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Dynamit an Bord

James Payn: Dynamit an Bord - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorJames Payn
titleDynamit an Bord
booktitleDer Rottmerhof
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunSechste Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150909
projectid1f74c5d7
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Ich muß beinahe jedes Jahr einmal nach Amerika hinüberfahren und benütze, wenn es mir irgend möglich ist, das Schiff des Kapitäns Cole, mit dem ich eng befreundet bin: die »Boston« von der Cunard Line. Der alte Seebär weiß trefflich zu erzählen und hat, wie übrigens alle Kapitäne, die unglaublichsten Abenteuer erlebt. Eine seiner Geschichten ist mir besonders gut im Gedächtnis geblieben, weil ihr Schauplatz der allen geheimnisvollen Reizes bare Ozean ist; und, wie Sie wissen, ist es gewagt, von dieser Weltgegend im Seemannslatein zu erzählen.

Es mag so etwa sechs Jahre her sein, begann der Kapitän; mitten im Sommer, auf der Hinreise. Wir hatten das denkbar beste Wetter gehabt; während der ganzen Fahrt war das Meer so glatt wie ein Tanzboden gewesen.

Ich lächelte – nicht bloß, weil ich durch eine leicht erklärliche Gedankenassoziation veranlaßt mir den kleinen, vierschrötigen Kapitän mit dem breiten Matrosengang auf einem Tanzboden vorzustellen versuchte, sondern auch weil ich aus Erfahrung wußte, was er unter einem glatten Meer verstand. Mein Lächeln entging ihm nicht.

Na ja, fuhr er fort; ich hätte vielleicht nicht gerade sagen sollen »während der ganzen Fahrt«: als wir noch so an hundert Meilen vom Land entfernt waren, erhob sich eine leichte Brise.

Auch seine »leichten Brisen« waren mir nicht unbekannt.

Jawohl, sagte er, eine leichte Brise: ich erinnere mich gut daran, weil wir ein kleines Segelboot auffischten, das es auf die See hinausgeblasen hatte, mit einem Manne darin. Etwa eine halbe Stunde nach diesem Vorfall wollte mich einer der Passagiere unter vier Augen sprechen in einer sehr wichtigen Angelegenheit, wie er mir sagen ließ. Gut! Er kommt also in meine Kajüte, ein kleiner, schmächtiger Kerl, dürr wie ein Schneider, den ich bisher noch gar nicht auf dem Schiff bemerkt hatte; er besaß auch eine so unscheinbare Gestalt, daß ich mich nicht darüber wunderte. Aber der Ausdruck seines Gesichtes fiel mir auf: er schaute mich nämlich so unglücklich und verstört an, daß ich das Gefühl hatte, der Mensch sei betrunken und es habe ihn bereits das Delirium tremens am Kragen.

Na, was ist los? frage ich ihn in strengem Ton; wir kommen bald an Land. Ich habe keine überflüssige Zeit!

Das ist ja schon wahr, Herr Kapitän, antwortete er mit seiner hohen, zitternden Stimme, in scharfem, amerikanischem Akzent; aber Ihre Zeit wird noch kürzer bemessen sein, als Sie denken, wenn Sie nicht anhören, was ich Ihnen mitteilen muß. Sie werden überhaupt nicht an Land kommen, wenn Sie nicht bereit sind, zu handeln, sobald ich Ihnen meine Aussage gemacht habe. Falls Sie das nicht tun, werden Sie mit Ihrem ganzen Schiff in – hierbei warf er einen Blick auf seine Uhr – jawohl, genau in anderthalb Stunden auf dem Meeresgrund liegen.

Schon gut, mein Lieber, erwiderte ich, packen Sie sich jetzt. Ich werde den Schiffsarzt zu Ihnen schicken. Ich war natürlich überzeugt davon, daß er verrückt sei.

Da aber verwandelte sich der Ausdruck auf seinem Gesicht in die wahre Höllenangst, in eine so tödliche Furcht, wie sie der beste Schauspieler nicht mimen könnte. Er warf sich auf die Knie und flehte mich an, ich solle seinen Worten um des Himmels willen Glauben schenken.

