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Dwars in den Weg

Eugenie Rosenberger: Dwars in den Weg - Kapitel 3
Quellenangabe
authorEugenie Rosenberger
titleDwars in den Weg
publishern.n.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Zweiter Teil.

1.

Glücklich auch mit Wenigem, wenn reinlich
Auf dem Tischlein blinket des Vaters Salzfaß.

Horaz.

 

Ebenso wie auf der Hinreise, hatte sich Melitta während der Rückfahrt mit einer neuen, und diesmal in jeder Beziehung traurigen Lebenswendung abzufinden. Unerträglich war ihr der Gedanke, in Hamburg wieder in den früheren Kreis zu treten, abhängig von Robert und Konstanze Nippold, noch dazu mit dem Bewußtsein, daß ihr so ziemlich alle das schroffe Abbrechen der Verlobung verdachten, die einen in ihrem, die anderen in Dieterts Interesse. Zu niemand wären ihre Beziehungen ganz unverändert geblieben; die Dieterts waren weit verzweigt, befreundet und verschwägert mit den meisten Familien ihres Umgangskreises. Frau Kämpf war Fanny gegenüber sehr offen gewesen, und so war Melitta über die Stimmung gegen sich wohl unterrichtet und lehnte sich mit der vollen Heftigkeit und Bitterkeit der Jugend gegen eine so lieblose und oberflächliche Beurteilung auf.

Sie war entschlossen, sich auf ihre eigenen Füße zu stellen, – aber wie? Konstanze – das wußte sie – würde sich einem solchen Vorhaben mit allen Kräften widersetzen und es als eine Schande für die Familie, wenn nicht als persönliche Beleidigung empfinden. Da fiel ihr eines Tages ein Brief ihrer Tante, der einzigen überlebenden Schwester ihrer Mutter, in die Hand. Sie hatte ihn einst nur flüchtig angesehen und mit anderen Beileidsschreiben weggelegt. Jetzt erinnerte sie sich eines Satzes, der sich ihr damals doch eingeprägt hatte. Sie fand den Brief wieder auf und las: »Wenn Du, mein liebes Kind, Dich jetzt, wo Dir der Aufenthalt in Hamburg betrübt und peinlich sein muß, nach einem stillen Fleckchen sehnst, so vergiß nicht, daß Dich hier die wärmste Teilnahme erwartet und mütterliche Arme Dir jederzeit geöffnet sind.«

Das war das einzige wirklich verständnisvolle Wort, das Melitta bisher zugekommen war. Sie wollte daher zunächst zur Tante. In dem einfachen Pfarrhause würde ihr Entschluß, sich ihr Brot selbst zu verdienen, ganz selbstverständlich erscheinen, und der Onkel Pastor würde ihr am besten und am sichersten zu einer Stellung verhelfen.

Hatte sich Melitta schon vor der Ankunft in Hamburg gefürchtet, so erwies sich die Wirklichkeit doch noch um vieles schlimmer, als sie erwartet hatte.

Bei dem ersten Blick auf das alte Haus vermißte sie die dunkle Baumgruppe am Eingang.

»Ihr habt den Taxus fortgenommen?« fragte sie mit zuckenden Lippen, und Konstanze, die sie pflichtschuldigst vom Hafen abgeholt hatte, gab ihr gekniffen zur Antwort: »Der Architekt und der Landschaftsgärtner haben es so bestimmt.«

»Sie waren über dreihundert Jahre alt,« sagte Melitta.

»Sie standen zu nahe am Hause; in der Gartenstube war der Schwamm,« entgegnete Konstanze.

»Und auch das Gärtnerhaus ist fort!« sagte Melitta, sich umsonst nach dem efeuübersponnenen Häuschen umsehend.

»Es ist mit den Gewächshäusern weiter hinunter verlegt. Wir haben auch mit dem Personal ändern müssen. Mit dem alten Werningen war seit dem Tode der Frau nicht mehr auszukommen. Er widersprach jeder Anordnung. Natürlich hat Robert anständig für die Leute gesorgt und ihn und den alten Gustav in die Walterstiftung eingekauft.«

Auch im Hause selbst war so vieles verändert, daß Melitta sich in ihm ganz fremd vorkam. Das Schlafzimmer des Onkels und der Tante war jetzt Konstanzens Wohnzimmer, wo sie nach der Mahlzeit, nachdem Robert sich zurückgezogen hatte, am Kamin saßen.

»Ich denke, Du wirst Deine Besuche sobald wie möglich machen,« hob Konstanze an. »Geschehen muß es doch, und je eher man es hinter sich hat, um so besser.«

»Ich will jetzt noch niemand aufsuchen,« erwiderte Melitta.

»Das kannst Du doch unmöglich durchführen. In solchen Dingen tut man am besten einfach das, was sich schickt,« sagte Konstanze in der ihr eigenen überlegenen Art.

»Nicht, wenn man in tiefer Trauer ist und schwer krank gewesen ist.«

»Ein paar Besuche bei den nächsten Freunden werden Dich nicht zu sehr angreifen; man muß sich auch etwas überwinden können.«

»Ich will auch nicht hier bleiben, ich gedenke mich nach einer Stellung umzusehen.«

»Tu mir die einzige Liebe, Melitta, und laß solche Überspanntheiten beiseite. Du warst Onkel Nippolds Nichte und Pflegetochter, und wenn Du damals nicht selbst eine Erbin gewesen wärst, so hätte er Dich jedenfalls so gestellt, wie es sich für Dich und ihn geziemt hätte. Es fällt uns nicht ein, das anders anzusehen; das sind wir uns und unserer Stellung schuldig. Laß das, bitte, nicht Robert hören. Er ist schon empfindlich, daß Du Dir Hahn und Mac Hallan zu Vormündern gewählt hast –.«

»Das war ja nur eine Form; es gibt ja gar nichts zu verwalten.«

»Gerade deshalb. Robert gibt so furchtbar viel auf die Form. Und er merkt schon wieder sein Podagra, und es würde ihn furchtbar verdrießen, wenn er ein Machtwort sprechen müßte.«

»Ich will so bald wie möglich zu meiner Tante Remmert, Tante Lydias Schwester,« entgegnete Melitta.

»In das Pastorhaus?« sagte Konstanze lebhaft. »Das ist ein sehr guter Gedanke! Auf das Land zu einem Pastor! Ja, das ist unter diesen Umständen sehr angezeigt, sehr richtig.«

»Wie meinst Du das, Konstanze? Unter welchen Umständen?«

»Mein Gott, Melitta, Du brauchst mich nicht mit Deinen Blicken zu durchbohren. Du weißt so gut wie ich, wie die Leute reden, wenn eine Verlobung zurückgeht.«

»Es kommt doch wohl auf die Gründe an, nicht?«

»Gewiß, aber was fragen die Leute nach den Gründen, außer um zu klatschen. Wenn man sagen kann, sie ist zu ihrem Onkel, dem Pastor Remmert, gegangen, das stopft ihnen immerhin etwas den Mund.«

»Ich denke, ich ziehe mich jetzt zurück,« meinte Melitta, »ich bin noch nicht recht kräftig –.« Sie war in der Tat sehr blaß und noch so leicht erregt, daß sie zitterte und wieder den dumpfen Schmerz im Kopfe fühlte, den sie seit dem Sonnenstich noch nicht ganz los geworden war. Sie stand auf und ging der Tür zu.

»Wohin willst Du?« fragte Konstanze.

»In mein Zimmer.«

»Da sind jetzt die Schneiderin und die Jungfer; ich habe oben das Eckstübchen für Dich zurecht machen lassen, das früher die Köchin inne hatte.«

Melitta rang, sobald sie allein war, die Hände und weinte bitterlich.

»Nur fort von hier! Nur fort!« dachte sie. Und das kleine Pfarrdorf, in dem die mütterliche Tante sie erwartete, trat ihr als letzte Zuflucht vor die Seele.

Sie hatte bisher wenig Fühlung mit diesen Verwandten gehabt. Ihre Großeltern, die alten Kellers, die zu den reichsten Leuten eines thüringer Landstädtchens zählten, hatten drei bildhübsche Töchter. Die älteste verlobte sich sehr jung mit dem Kandidaten Remmert, der, wie es hieß, schon in der Töchterschule, wo er unterrichtete, seine kleinen grauen Augen auf Alwinens große blaue geworfen und sich den schönen Goldfisch gesichert hatte. Kellers, die trotz ihres stadtbekannten Vermögens einfache Leute geblieben waren, schätzten es sich sehr zur Ehre, einen geistlichen Schwiegersohn zu bekommen, doch hätten sie in Ermangelung eigener Söhne es gern gesehen, wenn eine der jüngeren Töchter ihnen einen Müller oder Ökonomen zugeführt hätte, der das ausgedehnte Getreidegeschäft mit der Zeit hätte übernehmen können. Es kam aber anders. – An dem Tage, an dem Lydia Keller in das Wohnzimmer stürmte: »Mutter! Thea von Schott und Else Rosenstiel kommen noch auf ein Jahr nach Akazienhof zu Fräulein Rüter; darf ich nicht auch dahin?!« hatte sie in der Lotterie des Lebens ein glänzendes Los gezogen.

Amanda Rüters Pensionat war eine sehr geschätzte Anstalt für junge Mädchen, die eben die Schule verlassen hatten und noch etwas Schliff erhalten sollten. Die Schülerinnen »schwärmten« für Tante Amanda, und viele von denen, deren Erziehung sie vollendet hatte, führten ihr bereits wieder ihre Töchter zu. Sie war eine Bremerin aus bestem Hause, hatte ihre erziehende Tätigkeit aus innerem Beruf ergriffen und darin Trost für ein schweres Geschick und Ersatz für verlorenes Herzensglück gesucht und gefunden. Von einem blühenden Familienkreise war sie fast allein übrig geblieben. Sie alle hatten eines Morgens den jüngsten Sohn und Bruder nach Bremerhafen begleitet, selbst Schwager und Schwester waren mit ihrem Töchterchen aus Hamburg gekommen, um ihn vor der Abreise nach New York nochmals zu sehen. Plaudernd standen sie auf dem Kai, das Glockenzeichen erwartend, das die Reisenden an Bord rufen sollte, als zwei Männer ein kurzes, schweres Faß fallen ließen, und jene Explosion erfolgte, die erst auf hoher See das stattliche Schiff hatte vernichten sollen.

Als Amanda wieder zu sich kam, fand sie sich mit zerrissenen Kleidern, sonst aber unversehrt auf einer Böschung liegen.

Lange konnte sie das Entsetzliche nicht fassen. Mutter, Geschwister, der Freund, der ihrem Herzen am nächsten gestanden hatte, die kleine Nichte, die ganze Familie, waren wie fortgemäht; nur der Sohn ihrer Schwester, der in Hamburg das Gymnasium besuchte, war übrig geblieben. Auf diesen letzten übertrug sie nun alle ihre Liebe, die er mit dankbarer Zuneigung erwiderte. Dieser Neffe war Franz Nippold. Er sah bei ihr Lydia Keller und verliebte sich in das anmutige, helläugige Mädchen mit den herrlichen braunen Flechten. Trotz der Abmahnungen seiner früheren Vormünder, die eindringlich der Heirat mit einer vornehmen Hamburgerin das Wort redeten, führte er seine Lydia heim und hielt sich seitdem stets für einen Mann von Charakter und selbständigem Urteil.

In seinem Hause lernte Tschuschner die jüngste und reizendste der Kellerschen Töchter, seine Melitta, kennen.

Die Bestürzung war groß, als er nach kurzer Zeit um sie anhielt und sie ihm ohne einen Augenblick des Besinnens ihr Wort gab. Das war nicht die Wahl, die Nippolds erhofft, nicht die Verschwägerung, die sie gewünscht hätten. Ganz andere Pläne hatten sie für die entzückend aufblühende junge Schwester gehabt. Franz brachte sie sofort den Eltern zurück und sprach sein Mißfallen über die Verlobung unumwunden aus.

»Es liegt nicht gerade etwas gegen ihn vor,« sagte er, »Hahn hat ihn in Kalifornien gut gekannt und ihn bei uns eingeführt, – aber er ist eine abenteuerliche Natur und hat sich überall Herumgetrieben. Ich vermute, er braucht Geld. Er hat ihr mit seinen albernen Indianergeschichten den Kopf verdreht.«

Die erschrockenen Eltern suchten der Tochter Vernunft beizubringen, aber das sonst so schüchterne Kind gab ihnen mit siegesfrohem Lächeln zur Antwort: »Den oder keinen!« und Tschuschner mißfiel ihnen nicht, als er kam und sich vorstellte. Leider wurde die überaus glückliche Ehe bald wieder getrennt; Melitta starb bei der Geburt des Töchterchens, das ihren Namen trug. Es litt nun Tschuschner nicht lange mehr in der einsamen Wohnung, und er verließ Hamburg, nachdem er das verwaiste Kindchen seiner Schwägerin Nippold übergeben hatte.

Natürlich trug Lydia Sorge, die Kleine auch bei den Großeltern heimisch werden zu lassen. Zuerst kam die Bonne mit dem Kinde, aber auf einen solchen Besuch war der Kellersche Haushalt nicht zugeschnitten und Herr Keller verbat sich die fremde Person. Da aber übernahm die kleine Melitta selbst das Amt der Bonne, mit der Kindern eigenen Pedanterie.

»Auf der Straße spielen läßt Tante mich niemals, Großmama, das ist nur für Kinder, die keinen Garten haben,« – »Wurst darf ich nicht bekommen, Großmama, das ist nichts für kleine Kinder,« – so ging es beständig. Es gelang Lydia nicht lange, dem Kinde diese Besuche als eine große Freude darzustellen, und sie wurden mit der Zeit immer seltener und kürzer. Ganz anders war das Verhältnis der Großeltern zu den Remmertschen Enkeln. Für diese echten Landkinder war der Aufenthalt bei den Großeltern der Inbegriff aller Herrlichkeit. Sie staunten über den Reichtum des Großvaters, der ihnen goldne und silberne Schreibstifte kaufte; sie spielten wundervoll auf den weiten Hausböden mit allerlei Gerümpel und uraltem Spielzeug; mit der dicken Dame im Materialladen schlossen sie Freundschaft und ließen sich Zuckerfischchen und Schokoladenzigarren schenken, die die verwöhnte kleine Hamburgerin nie über die Lippen gebracht hätte. Beim Abschied trösteten sie die Großeltern durch das Versprechen baldigen Wiederkommens, und die Jungen erklärten, bei dem Großvater in das Geschäft treten zu wollen, entschieden sich jedoch später beide für das geistliche Amt. Da sich dann auch die älteste Enkelin mit einem Kandidaten verlobte, so geriet dieser Zweig der Familie ganz in die »Dheolochie«, wie sie auf gut thüringisch, sagten.

Der Lebensabend der alten Kellers gestaltete sich unerwartet trübe; es trat eine wirtschaftliche Krise ein, und obwohl das Bestehen des Geschäfts nicht in Frage kam, so durfte Herr Keller in seinen vorgerückten Jahren doch nicht mehr hoffen, die Verluste, die er erlitten hatte, wieder auszugleichen. In der Tat entsprach schließlich seine Hinterlassenschaft keineswegs den gehegten Erwartungen. Lydia, die sich ja in glänzender Stellung befand, litt darunter nicht, die kleine Melitta war ohnehin eine Erbin, und was Remmerts betraf, so wären sie in ihren bescheidenen Verhältnissen noch immer wohlgestellte Leute geblieben, wenn der Pastor das freundliche Anerbieten seines Schwagers Nippold, ihm das Vermögen zu verwalten, angenommen hätte. Er lehnte es aber in schroffer Weise ab, da er sich selbst für ein Finanzgenie hielt; dabei konnte er der Versuchung nicht widerstehen, sein Geld gegen einen Zinsfuß auszuleihen, der jeden andern stutzig gemacht haben würde. Es bedurfte sehr empfindlicher Verluste, um ihn in dieser Beziehung vorsichtiger zu machen.

Mit ruhigem Gleichmut ertrug seine Frau diese Schädigungen ihres Vermögens; sie hatte einen echt weiblichen unerschütterlichen Glauben an ihren Mann, der sich jeden Fehlgriff dieser Art noch zum Verdienst rechnete. »Borget gern«, »Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon«, »Einer diene dem andern«, waren Worte, die er bei solchen Gelegenheiten im Munde führte.

So lagen die Dinge, als Melitta eines schönen Sommernachmittags auf der dem Pfarrdorfe zunächst gelegenen Bahnstation ausstieg. Ein Bursche mit einer Peitsche trat auf sie zu und teilte ihr mit, »der Wagen wäre da, es hätte niemand mitgekonnt, weil sonst kein Platz für die Sachen gewesen wäre«. Diese Vorsicht erwies sich als gerechtfertigt. Melitta glaubte noch nie ein so vorweltliches Fuhrwerk gesehen zu haben. Ihr Koffer hatte neben dem Kutschersitz keinen Raum und mußte aufrecht neben sie gestellt werden. Die Landstraße führte zwischen Feldern aufwärts. Von der höchsten Stelle des Weges erblickte man einige blaue Berglinien, in der nächsten Senkung ein Streifchen Wald und davor ein Dorf.

»Das ist Klepsch,« sagte der Bursche, mit der Peitsche auf das Dorf zeigend. Der alte Gaul setzte sich hier ungeheißen in Trab und hielt von selbst vor einem einfachen, altertümlichen Hause, das neben einem spärlichen Bach auf einer dicken Bruchsteinmauer stand; ein wilder Rosenstrauch ließ eine Fülle blühender Zweige über die Brüstung eines zur Seite liegenden Gartens hängen, und die Spitze eines kurzen Kirchturms sah darüber fort.

›Also hier!‹ dachte Melitta etwas beklommen. Der Bursche stieg schwerfällig ab, knöpfte das Schutzleder auf und trug den Koffer durch das Eingangspförtchen, dessen Rundbogen die Jahreszahl 1809 zeigte. Melitta trat in den Hof. Ein paar Hühner scharrten in einer Ecke, man hörte das leise Klirren von Kuhketten und behagliches Kauen, sonst nichts. Sie ging durch die offene Haustür über einen mit Sand bestreuten Flur und öffnete die nächste Tür; es war die Küche, die Melitta, die an die feinen Hamburger Küchen gewöhnt war, ärmlich, klein und düster erschien. Melitta öffnete eine andere Tür und befand sich in der Wohnstube. An einem der Fenster bezeichnete ein erhöhter Tritt mit Lehnstuhl den Sitz der Mutter; dort stand ein fein poliertes Spinnrad und auf dem Tischchen zur Seite ein gehäufter Flickkorb. Nichts regte sich hier, aber oben erklangen Schritte. Sie stieg die Treppe hinauf und öffnete die gegenüberliegende Tür. Vor ihr lag das Zimmer des Mädchens; alles einfach, rein und hell, auf der Kommode sogar ein frischer Strauß. Jetzt hörte sie nebenan Schritte und eine Stimme. Sie klopfte.

»Ja, meine Geliebten, auch da wird es euch schwer werden, wider den Stachel zu locken – herein, zum Donnerwetter! Wer ist denn da?«

Der Pfarrherr blieb mitten im Zimmer stehen, die Pfeife in der Hand, das Käppchen auf einem Ohr, und blickte mit verständnislosen Augen auf die schwarze Erscheinung an seiner Schwelle.

»Ich bin es, Onkel! Melitta!«

»Ach so – hm – wo ist denn Deine Tante? Wo sind die Mädchen?« fragte der Pastor hilflos.

»Es ist niemand da, aber wenn Du erlaubst, setze ich mich unten in die Wohnstube; sie werden gewiß bald kommen.«

»Ja wohl, tu das, mein liebes Kind,« sagte der Pfarrer erleichtert, »sie werden gewiß bald kommen.« Und als die Tür sich schloß, murmelte er schon weiter: »– denn vor seinem Willen gibt es kein Ausweichen noch Verbergen –«

Unten setzte sich Melitta in den Lehnstuhl am Fenster und musterte die einfache Einrichtung: den großen runden Eßtisch vor dem harten Sofa mit schwarzem Roßhaarbezug, das altväterische Klavier, die wenigen Bücher auf der Hänge darüber. Unter dem schmalen Spiegel hing ein ovales Pastell, ein Jugendbild der Urgroßmutter Keller, mit gepudertem Haar, feinen Zügen, zarter Farbe und wunderschönen Augen unter geraden dunkeln Brauen, die ein Erbteil der Familie geblieben waren.

Da ließen sich eilige Schritte vernehmen, und die jüngste Cousine stürmte herein, Rosettchen, ein kräftiger, blühender Backfisch mit dicken Zöpfen, die ihr, vom schnellen Laufe halbaufgelöst, wie eine Mähne um den Kopf flogen. Sie umarmte und küßte Melitta. Ihr folgte auf dem Fuße die ältere Schwester, eine zierliche Blondine mit einer Menge krauser Löckchen über der Stirn. »Hab' ich's nicht gesagt?« rief Rosettchen, »wenn wir erst noch zum Weber herangehen, verpassen wir den Wagen!«

»Ja,« fiel Luischen ein, »der Mann ist auch zu dumm! Wie die Mutter sagt: ›Jetzt muß doch der Wagen kommen!‹ antwortet er seelenruhig: ›Der ist lange durch!‹«

Hier trat die Tante ein und schloß Melitta in ihre Arme. Sie war etwas stärker und älter geworden, als die Nichte sie in der Erinnerung hatte, aber sonst unverändert.

»Es ist eine wahre Schande, daß wir Dich so empfangen, Du armes Kind –«

»Oder vielmehr, daß wir sie gar nicht empfangen haben!« fiel Rosettchen ein.

»Ja,« rief die rotbäckige kleine Magd, die gleichfalls außer Atem ins Zimmer gelaufen war, »sowie ich den Wagen sah, lief ich gleich hinten 'rum und schrie, daß sie da wär'.«

»Ein anderes Mal, wenn's wieder so trifft,« sagte die Pastorin, »läufst Du aber nicht fort wie eine Wilde, sondern Du bleibst, damit doch eins da ist, und siehst, wo Du was helfen kannst.«

»Ist das furchtbar große Ding da draußen Dein Koffer?« fragte Rosettchen.

»Ja,« sagte Melitta, »ist er so groß?«

»Na, ich dächte! Ein wahres Haus! Was hast Du da nur alles drin?«

»So ziemlich alles, was ich besitze,« erwiderte Melitta trübe.

»Mutter, wie bekommen wir ihn nur die Treppe herauf?« fragte Rosettchen.

»Bitte Senhold, daß er mit anfaßt; es wird schon gehen,« erwiderte die Mutter. »Komm, Melitta,« fuhr sie fort, »ich will Dir gleich dein Zimmer zeigen.« Sie führte nun Melitta in das Stübchen, das diese für die Kammer des Dienstmädchens gehalten hatte.

»Eigentlich wollten Dich Luischen und Rosettchen, bis Alwine zurück ist, gern in ihrer Stube haben, aber ich dachte, Du würdest gern manchmal für Dich sein.«

»Danke, Tante; ja, das ist mir das liebste.«

Zum Abendbrot gab es Bier, Butterbrot, Käse und Blutwurst. Melitta erschrak. Sie hielt sich an das Butterbrot und heftete die Augen in bitterer Verlegenheit auf ihren Teller.

»Nimmst Du keine Wurst?« fragte Rosettchen.

»Nein, ich danke, ich habe gar keinen Appetit,« erwiderte Melitta.

»Aber doch ein bißchen Käse?«

»Verzeih, Rosettchen, ich danke.«

»Ißt Du nie Käse?«

»Nein, eigentlich nicht.«

»Aber Bier trinkst Du doch?«

»Ich habe gewiß einen sehr schlechten Geschmack, aber die Wahrheit ist, ich trinke keins.«

»Aber was trinkst Du denn? Was trankt ihr abends in Hamburg?«

»Immer Tee.«

»Mutter,« sagte Rosettchen, »Melitta trinkt Tee zum Vergnügen.«

»Das tun viele Menschen,« meinte die Mutter.

»Wozu trinkst Du denn Tee,« fragte Melitta mit einem Versuch zu scherzen.

»Na, doch zum Schwitzen, wenn man's im Halse hat!« sagte Rosettchen.

»Könnte ich nicht ein Glas Milch haben?« fragte Melitta. »Wenn ich Milch habe, brauche ich nichts anderes.«

»Na, das ist schnell beschafft,« meinte Rosettchen und ging hinaus.

An und für sich wäre der kleine Zwischenfall nicht der Erwähnung wert gewesen, aber Melittas Onkel, der ein dickes Tuch um den Hals gewickelt hatte, saß verdrossen da und murmelte etwas von »Gottesgabe verachten« vor sich hin.

»Bist du nicht ganz wohl, lieber Onkel?« fragte Melitta höflich.

»Ich leide am Halse,« sagte der Pastor kurz und hüstelnd.

»Das ist recht schnell gekommen,« meinte Melitta unschuldig. »Heute nachmittag war deine Stimme noch ganz klar und laut.«

»So etwas kommt und geht,« sagte die Pastorin, »wer einmal anfällig ist, fühlt's im Zimmer, wenn nur der Wind sich ändert.«

»Hast Du an Frühauf geschickt, daß es nicht wieder Konfusion gibt und er mich am Sonntag sitzen läßt?« fragte der Pastor heiser.

»Ja, ich habe es gleich nach Tische besorgt. – Frühauf ist nämlich der nächste Amtsbruder, der meinen Mann in solchen Fällen vertritt,« wandte sie sich au Melitta.

»Und wer vertritt denn ihn?« fragte diese, um ihr Teil zur Unterhaltung beizutragen.

»O,« sagte Rosettchen, »der Herr Kandidat oben im Schloß. Der freut sich, wenn er sich auch einmal hören lassen kann.«

Melitta hatte noch nicht gewußt, wie hart eine gastliche Matratze sein kann, wie schwer das bestgemeinte Federbett. Sie empfand an diesem Abend beides und wandte sich in dem schmalen, kurzen Thüringer Bett verzweifelnd von einer Seite auf die andere, schlief aber nach den ersten Stunden doch fest und traumlos, bis Rosettchens Stimme sie am nächsten Morgen weckte: »Na, Melitta, ich dächte, es wäre nun Zeit! es ist fast halb neun!«

Luischen und Rosettchen hatten am Vormittag in der Wirtschaft zu tun, und Melitta konnte ungestört mit ihrer Tante zusammensitzen. Sie waren eben in einer recht vertraulichen Besprechung, als Rosettchen vom oberen Flur hinunterrief: »Mutter!«

»Ja!«

»Melitta hat ihr Bett nicht gemacht!«

»Dann mache Du es! – Bleib nur ruhig sitzen, Melitta, das ist Rosettchen ganz gesund.«

»Mutter!« schallte es bald darauf aus der Küche nebenan.

»Ja!«

»Komm doch einmal her!« Die Mutter verschwand. Melitta zog zwischen den Büchern eins hervor, das sie vom Großvater Keller öfters als einen seiner literarischen Jugendgenüsse hatte rühmen hören. Es hieß Gumal und Lina und war von Loßius. Sie setzte sich in die Sofaecke und begann zu lesen. Darüber beachtete sie Rosettchen nicht, die ab und zu ging, bis sie sie plötzlich wieder rufen hörte: »Mutter!« –

Ja.«

Melitta liest.«

»Schön, laß sie lesen.«

»Aber Mutter, am Vormittag

»Laß sie tun und lassen, was sie will.«

»Aber Mutter, am Sonnabende, am Vormittag!!«

»Kehre Du vor Deiner eigenen Tür, Rosettchen! Ich dächte, Du hättest es recht nötig, und laß andere Leute in Frieden.«

Als Melitta am folgenden Morgen bald nach dem Frühstück wieder ins Wohnzimmer kam, lagen auf dem Klavier vier Gesangbücher, auf jedem ein Zehnpfennigstück und ein Strauß, einer davon aus weißen Rosen.

»Das ist deiner,« sagte Rosettchen. »Luischen dachte, Du würdest nicht gern bunte Blumen mögen.«

»Wie rührend lieb von ihr,« sagte Melitta.

