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Durch tausend Jahre - Erster Band

Wilhelm Heinrich von Riehl: Durch tausend Jahre - Erster Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleDurch tausend Jahre - Erster Band
publisherF.W.Hendel Verlag
volumeBand 1
editorHans Löwe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidabc90d35
created20070322
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Der alte Hund

1878

I.

Als man 1232 schrieb, da lebte zu Siegen auf dem Westerwald ein armer Leineweber namens Giso. Er arbeitete gut, aber langsam; denn wenn er mit der Hand wob, dann sann und spann und wob er noch viel mehr im Kopfe, und so stand sein Stuhl oft zwischendurch still, und was ein Tagewerk hätte sein sollen, das ward zum Wochenwerk.

Warum sollte er sich auch übereilen? Lässiger Fleiß schützte ihn gerade vor dem Verhungern, und das war genug. Wenn nicht derjenige reich ist, welcher viel besitzt, sondern welcher wenig bedarf, so zählte der arme Leineweber zu den reichsten Leuten, denn auf dem ganzen Westerwalde gab es keinen bedürfnisloseren Menschen als Giso.

Er hatte keine Eltern mehr, keine Geschwister, keine Frau, er stand allein in der Welt; er hatte nur einen Hund, mit welchem er in herzlicher Freundschaft lebte, und dieser Hund war fast so bedürfnislos wie sein Herr, weniger zwar aus Grundsatz, als weil er's nicht besser wußte. Da er sich nämlich in seinem ganzen Leben niemals recht satt gefressen hatte, so blieb er auch bei schmalster Kost vergnügt, und ein harter Knochen beglückte ihn mehr wie herrschaftliche Hunde ein fetter Braten.

Dieses genügsame Tier war ein kleiner grauer, langhaariger Schäferhund und hieß Magar (mager), weil man ihm sein Leben lang alle Rippen am Leibe hätte zählen können. Vor sechzehn Jahren seinem Herrn zugelaufen, stand er jetzt im hündischen Greisenalter: er war ganz taub und halb blind, die vordem so scharfe Nase war stumpf geworden und die früher so gelenken Beine steif; außerdem plagte ihn keine Beschwerde des Alters. Während alte Hunde sonst gerne eigensinnig, grämlich und bissig werden, erfreute sich Magar einer fortwährend heiteren Sinnesweise, ja er erschien in alten Tagen zutunlicher und gutmütiger als in seiner ungestümen Jugend. Ob er nicht doch zuweilen die Abnahme der Kräfte in stiller Wehmut empfand? So fragte Giso manchmal und suchte die Antwort in des Hundes Augen zu lesen. Aber diese einst so beredten Augen sprachen nicht mehr, sie waren glasig starblau, die Seele verschloß sich hinter ihnen; doch wenn der Hund merkte, daß sein Herr ihn beobachte, dann wedelte er lebhaft mit dem Schweife; gewiß, er war noch immer stillvergnügt. Und glücklicher als die Menschen, empfand er vielleicht das Alter so wenig, als er die Nähe des Todes ahnte.

Vielleicht!

Zwischen Gott und den Menschen gestellt, ist uns das Tier ein gleich dunkles Rätsel wie Gott und wie wir selber.

So dachte Giso. Denn auch ein armer Westerwälder Leineweber des dreizehnten Jahrhunderts machte sich mitunter seine Gedanken über seinen Hund und unseren Herrgott.

Hätte Giso in seiner Jugend lesen und schreiben gelernt, so würde er vielleicht ein großer Gelehrter geworden sein, allein da er nur von Natur gescheit war und nicht durch die Kunst, so ist seine Weisheit der Welt verborgen geblieben. Je mehr er aber in sich hinein grübelte und doch seine Gedanken niemals recht herauslassen konnte, um so seltsamer und tiefgründiger wurden diese Gedanken. Schweiften sie aber auch noch so sehr ins Weite, so kehrten sie doch zuletzt immer wieder zu zwei Zweifelsfragen zurück: er hätte gar zu gerne genau wissen mögen, was dereinst das Los seiner eigenen armen Seele sei und ob er ganz gewiß in den Himmel komme, dazu aber nebenbei, ob sich dort nicht auch noch ein kleines Plätzchen unterm Tisch für seinen Magar finden werde. Denn da er nach der Sitte der Zeit den Hund jeden Sonntag in die Kirche mitnahm, so hätte er ihn auch gerne in den Himmel mitgenommen. Ja, er konnte sich den Himmel nicht ganz himmlisch denken, wenn ihm dort sein treuer, einziger Freund, wenn ihm das gemütliche Tier fehlte.

Man sieht, Giso war auf gefährlichem Wege. Zerbrach er sich noch lange den Kopf über Menschenseelen und Hundeseelen, dann konnte er im Handumdrehen ein Ketzer werden, ohne daß er's nur recht merkte.

Es wehte nämlich damals eine besondere Luft über Deutschland, die vom Süden herüberkam, von den Alpen gleich dem Föhn, der ungestüm und mild zugleich den Schnee von den Bergen fegt und den Frühling vorverkündet. Aus den Tälern Piemonts waren die Lehren der Waldenser selbst bis ins Siegener Land gedrungen, und schlichte Leute fragten sich, ob denn der Papst zu Rom wirklich die Himmelsschlüssel in Verwahrung habe und ob Christus und die Apostel in ihrer Armut nicht doch vielleicht ein besseres Evangelium gepredigt hätten als die Bischöfe und Prälaten in ihrer Pracht und Üppigkeit?

Auch Giso hatte gehört, daß die Pfaffen dem dummen Volk mitunter gar nicht richtig sagten, was in der Bibel stehe, und man brauche nur dort Christi eigene Worte zu lesen, um dieses Truges innezuwerden und klar und sicher zu erfahren, wie man's anfangen müsse, um nicht irrtümlich in die Hölle statt in den Himmel zu geraten.

Allein diese Nachricht nützte dem armen Manne wenig; denn er konnte ja nicht lesen und fand auch niemand, der ihn mündlich genauer belehrt hätte. Nur ganz heimlich und im vertrautesten Kreise redete man von solchen Dingen, seit es bekanntgeworden war, daß das geistliche Gericht in Straßburg zwei Männer mit glühenden Zangen auf ihren Glauben geprüft und in Hildesheim sogar einen Propst verbrannt hatte, bloß weil derselbe behauptete, unser Herrgott sei vornehmer als die Jungfrau Maria. Man konnte in der Tat nicht vorsichtig genug sein. Im Lande gingen fremde Männer umher, welche die Gabe besaßen, ohne glühende Zangen oder sonstige Befragung einem jeglichen schon am Gesichte anzusehen, ob er ein Ketzer sei. Darum bemühten sich die Westerwälder Bauern, möglichst einfältig dreinzusehen und mit offenem Munde zu schweigen, wenn sie gefragt wurden.

So blieb also auch Giso ganz auf sein eigenes Sinnen und Grübeln beschränkt; aber je weniger ihn dies befriedigte, um so brennender ward sein Verlangen nach einem erleuchtenden, erlösenden Worte.

Wann er abends hinaufblickte in die Rätsel des unermeßlichen dunkeln Himmels und der flimmernden Sterne, dann war es ihm, als müsse er da oben die Geheimnisse des Lebens und Todes lesen; aber die Himmel erzählen nur die Ehre Gottes, sie enthüllen nicht seine Geheimnisse, die Sterne leuchten nur, sie erleuchten nicht, und hinter ihnen sieht der arme Mensch bloß die schwindelnd tiefe ewige Nacht.

Giso aber dachte, wenn mir der Mund der Bücher und der Mund der Menschen versiegelt ist und Himmel und Erde schweigen bei meiner Frage, dann muß Gott selber reden. Denn da er verlangt, daß ich schaffe selig zu werden, so muß er mir auch sagen, wie ich's anfangen soll. Eine Pflicht fordert die andere.

Und da Giso gehört hatte, daß Gott persönlich zuzeiten mit heiligen Männern gesprochen, so dachte er, Gott könne und solle auch einmal mit ihm sprechen. Gerade weil er kein Heiliger sei, drum habe er's um so nötiger. Und deuchte es dem Herrn des Himmels und der Erde allenfalls zu gering, mit einem armen Westerwälder Leineweber zu reden, so könne er ja seinen Sohn oder den Apostel Paulus oder sonst einen zuverlässigen Mann seines Gefolges mit dieser belehrenden Zwiesprach beauftragen.

Giso begehrte dies so eifrig und ernsthaft, daß er manchmal im Waldesrauschen, im Sturmgebraus auf Bergeshöh oder im Wassertosen der Felsschlucht Stimmen zu vernehmen glaubte. Aber wenn er gespannten Ohres näher hinhorchte, dann waren es immer nur die Blätter und der Sturm und das Wasser gewesen, und sein Ohr verstand diese Sprache so wenig als sein Auge die wimmelnden Schriftzeichen des geschriebenen Buches. Doch vielleicht lernte er noch die Sprache der Bäume und des Windes durch Fleiß und Geduld.

II.

Erfüllt von solchen Gedanken, ging Giso einst in stiller, lauer Sommermondnacht von Selchendorf über den Tannenberg nach Hause. Er führte Magar an der Leine; denn der alte Hund war so träge geworden, daß er fortwährend stehenblieb, wenn man ihn nicht ein wenig vorwärts zog, und da er bei Tage wenig sah und bei Nacht gar nichts, so stieß er alle Augenblicke wider einen Baum oder Busch, und das tat seinem Herrn weher als ihm selber, darum lenkte er ihn mit mitleidiger Hand auf freie Bahn. Zu Hause mochte er das alte Tier nicht lassen, weil es dort ganz hilflos und den rohen Nachbarn preisgegeben gewesen wäre, und so sah man denn Giso überall mit dem Hunde am Strick, und es kümmerte ihn wenig, daß sich die Leute darüber lustig machten.

Es mochte Mitternacht sein, als die beiden so über den Tannenberg schritten, und Siegen lag noch eine gute Stunde entfernt. Der Wald lichtete sich, wo der Weg zum Eisenbachtale hinabsteigt.

