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Durch tausend Jahre - Erster Band

Wilhelm Heinrich von Riehl: Durch tausend Jahre - Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleDurch tausend Jahre - Erster Band
publisherF.W.Hendel Verlag
volumeBand 1
editorHans Löwe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidabc90d35
created20070322
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König Karl und Morolf

1863

Erstes Kapitel.

Edmund der Angelsachse fand im Palaste König Karls zu Aachen einen Goldring. Als er ihn näher betrachtete und die Runenschrift auf dem Golde sah, welche niemand zu lesen verstand, schrak er zusammen: es war der Ring der Königin Fastrada, der Gemahlin Karls, die ihn hier verloren hatte. Edmund spähte, ob niemand lausche, und barg dann den Ring zitternd in seinem Gewand.

»Gefundenes Gut behalten, nennt man Funddiebstahl«, sprach er zu sich selbst. »Aber gefundenes Gut eine Weile aufheben, um es später zurückzugeben, ist kein Funddiebstahl. Wäre es ein Vergehen, so ist es so klein, daß weder das Recht noch die Moral einen eigenen Namen dafür zu prägen nötig fand. Ich will den Ring nur ein paar Tage aufheben und ihn dann wieder in die Hand der Königin legen.«

Der Ring besaß geheime Zauberkraft: solange ihn Fastrada am Finger trug, war sie der glühendsten Liebe Karls gewiß; hätte aber ein anderer den Ring gewonnen, so würde des Königs Liebe auch dem neuen Träger des Ringes nachgezogen sein. Fastrada glaubte, allein das Wunder des Ringes zu kennen, und sicherlich ahnte ihr Gemahl nichts davon; aber der Angelsachse wußte um die Zauberkraft, deren Wirkung jedermann sah, deren Ursache aber allen anderen verborgen war. Wie er allein zu dieser Kenntnis gekommen, wird jetzt wohl schwer mehr zu ermitteln sein. Genug, daß er den Ring vorerst behielt, nicht aus Eigennutz, sondern aus Neugierde oder, wie er's bei sich selber nannte, aus Wißbegier.

Er wollte die Kraft des Goldreifes nur ein klein wenig erproben. Wie – das stellte er als kluger Mann dem Spiele des Zufalls anheim. Zwar lockte ihn einen Augenblick der Gedanke, den Ring verborgen bei sich zu tragen, wenn er sich dem Könige nahe. Er würde dann sofort ohne Zweifel des großen Fürsten erklärtester Günstling geworden sein. Allein er sprach zu sich: »Ein Günstling lebt glänzende Tage, hat aber schlaflose Nächte. Ich will meine Nachtruhe behalten.« Und also versteckte er den Ring in dem Stamm einer hohlen Eiche; zur gelegenen Zeit wollte er ihn schon wieder hervorziehen.

Dieser Edmund war ein Schüler Alkuins und lehrte und disputierte gewaltig in der Hofschule Karls, in welcher der Frankenkönig, damals noch nicht als Kaiser gekrönt, manchmal samt seinen Söhnen und Töchtern auf den Schulbänken saß. Die Gelehrten rühmten Edmunds gehobeltes Latein und fürchteten seinen ungehobelten Witz, den er erbarmungslos wider die sittlichen Blößen von Freund und Feind schleuderte. Niemand war ihm darum von Herzen gut, obgleich ihn selbst Hasser und Neider achteten. Denn alle gestanden zu, daß der unausstehliche Mann ganz exemplarisch lebe, lerne und lehre. Auch würde man die Geißel des herben Spötters wohl wenig gefürchtet haben, hätte er selber nicht durch einen bis aufs letzte Stäubchen musterhaften Wandel vorangeleuchtet.

Am eifrigsten donnerte Edmund wider die Schlemmerei und Völlerei, und ganz besonders hatte er es auf die Weintrinker gepackt. Deren gab es nun freilich genug an Karls Hofe; denn so mäßig der große König im Trunke war, so wenig wußten seine Franken und vorab sein Hofgesinde Maß zu halten. Sah Edmund einen Betrunkenen nur von ferne, so zitterte er vor innerem Abscheu. Von den drei großen W: »Wein, Weiber und Würfelspiel« erklärte er den Wein für das erste und größte; denn er ziehe das Weh der Weiber und des Würfelns unfehlbar nach sich, während einer, der bei den Weibern anfange, doch nicht gerade dem Spiel und Trunk sich zu ergeben brauchte. Reichte ein Genosse dem weinscheuen Angelsachsen den vollen Becher dar, so sprach er nicht etwa: »Vergelt's Gott!«, sondern: »Verzeih mir's Gott!« und nippte wie ein verschämtes Mädchen. Kreiste der duftigste Rüdesheimer an der Hoftafel, so machte Edmund ein Gesicht, als gehe ein Kelch mit Essig in die Runde, und König Karl fürchtete im stillen, der vortreffliche und hochgelehrte Mann möchte mit seinem sauren Blick den edeln Wein einmal unversehens in wirklichen Essig verwandeln.

Denn da Karl selber Weinreben so eifrig anpflanzen und Apfelwein dazu auf seinen Fronhöfen keltern ließ, so ging ihm der Weinhaß des Angelsachsen doch etwas zu weit. Es war ihm unheimlich in der Nähe eines Mannes, der beim Becher nicht fröhlich sein konnte, und er berief ihn darum auch nicht in jene engere Runde gelehrter Freunde, wo er, der Herrschersorgen ledig, den heiter-ernsten Worten seiner Denker und Künstler so gerne lauschte. Trotzdem galt Edmund als ein einflußreicher Mann bei Hofe; denn wenn sein herbes, schneidiges Wesen auch Karl, den Menschen, abstieß, so zog es doch den Fürsten an. Man wollte in den strengen Gesetzen des Frankenkönigs wider allerlei Sittenlosigkeit die mitarbeitende Hand Edmunds erkennen und schrieb ihm ganz besonderen Anteil an dem Kapitular von 789 zu, welches den Trinkern und Trinkbruderschaften so scharf zu Leibe ging.

In der Tat machte sich Karl manchmal insgeheim den Vorwurf, daß er den tugendeifrigen Edmund wohl gnädig, nicht aber freundlich genug behandle. Sein schlimmstes Teil war ja nur, daß er des Guten zuviel tat, und wenn es höchst liebenswürdige Menschen gibt, denen die schönste Musik mißtönig klingt und der Tonfall der reizendsten Verse wie widriges Mühlengeklapper, warum sollte nicht auch einmal ein vortrefflicher Philosoph geboren werden, dem der Ingelheimer Rote wie Galle schmeckt und der Rüdesheimer wie Essig?

