Massiello entzückt, »gegen dieses wunderbare Wesen sind wir doch alle kleinbürgerlich und prosaisch; die Tugend selbst schämt sich, neben ihr tugendhaft zu bleiben. Möchte die Treffliche nun ihre Memoires schreiben, und als Kupfer die Bildnisse all' der hübschen Jungen geben, denen sie das Roth von den Wangen gestohlen; diese kleine, lächelnde Circe!« –

Robert schlug das Buch zu und ein verblühtes Lächeln flog über seine Stirne.

Indessen war im Hause viel Bewegung: der Journalist mit Sophien war angekommen. In einem ziemlich unscheinbaren Wagen hatte die ganze Familie, das Elternpaar, nebst drei Kindern und den Wärterinnen, Platz gefunden. Sophie eilte auf den Vater zu, und ihm die Hand küssend, stellte sie ihm ihre drei Kleinen vor. Der Journalist und Ottfried begrüßten sich herzlich; auch der Pastor, als er von den Angekommenen hörte, fand sich ein, und Sophie ging ihrem alten Liebhaber mit der Miene des Triumphs entgegen. Ihre Erscheinung war jezt überhaupt gewinnender, die Würde als Hausfrau kleidete ihr offenbar, und obgleich sich noch immer das Unstäte, Flüchtige in ihrem Wesen zeigte, so war doch eine gewisse Aufmerksamkeit bemerkbar, die sie auf sich und ihre Umgebung wandte. Sie brachte allerlei Neuigkeiten vor, welche die Andern schon wußten, und that einige unpassende Fragen an die Gräfin, wegen neuer Moden. Ihre Kinder, die sie immer umringten, unterbrachen jedes Gespräch, das sie eilig und verwirrt anknüpfte.

»Nicht wahr,« sagte sie zu Eduard, »ich bin etwas aus der Welt herausgekommen, mein Anzug, meine Kleidungsstücke sind nicht ganz neu, allein ich strebe auch diesem Ruhm nicht nach; wenn Sie in mir eine ächte, deutsche Hausfrau finden, der das Gemeinwesen nicht fremd ist, die am Thun und Reden der Männer Theil nimmt, so viel es einem Weibe geziemt, so werden Sie das finden, was ich gern seyn möchte.«

Massiello und Robert fanden sie unerträglich. Der Journalist erlebte noch die Demüthigung, daß er einen Brief aus dem Gebirge, von den Häuptlingen der Bande, erhielt, die ihn als den Mann der Freiheit aufforderten, ihre Rechte zu vertreten, da sie doch nichts anders, als edle, verkannte Bürger seyen. Der Componist und Robert wollten den Abt mit sich nehmen, allein es fand sich, daß er mit dem Gelehrten im Handel auf das reizend gelegene Landgütchen stand, welches jener verlassen wollte, um sich nach Paris zur Förderung seiner Studien zu begeben.

Am Abend kam ein Schreiben von der Aebtissin an Eduard an, das zum Einschluß einen Brief von Magdalenen enthielt; er lautete folgendermaßen:

»Sie bieten Ihre Hand, doch haben Sie auch bedacht, wem Sie sie bieten? Wenn Sie gewisse Dinge vergessen können, so kann ich's doch nicht, und werde darum Ihr Geschenk nicht annehmen. Erinnern Sie sich des Briefs, den ich Ihnen an meinen Vetter, den General Erlfeld, mitgab, und der nicht in seine Hände gekommen ist; wurde Ihnen sein Inhalt bekannt? Ich muß es glauben, und welches Glück erwarten Sie nun an der Seite eines Weibes, die Ihnen jenes Bekenntniß abgelegt hat? Sie gestehen, daß Sie sich in mir geirrt haben; wollte Gott, Eduard, ich könnte dasselbe von Ihnen sagen; doch halten Sie es meinem Herzen zu gut, das immer wahr und treu gefühlt hat. Meine Liebe wich von dem Moment von Ihnen, in dem sich die Ihrige mir zu wandte. Ich sah, daß ich Ihnen imponirte, und ich suche Jemanden, der mir imponirt. Ich bin überzeugt, daß Sie glücklich seyn werden, da Sie das Glück nicht erhalten, um das Sie bitten.«

Die Worte der Aebtissin suchten jene Aeußerungen zu mildern, und sie wo möglich in einen freundlichen, liebevollen Tadel umzuwandeln, doch Eduards Inneres war zu sehr beleidigt, als daß er diesem Troste sich hätte hingeben sollen.