Aber, zum Teufel, rief ich jetzt, warum schwatzen Sie einen so verfluchten Unsinn?

Weil es die Wahrheit ist, Herr Kapitän, stöhnte er; wir haben eine Höllenmaschine an Bord, mit Dynamit gefüllt und mit einem unfehlbaren Uhrwerk versehen. So wahr ich lebe, Herr Kapitän, wenn wir nicht sofort danach sehen, wird das Schiff mit allem, was an Bord ist, zur bezeichneten Stunde in Stücke zerrissen werden. Wir haben jetzt – wieder blickte er auf seine Uhr – nur noch eine Stunde und zwanzig Minuten Zeit!

Bei diesem Geständnis fühlte ich, wie mir ein kalter Schauer den Rücken hinunterrieselte: es waren noch nicht drei Monate her, da hatte sich jene Katastrophe – in Liverpool, wenn ich mich recht erinnere – ereignet; ein solcher verdammter Schuft hatte einen Dampfer sehr hoch versichert und das Schiff genau auf dieselbe Weise während der Fahrt zerstören wollen; nur war die Höllenmaschine im Hafen explodiert und hatte eine Menge Leute getötet, darunter den Erfinder selbst.

Himmel, Mensch! rief ich. Sagen Sie mir alles, rasch!

Gewiß, aber ich wage es nicht, und ich kann es nicht, bevor Sie mir nicht feierlich versprochen haben, daß Sie mich niemals verraten werden. Ich weiß, daß Sie Ihr Ehrenwort halten; das genügt mir. Sie müssen mir versprechen, auf keinen Fall je ein Wort von dieser Unterredung auszuplaudern, das mir oder anderen Schaden bringen könnte.

Ich verspreche es. Aber jetzt rasch; wo befindet sich das verfluchte Dynamit?

Einen Augenblick, Herr Kapitän. Wir haben noch reichlich Zeit, jetzt, wo Sie mich angehört haben. Ich möchte Ihnen nur beweisen, daß ich – wenn ich auch den Einflüsterungen des Teufels mein Ohr lieh – es gleich darauf bereute und das Unheil abwenden wollte. Dieses Schiff ist in London versichert – wie hoch und wo, ist gleichgültig –, auf jeden Fall sehr hoch. Ich habe die Maschine an Bord gesendet, drüben in Liverpool; das Uhrwerk ist auf heute eingestellt: Sie sind schneller gefahren, als man für wahrscheinlich hielt. Aber als es geschehen war, bereute ich es und kam deshalb an Bord. Ich verlangte sofort, man solle den kleinen Koffer, der die Maschine enthält, in meine Kajüte stellen – fragen Sie nur Ihre Leute, ob es nicht wahr ist! –, damit ich sie bei günstiger Gelegenheit über Bord werfen könnte. Aber man hatte den Koffer schon unten im Gepäckraum mit dem anderen Gepäck verstaut und sagte mir, man könne ihn jetzt nicht mehr heraussuchen. Es ist ein kleiner Koffer aus Rindsleder, den man mir wohl hätte in meine Kajüte stellen können!

Als ich dem Manne versprach, daß ihm kein Leid geschehen sollte, verließ ihn seine Höllenangst. Er hatte zweifellos das größte Zutrauen zu der Zuverlässigkeit des Uhrwerkes; aber ich war keineswegs so sicher, daß das Ding nicht vorher losgehen könnte.

Kommen Sie an Deck, Sie verfluchter Schuft, rief ich, und identifizieren Sie mir diesen Teufelskoffer!

Sofort befahl ich zwanzig Leuten, das Gepäck an Deck zu schaffen, was sie – da noch nicht einmal Land in Sicht war – nicht wenig in Erstaunen setzte.

Rasch, rasch, Jungens! Ihr bekommt einen Extragrog, rief ich, wenn Ihr mir das Zeug noch innerhalb dieser Stunde heraufschafft!