Bewegt von solchen Gedanken, entschloß sich der König, die dunkle Abneigung gegen den Weinhasser zu ersticken und fortan in Edmund nur den gelehrten, tadellos wandelnden Sittenprediger zu sehen und zu sich heranzuziehen. Und damit dem Entschluß sogleich die Tat folge, wollte er den Angelsachsen noch desselben Tages als Genossen jener gelehrten Tafelrunde einladen, in welcher Alkuin als Horaz, Angilbert als Homer, Einhard als Bezaleel, Theodulf als Pindar, Wala als Jeremias sich um ihn als König David scharten. Edmund solle Cato der Zensor heißen und dürfe, wenn's ihm beliebe, jede Zusammenkunft mit dem Mahnwort schließen, daß das Weintrinken müsse ausgerottet werden.

Um aber das Maß seiner Huld vollzumachen, ging König Karl im Abenddunkel selber zu der Wohnung des ehrwürdigen Edmund. Er wollte ihn mitten in seinen Studien überraschen mit der Botschaft, daß Cato der Zensor von nun an zu dem gelehrten Freundeskreise des Palatiums zähle. Karl liebte solch unangemeldete Besuche bei seinen Hofleuten, und er wußte selber nicht, ob er in derlei Vertraulichkeit seiner Neugierde oder seinem Wohlwollen ein größeres Genügen tat, wie auch die also Begnadigten sich in der Regel erst von dem Schrecken des Besuches erholen mußten, um hinterdrein die Ehre des Besuches zu empfinden. Edmund bewohnte in Aachen ein einsam abgelegenes Nebenhäuschen innerhalb des Ringes der Königspfalz. Als sich Karl im Dunkel näherte und das niedere Fenster von der Lampe erhellt sah, dachte er bei sich: Da sitzt nun der fleißige Mann, tief versenkt in seine Nachtstudien!

Unangemeldet öffnete er die Tür. Die Lampe leuchtete auf einen Stoß ehrwürdiger Pergamente, welche zur Arbeit auf den Tisch gebreitet lagen, aber Edmund fehlte; es war überhaupt totenstill im ganzen Häuschen. Ein großer Krug mit Wasser auf dem Tisch bezeugte dem Könige, daß er wenigstens nicht irregegangen sei. Während er aber gerührt den großen Wasserkrug betrachtete, glaubte er von fernher Edmunds Stimme zu vernehmen. Dem Schalle folgend, trat er ans Fenster. Seitab an der Mauer stand ein Bau, der, von niederen Dienern bewohnt, zeitweilig auch fremden Gauklern zur Herberge diente, welche auf ihrer Wanderfahrt das Hofgesinde mit allerlei Kunststücken ergötzten. Dort schimmerte Licht, verworrenes Getöse von Stimmen klang von da herüber und dazwischen unverkennbar die Stimme Edmunds, laut, gebieterisch, die anderen übertönend.

Der König dachte: »Gewiß hat sich das Volk da drüben wieder wüster Schlemmerei ergeben, und doch ist heute Fasttag. Ihr Gebrüll hat meinen Edmund in seinen Studien gestört, und er eilte hinüber, um ihnen den Text zu lesen !«

Da nun Edmund ohne Zweifel ein noch größerer Meister des reinen Wandels als des Wissens war, so deuchte es dem Könige auch noch bedeutsamer, wenn er ihn in der Übung seines Sittenrichteramtes als bei den gelehrten Studien mit der ehrenvollen Einladung überrasche. Also schritt er, geteilt zwischen dem Zorn gegen die Ruhestörer und doppelter Huld gegen Edmund, zu jenem Hause, warf jedoch noch einen lauschenden Blick durchs Fenster, bevor er eintrat.

Dort sah er allerdings eine wüste Zechgenossenschaft, wie er sie erwartet hatte. Gemeines Volk, Knechte und fremde Gaukler, schmausten, tranken und sangen, stritten und schrien durcheinander, und trotz des Fasttages dampfte ein mächtiger Wildbraten auf dem Tisch. Allein den Angelsachsen erspähte der König nirgends; dennoch hörte er unverkennbar dessen Stimme. Ein fremder Mann dort hinten in der Ecke war es, der genau wie Edmund sprach, nicht bloß mit dem gleichen Klang, dem gleichen Tonfall, sondern auch mit Edmunds Gebärden und Handbewegungen. Seltsames Trugbild! Der Angelsachse hatte blondes Haar, jener Fremde pechschwarzes, Edmund eine kurze, gerade Nase, der Fremde eine lange und spitze; und einen solchen Narrenrock wie der Fremde, welcher ihm Stimme und Gebärde gestohlen, trug doch der schlichte Gelehrte niemals. Dazu saß jener auch keineswegs als ein Bußprediger unter den Sündern, sondern vielmehr als der Vorredner und Vortrinker der sauberen Bruderschaft. Denn die gebieterische, alles übertönende Rede, welche Karl schon von fernher vernommen, war die Stimme des Führers, der zu den Waffen der Krüge und Becher rief, nicht des zürnenden Richters, welcher den Schlemmern den Kelch von der Lippe gesprochen hätte.

Karl schwankte zwischen einer zwiefachen Lösung des Rätsels. Jener Mann konnte ein fremder Gaukler sein, der mit wunderbarer Kunst Stimme und Gebärde des dem Hofgesinde verhaßten Sittenpredigers nachäffte und die tolle Lust dadurch zum Gipfel trieb, daß er den Weinhasser in einen Weinschwelg verkehrt am Gelage teilnehmen ließ. Dafür sprach, daß die Genossen des Vortrinkers Rede auch dann mit schallendem Gelächter begleiteten, wenn sie gar nichts Belachenswertes enthielt. Oder es war Edmund selber, der nicht nur die innere Maske der Heuchelei, sondern auch die äußere des verstellten Gesichtes mit gleich wunderbarer Kunst anzulegen wußte. Je länger aber Karl der Stimme und den Gebärden lauschte, um so fester glaubte er den Angelsachsen in Person vor sich zu sehen. Und welche Züge tat er aus dem Becher! So tief, als gälte es einen Strom auszutrinken!

Schon legte der König Hand an die Tür, um plötzlich mitten unter der trunkenen Rotte zu stehen und den Heuchler mit der ganzen Wucht seines Grimmes niederzuschmettern. Allein er besann sich und zog die Hand wieder zurück. Er wollte tiefer in die Irrgänge des menschlichen Herzens schauen, als er's in diesem Augenblicke vermocht hätte; in nüchterner, ruhiger Stunde wollte er dem Angelsachsen das Geständnis seiner Schuld abringen und ihn durch solche Marter schwerer und gerechter strafen als jetzt durch allen Schreck der Überraschung.