Da sah Giso eine menschliche Gestalt aus dem jenseitigen Dickicht treten; – sie kam raschen Schrittes quer über die Lichtung. Giso, sonst ein beherzter Mann, wurde von plötzlicher Angst erfaßt, es fiel ihm bleischwer in die Füße, und er schlüpfte hinter einen Wacholderbusch und wußte doch selbst nicht, warum er sich eigentlich fürchtete.

Der nächtliche Wanderer schien ihn nicht bemerkt zu haben; er ging lautlos an dem Busche vorüber, mehr schwebend als schreitend, unhörbar; denn obgleich er sich jetzt auf einem steinigen Pfade bewegte, so vernahm doch Gisos fieberhaft geschärftes Ohr nicht das leiseste Knarren eines Fußtrittes, und es war, als ob die Steine unter jenes Mannes Sohlen zu einem Teppich würden. Gespenster kommen immer entweder ganz still oder mit betäubendem Getöse: die schweigenden, unhörbar im Schweigen der Nacht einherschwebenden sollen die schauerlichsten sein.

Doch die Erscheinung glitt weiter, und schon glaubte Giso unentdeckt geblieben zu sein. Da hob Magar seine Nase schnuppernd in die Höhe, zerrte dann scheu am Stricke zurück und stieß ein jämmerliches Geheul aus.

Der Fremde horchte auf, kehrte sich um und rief den armen Giso an, der hinter dem Wacholderbusch vergebens den Hund zu beschwichtigen suchte: »Was versteckst du dich? Komm hervor, Freund, und zeige mir den Weg nach Wilnsdorf!«

Giso faßte Mut, indem er dem Hunde Mut machte, und da er nun vollends die unheimliche Gestalt so laut und deutlich sprechen hörte wie andere Menschen, nur mit etwas fremdartigem Tone, so ermannte er sich und rief: »Nur immer talaufwärts, dann könnt Ihr Wilnsdorf nicht verfehlen.«

Zugleich aber trat er aus dem Gebüsch und schwenkte geschwind links ab, um nach der entgegengesetzten Seite davonzulaufen. Aber Magar konnte schon längst nicht mehr laufen, er ging nur noch den bedächtigen Schritt des hohen Alters und hielt seinen Herrn zurück, so daß ihnen der Fremde rasch den Weg vertrat.

Er sprach gebieterisch: »Begleite mich eine Strecke, daß ich den Pfad nicht verfehle!« Giso konnte dem Ton der Stimme nicht widerstehen, auch wenn er Magar hätte preisgeben und allein davonlaufen wollen. Er folgte willenlos.

Mit scheuem Seitenblicke betrachtete er den unheimlichen Gast. Er trug eine Kapuze über dem Kopf, daß man kaum sein Gesicht sehen konnte, und war in einen langen grauen Mantel gehüllt, als ob's Dezember wäre, da es doch Juli war. Übrigens bemerkte Giso jetzt deutlich, daß der Fremde nicht schwebte, sondern ging wie andere Menschen und daß auch die Steine ein wenig unter seinen Füßen knarrten; allein er ging leicht und leis wie eine Katze.

Diese Wahrnehmung steigerte den Mut des armen Leinewebers so sehr, daß er dem grauen Mann auf dessen wiederholte Fragen über seine Person und Herkunft ganz fest antworten konnte und zuletzt sogar die Gegenfrage an seinen Begleiter wagte, ob er denn in Wilnsdorf bekannt sei und dort wohl gute Freunde habe.

»Ich kenne niemand und bin niemals dort gewesen.«

»Aber was sucht Ihr in dem armen Dorfe bei so später Nacht?«

»Ich suche fromme Leute«

»Und wie wollt Ihr sie finden?«

»Ich kenne sie nicht und kenne sie doch. Fünfzehn Wilnsdorfer Bauern sind fromm; diese werde ich finden. Die anderen taugen alle nichts.«

Giso schwieg erstaunt; es durchrieselte ihn. So ungefähr wie dieser Mann sprachen die Heiligen, die Propheten und Engel, wenn sie in den Legenden auf Erden umherziehen, und Giso hatte genug solcher Legenden vom Priester erzählen hören. Auch gingen die heiligen Männer nicht selten verhüllt wie der graue Gesell, bis sie plötzlich ihren Mantel zurückschlugen und leuchteten wie der Morgenstern. Aber sein Begleiter hielt zur Zeit das Gesicht noch fest hinter der Kapuze. War er vielleicht der himmlische Bote, dessen Belehrung Giso sich so oft und heiß erfleht hatte?

Forschend sprach er darum: »Ihr werdet schwere Arbeit haben, die fünfzehn frommen Leute in Wilnsdorf herauszufinden. Denn einige sind fromm, aber sie wissen's selber nicht. Andere wissen es, aber sie sagen's nicht. Die es aber sagen, sind gerade erst recht nicht fromm. Ein jeder aber tut so einfältig als möglich aus Furcht vor den geistlichen Herren.«

»Und wozu bedürft ihr der Pfaffen?« entgegnete der Fremde mit plötzlich erhobener Stimme. »Vor Gott sind wir alle gleich, da ist jeder gute Christ ein Priester.«

»Das mag wohl sein«, meinte Giso, »aber darum kann doch nicht jeder Beichte hören und die Sünden vergeben.«

»Und warum nicht? Wahrlich, ich sage dir, Giso, du wirst noch taufen und absolvieren, predigen und Kelch und Brot austeilen, wenn du ein Kind Gottes bist, und bleibest du dabei auch immer nur ein armer Leineweber. Im Evangelium steht nicht geschrieben, daß dies bloß Priester tun sollten; dort steht überhaupt nichts von Päpsten, Mönchen und Pfaffen.«

»Und wisset Ihr dies denn so genau?« fragte Giso erstaunt. »Habt Ihr denn das Evangelium gelesen?«

»Ob ich's gelesen habe! Keine Zeile stehet darin, die ich nicht im Kopfe trüge, genau wie sie dort im Buche steht.«

»Der Mann tut, als ob er das Evangelium nicht nur gelesen, sondern auch geschrieben habe«, dachte Giso im stillen. »Am Ende ist er gar einer von den vier Evangelisten!«

Doch brauchte er jetzt nicht mehr weiter zu fragen, denn der Redestrom seines Begleiters war entfesselt. Er erzählte, wie bis daher das Zeitalter des Vaters und des Sohnes gewesen sei, von nun an werde aber auch die Zeit des heiligen Geistes hinzukommen. Da werde jeder Mensch von selbst wissen, was gut und böse, aus eigener Erleuchtung, und brauche das matte Kirchenlicht der Pfaffen nicht mehr. Und wenn der geringste Mann nur recht tief in sich hineindenke, so offenbare sich ihm, was bis heute auch die Weisesten nicht erkannt, denn der Geist wohne und wirke in jedem, am liebsten aber in armen und einfältigen Leuten. Und jeder dürfe dann tun und genießen, was sein Herz begehre; denn unsere Wünsche und Triebe seien von Natur nicht schlecht, sie würden nur schlecht durch die Dummheit und Knechtschaft, worin wir jetzt noch lebten, vorab durch die grausame Tyrannei der Kirche.

Giso verstand nicht alles, was der Fremde sagte, und öfters grauste es ihm vor dessen Gedanken; gar manches Wort aber war ihm auch aus der Seele gesprochen, ja er glaubte mitunter, sich selbst zu hören, und ihm dünkte, der graue Mann müsse ihn in seinem geheimsten Dichten und Sinnen belauscht haben und halte ihm nun den Spiegel seines Innern vor.

Nur eines offenbarte er ihm nicht: wie es denn aussehen werde im ewigen Leben, was man da tue und treibe und wie die Seele hinüberkomme unmittelbar nach dem Tode und ob der gute, treue Magar, welcher doch auch ein klein Stückchen Seele habe, nicht auch mit hinüberschlüpfen dürfe. Das alles hätte Giso recht genau wissen wollen, aber gerade hierüber sprach der Fremde nicht. Ja, er lachte ganz höhnisch und unheimlich, als ihn Giso wegen des Hundes fragte. Doch da er merkte, wie ernst es dem Leineweber mit dieser Frage sei, sprach er: »Du bist treu und gut wie dein Hund. Treue um Treue! Du sollst alles erfahren. Doch nun haben wir ja wohl Wilnsdorf erreicht und müssen uns trennen.«

Beim Abschied lud dann der Fremde Giso ein, nächsten Mittwoch spät abends wieder an denselben Platz zu kommen, wo sie sich heute begegnet waren, dort würde er ihm Weiteres enthüllen, wenn er das tiefste Geheimnis gelobe.

Giso erschien auch zur bestimmten Stunde klopfenden Herzens am Wacholderbusch, wo der graue Mann schon seiner wartete. Und sie sprachen wieder von Gott und der Welt und Leib und Seele und Himmel und Hölle. Doch begriff Giso die kühnen und seltsamen Worte des Lehrers fast noch weniger als vorher. Dagegen fragte ihn dieser aufs genaueste aus über seine eigenen Gedanken, und Giso berichtete sie klar und ohne Rückhalt; ja er redete sich in eine rechte Begeisterung hinein und meinte zuletzt, es stehe gewiß der ersehnte Bote Gottes vor ihm. Nur schien es ihm sehr schwer, einen so ausgezeichneten Mann zu verstehen, darum bat er noch um eine dritte Zusammenkunft.

Der Fremde erwiderte geheimnisvoll: »Was du weiter noch wissen sollst, das wirst du nicht von mir erfahren; aber gehe am nächsten Sonnabend, morgens um zehn Uhr, nach Wilnsdorf, so wirst du Leute finden ungefragt, die mein Werk vollenden.«

Diese prophetischen Worte bestärkten Giso vollends in der Ansicht, daß kein gewöhnlicher Mensch mit ihm spreche, und er fragte darum demütig, ob er nicht erfahren dürfe, wer ihn zweimal so wundersam belehrt habe.

»Du wirst es erfahren zu seiner Zeit! Aber sage, für wen hältst du mich?«

Hierauf erwiderte Giso, daß er dies nicht aussprechen könne. Nach langem Drängen gestand er dann, er habe wohl die Vermutung, daß sein Freund ein Evangelist oder Apostel sei.