Die Passagiere, die die Fahrt zum erstenmal machten, glaubten nichts anderes, als daß das ganz in der Ordnung sei. Aber meine Offiziere – die hätten Sie sehen sollen: sie hielten mich alle für verrückt. Da stand ich mit diesem amerikanischen Schneider, der sich Mühe gab, harmlos dreinzuschauen und doch mit scharfem Blick jedes Stück musterte, das heraufkam; er sollte mir ein Zeichen geben, sobald er den verdammten Koffer erblickte. Das Gepäck unserer Cunarddampfer ist schon in bezug aus Quantität kein Spaß, in der Beschaffenheit aber vielleicht zusammengesetzter und gemischter als auf irgendeiner anderen Linie.

Ich eroberte im Flug die Sympathien unserer Damen, weil ich so aufmerksam war und den Leuten zurief, sie sollten das Gepäck ja vorsichtig behandeln und nicht stürzen; sie glaubten natürlich, meine Fürsorge gelte ihrem wertvollen Eigentum, während ich nur an das gefährliche Dynamit dachte und fürchtete, es möchte explodieren. Dieser verdammte Koffer befand sich natürlich ganz unten, unter den letzten Sachen – ein altes, schäbiges Ding, schwer wie Eisen, trotzdem es so klein war. So, Jungens, rief ich, werft mir jetzt das Ding da über Bord, aber weit genug, daß es nirgends gegen das Schiff fällt!

Natürlich fragt auf See kein Mensch nach den Gründen für die Befehle eines Kapitäns, und es flog über Bord; aber ich sah, wie mein erster Offizier dem zweiten einen Blick zuwarf, der so klar, als hätte er es laut gesagt, bedeutete: der Kapitän ist verrückt. Dieser Blick sowie das Gefühl, von der schrecklichen Gefahr befreit zu sein, ließ jetzt zum erstenmal den Gedanken in mir aussteigen, daß man mich vielleicht zum besten gehalten habe. Wenn das der Fall ist, dachte ich, würde ich am liebsten diesen kleinen Schneider seinem Koffer nachsenden. Aber als ich mich an sein Gesicht erinnerte, wie er meine Kajüte betrat, war ich doch nicht so überzeugt davon. Trotzdem sprach ich ihn bei der ersten Gelegenheit wieder an.

Hören Sie mal, sagte ich, Sie unverschämter Schurke; in Ihrer Erzählung ist mir etwas nicht ganz wahrscheinlich. Sie wußten doch, daß die Maschine sich im Gepäckraum befand, und daß Sie sie dort nicht erreichen könnten, als das Schiff noch im Hasen lag. Ihr Leben ist ja, das ist richtig, verflixt wenig wert, aber Sie selbst haben doch sicher eine höhere Meinung davon. Wie konnten Sie es so aufs Spiel setzen? Sie wußten doch nicht im voraus, ob ich Ihnen Glauben schenken würde?

Gewiß, Herr Kapitän, erwiderte er. Aber es war von Anfang an ausgemacht, daß ich mit der Maschine an Bord gehen sollte, gerade um zu verhindern, daß ihr von seiten der Mannschaft etwas geschehen sollte, durch irgendeinen unglücklichen Zufall vielleicht. Ich bekam dafür eine hübsche kleine Summe ausbezahlt. Ich riskierte nicht viel, da man Vorkehrungen getroffen hätte, damit ich mich in Sicherheit bringen könnte. Der Mann im Segelboot, den wir aufgefischt haben, ist für meine persönliche Rettung ausgefahren und sollte mich – wie es ausgemacht war vom Schiff wegbringen.

Was? Der wußte auch von dem Dynamit? fragte ich, ist es möglich, daß außer Ihnen und dem, der Sie anstellte, noch ein dritter Gauner in die Geschichte verwickelt ist?