So schlich sich Karl denn sachte wieder in seine Gemächer. Als er aber mit eigenen Sinnen nicht mehr sah und hörte, schien ihm alles wie ein Traumbild, und er glaubte bald wieder, jene Gestalt könne nimmermehr Edmund gewesen sein, sondern ein Landstreicher, der den würdigen Mann täuschend nachgeäfft und verspottet habe.

Zweites Kapitel.

Des anderen Morgens ward Edmund vor den König Karl entboten. Freundlich empfing ihn der Fürst; die vollkommenste Ruhe lag auf den ehernen Zügen des Gelehrten. Karl war ein feiner Menschenkenner, der mit seinem leuchtenden Auge die Leute durch und durch schaute; allein Edmund hielt aufs festeste seinem Blicke stand. Schon war der König fast gewiß, daß er ihm unrecht getan. Als er aber im leicht hingeworfenen Gespräch die Stimme vernahm und die Mienen und Handbewegungen wiedersah, die er sich gestern abend so fest eingeprägt, da schwankte er wiederum, und es ward ihm klarer und immer klarer, kein anderer als Edmund selber könne der Vortrinker der trunkenen Zechbrüder gewesen sein, ja der Klang der Stimme rüttelte plötzlich alle den verhaltenen Zorn dergestalt in seiner Seele wieder auf, daß er seines Vorsatzes, den Heuchler schrittweise zu fangen und zu überführen, völlig vergaß und plötzlich mit der Frage herausbrach: »Sag an! Was triebst du gestern abend?«

Gelassen erwiderte Edmund: »Ich studierte.«

»Und was studiertest du?«

»Den Menschen!«

»Frecher Heuchler! Du zechtest mit gemeinem Volk, ja du selber verführtest die Trinkbrüder zu immer wilderem Saufen und schwelgtest am Fasttag in verbotener Speise!« Bei diesen Worten stand der »schreckliche Karl«, wie ihn die Zeitgenossen nannten, in der ganzen Majestät seines Zornes vor dem Gelehrten, und seine Blicke fuhren wie Wetterstrahlen zu ihm hinüber.

»Gnädiger Herr und König, der du alles durchschauest«, entgegnete Edmund ruhig, obgleich er auf das Knie sank vor dem Schrecklichen, »gönne mir kurzes Gehör. Ich studiere den Menschen, weil ich meine und meiner Brüder sittliche Gebrechen heilen möchte. Wer das Laster bekämpfen will, der muß zuerst das Laster gründlich kennenlernen. Wer es aber gründlich will kennenlernen, der muß mitleben mit den Lasterhaften, ja er muß in gewissem Sinne das Laster mitleben. Die schwere Kunst ist nur, daß er, sündigend, in seinem Geiste dennoch erhaben bleibt über der Sünde. Diese höchste Kunst des wahren Philosophen begreift freilich die profane Menge nicht, sie kann die freie Opfertat des Lasters nicht unterscheiden von dem Lasterleben gemeiner Naturen um des rohen Genusses willen. Darum entstelle ich mir Haar und Gesicht; ja, ich gaukle in Stimme und Gebärden anderen das Spottbild meines Wesens vor, wenn ich mit den Trinkern und Schlemmern schwelge, damit ich nachgehends das Laster der Unmäßigkeit um so siegreicher befehden kann. Der Wasserkrug in meiner Zelle ist nicht minder ehrlich gemeint, auch wenn ich aus dem Weinkrug der trunkenen Zecher die tiefsten Züge getan; denn gerade zu Ehren jenes Wasserkruges überwand ich mich, der vor jedem Betrunkenen erzittert, mit Betrunkenen betrunken zu werden.«

Karl schrak im Innersten zusammen vor dieser Sittenlehre. »Also«, rief er, »muß man der vollkommenste Diener des Lasters werden, um der vollkommenste Kämpe der Tugend zu sein! Und es wäre nur jener der tüchtigste Arzt, welcher alle Krankheiten am eigenen Leibe durchgemacht?«

»Ganz gewiß«, entgegnete Edmund, »vorausgesetzt, daß er ebenso sicher die Folgen aller Krankheiten von seinem Körper wieder abschütteln kann wie ich den Taumel des gestrigen Gelages von meiner Seele.«

»Und also«, fuhr König Karl mit leisem, aber schwertscharfem Tone fort, »hätte Christus der Herr der ärgste Bösewicht werden müssen, um die Menschen von allen Sünden zu erlösen?«

Edmund erwiderte: »Du irrest, erhabener Fürst! Wenn Gott Mensch wurde, so tat er es nicht, um unsere Sünden kennenzulernen; er kannte sie schon. Er ward sündloser Mensch, daß wir vielmehr das Göttliche im Urbilde des Menschen erkennen sollten und die Erlösung fänden in der Liebe seines Opfers. Ein anderes ist der allwissende göttliche Erlöser, ein anderes der blinde menschliche Prediger wider die Sünde.«

Der König staunte, wie sich so bestrickend Torheit und Weisheit in Edmunds Rede zusammenwob. War er ein Schwärmer, der sich selbst, oder ein Heuchler, der die Welt betrog? über dieser Frage sinnend, schritt Karl im Zimmer auf und ab und erwog zugleich, ob sich nicht eine Strafe finden lasse, die den Heuchler züchtige, den Schwärmer aber bekehre, eine Strafe, die für Edmund keine Marter sei, wenn er ehrlich sich selbst betrüge, die ihn dagegen tief demütigen müsse, wenn er mit logischem Truggefecht bloß seine geheime Lüderlichkeit haben decken wollen. Endlich glaubte er, eine solche Strafe, stumpf für den überzeugten Schwärmer, scharf für den Heuchler, in Edmunds eigener Sophistik gefunden zu haben.