»So ist Luischen immer,« sagte Rosettchen trocken.

Gleich darauf trat Luischen ein, und die Schwestern begannen den eben abgeräumten Frühstückstisch aufs neue zu decken.

»Wozu tut ihr das?« fragte Melitta.

»Frühaufs werden gleich hier sein,« hieß es. Luischen setzte hinzu: »Anna Frühauf ist nämlich unsere liebste Freundin, die Tochter vom vorigen Kantor, und Hermännchen ist mein Pate. – Da sind sie! Da sind sie!« Und sie eilten den Gästen entgegen.

Auf einer hohen, gemächlich heranrollenden Halbchaise saß das geistliche Paar, fröhlich winkend, beide etwas unter Mittelgröße und für ihre jungen Jahre schon recht völlig; zwischen ihnen saß ein dicker, bläßlicher, etwa sechsjähriger Junge.

»Nein, aber Luischen!« sagte die junge Frau beim Eintreten mit einem Blick auf den besetzten Tisch, »ich ließ Dir doch noch extra sagen, ihr solltet keine Umstände machen!«

»I, wo sind denn das Umstände!« sagte die alte Pastorin. »Wenn man über Land gefahren ist, hat man Appetit.«

»Na, wenn's doch einmal da ist,« meinte der junge Pastor, und sie setzten sich alle um den Tisch. Rosettchen ließ es sich zur Gesellschaft nochmals schmecken, und der Kleine tat auch sein Bestes: »Pate, ich will noch Fleisch!« – »Pate, ich will noch Kuchen!«

Nachdem »die Begier nach Trank und Speise gestillt war,« hing die junge Frau ihrem Mann den Talar um, den sie nebst dem Barett einer vielgebrauchten runden Schachtel entnahm.

»Jemine! Da hab' ich die Bäffchen vergessen! – Na, es schadet nichts; Luischen, Du gibst mir ein Paar von Deinem Vater!«

»Ach,« sagte Luischen erschrocken, »das tut mir aber leid! Gestern hab' ich alle eingeseift.«

»Nun, das tut nichts,« sagte der Pastor beruhigend, »da schneiden wir welche aus Papier. – Geben Sie mir nur ein Stück Papier und eine Schere, Rosettchen.«

»Da ißt ja der Junge schon wieder!« rief die junge Frau plötzlich. »Wer hat ihm nur wieder was gegeben?«

»Es ist nur ein Stückchen Brot mit einem Scheibchen Wurst,« entschuldigte sich Luischen. »Er sagte, er hätte noch Hunger.«

»Hunger!« rief seine Mutter. »Erst hat er zu Hause gefrühstückt, dann unterwegs alles gegessen, was wir mitgenommen hatten, und hier hat er wieder gestopft. Ich möchte nur wissen, wo er alles hinißt!«

»Ein gesundes Kind hat immer Hunger,« sagte die Pastorin. »Mein Richard behauptet auch, er wäre noch nie in seinem Leben wirklich satt gewesen.« Alle lachten.

»Dacht ich's doch!« rief triumphierend Rosettchen. »Er hat die Butter abgeleckt und die Wurst abgegessen! Da liegt das Brot, hier unterm Stuhl!«

Der Herr Pastor lachte: »Nee, so e Ferkel, – so e Ferkel!«

»Du solltest Dich schämen, Hermännchen!« sagte Anna. »Was soll die neue Tante dort von Dir denken?!« Sie winkte Melitta zu. »Nicht wahr, Tante, solch einen schlimmen Jungen hast Du noch nie gesehen?«

»Nein,« sagte Melitta. Es sollte scherzhaft sein, aber ihre Empörung über diese Art von Erziehung war zu stark und klang gegen ihren Willen durch. Alle sahen recht betroffen drein.

»Siehst Du,« sagte die junge Mutter, »die neue Tante ist ganz erschrocken.«

»Das ist mir egal,« sagte Hermännchen.

Zum Glück begann in diesem Augenblick die Glocke zu läuten, es klopfte bescheiden, und der Kantor, eine lange hagere Gestalt, trat ein, um den Pastor abzuholen. Dann begab man sich durch den Garten in die Kirche. Der Pastor hielt eine kurze Predigt über den verlorenen Sohn, die so anschaulich war, wie es ihm Melitta kaum zugetraut hätte. Auf dem Rückweg gesellte sich die junge Pastorin, zutraulich plaudernd, zu ihr, offenbar, um sie nicht glauben zu lassen, sie habe ihr die kleine Schroffheit von vorhin übelgenommen. Melitta empfand es mit Beschämung und erwiderte die freundliche Gesinnung nach Kräften. Da hörte sie hinter sich: »Mutter!«

»Ja.«

»Von Krausens war wieder niemand da.«

»Gar niemand? – Na, da lauf noch die paar Schritte und frage, ob eins krank wär', und wenn etwa die Riekchen wieder liegt, stelle gleich etwas Suppe und ein Stück Braten zurecht.«

Rosettchen eilte voran und brachte nach einigen Minuten den Bescheid, es hätte nichts zu bedeuten, sie wären nicht fertig gewesen.

»Nicht fertig!« sagte die Pastorin, »und sie hat doch nur die zwei Kinder!«

»Ja,« sagte Rosettchen, »ich hab's ihr auch tüchtig gesagt.«

»Nur nicht zu tüchtig,« warnte die Mutter, »das tut auch nicht gut.«

»Nein,« sagte Rosettchen, »ich habe nur gesagt, da würde der liebe Gott wohl auch einmal keine Zeit haben, wenn sie was wollten.«

Hier trat der Kantor ein und legte mit Ehrerbietung den Klingelbeutel auf den Tisch, trank mit Zurückhaltung ein bereitstehendes Glas Rotwein und empfahl sich, indem er im voraus eine gesegnete Mahlzeit wünschte. Sobald er aus der Tür war, eilten Luischen, Rosettchen und Anna an den Tisch; Lutschen öffnete das Schloß des Klingelbeutels und schüttelte den Inhalt aus, der hauptsächlich aus Kupfermünzen bestand.

»Zwei Mark fünfundvierzig Pfennig,« sagte Rosettchen vergnügt. »Das ist eine Mark zweiundzwanzig und dreiundzwanzig Pfennig auf den Mann; die dreiundzwanzig bekommst du, Luischen; du bist die älteste.«

Melitta konnte ihr Erstaunen nicht verbergen. »Ich dachte, das wäre für die Armen,« sagte sie.

»O nein,« erwiderte Anna unbefangen. »Das ist wohl so in großen Städten; hier auf dem Dorfe gehört der Klingelbeutel zum Einkommen des Pastors, wenn nicht Kollekte ist.«

»Und das ist unser Taschengeld,« sagte Luischen.

»Auch mein's,« sagte Anna. »Das hab' ich mir gleich ausgemacht, als wir heirateten, gelt, Paul?«

»Einmal nach einer Konferenz haben wir fünf Mark fünfundsiebzig Pfennig gehabt,« sagte Rosettchen, »das war schön!«

Bei Tisch erschien der Onkel wieder mit einem dicken Tuch um den Hals; er sprach nur wenig und mit heiserer Stimme.

»Wie sind Sie denn jetzt mit Ihrer Tracht zufrieden, Herr Pastor?« fragte die Tante, und Melitta musterte verstohlen den anspruchslosen Anzug des Gastes.

»Ich danke, Frau Pastor, ich bin soweit zufrieden,« war die Antwort. »Es war schlimm, daß der Klee verregnete, aber die Linde hat es eingebracht.«

»Du mußt wissen, Melitta,« sagte die Tante, »daß der Herr Pastor ein großer Imker ist; er hat den »Bienenfreund« gegründet und den Imkerverein, der beinahe den ganzen Kreis umfaßt.«

»Gründen helfen, Frau Pastor,« berichtigte der Pastor mit strenger Wahrheitsliebe. »Man sollte es nicht denken,« wandte er sich an Melitta, »was so eine kleine Nebenbeschäftigung abwirft. Meine Gemeinde ist arm, aber sie sträubte sich anfangs gegen den Bien, obgleich ich ihnen half und ihnen meine Sache lieh, und die gnädige Frau mit gutem Beispiel voranging. Schließlich dringt man aber doch durch. Voriges Jahr habe ich allein an 200 Mark eingenommen, und das Dorf, mich eingeschlossen, 749 Mark für Wachs und Honig und Bienen; das will etwas sagen bei Tagelöhnern und kleinen Häuslern.«

Melitta sah den dicken kleinen Pastor mit anderen Augen an, als bisher.

»Und Hermännchen ist auch ein geborener Bienenvater,« rühmte Luischen.

»Ja,« sagte Anna, »er war noch ganz klein, da stellte er sich gerade vor die Bienenstände, und er war gar nicht wieder von ihnen fortzubringen.«

»Das tue ich noch,« sagte Hermännchen gelassen.

»Dann nimm Dich nur in acht, daß ich nicht dazu komme, sonst gibt's Dudu auf den Auau,« sagte sein Vater fein.

»Stechen Dich denn die Bienen nicht?« fragte Melitta.

»Das ist mir egal,« erwiderte Hermännchen.

»Voriges Jahr hat er mir einen schönen Schreck eingejagt,« erzählte Anna. »Mein Mann war verreist, und der Herr Kandidat kriegte die Influenza und konnte nicht predigen, daher mußte der Herr Kantor eine Predigt vorlesen. Wie er eben anfängt, brüllt es draußen ganz mörderlich. Ich wußte gar nicht, wie ich schnell genug hinauskommen sollte, denn ich hörte gleich, daß es Hermännchen war, und die halbe Gemeinde lief hinter mir her. Und was war's? Draußen, neben der Kirchtür steht ein ganz niedriger Holunderbaum; auf dem sitzt mein Hermännchen und hat einen Korb in der Hand, eine Gießkanne und einen Borstwisch. Damit hatte er einen Schwarm eintun wollen, der oben an den Zweigen hing wie eine Traube. Der ganze Schwarm hatte sich auf seinen Kopf heruntergelassen – ich war mehr tot als lebendig, wie ich das sah. Zum Glück war der Schmied Brenneisen auch mit da. Der rief: ›Halte ganz still, Hermännchen, daß ich ihn fassen kann,‹ und kehrte gleich die Bienen vom Kopf in den Korb.«

»War er denn nicht fürchterlich zerstochen?« fragte Melitta.

»Freilich, gestochen war er; er mußte ins Bett –«

»Und als ich nach Hause kam,« fiel der Pastor ein, »war das Gesicht noch ganz verschwollen; und er war noch so klein, er wußte gar nicht, was eigentlich mit ihm vorgegangen war. ›Mutter,‹ rief er, ›stecke doch die Lampe an, es ist so dunkel.‹ Jetzt macht er sich nichts daraus, wenn ihn einmal eine Biene sticht, und sie tun ihm auch selten was.«

Der Abschied war so herzlich, wie die Ankunft gewesen war. Der Pastor und seine Frau baten Melitta auf das gastlichste, sie zu besuchen.

»Ich habe Dzierzonstöcke, da kann man die Bienen durch eine Glasplatte arbeiten sehen,« sagte der Pastor. »Das wird Sie interessieren.«

»Nimm auch adjeh von der neuen Tante, Hermännchen, und sage, sie soll bald einmal kommen,« ermahnte Anna.

»Adjeh, Tante, Du sollst bald kommen,« wiederholte der Kleine gutwillig.

»Das sind liebe Leute,« sagte Melitta, während sie mit den Cousinen dem Wagen nachsah.

Der nächste Morgen brachte ihr ein neues Bild aus dem Dorfleben.

»Da ist Stänzer!« rief Rosettchen, dem Landbriefboten bis zur Hoftür entgegeneilend. »Bringen Sie endlich einmal etwas?«

»Ja,« sagte der alte Briefträger, während er in seiner Tasche suchte. »Es merkt sich, wenn die Braut nicht zu Hause ist. – Hier ist das evangelische Kirchenblatt für den Herrn Pastor und hier das Kreisblatt; hier, – das ist wohl nur so eine Anzeige, – aber hier, das ist eine Karte von Fräulein Alwinchen; sie kommt nun auch; es wird auch bald Zeit, sie war ja fast vier Wochen bei Supperndents.«

Melitta mußte bei der Vorstellung, daß der Briefbote mit der Karte zugleich ihren Inhalt zustellte, lächeln.

»Alwine kommt – Alwine kommt!« jubelten nun die Schwestern durchs Haus.

»Wann denn, heute?« rief die Mutter aus dem Keller.

»Hier ist die Karte. Sie weiß es noch nicht genau. Sobald sie den Wagen haben können, kommen sie; Ernst mit.«

Alwine war während der Ferien ihres Bräutigams zum Besuch bei ihren Schwiegereltern gewesen, und er wollte sie nun nach Hause begleiten.

Sie saßen alle gegen Abend im Garten, als das Pförtchen ging und zwei stattliche Gestalten, die wohl an Hermann und Dorothea erinnern konnten, die Stufen heraufschritten. Ernst hatte einen niederhängenden Rosenzweig erhoben, und Alwine schritt eben unter ihm fort. Melitta gefielen sie beim ersten Blick auf die kräftige, wohlgebaute Gestalt, die Fülle des blonden Haares, das edle Oval des blühenden Gesichts mit den geraden Zügen und dem verständigen Ausdruck. Jetzt erst fühlte sie sich in diesem kleinen Kreise wirklich behaglich. Alwine richtete kaum einige Worte an sie, aber sie hatte etwas Natürliches, Gewinnendes in ihrem Blick und Wesen, das Rosettchens Beschreibung rechtfertigte: »Wenn man sie ansieht, möchte man sie küssen.« Als man sich für die Nacht zurückgezogen hatte, klopfte es leise an Melittas Tür, und Alwine trat ein.

»Warte nur noch ein wenig,« sagte sie, als hätte sie in Melittas Seele gelesen, »wenn Ernst fort ist, machen wir Freundschaft!« Sie nickte Melitta zu und war fort.

Melitta hatte gleich in den ersten Tagen ihre Zukunftspläne mit der Tante besprochen, und sie hatten sich durch Luischens und Rosettchens Eintritt nicht stören lassen.

»Ich meine, Du tust am besten, den Onkel zu Rat zu ziehen,« hatte die Tante gesagt. »Ein Mann weiß in solchen Sachen doch besser Bescheid.«

Das war auch Melittas Ansicht gewesen, aber des Onkels Persönlichkeit war ihr keineswegs vertrauenerweckend und so unsympathisch, daß es ihr unmöglich schien, ihre eigensten Angelegenheiten gerade mit ihm zu besprechen. Es war ihr deshalb eine wahre Erleichterung, als Rosettchen unbekümmert herausfuhr:

»Wenn ich Du wäre, Melitta, ich fragte nicht erst den Vater.«

»Aber Rosettchen!« riefen Mutter und Schwester aus einem Munde.

»Ja, ja, ›aber Rosettchen‹ ändert daran nichts,« sagte Rosettchen ruhig. »Wenn man den Vater fragt, so nimmt er's übel, wenn man dann nicht genau das tut, was er will. Vielleicht paßt das Melitta gar nicht. Ich früge Ernst, wenn ich Du wäre. Ernst hilft einem immer, und man kann doch mit ihm reden.«

Melitta mußte sich sagen, daß Rosettchens Rat gar nicht so schlecht gewesen war, denn Ernst machte den Eindruck eines sicheren, verständigen Mannes. Er gefiel ihr während der wenigen Tage, die er auf der Pfarre zubrachte, immer besser, ohne daß sie doch bei der ihr eigenen Zurückhaltung den Augenblick zu näherer Besprechung mit ihm gefunden hätte.

Als sie ihn aber bei der Abreise eine Strecke Wegs die Landstraße hinauf begleiteten, begann Rosettchen: »Höre, Melitta, wenn Du Ernst noch um Rat fragen willst, wird's aber Zeit!«

Melitta wurde rot, setzte aber ihre Lage ruhig und überlegt auseinander. Ernst hörte aufmerksam zu.

»Und welches sind denn Ihre Fähigkeiten, Cousine?« fragte er. »Ein regelrechtes Examen haben Sie doch nicht gemacht?«

»Ich habe eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und würde doch wohl kleinere Kinder unterrichten können.«

»Da werden Sie mit den vielen geprüften Seminaristinnen schwerlich mit Glück konkurrieren. Sollten Sie nicht verschiedene Sprachen beherrschen oder ein Talent ausgebildet haben, das Ihnen besser forthelfen könnte, als Elementarunterricht?«

»Ich habe englische Bonnen gehabt, und meine Schweizer Erzieherin war jahrelang in Paris gewesen; wir haben auch zeitweise in England und Frankreich gelebt. Mein italienischer Lehrer galt für besonders tüchtig. Ich habe etwas gezeichnet und aquarelliert, ich singe ein wenig.« Melitta sagte das alles mit Selbstüberwindung.

Ernst sann eine Weile nach.

»Ist es Ihnen recht,« sagte er, »so setze ich ein Inserat in die Leipziger Zeitung und verweise wegen der nötigen Referenzen an unseren Vater. – Es erweckt gleich Vertrauen, wenn man sich auf einen Pastor bezieht«, schloß er lächelnd. »Nur bitte ich um eins, schicken Sie mir die etwa einlaufenden Adressen zu und lassen Sie mich Erkundigungen einziehen, ehe Sie sich entscheiden; man kann nicht wissen, in was für ein Haus Sie sonst geraten.«

Ernst setzte seinen Weg fort, und die Mädchen kehrten nach Hause zurück. Bald saßen sie in der Wohnstube um den Tisch, nur Alwine stand am Fenster und sah in die Dunkelheit hinaus.

»Alwine,« sagte die Mutter, indem sie einige Docken Flachs auf den Tisch legte, »komm doch her und mache mir einen neuen Rocken. Es macht ihn mir keiner so zu Dank, wie Du.«

Alwine kam ans Licht, das Gesicht naß von Tränen, die sie umsonst zurückzuhalten suchte. Sie begann die Docken zu lösen, und die Mutter rückte ihr die Lampe näher, deren Schein nun die Arbeit und das gesenkte Antlitz beleuchtete. Nie vergaß Melitta das liebliche Bild, wie das schöne Mädchen mit leichten, geübten Fingern den blonden Flachs auseinanderzog, auf den ihre Tränen niederfielen, während die Mutter mit gütigem Gesicht neben ihr stand und ihr zusprach.

»Es ist immer besser, man nimmt etwas in die Hand, dann vergeht die Zeit unbemerkt,« sagte sie. »Und Du weißt ja, in acht Wochen ist er wieder da. Und wie schnell sind nicht acht Wochen herum! Laß sehen, es sind nicht einmal ganze acht Wochen, es fehlen noch vier Tage. Und wie leicht kommt eine Veränderung, eine Probepredigt in der Nachbarschaft zum Beispiel. So etwas kommt manchmal schnell. Man wünscht gewiß niemand etwas Böses, aber für den alten Pastor Weißmann wäre es eine Erlösung. – Und Briefe sind auch eine schöne Sache. Ich habe noch alle meine Brautbriefe und der Vater auch. Ernst schreibt gewiß schon heute abend eine Karte!«

So sprach die gute Mutter, und die jüngeren Töchter hörten mit teilnehmenden Gesichtern zu. Melitta stieg es heiß ins Auge. Beglückt ist, wer noch die Mutter hat. Nicht umsonst wird uns in der Last und Drangsal des Lebens verheißen: Er wird uns trösten, wie einen seine Mutter tröstet! –

Nach etwa acht Tagen liefen auf Ernsts Anzeige zwei Briefe bei dem Pastor ein, der sie, ohne ein Wort zu sagen, auf sein Zimmer nahm und beantwortete. Dann erst legte er sie Melitta vor. Die Tante und die Mädchen waren ganz erregt. Die eine Zuschrift war von der Frau eines Arztes auf dem Lande, die eine junge Dame suchte, um mit ihren eben eingesegneten Töchtern, die zu Michael in das Elternhaus zurückkehren würden, Musik, Zeichnen und Sprachen zu treiben. Das betreffende junge Mädchen sollte im Hause die Stellung einer Tochter haben.

»Das ist ja etwas sehr Gutes,« sagte die Pastorin.

»Genau, was Du brauchst!« meinte Luischen.

»Nun erst den anderen lesen!« rief Rosettchen, und der zweite Brief wurde entfaltet. Er zeigte keine sehr ausgeschriebene Hand. Die Baronin von Delmenried auf Klitten suchte eine Erzieherin für ihre schwächliche, etwas zurückgebliebene Tochter von acht Jahren; regelrechter Unterricht war weniger vonnöten, als gelegentliche Unterweisung, vorerst etwas Französisch. Wegen Entlassung der bisherigen Gouvernante wäre der Ersatz möglichst bald erwünscht.

»Das klingt nicht sehr verlockend,« sagte Luischen.

»Ich weiß nicht,« meinte Melitta, »mit einem zurückgebliebenen Kinde getraue ich mich fertig zu werden.«

»Ernst sagte, er wolle erst Erkundigungen einziehen, wenn Dir Stellen angeboten würden,« bemerkte Alwine.

»Baronin Delmenried auf Klitten – ich dächte, das wäre Gewähr genug,« sagte der Pastor, »was verlangt ihr denn noch mehr?!«

»Aber gleich,« sagte Rosettchen, »das ist ein bißchen kurz angerannt.«

»Ich möchte, Du bliebest noch eine Weile ruhig hier und erholtest Dich noch etwas,« bemerkte die Tante.

»Mir scheint dies entschieden das Richtige; ich habe in diesem Sinne geschrieben,« sagte der Pastor in einem Tone, der jede Erwiderung abschnitt.

Die Tante und die Cousinen sahen betreten aus, und Melitta errötete. Es war klar, daß der Pastor die Stelle gewählt hatte, die sie am schnellsten aus dem Hause brachte. Sie hätte sich selbstverständlich dem Wunsche ihrer Tante gefügt, da es sich indessen anders entschied, war es ihr eigentlich noch lieber. Sie wußte selbst nicht, wie sehr die Sehnsucht nach einem gepflegteren, wohlhabenderen Hauswesen sie dabei beeinflußte. Wohl verstand sie zu schätzen, was sie an Ruhe, Frieden und Liebe in diesem einfachen Heim gefunden hatte, und sie wußte so gut wie ein anderer, daß das Glück nicht darin besteht, mit einer silbernen Gabel zu essen. In harter Schule war ihr die Erkenntnis aufgegangen, welch ein verwöhntes Kind des Glücks sie bisher gewesen war; sie hatte gelernt, so ziemlich alles, was sie bisher als selbstverständlich hingenommen hatte, für eine Gunst des Schicksals anzusehen und nicht als ein ihr zustehendes Recht. Wenn sie nun doch, vor die Wahl gestellt, den feineren, vornehmeren Haushalt vorzog, so wird man deshalb keinen Stein auf sie werfen. Denn bei der Runde der häuslichen Verrichtungen, an denen sie wacker teilgenommen hatte, war ihr oft genug der Gedanke gekommen, eine wie große Annehmlichkeit eine geschickte Jungfer sein kann, welch ein Schatz eine verläßliche Köchin.

Jedenfalls nahm sie den ungewohnten Kampf ums Dasein mit dem ehrlichen Willen auf, ihr Bestes zu tun.

2.

Ich erbitte mir auf heute
Sonst kein Teil als Brot und Frieden.

Hagedorn.

 

Und so war denn Melitta abermals unterwegs nach einem neuen Ziel, und dampfte am Ende der Fahrt auf einer kleinen Seitenbahn fast zu ebener Erde mitten in einen Tannenwald hinein. Der Zug hielt. Klitten! – Melitta stieg aus. Es war kein Bahnhof, nur ein Halteplatz mit einem Stationshäuschen zwischen großen Fichten. Sie sah sich auf dem Bahnsteig um, auf dem ihr Koffer in einsamer Größe stand; es war niemand da, außer dem Bahnbeamten mit der roten Mütze.

»Erwarten Sie jemand?« fragte er höflich, während ihm die Neugier aus den Augen sah.

»Ich glaubte, einen Wagen vorzufinden – ich will zu der Baronin Delmenried nach Klitten.

»Nach Klitten?! – Zu der Frau Baronin?!« wiederholte der Mann nach einer Pause des Erstaunens.

»Ja,« sagte Melitta, »und ich dachte, einen Wagen zu finden.«

»Die schicken wohl erst nach Feierabend nach dem Koffer,« war die Antwort.

»Aber wie soll ich denn nach Klitten kommen? Sind Wagen hier zu haben?«

»Ein Wagen, um nach Klitten zu fahren?«

»Ja.«

»Sie waren wohl noch nicht da?«

»Nein.«

»Ja, das habe ich mir gleich gedacht. Nämlich, der Fahrweg geht um den Berg, da brauchen Sie gerade noch einmal so viel Zeit, als wenn Sie gehen. Nach dem Wagen muß auch erst geschickt werden, und da ist man immer noch nicht sicher, daß einer kommt, und kommt er, so kostet er seine vier, fünf Mark, – darunter tut er's nicht.«

»Aber wie soll ich denn hinkommen?«

»Sie gehen gleich hier hinauf, immer den Weg fort; oben haben Sie nur noch ein paar Schritte, und dann liegt gleich unten Klitten.«

»Kann ich meine Tasche hier lassen?«

»Warum denn nicht? Da nimmt Sie keiner nichts 'raus.«

Melitta stieg den ihr gezeigten Weg zwischen Kiefern und Wachholder aufwärts. Die Beschreibung stimmte; als sie oben aus dem Gebüsch trat, sah sie zwischen bewaldeten Höhen ein weites Tal. Den Blick schloß ein entfernterer Bergzug, an dem eben ein kleiner weißer Würfel in der sinkenden Sonne aufflammte. Zu ihren Füßen lag ein Herrenhaus, weiter unten das Dorf. Sehr schloßartig war das Gebäude nicht; es war einstöckig mit erhöhtem Mittelbau und steilem Dach. Dahinter lag der Hof mit den Wirtschaftsgebäuden; vorn führte eine Veranda in einen parkartigen Garten, der sich aufsteigend im Walde zu verlieren schien. Behaglich und freundlich lag es da, im Halbbogen umfaßt von einer Allee alter Birken. Ein Fußpfad zeigte den Weg, und leichten Schrittes stieg Melitta hinunter und stand bald an der offenen Tür einer Gartenstube, worin ein robustes Frauenzimmer in einer rosa Kattunjacke mit rundem, rotem Gesicht stand und Gurken schälte; sie mochte die Mamsell des Gutes sein. Bei Melittas Herantreten hob sie den Kopf und betrachtete sie mit Staunen und Mißtrauen.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie?«

»Ich wünsche Frau Baronin von Delmenried zu sprechen.«

»Was wollen Sie von der?« fragte die Frau in der rosa Jacke.

»Ich will zu der Baronin Delmenried,« antwortete Melitta ausweichend.

»Und ich frage, was Sie von ihr wollen?« wiederholte die Mamsell und sah sie mit ihren kleinen, schwarzen Augen stechend an.

»Ich bin Fräulein Tschuschner, die neue Erzieherin; ich glaubte, ich würde erwartet.«

» Sie! – Sie sind die Erzieherin!« rief die Mamsell offenbar in unangenehmster Überraschung. » Sie sind ja viel zu jung!«

»Ich bin zwanzig Jahre alt, und ich denke, das ist alt genug für die Erzieherin eines Kindes von acht Jahren. Darf ich bitten, mir zu sagen, wo ich die Baronin finden kann?«

»Die Baronin Delmenried bin ich,« sagte die Dame ärgerlich.

Nun war die Reihe peinlicher Überraschung an Melitta; sie faßte sich aber so gut sie konnte und machte eine Verbeugung. Die Baronin fuhr fort ihre Gurken zu schälen.

»Ich begreife nicht, was das sein soll!« brach sie wieder los. »Ihr Onkel ist doch der Pastor Remmert in der Leipziger Zeitung?«

Melitta bejahte.