Der Fremde sagte nicht ja und nicht nein, schien aber mit dieser Würde zufrieden, denn er schüttelte Giso zum Abschied gar herzlich die Hand.

III.

Am Sonnabend begab sich Giso genau zur bestimmten Stunde nach Wilnsdorf.

Magar war heute besonders träg; er wollte nicht mitgehen, aber Giso band ihn an die Schnur, und so mußte er folgen. Unterwegs begegnete ihnen ein großer Wolfshund. Es gibt Hunde, namentlich sehr struppige, deren Gestalt und Aussehen gleichsam eine Herausforderung für alle anderen Hunde ist und die von allen angefallen und abgerauft werden. Magar gehörte leider zu dieser unglücklichen Klasse, und viele Narben seines Felles zeugten dafür; und da er im voraus schon wußte, was ihm drohte, so pflegte er in jungen Jahren den Angriffen der anderen Hunde durch eigenen Angriff zuvorzukommen. Der Wolfshund nahte knurrend, aber der alte Magar ging seines Weges, als ob ihn jener gar nichts angehe, und das grimmige Tier beschnupperte ihn und ging dann gleichfalls ruhig seines Weges.

»Als der Wolfshund wahrnahm, daß Magar alt und schwach sei, nahm er seine Ausforderung zurück«, so dachte Giso. »Die Hunde sind ritterlicher als die Menschen, der große Hund schont den kleinen, der starke den schwachen, indes der starke Mann den schwachen unterdrückt und zu Boden wirft.«

Giso vergaß eine Weile seine theologischen Gedanken und seine ungeheuer gespannte Erwartung im Nachdenken über die Menschlichkeit der Hunde und das Hündische der Menschen.

So kam er nach Wilnsdorf.

Dort war eine große Menschenschar versammelt auf dem Platz vor der Kirche; aber es ruhte ein seltsames Schweigen über der Menge, und alle schauten staunend drein, als ob ein Märwunder zu sehen sei.

Unter der Linde an der Kirchentür stand ein Dominikaner, von anderen Mönchen umgeben, daneben mehrere Männer in grauen Mänteln und mit kurzgeschorenen Haaren; das waren reuige und darum begnadigte Ketzer, Büßer, wie man sie nannte, ihnen zur Seite aber Männer mit Spießen und Stricken, gräßlich rohe Gesellen, wie Henkersknechte anzusehen.

Giso drängte sich in den Kreis, nachdem er seinen Hund seitab an einen Zaun gebunden, damit er im Gedränge nicht getreten werde, und fragte ein paar bekannte Bauern, was das bedeute.

Aber keiner antwortete ihm. Doch vernahm er ein leises Murmeln und sah, wie sich aller Augen auf ihn wandten.

Da rief plötzlich der Dominikaner, dem sein Nebenmann etwas ins Ohr geflüstert hatte: »Giso, tritt vor!« – und Giso folgte erschrocken; jener Ruf klang ihm wie die Posaune des Gerichts.

Der Dominikaner war Konrad von Marburg, der furchtbare Ketzerrichter. Giso kannte ihn nicht, und dennoch überlief es ihn kalt bei seinem Anblick.

Er fragte den zitternden Giso, was ihn hierhergeführt.

Keine Antwort.

Da rief Konrad scharf. Mit schneidender Stimme: »Ich will es dir sagen. Du bist gekommen, um hier in die letzten Meistergeheimnisse der Ketzerei eingeweiht zu werden.« Und nun erzählte er genau und ausführlich, welch freventliche Gedanken und Zweifel Giso gehegt über Hundeseelen und Menschenseelen und wie er von Gott selbst eine Unterredung gefordert habe, statt sich an die allein berechtigten Vermittler zwischen Gott und Menschen, an die Priester, zu wenden, und zeigte ihm klar, daß dies die strafwürdigste Ketzerei sei.

Giso stand wie vernichtet, als er so seine geheimsten Gedanken enthüllt sah. Er konnte nicht leugnen. Allein er raffte sich auf und sah im Kreise umher; er suchte den grauen Mann, der allein sein innerstes Dichten offenbart haben konnte; doch er fand ihn nicht. Vielleicht war Konrad selbst der graue Mann gewesen? Doch nein! Konrad war klein und schmächtig, jener Fremde vom Tannenberg war groß und stark, fast über menschliches Maß, er war nicht zugegen.

Nun aber fragte Konrad Giso weiter, wer ihm so verruchte Gedanken eingepflanzt; er solle Lehrer, Anstifter, Mitwisser nennen.

Giso entgegnete, seine Gedanken habe er sich selbst gemacht.

Man hielt ihm vor, daß er augenblicklich sterben müsse, wenn er keine Genossen angebe. Giso aber beteuerte, er habe keine, auch habe er mit niemandem je von solchen Dingen gesprochen außer mit einem Unbekannten, der ihn, wie er nun sehe, verraten habe.

Alles horchte auf, und Konrad ermahnte, in dem Bekenntnis fortzufahren.

Da erzählte Giso genau, wie er mit dem Fremden am Tannenberg zusammengetroffen sei und was ihm dieser alles gesagt, weit schlimmere Sätze, als er sie je zu träumen gewagt habe.

»Und wie sah der Fremde aus? Hatte er einen seltsam schleichenden Gang? Verhüllte er den Kopf und die Beine? Blickte ein leichenhaftes Gesicht unter der Hülle hervor und große schwarze Augen?«

Giso gestand, daß dies wohl so gewesen sein möge, aber beim Mondschein der Mitternacht habe er's nicht gar genau gesehen.

»Und wie nannte sich der Fremde?«

»Er nannte gar keinen Namen. Doch als ich ihn in meiner Einfalt fragte, ob er etwa ein Evangelist oder Apostel sei, da schwieg er und verschwand, und ich nahm dies Schweigen für Bejahung.«

Konrad rief: »Nun wissen wir's genau, es war der Teufel selbst, der dich berückt hat!«

Giso aber, wütend über den teuflischen Verrat, glaubte nun auch, daß der graue Mann kein Evangelist, sondern der Teufel gewesen sei, fragte dann aber mit echter Bauernpfiffigkeit, ob der hochwürdige Herr denn auch mit dem Teufel geredet, denn nur von diesem könne er ja die Kunde erhalten haben, welche sonst niemand wisse.

Konrad aber verwies ihm zornig, daß er sich erdreiste, Fragen zu stellen; er solle vielmehr seine Ketzerei abschwören und den Himmel um Verzeihung bitten.

Giso erklärte sich bereit dazu. Er war völlig irre geworden an sich selbst; er fluchte jenem Verräter, der ihn in seinem Irrglauben bestärkt habe, um ihn ins Verderben zu stürzen, und so gewaltig war die Macht Konrads über die Gemüter, daß Giso ihn jetzt unbedingt für einen wahren Mann Gottes hielt.

Da er dies nun gar treuherzig aussprach und daneben so gar einfältig erschien, so erklärte Konrad, er wolle diesmal Gnade für Recht gewähren, wenn Giso sich auf der Stelle scheren lasse und das Büßerkleid anlege.

Giso erklärte sich bereit, und seine langen Haare fielen sofort unter der Schere des Henkers.

Ein furchtbares Heulen und Wehklagen tönte inzwischen aus der Ferne herüber, unterbrochen vom feierlichen Gesang des Miserere. Alle blickten entsetzt nach dem Haus am oberen Ende des Dorfes, woher diese Klänge kamen. Aus dem First des strohgedeckten Holzbaues erhoben sich Flammen und Rauch, und die Bewohner wurden mit gebundenen Händen in die Flammen ihres eigenen Hauses geworfen. So sparte man den Scheiterhaufen und rottete mit den Ketzern zugleich ihre Wohnstätte aus.

Eine ungeheure Rauchgarbe, zum Himmel aufsteigend, lagerte sich bald über dem ganzen Dorf, Geschrei und Gesang verstummte, man hörte nur noch das Knistern des Feuers und das Krachen der Balken.

Konrad hatte gewartet, bis Giso das ganze Schauspiel angesehen und dessen vollen Schrecken erfaßt hatte. Dann drang er nochmals in ihn, Mitwisser anzugeben; denn wenn er solche verschweige, dann solle er auch mit geschorenem Kopf und Büßerkleid dennoch in die Flammen geworfen werden.

Allein der ehrliche Giso machte es nicht wie andere, welche Unschuldige oder ihre persönlichen Feinde nannten, um sich zu retten. Er blieb standhaft bei der Wahrheit.

Nun wollte Konrad wenigstens wissen, ob Giso einen großen schwarzen Kater verehrt und geküßt habe zum Zeichen der Huldigung des Teufels; denn die Katzen seien des Teufels Lieblingstiere und ein gebratener Kater seine Leibspeise.

Giso sagte, er möge keine Katze im Hause leiden, geschweige küssen oder essen, denn er sei ein Hundefreund.

Da hielt ihm Konrad das Teuflische seiner Gedanken über die Hunde und ihre Seele vor und wollte wissen, ob sein alter Hund nicht irgendwie dämonisch besessen sei.

Doch die Flammen des brennenden Hauses waren inzwischen zu den Nachbarhäusern herübergesprungen, vom Winde gefacht, nahten sie sich dem Kirchenplatze, und niemand wagte zu löschen.

Konrad machte darum dem Prozeß ein rasches Ende. Giso ward aus Gnaden freigelassen, wofern er drei Jahre geschoren und im Mantel einhergehe. Der Hund aber als ein ohne Zweifel dämonisches Tier solle vom Zaune geholt und sofort totgeschlagen werden.

Die Knechte gingen, ihn zu holen; allein der Hund war verschwunden samt seinem Strick. Niemand hatte gesehen, wie das zugegangen und wohin er gekommen war.

Da die Knechte nun den Hund nicht fanden, so packten sie Giso um so derber, warfen ihn unter Flüchen aus dem Kreis und jagten ihn zum Dorfe hinaus. Alles wich vor ihm zurück wie vor einem Aussätzigen.