Er sprach: »Du strebst nach doppeltem Ziel, nach dem Ruhm eines weisen und zugleich eines tugendhaften Mannes. Wenn du nun glaubst, daß man zuzeiten lasterhaft sein müsse, um seine Brüder auf den Weg der Tugend zu führen, so muß man ohne Zweifel auch zuzeiten ein Narr sein, um die Weisheit zu predigen. Ich gedachte gestern, dich unter dem Namen Catos des Zensors an den Tisch meiner gelehrten Freunde zu laden. Allein die Maske, welche du dir selbst gewählt, ist eine andere als des gestrengen Römers. Wohlan! Du sollst bei jener Tafelrunde erscheinen, aber nicht als der Weise, sondern als der Narr, ganz deinem eigenen Grundsatze gemäß. Wir hörten neulich die alte Geschichte von Salomon und dessen lustigem Diener Morolf, der jeden weisen Spruch des Königs mit närrischem Trugschluß sofort zu närrischem Widersinn verkehrt und dennoch nicht bloß die Narrheit in der Weisheit, sondern ebensooft auch die Weisheit in der Narrheit enthüllte. Vorhin schon gemahnte mich an Morolfs Schlüsse deine spitzige Sophistik. Darum sollst du nicht der Cato, sondern der Morolf unseres Kreises sein. Edmund der Angelsachse sei verbannt von meinem Hofe, und er hüte sich, daß er wiederkomme, bevor ich ihn rufe; nur Morolf den Narren will ich sehen. Aber wehe ihm, wenn er die Maske ablegt, es sei denn, daß ich's ihm mit Wort oder Wink ausdrücklich erlaubt habe!«

Edmund hörte diesen Bannspruch mit so starrem, feierlichem Ernste an, als habe ihm der König aufgetragen, als sein bevollmächtigter Sendbote durch das Reich zu ziehen, und sprach mit tiefer Verbeugung: »Dein Befehl, o weiser Herrscher, soll erfüllt werden.« Doch spielte ein leises Lächeln kaum merkbar um seinen Mund, da er diese Worte sprach.

Dem Adlerauge Karls entging dieses Lächeln nicht, und er fragte rasch, was es bedeute.

»Fragst du Edmund oder Morolf?« entgegnete der Angelsachse.

»Da Morolf zu lächeln schien, als Edmund sich so ernst verbeugte, so möge auch Morolf Rede stehen.«

»Wohlan, mein gnädiger König, wenn Morolf reden darf, so erinnert er seinen Herrn vor allem daran, daß es das schönste Vorrecht eines Narren ist, ungestraft die Wahrheit sagen zu dürfen. Du glaubtest, mich mit scharfem Spott zu decken, da du mich verdammtest, die Rolle des Schwelgers, die ich gestern unter den Zechern spielte, nun als die Rolle des Narren unter deinen gelehrten Freunden fortzuführen. In der Tat aber ludest du dadurch noch schärferen Spott auf diesen Freundeskreis als auf mich. Denn nur zum Studium betrank ich mich mit jenen Leuten, die im Ernste betrunken waren; so ist denn die klare Folge, daß ich auch zum Studium ein Narr werden soll unter Leuten, die es im Ernste sind.«

Karl erwiderte ohne Groll: »Morolf hat sein erstes Probestück gelungen abgelegt!« und beurlaubte ihn. Lange aber schaute er dem rätselhaften Manne sinnend nach, und es reute ihn fast, daß er Edmund im stillen einen Schwärmer genannt, der doch nur ein frecher Heuchler zu sein schien. Dann aber erinnerte er sich wieder, daß es auch eiskalte Schwärmer gibt, Schwärmer des Verstandes, deren Blick ganz ähnlich durch den Frostnebel ihrer eigenen Sophistik getrübt wird wie das Auge anderer durch den Glutdampf ihrer Gefühle.

Da nun aber der König schon in den nächsten Tagen nach Ingelheim zog, so dünkte ihm folgendes ein Probezeichen. Er beschloß keinen weiteren Zwang auf Edmund zu üben; folge derselbe freiwillig in die Ingelheimer Pfalz, um dort die auferlegte demütigende Rolle durchzuführen, dann glaube er auch wohl im Ernst an seine Trugschlüsse; entfliehe er aber, wozu die Stunde so günstig, dann sei er eben bloß der entlarvte Heuchler, welcher sich mit frechem Witz über die beschämende Entdeckung hinwegzuhelfen gewußt.

Seltsamerweise aber ward es dem König diesmal saurer, nach Ingelheim zu ziehen, als dem Angelsachsen. Denn als sich Karl zum Wegreiten anschickte, wurde ihm das Herz so schwer, als gälte es einen ewigen Abschied von der Liebe und vom Leben. Der Zauber des Ringes fesselte ihn an Aachen, in dessen Bann derselbe versteckt lag.

Aber auch Fastrada wollte Aachen nicht verlassen. Weinend bat sie ihren Gemahl, daß er nur noch etliche Tage bleiben möge, und als Karl um den Grund der verzweiflungsvoll ungestümen Bitte frug, wußte sie keinen anzugeben, so daß er nicht minder über Fastrada staunte wie über sich selbst. Die Königin war untröstlich über den Verlust des Ringes, mußte aber ihre Angst verbergen und vermochte es doch nicht; sie suchte nach dem Ringe, wagte aber nicht, ihre Frauen zum Mitsuchen aufzufordern; denn ihre Besorgnis, die Unrechte möge den Ring finden und seine Zauberkraft sogleich an sich erfahren, war nicht minder groß als die Furcht, der Ring möge für immer verloren sein. Solange sie noch in Aachen blieb, konnte sie auch noch den Ring zu finden hoffen; vor Ingelheim aber grauste es ihr, als stehe dort das Grab ihrer Liebe.

So fesselte der wirkende Zauber des Ringes den König an Aachen, der verlorene Zauber des Ringes die Königin. Der Mann aber, welcher jenen Zauber jetzt in Händen hielt und ihn für sich am besten hätte brauchen können, Edmund, spottete über den König und die Königin wie über den Ring. Mit natürlichen Waffen, mit der Macht seines Verstandes wollte er den großen Karl besiegen und nicht mit Feengold, welches jeder Esel ebensogut als er im Hausgange des Palatiums hätte finden und halb oder ganz stehlen können. Er allein rüstete sich frohen Mutes zur Reise nach Ingelheim. Doch wollte er den Ring mitnehmen und in Ingelheim für alle Fälle aufs neue verstecken.

Karl ermannte sich; zur vorgesetzten Stunde brach er von Aachen auf. Schweigend und beklommen gleich der trostlosen Königin, ritt er mit dem stattlichen Gefolge rheinaufwärts. Edmund folgte ihm erst nach mehreren Tagen als ein einsamer Wanderer, wie es verabredet war.

Drittes Kapitel.

Die gelehrten Genossen wähnten, daß er in Aachen zurückgeblieben sei, und die Maske, in welcher er plötzlich am Hofe zu Ingelheim auftauchte, war so gelungen, daß niemand hinter diesem Gaukler Morolf den bußpredigenden Angelsachsen vermutet hätte. Selbst König Karl war aufs neue überrascht von der völlig verwandelten Erscheinung und meinte, Edmund verstehe der Moral kaum minder kunstreich eine wächserne Nase zu drehen als seinem eigenen Gesichte. Zugleich aber grauste es dem König vor sich selbst. Ein heimliches Wohlbehagen war ihm wiedergekehrt, der Zug der Sehnsucht gebrochen, seit er Edmund wiedersah. Das wirkte Fastrades Ring, welchen der Angelsachse jetzt in seiner Herberge versteckt hatte. Der König aber, der von dem Ring nichts wußte, sprach zu sich: »Entweder ist dieser Edmund ein Heiliger, von Gott gesandt, daß er mir die geheimsten Fallstricke des Teufels zeige, und in der Nähe eines Heiligen muß es einem ja wohl himmlisch leicht zumute werden; oder er ist ein Teufel von einem Menschen, schön wie die alte Schlange, und was mich in seiner Nähe wieder warm und heiter aufleben läßt, das ist der wollüstige Zauber der Sünde.«

Am Tage nach seiner Ankunft sollte Edmund zum erstenmal als Morolf in Karls gelehrtem Freundeskreise erscheinen, damit er, seinem Grundsatze gemäß, nun auch ein Narr werde um der Weisheit willen.