»Er hat mir doch geschrieben, daß Sie schon in England und Frankreich und Indien und ich weiß nicht, wo alles, konditioniert haben; da denkt man doch, man kriegt eine gesetzte Person.«

»Sie müssen meines Onkels Brief mißverstanden haben. Ich bin in Frankreich, England und Birma gewesen, aber ich bin dort gereist. Dies ist meine erste Stellung.«

»Eine schöne Bescherung,« murmelte die Baronin und ließ ihren Verdruß an den Gurken aus, die sie mit einer Art persönlicher Gehässigkeit behandelte.

»Sie schrieben mir doch, das Kind wäre etwas zurückgeblieben,« bemerkte Melitta verlegen.

»Das Kind! Das Kind! Was kommt auf das Kind an!« sagte die Baronin verdrießlich. Da sie sich nicht weiter um sie zu kümmern schien, setzte sich Melitta, und zwar nicht auf den Stuhl an der Tür, sondern auf einen am Tisch. Die Baronin warf ihr einen bösen Blick zu, kehrte sich gegen das Fenster und schrie hinaus: »Marie! Marie!«

»Ja!« kam es vom Hofe her.

»Weise amal das neue Fräulein nauf!«

»Ich kann jetzt nicht!« schrie es zurück. »Ich muß bei de Schweine!«

Ärgerlich warf die Baronin Messer und Gurke in die Schüssel, trocknete die kurzen, fleischigen Finger an der Schürze und ging aus der Tür.

Melitta folgte ihr. Sie kamen durch ein großes Zimmer, in dem die Möbel ihre Eleganz unter grauen Kattunüberzügen verbargen, dann durch ein anderes, halb Wohn-, halb Eßraum, in eine Halle. Zwei breite, gewundene Treppen mit schmiedeeisernem Geländer kreuzten sich hier in der Mitte und führten zu beiden Seiten in das obere Stockwerk.

»Wie hübsch könnte das eingerichtet werden!« dachte Melitta unwillkürlich. Die Baronin ging voran und öffnete oben eine geräumige Stube, der ein Bett mit geblümten Vorhängen, ein breites Sofa, altertümliche Schränke und eine geschweifte Spiegelkommode ein behagliches Ansehen gaben.

»Hier,« sagte sie kurz und wandte sich zum Gehen.

»Und wo ist das Schulzimmer?« fragte Melitta.

»Was?!«

»Das Schulzimmer.«

»Die anderen Fräuleins haben immer in ihrem Zimmer unterrichtet, aber wir können ja für Sie noch einen aparten Salon und einen Tanzsaal anbauen, wenn Sie das so gewohnt sind.«

»Wenn Sie damit zufrieden sind, daß sich das Kind in meinem Schlafzimmer aufhält, kann es mir recht sein,« sagte Melitta hochmütig.

»Sehr gütig; wenigstens fürs erste nehme ich es dankend an,« erwiderte die Baronin und verschwand.

»Wie recht hatte Ernst,« dachte Melitta schweren Herzens. »Hier wird meines Bleibens nicht sein.« – Aber was in aller Welt konnte die Baronin so gegen sie eingenommen haben! Sie blieb lange allein. Dann hörte sie schnellen Hufschlag und sah einen stattlichen Kavalier in das Hoftor traben. Obgleich er lässig im Sattel hing, sah man ihm den eleganten Reiter an. Er hatte ein dunkles Gesicht mit scharfen Zügen und einen schwarzen Kinn- und Schnurrbart. Man hörte ihn an der Haustür halten; gleich darauf die erboste Stimme der Baronin und ein kurzes hartes Auflachen des Mannes. Nach einer Weile nahten sich schwere Schritte, die Tür wurde aufgerissen, und eine dicke ältliche Magd trat herein: »Sie sollen nunter kommen.«

»Wieso? Wozu?«

»Zum Essen.«

»Warten Sie einen Augenblick,« sagte Melitta und zog ihr Geldtäschchen.

»Ein andermal klopfen Sie und machen die Tür nicht auf, bis ich rufe: herein. Verstehen Sie? Sie klopfen, und ich sage herein. Dann erst treten Sie ein.«

Die Magd gaffte sie mit offenem Munde an.

»Haben Sie verstanden?«

»Ja.«

»Und dann sagen Sie nicht: ›Sie sollen nunterkommen,‹ sondern: ›Die Frau Baronin lassen bitten.‹ Haben Sie verstanden?«

In das grobe Gesicht des Mädchens trat ein trotziger Zug.

»Hier,« sagte Melitta und reichte ihr ein Fünfmarkstück.

»Und nun merken Sie sich: die Frau Baronin lassen bitten.«

»Ja,« sagte das Mädchen und starrte bald das Geldstück, bald die seltsame Erzieherin an, ehe sie langsam aus der Tür ging. Dann begab sich Melitta hinunter. Sie fand die Baronin in etwas anständigerer Kleidung am Eßtisch. Der Herr, den sie hatte in den Hof reiten sehen, trat ihr mit neugierig-forschendem Blick entgegen, reichte ihr die Hand, hieß sie in seinem Hause willkommen und führte sie an ihren Platz. Er war wohl einst ein auffallend schöner Mann gewesen; jetzt aber waren seine Züge schlaff und verlebt und das Auge hart.

»Ihren Zögling haben Sie wohl etwas verwildert gefunden?« fragte er, nachdem eine Weile gleichgültige Dinge besprochen worden waren.

»Ich habe sie noch nicht zu Gesicht bekommen,« erwiderte Melitta.

»Noch gar nicht gesehen? Wo steckt sie denn?«

»Geh und hole sie herein,« sagte die Baronin zu dem Mädchen, das eben eine Schüssel gebratenen Speck mit Kartoffeln auftrug. Bald darauf trat das Kind in die Tür. Es hatte ein gedunsenes, farbloses Gesicht, dunkle scheue Augen, wirres Haar, schmutzige Hände und einen Anzug, dem man die Spuren des Umherlaufens im Hofe ansah.

»Hast Du Dich wieder herumgetrieben? Sagst Du dem Fräulein nicht guten Tag?!« fuhr der Vater sie an.

»Tag,« murmelte das Kind mit verkniffenem Gesicht.

Melitta hatte sich halb erhoben und hielt ihm die Hand hin.

»Wie heißt Du denn?« fragte sie freundlich.

»Sage dem Fräulein, wie Du heißt,« befahl der Vater.

»Eveline, Freiin von Delmenried,« war die unerwartete Antwort. Dem Baron stieg das Blut ins Gesicht.

»Wer hat Dir denn den Unsinn wieder eingeredet?« fragte er.

»Mama!« sagte das Kind mit offenbarer Schadenfreude.

»Das hätte ich mir denken können,« meinte der Baron. »Wenn man Dich wieder fragt, wie Du heißt, sagst Du: Line Schmutzfink; das paßt besser.«

»Es ist doch aber wahr,« murrte die Baronin.

»Und so kommst Du überhaupt nicht an den Tisch; erst läßt Du Dich ordentlich machen, verstehst Du?« fuhr der Vater ärgerlich fort.

»Dann esse ich in der Leutestube,« sagte Eveline halblaut, indem sie aus der Tür ging.

»Kannst Du sie denn nicht in Frieden lassen?« fragte die Baronin.

»Kannst Du denn nicht wenigstens dafür sorgen, daß sie anständig zu Tisch kommt?«

»Ich soll ihr wohl den ganzen Tag durch dick und dünn nachspringen? Ein einziges Kind auf dem Lande läuft eben überall herum.«

»Sie haben hier, wie Sie sehen, ein ergiebiges Feld für Ihre Tätigkeit, mein Fräulein,« sagte der Baron zu der betreten dasitzenden Melitta. Er bediente sie beim Abendbrot und unterhielt sie um so geflissentlicher, je einsilbiger und verstimmter die Baronin dasaß.

Am nächsten Morgen suchte Melitta nach ihrer Schülerin, konnte ihrer jedoch nicht habhaft werden, obwohl sie sehr gut eine kleine Figur aus einer Tür in die andere schlüpfen sah, die die Leute, die sie fragte, nicht bemerkt haben wollten. Endlich riß ihr die Geduld und sie wandte sich an die Baronin, die im Eßzimmer vor dem geöffneten Wäscheschrank stand. Unmutig warf diese einen Pack Wäsche in das Fach zurück, indem sie etwas über ›Gouvernante sein wollen und sich nicht zu helfen wissen‹ vor sich hinmurmelte und dann auf den Hof hinausschrie: »Mari–e! Sage Linen, sie soll auf der Stelle kommen, sonst gäb's was hinten drauf!«

Nach wenigen Sekunden kam Eveline widerwillig über den Hof.

»Soll ich Dir Beine machen!« schrie die Baronin. Das Kind ging noch langsamer. Kaum erschien es im Zimmer, als die Baronin es bei der Schulter nahm und auf Kopf, Gesicht und Arme losschlug.

»Ich will Dich lehren kommen, wenn Du gerufen wirst. Und jetzt gehst Du mit dem Fräulein und gehorchst, oder Du kriegst die Reitpeitsche, daß Du dran denken sollst.« Damit schob sie das schreiende Kind aus der Tür und sagte giftig zu Melitta: »So, nun werden Sie ja wohl zufrieden sein!«

Zu empört, um Worte zu finden, ging Melitta dem Kinde nach.

»Wo ist denn Dein Zimmer?«

»Hier!« heulte das Kind.

Melitta ging hinein und ergriff Schwamm und Kamm. »Wo ist die Bürste?«

»Ich habe keine!« schluchzte Eveline. Melitta nahm ein Kleid aus dem Schrank.

»Nicht das, das ist für Sonntags,« stieß Eveline hervor.

Melitta nahm ein anderes und führte das Kind in ihre Stube hinauf. Dort zog sie ihr das beschmutzte Kleid und die Schuhe aus, legte sie auf das Sofa und badete ihr das geschwollene Gesicht mit frischem Wasser; Eveline beruhigte sich bald und schlief ein. Als sie erwachte, sah sie erstaunt um sich. »Nun muß ich wohl Stunde haben?« fragte sie.

»Nein,« sagte Melitta, »heute gibt es noch keine Stunde. Heute spielen wir nur. Wir spielen französisch.«

»Das kann ich nicht; das ist langweilig,« erwiderte Eveline.

»Das ist sehr lustig, Du sollst schon sehen!« sagte Melitta. Sie erfand nun ein kleines Spiel: benannte verschiedene Gegenstände auf französisch, und sie machten ihnen Knickse mit: » Bonjour, madame la chaise« und » bon soir, monsieur le parapluie«. Eveline erfaßte schnell, und Melitta übte ihr sogar eine kleine Überraschung für die Eltern ein. Dann schickte sie sich an, ihr das Haar zu ordnen.

»Das haben Sie nicht nötig,« sagte Eveline altklug. »Das tut irgend eins unten in der Küche.«

»Laß nur, ich will Dein hübsches Haar selbst pflegen.«

»Mein Haar ist hübsch?« sagte Eveline erstaunt. »Mama sagt, wenn sie ärgerlich ist, ich sei ein Wechselbalg!«

»Dein Haar hat eine hübsche Farbe und ist dicht und wellig. Du wirst sehen, wie gut es aussehen wird, wenn ich es gekämmt und aufgebunden habe. – Wo ist Dein Haarband?«

»Marie reißt immer einen wollenen Faden von ihrem Strickstrumpf und bindet es damit; ich verliere doch alles, sagt Mama.«

Melitta besann sich auf ein hellblaues Band von einer Bonbonschachtel, die ihr Konstanze für die Reise gegeben hatte, und suchte es hervor.

»O, was für ein reizender Engel mit einem Bogen und Rosen ringsherum!« rief Eveline bewundernd.

»Willst Du die Schachtel mit dem Engel haben?«

» Ich?!« Eveline wurde rot. »Diese wundervolle Schachtel wollen Sie mir geben?!«

Es klopfte. »Herein!«

»Sie sollen – die Frau Baronin lassen bitten,« sagte die Magd mit einem Gesicht, als hätte sie sich seit gestern noch nicht von ihrem Staunen erholt.

»Schön.« Melitta trat mit dem Kinde an der Hand in das Speisezimmer.

»Na nu?« sagte der Baron. »Du siehst ja beinah aus wie ein Kind von anständigen Leuten!«

Jetzt kam die Überraschung. Eveline ging auf ihren Vater zu, machte ihren Knicks und sagte: » Bon jour, mon Papa!«

»Donnerwetter!« rief der Baron.

» Et vous ne dites rien à votre Maman!« erinnerte Melitta. Da aber benutzte Eveline die neuerlernte Wissenschaft in unerwarteter Weise; eingedenk der ihr heute früh widerfahrenen Behandlung wandte sie sich zu Melitta und sagte laut und deutlich: » Non, Mademoiselle.«

Das schlug ein wie eine Bombe; es machte wirklich den Eindruck, als finge sie bereits an, französisch zu sprechen. Die Eltern wechselten einen Blick; der Baron zog seine Geldtasche. »Das muß fürstlich belohnt werden!« Erreichte seinem Töchterchen eine ganze blanke Mark. Selbst die Baronin sah erfreut aus. In bester Stimmung setzte man sich zu Tisch.

»So viel Geld habe ich noch nie gehabt« sagte Eveline.

»Was wirst Du Dir denn dafür kaufen?« fragte der Vater.

»O, Röstwürstchen auf dem Butscher Pferdemarkt, und Johannisbrot und eine Apfelsine von der alten Frau mit dem Korbe,« sagte Eveline, Freiin von Delmenried, vergnügt.

Am Nachmittag ließ sich Melitta die nähere Umgebung von ihr zeigen, und das Kind plauderte bald zutraulich und unbefangen. Wenn Melitta aber glaubte, gewonnen Spiel zu haben, so irrte sie sich gewaltig. Täglich galt es von neuem, Eveline einzufangen; denn daß Melitta nach dem neulichen Erlebnis sich nicht wieder an die Mutter wenden würde, wußte das Kind recht gut, diese mußte sich daher entschließen, Bonbons und Cakes aus Hamburg kommen zu lassen, um dem Kinde gegenüber doch eine Handhabe zu haben. Zu einem Spaziergang war Eveline dagegen immer bereit.

Einmal stand Melitta, das Kind erwartend, auf der Veranda.

»Wonach sehen Sie denn so eifrig?« fragte plötzlich des Barons Stimme neben ihr.

»Ich möchte wissen,« sagte Melitta, »was dieser weiße Würfel dort am Bergessaume sein kann, der bei Sonnenuntergang immer wie in Feuer steht?«

»Das ist Schloß Ried,« sagte der Baron. »Sie werden auch noch dorthin kommen, denn es gehört meinem Onkel, dem General Delmenried. Meine Cousinen, Emmy und Armgard, sind zwar, was man so ältere junge Mädchen nennt, aber beide sind sehr vorzügliche, angenehme Damen. Meine Tante ist auch eine fein gebildete, vortreffliche Frau. Ich glaube, die Herrschaften werden Ihnen sehr gefallen.«

»Da sind Sie wohl oft dort?«

»Doch nicht. Meine Frau –«

»Was? – Was?« fragte hier die Baronin, die eilfertig aus dem Hause kam und sich zwischen beide schob.

»O, ich sagte nur, daß wir uns der Entfernung wegen nicht so oft mit Schloß Rieds sehen, als ich wünschte. Sonst harmoniertet ihr vortrefflich.«

»Wie kommt es, daß Du heute nicht ausgeritten bist?«

»Du siehst ja, ich mache dem Fräulein die Cour! – Empfehle mich!«

Der Baron lachte hart und unangenehm auf, faßte an seinen Hut und ging. Er war zu Hause meist verstimmt; oft genug saß er schweigend bei den Mahlzeiten und begrüßte Melitta kaum mit leichtem Kopfnicken. Begegnete man ihm aber im Freien, so war er wie ausgetauscht, neckte sich mit seinem Töchterchen, war halb ehrerbietig, halb kameradschaftlich gegen Melitta und setzte sich plaudernd zu ihnen ins Gras. Bei solchen Gelegenheiten zog er Melitta öfters in ein längeres Gespräch und zeigte sich gern als wohlunterrichteter Mann, der zu seiner Zeit in der Welt gelebt und allerhand gesehen hatte, – das war die einzige Art, wie sie überhaupt ein paar verständige Worte mit jemand wechseln konnte.

Trotz des gesunden Landlebens war Eveline ein kränkliches Kind; sie sah oft schlecht aus und war verdrossen und träge. Als die Baronin einmal darüber klagte, erlaubte sich Melitta die Bemerkung, daß es wohl richtiger wäre, wenn das Kind regelmäßiger lebte, früher und einfacher zu Abend äße und zu guter Zeit ins Bett käme; denn mit der Abendmahlzeit würde auf den Baron gewartet, und das hungrige Kind holte sich unterweilen dicke Schmalzbrote und Wurst aus der Küche.

»Wollen Sie vielleicht den Haushalt in die Hand nehmen?« fragte die Baronin spitz.

»Ich wollte nur vorschlagen, Frau Baronin, wenn es Ihnen sonst paßt, mir und Eveline ein für allemal um halb acht ein paar Gläser Milch und etwas Abendbrot geben zu lassen.«

Die Baronin sah sie mißtrauisch an. »Wenn Sie das wirklich wollen – mir kann es recht sein,« sagte sie dann befriedigt und beinahe schadenfroh.

Trotzdem wurde Eveline einige Tage nachher krank, und der Baron fragte ärgerlich bei Tisch, durch was für einen Unfug sie sich denn wieder ihre Gesundheit verdorben hätte.

»Ich begreife es auch nicht,« sagte die Baronin, »sie ist einmal so anfällig.«

»Sie hat gestern drei Leberklöße vom Leuteabendbrot gegessen,« erklärte Melitta.

»Woher wissen Sie das?« fragte die Baronin mit einem vernichtenden Blick.

»Ich hörte es von Marie.«

»Also von den Leuten lassen Sie sich zutragen!« sagte die Baronin.

»Ich hörte zufällig, wie sie es Evelinen vorwarf; sie sah mich nicht,« erwiderte Melitta, sich zusammennehmend.

»Das ist denn doch zu arg, Sidonie! Den ganzen Tag läufst Du hinter jedem Dreck her, kriechst in alle Ecken und bist doch nicht imstande, das Kind zu regieren!«

»Ich möchte wissen, wie die Wirtschaft ginge, wenn ich mich so wenig um die Sachen kümmerte, wie Du,« antwortete die Baronin. »Man sollte denken, wenn man eine Person extra für das Kind hält und bezahlt, die nichts weiter zu tun hat, braucht man nicht selber auf Schritt und Tritt hinterher zu sein.«

»Entschuldigen Sie unseren Mangel an Erziehung, mein Fräulein,« sagte der Baron.

»Ich spreche deutsch,« sagte die Baronin.

»Es ist ein starkes Stück, Sidonie, das Fräulein entgelten zu lassen, was Du selbst verschuldet hast. Dein kostbares Fräulein Kleiber war zwar dürr wie ein Besenstiel und hatte nur ein Auge, – das ist ja auch sehr verdienstlich, – sonst aber taugte sie in der Wurzel nichts und um Linen hat sie sich blutwenig gekümmert, wie Du nun endlich selbst gemerkt hast.«

»Konnte man der alten Person etwa ansehen, daß sie sich an den Verwalter machen würde?«

»Ja, das konnte man, auf hundert Schritt.«

»Wäre es nicht gut,« bemerkte Melitta, »wenn man Evelinen das Betreten der Leutestube überhaupt untersagte? Ich habe sie heute herausgeholt, als sie einem der Knechte auf den Schoß kletterte.«

»Linen die Leutestube verbieten?« sagte die Baronin. »Wo soll sie denn hin, wenn ich zu tun habe und es regnet?«

»Dafür bin ich doch da,« sagte Melitta.

»Man sieht, daß Sie keine Erfahrung mit Kindern haben, Fräulein. Wenn ich ihr die Leutestube verbiete, steckt sie erst recht den ganzen Tag darin.«

»Nun, so tue ichs! – Ist das eine Wirtschaft hier im Hause!« brauste der Baron auf. Die Baronin zuckte die Achseln und wandte sich an Melitta, sobald die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte: »Ein anderes Mal, Fräulein, tragen Sie gefälligst Ihre Wünsche mir vor und stecken sich nicht hinter meinen Mann.«

Als Melitta am Nachmittag vorlesend an Evelines Bett saß, trat die Baronin ein: »Ich glaube, Fräulein, Sie regen Line nur auf; Langeweile ist das beste Mittel für solche Kranke. – Jetzt bleibe ich hier.«

Melitta schloß Hauffs Märchen und stand auf.

»Wenn Sie mich jetzt nicht brauchen, Frau Baronin, werde ich meinen Besuch bei der Frau Pastor machen.«

»Bei der Frau Pastor? Kennen Sie denn die?«

»Nein, es ist aber doch wohl schicklich, mich bei dem Pastor loci vorzustellen?«

»Da irren Sie sich; Pastors heißen Dorndreher. – Na, ich wünsche jedenfalls viel Vergnügen,« sagte die Baronin hämisch.

»Ist etwas dagegen zu sagen?« fragte Melitta noch in der Tür.

»Dagegen zu sagen? Bewahre! Im Gegenteil, sie werden Ihnen recht gefallen!«

Mit einem wahren Feriengefühl ging Melitta die Dorfstraße hinunter zu dem Pfarrhaus, das zur Seite des Kirchhofes in einem Garten lag. In einer von Geißblatt übersponnenen Laube saß die noch junge Pastorin vor einem Wäschekorb. Sie sah auf und kam Melitta mit ausgestreckter Hand entgegen.

»Sie sind gewiß das neue Fräulein vom Schloß! Ich dachte schon, Sie kämen gar nicht! Nun, finden Sie es denn einigermaßen erträglich?« Als Melitta betroffen schwieg, fuhr die Pastorin lachend fort: »Hier brauchen Sie sich nicht zu genieren! Bei uns können Sie von der Leber weg reden! Treten Sie nur erst ein!«

»Darf ich nicht hier draußen bei Ihnen bleiben?«

»Bewahre; im Gegenteil! ›Komm' Se 'rein, komm' Se 'rein! Komm' Se 'rein in die gute Stube!‹, wie der Berliner sagt. Hier weiß man nie, wer hinter der Wand steht!« Die junge Frau mit dem heiteren Blick, den roten Backen und der rundlichen Gestalt in dem einfachen Kattunkleid gefiel Melitta, trotz des etwas burschikosen Tones. Näher betrachtet war sie freilich so jung nicht mehr, als sie auf den ersten Blick erschien.

Sie traten ein. Braunrot bezogene Plüschmöbel, gehäkelte Schoner, ein Glasschrank mit bunten Tassen und Porzellanfiguren, ein Strauß Wachsblumen unter einer Glocke und eine große Lithographie, Napoleons Tod, die über dem Sofa hing, kennzeichneten in der Tat die gute Stube.

»Nehmen Sie hier Platz, Fräulein,« sagte die Pastorin und schob ihr einen Lehnstuhl zu, »da sitzt sich's bequem. Und nun wollen wir recht vertraulich plaudern. – Wissen Sie denn auch, daß man sich hier erzählt, Sie wären gar kein Fräulein, sondern eine verkleidete indische Prinzessin? – Nicht wahr, das setzt Sie in Erstaunen?«

»Aber weshalb denn?« fragte Melitta.

»Es heißt, Sie hätten lauter so wunderschöne Sachen, alles so fein, alle Unterröcke weiß und gestickt. Die Waschfrau sagt, solche Unterröcke hätte sie noch nie unter den Händen gehabt, und Sie sollen« – hier lachte die junge Frau, »Sie sollen – da sehen Sie, wie die Leute gleich übertreiben – Sie sollen der Magd gleich am ersten Abend ein ganzes Fünfmarkstück gegeben haben!«

»Das ist nun wahr.«

»Ja, so – dann können Sie sich freilich nicht wundern. Anderen Leuten sitzen die Fünfmarkstücke nicht so lose. – Aber nun sprechen Sie sich einmal ordentlich aus. Hier in diesem Stuhl haben schon alle ihre Vorgängerinnen gesessen und sich ausgeweint.«

»Das werde ich nun schwerlich tun, so einladend es auch ist,« erwiderte Melitta lächelnd.

»Genieren brauchen Sie sich vor mir nicht,« ermunterte sie die Pastorin. »Ich weiß ja alles und habe es selbst mit angesehen! Ich habe ja noch die Baronin gekannt, als sie schlank und hübsch war und alle Morgen, in ihrem grünen Jagdkleid mit Samtaufschlägen, auf ihrem Grauschimmel hier vorüberritt und alle ihre Verehrer hinter ihr her –«

Melitta traute ihren Ohren nicht, – die Baronin hübsch und schlank! »Wie ist das möglich?« sagte sie. »Sie sind so viel jünger wie die Baronin –«

Die Pastorin war sichtlich geschmeichelt. »O, das ist ganz einfach! Ich bin nämlich schon hier geboren, dort, gerade, wo die Servante steht. Mein Vater war schon Pastor hier und mein Mann heiratete, sozusagen, in die Stelle. Da habe ich es ja alles gesehen. Ich erinnere mich noch der Zeit, wo der Herr von Klitten, der erste Mann von der Baronin, noch Junggeselle war –«

»So ist der Baron Delmenried der zweite Mann?« fiel Melitta ein.

»Freilich. Nun, der erste taugte auch nicht viel. Meinen Sie, daß er einmal in die Kirche gegangen wäre, oder zum heiligen Abendmahl, wenn er hier war? Nicht rühr an. Sonst brannte ihn das Geld in der Tasche, aber für Kirche und Gemeinde, für die hätte man ihm mit glühenden Zangen nichts abgezwackt. Ein Lebemann war er und leichtsinnig, wir dachten von einem Jahr zum andern, das Gut käme unter den Hammer, aber der Himmel lenkte es anders, wenn auch nicht zum Besten. Vom Heiraten wollte er nichts wissen, aber das Schicksal kriegte ihn doch noch beim Schlafittchen. Er stand nämlich bei den Kürassieren. Einmal lag er bei einem reichen Brauer im Quartier, Pompilchen hieß er. Da ließen sich's die Herren wohl sein, denn der Pompilchen wußte zu leben. Und da heißt es nun, der Herr von Klitten hätte nebenbei sein Glück bei der einzigen Tochter versucht und nicht umsonst. Wie nun die Zeit aus war, ritt er vergnügt davon, wie immer in solchen Fällen, aber diesmal hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Mein Pompilchen hinter ihm her wie das Donnerwetter und wandte sich gleich an den Oberst, den er eben sechs Tage lang mit Champagner begossen hatte; da mußte nun der Held dran glauben, die Suppe essen, die er sich eingebrockt hatte, und bekam noch obenein den Abschied. Da wurde er denn freilich schnell genug zahm. Drei Jahre lang hat er sich noch gequält; er saß meist im Wirtshaus und spielte mit den Bauern Wenzel und Schafskopf; dann bekam er etwas im Unterleib, und dann ging es zu Ende.«

»Und da heiratete sie den Baron Delmenried?«

»O bewahre! Du meine Güte, so schnell ging das nicht. Freilich, sie hatte wohl gedacht, nun würde das Leben erst angehen für sie als reiche junge Witwe, gab immerfort Gesellschaften und Jagdpartien und ritt immer selber mit – ich sage Ihnen, man schämte sich, es mit anzusehen. Aber je ärger sie es trieb, um so weniger zwang sie's; die Herren kamen schon, aber die Damen ließen sie links liegen, und wenn die Herren ausblieben, dann saß sie und tafelte mit dem Verwalter und Förster. Da war ihr jeder recht, und, – Sie werden es nicht glauben, und ich würde es nicht sagen, wenn ich es nicht mit meinen eigenen Augen gesehen hätte, – aber wahrhaftig! sie rauchte!! – An dem Geländer, vorn, wo es in den Garten geht, da habe ich sie selbst stehen sehen mit einer Zigarette im Munde, und ein paar Herren daneben. Wie ich vorbeiging und traute mir nicht, die Augen aufzuschlagen, da wollte sie sich ausschütten vor Lachen!«

»Wenn sie nichts Schlimmeres getan hat!« sagte Melitta belustigt.