Erst als er das Dorf schon weit im Rücken hatte, wagte er noch einmal zurückzublicken.

Ganz Wilnsdorf stand in hellen Flammen. Fünfzehn Leute – eben jene Frommen, von welchen der graue Mann gesprochen – waren ins Feuer geworfen worden, ein ganzes Dorf loderte als Scheiterhaufen des Ketzergerichts. Die übrigen Einwohner durften ihre Habe nicht retten; sie flüchteten wehklagend in die Wälder.

Die Mönche zogen psalmsingend davon.

IV.

Giso eilte nach Siegen. Es trieb ihn heimwärts, und doch fürchtete er sich heimzugehen. Er machte große Umwege über Berg und Tal, mied die Straßen und suchte das Waldesdickicht, so daß der Abend zu dämmern begann und die feuchten Nebel bereits aus den Wiesen stiegen, als er sich endlich im Siegtale fand und die Mauern der Stadt auf hoher Felskuppe von ferne sah. Und er wußte selbst nicht, wie er hergekommen.

Eine Weile rastete er, in Gedanken versunken. Da weckte ihn das Geheul und Gewinsel eines Hundes. So heulte nur Magar. Giso blickte auf. Da stand Magar unter einem Felsen, von einem Mädchen am Strick gehalten, und zerrte aus Leibeskräften, um zu seinem Herrn hinüberzukommen.

Das Mädchen ließ den Strick los, und der Hund sprang zu Giso, ganz toll vor Freude. Dieser aber redete ihn gar freundlich an, obgleich er taub war. Allein Giso redete auch sonst aus alter Gewohnheit den ganzen Tag mit dem tauben Hund.

Erst nach langer Begrüßung und gegenseitigem Austausch blickte er auf das Mädchen. Es war Jutta von der Hammerschmiede. Ihr Vater hatte die Hammerschmiede eine Stunde unterhalb der Stadt betrieben; allein er fand einen jähen Tod, worauf die Witwe das Handwerk nicht weitertrieb und die Schmiede zerfallen ließ. Sie wohnte aber nebenan in einer kleinen Hütte und ernährte sich mit der Tochter kümmerlich von etwas Feldbau und Viehzucht.

Da Giso vor lauter Gespräch mit dem Hunde zu gar keinem Wort für das Mädchen kommen konnte, so begann sie selbst:

»Guten Abend, Giso! Ich habe dir den Hund gerettet; ich stand hinter den Leuten am Zaune neben Magar, und als ich hörte, daß es dem Tier an den Kragen gehe, ergriff ich rasch den Strick und schlüpfte mit dem Hund um die Ecke. Und als die Knechte kamen, hatten sie das Nachsehen.«

Giso dankte durch Blick und Händedruck. Dann nahm er den Hund am Strick und ging die Siegener Straße, das Mädchen aber schritt in den Wald zurück. Doch nach einigem Besinnen kehrte Giso wieder um, lief dem Mädchen nach und hatte Mühe, sie einzuholen.

Er hatte Jutta schon als Kind gekannt und früher gern gesehen, und auch sie sah ihn vordem, wie er glaubte, nicht ungern. Er war sogar um Juttas willen zweimal auf die Hammerschmiede gegangen, obgleich dieselbe eine Stunde entfernt im einsamsten Waldtale lag, und hatte dort mit der Mutter geplaudert, obgleich dieselbe bei weitem nicht so angenehm war wie ihre Tochter.

Aber zu Fastnacht vorigen Jahres hatten sie sich ganz und gar entzweit, und zwar über Magar. Denn Jutta schalt ihn, daß er den alten elenden Hund überallhin am Strick mitschleppe, in die Kirche am Sonntagmorgen, unter die Linde am Nachmittag und gar zum Tanz am Abend. Er mache sich dadurch zum Gespött der Leute. Und als er sie dann aufforderte, zur Fastnacht mit ihm zum Tanze zu gehen, wollte sie nur einwilligen, wenn Magar zu Hause bleibe. Da verzichtete er auf ihre Gesellschaft; denn er dachte, wenn das Mädchen ihn leiden möge, dann müsse sie auch seinen Hund leiden.

Und seitdem hatten sie kein Wort mehr miteinander gesprochen.

Nun wollte er aber doch wissen, warum gerade Jutta ihm den Hund gerettet; einzig deshalb war er ihr jetzt in den Wald nachgelaufen und fragte sie darüber.

Sie antwortete: »Ich rettete den Hund, weil ich hörte, daß du treu und ehrlich warst wie ein Hund, denn du hast keine Genossen angegeben, gleichviel ob wirkliche oder erlogene, wie andere tun, um dem Scheiterhaufen zu entrinnen. Da aber der Mönch dich so furchtbar ängstigte, jammerte es mich, und weil ich wußte, wie dein Herz an Magar hängt, dachte ich: Dem armen Giso soll doch ein Trost bleiben, und lief unvermerkt mit dem Hunde davon, um ihn dir zurückzugeben.«

»Aber du mußt nun auch den Hund behalten«, sagte Giso, »denn wenn ich ihn mitnehme in mein Haus, so schlagen sie mir ihn dennoch tot.«

Jutta sah ein, daß Giso recht habe. Sie konnte auch den Hund gar wohl in ihrer Waldeinsamkeit verbergen. Also stimmte sie bei und fügte hinzu: »Als du dich früher lächerlich machtest mit dem alten Hunde, konnte ich ihn nicht ausstehen; nun aber kommt mir das arme blinde Tier gar nicht mehr so widerwärtig vor. Ich will es mitnehmen.«

Und sie ging mit dem Hunde davon.

Doch war sie noch nicht weit gekommen, da kehrte sie nun ihrerseits wieder um und lief Giso nach und erreichte ihn beim Felsen an der Straße, wo sie sich zuerst begegnet waren.

Sie rief: »Giso, höre noch ein Wort! Es hätte mich furchtbar ergrimmt, wenn der Henkersknecht Magar totgeschlagen hätte, und ich begreife, wie es dich noch viel mehr ergrimmt haben würde. Aber wäre es nicht am gescheitesten, du schlügest den Hund gleich selber tot? Er wird doch seines Lebens kaum mehr froh und fände dann ein ehrliches Ende und wäre am sichersten aufgehoben.«

»Und meinst du, daß ich dies könnte?« fragte Giso heftig bewegt. »Ich dachte öfters, es zu tun, da das Tier so steif und taub zu werden begann. Aber ich vermochte es nicht, und jetzt vermöchte ich's gar nicht. Dieser Hund war sechzehn Jahre mein Freund, oft der einzige Trost meiner Einsamkeit; er hat mich erfreut, er hat mir gedient. Ich war sonst überall nur ein Knecht, aber ich war dieses Hundes König; ich wünschte, der Kaiser hätte lauter so getreue Vasallen. Und soll ihm meine Hand nun zum Dank den Schädel einschlagen? Freilich, seine blinden Augen würden's nicht sehen, wenn ich zum Streich ausholte, er würde ruhig stehenbleiben, – und eben darum kann ich's nicht! Und träfe ich ihn schlecht, daß er noch Leben behielte, so würde er zu mir kriechen und die Hand lecken, die ihn so grausam verletzte, und Hilfe bei mir suchen. Und doch weiß ich: am besten wäre Magar tot. Darum erschlage du ihn, wenn du willst und kannst. Ich gebe ihn in deine Hand und will dir nicht zürnen.«

»Gestern noch hätt' ich's gekonnt«, entgegnete Jutta; »heute kann ich's nicht mehr. Ich will Magar mitnehmen, ihn verbergen und pflegen.«

So schieden sie. Jutta ging mit dem Hund, und Giso ging allein nach Hause.

V.

Als Giso mit dem geschorenen Kopf nach Siegen zurückkehrte, wichen ihm die Leute scheu aus dem Wege. Einige schalten ihn einen gottlosen Menschen, andere verspotteten, andere bedauerten ihn Eine Frau, die ihm erst gestern ihr Hanfgespinst zum Weben gebracht, holte es gleich wieder zurück; sie fürchtete, Giso möge irgendeine Teufelei hineinweben. Das Rätsel, warum er immer den alten, blinden Hund mitgeführt, schien vielen gelöst. Der Hund, so hieß es, sei ein eigentlicher Höllenhund gewesen, den der Weber angebetet und geküßt habe. Darum habe der Henker das Tier auch nicht totschlagen können, sondern es sei mit einer blauen Flamme in die Erde versunken.

Giso war erzürnt und tief betrübt über seine Mitbürger; hätte er die Menschen ebensogut gekannt wie die Hunde, so würde er vielleicht noch betrübter, aber nicht erzürnt gewesen sein.

Aber schmerzlicher noch empfand er, daß all sein Ringen nach Erkenntnis vergebens, daß der Mann, welchen er für einen Boten Gottes gehalten, am Ende gar der Teufel selbst gewesen war. Ihm schauderte, wenn er an seine nächtlichen Unterredungen mit dem grauen Mann dachte, und vergebens suchte er sich alles, was jener gesagt, aus dem Sinne zu schlagen. Dagegen suchte er mit Gewalt die Worte Konrads als eines wahren Himmelsboten sich einzuprägen; aber ihm schauderte auch vor diesem Heiligen, hinter dessen Rücken die ungeheure Feuer- und Rauchgarbe des brennenden Dorfes zum Himmel aufstieg.

Und doch fand er sich dann wieder ganz beglückt in der Erinnerung an den Schreckenstag, wenn er nur an Magar dachte, der gerettet war, und an Jutta, die ihn gerettet hatte, und an jedes der wenigen Worte, die sie gesprochen, und wie sie das Tier jetzt so gut verpflegte. Er schalt sich, daß er alle Worte Juttas wie ein Evangelium behalten hatte, während ihm die Mahnworte Konrads, des mächtigen Redners, wie Nebel im Geiste zerrannen. Drei Tage arbeitete er fleißig am Webstuhl und ging jeden Morgen im Bußgewand in die Frühmesse. Aber Abend des dritten Tages wollte er doch nachsehen, wie es Magar gehe und wie derselbe auf der Hammerschmiede gehalten werde. Gegen Sonnenuntergang eilte er hinüber.