Schon eine Stunde vor der bestimmten Frist ging er in der Vorhalle des Palastes auf und nieder, als studiere er seine Rolle. Plötzlich trat ihm ein fremdes Mädchen in den Weg, und da sie ihn wegen seines buntscheckigen Narrenrockes für einen besonders hohen Hofbeamten hielt, so fragte sie schüchtern, ob er ihr nicht verhelfen könne, den König Karl zu sprechen. Edmund fragte dagegen, wer sie sei und was sie begehre.

Hierauf erzählte das Mädchen, sie komme von Nochern im Einrich, gut eine Tagreise von hier. Ihr Vater sei ein freier Mann, Ruoding mit Namen, sie selbst heiße Gisela und werde in der Ernte zwanzig Jahre alt. In dem Weiler Bornich unweit ihres Heimatortes wohne Meginher, welcher bei dem Vater um sie geworben habe, ihr Vater aber wolle sie dem Meginher nicht geben, und sie begehre den Mann noch weniger. Der habe nun ihrem Vater aufgelauert und halte ihn gefangen, damit er ihm die Hand der Tochter abzwinge. Ihre Freundschaft in Nochern sei dann ausgezogen, um den Alten zu befreien; die Männer von Bornich aber stritten für ihren Gemeindegenossen, den Meginher, und so lägen beide Orte in unentschiedener Fehde. Damit nun der Streit gestillt werde und ihr Vater wieder frei, sei sie hierher gekommen zum König Karl, der müsse, wenn er sie nur einmal angehört, mit seinem starken Arme dreinfahren und Recht und Friede schaffen in Nochern und in Bornich. Edmund besann sich eine Weile, und sein Auge ruhte auf dem Mädchen, als ob er mehr ihre Schönheit prüfe als ihre Sache. Dann sprach er: »Der nächste Weg zum Herzen Karls führt durch das Gemach der Fastrada. Ich kann dich, ein verlassenes Mädchen, doch nicht so gerade vor den Thron des Königs bringen, und gingest du zur Königin, so würde sie dein Anliegen vielleicht nur hören, um es in einer Stunde wieder zu vergessen. Ich will dir aber den besten Geleitsbrief geben, daß dich die Königin ihr Leben lang im Sinne behalten und dir jede mögliche Gnade erweisen soll.«

Hierauf hieß er das Mädchen mitgehen, holte in seiner Herberge Fastradens Ring und gab ihr denselben. Dazu prägte er ihr aufs schärfste folgende Weisung ein: »Halte dich mit diesem Ringe fern vom Palaste bis eine Stunde vor Sonnenuntergang. Dann begib dich in den Garten der Königsburg und erwarte Fastraden, die zu jener Zeit dort lustwandeln wird und die du an ihrem Gefolge von Frauen und Dienern leicht erkennen magst. Komme nicht zu früh und nicht zu spät; der ganze Erfolg hängt an der rechten Stunde. Trittst du aber vor die Königin, so überreiche ihr sofort den Ring. Sie hat ihn verloren und ist tief betrübt darüber; denn ihr Herz hängt an dem schlichten Goldreif, als sei er ihr köstlichstes Kleinod. Sage, du habest ihn gefunden. Kein Lohn wird ihr zu hoch sein für den Finder des Ringes. Und danach erzähle ihr die Geschichte von deinem Vater.«

Gisela in ihrer Herzensangst versprach, genau zu folgen, allein sie hatte doch so vielen Mutterwitz aus Nochern im Einrich mitgebracht, daß sie zögernd die Frage einwarf: »Wenn den Finder so hohe Gnade erwartet, warum überbringet Ihr denn den Ring nicht selber?«

Edmund erwiderte: »Das wollte ich eben tun, als du mir begegnetest. Dein Unglück bewegte mich tief, und ich erkannte, daß dir der Ring doch ein unendlich wichtigerer Fund gewesen wäre als mir, und trete dir also diesen Fund mit Freuden ab. Und am Ende ist ja der Dank eines so guten und schönen Mädchens kein schlechterer Finderlohn als der Dank einer Königin.«

Gisela zog sich zurück, hocherfreut darüber, daß die vornehmen Hofleute so edle Menschen seien. Edmund aber ging in den Palast, wo sich jetzt die gelehrte Tafelrunde unter dem Vorsitze des großen Frankenkönigs versammelte. Erkannt nur von einem, durchschaut von niemandem, setzte er sich als Morolf seitab in einen Winkel des Gemaches. Heimlich strafende oder verachtende Blicke der ernsten Männer fielen wohl auf die bunte Geckengestalt; doch wagte keiner eine Frage über den seltsamen Gast. Dieser aber heftete sein Auge auf die Versammlung mit der philosophischen Würde eines Pudels, welcher spielenden Kindern zusieht.

Man besprach jenes Buch lateinischer Musterpredigten, die König Karl durch Paul Warnefried für die Geistlichen seines Reiches hatte entwerfen lassen. Einhard rühmte die reine Sprache, Angilbert den dichterischen Schwung, Alkuin den echten Glaubensgehalt, und manche bedeutende Stelle ward mit lautem Beifall vorgelesen. Zuallerletzt forderte der König auch Morolf auf, daß er seine Meinung sage.

Dieser sprach: »Das Beste an jenen Predigten ist ohne Zweifel das Latein. Ein Hofmann erzählte mir: Wenn die fränkischen Geistlichen den König mit lateinischen Bettelbriefen bestürmen, so ist ihr Küchenlatein, in welchem sie jammern, meist noch weit armseliger als ihre Küche, über welche sie jammern. Betteln sie aber den König mündlich auf deutsch an, so gewahrt man, daß sie auch nicht einmal ordentlich deutsch reden, geschweige schreiben können. Nun werden sie freilich Paul Warnefrieds klassische Sprache nicht übel verketzern, indem sie dieselbe von den Kanzeln ablesen. Da aber das andächtige Volk gar kein Latein versteht, so hört es auch die Leseschnitzer seiner Pfarrer nicht, die nur ganz wenig davon verstehen. Läsen jene eine deutsche Predigt ab, so würde das Volk über ihre stotternde Unwissenheit spotten. Jetzt aber ist beiden Teilen geholfen: dem Pfarrer ist die Beschämung erspart und dem Laien das Ärgernis. Darum ist das Latein an jenen Predigten das Beste.«

Die anderen staunten über die vermessene Sprache und blickten fragend auf den König, ob er den Gesellen, der so keck über seine Narrenrolle hinauswuchs, nicht zur Ruhe verweise.