Gewiß, Herr Kapitän; es tut mir leid, aber es ist so; aber Sie wissen, daß Sie ihm nichts tun können, ohne mich in die Sache zu verwickeln; Sie haben mir Ihr Wort gegeben, daß mir nichts geschehen soll! Außerdem werden Sie sich hoffentlich daran erinnern, daß ich mich hätte drücken können, ohne ein Wort zu verraten, wäre ich nicht so gewissenhaft gewesen!

Der Kerl lächelte so verschmitzt und frech bei diesen Worten, daß ich ihm am liebsten den Kragen umgedreht hätte; aber ich hatte ja mein Wort verpfändet! Sein ganzes Auftreten war jetzt, wo er sich so schlau aus der Affäre gezogen, wie umgewandelt, und auf seinem Gesicht war mehr Befriedigung als Reue zu lesen.

Auf jeden Fall war das Dynamit über Bord, Gott sei Dank; und da wir uns dem Lande näherten, hatte ich an andere Sachen zu denken.

Nicht weit vom Hafen rief uns ein Polizeiboot an, und der erste Offizier verlangte, an Bord genommen zu werden, um mich sprechen zu können.

Hoffentlich keine Auslieferung? fragte ich, als wir in meiner Kajüte saßen. Es befindet sich doch nicht etwa ein englischer Mörder unter meinen Passagieren?

Das nicht gerade, war die Antwort. Aber ich habe allen Grund zu vermuten, daß ein Bürger der Vereinigten Staaten darunter ist, der weder vor einem Mord noch einem anderen Verbrechen zurückschrecken würde.

Da dachte ich natürlich sofort an das Dynamit und freute mich schon innerlich, daß der Schurke entdeckt worden sei, ohne daß ich sein Geheimnis verraten hätte.

Haben Sie einen Haftbefehl, wie ich annehme?

Nein, Kapitän; darin liegt gerade die Schwierigkeit, da ich nicht weiß, wer der Mann ist; aber ich bin beauftragt, das Gepäck durchsuchen zu lassen. Man hat uns gedrahtet, daß mit Ihrem Schiff eine vollständige Druckerei für falsche amerikanische Banknoten eingeführt werden soll; natürlich befindet sie sich nicht im Gepäckraum, sondern als persönliches Gepäck des Burschen in seiner Kajüte.

Jetzt ging mir ein Licht auf, und ich muß gestehen, daß ich nicht wenig verwirrt ausgesehen haben muß.

Es hat doch niemand das Schiff seit Ihrer Abfahrt verlassen? fragte der Offizier ängstlich; man hat im Hafen ein verdächtiges Boot bemerkt, und wir haben Grund zur Annahme, daß der Helfershelfer des Burschen einen telegraphischen Wink ...

Nein, nein, unterbrach ich ihn; alle Passagiere sind noch an Bord. Ich hätte hinzufügen können: sogar einer mehr, aber ich dachte, er könne das ebensogut selbst ausfindig machen. Ich wollte nicht, daß mehr Leute, als durchaus notwendig war, erfahren sollten, wie man mich übertölpelt hatte.

Nach meinen Instruktionen, fuhr der Offizier fort, befinden sich die Druckstöcke in einem kleinen, abgenutzten Koffer aus Rindsleder, der mit Messingnägeln beschlagen und daher leicht erkenntlich ist.

Ich nickte; ich hatte natürlich den Koffer nach seiner Beschreibung rasch wieder erkannt. Hatte ich nicht meinen Leuten ans Herz gelegt, ihn möglichst sorgfältig zu behandeln; hatte ich ihn nicht mit meinen eigenen Augen im Meer versinken gesehen? Und mich dadurch zum Helfershelfer der Fälscher und sogar zu ihrem Retter gemacht?

Natürlich fand der Offizier, trotz seines eifrigen Suchens, den Koffer weder in den Kajüten noch im Gepäckraum. Seine Instruktion war, wie er sagte, offenbar nicht richtig, und der Koffer würde sich wohl auf dem nächsten Dampfer finden. Ich meinte dazu, das sei gut möglich – denn gibt es etwas Unmögliches in einer Welt, wo solche Geschichten passieren?

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