Er fand Jutta strickend vor der Türe, und Magar lag auf der Hausflur, wo sie ihn auf frisches Heu gebettet hatte. Als er aber den Herrn witterte, kam er heraus, ihn zu begrüßen, ganz unbändig vor Freude.

Jutta berichtete, daß der Hund vorgestern aus lauter Trauer nichts gefressen habe, daß er aber gestern und heute schon weit zutunlicher geworden sei und Milch und Brot nicht mehr verschmähe. Er werde sich bald eingewöhnen.

Giso war zufrieden mit dieser Nachricht und trat nach wenigen Worten den Rückweg an. Was hätte er auch weiters viel reden sollen?

Aber doch war es ihm, als ob er viel gesprochen habe, und er legte sich stillvergnügt auf sein Stroh. Während er sonst vor dem Einschlafen so gern und viel über das künftige Schicksal der Menschenseele und der Hundeseele nachgedacht hatte, dachte er diesmal weder an das eine noch an das andere. Dagegen sah er recht lebhaft Jutta strickend vor ihrer Haustüre sitzen.

Nach einigen Tagen mußte er schon wieder nach Magar sehen, und so ging es fort, bis er zuletzt fast jeden Abend auf der Hammerschmiede erschien.

Der Hund hatte sich inzwischen dort ganz eingewöhnt, wäre aber doch jedesmal gerne mit seinem Herrn wieder fortgegangen und winselte und suchte oft eine Viertelstunde lang, wenn sich dieser entfernt hatte.

Giso dachte schon daran, Magar wieder nach Siegen zu nehmen. Er meinte, wenn er ihn vom Pfarrer mit dem Weihwedel kräftig besprengen lasse, dann würde es ja aller Welt offenbar werden, daß der Hund kein Teufelsvieh sei. Allein Jutta erhob Bedenken dagegen. Glaubte man doch noch nicht einmal recht an Gisos aufrichtige Buße, wie sollte man schon wieder an Magars hündische Unschuld glauben? Zudem hatte sie das alte Tier so lieb gewonnen, daß sie's nicht wieder hergeben wollte, und auch Magar schien offenbar schon zweigeteilten Herzens.

»Er weiß nicht mehr klar, wohin er gehört, und das macht Menschen und Hunde unruhig.« So bemerkte Jutta einmal zu Giso. »Denn wenn du hinweggehst, so trauert er nach dir –«

»Und wenn ich ihn mitnähme« ergänzte Giso, »so würde er nach dir trauern. Da sollten wir fast zusammenziehen, so wäre Magar zufrieden.«

Jutta sprach kein Wort auf diese Bemerkung, und Giso sagte auch nichts weiter, sondern ging nach Hause.

VI.

Ein Jahr verstrich, ohne daß sich viel verändert hätte.

Magar war noch etwas steifer und blinder geworden. Giso hätte gerne weit fleißiger gewoben als vordem, aber nur wenige gute Leute brachten ihm ihren Hanf und Flachs, so daß er oft bittere Not litt.

Seine Tage verliefen äußerst gleichmäßig: frühmorgens machte er Bußübungen, dann stand er am Webstuhl bis zum Abend, und mit der sinkenden Sonne ging er zur Hammerschmiede, um zu sehen, wie sich Magar und Jutta befänden. Er war allmählich etwas minder gesprächig mit dem tauben Hund geworden und etwas gesprächiger mit seiner Pflegerin. Sonst blieb er ihr so nahe und so ferne wie zuvor.

Oft mußte er weit ins Land hineingehen, um bei den Bauernweibern Aufträge für seinen Webstuhl zu suchen und den Hanf abzuholen oder das fertige Gewebe zu überbringen.

Ein solches Geschäft führte ihn in den letzten Julitagen 1233 bis in die Gegend von Marburg. Wegen der Hitze war er des Nachts gegangen und hatte nur noch etliche Stunden bis zu jener Stadt, als die Sonne hinter den Lahnbergen aufstieg. Von Schlaf und Müdigkeit übermannt, lagerte er sich unter einer Buche am Wege und blickte in den klaren Morgenhimmel, halb wach, halb träumend.

Da trat ein anderer Wanderer zu dem Baume, zuerst ganz unbemerkt von Giso. Auch er trug den grauen Büßermantel und glattgeschorenes Haar. Flüchtig betrachtete er den Träumer und setzte sich dann gleichfalls in den Schatten. Es war fast seltsam, wie ähnlich sich die beiden Rastenden sahen an Haar, Gestalt und Kleid, nur nicht im Gesichte. Aber die Kapuze und der tiefe Schatten verbarg beider Züge.

Giso fuhr erschrocken auf, als ihn sein Nachbar endlich anredete: er hatte ihn nicht kommen hören und war doppelt erschrocken, da er gleichsam seine eigene Gestalt neben sich sitzen sah.

»Ihr geht nach Marburg?« fragte der Fremde.

Giso nickte bejahend.

»Das ist auch mein Weg«, fuhr jener fort. »Marburg ist eine fromme Stadt. Ihr wallfahrtet wohl auch zum Grabe der Landgräfin Elisabeth? Man sagt, sie solle nächstens heilig gesprochen werden, und das hat sie ihrem Beichtvater Konrad zu verdanken, der sie trieb, zu Gottes Ehren ihren Körper zu Tode zu martern. Welch seltenes Glück, daß er die Heiligsprechung seines Beichtkindes noch erlebt!«

Giso schwieg.

»Ihr zählt wohl auch zu Konrads Getreuen?« fragte der fremde Büßer forschend weiter.

Giso schüttelte verneinend mit dem Kopfe.

»Aber Ihr kennt ihn, Ihr verehrt ihn?«

»Ob ich ihn kenne!« antwortete Giso. »Allerdings! Und ich glaube, er ist wahrhaftig ein Mann Gottes. Wie würde ich sonst diesen Büßermantel tragen?«

»Den grauen Mantel«, entgegnete der Fremde, »tragen heutzutage sehr verschiedene Leute. Es kann ein Graf darunter stecken und ein gemeiner Bauer, ein Heiliger und ein Teufel, der gescheiteste Mann und der größte Dummkopf.«

Bei den letzten Worten, die er besonders scharf betonte, hielt er längere Zeit ein, als erwarte er eine Mitteilung.

Allein Giso schwieg.

Es gingen nämlich damals neben den echten Büßern auch unechte im Lande umher; sie machten sich ein Geschäft daraus, arme Leute in ihr Vertrauen zu locken und ihnen verpönte Lehren einzuprägen, um sie dann als Ketzer anzuklagen. Denn die Jagd auf Ketzer war ein gutes Geschäft geworden, und wo man keine fand, da machte man welche. Ohne Zweifel hätte der Fremde gern gewußt, ob Giso wohl nicht gar zu dieser ebenso furchtbaren als verruchten Klasse der Geschorenen gehöre.

Allein der arme Leineweber, welcher voriges Jahr zuviel gesprochen und sich fast in den Scheiterhaufen hineingesprochen hatte, war klug geworden und behielt seitdem seine Gedanken für sich.

Der Fremde fuhr darum fort: »Dieser Büßermantel ist ein seltsames Kleid. Bei Bösewichtern verhüllt er, was sie sind; aber uns ehrliche Leute läßt er auch manchmal scheinen, was wir nicht sind. Hielt mich doch einmal ein einfältiger Westerwälder Leineweber für den Evangelisten Matthäus –«

Giso fuhr jäh auf.

»Ihr staunet, Freund, und glaubt es nicht?« fuhr der andere lachend fort, »aber es war doch also. Freilich sah mich der dumme Kerl nur bei Nacht und mit der Kapuze überm Kopf. Aber er war auch ganz entsetzlich einfältig und wollte gar von mir erfahren, ob denn seine Seele dereinst auch die Seele seines Hundes am Strick in den Himmel mitführen dürfe! Denn er führte das Tier immer am Strick – –«

Bei diesen Worten fand Giso die Sprache zwar noch nicht wieder, allein er fand seine Fäuste und seinen Stock.

Wütend fiel er über den grauen Büßer her, warf den baumlangen Mann zu Boden, als ob's ein Kind sei, und bedeckte ihn mit den fürchterlichsten Prügeln. Und dazwischen kamen ihm dann auch die Worte immer fließender, während der andere nur noch heulen und um Barmherzigkeit wimmern konnte.

»Also bist du nicht einmal der Teufel!« schrie Giso, »oder wenn du's bist, dann zeig's und wehre dich! Schändlicher Verräter! Du hast mir Lügen gepredigt, um mich dann derselben anzuklagen! Hilf dir! schüttle die Prügel ab, wenn du der Teufel bist, wie der fromme Richter sagte!«

Er würde den Büßer wohl totgeschlagen haben, wäre nicht plötzlich ein Zug von Mönchen mit bewaffneten Knechten des Weges gekommen und hätte seinen Hieben Einhalt getan.

Die Knechte lachten zuerst unbändig, daß ein Büßer den anderen so gründlich Buße tun ließ.

Aber als der Geprügelte wieder aufatmete und seine von Wut und Schmerz erstickte Stimme erhob, da stieg der Führer der Mönche vom Pferde und erkannte entsetzt seinen »lieben Bruder«, wie er ihn nannte, den Hans von der Schwalm, in dem Gemarterten. Dieser Führer der Mönche aber war Konrad von Marburg selbst, der unerbittliche Ketzerrichter, den nun auch Giso sofort erkannte, und der Stock entsank seinen Händen.

Hans erhob die schwerste Anklage gegen Giso, der ein rückfälliger Ketzer sei und ihn habe ermorden wollen.

Mochte dieser dagegen sagen, was er wollte, man hörte ihn nicht. Die Mönche stillten sorgsam das Blut, welches dem zerschlagenen Hans über den Kopf lief, und übergossen seinen blau aufgelaufenen Rücken mit kaltem Wasser, unter Wehklagen, daß die Heiligen Gottes solche Marter erdulden müßten. Die Knechte aber nahmen den armen Giso unter derben Fußstößen in ihre Mitte und schleppten ihn mit dem Zuge fort, der sich weiter gen Marburg bewegte.