Der Baron, der sich sein Vertrauen erbeten, sagte: »Beurtheilen Sie dieses sonderbare Geschöpf nicht nach gewöhnlichem Maßstabe, es steht geheimnißvoll und unerforschlich da; wenn man es verstanden zu haben glaubt, so ist es im nächsten Moment schon wieder jedem Verständniß entrückt. Sie betet die Energie an, wo sie sie findet, und glaubt sich berechtigt, die Schwäche zu verfolgen und zu brandmarken, wo es nur in ihren Kräften steht, da sie ihr eigenes Daseyn der moralischen Schwäche eines gewissenlosen Mannes zuzuschreiben hat. Wahrlich, mein theurer Freund, Sie sind glücklich, da Sie dieses Weib nicht besitzen. Solche Naturen gehen allein, unverstanden durch die Welt, und man sieht sie Niemanden gehorchen, als dem Gott in ihrem eignen Busen.«

»Sagen Sie das nicht, Verehrter,« erwiderte Eduard schmerzvoll, »sagen Sie vielmehr, daß ich das Spiel eines harten, treulosen Herzens war, und daß ich die köstlichsten Huldigungen hinwarf, um einem Götzen von Metall zu dienen. Ich war thöricht, daß ich mir schmeicheln ließ, als könne irgend ein Lebensglück mir noch lächeln.«

Er verbarg sein Antlitz, und der Baron betrachtete seinen jungen Freund mit gerührter Teilnahme; als Ottfried und Julie sich näherten, lief Eduard zum Baron: »Verschwiegenheit, Theurer, ich will um Alles nicht in Ihr Haus des Glücks das Unglück bringen, welches mich verfolgt.«

Er erhob sich und ging den Eintretenden in gewohnter Stimmung entgegen. Diese sprachen von der baldigen Abreise der Gräfin.

»In der That,« rief Ottfried zu seinem Bruder, »darf sie denn auch länger bleiben? Sie, eine unverheirathete Dame, im Hause eines Wittwers?« –

»Bruder!« drohte der Baron mit erhobnem Zeigefinger.

»Im Ernst!« »entgegnete dieser; »sie lebt und schwärmt für eine Zeit, die Du auch die glückliche nennest; sie liest die Clarissa und den Grandison, und in Deiner ganzen Bibliothek finden sich vielleicht keine andre, als nur diese verzweifelten Romane. Wahrlich, ich sehe euch schon beide auf dem alten Papagayen-Kanapee der Großmutter sitzen, und den im Irrgarten der Liebe herumtaumelnden Kavalier lesen.« –

»Und Dich,« rief der Baron mit einem boshaften Lächeln, »Dich sehe ich mit einem modernen Käthchen von Heilbronn durch die Welt ziehen, oder ein Philinchen führt Dich irre; ja, nimm Dich nur in Acht, Du alter Romantiker!« –

Eduard, Massiello, Robert und der Abt hatten sich auf das neue Landgut des leztern begeben. Sie saßen noch an einem stürmischen Abende im Saale, die Flamme des Kamins brannte düster und eine Schaale mit Punsch dampfte un berührt auf dem Tische. Ehe sie von einander schieden, hatten sie diese späte Stunde noch zum Beisammenseyn bestimmt, allein ein düstrer Geist schwebte auf den leichten Wölkchen, die aus der Schaale emporstiegen. Sie alle saßen, die Häupter aufgestüzt, schweigend da, die Lichter waren herabgebrannt, Düsterheit lagerte sich auf den Saal, und durch dieses geheimnißvolle Dunkel blinkten die weißen Todtenleiber der Bildsäulen, der Sturm brauste in den Gipfel der Bäume.