»Na, ich dächte, das wäre schlimm genug. – Kennen Sie denn schon die Herrschaften von Schloß Ried?«

»Nein,« sagte Melitta. »Es sollen sehr angenehme Leute sein.«

»Hat Ihnen das die Baronin gesagt?«

»Nein, der Baron.«

»Drum auch!« lachte die Pastorin. »Die Baronin kann die anderen sozusagen nicht riechen. Der General ist ja eine Seele von Mann, da ist nichts zu sagen, aber die Generalin ist schrecklich hochmütig und herablassend, und die Emmy ist gerade so; Sie können zehn Jahre mit ihr umgehen und sind am letzten Tage nicht weiter, wie am ersten. Und die Armgard, – nun die Armgard ist ein gutmütiges Blä; es fehlt ihr am Besten –« hier klopfte sich die Pastorin an die Stirn, – »die ist von einem Kinde ein Backfisch geworden und aus einem Backfisch ein junges Mädchen und aus einem jungen Mädchen ein altes, alles, ohne es zu merken.«

»Haben die Herrschaften nur die beiden Töchter?« fragte Melitta.

»Da ist noch ein jüngerer Sohn, Kurt; sie hatten noch einen älteren, Busso, der mit dem Heinrich, unserem hiesigen Baron, wie ein Bruder zusammen war; sie waren auch in gleichem Alter. Und die Emmy und der Heinrich waren so gut wie versprochen, das wußte jeder. Dazumal war auch der Herr Heinrich, wie er genannt wurde, eine brillante Partie, denn sein Onkel Wachtler, ein Bruder seiner Mutter, war ein reicher Fabrikant und hatte ihn nach dem Tode seiner Eltern erzogen. Aber wem's zu wohl ist – der Leichtsinn steckt ihnen wohl im Blut. Der Busso spielte und spielte, obgleich er doch wußte, daß es die Eltern nicht dazu hatten – na, er machte ein Ende; nach einer wilden Nacht ging er nach Hause und schoß sich eine Kugel durch den Kopf. Die armen Eltern waren ganz gebrochen und haben viele Jahre gespart und gespart, um die Schulden von dem Busso zu bezahlen, obgleich sie es gar nicht nötig hatten. Jetzt sind sie ja wohl so weit.«

»Schrecklich!« sagte Melitta.

»Nicht wahr? Und hätte man nicht denken sollen, der Heinrich würde sich das zur Lehre dienen lassen? Aber keineswegs. Der Onkel drohte, er würde seine Hand von ihm abziehen, und endlich schrieb er dem General, er müßte ihm mitteilen, daß er seinem Neffen sein Wort gegeben hätte, keine Schulden mehr für ihn zu bezahlen, und wenn er noch einmal welche machte, hätte er nicht einen Pfennig von ihm zu erwarten. Aber was half das! – Eines Tages kommt der Heinrich in Schloß Ried an, ganz verstört – er hatte einen Wechsel ausgestellt, und der Onkel hatte seine Briefe nicht beantwortet und ihn selbst abweisen lassen. Nun kam er in seiner Angst zum Onkel nach Ried, damit der sich für ihn verwenden möchte. Aber der General schlug es rund ab. Ein Ehrenmann könne einem anderen nicht zumuten, sein Wort zu brechen. So blieb dem Heinrich nur übrig, seinen Schimpf und seine Schande über das große Wasser zu tragen oder es zu machen wie der Busso, und es heißt, der General hätte selbst seinen Pistolenkasten vorgeholt und aufgeschlossen. Meine Cousine Minchen war dazumal Mamsell in Schloß Ried, die hat es uns nachmals erzählt. Schrecklich wäre der Morgen gewesen. Der General hätte ganz weiß ausgesehen und das ganze Gesicht hätte ihm gezuckt, wie er aus seinem Zimmer kam, und sie hätte deutlich durch die Tür den Pistolenkasten auf dem Schreibtisch gesehen und den Heinrich davor, wie wenn er ein Gespenst vor sich hätte. Aber einen Ausweg gab's noch. Wie Minchen nachher in der Leinenstube steht und einräumt, denn sie hatten große Wäsche gehabt, hört sie nebenan in Fräulein Emmys Stube die Stimme vom Heinrich. Es hätte geklungen, als ob ihm immer der Atem ausginge. Und da hört sie Fräulein Emmy sagen: ›wenn Du das kannst, so tu's.‹ – »Ja,« fuhr die Pastorin fort, »wir in Kütten wußten natürlich nichts von dem, was in Ried vorging. Aber ich weiß es noch wie heute; ich hatte mich mit meiner Arbeit unter den Haselstrauch am Gartenzaun gesetzt, denn es war ein so herrlicher Tag; der ganze Kirchhof duftete von Flieder, und der Goldregen hing über die Mauer. Es läutete, denn es sollte ein Kindchen getauft werden, das wollte ich vorbeitragen sehen. Und eben wie der kleine Taufzug dort drüben die Böschung herunterkommt, da kommt's wie Galopp das Dorf herauf. Ich denke noch, wer hat's denn nur so eilig, da war der Reiter schon vorbei, und erst nachher fällt mir's ein, das war ja der Heinrich Delmenried. Ich hatte ihn gar nicht erkannt. Ich habe einmal ein Bild gesehen, auf dem war ein Reiter, dem war der Tod auf den Fersen, das fiel mir dabei ein. Tags darauf hörten wir von der Verlobung. Es wunderte sich auch niemand, denn jeder konnte sich seinen Vers dazu machen. Man merkte auch bald, daß die Baronin ihre Bedingungen gemacht hatte. Er mußte den Abschied nehmen. Das Geld behielt sie in der Hand und sie hält ihn knapp genug. Ihre Rechnung fand sie freilich auch nicht; der Baron ließ sich auf keine Geselligkeiten ein und stellte sie nirgends vor. Kein Wunder, daß er sich schämte; sie war eine so verlebte Frau und gut acht Jahre älter als er. Nur nach Ried brachte er sie, weil die Generalin darauf bestand. Vergnügen tut er sich außerhalb genug, kein hübsches Gesicht ist vor ihm sicher, und es hilft ihr nicht viel, daß sie jedes fortbeißt, das in ihre Nähe kommt.«

»Und Emmy?« fragte Melitta unwillkürlich, ohne den lauernden Ausdruck der Pastorin bei den letzten Worten zu bemerken.

»O, die wurde natürlich gleich zu Verwandten geschickt. Sie blieb ein paar Monate fort, aber zuletzt wächst über alles Gras.«

»Ja, ja, der liebe Nächste!« schnarrte eine Stimme so dicht hinter Melitta, daß sie erschreckt zusammenfuhr. Der Pastor war unbemerkt aus der Tür hinter ihr eingetreten, und sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß er erst zum Vorschein gekommen war, nachdem sie gehört hatte, was sie hatte hören sollen.

»Ja, ja!« fuhr er fort, indem er ihr die Hand schüttelte und sie mit einem Auge aufmerksam betrachtete, während das andere sich auf eigene Hand beschäftigte, »wenn so zwei Frauenzimmerchen miteinander wispern, da weiß man schon, über jemanden geht es her.«

»Aber, lieber Mann,« verteidigte sich die Pastorin, »die Tante von dem Fräulein, die Frau Pastor Remmert, hat sie uns eigens hergeschickt, um sich über die Verhältnisse hier zu orientieren.«

»Da haben Sie mich falsch verstanden, Frau Pastor,« sagte Melitta. »Meine Tante Remmert weiß von den hiesigen Verhältnissen gar nichts; sie hat mir nur gesagt, es wäre passend, daß ich der Pastorin meinen Besuch machte.«

»Sieh! sieh!« sagte der Pfarrer. »Also der Pastor Remmert ist Ihr Onkel?«

»Ja; sollten Sie ihn kennen?«

»Kennen eigentlich nicht; gesehen aber habe ich ihn ab und zu auf Konferenzen. Er sagt nicht viel; er ist wohl kein besonderer Redner, der gute Herr Pastor.«

»Für einen Landpastor ist das Reden wohl nicht so wichtig, wie die Seelsorge,« entfuhr es Melitta mehr loyal als vorsichtig.

»Jawohl! Sehr recht! Da haben Sie recht, mein verehrtes Fräulein. Die Seelsorge, ja freilich, das ist die Hauptsache, ei jawohl. – Er ist auch ein vortrefflicher Seelsorger, sehr beliebt in der Gemeinde, der gute Bruder Remmert. – Nicht?«

»Ja, gewiß,« sagte Melitta, konnte jedoch nicht hindern, daß ihr das Blut ins Gesicht stieg, – der Pastor sah aus, als wisse er mehr darüber, als sie selbst, und es fiel ihr plötzlich ein, daß sie wohl über die seelsorgerische Tätigkeit der Tante hätte Auskunft geben können, von der des Onkels aber eigentlich nichts bemerkt hatte. Sie verabschiedete sich; der Pastor und seine Frau brachten sie bis an die Gartenpforte. »Beehren Sie uns bald wieder!« sagten beide.

Melitta ging mit schwerem Herzen. Sie sah wohl ein, daß sie durch ihre eigene und des Onkels Übereilung in überaus peinliche Verhältnisse geraten war, und hätte sich sagen müssen, daß hier ihres Bleibens nicht sein, daß sie sich nicht schnell genug zurückziehen könnte. Indessen widerstrebte es ihr, gleich bei dem ersten Versuch zu scheitern und schon nach so kurzer Zeit in die Pfarre zurückzukehren, wo sie doch dem Hausherrn ein unwillkommener Gast war.

Sie hatte trotz ihrer wechselvollen Schicksale wenig Erfahrung und noch die volle Zuversicht einer wohlbehüteten Jugend, der die Vorstellung, daß auch nur ein zweideutiger Gedanke sich an sie wagen könnte, gar nicht nahe treten kann. Vor unklaren Verhältnissen empfand sie jedoch von jeher eine instinktive Scheu, und die eben vor ihr enthüllten Lebensfäden beunruhigten und beschäftigten noch ihre Phantasie, als sie in einen Hohlweg einbog, der vom Dorfe her in die Birkenallee mündete, und hinter sich einen Reiter kommen hörte, in dem sie zu ihrem Verdruß den Baron erkannte. Er begann eine Unterhaltung, auf die sie kurz und ablehnend antwortete.

»Was ist denn, gnädiges Fräulein? Sind Sie verstimmt?« fragte er.

Melitta, durch das eben Gehörte gereizt und verstört, gab unüberlegt zur Antwort:

»Ich bin nicht gewohnt, mit einem Herrn auf das Pferd hinauf zu sprechen.«

»Bitte um Entschuldigung!« Er sprang ab und ging nun mit dem Zügel über dem Arm neben ihr her: »Man verbauert wirklich ganz und gar.«

Melitta antwortete nicht, und er sah sie forschend an.

»Mein liebes Fräulein,« sagte er nach einer Pause, »denken Sie wirklich, daß ich nicht weiß, was Ihnen im Sinn liegt? Sie sind nicht umsonst bei dem Pastor und seiner Frau gewesen. Das sind die schlimmsten Zungen der ganzen Gegend, und ich kann mir wohl denken, was für eine Zensur sie uns gegeben haben.«

»Herr Baron,« sagte Melitta, der die Tränen des Unmuts nahe waren, »es wäre ritterlicher, mir das zu ersparen und mich meinen Weg in Frieden gehen zu lassen.«

»Bin ich denn so gefährlich? Spielen wir hier Wolf und Rotkäppchen auf dem Wege zur Großmutter?« Er lächelte unwillkürlich über den Vergleich. »Man gönnt doch jedem Angeklagten die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Wollen Sie mich ungehört verdammen? – Ich verlange gewiß nicht, daß Sie mich und meine Frau für Tugendspiegel halten sollen; ich weiß wohl, daß wir beide zu Hause nicht die Liebenswürdigsten sind; wir haben eben auch unsere Sorgen und Verdrießlichkeiten. Man sollte sich zusammennehmen, ja wohl, aber leider, man tut's nicht immer. – Wären Sie,« fuhr er fort, »etwas älter, so hätte es Sie schon mit Mißtrauen erfüllt, daß Menschen, die Sie zum erstenmal sehen, Ihnen die intimste Vergangenheit aufdecken von Leuten, in deren Hause Sie leben, – soweit sie sie zu kennen glauben, heißt das.«

Melitta errötete und schwieg. Der Baron lächelte trübe.

»Ich bitte Sie nur um eins; halten Sie Ihr eigenes Urteil zurück, bis Sie uns besser kennen. Vielleicht finden Sie uns beide, meine Frau sowohl wie mich, nicht ganz so schlimm, wie man uns geschildert hat. Wollen Sie es nicht wenigstens versuchen?!« Er sah sie treuherzig an und hielt ihr die Hand hin, und Melitta legte etwas zögernd die ihrige hinein, die er ehrerbietig an die Lippen zog. »So,« sagte er, »und nun will ich nicht länger beschwerlich fallen.« Er führte das Pferd zur Seite, stieg auf und ritt durch eine Senkung des Hohlwegs davon. Melitta machte noch ein paar Schritte und blieb dann stehen. Sie war ganz verwirrt und suchte sich ihrer Eindrücke bewußt zu werden. War es möglich, daß sie dem Baron unrecht tat? – Aber ihre eigenen Wahrnehmungen stimmten mit dem, was man ihr im Pfarrhofe erzählt hatte, obwohl die Leute selbst ihr einen hinterhältigen, bestenfalls einen untergeordneten Eindruck gemacht hatten. Sie sah zurück, friedlich lag das Pastorhaus zwischen den Obstbäumen und sandte ein leichtes Rauchwölkchen in die Abendluft; wie ein Stern glänzte Schloß Ried in der Ferne. Der Baron hatte inzwischen den Feldweg erreicht und ritt in kurzem Trabe seitwärts dem Herrenhause zu. Sie sah den Hohlweg hinunter. Da, wo er sie eingeholt hatte, konnte man es vom Dorfe aus nicht gewahren, und er war abgeritten, wo ihn der Einschnitt vom Schlosse her verbarg – war das Berechnung? – Ihr fiel ein, daß er sie fast täglich auf ihren Spaziergängen getroffen hatte, immer des günstigen Zufalls sich freuend – konnte Eveline im Spiel sein? Sie hatte Näschereien bei ihr gefunden und auf ihre Fragen mit einer schlautrotzigen Miene, die sie sich nicht zu deuten wußte, geantwortet: »Papa hat mir's mitgebracht.«

Unruhig sinnend schritt sie weiter. Nun, er wußte, daß sie ihm mißtraute. Wenn sie vorsichtig war, was konnte ihr im Grunde Schlimmes widerfahren?

Im Hofe stand ein abgespannter fremder Wagen. Sie hörte Stimmen im Wohnzimmer. »Die Herrschaften von Schloß Ried sind da,« sagte ihr eine der Mägde. Gleich darauf wurde nach ihr geschickt. Melitta hatte die Eigenheit, daß man ihr selten Verlegenheit anmerkte; sie sah in solchen Augenblicken eher selbstbewußt und abweisend aus. Nicht umsonst hatte eine ihrer Hamburger Freundinnen öfter geäußert: »Ich beneide Melitta Tschuschner gewiß um nichts, nur ihr Talent, in einen Salon zu treten, möchte ich haben.«

So verfehlte sie auch jetzt nicht ihres Eindrucks. Die Jüngeren der Anwesenden erhoben sich, und die Generalin, eine stattliche Frau mit regelmäßigen Zügen, wandte sich verbindlich an die Baronin: »Willst Du uns mit eurer neuen Hausgenossin bekannt machen, liebe Sidonie?«

Die Baronin, die diese Höflichkeit überhaupt nicht für nötig gehalten hatte, vergaß noch obenein Melittas schwer zu behaltenden Namen und murmelte ungeschickt: »Unser neues Fräulein.«

»Erlauben Sie mir, Fräulein Tschuschner, Sie mit den Verwandten bekannt zu machen, von denen ich Ihnen schon erzählte,« fiel der Baron artig ein. »Meine Tante, Frau von Delmenried, mein Onkel, General Delmenried.« – Der General, ein großer alter Herr mit vollem weißen Haar und Bart, ausrasiertem Kinn, kurzer Nase und freundlichen blauen Augen, trat auf sie zu; er schleppte den einen Fuß, seitdem ihm eine französische Kugel den Knöchel zerschlagen hatte. Melitta reichte ihm unbefangen die Hand. Dann kamen Emmy und Armgard heran, große wohlgebaute Gestalten, die von der Schönheit der Eltern nicht viel geerbt hatten, besonders wurde Armgards Aussehen durch schlechte Hautfarbe beeinträchtigt. Emmy glich der Mutter, doch ohne die Feinheit und Regelmäßigkeit der Züge.

»Und hier,« fuhr der Baron fort, »mein Vetter, Leutnant Kurt Delmenried, und hier ein gemeinsamer Vetter, Horst Delmenried; er ist noch im Korps und hat das unermeßliche Glück gehabt, mitten im Semester die Masern durchzumachen und Urlaub zu bekommen, um sich zu erholen, was er eben in Schloß Ried bestens besorgt.«

»Mein Neffe erzählt mir, daß Sie in Indien gewesen sind, gnädiges Fräulein,« sagte der General. »Haben Sie denn da auch einen Tiger gesehen?«

»Gewiß,« sagte Melitta.

»War er sehr nah?« fragte Armgard.

»O ja,« sagte Melitta, »so nah wie etwa dieser Tisch.«

»Wie schrecklich,« sagte Armgard. »Was taten Sie denn da?«

»Ich sah ihn an,« erwiderte Melitta.

»Und da schlich er davon? Man liest öfter, daß er den menschlichen Blick nicht ertragen kann,« sagte der Leutnant.

»Das konnte er nicht,« sagte Melitta, »er war in einer Kiste, und ein alter Malaye stocherte mit einem Stock, um ihn aufstehen zu machen.«

Alle lachten.

»Wo war denn das?« fragte der General.

»In Singapore.«

»Wo liegt das?« erkundigte sich Armgard.

»Es ist die Südspitze von Hinterindien, eine kleine Insel, die der Halbinsel von Malakka vorgelagert ist,« erklärte Melitta.

»Ich dachte doch, da wäre es wenigstens noch wild und gäbe noch Tiger,« sagte Horst enttäuscht.

»Es gibt ihrer auch noch genug, sogar in der Nachbarschaft von Singapore, und sie schwimmen vom Festland herüber. Ich kannte eine Dame, die an nervösen Zufällen litt infolge einer Begegnung mit einem Tiger, und mir wurde ein Haus gezeigt, in dessen Garten einer erlegt worden war; aber mein Vater sagte, das wäre ihm schon gezeigt worden, als er vor zwanzig Jahren dagewesen wäre.«

Nach dem Abendessen fuhren die Gäste davon; der Baron und seine Frau begleiteten sie bis an den Wagen. Melitta blieb etwas zurück und stand allein auf der oberen Stufe. Sie grüßten alle freundlich zu ihr hinauf, und über ihr Antlitz glitt zum erstenmal wieder seit jenem unglückseligen Tage in Rangoon das ihr eigene aufleuchtende Lächeln, das ihr Gesicht mit Lieblichkeit übergoß und in Kinn und Wangen ein sonst verborgenes Grübchen zeigte.

»Und wenn ihr kommt, bringt ihr die kleine Indierin mit, hört ihr?!« rief der General noch aus dem Wagen.

»Gewiß! – Gewiß!« riefen der Baron und die Baronin zurück.

»Das ist ein reizendes Geschöpfchen,« sagte der alte Herr, als sie unterwegs waren.

»Ich habe so ein Köpfchen noch nie gesehen, außer auf Bildern von Engeln,« sagte Armgard, »so über und über mit weichen, dunkeln Locken.«

»Die Augen!« rief der Leutnant ganz begeistert.

»Viel zu gut für Klitten!« fuhr Horst heraus.

»Sie wird nicht lange da bleiben,« sagte Emmy.

»Sie muß sehr viel Conduite haben, daß sie überhaupt noch da ist,« meinte die Generalin.

*

Die Baronin hatte die Gewohnheit, jeden Mittwoch in die nächste Stadt zu fahren und ihre Einkäufe zu besorgen. Heute aber blieb sie im letzten Augenblick zurück und gab nur dem Kutscher einige Aufträge mit. Eveline hatte Erlaubnis erhalten, das Töchterchen des Lehrers zu besuchen, das Geburtstag hatte, und Melitta benutzte den ruhigen Nachmittag zu einem Briefe an Fanny. Da klopfte es, und die dicke Marie meldete in ehrerbietiger Bestürzung: »Da kimmt der Herr Paster.«

»Die Frau Pastor meinen Sie wohl?«

»Nee, der Herr Pastor; er will bei Sie.«

»So bitten Sie den Herrn, unten einzutreten; ich komme gleich.«

»Keine Umstände, mein liebes Fräulein, keine Umstände! Hier bin ich schon!« Und keuchend trat der geistliche Herr in die Tür.

»Das ist ja sehr freundlich von Ihnen, Herr Pastor. Ihre Frau Gemahlin –«

»Meine Frau – ja, wenn ich sagte, sie ließe sich entschuldigen, so würde ich mich einer jener gesellschaftlichen Lügen schuldig machen, wie sie in unserer Zeit nur zu sehr im Schwange sind. Nein, ich halte es immer mit der Wahrheit. Ich ging hier nur so vorbei und da dachte ich, Du willst doch einmal nach Deinem neuen Beichtkinde sehen!« Damit schob er sich vollends in die Stube.

»Ich bedaure nur, daß ich Sie wieder hinunter bemühen muß, Herr Pastor; ich habe nur dies eine Zimmer.«

»O, ich sitze hier ganz gut; machen wir uns doch nicht das Leben sauer,« sagte der Pastor und ließ sich in der Sofaecke nieder.

»Nun, ich gehe Ihnen voran,« sagte Melitta kühl und ging aus dem Zimmer. Sie wußte selbst nicht, wie ihr die Vorstellung kam, daß der Pastor seinen Besuch nicht an die Hausglocke zu hängen wünschte und sich seine Kenntnis der Lokalitäten zunutze gemacht hatte.

Im Eßzimmer saß die Baronin. »Wo würden Sie mir gestatten, den Herrn Pastor zu empfangen?« sagte Melitta, »er ist so freundlich, mich zu besuchen.«

Die Baronin sah einen Augenblick überrascht aus, dann erfaßte sie die Sachlage und sagte mit Schadenfreude in jedem Zuge ihres Gesichts: »O, wo Sie wollen! Hier, wenn ich nicht störe!«

»Wie sollte es!« sagte Melitta. Zugleich hörte man draußen den schlürfenden Schritt des Pastors, dem nichts übrig geblieben war, als herunter zu kommen. Er fuhr beinahe zusammen, als er die Baronin sah.

»Das ist ja schön, Herr Pastor, daß Sie sich auch einmal bei uns sehen lassen! Es gilt ja freilich nicht mir, aber Fräulein ist so gutherzig, daß sie mich mit an der Freude teilnehmen läßt!«

Der unglückliche Pastor schnappte nach Atem.

»Und wie geht es denn der Frau Pastor?« fuhr die Baronin unbarmherzig fort. »Ich habe sie auch so lange nicht gesehen! Hoffentlich besucht sie Fräulein auch bald einmal!«

Unterdessen hatte sich der Pastor gefaßt und machte Unterhaltung, so gut es gehen wollte. Melitta sah sehr wohl, daß ihm unbehaglich zumute war, ohne recht zu begreifen, was eigentlich vorging. Desto besser begriff die Baronin. Sie hatte zwar durch ihr Bleiben einem anderen Wild nachgestellt, freute sich jedoch auch des Fanges, der ihr so unerwartet ins Garn lief, und warf Melitta unwillkürlich Blicke zu, die diese nicht verstand.

Der Pastor empfahl sich, sobald er glaubte, es mit Schicklichkeit zu können, und Melitta kehrte zu ihrem Briefe zurück. Sie verließ das Haus nicht mehr allein, denn der Verdacht, der letzthin in ihr aufstieg, war ihr fast zur Gewißheit geworden. Sie hatte die Probe gemacht. Wenn früh festgestellt wurde, wohin sie am Nachmittag ihren Spaziergang richten wollten, trafen sie unfehlbar den Baron; überließ sie das Ziel angeblich dem Zufall oder änderte sie es unterwegs, so erschien der Baron nicht und Eveline blieb die ganze Zeit unlustig und verstimmt.

Es war ihr eine ganze Weile gelungen, dem Baron auszuweichen. Hätte sie ihn gekannt, so hätte sie seinen unruhigen Augen und seinem ungleichen Wesen wohl angemerkt, daß ihm Geduld und Vorsicht bald einmal versagen würden, aber die Baronin sah es und wußte sich's zu deuten.

Eines Tages ging Melitta mit Eveline in dem Wäldchen spazieren, das sich von der Berglehne zu der Birkenallee herunterzog, als der Baron sie in einem leichten Jagdwagen überholte. »Papa! Papa!« rief Eveline, »nimm uns mit!« Der Baron lachte, ließ anhalten, sprang ab und hob das Kind in den Wagen. »Halt Dich fest! – Fahr zu!«

Der Kutscher verstand, grinste, die Pferde zogen an, und ehe Melitta recht wußte, wie ihr geschah, war das Gefährt um die Ecke, und der Baron trat auf sie zu, schlecht verhehlten Triumph und Entschlossenheit im Blick. Unwillkürlich wich sie zurück; ›das ist das Ende‹, war ihr erster Gedanke. Der Ausdruck seines Gesichts änderte sich jedoch, als er sie näher ins Auge faßte, und er begriff sofort den begangenen Fehler.

»Aber, mein Fräulein! Nehmen Sie den kleinen Spaß doch nicht so tragisch; wir waren doch sonst gute Kameraden! Nein, wirklich, das dürfen Sie nicht; ich habe es gewiß nicht schlimm gemeint. – Was ist denn dabei? So ein alter Familienvater, wie ich bin! – Kommen Sie, machen Sie kein so steinernes Gesicht! – Ist es denn so schlimm, wenn ich auch einmal mit jemand ein vernünftiges Wort sprechen möchte?«

Sie antwortete nicht und beschleunigte ihren Schritt so sehr sie konnte, aber er blieb ruhig schreitend neben ihr.

»Sie haben doch mit Ihren eigenen Augen gesehen, was mein Leben ist. Es ist kein glückliches, kein gutes. Gift und Galle schlinge ich hinunter, Tag für Tag. – Ich habe um Brot gebeten und einen Stein bekommen. – Sie werden sagen, es wäre meine eigene Schuld. Aber macht das die Last leichter? – Und nun sieht man solch ein süßes junges Ding, das so tapfer seinen Weg geht, so ernst seine Pflicht tut! – Ich bin kein Stein, ich fühle doch auch, was Sie meinem Kinde sind und ihm zugut tun, und ich bin Ihnen dankbar« –

»Herr Baron,« unterbrach Melitta ihn mit erstickter Stimme, »wenn Sie die geringste Rücksicht und Ritterlichkeit haben, so lassen Sie mich jetzt in Frieden und gehen einen anderen Weg.«

Aber er blieb neben ihr, so dicht, daß er ihren Arm streifte.

»Haben Sie denn gar kein Mitleid mit solch einem armen Kerl, wie ich?«

»Ich habe keine Lust, mit Ihnen darüber zu diskutieren.«

»Ich bin in Verzweiflung, daß Sie es so nehmen! – Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, es soll nicht wieder vorkommen. – Ich will gehen, ich will tun, was Sie wollen, nur vergeben Sie mir, sagen Sie mir ein einziges freundliches Wort. – Hier, – ich will gut sein, ich will gehorchen wie ein Lamm, nur geben Sie mir noch einmal Ihre Hand, diese süße kleine Hand, die einmal einem Glücklichen zuteil wird – nicht mir, – Sie ahnen nicht, wie mir ist, Sie hätten dann doch etwas Mitleid mit mir –«

Melitta atmete auf; sie hatten den Eingang der Birkenallee fast erreicht.