Dort war Giso der Scheiterhaufen jetzt gewiß.

Während des Marsches hatte er Zeit, über die Gerechtigkeit Gottes nachzudenken, welche ihm rätselhafter als je und eigentlich sehr ungerecht vorkam.

»Besser wäre es doch gewesen«, so meinte er, »wenn Gott den Konrad mit seinem Gefolge eine halbe Stunde später zu dem Buchenbaum hätte gelangen lassen. Dann hätte ich inzwischen dem Schuft das Verklagen für immer ausgeprügelt gehabt, niemand hätte gewußt, wer das verdiente Strafgericht vollzogen, und ich wäre in Frieden wieder heimgegangen zu meinem Hund und zu Jutta, während ich jetzt zum Holzstoß gehe.«

So hatten sie sich ungefähr eine Stunde fortbewegt, als dem Zuge von entgegensprengenden Reitern Halt geboten wurde.

Giso, in die Mitte gepackt, konnte anfangs nicht genau sehen, was vorging. Er hörte nur Geschrei und Waffengeklirr, und seine Wächter eilten mit ihren Spießen nach vorn.

Es waren zwei geharnischte Ritter mit zahlreichen Reisigen, welche Konrad vom Pferde rissen und ihm zuriefen, daß er sich als ein falscher Ankläger augenblicklich zum Sterben bereiten möge, und die Reisigen wurden nach kurzem Kampfe leicht mit den Knechten der Mönche fertig.

Konrad fiel auf die Knie und flehte weinend um sein Leben, indes Hans von der Schwalm, unangetastet und ohne zu helfen, zur Seite stand gleich einem unbeteiligten Zuschauer.

Da Giso dies sah, sprang er vor und rief: »Ihr Herren seid an den Unrechten gekommen; der falsche Ankläger steht da drüben, den schlagt nur tot; dieser Mönch aber ist der heilige Mann Konrad von Marburg!«

Und er stellte sich vor den flehenden Konrad, um ihn zu schützen, bis die Bewaffneten zur Besinnung gekommen wären und den Rechten da drüben erkannt hätten.

Allein ehe er sich's versah, sauste ihm ein Hieb auf den Kopf, und zugleich stürzte Konrad, von drei Lanzenstichen durchbohrt, tot zu Boden. Giso hörte nur noch, wie Hans laut auflachte und rief: »Da kriegt der grobe Westerwälder den Lohn für meine Prügel!«

Dann schwanden ihm die Sinne.

VII.

Die Sonne stand schon im Mittag, als Giso wieder erwachte aus seiner Betäubung.

Neben ihm lag Konrads Leiche und ein erschlagener Knecht. Einige Bauern mit Weibern und Kindern standen in stummer, kalter Neugier umher. Sie wußten wohl, wer der furchtbare Mann gewesen, der hier tot in seinem Blute lag und dessen Herrschaft nun aufgehört hatte, aber keiner klagte, keiner rührte die Leiche an oder rief nach Hilfe oder Rache.

Als aber ein Bauer bemerkte, daß Giso sich aufrichtete, sprang er ihm bei, und als Giso wieder so viel Kraft gewann, daß er sich, von zweien unterstützt, fortschleppen konnte, führten sie ihn nach dem nahen Dorfe Kappel in eine elende Hütte.

Dort sammelten sich bald Neugierige genug. Sie waren aber sehr erstaunt, daß Giso von ihnen wissen wollte, was denn eigentlich vorgefallen sei, da sie vielmehr von ihm den Vorgang zu erfahren hofften. Sie wußten nur, daß die zwei Ritter mit ihren Mannen nach der Tat rasch davongesprengt seien gen Westen, in ihrer Mitte aber hätten sie einen Büßer geführt mit verbundenem Kopfe, den hätten sie aufs Pferd gesetzt –

»– Gefangen, gefesselt, um ihn dem Henker zu überliefern –«, fiel Giso ein.

»Keineswegs«, berichtigte ein Bauer. »Sie taten sehr freundlich mit ihm, und der Büßer schien sehr vergnügt; denn die Ritter hatten ihm eine goldene Kette geschenkt und wie einem Bürgermeister um den Hals gehängt. Man glaubt, er habe Konrad in die Falle gelockt, er sei der Spion der Ritter gewesen und werde nun zu hohen Ehren kommen.«

Dem armen Giso wurde es bei dieser Nachricht so wirr im Kopf, daß ihm alle Gedanken vergingen.

Da die Bauern aber erfuhren, daß er gar nicht zum Gefolge Konrads gehört habe, sondern nur so zufällig dazugekommen sei, wie der Hund zum Tritt, und auch nicht genau wisse, warum man ihn eigentlich zu Boden geschlagen, so behandelten sie ihn etwas freundlicher als vorher.

Allein als pfiffige Bauern suchten sie sich doch den Gast möglichst bald vom Halse zu schaffen. Denn in diesen schlimmen Zeitläuften wußte man von einem zum anderen Tage nicht, wer oben oder unten sei, und am besten war's, sich in die Händel der Großen und Kleinen gar nicht zu mischen.

Also wurde Giso gegen Abend auf einen Karren gesetzt, da er nicht gehen konnte, und in der Richtung nach Siegen etliche Stunden Weges fortgefahren, und als er so weit genug aus dem Bereiche des Dorfes war, legte ihn sein Führer in ein verlassenes Hirtenhaus, gab ihm etwas Brot und fuhr mit seinem Karren wieder heim. Giso konnte dann des anderen Tages sehen, wie er weiter nach Hause kam.

Allein das ging nicht so geschwind. Der Kopf begann ihm zu glühen und zu brennen, die Wunde schmerzte furchtbar, und wenn er sich eine halbe Stunde fortgeschleppt hatte, dann mußte er wieder eine Stunde rasten, um Kraft zu gewinnen. Doch nahmen sich zwischendurch mitleidige Menschen seiner an, erfrischten ihn und halfen ihm weiter, so daß er sich am Abend des dritten Tages nahe bei Siegen befand, obgleich diese Stadt von Marburg eigentlich nur einen redlichen Tagemarsch entfernt ist.

Nun brach aber auch das Wundfieber mit ganzer Macht hervor.

Giso war eben in der Nähe der Ruinen von Wilnsdorf zum Tannenberg gekommen und gelangte noch bis zu jenem Wacholderbusch, wo er voriges Jahr zum erstenmal dem Hans von der Schwalm begegnet war. Da versagten ihm die Kräfte, und er blieb beim Busche liegen. Allein als er den Ort erkannte, grauste es ihm so sehr vor dieser Stätte des Unheils, daß er nochmals sich mit letzter Anstrengung aufraffte und tiefer in den Wald kroch, bis er mitten im Dickicht weitab vom Wege zusammenbrach und hier sein Ende erwartete.

Denn er fühlte, daß er vor Entkräftung umkommen müsse, wenn ihn niemand fand, und es konnten Tage verfließen, bis einer in jener menschenarmen Zeit des Weges ginge, und Monate, bis vielleicht zufällig ein Jäger in das Dickicht dringen würde.

Nach seiner ruhigen Art war er entschlossen, dem Tode ohne Angst ins Auge zu sehen. Die Hunde und andere Tiere kriechen zum dunkelsten Versteck, wenn sie den Tod nahe fühlen, sie ringeln sich zusammen und harren geduldig, meist lautlos des Endes. Und Giso glaubte, auch er könne nichts Besseres tun.

Doch indem er so dalag, vom Fieber geschüttelt, dachte er auch an seine unsterbliche Seele und meinte, das täten die Hunde vermutlich doch nicht.

Im wachen Traum erschien ihm aber der graue Mann, dem er hier vor einem Jahre begegnet, doch es war nicht Hans von der Schwalm, der Verräter, wie er sich zuletzt entpuppt hatte, sondern ganz gewiß jener Evangelist, den er damals zu sehen glaubte.

Und der Evangelist fragte, ob er noch begehre, daß sein Hund ihn begleite, wenn er nun in den Himmel komme.

Giso bejahte dies, doch lieber sei es ihm noch, wenn er zugleich die Pflegerin des Hundes, Jutta von der Hammerschmiede, dort wiederfinde.

Der Evangelist meinte, er sei nicht blöde, daß er gleich selbdrei zur Himmelspforte einzuziehen begehre, und ob er denn auch so ganz gewiß sei, daß er überhaupt selber hineinkomme.

Darauf antwortete Giso mit einem sehr bestimmten: »Ja!«

»Und warum?«

»Das habe ich mir schon lange fest bewiesen«, erwiderte Giso. »Denn sehet, die Jutta kommt ohne Zweifel in den Himmel, sie ist schon auf Erden ein Engel, und wenn sie nicht hineinkäme, dann bliebe der ganze Himmel leer. Nun weiß ich aber, daß Jutta mich noch viel lieber hat als ich den alten Magar, obgleich sie mir das niemals sagte; und ich weiß auch, daß Jutta keine rechte Freude am Himmel hätte, wenn ich nicht gleichfalls dort wäre, obgleich sie mir das auch noch niemals gesagt hat. Und da nun Jutta des Himmels gewiß ist, so bringt sie mich ohne Zweifel auch mit hinein.«

Der Evangelist lachte. »Ihr Westerwälder seid doch pfiffige Kerle! Also glaubst du, mit deiner Liebe könntest du dir den Himmel gewinnen? Aber meinst du denn, man käme in den Himmel unverdient?«

Giso erwiderte: »Ich habe Juttas Liebe gewonnen – unverdient, so unverdient, daß ich's bis heute nie gesagt, ja mir kaum zu denken getraute. Und so glaube ich, den Himmel durch die Liebe geradeso unverdient zu gewinnen, wie ich unverdient diese Liebe gewann.«

Giso hörte, sprach und dachte nichts weiter: schwarze Nacht umfing seine Sinne, die inneren wie die äußeren.