Karl aber sagte lächelnd: »Dieser Narr ist zur Stunde der mächtigste meiner Vasallen; denn kraft seiner Kappe hat er das Recht, mich ungestraft mit dem herbsten Spotte zu schlagen.« Im stillen Sinne war es dem König jedoch gar nicht ums Lächeln; Morolfs Worte nagten an ihm. Fühlte er doch den Stachel nur zu tief, der nicht bloß jene unwissenden Pfaffen traf, sondern auch seinen eigenen Erziehungsplan des fränkischen Volkes.

Die Gesellschaft ging zu einem heiteren Spiele über. In Epigrammen und Rätseln entspann sich ein Wettkampf des Scharfsinnes und der Formgewandtheit. Morolf verharrte bei den Scherzen und Neckereien der anderen teilnahmlos, in feierlichem Ernste. Von Karl befragt, weshalb er denn jetzt nicht mittue, wo seinem Witz das rechte Feld geöffnet sei, erwiderte er: »Gewöhnliche Menschen mag der Weise in der Narrenkappe mit dem Witze des Wortes zum Lachen kitzeln, vor einem großen Fürsten aber suche ich den Witz der Tatsachen, der uns die Stirne runzelt, indem wir lächeln wollen.«

»Unsere Rätsel sind dem Narren zu lustig«, sagte der König. »Wohlan, so wollen wir ihm ein ernstes Rätsel aufgeben. Was ist das verdrießlichste Ding für einen Heuchler?«

Morolf antwortete rasch: »Daß es auf deutsch nur die Wörter ja und nein gibt und kein drittes, welches genau mitteninne steht zwischen beiden.«

»Und wärst du nicht der Mann, dem Mangel abzuhelfen und die Sprache mit dem dritten Wort zu bereichern?«

»Vielleicht – wenn du mir, o erhabener Herrscher, noch zwei Gehilfen zu der häkligen Arbeit gäbest. Drei machen ein Kollegium. Berufe zu dem Gaukler noch einen Staatsmann und einen Geistlichen. Diese drei bedürfen am häufigsten eines Wortes, welches nicht ja und nicht nein ist, und ich hoffe, sie sollen es zusammen finden.«

»Du verstehst dich auf spitze Reden«, sprach der König, »so wirst du uns auch ein Epigramm nicht schuldig bleiben. Sag an, Geselle, Mann der Widersprüche, kannst du uns keinen Vers machen auf einen Sittenprediger, der selber sündigt, damit er anderen desto sicherer die Sünde austreibe?«

Die Genossen des Königs verstanden nicht, was dieses dunkle Wort besagen solle, aber rätselhafter noch als das Wort erschien ihnen der Fremde, an welchen es gerichtet war.

Morolf besann sich eine Weile, dann erwiderte er: »Einen Vers kann ich nicht machen; denn Kinder und Narren dichten nicht, weil sie die Wahrheit reden. Aber eine Geschichte will ich erzählen zu jenem Text, die fast wie ein Epigramm klingt, und vielleicht setzt sie Angilbert nachgehends in Verse und verwebt sie in sein Heldengedicht vom großen König Karl. In einen Gau, wo viele gefangene Sachsen siedeln, die nach dem letzten Kriegszuge ins Frankenland hereinverbannt wurden, kamen unlängst zwei königliche Sendboten und mahnten in ihres Herren Auftrag zu christlichem Glauben, christlicher Milde, Liebe und Tugend. Da erhob sich ein trutziger alter Sachse und sprach: ›Wie prediget ihr Tugenden, die ihr selbst verachtet! Mit Gewalt habt ihr uns von der Seite unserer Brüder gerissen und in dies traurige Land verpflanzt und tausend wehrlose Gefangene an einem Tage abgeschlachtet: ist das christliche Liebe? Meinen Sohn habt ihr hingerichtet, weil er während des vierzigtägigen Fastens Fleisch aß, meinen Neffen, weil er seines Vaters Leiche nach altem Sachsenbrauch verbrannte: ist das christliche Milde?‹ – Hierauf entgegnete der eine der Sendboten: ›Törichter Mann! Jetzt, da ihr Christen und durch das Wasser der heiligen Taufe weich geworden seid, predigen wir euch Liebe und Milde; da ihr noch Heiden waret, predigten und brachten wir euch Tod und Verderben, und das von Rechts wegen. Wie hätten wir so harte Klötze von Heiden mürbe schlagen wollen, wenn wir nicht noch viel härter und heidenmäßiger als ihr selber dreingefahren wären? Wir wurden grausam aus Milde, Heiden aus Christentum. Ist unsere Grausamkeit Sünde gewesen, so sündigten wir doch nur, um euch von der Sünde zu befreien, und also ward unsere Sünde wiederum zur Tugend. Denn nicht was wir getan, entscheidet vor Gott, sondern warum wir's getan!‹ – So sprach der königliche Sendbote.« Zornglühend rollte Karls Auge, und die Hand fuhr zum Schwertgriff; – doch rasch gewann er wieder seine erhabene Ruhe und durchbohrte den überkühnen Sprecher nur noch mit dem Schwerte seines Blickes als einen Menschen, der unter der Ehre seines Eisens stehe. Dann sprach er gelassen zu den Umstehenden: »An diesem lustigen Bruder ist ein Beichtvater verdorben; er ziehet den Leuten die Sünde aus dem Gewissen, noch ehe sie selber ahnen, daß sie damit behaftet sind.« Zu Edmund aber sagte er: »Ich verstehe den Witz der Tatsachen: Ein Zauberer hat Cato den Zensor zur Strafe in den Narren Morolf verwandelt; da zeigt Morolf dem Zauberer zur Strafe, daß man im Narrenrocke viel leichter noch Cato sein könne als im Philosophenmantel. Aber warte nur! Es wird ein gewaltigerer Zensor über Cato wie über Morolf kommen und beide entlarven; dann wird vom wahren Weisen und vom wahren Narren wenig übrigbleiben, desto mehr aber vom wahren Heuchler!«

Morolf entgegnete leise: »Der Narr wenigstens heuchelt nicht. Darum sage ich dem Könige: er hat den Witz der Tatsachen nur halb enträtselt. Doch mag er ihn leicht noch ganz ergründen, bevor der Tag zu Ende geht.«

Karl entließ die staunenden Freunde samt dem bitteren Spötter.