»Nur noch ein einziges Mal lassen Sie mich Ihre Hand küssen!« Er faßte nach ihr, und Melitta sah wieder den Ausdruck begehrlicher Entschlossenheit in seinem Auge. »Nur eine einzige Sekunde legen Sie Ihren Arm in meinen, dann, bei Gott, gehe ich –«

»Wenn Sie mich berühren, schreie ich um Hilfe,« sagte sie und sah ihn mit einem Blick an, der ihn in seine Schranken weisen sollte, aber nur ihre Augst verriet.

»Geben Sie mir Ihre Hand, und ich gehe augenblicklich, aber das muß ich haben, das muß ich –« er trat ihr in den Weg.

»Schön! Bravo! Vortrefflich!« gellte die Stimme der Baronin dicht neben ihnen. »Das ist ja nett! – Also doch! Das wußte ich doch gleich, was hinter dem scheinheiligen Lärvchen steckte! – Aber fort soll sie, – fort – noch heute –«

»Mach Dich doch nicht lächerlich, Sidonie, – halte wenigstens den Mund, bis wir im Hause sind. Siehst Du nicht, wie das Pack da drüben gafft und grinst?«

»Ich weiß selber, was ich zu tun habe,« schrie die Baronin. »Mags hören, wer da will! – Es ist wohl das erste Mal, nicht wahr? – Fort soll die Person, noch heute!«

»Das versteht sich von selbst, Frau Baronin, daß ich nach dem Vorgefallenen nicht eine Nacht länger in Ihrem Hause bleiben kann.«

»Natürlich, Sie setzen uns die Schippe vor die Tür, das Spiel kennen wir!«

Sie hatten inzwischen das Haus erreicht. Im Hof stand die Kutsche von Ried, und die Generalin und Emmy waren eben ausgestiegen. »Nun muß der Teufel auch die noch hierher bringen!« murmelte der Baron zwischen den Zähnen.

»Was habt ihr denn?« fragte die Generalin, als sie das finstere Gesicht ihres Neffen sah und die Baronin mit violetten Backen und sprühenden Augen auf sie zutrat, während Melitta, bleich bis an die Lippen, dahinter stand.

»Diese freche Person –« stieß die Baronin heraus.

»Sidonie ist wieder einmal nicht bei sich,« sagte der Baron höhnisch.

»Ich dächte, wir warteten, bis wir im Zimmer sind.« Die Generalin ging voran. Drinnen schloß der Baron die Fenster, und nun brach die Baronin los: sie hätte gleich gesehen, daß der Baron hinter dem Fräulein her wäre; sie hätte schon manche Fratze im Hause gehabt, der das nur zu recht gewesen wäre; aber solch ein kokettes, scheinheiliges Geschöpf wäre ihr doch noch nicht vorgekommen; der Verwalter sähe ihr nach und auch der alte Fuchs, der Pastor, der jeder Schürze nachliefe, hätte ihr nachgestellt, aber selbst seine Frau, die doch sonst nicht penibel wäre, wo es zu klatschen gäbe, hätte den Fuß nicht zu ihr gesetzt –

Der Baron suchte sie zu unterbrechen, aber wie ein schmutziger Strom ergoß es sich unaufhaltsam weiter: man hätte ja gleich gesehen, was an ihr wäre mit dem Jungenkopf wie ein Titus, der reine Perückenstock wie beim Friseur im Schaufenster –

»Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß mir das Haar in schwerer Krankheit abgeschnitten ist,« unterbrach Melitta empört.

»Das kann jeder sagen, und dafür gibt's falsche Zöpfe,« schrie die Baronin. Und sie eiferte fort: sie hätte lange gewußt, daß sie sich träfen, aber bis jetzt wären sie ihr zu schlau gewesen; heute jedoch hätten sie es zu arg getrieben, hätten sich im Walde getroffen und den Wagen mit Linen nach Hause geschickt, da wäre sie ihnen entgegen gegangen und hätte sie aufs schönste abgefaßt.

»Sidonie ist in solchen Sachen unzurechnungsfähig, wie Du weißt, Tante,« schob der Baron ein. »Ich habe freilich unrecht gehabt; wenn man einen solchen Drachen im Hause hat, müßte man vorsichtiger sein. Ich habe nur einen Spaß gemacht, habe Line voranfahren lassen und bin dann von der Mitteleiche aus mit dem Fräulein nach Haus gegangen. Das ist alles, und darüber macht sie nun solch ein Hallo. – Oder habe ich Ihnen etwas Schlimmes zugemutet, Fräulein?«

»Das hätte ich Ihnen nicht raten wollen!« Auf Melittas Wangen brannten jetzt zwei rote Flecke.

»Da seht ihr,« sagte der Baron sarkastisch, »das Fräulein bezeugt mir selbst, daß sie sich nicht über mich zu beklagen gehabt hat.«

»Das habe ich nicht gesagt!« In Melittas Augen blitzte es nun auch. »Ich habe mich wohl über Sie zu beklagen!«

»Und worüber denn, wenn ich bitten darf?«

»Da hört ihr's! Sie sagt es ja selbst, die freche Person!« rief die Baronin triumphierend.

»Sidonie!« warnte die Generalin.

»Sie haben mich mit der schicklichen Rücksicht und Höflichkeit behandelt, wenn Sie mit mir allein waren,« sagte Melitta, »in Gegenwart Ihrer Frau haben Sie mich kaum beachtet. Ich habe diesen Unterschied als eine Beleidigung empfunden und als eine Kränkung. Ich bin Ihnen ausgewichen, wie ich konnte, ich habe Ihnen meine Mißbilligung gezeigt, aber Sie haben nicht verstehen wollen und haben sich so benommen, daß ich unter Ihrem Dach nicht länger bleiben kann und will.«

»Hört ihr's! Hört ihr's!« frohlockte die Baronin. »Ja, fort soll sie, noch heute soll sie ihre Sachen packen, gleich jetzt, auf der Stelle!«

»Mein Gott, Sidonie, nimm doch Vernunft an!« fing der Baron an. »Du hörst doch selbst –«

»Du hast hier gar nichts zu melden! Dies Haus ist mein Haus, und die Person soll fort!«

»Es versteht sich von selbst, daß ich noch heute gehe,« sagte Melitta.

»Aber wo wollen Sie hin?« fragte Emmy. »So spät geht kein Zug.«

»Ich hatte gedacht, die Pastorin um Unterkunft für eine Nacht zu bitten, aber nach dem, was ich eben gehört habe, ist auch das unmöglich. – Ich werde hier ins Wirtshaus gehen.«

»Das geht nicht,« sagten Emmy und der Baron aus einem Munde.

»Auf eine Nacht wird es wohl gehen müssen –«

»Es ist nicht deshalb –« sagte Emmy, »aber die Leute würden –« sie stockte.

»Was macht die sich daraus!« rief die Baronin.

Melitta stand wie vom Donner gerührt. Wie wenn der Blitz niederfährt und dem nächtlichen Wanderer den Abgrund zeigt, an dem er steht, – war ihr zumut, da sie plötzlich ihren guten Ruf, ihr letztes unveräußerliches Gut, in Gefahr sah. In ihr Gesicht trat der geängstigte Blick eines gehetzten Rehs. Die Generalin, die still beobachtend dagesessen hatte, sah es und verstand es.

»Liebes Fräulein,« sagte sie, »Sie hatten uns Ihren Besuch versprochen und wir hatten Sie bitten wollen, nächsten Sonntag bei uns zuzubringen, deshalb kommen wir her. Machen Sie uns jetzt die Freude und kommen Sie zu uns, bis Sie über Ihre nächste Zukunft entschieden haben. Mein Mann und meine Kinder werden sich sehr freuen.«

Melitta war noch wie betäubt, aber sie griff nach der rettenden Hand.

»Ich komme – sehr gern,« sprach sie.

Der Baron trat auf seine Tante zu und küßte ihr bewegt die Hand, die sie ihm entzog.

»Ja, freuen werden sie sich,« sagte die Baronin giftig, »besonders die Herren; für die ist das ein Pläsier!«

»Gewiß, liebe Sidonie,« sagte die Generalin, »wenn ich einen Gast bringe, erwarte ich von allen meinen Kindern, daß er ihnen willkommen ist.«

»Darf ich Ihnen packen helfen?« fragte Emmy beinahe schüchtern.

»Ach ja, bitte!« Sie stiegen zusammen in Melittas Zimmer hinauf, und fast ohne zu sprechen, wurde der große Koffer abermals gefüllt.

Als sie zurückkehrten, schien die Generalin die Zeit benutzt zu haben, um dem Ehepaar über ihre Meinung keinen Zweifel zu lassen; beide sahen ernüchtert und beschämt aus.

»Kann ich nicht noch Eveline Lebewohl sagen?« fragte Melitta, im Begriff, in den Wagen zu steigen.

»Wozu? – Besser nicht!« Die Baronin ging ins Haus zurück. In dem Augenblick jedoch, als die Pferde anzogen, hörte man Evelines weinende Stimme, gleich darauf das Klatschen eines Schlages und heftiges Geschrei.

Das war der Tropfen, der das Gefäß zum Überlaufen brachte; Melitta senkte den Kopf und brach in Tränen aus. Emmy legte ihre Hand teilnehmend auf ihren Arm, und so fuhren sie schweigend durch den stillen Abend das Tal entlang nach Schloß Ried.

3.

Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser,
Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind.

Goethe.

 

Es war dunkel, als sie an dem Portal des Schlosses hielten, wo ihnen die zurückgebliebene Familie entgegeneilte. Bei Melittas Anblick entstand großer Jubel, doch nahm Emmy sie gleich mit in ihr Zimmer. Als sie zurückkamen, sah Melitta an den ernsten Gesichtern und der teilnehmenden Zuvorkommenheit, mit der sie behandelt wurde, daß die Generalin allen den nötigen Aufschluß gegeben hatte.

Als Melitta am nächsten Morgen an das Eckfenster ihres Zimmers trat, war sie von dem Blick, der sich ihr darbot, überwältigt. Der Fels, auf dem das Schloß stand, schob sich wie ein Vorgebirge zwischen zwei Täler; auf der einen Seite lag die Landschaft bis nach Klitten hin im Morgenschein, auf der anderen zweigte sich ein engeres Tal ab; überall auf den Höhen breitete sich Tannenwald. Vor dem Schlosse zog sich ein gepflasterter Gang mit einem Steingeländer entlang, und eine breite Treppe führte auf eine tiefer gelegene Terrasse mit Blumenbeeten, die eine niedrige, mit uraltem Efeu bewachsene Brustwehr gegen die Tiefe abschloß.

Melitta staunte; so schön hatte sie sich die Lage des Hauses nicht gedacht.

Emmy und Armgard holten sie zum Frühstück ab; dann nahm die Generalin sie in Beschlag, zeigte ihr die Merkwürdigkeiten des Gebäudes, die ältesten Teile und die neueren Anbauten, führte sie in ihr eigenes Zimmer und legte ihr in schonendster Form einige Fragen über ihre persönlichen Verhältnisse vor, die Melitta ohne Rückhalt beantwortete.

Nach Tisch wurde der Kaffee auf der Terrasse getrunken, und der General, der inzwischen in einem alten Brockhaus seine abgeblaßten Kenntnisse über Indien etwas aufgefrischt hatte, ließ sich allerlei von Melitta erzählen. Sie beschrieb ihm unter anderem die Bauart einer Pagode, und dabei fiel ihr ein Aquarell ein, das sie für Fanny von der großen Pagode gemacht und sich bei ihrer Abreise hatte wiedergeben lassen. Sie holte es aus ihrem Koffer und zeigte es. Das Blatt wurde sehr bewundert, und man fragte nach dem Urheber.

Als Melitta sagte, es stamme von ihr selber, meinte die Generalin, sie sei ja eine Künstlerin.

»Da fehlt noch viel,« erwiderte Melitta, »aber wir hatten allerdings in Lutteroth einen ausgezeichneten Lehrer.«

»Lutteroth!« wiederholte die Generalin überrascht.

»Kinder, davon solltet ihr profitieren!« rief Kurt seinen Schwestern zu, und Emmy begann: »Wenn Sie sich unserer etwas annehmen wollten –«

»Wir könnten ja zusammen skizzieren,« meinte Melitta. »Dabei fällt mir dies und jenes wieder ein, das wir uns zunutz machen können.«

»Da nehmt ihr aber die Mama mit,« sagte der General, »Sie müssen wissen, liebes Fräulein, daß meine Frau allerliebst zeichnet.«

»Aber Hans!« rief die alte Dame und errötete wie ein junges Mädchen.

»Nein, nein! Geh nur gleich und hole Deine Hefte; das Fräulein soll selbst urteilen.«

Die Generalin brachte ihr Skizzenbuch und legte es vor Melitta hin, die die Zeichnungen als sehr korrekt und sorgfältig bewunderte. Als sie wieder ein Blatt umwandte, stieß sie einen Ruf der Überraschung aus: »Das ist ja unser Garten!«

»O nein! Es ist eine der Sehenswürdigkeiten Hamburgs,« sagte die Generalin, »der berühmte alte Nippold'sche Garten. Wir fuhren nach Kuxhaven, und der Dampfer wartete eine Stunde an dieser Stelle. Da zeichnete ich diese Ansicht von der Wasserseite.«

»Es ist unser Garten,« wiederholte Melitta. »Der verstorbene Franz Nippold war mein Onkel, der Mann meiner Tante, und ich bin von ihnen erzogen. In diesem Garten bin ich aufgewachsen. Das Kind dort am Wasserfall bin ich, und der Knabe, der das Schiffchen hält, ist ein Jugendgespiele von mir, Volckardt Werningen.«

»Ist es möglich! – Wie wunderbar!« hieß es von allen Seiten.

»Wie sind Sie denn aber so heruntergekommen?« fragte der Kadett.

»Bravo, Horst! Das war echt!« rief der General, und alle lachten.

»Ich meine es ja gar nicht so!« Der arme Junge war blutrot geworden. »Nicht wahr, gnädiges Fräulein, Sie denken nicht, daß ich es so gemeint habe?«

»Nein, nein!« Melitta lachte. »Seien Sie unbesorgt; ich weiß, wie Sie es gemeint haben!«

»Und nun, Fräulein Tschuschner,« sagte der General, »holen Sie uns noch mehr von Ihren Kunstwerken. Sie müssen ja Schätze auf Ihren Reisen gesammelt haben.«

»Ich habe nur dies eine Blatt,« erwiderte Melitta trübe. »Meine Skizzenbücher liegen mit all meiner übrigen Habe im Eingang der Sundastraße auf dem Grunde der See.«

Ein Augenblick des Staunens, dann Frage auf Frage, und ehe Melitta selbst wußte, wie es geschah, beschrieb sie zum erstenmal zwar nicht das schlimmste, wohl aber das furchtbarste ihrer Erlebnisse. Ob sie, wie es zurückhaltenden Menschen geht, das Bedürfnis nach Mitteilung plötzlich überkam, oder das Gefühl, diesen Leuten, die ihr so viel Vertrauen bewiesen, ein gleiches schuldig zu sein – gleichviel: was sie selbst Volckardt nur in abgerissenen Worten gesagt, was sie sogar Fanny gegenüber nicht über die Lippen gebracht hatte, das gab sie nun preis, wie bezwungen und fortgelockt von all den ernsten Augen, die mit solcher Teilnahme und so atemlosem Interesse auf ihr ruhten.

Am nächsten Vormittag saßen Melitta und Emmy plaudernd auf der Terrasse, als Armgard ihre Schwester abrief.

»Was werden Sie während meiner Abwesenheit tun?« fragte Emmy noch im Fortgehen.

»O, ich schreibe oder betrachte mir die Umgegend,« antwortete Melitta. Sie sah den beiden hohen, kräftigen Gestalten nach, wie sie mit gleichem festen Tritt den gepflasterten Gang entlangschritten. Man meinte diesen Steinen noch anzusehen, daß sie einst unter den Schritten ihrer Vorväter in Harnisch und Schuppenhemd geklungen hatten.

Melitta zog die Schreibmappe näher und spielte mit ihrer Füllfeder. Es war ein köstlicher Morgen. Monatsrosen, Verbenen und Reseda dufteten um sie her; überlaut summten die Bienen in den Efeudolden; der leichte Wind trug ihr den Harzgeruch des Waldes herüber. Und der Wald war so nahe. Bis an das Portal der Brücke, die noch den Schloßgraben überspannte, standen die großen, dunkeln Fichten. Sie setzte ihr Hütchen auf, ging aus dem Tor und schlug den nächsten Weg ein. Zwischen Fichtenabhängen, Tannenschonungen und kleinen Halden, auf denen Grummet gewendet wurde, ging es bergan. Ein Pfad lockte hier zur Seite; Felsen traten zutage, Zacken, die wie Inseln zwischen Moos und Heidekraut aufragten, efeubewachsene Kuppen, Abhänge mit abgeblühtem Ginster und welkem Fingerhut. Ein paar Stufen abwärts, und sie stand auf einer natürlichen Kanzel; wie schwebend sah sie auf Tannenwipfel hinunter, die einen Talkessel füllten, rings eingefaßt von Bergabhängen in dem gleichen dunkeln Grün; zur Seite zeigte sich in hellerer Färbung eine Halde mit einem Stück alten Gemäuers, – ein Ort von entzückender Waldstille.

»Der Pan schläft und alle Natur hält den Atem an,« war in die geglättete Rückwand gemeißelt. In der Tat hörte man nichts als das Plätschern und Murmeln eines Baches tief im Grunde, das Rauschen der Tannen und ab und zu den heiseren Schrei eines Falkenpaares, das hoch über ihr in der Luft seine Kreise zog. Eine Weile lauschte Melitta den Waldesstimmen, dann stieg sie zwischen den Felsblöcken höher. In der Richtung der Halde gewahrte sie nun die Spitze eines Turmes und ein Stück Schieferdach mit einem Erker. Ein rotbraunes Tier lief vorüber und sah sie mit klugen Augen an, ein Fuchs! Ohne Besinnen eilte ihm Melitta in das Dickicht nach; sie sah noch einmal etwas Rotes dahingleiten, dann war er verschwunden. Dafür nickten blaue und weiße Glockenblumen aus einem Gewirr von Adlerfarnen. Sie konnte nicht widerstehen und pflückte, soviel ihre Hand fassen konnte. Der Weg schlang sich nun weiter unten um eine Anhöhe, von der das Wasser einer Quelle in einen Steintrog sprudelte. Melitta hätte sich gerne noch weiter locken lassen, fürchtete aber zu lange auszubleiben, und machte sich deshalb mit ihrem Strauß in der Hand auf den Rückweg.

Seit lange hatte sie kein solches Gefühl von Freiheit, wiedergekehrter Jugendkraft und Sorglosigkeit gehabt. Die Erinnerung an die schlimmen Erfahrungen der letzten Wochen trat zurück. Das Leben war doch wohl noch des Lebens wert, die Zukunft lag nicht mehr so verheißungslos vor ihr. Im tiefsten Herzen lebte die Hoffnung wieder auf, wie eine ausgetretene Flamme, von der doch noch ein kleiner Funke unbemerkt unter der Asche geglimmt hat. Würde Volckardt sie vergessen, nun er sie wiedergefunden hatte? – Eben da sie dies dachte, erblickte sie inmitten roter Heide ein Büschchen mit weißen Blüten. Mit einem Freudenruf eilte sie hinauf, brach es als gutes Vorzeichen, und begann leise vor sich hinzusummen; sie lächelte, als sie der Melodie inne wurde. Volckardt hatte sie als Knabe von einem amerikanischen Schiffe gebracht, und sie hatten sie unzähligemal im Garten miteinander angestimmt. Unwillkürlich schritt sie im Takt und sang dazu mit heller Stimme das alte Negerlied in den wundervollen Morgen hinein:

» Hang John Brown on a sour appletree!
Hang John Brown on a sour appletree!
Hang John Brown on a sour appletree,
While we are marching along!
Glory! glory! hallelujah!
Glory! glory –
«

Bestürzt hielt sie inne. Der Weg machte eine Biegung, und ein breiter Holzschlag lag vor Melitta, gegenüber senkte sich der Bergrücken, und wie erstarrte Wellen sahen bläuliche Hügel über ihn her.

Bei dem ersten Blick auf sie hatte Melitta das Gefühl der Richtung verloren, das sie bis jetzt begleitet und ihr die Nähe des Schlosses vorgespiegelt hatte – sie war ganz und gar verirrt. Kein Haus war zu sehen, kein Holzschläger zu hören, kein Hund bellte; sie war ganz allein und sah erschrocken und hilflos um sich. Was nun? – Umkehren? – Weitergehen? – Eins schien so hoffnungslos wie das andere. Es überkam sie in ihrer Einsamkeit eine unbestimmte Furcht, eine Art Grauen. Und ganz plötzlich sah sie in ein Paar Augen. Sie zuckte zusammen; sie hatte sich aber in der nächsten Sekunde gefaßt; es war ein Jäger oder Förster mit der Flinte über dem Rücken, der, halb hinter einem Busch verborgen, sie ruhig beobachtete. Er schien schon eine Weile dort gestanden zu haben, und neben ihm saß, still abwartend wie sein Herr, der Hund.

Als er sich bemerkt sah, faßte der Jäger grüßend an den Hut, kam näher und fragte im Thüringer Tonfall: »Sie haben sich wohl verlaufen?«

Melitta nickte; sie traute ihrer Stimme noch nicht.

»Wo wollen Sie denn hin?«

»Nach Schloß Ried.«

»Nach Schloß Ried?!« Der Jäger sagte es mit sichtlichem Erstaunen.

»Ja. Wie weit ist es wohl von hier?«

»Anderthalb Stunden etwa, – aber die hat nicht der Fuchs g'messen und den Schwanz dazug'gä'm.«

»Wollen Sie mir wohl sagen, welchen Weg ich nehmen muß?«

»Das nutzt nichts. Die Wege gehen so ineinander, da kennt man sich nicht so leicht aus.«

»Ich muß aber doch nach Hause!«

»Ich bringe Sie schon hin,« erwiderte der Jäger. »Ich nehme die Richtwege; in dreiviertel Stunden sind wir da.«

Er schritt voran. Von Zeit zu Zeit drehte der Hund den Kopf, als wollte er sich überzeugen, daß sie auch wirklich käme; der Mann aber vermied es sichtlich, Melitta anzusehen. Nur einmal blieb er stehen, um ihr über einen Graben fortzuhelfen, und ein paarmal bog er die Büsche auseinander oder hielt einen Zweig zurück, um ihr den Weg frei zu machen.

»So,« sagte er endlich. »Nun gehen Sie immer auf diesem Rain weiter, dann sind Sie in zehn Minuten in Schloß Ried. – Ihr Diener.« Er faßte an den Hut, pfiff dem Hund und war zwischen den Stämmen verschwunden, ehe Melitta ein Wort des Dankes sagen konnte.

Nach wenigen Minuten lichtete sich in der Tat der Wald, und das Schloß lag vor ihr.

Als sie bei Tisch ihr Abenteuer erzählte, war die Bestürzung allgemein. »Sie dürfen nie wieder so allein und auf das Geratewohl in den Wald gehen,« sagte die Generalin sehr bestimmt. Kurt erklärte: »In unsern Wäldern kann ein Mensch verloren gehen, wie eine Nadel in einem Fuder Heu.« Und der Hausherr erzählte:

»Ich bin einmal abends im Schneetreiben stundenlang im Kreis gegangen; ich wäre elend verkommen in meinem eigenen Forst, keine zwanzig Minuten von meinem Hause, hätte sich nicht der Förster aufgemacht und mich mit Fackeln und Hunden gesucht. Und meine Frau war noch dazu krank, denn unser ältestes Kind war an dem Morgen geboren.«

»Gut nur, daß Sie den Jäger trafen,« sagte Armgard.

»Wie sah er denn aus?«

»Er hatte ein ganz gewöhnliches sonnverbranntes Gesicht, wie es eben Jäger und Landwirte haben, und einen braunen Schnurrbart.«

»Hatte der Hund ein weißes Dreieck auf dem Rücken?« fragte Horst.

»Das habe ich nicht bemerkt.« Melitta lächelte: »Den Mann kann ich erst recht nicht beschreiben, denn er kehrte mir fast die ganze Zeit über den Rücken zu und hat gar nicht gesprochen.«

»Es war Ralph! Es war natürlich Ralph!« hieß es nun von allen Seiten.

»Wer ist denn Ralph?« fragte Melitta.

»Ein Jugendfreund von uns,« erwiderte Armgard, und Horst rief: »Ein ganz famoser Kerl! Der beste Reiter und der beste Schütze in der ganzen Gegend!« Der General endlich erklärte: »Unser nächster Nachbar, ein sehr tüchtiger junger Landwirt.«

»Sein Treff ist der klügste Jagdhund, den ich kenne,« rühmte Horst. »Seine Teckel sind geradezu berühmt,« schob Kurt ein. Und Emmy ergänzte: »Er hat eine reizende alte Mama mit weißem Haar und dunkeln Augen und einem feinen blassen Gesicht.«

»Ralph ist ein Herr von Wärtens; er lebt ganz nah von hier auf der Pochernburg,« sagte die Generalin. »Sie müssen den Turm von dem Steinkegel aus gesehen haben.«

»Wärtens!« sagte Melitta, »der Name klingt mir so bekannt.«

»Sie haben ihn hundertmal gehört; der berühmte Berliner Chirurg.«

»Freilich. Sind sie verwandt?«

»Sehr nah sogar. Ralph ist sein Sohn. Der Vater zog sich, nachdem er, wie es hieß, ein fürstliches Vermögen erworben hatte, hierher zurück und baute –«

»Es war eine ganz romantische Geschichte,« fiel Emmy ein. »Die Pochernburg war eine Ruine –«

»Kaum das,« unterbrach Kurt. »Es waren nur noch die Grundmauern da und ein halber Turm –«

»Eine Ruine«, – Emmy ließ sich den Faden des Gesprächs nicht so leicht entreißen – »eine Ruine, die von Turnvereinen und Studenten aus Jena ab und zu besucht wurde. Wärtens machte als junger Fuchs auch eine solche Spritzfahrt mit und soll, als sie auf der Burghalde lagerten, gesagt haben: ›wenn ich ein berühmter Mann geworden bin, kaufe ich mir die Pochernburg, baue sie wieder auf und verbringe hier meinen Lebensabend.‹ Später kam er nochmals dorthin, und die Stelle gefiel ihm wieder so gut, daß er seinen Jugendplan ausführte.«

»Das ist ja allerliebst,« meinte Melitta.

Der Hausherr nickte. »Ja, aber leider verlief nicht alles so hübsch. Der Geheimrat baute sehr teuer und wollte sich überdies einen zusammenhängenden Landbesitz schaffen. Obgleich er von der Landwirtschaft so gut wie nichts verstand, hatte er den Ehrgeiz, den Grundbesitzer zu spielen; da kann man schon ein Vermögen verbuttern. Zuletzt hatten die Leute Mühe sich zu halten. Sie hätten ihren Besitz gern verkauft, wenn sich nur ein sicherer Käufer gefunden haben würde. Nach dem Tode des Vaters hörten die Mißgriffe auf; die Witwe stellte einen ordentlichen Verwalter an, und Ralph nahm sich die Zeit, seine Sache gründlich zu lernen. Er übernahm erst mit siebenundzwanzig Jahren das Gut. Jetzt sind sie wohl über die schlimmsten Sorgen hinaus, aber sie haben es sich sauer werden lassen, und Ralph hat so eingezogen und solid gelebt, wie wenig junge Leute, die so früh selbständig werden.«

»Wir müssen Fräulein Tschuschner recht bald zu Tante Wärtens bringen, Mama,« meinte Armgard.