So lag er mehrere Stunden. Der Wald war ganz still geworden, nur ein Bächlein rauschte von fern; der Mond und die Sterne zogen langsam ihre Bahn am Himmelsgewölbe, schon stand die helle Scheibe hoch oben in der Mitte der flimmernden Kuppel. Es war Mitternacht.

Da hörte Giso seinen Namen, immer lauter, immer öfter, eine glockenhelle Stimme rief denselben. Leichte Kühlung zog ihm über die brennenden Wangen. Er schlug die Augen auf und fuhr mit der Hand nach dem Gesicht: da griff er in Magars bärtige Schnauze, der ihm die Wangen geleckt hatte und wedelnd auf ihm stand und ihm ganz leise mit der Pfote übers Auge fuhr. Der helle Vollmond aber beleuchtete hinter dem Hunde zugleich die freundlichen Züge Juttas.

Giso glaubte, im Himmel erwacht zu sein an der Seite seines Mädchens und seines Hundes; allein er lag noch wirklich und lebendig im Wald am Tannenberg, und beide Freunde waren schon lang um ihn bemüht gewesen, ohne daß er's bemerkt hatte.

Jutta rüttelte ihn vollends auf und war außer sich vor Freude, als ihm Leben und Besinnung rasch zurückkehrten und Giso auf ihre Fragen antwortete.

Er wollte wissen, wie sie hierhergekommen. Aber Jutta rief: »Jetzt ist keine Zeit zu müßigem Geplauder. Bleibe nur noch ein Stündchen ruhig liegen; ich lasse dir Magar und kehre bald wieder zurück.«

Sie verschwand, und Giso wußte nicht, ob er geträumt habe. Allein er konnte ja Magar mit Händen greifen, und der Hund war also kein Traumbild. Er streichelte ihn, und so schwer ihm das Sprechen ankam und so matt die Stimme klang, mußte er doch mit dem stocktauben Tier ein paar freundliche Worte wechseln.

Das Stündchen wurde ihm entsetzlich lang, allein er fühlte sich nicht verlassen; behütete ihn doch ein Freund! – der alte, steife, blinde, taube Hund, der ihn nicht mehr verstand und der ihn doch noch lieb hatte!

Endlich kam Jutta zurück, begleitet von ihrer Mutter. Sie brachten eine Bahre, auf welche sie Giso sorgsam betteten, und trugen ihn sanft hinunter zur Stadt in sein Haus.

Erst allmählich erfuhr Giso, wie er gerettet worden war. Jutta war mit Magar im Walde gewesen, Erdbeeren zu suchen, und wollte beim Anbruch der Nacht über den Tannenberg heimgehen. Als sie aber zum Wacholderbusch kamen, zerrte Magar unablässig am Strick; er war nicht von der Stelle zu bringen und drängte und zog ins Dickicht, bis er seinen Herrn gefunden hatte.

Das schärfste Auge, das feinste Ohr würde den Verlassenen nicht entdeckt haben; aber der taube und blinde Hund witterte und rettete noch seinen verschmachtenden Herrn.

VIII.

Zu Hause ward Giso zunächst von den beiden Frauen gepflegt. Seine kräftige Natur siegte, und er genas, wenn auch langsam. Doch konnten Jutta und ihre Mutter samt dem Hunde bald zur Hammerschmiede heimkehren, denn Giso fand bei seinen Nachbarn, die ihm vorher aus dem Wege gegangen, mit einemmal die größte Teilnahme, ja die ganze Stadt rühmte den armen Leineweber als einen trefflichen Mann, einen ungerecht Verfolgten und Märtyrer.

Giso begriff nicht, woher dieser Umschlag kam; er erfuhr es aber nach und nach.

Die Ketzer, welche Konrad von Marburg aufspürte und aburteilte, waren anfangs fast nur arme und geringe Leute gewesen; mit wachsender Kühnheit und wachsender Macht griff er dann aber auch auf Reiche und Vornehme, und durch päpstliche Vollmacht gesichert, hatte er zuletzt gar gewagt, die mächtigen Grafen von Sayn, Solms und Henneberg vor seinen Stuhl zu rufen, von welchem selten ein Angeklagter unverdammt hinwegging. Die Sache erregte einen Sturm durchs ganze Reich bis hinauf zum Kaiser, und Konrads Macht begann zu wanken. Er selbst aber wankte noch nicht. Da schwuren ihm die Ritter von Dernbach, zwei treue Vasallen des Grafen von Sayn, den Tod und erstachen ihn bei Kappel.

Es hatte aber Hans von der Schwalm, der als unechter Büßer so viele unschuldige Leute ins Garn des Ketzerrichters getrieben, nunmehr, da er Konrads Stern erbleichen sah, seinen bisherigen Freund und Herrn verraten und ihn auf den Weg gelockt, wo ihn die Ritter verabredetermaßen trafen und ungestört ermorden konnten.

Wie ein Lauffeuer ging die Kunde durchs Land, daß Konrad seinen Lohn gefunden, als er eben zu neuen, größeren Ketzerbränden gen Marburg habe ziehen wollen, und daß er den armen Leineweber mit sich geführt habe, um ihn dort zuerst und bei ganz kleinem Feuer zu verbrennen.

Alles atmete auf. Kein zweiter wagte in des Ermordeten Fußstapfen zu treten; des Papstes Bann gegen die Mörder blieb zunächst wirkungslos, der Greuel hatte für jetzt und für alle Zeit ein Ende.

Die von Konrad verurteilten Büßer, welche man bis dahin wie Aussätzige gemieden, erschienen nunmehr als tapfere, schwergeprüfte Männer, die unechten Büßer dagegen, welche aus dem Ketzerfang ein Gewerbe gemacht, wurden vom Volke gesteinigt und verjagt.

Nur an den schlimmsten derselben, an Hans von der Schwalm, getraute sich niemand, da er unter dem Schutze mächtiger Herren stand und so viele frühere Schlechtigkeit durch die allerneueste gedeckt hatte, übrigens war Hans klug genug, seine ehemaligen Abenteuer in Vergessenheit zu senken; darum verfolgte er auch Giso nicht, ob er's wohl gekonnt hätte und obgleich ihn die furchtbaren Prügel noch wochenlang weder ruhig sitzen noch liegen ließen.

Lebte nun der genesende Giso wieder vollkommen sicher, ja geehrt in seiner Vaterstadt, so konnte auch Magar wieder zu ihm heimkehren, da der Hund ja nicht mehr für dämonisch besessen galt.

Jutta brachte ihn zurück.

Aber schon des anderen Tages war Magar wieder verschwunden, und Giso wußte wohl, wohin er gelaufen sei, und da er sich heute zum erstenmal dauernd im Freien bewegen durfte, so schlich er am Abend dem Hunde nach, den er auch richtig in der Hammerschmiede fand.

»Mein alter Freund verläßt mich«, sagte Giso, »er will der neuen Freundin gehören.«

»Nein«, erwiderte diese, »er verläßt dich nicht, denn siehe, wie freundlich er dich begrüßt. Allein er gehört uns beiden.«

Und wirklich war Magar nur dann mehr ganz ruhig, wenn er sie beide zusammen hatte. Dann streckte er alle viere von sich und ruhte so still behaglich, das blinde Auge unverrückt nach der Seite gewandt, wo er seine Freunde wußte.

Ach, die Hunde verstehen das Ausruhen so meisterhaft! Wir unsteten, hastigen Menschen sind in dieser Kunst nur Stümper gegen sie. Und mit dem steigenden Alter ruht der Hund immer mehr und mehr und schlürft gleichsam voraus die Seligkeit des Nichtseins in langen, langen Zügen. Der Mensch aber, der das Nichtsein fürchtet, bleibt selbst im Alter ruhelos.

Da aber Magar in Juttas Hütte jetzt offenbar viel tiefer ruhte und schnarchte als in Gisos Haus, so sollte er dort bleiben, und Giso wollte dann jeden Abend wieder hinüberkommen nach alter Gewohnheit.

Jutta billigte dies, meinte aber, sie müsse ihm doch eine Beobachtung mitteilen, die sie gestern und heute an dem Hunde gemacht. Magar sei magerer geworden als je zuvor, obgleich er jetzt doch fast überfüttert werde.

»Das ist ein gutes Zeichen«, meinte Giso, »die mageren Hunde und die mageren Menschen bringen's am weitesten in der Welt.«

»Dazu fallen ihm die Haare in ganzen Büscheln aus, und sein Schweif ist seit wenigen Tagen kahl geworden.«

»So geht's im Alter«, meinte Giso, »bei den Menschen kommt die Glatze auf dem Kopfe, bei den Hunden kommt sie am Schwanz. Und wenn Magar erst jetzt Haare lassen muß, so mag er sich glücklicher preisen als sein Herr, der schon in jungen Jahren so viel Haare hat lassen müssen.«

»Auch säuft der Hund jetzt unablässig Wasser wie nie zuvor«, fuhr Jutta fort.

»Das ist ganz naturgemäß«, belehrte Giso. »Je älter die Menschen und Hunde werden, um so durstiger werden sie.«

Jutta hatte aber noch weit Merkwürdigeres dazu entdeckt. Magar erhob sich öfters mit gesträubtem Rücken und bellte grimmig gegen einen Feind, der nirgends zu sehen war. Oder er wedelte und schmeichelte in die blaue Luft hinein; dann tat er wieder, als ob er mit anderen Hunden spiele und raufe, die sich doch nirgends fanden. Auch verwechselte er ab und zu den Herd mit der Haustüre. Während seine äußeren Sinne nichts mehr wahrnahmen, schien sich der Phantasie eine besondere Welt zu erschließen. Er litt offenbar an Sinnestäuschungen.

Und dabei entsann sich Giso, daß Magars Taubheit schon vor Jahren mit solchen Täuschungen begonnen habe. Denn als er damals den Ruf seines Herrn noch weithin trefflich hörte, verlor er zunächst das Vermögen zu unterscheiden, von welcher Seite der Ruf gekommen, und lief regelmäßig nach der verkehrten Seite. Dem Sinnesverlust ging die Sinnestäuschung voraus. Nun bemerkte aber Giso, daß es bei den kleinen Kindern umgekehrt gehe. Wenn sie sehen und hören lernen, dann ermessen sie anfangs nicht genau, wo und wie weit der Gegenstand entfernt ist, nach welchem sie greifen und woher der Schall kommt: sie gehen durch die Schule der Sinnestäuschung, um den voll befähigten Sinn zu gewinnen. Und er schloß ganz richtig, daß Magar nunmehr wieder zum Kind, daß er kindisch geworden und also ins höchste Greisenalter eingetreten sei.