Massiello fuhr auf und warf einen irren Blick umher, indem er rief: »Himmel, wie geschwätzig sind wir, es kommt ja keiner zu Wort!« –

»Still,« lispelte Robert, auf den Abt zeigend, »weckt die Todten nicht.«

Die Freunde blickten hin, und wirklich fand man den Abt eingeschlafen, das volle Antlitz mit dem zufriedenen Lächeln auf die rechte Schulter geneigt, die Hände auf dem Leibe gefaltet.

»Dem Sieger die Ehre!« rief Massiello, »er kann schlafen, das können wir nicht. Kommt, laßt uns ihn ausstellen als des Schöpfers Meisterstück, als die glückseligste Kreatur!«

Sie hoben leise den Lehnsessel mit dem Schläfer unter ein großes Bild, das die Venus von Titian vorstellte, zu jeder Seite wurde ein Tischchen, das eine mit der Punschschaale, das andre mit einer dampfenden Pastete, gesezt. Massiello brachte einige Rosen, sie waren noch mit dem nächtlichen Thau befeuchtet, aus ihnen flocht er er eine Krone, die er leise dem Schäfer aufsezte, Wachskerzen wurden zu beiden Seiten gestellt. – Massiello knieete in Andacht vor dem sonderbaren Bilde, indem er die Worte ausstieß:

»Ich verehre dich, runder, behaglicher, immer lachender Lebenssinn, goldner Gleichmuth! du bist der wahre Gott dieser Welt! – Was ist für dich der Kummer der Sterblichen? – Der Apfel der Sünde, um den sich die Theologen zanken, der das Elend auf die Welt gebracht, du verspeisest ihn mit Wohlbehagen in einer Pastete! der Baum des Erkenntnisses, jenes fatale Holz, an dem sich tausend und abertausend arme Menschenleiber kreuzigen, du machst dir ein angenehmes Feuerchen daraus, an dem du dein Gebein lieblich wärmst! – Das Testament des alten Bundes, das uns alle enterbt, dir gibt es eine fette Erbschaft; denn als der Fluch über Adam's Geschlecht ausgesprochen wurde, da soupirtest du gerade, und überhörtest ihn, und als uns alle der feurige Engel aus dem Paradies hinaustrieb, da hielt'st du eben ein Mittagsschläfchen und bliebst sogleich darin; ja du erwachtest nicht früher, als bis des alten Noah Trauben reif waren und es wieder Wein vorräthig gab. – O du glückseligste Kreatur! Ja lächle nur unter den Rosen; hätt' ich tausend Stimmen, ich würde mit allen dir lobsingen, du breite, bequeme Genußseele! Das große fürchterliche Lied, das die Parzen singen, das Lied der Weltgeschichte, für dich ist's ein Schlummerlied. Bei dem Licht eines Kometen, der die Erde in Schrecken sezt, kochst du dir ein Abendsüppchen. Was kümmert dich das Geschick des Hauses Atreus? was dich die Auswanderung der eilftausend Jungfrauen? Ohne Kampf fällt dir der Sieg, ohne Arbeit der Lohn in den Schooß! Lächelnd wandelst du am Abgrund und an allen Marterbänken vorüber. Das herzzerreißende Ach der Sehnsucht säuselt als ein armes Lüftchen über deinem Haupte dahin; der alte Bettelstab der Sorge, auf den sich die seufzende Creatur stüzt, du nimmst ihn als Spazierstöckchen in die Hand; das Laster ist für dich ein amüsantes Wesen, und die Tugend eine Person, mit der sich's umgehen läßt. So lebe denn wohl, Meisterstück der Schöpfung, glückseligste Kreatur – Rose, Pastete, Schlaf, Armstuhl! wie soll ich dich nennen? Ich gehe jezt, doch ich hoffe, dir bald wieder zu begegnen, bis dahin schlummre sanft!«

Er erhob sich, Eduard und Robert begleiteten ihn, und die drei Freunde verloren sich draußen in der Dunkelheit. Noch von Weitem sah man durch die Glasthüren die Lichter schimmern, zwischen ihnen das schlummernde, mit Rosen bekränzte Haupt, rund umher die stummen Götter und Göttinnen.

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