»Das versteht sich.«

Frau von Wärtens war nicht die einzige, deren Bekanntschaft Melitta machen sollte. Am Sonntag fuhr die Familie in die Kirche hinunter nach Dorf Ried. Kurt und Horst, die sich bei Ablauf ihres Urlaubs von den Pastorsleuten verabschieden sollten, trabten auf Ackerpferden nebenher. Die Generalin hatte Melitta eigens gebeten, mitzukommen. »Der Pastor und seine Frau sind alte Freunde von uns, vortreffliche Leute. Sie haben sonst wenig Umgang, und wir bringen ihnen immer unsere Gäste.«

Unter Glockenläuten fuhren sie durch das Tal, hielten vor der kleinen Kirche und betraten durch einen Seiteneingang das herrschaftliche Gestühl.

Es war eine kleine bäuerliche Gemeinde; Melitta sah hier noch die alte Thüringer Tracht. Die Frauen trugen die Kappe mit der breiten Schleife über der Stirn, mit dem goldgestickten Spiegel und den langen schwarzseidenen Bändern. Jede hielt ein weißes gefaltetes Taschentuch und ein paar Blumen mit dem Gesangbuch in den Händen. Gerade gegenüber saß ihnen eine Bäuerin mit schlohweißem Haar und scharfen, unbeweglichen Zügen. Nach dem Vorspiel der Orgel, die ihre Töne immer erst widerwillig, dann aber schrill und rasselnd zutage förderte, sollte der Choral einsetzen; ehe jedoch der Küster die erste Strophe anfangen konnte, stimmte die alte Bäuerin mit so kreischender Stimme das Lied an, daß Melitta heftig zusammenfuhr. Niemand sonst schien indessen etwas Auffallendes darin zu finden; alle Gesichter trugen einen schlichten kirchlichen Ausdruck.

Nach beendetem Gottesdienst kam eine einfache ältere Dame, deren gutes frisches Gesicht vor Freude strahlte, auf sie zu. Es war die Pastorin, die die Delmenrieds auf das herzlichste bewillkommte, wobei sie einen sanft gurrenden Ton ausstieß.

Beim Eintritt ins Pfarrhaus wandte sich die Pastorin an ihre Gäste: »Seien Sie willkommen!« Dann hörte Melitta sie halblaut zu Armgard sagen: »Nicht wahr, Armgardchen, Sie machen mir die Grießklößchen in die Suppe? Es steht alles da, aber ich habe es nicht mehr im Griff, seit es die selige Maria immer machte.«

»Gehen Sie ruhig hinein, Frau Pastor, ich sehe schon nach allem,« war die Antwort.

Während man nun plaudernd in der Wohnstube saß, – der General war zum Pastor hinaufgegangen, – rief Emmy mit einem Blick durchs Fenster: »Da kommt Ralph.«

»Ich dachte es mir,« sagte die Pastorin. »Er will über die neue Verordnung sprechen. Heute hat er nun den Herrn General und meinen Mann gleich beisammen.«

Die Tür wurde geöffnet, und der Jäger von neulich trat ein. Die Pastorin begrüßte ihn mütterlich, er sie herzlich. Er küßte der Generalin die Hand, schüttelte sie Emmy und den jungen Männern kameradschaftlich und bestellte Grüße von seiner Mutter.

»Sie bleiben doch zum Essen, Herr von Wärtens?« hieß es. »Nach Tisch sprechen dann die Herren über ihre Geschäfte.«

»Wenn Sie mich behalten wollen, Frau Pastor! Offen gesagt, habe ich im stillen darauf gerechnet.«

Melitta hatte in einer Ecke des Zimmers gestanden und ein Richtersches Vaterunser betrachtet, das eingerahmt an der Wand hing; jetzt näherte sie sich, und die Generalin sagte: »Erlauben Sie mir, Ralph, daß ich Sie unserem lieben Gast vorstelle, Fräulein Tschuschner. Sie haben ja wohl schon ihre Bekanntschaft gemacht.«

Melitta trat mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. »Ich freue mich –« begann sie. Zu ihrem Schrecken stotterte Herr von Wärtens aber einiges Unzusammenhängende, wandte sich dann ab und flüchtete aus dem Zimmer. Kurt entschuldigte sofort: »So ist er, das darf man ihm nicht übelnehmen.«

»Das ist sein Unglück,« sagte die Generalin, »daß er diese unglückliche Blödigkeit nicht überwinden kann. Manchmal geht es ganz gut, dann aber überkommt es ihn plötzlich.« Auch die Pastorin entschuldigte den jungen Mann: »Das ist nur zuerst so; wenn er jemand genauer kennt, verliert es sich.«

»Er stotterte als Kind, das hat ihn so verschüchtert,« meinte Emmy.

Bei Tisch setzte sich Ralph zwischen Armgard und Kurt und sprach kein Wort.

»Wo sind Sie denn zu Hause, liebes Fräulein?« fragte der greise Pastor in einer Pause des Gesprächs.

»Ich bin Hamburgerin, Herr Pastor.«

»Aber die junge Dame ist schon weit herumgekommen – Der General begann nun zu Melittas Bestürzung frischweg die ganze Geschichte vom Schiffbruch mit allen Einzelheiten zu erzählen, die Melitta schwerlich ein zweites Mal wiederholt haben würde. Die Generalin und Emmy blickten unbehaglich auf ihre Teller, der Pastor und seine Frau sahen Melitta mit überraschten und erschreckten Augen voll Teilnahme an.

»Ja,« sagte der Pastor, als der General geendet hatte, »da lernt man seinen Gott erkennen, wenn er so wie der gute Hirte mit starker Hand in die Dornen greift und das geängstete Herz emporzieht. Ist es nicht so, mein liebes Fräulein? Nicht wahr, da haben Sie gebetet, wie noch nie in Ihrem Leben?«

Melitta war bald rot, bald blaß geworden; nichts war ihr peinlicher, als ihre innerste Eigenart preisgeben zu sollen, und doch – wie hätte sie diesen ehrlichen, vertrauenden Augen gegenüber die Wahrheit verschleiern können!

»Nein,« kam es leise von ihren Lippen.

Alles blickte betroffen auf sie.

» Nein?« sagte der Pastor befremdet, »der Gedanke an Gott, an diesen einzigen Retter, wäre Ihnen nicht gekommen?«

Melitta hatte sich gefaßt. »Der Gedanke lag zu nah, um ihn auszuschließen, und ich hörte überdies nichts um mich her als Beten und Fluchen in allen Sprachen. Aber mit mir waren siebenhundertundzwanzig Menschen in gleicher Not, und jede Hilfe war ausgeschlossen. – Wer war denn ich, daß ich für mich ein Wunder hätte verlangen dürfen? Die junge Frau, die neben mir versank, ihr Baby im Arm, mit dem andern ihren kleinen Knaben an sich drückend, hätte wohl eher Anspruch auf Rettung gehabt, als ich. Ich hätte sterbend keine Lücke gelassen. – Hunderte von Schiffen gehen alle Jahr zugrunde mit junger kräftiger Mannschaft, mit Frauen und Kindern. Sie alle schreien zu Gott, aber es geschieht, was geschehen muß.«

Alle schwiegen, der Pastor sah sinnend vor sich nieder. Da hob Armgard an mit einem dankbaren Blick auf den alten Freund: »Der Herr Pastor hat uns in der Kinderlehre gesagt: ›beten ist nicht immer bitten. Beten ist das Herz zu Gott erheben, beten heißt auch manchmal sich stille schicken; auch eine gute Tat kann ein Gebet sein.‹ – Hier hat Gott wohl die Ergebung in seinen heiligen Willen für das Gebet genommen, das sich nicht über die Lippen wagte, und es dennoch erhört und sie gerettet.«

Auf das unschöne Gesicht mit dem reinen, kindlichen Ausdruck richteten sich bewegte Blicke. Dem General stiegen Tränen in die Augen, die Pastorin gurrte leise. »Unser Armgardchen findet immer das rechte Wort.«

»Wollte Gott, jeder beherzigte so seine Kinderlehre,« sagte der alte Pastor.

Vielleicht hatte das Vorhergehende am tiefsten den schweigsamen Ralph ergriffen; er trat nach Tische auf Melitta zu, verneigte sich ehrerbietig, grüßte die übrige Gesellschaft und ging schweigend hinaus. Man kannte seine Eigenart und ließ ihn gewähren. –

Am folgenden Morgen bat die Generalin Melitta in ihr Zimmer.

»Ich möchte Ihnen eine Frage vorlegen,« begann sie. »Wir leben hier, wie Sie sehen, sehr einsam. Unsere Töchter sind über die Jugend fort und sind auch nicht für Geselligkeit angelegt. Mein Mann und ich haben oft bedauert, daß wir ihnen das Leben nicht etwas erfreulicher und anregender gestalten konnten. Nun haben wir bemerkt, wieviel Freude unsere Töchter an dem Umgang mit Ihnen haben, und möchten ihnen das gern etwas länger gönnen. So bitten wir Sie, bei uns zu bleiben, bis Sie etwas finden, das Ihnen besser zusagt. Was meinen Sie dazu, Fräulein Tschuschner?«

»Ich? – Ich will sehr gerne bei Ihnen bleiben,« erwiderte Melitta, der Überraschung und Freude fast den Atem benahmen.

»Das ist mir lieb, besonders für Emmy, die sich sonst so schwer anschließt. Armgard hat eine glückliche Natur, sie entbehrt nichts; aber Emmy, das arme Kind, hat keine frohe Jugend gehabt. – Das Gehalt, – denn es ist besser, gleich auch das Geschäftliche zu ordnen, – würde dasselbe sein wie bei meinem Neffen in Klitten. Wir wissen natürlich sehr gut, daß Sie mit Ihren Talenten ganz andere Ansprüche machen könnten, ich sage Ihnen aber offen, daß unsere Verhältnisse uns nicht gestatten, Ihnen mehr zu bieten.«

»Darf ich nicht wie bisher nur Ihr Gast sein?«

»Sie können doch unmöglich fürchten, daß Sie bei uns sonst künftig eine andere Stellung haben würden?«

»O nein, nein! Gewiß nicht! Aber Sie können sich nicht vorstellen, wie glücklich ich war, als ich zu Ihnen kommen durfte, und war nur Gast.«

»Aber, mein liebes Kind, Sie haben doch Ausgaben, wenn auch nicht viele, und man muß doch auch an die Zukunft denken.«

»O, für den Augenblick habe ich genug! Ein alter Freund von Papa, Mr. Mac Hallan, hat mir erst kürzlich einen Check über 500 Rupien geschickt. Ich kann das Geld gern annehmen, denn wenn er gestorben wäre und hätte eine mittellose Tochter hinterlassen, so hätte Papa ebenso für sie gesorgt. Ich will auch an die Zukunft denken, – nur nicht jetzt, – nur noch nicht jetzt. Bitte, bitte, lassen Sie mich noch eine Weile so bleiben –« Melittas Stimme zitterte. »Ich sehe es ja ein, mein Wunsch ist unvernünftig, aber es war bisher alles so anders.«

Die Generalin war eine zu einsichtige und zu gütige Frau, um nicht zu begreifen, daß es sich hier um den natürlichen Rückschlag von Sorge und Seelenkämpfen handelte, und sie wußte auch, daß Wohltaten von sehr verschiedener Art sein können.

»Ich liebe klare Verhältnisse,« sagte sie, »und hätte die Sache gern gleich geordnet, wie es für alle Teile schicklich wäre. Der Arbeiter ist seines Lohnes wert. Da Sie es aber so ernstlich wünschen, will ich die Klügere sein und nachgeben. Bleiben Sie also bis Ostern bei uns als unser lieber Gast; nachher können wir ja weiter sehen.« Melittas aufleuchtendes Lächeln belohnte ihren Herzenstakt, und sie fügte hinzu: »Lassen Sie es mich Ihnen einmal aussprechen, daß alles, was wir von Ihnen gesehen und gehört haben, Ihnen unsere volle Hochachtung erworben hat.«

Das war zu viel nach den voraufgegangenen Demütigungen; Melitta hielt mit Mühe die Tränen zurück.

Als die Familie sich zu Tisch versammelt hatte und die Mutter den Töchtern die getroffene Einrichtung mitteilte, war es rührend, wie sie beide auf die Eltern zueilten, ihnen dankten und dann wieder Melitta umarmten und küßten.

»Ihre Stellung im Hause wird die einer Tochter sein,« sagte die Generalin scherzend, mit Beziehung auf die Stelle in der Familie des Arztes, von der Melitta gesprochen hatte.

»Dann müssen wir uns aber auch Du nennen!« rief Armgard. Emmy und Melitta sahen sich an und lächelten unwillkürlich.

An demselben Nachmittag machten sie den so lange geplanten Besuch bei Frau von Wärtens. In einer halben Stunde konnte man die Pochernburg erreichen, wenn man den Waldweg nahm, der an der Felsenkanzel vorüberführte. Aber die Generalin meinte: sie wäre keine Gemse mehr. So fuhren sie die Fahrstraße um den Berg herum und sahen die Mauern der Burg erst, als sie schon dicht vor der Einfahrt waren.

»Pochernburg, – woher mag der Name kommen?« fragte Melitta.

Emmy wollte zu erklären beginnen, aber Armgard fiel ihr ins Wort: »Sag's nicht! Sag's nicht!«

Indes hielt der Wagen, und ein Diener half ihnen aussteigen. »Die gnädige Frau werden sich aber freuen,« sagte der Mann treuherzig, »sie hat's wieder recht im Knie; schon die ganze Woche.«

Sie traten in eine gewölbte, durch bunte gotische Fenster etwas verdunkelte Halle; Geweihe und mittelalterliche Waffen zierten die Wände, Bänke zogen sich an den Seiten hin, am Eingang stand eine stählerne Rüstung. Sie stiegen dann eine mehrfach gewundene steinerne Treppe hinauf und gelangten durch einen Raum mit gotischem Erker in ein helles behagliches Gemach, das mit Bildern, Teppichen und Blumen geschmückt war. In einem bequemen Polsterstuhl saß eine ältliche Dame mit feinem blassen Gesicht und klugen braunen Augen. Nach der ersten Begrüßung wurde Melitta vorgestellt; Frau von Wärtens sah sie offenbar mit besonderem Interesse und dann mit Wohlgefallen an.

»Mein Sohn hat mir schon von Ihnen erzählt,« sagte sie, und lenkte dann das Gespräch auf das ergiebige Thema von Verirren in Wäldern über. Sie sprach leise und dialektfrei mit der Einfachheit und Sorgfalt bester Erziehung; an dem Gaumen-R merkte man die Berlinerin.

Nach kurzer Zeit kamen kräftige Tritte über den Vorsaal, und Ralph trat ein. Hier im eigenen Hause, seine Mutter zur Seite, war er seiner Blödigkeit Herr, und wenn er auch Melitta nur kurz begrüßte, sah die Generalin doch den triumphierend fragenden Blick und das freundlich bejahende Nicken, das Sohn und Mutter austauschten. Ralph setzte sich zu ihnen, unterhielt sich artig mit der Generalin und neckte sich mit Armgard; sie waren Gespielen aus der Kinderzeit und hatten das trauliche Du beibehalten.

Unterdessen hatte Melitta Muße, sich umzusehen. Das Zimmer heimelte sie an und erinnerte sie an Tante Lydias Stube. Die Revue des deux mondes und ein Band Sainte-Beuve lagen neben dem Strickkörbchen auf einem runden Tischchen; auf dem Schreibtisch mit den tausend eleganten kleinen Dingen stand eine hohe Vase mit zwei wundervollen Rosen, darüber hing eine vortreffliche Kopie der Jardinière von Raphael, an den anderen Wänden einige gute alte Porträts und eine Brachtsche Landschaft.

Sie trat ans Fenster. Der Blick über die grüne Matte in den Tannengrund war entzückend; zur Seite öffnete sich zwischen Hügeln ein fernes Tal, darüber hob der Inselsberg seine Kuppe.

»Ralph,« sagte Armgard, »Melitta fragte vorhin, woher der Name der Pochernburg käme – wir haben es ihr aber nicht gesagt.«

»Nun, dann wollen wir es ihr zeigen. Darf ich Ihnen meinen Arm bieten, gnädiges Fräulein? – Kommst Du, Armgard? – Kommen Sie mit, Emmy? – Darf ich Dein Tuch nehmen, Mama?« – Die Mutter reichte ihm ein weißes Orenburger Tuch, das neben ihr lag, und er legte es, ohne zu fragen, um Melittas Schulter.

Sie gingen in das untere Stockwerk zurück, wo Ralph den Diener nach einer Laterne voranschickte, und stiegen von da durch eine Wendeltreppe an der Küche und allerhand Wirtschaftsräumen vorbei, in einen gewölbten Gang, der abwärts führte.

»Dies sind noch Teile der wirklichen Burg,« sagte Ralph. »Die Fundamente sind die alten.«

Sie gingen weiter.

»Was ist denn das? Was klopft denn so?« fragte Melitta aufhorchend.

»Das sind die Geister der Burg,« erwiderte Ralph. »Hören Sie nicht, wie sie Pochen und das Erz anschlagen?« Das Klopfen wurde bald dumpfer, bald lauter, dazwischen gab es schwingende, klingende Töne. »Folgen Sie mir etwas weiter in den Berg hinein, hier zur Seite. Vorsichtig, bitte, die Stufen sind ungleich.«

Aus der Tiefe tönte es anschwellend, dann wieder abnehmend, wie ferner langgezogener Gesang. »Das ist unser Geisterchor,« sagte Ralph.

Dazwischen kam es wie Meeresbrausen, dann wieder wie helle Knabenstimmen oder dumpfes Murmeln.

»Aber was ist es denn, was kann es denn sein?« fragte Melitta.

»Ich will es Ihnen zeigen.«

Sie gingen einige Schritte weiter und betraten einen anderen Gang. Ein donnerndes Rauschen scholl ihnen entgegen.

»Erschrecken Sie nicht,« sagte Ralph und schlug eine Tür, die das Gewölbe abschloß, zurück – ein eiskalter pfeifender Luftzug – und dicht vor ihnen stürzte schäumend und tosend eine Wassermasse in die Tiefe, blitzend und funkelnd im Scheine der Blendlaterne; kalter Nebel sprühte ihnen entgegen. Melitta trat näher und beugte sich über den Rand; ein Arm legte sich schützend um sie. Sie blickte in den brausenden Trichter hinunter. Der Sturz trat zehn bis zwölf Fuß tiefer zutage und suchte sich zwischen Fels und Steingeröll den Weg zu Tal. Das Tageslicht brach von unten durch das strömende Wasser und zeigte die glatte niederschießende Wölbung. Melitta richtete sich auf, und Ralph schloß die Tür.

»Wie wunderbar! Wie merkwürdig!« sagte Melitta einmal über das andere.

»Es ist die Pocher, der Bach, der unten die Massenmühle treibt. Hier entspringt er,« erklärte Emmy.

»Die Massenmühle?«

»Es sind hier in der Gegend Porzellanfabriken; die Masse, die sie verarbeiten, wird aus einer bestimmten Steinart gemahlen,« sagte Ralph.

»Aber hier im Hause – in der Burg, wird der Fall nicht benutzt?«

»Nein. Nur ein Wasserfädchen ist durch die Küche geleitet, das ist alles.«

»Aber warum nützen Sie es denn nicht aus? Elektrisches Licht müßte doch eine Ersparnis sein, wenn einem eine solche Kraft zu Gebote steht. Wenn ich Herr der Burg wäre, ich würde keine Fleischhacke, keine Schneeschlage, keine Säge in Bewegung setzen, ohne meine Wasserkraft zu brauchen.«

»Ich habe es für später ins Auge gefaßt, jetzt kann ich mir solche Ersparnisse noch nicht leisten,« antwortete Ralph bedrückt.

Melitta bereute ihr unüberlegtes Wort, aber es gehörte zu denen, die man wohl zurücknehmen, deren Eindruck man aber nicht so schnell verwischen kann.

Auf Schloß Ried war nun ein frohes Zusammensein. Melitta überkam ein Heimatsgefühl, wie sie es nicht für möglich gehalten hätte. Es tat ihr wohl, wenn die ältliche Wirtschafterin, Mamsell Malchen, sie zu sich winkte und sie bat, ihr bei dieser und jener Verrichtung zu helfen, wie sie es mit Emmy und Armgard zu tun pflegte.

Der Verkehr mit der Pochernburg war lebhaft; Armgard, Emmy und Melitta statteten Frau von Wärtens wöchentlich wenigstens einen Besuch ab, und Melitta fühlte sich mehr und mehr zu ihr hingezogen. Auch Ralph ließ sich öfter als sonst in Schloß Ried sehen; seine Schüchternheit verschwand bei näherer Bekanntschaft, und wenn er sich auch meistens mit dem General unterhielt und das Wort nur selten an Melitta richtete, so war es doch für niemand ein Geheimnis, daß seine Besuche hauptsächlich ihr galten. Auch das Entgegenkommen seiner Mutter ließ an seinen Wünschen kaum einen Zweifel.

4.

Wie willst du dich mir offenbaren,
Wie ungewohnt, geliebtes Tal!

Uhland.

 

Es gab »weiße Weihnachten«. Der Schnee fiel tagelang mit wenig Unterbrechung, doch konnten die Damen noch vor dem Fest ihren gewohnten Besuch in der Pochernburg machen.

»Eigentlich dachte ich gar nicht, daß der General Sie kommen lassen würde,« sagte Frau von Wärtens. »Ralph sagt, sobald sich der Wind erhebt, sind die Wege unpassierbar.«

»Es regt sich kein Lüftchen,« entgegnete die Generalin, »und der Weg durch den beschneiten Wald war herrlich.«

»Und wie sind denn die Stollen geraten, Tante Wärtens?« fragte Emmy. »Daß ihr schon gebacken habt, riecht man gleich beim Eintreten.« Und Armgard meinte: »Ich habe sie mir schon angesehen. Unsere sind, wie immer, besser aufgegangen. Ihr nehmt viel zu viel Zutat; das macht sie schwer.«

Frau von Wärtens lächelte. »Das hilft nun nichts. Wenn ich sie nach eurem Rezept mache, brummt Ralph. ›Wenn schon – denn schon‹ ist sein Motto, und das gilt ihm auch für Zucker, Rosinen und Mandelkern. – Für Sie sind alle diese Zurüstungen wohl etwas ganz Neues, Fräulein Melitta?«

»Doch nicht,« sagte Melitta. »Freilich, solche Haufen von Rosinen und Mandeln, Zucker und Zimt und Zitronat habe ich noch nicht zurechtmachen helfen, aber fremd ist es mir nicht. Meine Tante war aus Thüringen und hat mir oft erzählt, daß nichts sie je so festlich gestimmt hätte, wie der Duft von Stollen und Tannen, wenn er so vor dem Fest das ganze Städtchen erfüllte.«

Ralph trat ein. Er begrüßte sie alle mit besonderer Herzlichkeit, begann jedoch unruhig zu werden, als die Sonne sich neigte und die frühe Dämmerung sich einstellte. Schließlich erklärte er: »Ich glaube, Sie tun besser, jetzt aufzubrechen. Ehe Sie heimkommen, ist es Nacht.« –

»Warum nehmen Sie nicht den unteren Fahrweg, Friedrich?« fragte Emmy, als sie wieder im Schlitten saßen, den Kutscher.

»Der junge Herr hat mich's so geheißen. Ich soll oben durch den Forst fahren, es wäre geschützter, und es ist auch Bahn gemacht.«

Noch war es schneehell, die Fahrt köstlich. Sie saßen schweigend, bis Emmy, die neben ihrer Mutter saß, fragte: »Was ist denn das für ein Schein, da vorn?«

»Das sieht bald wie Feuer!« sagte Friedrich.

»Der Wald kann doch nicht brennen?« Armgard war ängstlich geworden.

»Bei dem Schnee?!« riefen die anderen zugleich.

»Der junge Herr hat gesagt, wenn ich was sehe, soll ich die Pferde führen,« sagte Friedrich und stieg ab. Im Schritt kamen sie näher. Neben dem Grenzstein zwischen der Pochernburger Flur und der von Schloß Ried stand inmitten eines freien Platzes eine schöne Fichte, deren untere Äste auf dem Boden ruhten. Es hatte aufgehört zu schneien, doch flimmerte die Luft von winzigen Kristallen; die Tannen ringsum neigten die Zweige unter ihrer weißen Last, die Fichte aber war grün und von oben bis unten besteckt mit Kerzen, die in der stillen Luft brannten wie im Zimmer; hier und da stäubte eine leichte Wolke von den Tannenspitzen. Keiner sprach ein Wort, in den überraschenden Anblick versunken. Und sieh! – Ein kleines Reh trat zwischen den Bäumen vor und äugte zu den Lichtern hinüber.

»Weihnacht im Walde!« Armgard faltete die Hände unter ihrer Decke.

Da schüttelte eins der Pferde seine Schellen, das Rehchen floh in leichten Sätzen, ein Windstoß schüttelte die Äste, daß der Schnee umherstob, und zugleich erloschen die Lichter. Die Pferde zogen an; Friedrich hatte kaum Zeit, sich auf seinen Sitz zu schwingen, denn nun rasten die erschreckten Tiere auf dem bekannten Wege dahin, als würden sie gehetzt; der Schlitten flog wie geschleudert und kam noch eben an dem Prellstein vorbei, schurrte am Torflügel entlang, und die Brücke donnerte unter den aufschlagenden Hufen. Ein Knecht, der mit der Laterne aus der Stalltür trat, sprang herzu und faßte das Sattelpferd am Kopf. Auch der General war herbeigeeilt, trat in die Tür und schalt, indem er den erschrockenen Damen aussteigen half: »Was fällt denn Dir ein, Friedrich, daß du fährst, wie besessen?«

»Der junge Herr von unten hat einen Christbaum im Walde gemacht, da haben sich die Pferde erschreckt.«

»Ich werde den jungen Herrn lehren, solche Faxen machen,« rief der General ärgerlich.

»O, Papa! Es war wunderschön!« sagte Armgard. »Ein Reh kam –«

»Er ist doch kein Kind mehr!« Der General schalt unbeirrt weiter. »Ihr hättet können Arme und Beine brechen und das Genick noch dazu! Macht, daß ihr hereinkommt! Du zitterst noch, Henriette. Wie kommt er nur auf solche Albernheiten –«

»Ich glaube,« meinte Armgard naiv, »es war für Melitta. Sie fragte neulich, ob wir einen Christbaum hätten, und Ralph sagte, einen sollte sie jedenfalls zu sehen bekommen.«

»Das kann der Monsieur mit seinen eigenen Pferden tun, aber nicht mit meinen,« unterbrach sie der alte Herr verdrießlich.

Das Abendessen war anfangs ziemlich schweigsam, bis Armgard von neuem von dem Reh begann. Emmy, die fühlte, wie peinlich die Sache für Melitta war, sah ihre Schwester warnend an. Der Vater bemerkte es. Für ihn war Armgard immer noch die Kleine, die verzogen werden durfte, und so meinte er auch jetzt gutmütig: »So, nun erzähle einmal die Geschichte mit dem Rehchen.« Als Armgard geendet hatte, streichelte er ihre Hand: »Es soll mich nicht wundern, wenn am Weihnachtsabend ein Gedicht auf meinem Platze liegt: ›Weihnacht im Waldes‹.«

»Das könnte wohl sein,« sagte Armgard. Der Vater küßte ihre Hand, bevor er sie freigab.

»Du küßt Dich ja selbst!« sagte sie, und beide lachten. Es war ein stehender Scherz zwischen ihnen, daß Armgard ihre einzige Schönheit, die Hand, von ihm habe.

Die Generalin sah die gute Laune wiederhergestellt, und da das Eisen so hübsch zu glühen schien, versuchte sie ein wenig zu schmieden. »Dieser Schnee ist wirklich recht unangenehm, schon wegen Malchens –«

»Wieso? Was hat die Mamsell mit dem Schnee zu tun?« fragte der Hausherr.