Voll wild wogender Gefühle schritt er noch eine Weile im Zimmer auf und ab. Gleich einer Schlange war dieser Edmund wiederum seiner Hand entschlüpft, die sonst so sicher jeden Sterblichen zu packen wußte. Als er ihn neulich in Aachen entlarven wollte, hatte der Angelsachse sofort freiwillig die Maske abgenommen, aber das Gesicht, welches er nun gezeigt, war wiederum eine neue Maske, und heute, wo Karl ihn zu demütigen gedachte, war er, der gewaltige König, vielmehr im Innersten gedemütigt worden. Keiner hatte es je gewagt, mit so schneidigem Hohn die geheimen Widersprüche seines begeisterten Strebens bloßzulegen. Edmund war eine Satire auf sich selbst; aber wer ihn genau ansah, der gewahrte zugleich auch sein eigenes Zerrbild, wie aus dem Spiegel zurückgestrahlt.

Erschütternde Zweifel bebten in der festen Brust des Königs nach. Er bedurfte Luft, Sonnenlicht, einen raschen Gang. Noch war es früh am hellen Sommerabend, die Stunde, wo er sich täglich im Garten der Königsburg zu ergehen pflegte. Er eilte hinaus.

Viertes Kapitel.

Karl mochte sonst am liebsten durch den Garten hinab zum Rheinufer wandeln. Er schlug auch heute diesen Weg ein; aber als er nach dem Fluß und den fern abschließenden Bergen des Rheingaues sah, deuchte ihm der fröhlich wogende grüne Strom starr und schwarz wie das tote Meer und die sonnenglühenden Hügel von Rüdesheim öde und kalt, als wehe Gletscherluft von dort herüber. Der Weg blieb ihm unter den Füßen stecken, und die Bußgedanken, welche Morolf geweckt, wollten ihm nicht aus dem Kopfe.

Da wandte er sich zurück und ging nach der entgegengesetzten Seite tiefer in den Garten hinein. Der Weg ward ihm leichter mit jedem Schritte, der Sinn heiterer, die Sonnenstrahlen des Paradieses schienen ihm jetzt auf dem Garten zu ruhen, die Rosen wie rote Flammen zu glühen und Düfte auszuströmen, süßer wie aller Weihrauch Arabiens. Mit unwiderstehlicher Gewalt zog es ihn rascher und rascher vorwärts, bis er vor einer Linde stand, an deren Stamm ein Mädchen im schlichtesten Gewand sich lehnte, harrend, die Rechte über die Augen haltend, spähte sie gegen das Sonnenlicht den Weg hinauf.

Es war Gisela, die in ihrer Linken Fastradens Ring fest verschlossen hielt, und es war der Ring, dessen Zauber den König dorthin gezogen.

Ein verwandelter Mann, trat er dem Mädchen gegenüber. Er fühlte sich nicht mehr als Salomon und dachte nicht mehr an Morolf, er dachte nur, daß dies das schönste Kind sei, welches er in seinem Leben je gesehen. Anfangs glaubte er, Fastrada stehe vor ihm, und sicherlich war ihm sein Herz geradeso bewegt, wie es bis dahin nur Fastrada zu bewegen wußte. Aber die Gestalt war eine andere.

»Was suchst du hier?« redete er das Mädchen an.

»Die Einsamkeit!« erwiderte Gisela und wandte den Blick zur Seite.

Das war deutsch gesprochen, und der König trat verdrießlich einen Schritt zurück. Dann aber dachte er bei sich: ein schönes Mädchen, welches die Einsamkeit sucht, will darum oft am wenigsten allein sein, und zu zweien ist auch einsam. Zwar war es ihm dann wieder, als lüge er mit diesem Gedanken aus der Seele des Mädchens heraus; allein der Zauber des Ringes war zu mächtig.

»Du bist fremd hier«, begann er wieder teilnahmevoll. »Es schickt sich nicht für dich, allein in diesem Garten zu schweifen. Erlaube, daß ich bei dir bleibe und dich führe.«

»Sage vielmehr: Es schickt sich nicht, daß du mich führest. Wer auf guten Wegen geht, der gehet auch allein sicher«, entgegnete die Jungfrau in steigender Angst. Denn sie kannte den König nicht und fürchtete, daß dieser fremde Mann sie abhalte, die Königin zu bespähen.

Es zuckte durch Karls Gewissen: Gisela hatte die Lüge aufgedeckt, welche in dem artigen Worte saß, das Tausende gedankenlos gesprochen und angehört hätten. Aber der Zauber des Ringes war zu mächtig. »Du bist nicht, die du scheinst!« rief er in wachsender Leidenschaft. »Du bist vornehmer als dein Kleid. Wie nennst du dich? Schön und edel wie ein Königskind, sollst du fortan auch leben als eine Königin! Gib mir die Hand, folge mir!« Und er faßte sie bei der Hand und wollte sie von der Linde hinwegziehen, wider deren Stamm sie sich wie festgebannt lehnte.

»O Schmach!« rief Gisela. »Du bist schlimmer noch als Meginher!«

»Wer ist Meginher?« fragte Karl mit flammendem Auge.

»Meginher wollte mich zum Weibe nehmen wider meinen Willen. Da entführte er meinen Vater, um ihm meine Hand abzuzwingen; denn die Tochter gehört dem Vater. Indem der Räuber aber solchergestalt das Recht am wehrhaften Mann brach, ehrte er es doch an dem wehrlosen Mädchen.«

Rasch fiel ihr Karl ins Wort: »Meginher wird deinen Vater freigeben und Buße zahlen, überlaß das mir: – ich bin dein König.« Wie aber ein Nachtwandler erwacht, wenn er seinen Namen hört, oder ein Fieberkranker aus seinem Irrereden zu sich selber kommt, wenn es ihm plötzlich einfällt, wie er bei Namen heiße, so erwachte auch Karl, da er sich selbst einen König genannt hatte. Obgleich er Rechtssühne verhieß als König, war er doch unköniglich aus dem Bann der Treue und Sitte getreten. Das fühlte er. Aber zugleich entschuldigte er sich vor seinem Gewissen, daß er im Geiste ja erhaben sei über dem Spiele seiner Leidenschaft, daß er wieder rein und echt König und Gatte sein könne, sobald er es nur wolle. Warum sollte er sich nicht mit solchem Vorbehalt ganz menschlich jenem Spiel auf ein paar Stunden hingeben?