Und da es uns im hohen Alter geradeso ergehen kann wie dem armen Hunde, so nahm sich Jutta vor, ihren Pflegling um so liebevoller zu warten, wenn er auch immer lästiger werde.

Magar aber lohnte diese Liebe, denn er ward zärtlicher und zutraulicher als je zuvor. Als echter wilder Rassenhund hatte er in jungen Jahren trotz aller Treue sich selten nur an seinen Herrn geschmiegt und, wenn sich dieser mit ihm draußen lagerte, seinen Platz immer einige Schritte seitab gesucht. Er wollte von der Hand nicht gegriffen werden, die er freiwillig liebkoste, er wollte die Freiheit in der Freundschaft. So machen's die echten Hunde und die echten Menschen.

Doch jetzt in alten Tagen verlor Magar den Freiheitsgeist und lag den ganzen Tag zu den Füßen der Herrin.

IX.

Es war im Oktober desselben Jahres. Ein dicker, kalter Nebel lag auf Berg und Tal, und man suchte gern die warme Stube.

Da trat ein Jäger in Juttas Hütte, ein stattlicher Mann, weidmännisch schlicht gekleidet, doch mehr wie ein Herr denn als ein Diener.

Er hatte sich auf der Jagd verirrt und bat, eine Weile rasten und sich wärmen zu dürfen, auch hungerte ihn. Er erzählte, daß er eben bei einem benachbarten Ritter zu Gaste sei, sonst aber auf der Burg Dernbach bei Herborn wohne.

Jutta wies ihn auf die Bank am Herdfeuer, wo eben die Mittagssuppe kochte.

Und wie er so behaglich in der warmen Ecke saß, schob sie einen ganzen Arm voll Späne in die Glut, daß das Feuer hoch aufprasselte und eine mächtige Rauchwolke längs der Decke zur Tür hinauszog; denn den Luxus eines Schornsteins kannte Jutta noch nicht.

»Hei, wie das prächtig lodert!« rief sie dem Gaste zu. »Nicht wahr, die Flamme tut wohl?«

Der Jäger aber starrte eine Weile in die Lohe, die höher und höher züngelte, als wolle sie das Gebälk ergreifen; dann sprang er plötzlich auf und rief: »Ich kann das Feuer nicht sehen! Ich kann den Rauch nicht riechen! Stelle mir die Bank vor die Tür!«

Und er setzte sich hinaus in die kalte Luft und starrte in den Nebel, der sich durch die Talschlucht wälzte.

Jutta brachte ihm die Suppe hinaus: »Die Suppe wird Euch wärmen«, rief sie, »aber blast tüchtig, sie ist heiß; verbrennt Euch nicht.«

Der Jäger blies und führte einen Löffel zum Munde. »Das brennt wie das höllische Feuer!« brüllte er und fuhr auf und warf die Schüssel ingrimmig auf den Boden, daß sie in hundert Scherben zerbrach. »Gebt mir einen Becher Wein!«

Aber Jutta lachte ihn aus. »Wein haben wir nicht, den müßt Ihr bei den vornehmen Herren suchen.«

»Dann gebt mir Wasser.«

Jutta brachte eine Schüssel mit Wasser. »Das Wasser kriegt Ihr nur in einer hölzernen Schüssel, da Ihr mir die irdene zerbrochen habt.«

Der Jäger trank gierig die halbe Schüssel aus und ging in die Hütte zurück, wo das Feuer jetzt erloschen war.

Wie er aber wieder eintrat, erhob sich Magar, der bis dahin fest geschlafen, von seinem Lager und schritt langsam auf ihn zu. Sein Haar sträubte sich, und er begann jämmerlich zu heulen und zu bellen, sah aber dabei nicht auf den Fremden, sondern in die entgegengesetzte Ecke.

»Was will das elende Vieh?« rief dieser zornig. »Schweig, Magar!«

»Ihr kennt den Hund?« fragte Jutta erstaunt.

»Hinweg mit dem Luder!« fuhr der Jäger fort. »Wen bellt Magar denn an? Seht dort in die Ecke. Was sieht er dort? Es sind geschorene Leute – fünf – sechs – wie kamen die herein?«

Jutta befiel ein Grausen. »In der Ecke steht niemand«, sagte sie, sich und den Fremden beschwichtigend. »Blicket nur scharf hinüber; wahrhaftig, es ist niemand da! Magar ist kindisch und lebt in Träumen.«

»Er ist ein Teufelsvieh, das man totschlagen muß«, berichtigte der Jäger und erhob seinen Speer.

Aber Jutta und ihre Mutter fielen ihm in die Arme, entwanden ihm die Waffe, packten ihn von hinten und vorn zugleich und warfen ihn zur Türe hinaus, die sie eilends verriegelten.

Der Jäger verschwand im Nebel, schimpfend und fluchend.

»Was war das für ein Gast?« rief Jutta. »Meine Schüssel zerbricht er mir, und den Hund will er mir totschlagen zum Dank, daß wir ihn freundlich aufgenommen!«

Und sie hielten die Türe den ganzen Tag verschlossen und fürchteten sehr, der Jäger möge mit mehreren wiederkommen, um Rache zu nehmen, und waren froh, als gegen Abend Giso an die Tür pochte.

X.

Die beiden Frauen erzählten ihm sofort von dem groben Jägersmann.

»Großer Gott!« rief Giso, »das war Hans von der Schwalm. Er hat vordem so viele Feuer der Marter und des Todes angezündet, daß er jetzt kein friedliches Feuer mehr sehen kann; er hat ganze Dörfer in Rauchwolken gehüllt, dafür kann er jetzt den Rauch keiner Küche mehr riechen. Er lebt herrlich und in Freuden, wie ein Junker gehalten von den Rittern von Dernbach, weil er ihnen seinen alten Herrn, den Konrad, verraten hat, und dieser Konrad, gegen den so viel unschuldig Blut zum Himmel schreit, wird von den Dominikanern für einen Heiligen erklärt. Das mag reimen, wer da kann; einem armen Leineweber steht dabei der Verstand still. Aber es gibt doch noch einen Gott im Himmel. Habt ihr seine Botschaft verstanden? Er hat dem Verräter Hans den Frieden des Herdfeuers genommen – und das ist eine furchtbare Strafe! –, und die Suppe, welche uns ehrlichen Leuten nur den Mund verbrennt, verbrennt dem mörderischen Kerl das Gewissen. Und der freche Hans wird kindisch vor Furcht und bellt und heult wie Magar gegen die falsche Ecke. Gott verzeih mir's, daß ich den Schuft mit dem treuen Hund vergleiche!«

Bei diesen Worten fiel sein Blick auf Magar, der auf seinem Lager ruhte und ihn noch nicht begrüßt hatte. Er schlief so gut. Giso trat hinzu und streichelte ihn. Der Hund bemerkte es und wedelte, ohne sich sonst zu bewegen. Dann zuckte er einmal – zweimal.

– Er war tot.

Am späten Abend begruben ihn Giso und Jutta im Gärtchen hinter der verfallenen Hammerschmiede. Sie gruben selbzwei ein tiefes Grab, ganze sechs Schuh tief, damit niemand später den Frieden der Gebeine störe. Nur der Abendstern belauschte ihre Arbeit; er stand noch allein am Himmel.

Während des Grabens sagte Giso: »Nun ist Magar tot, und ich brauche nicht mehr herüberzukommen. Jutta! willst du meine Frau werden?«

»Das will ich!« antwortete sie, ohne den Spaten zur Ruhe zu setzen. »Aber warum hast du mich nicht schon längst so gefragt?«

»Aus zwei Gründen«, antwortete Giso und schaufelte rüstig immer weiter. »Erstlich: Ich hätte dich gern schon lange begehrt, aber ein ausgestoßener Mann und geschorener Büßer soll um keine Frau werben. Auch ging meine Weberei zu schlecht, als daß ich dich hätte ernähren können; aber seit ich, Gott weiß warum, den Hieb übern Kopf gekriegt habe, schickt mir die halbe Stadt Siegen ihr Garn, daß ich schon einen Lehrjungen annehmen mußte und bald auch Gesellen suchen werde. Zweitens: Solange ich den ganzen Tag grübelte, Gottes Weisheit zu ergründen und sein Weltregiment zu verstehen, und die halbe Nacht lauschte, seine Botschaft zu hören über das Geschick unserer armen Seelen im Jenseits, hatte ich keine rechte Zeit zum Heiraten. Jetzt aber erkenne ich, daß Gott nicht zu uns spricht, indem er uns da oder dort anredet wie ein Bettelmönch einen dummen Bauern; sondern er spricht zu uns in unserem Leben und Leiden und Lieben, in unserer Arbeit und Not und in der hellen Freude der guten und in der schwarzen Angst der bösen Tat. Wir gehen auch nicht durchs Himmelstor ein wie durchs Siegener Stadttor, sondern Gott zieht uns in den Himmel, ohne daß wir's merken. Das ist alles so klar und ist doch alles ein Geheimnis. Die gescheiten Leute zanken sich darüber und verrücken uns die Köpfe. Laß uns einfältig fromm sein und arbeiten und uns lieb haben.«

Inzwischen hatte sich der ganze Himmel mit Sternen besät.

Da holten sie Magars Körper aus der Hütte und wickelten ihn in einen alten Sack, daß er nicht zu hart liege.

Und während sie das Grab zuschaufelten, sagte Giso: »Alles ist ein Geheimnis. Im Frühjahr wollen wir ein Lindenbäumchen auf das Grab pflanzen.«

Als sie dann mit der Arbeit fertig waren und den Boden wieder schön geebnet hatten, reichten sie sich die Hände und küßten sich über dem Grab des Hundes.

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