»Du weißt doch, daß sie diesen Sommer ihre Mutter verlor.«

»Ich weiß,« sagte der General, »daß sie den ganzen Sommer eine schwarze Fladrusche trug, obwohl ich nicht habe begreifen können, was die Mutter davon haben konnte, daß Malchen nach ihrem Tode als Schleiereule einherging.«

»Ja und die alte Dame hat ein Häuschen hinterlassen, und die Geschwister, die alle zerstreut sind, wollen jetzt zusammenkommen, um die Sache zu ordnen.«

»Warum taten sie denn das nicht im Sommer?«

»Sie wollten es auch, aber da meldeten sich Pritwitzens, Malchen wollte uns nicht im Stich lassen, und ich versprach ihr, daß sie zu Weihnachten gehen könnte. Deshalb ist mir der Schnee so ungelegen.«

»Ja, gewiß, das ist sehr unangenehm. – Gute Nacht!« Der General stand auf und ging aus der Tür.

Die Zurückgebliebenen sahen sich schweigend an, bis Armgard meinte: »Ich glaube, Papa hat gar nicht verstanden, daß Malchen nach Zoppeln muß.« Und die Schwester fügte hinzu: »Ich glaube, er hat nicht verstehen wollen

»So kam es mir auch vor,« sagte Melitta.

Am nächsten Morgen erschienen alle zu spät zum Frühstück, und jeder erzählte, wie er erwacht sei und geglaubt habe, es wäre noch Nacht, weil die unteren Scheiben zugeschneit waren und das Zimmer verdunkelten.

»Und daß dieser Schnee eben jetzt kommt, wo Malchen hinunter muß!« sagte die Generalin resolut.

»Was hilft das, sie kann eben nicht,« erklärte der General kurz.

»Aber, Hans, sie muß, – sie muß nach Zoppeln und also nach Bodenstein hinunter an die Bahn!«

»Mein Gott, Frau, Du siehst doch selbst, daß es nicht geht. Du würdest doch nicht so unverständig sein, sie fahren zu lassen, wenn sie auch so verrückt wäre, es zu verlangen.«

»Mein lieber Mann, durch das bißchen Schnee werden die Pferde doch noch durch können.«

»Das ist kein bißchen Schnee, das ist ein Schneefall, wie ich ihn noch nicht erlebt habe. Ich werde doch nicht die Pferde riskieren, um die Mamsell auf die Bahn zu fahren!«

»Die Mamsell,« entgegnete die Hausfrau scharf, »ist seit sechs Jahren nicht vom Gut gekommen –«

»Habe ich sie vielleicht gehindert?«

»Und den Pferden, die der Hafer sticht,« fuhr die Generalin fort, »wird es wahrhaftig nicht schaden, wenn sie sich auch einmal anstrengen; Menschen müssen es doch auch.«

»Nein, diese Unvernunft der Frauenzimmer geht doch über alles Maß! Selbst bei den Besten richtet man mit Gründen nichts aus!«

»Und der Eigensinn der Männer ist wenigstens ebensogroß. – Kurz und gut, Hans, ich habe es ihr versprochen, fest versprochen –«

»Das ist eben force majeure –«

»Und ihre Schwester kommt aus Berlin und ihr Bruder aus Chemnitz –«

»Und wenn ihr Onkel aus Buxtehude käme und ihre Tante aus Tripstrill –«

»So ist es aber immer,« ließ sich die Generalin fortreißen, »am liebsten setztet ihr die Pferde in die Kutsche und zöget sie selbst. Das ganze Jahr über fressen sie den teuren Hafer, und wenn sie einmal etwas tun sollen, sind sie nicht zu haben.«

»So!? – Schön, Henriette, nun soll sie fahren, verlaß Dich darauf!«

Den ganzen Tag über schneite es unentwegt weiter. Als es am nächsten Morgen tagte, versammelte sich die Familie im Eßzimmer, und Malchen trat ein, um Abschied zu nehmen. Sie hatte einen Handkorb am Arm und konnte sich kaum regen unter all den Kleidungsstücken, die sie übereinander gezogen hatte.

»Ordentlich warm gemacht, Mamsell?« klang es kurz vom Fenster her.

»Jawohl, Herr General. Die Frau General hat mir noch ihre alte Pelzkontusche gegeben, und ich habe meine wattierte Kapuze und mein Umschlagetuch noch oben drüber.«

»Und unten herum?«

»Ich danke, Herr General; ich habe ein wollenes Tuch um den Leib, denn wie ich bei Trilpitzens war, lag das Hausmädchen einmal vierzehn Tage – –«

»Hat Friedrich die Wärmsteine im Schlitten, wie ich ihm gesagt habe?«

»Jawohl, Herr General; zwei und eine Kruke –«

»Hier ist meine Feldflasche mit altem Kognak für den Notfall, Mamsell, verstehen Sie?«

»Ach, du lieber Gott, Herr General, das kann ich gar nicht verlangen.« Dabei nahm sie das Fläschchen, und Armgard steckte es ihr in den Korb. Der General machte das Fenster auf: »Fertig?«

»Fertig!« antwortete Friedrich vom Hofe aus.

»Nun, dann vorwärts!«

Aber nicht Friedrich erschien mit dem Schlitten, sondern der Knecht Weber auf einem Ackergaul mit einem zweiten am Halfter.

»Was ist denn das?« fragte Armgard erschrocken. »Malchen soll doch nicht etwa –«

»Nein, Mamsell Naseweis, reiten soll sie nicht, die Pferde treten Weg. – Vorwärts!« Da kam der Knecht Kürbitz auf einem breiten Lastschlitten mit vier Pferden bespannt.

» Darauf soll Malchen fahren?!« Armgard schien heut unverbesserlich.

»Die machen Bahn,« sagte der Hausherr mit grimmigem Behagen. »Habt ihr Hacken und Schaufeln?«

»Zu Befehl, Herr General.«

»Auch die Leinen und die zwei Leitern?«

»Zu Befehl, Herr General.«

Langsam zog das Gefährt zum Tore hinaus. Nun endlich kam Friedrich mit dem herrschaftlichen Schlitten. Von der ganzen Familie geleitet, trat Malchen aus der Tür und versuchte in den Schlitten zu steigen, was ihr aber mit all ihren Umhüllungen nicht möglich war.

»Na, da faßt einmal an,« rief der General. Und von kräftigen Fäusten gehoben, glitt Malchen in den Sitz.

»Nein!« schrie sie im gleichen Augenblick. »Dem Herrn General sein eigener Jagdfußsack, der bis oben geht – das tue ich nicht« – aber schon hatten ihr die Männer lachend den Pelzsack übergezogen, die Röcke hineingestopft, und die Decke zugeknöpft, und der Schlitten fuhr unter lustigem Geläut davon.

Die Stimmung im Hause war etwas gedrückt, hob sich aber, als bald nach Mittag der Knecht mit den ledigen Pferden zurückkam. Sie hatten an einer Stelle wirklich Schaufeln und Hacke brauchen müssen, aber weiter unten schien es besser zu werden. Die Mamsell ließe noch vielmals danken, und Fräulein Emmychen sollte ja nicht vergessen, den Rest Preißelbeeren zu verbrauchen, der in der Speisekammer rechts auf dem Regal stünde.

Um vier Uhr kam Kürbitz mit den vier Pferden, aber ohne Schlitten.

»Seid ihr stecken geblieben?«

»Nein, Herr General, aber ich habe den Schlitten in Meyers Hof abgestellt; weshalb sollen ihn die Gäule jetzt den Berg heraufziehen; ich kann ihn holen, wenn Bahn ist.«

Es war längst dunkel, als man endlich das Klingeln des rückkehrenden Schlittens hörte. Aber was war das? Auf dem Schlitten erhob sich etwas Schwarzes, Spitzes. Der General war hinausgegangen, und man hörte sein dröhnendes Lachen, dann ein Hin und Her von Schritten und Stimmen, als ob eine Last abgehoben und ins Haus gebracht würde. Die Tür ging auf und herein kam – Mamsell Malchen!

»Malchen! – Um Himmels willen, was ist denn? – Was ist passiert? – Sind Sie krank? – Fehlt Dir etwas? – Sprich doch!«

Der General stellte sich an den Ofen und rieb sich die Hände vor Vergnügen; Armgard und Melitta schälten Malchen ängstlich aus ihren äußeren Hüllen. »Ach,« sagte die weinend, »der Schnee!«

»Seid ihr nicht durchgekommen?«

»Laß sie doch erzählen!« rief der Hausherr. »Erzählen Sie, Mamsell! Aber hübsch der Reihe nach!«

»Ach,« sagte Malchen, »es ging ja so weit ganz gut, nur daß es langsam ging, und einmal mußten sie uns herausschaufeln; es war gut, daß wir das Zeug alles mithatten, aber schrecklich war's. Unten, wo die Schlucht ist, war wie ein Berg. Und es war alles so anders. Die Brücke war ganz fort, aber oben das Schwedenkreuz, da hatte der Wind den Schnee abgefegt, das stand frei. Und ich sage nur immer zu Friedrich: Friedrich, sage ich, ich brauche nicht in die Schweiz; an Schneebergen habe ich für mein ganzes Leben genug; schlimmer kann es da auch nicht sein. Wie wir an die Chaussee kamen, da war es besser. Und die Meyern kam aus ihrer Tür und sagte: ›Ei du meine Güte, wo wollen Sie denn hin!‹ und gestern Abend noch um achte, wie sie schon schliefen, da hatte es gepocht, und ein Mann war da, mit einer Laterne und sie sollten kommen, sie steckten im Schnee; da war's der junge Steiger aus Kreuz und der alte Steiger und der Schwiegersohn saßen im Schlitten und konnten nicht vor- und nicht rückwärts. Dem Schwiegersohn seine Frau erwartete was Kleines, darum hatte er partout herunter gewollt. Da weckten sie den Knecht und gruben sie aus, und wie sie weiter wollen, da ist dem jungen Steiger immer, wie wenn da was wär', und da leuchten sie hin und da ist es ein Mensch. Und wie sie ihn umdrehen, da ist es der Knappe aus der Windmühle oben, der war unten in der Herberge gewesen, da dient eine aus Lammersdorf, mit der er geht, und er hatte geruft und geruft und zuletzt konnte er nicht mehr und war schon ganz steif. Der Knecht ritt nach dem Doktor. Der kam auch gleich nach drei Stunden, da hatten sie ihn aber schon aufgetaut, – aber wie der schrie, und der Doktor sagte, er müßte ins Krankenhaus, und ob sie ihm die Beine abnehmen täten, das wüßte er noch nicht.«

»Schrecklich! der arme, arme Mensch!« riefen die Damen ganz ergriffen. »Und da seid ihr umgekehrt? Da kamt ihr wohl zu spät?«

»So laß sie doch erzählen, zum Kuckuck!« sagte der General.

»Nein« – Matchen schüttelte den Kopf – »zu spät kamen wir nicht. Um halb zwei waren wir auf der Bahn, und Friedrich setzte meine Kiste in die Halle und fuhr ab, und ich dachte, du trinkst noch eine warme Tasse, und ging in die Restauration. Da war es kalt, und da, wo das Büfett ist, saß eine Dame und hatte den ganzen Kopf eingemummt, und ich fragte, was sie hätte und ob ich Kaffee haben könnte? Und sie sagte ja, und sie hätte es so im Halse. Und nach einer Weile brachte sie den Kaffee, der war nicht sonderlich, und ich aß dazu aus meinem Korbe, denn die Buttersemmeln dort sahen alt aus, und ich dachte, für die gibst du dein gutes Geld nicht aus, und wer die Butter gemacht hat, weiß man auch nicht. Und da war es dreiviertel. Ich dachte, du nimmst derweile das Billett, ehe so ein Gedrang ist, aber ich mußte vielmal klopfen, bis daß der junge Mensch durch das Fenster guckte. Er sah mich schon so recht fiensch an und sagte: ›Nun, meine Gute, was wollen Sie denn hier?‹ Ich wollte immer sagen: ›Deine Gute bin ich noch lange nicht,‹ – aber ich dachte, dann wird er vielleicht grob. Ich sage also ganz höflich: ›Ich wollte mir nur gütigst erlau'm, ein Billett nach Zoppeln, dritte Klasse.‹ Da sagt er: ›Sie wollen also nach Zoppeln?‹ ›Ja,‹ sage ich, ›wieviel macht's denn?‹ ›Kosten tut es zwei Mark fünfzig,‹ sagt er, ›aber das hilft Sie nichts.‹ ›Warum denn nicht?' sage ich. ›Weil die Züge nicht gehen‹ –«

»Keine Züge?!« riefen die Damen im Chor. Der General lachte.

»Ja,« sagte Malchen schluchzend, »und da grinst er mich noch so recht an, und ich frage: ›Warum denn nur nicht?‹ ›Wegen den Schnee, meine Gute,‹ sagt er. ›Und,‹ sagt er, ›das ist, was man eine öffentliche Kamalität nennt. Überall,‹ sagte er, ›stecken die Züge fest. Zwischen Hamburg und Berlin einer, und zwischen Leipzig und Plauen einer, und bei Jüterbog und bei Halle, und sie haben schon zwei Regimenter von den Pienieren hingeschickt, die haben an langen Stangen den Leuten müssen Schinken und Würste und Brot reichen und Braunbier und Wärmflaschen, denn sie steckten schon vierundzwanzig Stunden im Schnee.‹« Wie ich das hörte, wurde mir schon ganz schlecht, aber als ich an Friedrich dachte und ob der schon fort wäre und ich säße nun da und könnte nicht wieder nach Hause, da ging mir's den Rücken herunter wie ein kalter Eimer, und ich wußte ja nun nicht, wo Friedrich eingestellt hatte. Da fiel mir der Brief ein, den er hatte an die Frau Präsident bringen sollen, und ich sagte: ›Ach, mein lieber guter junger Herr, wissen Sie vielleicht, wo die Frau Präsident wohnt.‹ – ›Jawohl,‹ sagt er, ›das kann ich Sie ganz genau sagen, gleich rechts von der Apotheke.‹ Da stellte ich meinen Korb neben die Dame, die es im Hals hatte, und bat sie, daß sie möchte ein bißchen acht geben. Ach aber –«

»Was war denn?« fragten die Damen ängstlich.

» Der Schnee!« schluchzte Malchen. »In der Straße ging es, da hatten sie mit dem Schneepflug Bahn gemacht, aber in den Gärten lag er bis an die Fenster, jeder Pfahl dickvoll, und auf den Dächern hing er über, wie wenn sie Kappen aufhätten, und wie das wird, wenn das alles 'runterkommt –«

»Na ja, aber wie ging's denn weiter?«

»Ach, ich konnte ja gar nicht vorwärts und wußte nicht, warum, da besann ich mich, daß ich das Tuch um den Leib gebunden hatte, das war gerutscht, und ich hatte die dicken Filzbabuschen an von meinem seligen Vater.«

»Ach, Du armes, armes Malchen!« sagte Armgard mitleidig, während sich Melitta abwandte, um ein Lächeln zu verbergen.

»Und wie ich an das Haus kam, da klingelte ich in der Angst ganz unverschämt, und gleich hörte ich Charlotten entlang schuffeln. ›Herrjeh! Malchen!‹ sagt sie. ›Ach, Charlotte!‹ sage ich, ›sagen Sie mir nur erst, ob unser Friedrich dagewesen ist!‹ ›Nein,‹ sagt sie und lacht, ›hier gewesen ist er nicht, aber gehen Sie nur in die Küche und sehen Sie zu, wer da sitzt und ißt Erbsensuppe mit Schweineohren, vielleicht kennen Sie den!‹ Da war ich aber froh. Nun kam die Frau Präsident heraus und fragte gleich nach allem, und, sagt die Frau Präsident, von der Suppe wäre nichts mehr da, aber Charlotte sollte mir gleich einen Speckeierkuchen machen. Ich sagte nein, das könnte ich nicht annehmen, denn ich wüßte von Trilpitzens her, was eine Stadtwirtschaft wär, wo man jedes Ei und jedes Stück Butter erst kaufen muß, und da wüßte man auch noch nicht, was man hätte –«

»Sagen Sie mal, Mamsell,« unterbrach der General, »wie ist es denn mit meiner Feldflasche geworden?«

»Meinen der Herr General Ihre Kognakflasche?«

»Die meine ich allerdings. Die ist so ziemlich leer, scheint mir.«

»Viel ist nicht mehr darin –« Malchen war sichtlich verlegen. »Ich hätte sie ja nicht angerührt, aber weil mir's doch der Herr General so auf die Seele gebunden hatte, und dann wäre es auch unchristlich gewesen, Friedrich nahm doch auch manchmal einen Schluck bei der Strapazie.«

»Na, dann denke ich, Sie gehen so schnell wie möglich ins Nest und schlafen die Strapazie gründlich aus.«

»Ja, heute schlafe ich ungewiegt,« sagte Malchen, nahm ihre Sachen über den Arm und verschwand.

»Ich bin nur froh, daß es gut abgelaufen ist.« Die Generalin hatte Tränen in den Augen. »Ich habe mich so geängstigt.«

»Weiß ich, Schatz, weiß ich,« sagte der General. »Es war der reine Unverstand, und, ehrlich gestanden, ich tat es auch nur aus Trotz – da sehen Sie, Fräulein Melitta, wie es auch in der besten Ehe zugehen kann.«

Der General küßte seine Frau auf die Stirn, nickte den Töchtern zu und zog sich zurück, prallte aber in der Tür fast mit Malchen zusammen, die nochmals zurückkam, ein unansehnliches Papier in der Hand. »Das hätte ich bald vergessen. Das fanden sie in der Tasche von dem, der im Schnee lag. Der Briefbote unten hatte es ihm mitgegeben, weil er doch hinaufging. Die Meyern wollte es schon wegschmeißen, weil es doch nichts mehr taugte, aber ich sagte: den Brief nehme ich mit; meine Herrschaft bringt schon heraus, für wen er soll.«

Der beschmutzte, zerknitterte Brief ging von Hand zu Hand. Die Tasche, in der er gesteckt hatte, mochte abgefärbt haben, denn das Papier, das durchnäßt gewesen war, wies braunrote Flecke auf, die Schrift war verwischt, die Marken hatten sich abgelöst. Melitta drehte es ebenfalls hin und her. »Das Format ist wie Hahns Briefe,« sagte sie, »und es scheint auch überseeisches Papier.«

Emmy hatte ein Vergrößerungsglas geholt und betrachtete den Poststempel.

»Es sieht aus, als endigte es auf ore, und dieser Buchstabe könnte ein S sein.«

»Öffnen wir ihn daraufhin,« entschied der General. »Haben wir uns geirrt, so wird es der Adressat unter diesen Umständen wohl entschuldigen.«

Er öffnete behutsam den Umschlag und entnahm ihm einen Bogen, auf dem Melitta beim ersten Blick Alberts Schrift erkannte; zwei Blätter aus dünnerem Papier lagen darin, von dem ersten umschlossen und wohl erhalten; auch der äußere, obwohl etwas verklebt und verwischt, ließ sich lesen. Von Fanny kein Wort; was konnte ihr Albert zu sagen haben? – Und der Inhalt war überraschend genug. Es war eine Zuschrift der Herren Simmermann & Bowring von der Colville Bank, die, in Unkenntnis von Melittas Aufenthalt, Albert baten, ihr die Zeilen mit seiner Fürsprache zuzustellen. Sie hätten, schrieben sie, von einem New Yorker Großindustriellen den Auftrag erhalten, den Ankauf eines Teils der früheren Bergwerke zu vermitteln, und in dem Wunsche, ihr die gehabten Verluste in etwas zu ersetzen, die Tschuschnersche Besitzung vorgeschlagen. Dreißigtausend Mark etwa würden aus der sonst wertlosen Parzelle auf diese Art herauszuschlagen sein, und da es in Melittas Interesse läge, sich die gute Konjunktur zunutze zu machen, so hätten sie ihre Einwilligung, wie beifolge, formuliert. Sie bäten, ihnen diese mit ihrer, Melittas, beglaubigter Unterschrift womöglich umgehend zu schicken. Albert gab seinen Rat ebenfalls dahin ab, eine so unerwartet günstige Gelegenheit nicht aus der Hand zu lassen.

»Das ist ein Christgeschenk, das man sich gefallen lassen kann!« rief der General, und Armgard hatte schon eine Feder zur Hand: »Hier! Unterschreib! Versäume keinen Augenblick!« Melitta rückte lächelnd das Papier zurecht und tauchte die Feder ein; jedoch im Begriff zu schreiben hielt sie inne. »Papa pflegte zu sagen, abends beim Wein schlösse er nie einen Kauf, sondern warte stets den Morgen ab.«

»Ihr Herr Vater war ein kluger Geschäftsmann, gewiß; aber was gibt es hier zu bedenken?« sagte der General. »Etwas ist doch besser als nichts.«

»Es will immerhin bedacht sein,« sagte Melitta. Der General verließ kopfschüttelnd das Zimmer.

Der Schlaf wollte Melitta in dieser Nacht lange nicht kommen, und als sie am nächsten Morgen wieder vor dem Briefe saß, war sie unentschlossen wie zuvor. Immer klang ihr das Gespräch ihres Vaters mit Lord Fanshawe im Ohr und die Namen Simmermann & Bowring als zweier Gauner, die an dem Zusammenbruch der Bank die Hauptschuld getragen hatten. Hätte sie nur Mac Hallans Meinung einholen können! Alberts Urteil war ihr nicht maßgebend, ebensowenig das der Delmenrieds, denen alle diese Verhältnisse fremd waren. Was hätte Volckardt wohl gesagt?! Der Gedanke, ihm zu schreiben, schoß ihr durch den Kopf, aber sie wies ihn ebenso schnell von sich. Mit bewölktem Gesicht kam sie zum Frühstück. Einer nach dem anderen fragte befremdet, was für Gründe sie haben könnte, ein so vorteilhaftes Anerbieten zurückzuweisen. Doch in Melitta lebte etwas von ihres Vaters kaufmännischem Instinkt.

»Es kommt mir alles so verdächtig vor,« erklärte sie. »Warum haben sie es so eilig damit, als wäre Gefahr im Verzuge? Ist das Land wirklich wertlos, warum bieten sie so viel dafür? – Sie nennen weder den Käufer noch das Unternehmen, das gegründet werden soll. Die Namen aber kenne ich, – Gauner und Galgenvögel habe ich sie nennen hören. Sie hatten selbst claims dort; sie müssen gute Gründe haben, ihre eigenen nicht herzugeben. – Ich möchte nichts mit ihnen zu tun haben. – Und schließlich ändern diese dreißigtausend Mark meine Lebenslage nicht so wesentlich; davon leben könnte ich doch nicht.«

Armgard machte ein verdutztes Gesicht: »Dreißigtausend Mark ist doch furchtbar viel!« Und der Vater meinte ernst: »Ich möchte, ich könnte jedem meiner Kinder so viel hinterlassen.«

Aber Melitta schüttelte den Kopf: »Ich will doch erst an Mr. Mac Hallan schreiben.« Sie zog sich bald in ihr Zimmer zurück. Wieder legte sie die Papiere vor sich hin. Es war ihr schmerzlich, geldgierig und eigenwillig zu erscheinen und den wohlgemeinten Ratschlägen nicht zu folgen. Sie tauchte die Feder ein, aber wieder zog sie die Hand zurück. Schließlich schrieb sie an Albert und Mac Hallan und setzte ihnen ihre Bedenken auseinander; allein bei der Zeit, die bis zu ihrer Antwort verstreichen mußte, kam das einer Ablehnung gleich. –

Weihnachten ist ein trauriges Fest für ein bekümmertes Gemüt, doppelt schwer für den, der nirgends mehr daheim ist. Auch Melitta gedachte lebhafter als sonst der alten Zeit und der vorigen Jahre, wo sie und Volckardt oft so glückselig unter dem Lichterbaume gestanden hatten. Wie gütig war der Onkel immer gewesen, wie verklärte sich Tante Lydias liebes Gesicht in dem Bewußtsein, Freude um sich her zu verbreiten! Und voriges Jahr lag sie, Melitta, noch zerschlagen und gebunden an Leib und Seele in ihrem Zimmer in Singapore, und die Tage glitten unbeachtet an ihr vorüber.

Auch jetzt streiften ihre Gedanken Dietert nur widerwillig, wenn sie sich der Zeit erinnerte, wo sie sich darauf freute, in ihrem eigenen Hause im fernen Indien ein deutsches Weihnachtsfest zu feiern. Damals war ihr nur leid, daß ihr Vater dann wieder einsam in der weiten Welt sein würde, – und nun war sie selbst ein losgerissenes Blatt. Der Vater aber ruhte längst auf dem stillen Grunde der See, die ihm, wie manchem andern guten Seemann, das Schlummerlied sang. An das alles dachte Melitta. Und tapfer kämpfte sie gegen sich an, um niemandes Freude zu stören, nur nachts gönnte sie sich die erleichternden Tränen. –

Der Schnee schmolz im Tal, und wenn er auch auf den Höhen liegen blieb, waren doch die Wege wieder gangbar. Manches verspätete Weihnachtspaket, mancher Brief fand noch seinen Weg. So erhielt auch Melitta Nachrichten von Alwine und der Tante, und ein Schächtelchen Honigkuchen nach einem alten Rezept, das noch von der Großmutter mit den schönen Augen herstammte; auch von Konstanze kam eine Sendung mit elegantem Pelzwerk. Melitta mußte lächeln, als ihr Emmy und Armgard das Jäckchen anprobierten und ihr das Robbenmützchen aufsetzten. Das war so ganz Konstanze – in der Pfarre bei Remmerts wäre das Geschenk wohl anders ausgefallen, aber nach Schloß Ried zu Generals, da mußte imponiert werden! Indessen sie hatte doch ausgesucht, wovon sie glaubte, daß es Melitta angenehm und nützlich sein könnte, hatte Braunkuchen und Lübecker Marzipan dazugelegt und es mit freundlichen Worten geschickt. Und Melitta hatte auch inzwischen einiges erfahren und kennen gelernt; sie hätte jetzt nicht mehr gesagt, sie wolle alles eher, als Konstanzens Haus wieder betreten; sie wußte nun, wieviel unter Umständen solch eine Zuflucht wert sein kann. So schrieb sie ihr eingehend und dankbar.

Für Melitta konnte es nichts Heilsameres geben, als dieses regelmäßige, ruhige Leben mit den täglichen Gängen in der reinen, frischen Höhenluft. Das Gefühl der Kraft und Gesundheit war ihr zurückgekehrt; ihre Züge rundeten sich, die Augen hatten aufs neue den ihnen eigenen Glanz, und die Wangen begannen sich zu röten.

Der Winter war vergangen und der Frühling bereits im Anzug, als eines Morgens ein junger Bauer vom Dorfe auf den Hof geritten kam und zum Fenster hinein seine Bestellung machte: »Viele Empfehle von der Frau Pastern, und der Herr Paster hätte heute nacht den Schlag gekriegt und würde wohl nicht wieder werden.«

Auf das äußerste bestürzt ließ der General sogleich anspannen und fuhr mit seiner Frau zu den alten Freunden hinunter.

Sehr ergriffen kamen sie zurück. Der Vater ging schweigend in seine Stube, die Mutter berichtete den Töchtern. Der Zustand des Kranken war nach dem Ausspruche des Arztes hoffnungslos, doch wäre er bei Besinnung, denn als sie an das Bett getreten wären, hätte er nach oben geblickt, als ob er sie auf das Wiedersehen jenseits hätte vertrösten wollen; die Kanzel aber würde er nie wieder besteigen.

Traurig saß die Familie abends um den Tisch.

»Nun wird wohl bald ein neuer Pastor kommen,« sagte Armgard mit Tränen in den Augen.

»Fürs erste vertreten ihn die benachbarten Amtsbrüder,« meinte die Mutter, »aber bald wird die Stelle wohl ausgeschrieben werden müssen.«

Melitta sah lebhaft auf, wurde rot und schwieg.

»Haben Sie vielleicht einen Kandidaten in petto, Fräulein Melitta?« Der General sprach es mit einem schwachen Versuch zu scherzen.

»Ich dachte nur unwillkürlich an den Bräutigam meiner Cousine, Dr. Ernst, der jetzt an einem Gymnasium angestellt ist; er hat mir so sehr gefallen.«

»Ernst?« fragte die Generalin. »So hieß ja der Pastor, den wir damals so gern wollten, als die Gemeinde unseren guten Sauertopf vorzog. Erinnerst Du Dich, Hans?«

»Der ist jetzt Superintendent in Hallwinkel, soviel ich weiß.«

»Das ist der Vater von meinem Vetter,« erklärte Melitta. »Als ich ankam, war meine Cousine eben in Hallwinkel bei den Schwiegereltern.«

»Das wäre doch ein merkwürdiges Zusammentreffen,« sagte die Generalin. Ihr Mann bat: »Erzählen Sie uns doch näheres von dem Bräutigam Ihrer Cousine.« Aufmerksam hörte er zu, während Melitta den Vetter zu beschreiben versuchte. »Ich bin aber parteiisch,« schloß sie, »sie sind mir so sehr lieb, und ich gönnte es ihnen so, und ich glaube, sie würden vorzüglich hierher passen.«

Der General überlegte ein Weilchen. Dann sagte er: »Schreiben Sie doch an Ihren Vetter und fordern Sie ihn auf, einmal hier vorzusprechen. Über die Probepredigt kann man ja verhandeln, wenn die Zeit kommt.« Melittas Gesicht strahlte.

»Gleicht Dir Deine Cousine?« – »Ist sie ein bißchen wie Du?« forschten Emmy und Armgard.

»O nein, nein! – Sie ist blond und stattlich und viel netter!« –

5.

So fand er sein altes Herze wieder.

Gottfried von Straßburg.

 

Emmy, Melitta und Armgard saßen beieinander und besserten die Gardinen nach der Frühjahrswäsche aus, als der General ins Zimmer trat und rief: »Bei diesem Sonnenschein hockt ihr in der Stube, Mädchen? Hinaus mit euch! ›'naus! 'naus! Immer 'naus!‹ wie unser alter Doktor sagt.«

»Mich lockt's schon lange, Papa!« Armgard legte sofort ihre Arbeit nieder. »Folgt mir, Kameraden! Ich gehe alleweile in den Wald!«

Melitta sah zögernd auf Emmy, »Geht nur,« erklärte diese. »Ich mache nur noch ein paar Stiche; ich hole euch schon ein.«

Langsam gingen Armgard und Melitta vorauf. Als sie den Fahrweg überschreiten wollten, wurden sie durch einen mächtigen Buchenstamm aufgehalten, der auf drei Räderpaaren von einer Reihe Ochsen zu Tal gezogen wurde.

»Sieh doch, welch ein riesiger Baum!« sagte Melitta. Armgard hörte sie nicht. Ihr Blick haftete an einer Stelle, die verjährte Einschnitte aufwies; die hochgewölbten, zerrissenen Narben zeigten, daß es lange her sein mußte, seit die Rinde geritzt wurde, aber noch war ein Herz zu erkennen, und darin verschlungen ein H. und E. Armgard sah bewegt aus.

»Bitte, Melitta, laß uns einen anderen Weg nehmen. Und nicht wahr, Du sagst hiervon nichts? – Zu niemand? – Es könnte ihnen vielleicht weh tun.«

»Darüber sei ganz ruhig.« Melitta rührte die Zartheit, mit der Armgard, ahnungslos, daß sie sich die Zeichen zu deuten wußte, vermied, Emmy zu nennen.

Nach einer Weile kam Emmy ihnen nach, sie gingen zusammen bis an die »Weihnachtsfichte«. Dort trafen sie Ralph. Es schien fast, als habe er sie erwartet; er hielt ein winziges Sträußchen in der Hand, Kellerhals, ein paar Leberblumen und Anemonen und etwas Efeu.

»Hier –« wandte er sich an Melitta, »der Pochernwald sendet Ihnen den ersten Frühlingsgruß!«

Melitta nahm die Blumen mit freundlichem Dank.

»Kommst Du nicht mit, Ralph?« fragte Armgard. »Wir müssen jetzt wohl umkehren.«

Er begleitete sie und war besonders aufgeräumt und gesprächig. Zu Hause trat Armgard, gefällig wie immer, mit einer kleinen Vase zu Melitta. »Hier, stecke Dein Sträußchen gleich ins Wasser,« sagte sie liebenswürdig. Dann, als Melitta zögerte: »Wo hast Du es denn?«

»Ich – ich habe es verloren –.« Melitta war sichtlich verlegen.

Ralph verabschiedete sich nach einer Weile; niemand versuchte ihn zurückzuhalten.

Abends, als Melitta im Begriff war, sich auszukleiden, fand sie auf ihrem Spiegeltisch ein zusammengefaltetes Blatt mit der Aufschrift: »Für Dich allein« in Armgards Handschrift. Sie schlug es auseinander und las:

Da fällt der säulengleiche Baum
Schnell unter mächt'gem Beileshiebe,
Damit auch nicht ein Schattentraum,
Auch nicht ein Waldeszeichen bliebe.

Denn lange, lange Zeit mag's sein,
Da schnitten zwei in seine Rinden
Zusammen ihre Namen ein.
O sel'ger Tag in Waldesgründen!

Sie liebten sich, sie trennten sich
Und fanden beide nie sich wieder.
Und durch das Waldesrauschen schlich
Kein Echo ihrer Jugendlieder. Von Helene Reil.

Da öffnete sich leise die Tür; Melitta hatte nur eben Zeit, das Blatt in ein Buch zu schieben, ehe Emmy eintrat.

»Ach, Melitta,« sagte sie, »war denn das nötig? Mußtest Du das Sträußchen verlieren?!«

»Ja,« gab Melitta leise zurück. Emmy ging auf und nieder; sie konnte Melittas Gesicht nicht sehen, denn diese bürstete mit gesenktem Kopfe ihr Haar.

»Ist es denn gar nicht möglich,« begann sie endlich wieder, »daß einer sich die Erlebnisse des anderen zunutze macht? Muß denn jeder seine eigenen Erfahrungen machen? Kann man nicht wenigstens das von einem verunglückten Leben haben, daß man jemand, den man liebt, vor dem gleichen Schicksal bewahren kann? – Meinst Du, Melitta, ich wüßte nicht, was all diesem zugrunde liegt? – Als ob ich nicht gesehen hätte, wie Du unruhig wirst, wenn die indische Post fällig ist, wie Du aufglänzest, wenn Du einen Brief von Fanny hast, wie Du dann die Enttäuschung nicht verbergen kannst und tagelang bedrückt bist, weil er nicht enthält, was Du erwartest. Und worauf wartest Du? Der Mann kann selbst mit Feder und Tinte umgehen, und wenn er nicht schreiben will, er hätte längst einen Gruß senden können. Du wartest auf etwas, das niemals kommen wird. Du verlangst nach dem Mond und greifst nach den Sternen, und das Gute, das vor Deinen Füßen liegt, siehst Du nicht. Kannst Du denn keinen Strich machen und ein neues Leben anfangen? – Die Menschen nennen das Treue, wir halten es selbst dafür, und es ist doch oft nichts als Schwerfälligkeit und Eigensinn. Wie ein unartiges Kind sagt man zum Schicksal: ›wenn ich das nicht haben soll, will ich gar nichts‹. – Und Ralph ist wohl des Opfers wert. Sieh, ich will ganz aufrichtig mit Dir sprechen. Sein Vater war hier wenig beliebt. Wäre er hierher gekommen, hätte sich ein hübsches Haus gebaut und schlecht und recht unter uns gelebt, man hätte ihn gefeiert als den ausgezeichneten und hochverdienten Mann, der er war. Aber er baute sich eine Burg, wie sie in unsere Zeit nicht mehr paßt; man erzählte sich, wie er sich den Adel verschafft habe; er liebte nicht, auf seine Berühmtheit angeredet zu werden, und die umwohnenden Familien hielten sich zurück. Mit dem Sohn ist das anders. Er ist seinen Weg ernst und streng gegangen. Der Vater ließ ihn beständig fühlen, daß er nicht gleich ihm begabt war, aber Mutter und Sohn hingen mit Zärtlichkeit aneinander. Ralph trägt sie auf Händen, wie Du selbst gesehen hast. Er hat sich seine Stellung gemacht. Es müßte ihm wünschenswert sein, in eine der angesessenen Familien zu heiraten, und er wäre überall willkommen, und er wählt Dich, die Du fremd bist und bürgerlich; etwas Vermögen muß ihm erwünscht sein, und er wirbt um Dich, die Du keins hast. Eine so reine, uneigennützige Liebe ist wohl etwas Seltenes heutzutage und etwas sehr Köstliches; es ist doch wenigstens der Überlegung wert. Und nun zu sehen, wie ein anderer solch ein Juwel, solch ein seltenes Glück achtlos von sich stößt –«

»Nicht achtlos,« schaltete Melitta ein. Aber Emmy fuhr fort:

»Sieh, wie gut es der liebe Gott mit mir meinte. Er nahm mir ein Glück, das keins war, denn ich wäre ja verkommen an Leib und Seele mit einem Charakter, wie der von Heinrich sich gezeigt hatte. Ein Jahr nachher verlor mein Vetter Wedel seine Frau, und nun kam er und bat mich, bat mich wiederholt auf das herzlichste und zarteste, seinen Kindern eine Mutter zu sein, und die Eltern wünschten es auch so sehr, und ich konnte mich nicht entschließen. Einmal hatte ich geliebt, einmal und nicht wieder, sagte ich mir. – Und nun heiratete er eine Witwe aus der Nachbarschaft, eine vornehme Erscheinung. Sie meinte es vielleicht nicht so schlimm, aber sie hat wohl überhaupt nicht viel Herz und etwas Sarkastisches und Kaltes in ihrer Art, wie es Kinder nicht ertragen können, denn Kinder brauchen Liebe und Güte. Der Sohn verließ das Vaterhaus, um es nie wieder zu betreten, und die Tochter wollte auch fort, um jeden Preis. Sie verlobte sich gegen den Willen des Vaters mit einem Manne, der trank und als brutal bekannt war. Sie sah dann freilich ihren Irrtum ein und wollte noch kurz vor der Hochzeit zurücktreten, aber das gab Wedel nicht zu. Eine Tochter von ihm bräche ihr Wort nicht. Sie ist dann nach langen bösen Jahren geschieden worden, aber der Sohn ward ihm zugesprochen. Sie vertritt jetzt die Stelle der Hausfrau in einer reichen Familie in Kassel. Alle Jahre, wenn der Mann in Karlsbad ist, besucht sie ihren Walter. Der arme Junge ist dem Vater ein Dorn im Auge; er wurde während der Scheidung geboren, war immer welk und ist jetzt ganz verkümmert. Wenn sie fortgeht, klammert er sich an sie und bittet verzweifelt, sie möchte ihn mitnehmen. In diesem Sommer war sie bei uns, weinte so herzbrechend und sagte mir mit der Rücksichtslosigkeit des Unglücks: ›Hättest Du damals Papa geheiratet, es wäre alles, alles anders.‹ – O,« fuhr Emmy fort und schlug die Hände vor das Gesicht, »wenn wir einst Rechenschaft geben sollen von jedem unnützen Wort, wie soll ich dieses Nein vertreten!« Ohne sich umzusehen, verließ sie das Zimmer.

Am nächsten Morgen begegnete ihr Melitta, die fertig zum Ausgehen in die Tür trat. »Soll ich Dich begleiten?« fragte sie.

Aber Melitta lehnte dankend ab: »Ich möchte eben jetzt lieber allein sein.« Sie ging in ernsten Gedanken den Waldweg hinauf. Emmys gestriger Ausbruch hatte sie erschüttert; sie fühlte tief, wie Menschen tun, die sich nicht leicht äußern können. Hatte Emmy nicht vielleicht recht? Faßte sie wirklich nach den Sternen und ging achtlos an dem vorüber, was ihr zum Glück werden konnte? Sie versuchte sich vorzustellen, wie es sein würde, wenn sie, wie Emmy sich ausdrückte, einen Strich machte und ein neues Leben anfinge. Und wie am ersten Tage führten sie ihre Schritte unbewußt auf die Felsenkanzel, und sie sah hinüber, wo das alte Gemäuer der Pochernburg sich zeigte.

Dort also, in diesem abgeschiedenen Fleckchen Erde würde sich ihr Dasein abspinnen. Den Freunden auf Schloß Ried würde sie nahe sein, mit Emmy und Armgard schwesterlichen Verkehr haben. Behütet und geliebt würden ihre Tage hinfließen; der Freundeskreis in Hamburg, Fanny vor allen, würde sich mit Recht über eine solche Heirat freuen. Ralph war ein goldener Charakter und ein intelligenter Mensch, wenn auch kein bedeutender; im Zusammenleben mit ihr würde er das Verständnis ihres früheren Lebens wohl gewinnen, soweit das möglich war. Die Mutter, diese liebe mütterliche Mutter, würde sie an ihr Herz nehmen, ihre Stütze und ihr Trost sein – Trost?! Heiratet man einen Mann, um Trost bei seiner Mutter zu suchen? – Und was ist das für eine Seelengemeinschaft, die man sich erst erwerben muß! – Diese Leute alle, so gütig, so vortrefflich, so wohlunterrichtet sie waren, gehörten nicht zu ihrer Welt; es gab ein Interessengebiet, in das sie ihnen nicht folgen, ein anderes, in dem sie heimisch war, das sie ihnen nicht erschließen konnte. Emmy stand an echter Bildung und innerer Reife weit über Fanny, und doch war sie sich Emmy gegenüber in tiefster Seele einer trennenden Schranke bewußt, die sie bei Fanny trotz eigener geistiger Überlegenheit nie empfunden hatte, so viel tat die Gemeinsamkeit der gewohnten Anschauungen, der anerzogenen Begriffe. Ralph würde sie lieben und bewundern wie einen seltenen, eigenartigen Schatz, aber manches Mal würde sie im Vaterland wie in der Fremde sein, wie Melusine würde sie in ihres Mannes Hause leben. In den Augen ihrer jetzigen Umgebung war der Kaufmann nicht, wie er ihr erschien, der Träger der Kultur, der Vorkämpfer im großen Wettbewerb der Völker, – ihnen war er doch im Grunde der Krämer, der um eigenen Gewinnes halber sich um Geld und Gut abmüht. Sie wußten über Schiffe und Schiffahrt, was gebildete Leute heutzutage darüber wissen, aber das ganze Getriebe, die Welt der Arbeit, die selbstverständliche Tapferkeit des Berufs, die Kette der Kräfte, die den Erdball umspannen und sich die goldenen Eimer reichen, – das alles waren für sie erworbene Begriffe, und ihr war es Leben, wirkliches, frisches, gewaltig pulsierendes Leben. Unwillkürlich richtete sie sich auf, als ob sie eine Last abwürfe. Nein, nein! und abermals nein! Hierher gehörte sie nicht!

Viel weltentlegener als diese Heimatstätten liegt das Bungalow auf der Spitze vor Pulo Barri; auch dort rauscht es in den Wipfeln und schäumt es in der Tiefe, aber hinter den leichtgefiederten Palmen hebt sich ein dunkelblauer Streif gegen den Himmel ab. Das ist die große Heerstraße der See; da ziehen sie entlang, die fernen Dampfer, wie mattgraue Striche mit feiner Rauchfahne, und die mächtigen Segler schweben am Horizont wie leichte Sommerwölkchen. Melittas Herz weitet sich bei dem Gedanken.

Greift sie wirklich nach den Sternen? – Weshalb läßt er sie Monat um Monat ohne Gruß, ohne Nachricht? Vergessen hat er sie nicht; wie sollte Volckardt sie vergessen! Er, der mit ihr sprach, da er sie wiederfand, als hätte er sie gestern verlassen. Ein Grund lag allerdings nahe. Volckardt liebt schlanke, bräunliche Frauen mit zarten Farben und Formen. So versprach sie einst zu werden, so war die Frau, die er verloren hatte. Sie glichen sich in ihrem äußeren Typus, sie hatte es wohl bemerkt. Und als er sie wiederfand, das Haar glanzlos und verfilzt, Gesicht und Arme bis zur Unkenntlichkeit von offenen Wunden und Hautlappen entstellt! – Mann bleibt Mann, – auch wenn der frische, schreckliche Verlust der Frau solche Gedanken damals hätte aufkommen lassen, war es nicht übergenug, um jeden abzuschrecken? – Gewiß jeden, aber nicht Volckardt. Nein – Volckardt nicht. An sich hätte sie zweifeln können, aber nicht an ihm. Und wenn er nun kam, und sie hätte den Strich gemacht gegen ihr Gewissen, gegen ihr innerstes Gefühl? – Nein, nein, und abermals nein! – Auch wenn er niemals käme. »Bleib nur Dir selber treu,« hätte er gesagt, wenn sie ihn hätte fragen können. Sie warf noch einen Blick hinüber auf die Pochernburg. Ruhig und einig mit sich, wandte sie sich dann zum Gehen.

Als sie durch den Wald schritt, sah sie Ralph kommen. Sie gingen beide gleichmäßig weiter; als sie sich erreichten, blieb Ralph stehen. Er behielt den Hut in der Hand und sah sehr ernst aus; offenbar wollte er ihr Gelegenheit geben, ihn anzureden, im Falle sie die gestrige Zurückweisung wieder gut machen wollte. Aber sie senkte nur grüßend den Kopf und ging vorüber. Sie fühlte, wie er ihr nachsah, und empfand die Bitterkeit, die in ihm aufstieg: ›Ich hatte kein leichtes Leben; jederzeit habe ich mein Bestes getan, und weiter habe ich nichts gehabt, und nun – noch das!‹

Als sie zurückkehrte, rief ihr Armgard entgegen:

»Dein Vetter Ernst ist da! Ich wollte ihn zu Papa führen, aber er wollte zuerst Dich sprechen. Mama sagte, das wäre ganz richtig, und ich habe ihn in den blauen Salon ›gelassen‹, wie Malchen sagt.«

Beschleunigten Schrittes trat Melitta in das bezeichnete Zimmer. Der Gast stand am Fenster und kehrte sich bei ihrem Eintritt zu ihr. Das war nicht Ernst. Ernst war größer; er hatte nicht so breite Schultern; er war nicht so sonnenverbrannt, so hell von Haar; es strebte ihm nicht über der Stirn in die Höhe. Nein – das war nicht Ernst ...

Langsam trat Volckardt auf sie zu und breitete ihr die Arme entgegen, und aufatmend schritt sie vorwärts. Was nun geschah, ob sie sprachen, was sie sagten, das wußten später beide nicht mehr. Aber nun saß sie neben ihm, den Kopf an seiner Schulter, in seinen Arm geschmiegt, Tränen der tiefsten Erschütterung, der seligsten Freude in den Augen.

Ja, da war es, das Glück, das echte, rechte, das wahre, das einzig mögliche Glück, von dem es auch heißen kann: ein Tag in seinen Vorhöfen ist besser, denn sonst tausend.

Hier war kein Schwanken und Überlegen. Sie kam zu ihm, wie der verwehte Vogel zum Neste kehrt, und als er sie an seine Brust nahm und sie seine Stimme wieder hörte, hatte sie alles wieder, was sie je verlor. Vater- und Mutterliebe, die alte Heimat, ihre Jugend, ihre Kindheit, alles lebte ihr in ihm wieder auf.

Nun waren die Dinge bald erklärt; er hatte nicht schreiben wollen, ehe das Trauerjahr um war. »Das war ich meiner armen Annie und ihren Eltern schuldig,« – aber er war wiederholt bei Fanny gewesen, hatte sich nach Melitta erkundigt, sie grüßen lassen, und Fanny, die ihr jede Kleinigkeit ihres Haushalts, jedes Vorkommnis in ihrer Kinderstube mitteilte, hatte hiervon nichts gesagt. Melitta begriff wohl weshalb. Sie hatte ihr die Pochernburg beschrieben, und Fanny hatte schneller als sie selbst die Neigung des jungen Burgherrn herausgefühlt und den Gang der Ereignisse nicht durch Erinnerungen an den Jugendfreund beeinflussen wollen. Die kleine Patrizierin mochte auch in Volckardt den Gärtnerssohn nicht ganz vergessen können.

Plaudernd hielt Volckardt Melittas Handgelenk umfaßt.

»Ja,« sagte sie, seinem Blicke folgend, »der Reif hat mir täglich gefehlt.«

Volckardt zog ihn hervor und streifte ihn über ihren Arm. »Ich hoffe, von diesem brauchst Du Dich nicht wieder zu trennen.«

»O, wie hast Du ihn wiederbekommen?« rief sie erfreut.

»Es ist derselbe nicht; ich habe Dir einen anderen gehämmert. Aber noch etwas bringe ich Dir, das Du nicht erwartest.« Er entnahm seiner Brieftasche ein engbedrucktes überseeisches Zeitungsblatt. »Das hat mir Hahn noch im letzten Augenblick an Bord gebracht. Er hat Dir nicht voreilig die betreffenden Depeschen mitteilen wollen und will nicht schreiben, bis er seiner oder vielmehr deiner Sache gewisser ist. Mit nächster Post erwartete er die Bestätigungen aus Colville. Unterdessen ist hier wenigstens die Taube mit dem Ölblatt. – Hier, der rote Strich.«

Es war ein Exemplar des Colville Messenger, der unter der fettgedruckten Spitzmarke: Gold!! seinen Lesern einen jener Glücksfälle mitzuteilen die Freude hatte, wie sie in diesen scheinbar unerschöpflichen Minendistrikten sich nicht allzu selten zu ereignen pflegen. Der unvorhergesehene Sturz der Talantas Kupferwerke, die bis dahin so reichen Gewinn abgeworfen hätten, wäre noch in aller Gedächtnis, besonders durch die infolge davon eingestellten Zahlungen der Colville Bank, die so viele in Wohlstand und Überfluß Lebende in bittere Not und Bedrängnis gebracht hätte. Wie schon manchmal, hätte sich auch hier gezeigt, daß gerade die Größe des Unglücks zur Rettung geworden wäre, denn von dem Verkauf der Minen habe bei dieser vollständigen Entwertung nicht die Rede sein können, und sie seien auf diese Art den Besitzern größtenteils erhalten geblieben. Um wenigstens etwas Nutzen aus dem Inventar zu ziehen, hätte man die zum Betrieb nötigen Einbauten und maschinellen Einrichtungen verkaufen wollen und wäre bei den Abräumungsarbeiten am Abhange der Südostmine auf einen mächtigen Quarzgang mit reichlich eingesprengtem Gold gestoßen. Diese für den ganzen Bezirk so bedeutsame Entdeckung sei besonders dadurch merkwürdig, daß der leider inzwischen verstorbene Mr. M. Tschuschner seinerzeit an demselben Orte nach Gold gesucht, also damals schon auf der richtigen Fährte gewesen sei, ein Beweis mehr für die Findigkeit dieses um die Stadt so hochverdienten Mannes – usw.

Melitta ließ die Hand mit dem Blatte sinken. »Wie wunderbar!« sagte sie. Und dann, nach einer Weile näherer Besprechung, schloß sie: »Und nun müssen wir hinüber. Ich muß Dich vorstellen und ihnen alles erzählen.«

»Alles?!«

»Alles!« wiederholte Melitta, und beide lächelten.

Die Überraschung der Familie war groß, als sich anstatt des erwarteten Kandidaten ein indischer Bräutigam entpuppte. Er gefiel ihnen durchaus in seiner schlichten, sicheren Art. Das Gespräch bei Tisch war lebhaft und angeregt, immer aber wandten sich die Blicke auf Melitta zurück. So hatten sie sie noch nie gesehen, das Antlitz durchleuchtet von der Freude Licht. Nun lag in ihren Augen jener ruhige Schimmer vollkommenen Glücks, den in ihnen zu erblicken die Lebenssehnsucht ihres armen Vaters gewesen war.

Nach Tische setzte Volckardt seine Pläne für die Zeit auseinander, die er in Europa zuzubringen gedachte.

»Gehst Du denn nun fort?!« sagte Armgard bestürzt zu Melitta.

»Wir beabsichtigen, morgen zu Pastor Remmerts zu fahren,« erklärte Volckardt. »Wir müssen dorthin, als zu Melittas nächsten Verwandten, und der Onkel kann uns trauen. Er wird uns auch angeben können, wie man sich einen Dispens verschafft, um die Trauung möglichst zu beschleunigen.«

»Hierin wenigstens können wir Ihnen behilflich sein,« erklärte der General. »Der Vetter meiner Frau ist der dortige Staatsminister. Ich kann ihm noch heute schreiben, und Sie können den Dispens morgen, spätestens übermorgen, telegraphisch haben. – Aber warum bleiben Sie nicht bei uns? Sie können ja den Verwandten später Ihren Besuch machen. Wir telegraphieren an Ihren Vetter, den Kandidaten Ernst, der kann herkommen und Sie trauen und damit zugleich seine Probepredigt ablegen. Was meinst Du, Frau?«

»Ich habe auch schon daran gedacht –«

»Ich möchte es wohl gerne,« sagte Melitta zögernd, der eine Traurede des Onkels und ein Aufenthalt im Pfarrhause mit Volckardt keine angenehme Vorstellung war. Und Armgard fiel lebhaft ein: »Das wäre herrlich! Du würdest in der Hauskapelle getraut und Ralph käme als Standesbeamter herauf wie bei fürstlichen Personen.«

»Es wäre mir bei weitem das liebste,« sagte Melitta, die nun plötzlich Emmys betretenen Gesichtsausdruck verstand, »aber der Onkel möchte es doch schmerzlich empfinden, wenn man ihn überginge. Sie haben mich so gütig aufgenommen, ich möchte sie um alles in der Welt nicht kränken.«

Dann holte sie das australische Zeitungsblatt und übersetzte ihnen lesend den Artikel, der ihr so goldene Aussichten für die Zukunft eröffnete. Den Zuhörern war es, als spiele sich vor ihren Augen ein Märchen ab.

Am nächsten Morgen saßen sie zum letztenmal beisammen; man versuchte, Unterhaltung zu machen, aber es wollte nicht gehen. Der Wagen kam; man erhob sich, und Volckardt trat auf die Generalin zu. Er berührte ihre Hände ehrfurchtsvoll mit seinen Lippen und sagte mit bewegter Stimme, es sei ihm nicht gegeben, auszusprechen, was er tief empfände, aber er bäte sie zu glauben, daß weder er noch Melitta jemals vergessen könnten, wieviel sie ihnen zu danken hätten, und wie sie Melitta zu der Zeit, wo sie ganz verlassen gewesen wäre, zu sich genommen, ihr eine Heimat gegeben hätten, wo sie gesunden und sich nach all ihrem Leid hätte wiederfinden können. – Es wäre ja unwahrscheinlich, aber bei den jetzigen Verkehrsverhältnissen doch immerhin möglich, daß einmal jemand, an dem sie Anteil nähmen, nach Singapore käme; dann möchten sie nicht vergessen, daß sie dort Freunde hätten, auf die sie sich jederzeit verlassen könnten.

Keiner vermochte ein Wort zu sprechen; Armgard schluchzte. Die Generalin schloß Melitta mütterlich in die Arme und küßte sie mit leisen, warmen Worten. Dem General waren die Augen feucht; er legte Melittas Hand in seinen Arm und führte sie so über die Schwelle seines Hauses an den Wagen. Im Hintergrunde stand das Gesinde und sah dem Vorgang mit Teilnahme zu, und noch lange erhielt sich im Schlosse die Erinnerung an den goldenen Regen, der sich an jenem Morgen über sie ergossen hatte. Ein letztes Winken und Grüßen, und der Wagen rollte über die Brücke in den Wald hinein.

An einer Biegung des Fahrwegs, wo man durch eine Lichtung noch einmal Schloß Ried liegen sah, bog sich Melitta vor und sah zurück. Da standen auf der Terrasse noch immer die vier Gestalten und blickten dem schönen Sterne nach, der so unerwartet in ihr Leben getreten war und nun ebenso plötzlich daraus wieder verschwand.

Buchschmuck

 

Druck von Velhagen & Klasing in Bielefeld.

 

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