Gisela aber sprach: »Mein König bist du nicht, magst du das Wort im Bilde oder ernsthaft nehmen. Du bist zu klein für den König!« Da sie aber auf Karls Gesicht blickte und in den mächtigen Zügen den Kampf der Gedanken sah, die sich widereinander entschuldigten und verklagten, überkam sie plötzlich eine furchtbare Angst, und sie rief: »Der Mann ist wahnsinnig!«, und als ihr Karl beruhigend näher treten wollte, sprang sie wie ein gescheuchtes Reh davon. Im selben Augenblick kamen Leute den Weg herab; Gisela lief ihnen entgegen mit dem Hilferuf: »Rettet mich vor diesem wahnsinnigen Manne!«

Es war Fastrada, gefolgt von ihren Frauen und Dienern. Wie zwei Marmorbilder standen sich König und Königin gegenüber; Gisela lag wie bewußtlos zu Fastradens Füßen.

Da trat Morolf aus dem Hintergrunde hervor. Er hatte mit den anderen Dienern die Königin und ihre Frauen begleitet und auf dem Abendgange ergötzt; denn der Ruf seines Witzes war in den zwei Tagen am ganzen Hofe durchgedrungen, und jeder wollte den Narren sehen, der den strengen Edmund so lächerlich getreu nachmachen könne.

Er sprach: »Verzeihung, hohe Herrin, für einen Maskenscherz!« und nahm das schwarze Haar vom Kopfe und die große Nase vom Gesicht. »Ich bin nicht Morolf, sondern Edmund. Um die Schwächen der Menschen zu ergründen und zu geißeln, wählte ich schon in Aachen diese Maske und mischte mich unter Schlemmer und Toren und ward töricht mit ihnen zu Ehren der Mäßigkeit und Weisheit. Auf Befehl Eures erhabenen Gemahls führte ich hier diese Rolle weiter, ja der König nahm selber teil daran. Nicht als ein König, sondern als ein gewöhnlicher Mann belauschte er in Aachen die trunkenen Diener und Landstreicher und ließ sich hier von einem Narren Dinge sagen, welche der Herrscher des Frankenreiches nimmer hätte anhören dürfen. So nahte er sich wohl auch diesem Mädchen in der Maske der Leidenschaft, um ihr Herz zu erforschen, wie er überall in diesen Tagen die Herzen der Seinen erforscht hat. Nicht Edmund war es, hohe Herrin, der Euch hierher begleitete, sondern Morolf; jetzt aber steht Edmund vor Euch. So war es auch nicht König Karl, welcher vorhin bei der Linde stand; aber der Euch entgegenschritt wie ein König, als Ihr nahtet, das war König Karl!«

Während Edmund noch sprach, war Gisela wieder zur Besinnung gekommen, erkannte, daß sie vor der Königin stehe, und überreichte ihr schweigend den gefundenen Ring. Karl, der das Auge zu Boden schlug, sah es nicht.

Aber kaum hatte Edmund geendet, so erhob er das Auge und war wieder ganz, wie jener gesagt, der König und rief dem Angelsachsen zornig entgegen: »Du lügst, Heuchler! Ich machte nicht gemeines Spiel mit dir! Ich erkenne meine Schuld und will sie nicht verbergen vor der gekränkten Königin.«

Jetzt aber war es an Fastraden, ihm rasch ins Wort zu fallen. Denn sie erkannte augenblicklich, daß nur der Zauber des Ringes Karls Leidenschaft für das fremde Mädchen geweckt, und da der König wohl die Wirkung, nicht aber die Ursache dieses Zaubers an ihr selbst wieder erfahren sollte, so schnitt sie jenes Schuldbekenntnis ab mit Worten der Liebe und Verzeihung.

Dem Könige fiel es wie Schuppen von den Augen. Gisela, des Ringes ledig, dünkte ihm reizlos, Fastrada dagegen ein herrlicheres Weib als je zuvor. Ein doppelter Zauber wirkte in ihr: der magische des Ringes und der natürliche der Güte, Huld und Vergebung. Und da zugleich der plötzliche Übergang von Angst und Kummer zur Seligkeit des wiedergewonnenen Liebesbesitzes verklärend in Blick und Stimme Fastradens nachzitterte, so fragt es sich, ob diesmal der natürliche Zauber nicht mächtiger noch gewesen sei als der magische.

Beide glaubten, ein Geheimnis zu wissen, welches dem anderen verborgen liege, und doch wußte nur Edmund das volle Geheimnis beider. So mochten alle drei gern eine Weile schweigend sinnen.

Gisela unterbrach diese Pause, um die Geschichte von Meginher und ihrem Vater wiederholt und genauer zu erzählen und Recht von dem Könige zu erbitten. Mit stiller Beschämung entgegnete Karl: »Ich habe dir schon versprochen: Meginher wird deinen Vater freigeben und Buße zahlen. Glaubst du jetzt, daß ich dein König bin?«

Fastrada rief das Mädchen beiseite unter dem Vorwande eines Geschenkes, eigentlich aber, um sie leise auszufragen, wie sie zu dem Ring gekommen sei. Gisela bekannte, daß ihr Edmund denselben gegeben, und die Königin beschloß, in der ersten unbewachten Stunde den rätselhaften Mann scharf ins Verhör zu nehmen.

Zugleich hatte der König den Angelsachsen beiseite genommen und fragte ihn leise mit zornigem Blick: »Welche Strafe soll ich dir zumessen, daß du deine Maske fallen ließest, bevor ich es dir ausdrücklich befahl?«

»Mit Wort oder Wink, hattest du gesagt, mein König«, entgegnete Edmund. »Du selbst zwar winktest nicht, aber die Lage, in welcher du dich befandest, winkte, und in dem Wink der Lage vollendete sich erst jener Witz der Tatsachen, den ich dir als Morolf statt eitler Wortwitze verhieß.«

Die Königin trat dazwischen. Als Karl eine Weile an ihrer Seite weitergewandelt war dem Palaste entgegen, sah er sich nach Edmund um. Er war verschwunden.

Fünftes Kapitel.

König Karl hielt in stiller Nacht auf einsamem Lager Rückschau über die Erlebnisse des Tages; er konnte keinen Schlaf mehr finden.

Dieser Edmund, welchen er so sicher zu demütigen gedachte, hatte ihn vielmehr gedemütigt, ja er hatte jene verruchte Moral, wofür er bestraft werden sollte, zuletzt noch benützt, um den König selbst aus viel schlimmerer Verlegenheit zu reißen. Karl mußte ihm wohl gar noch danken für die Trugschlüsse seiner höchst brauchbaren Sophistik. Freilich hatte der König, da er sich selber wiederfand, diese Hilfe mit Abscheu zurückgewiesen; allein waren die Gedanken, mit welchen er vorher angesichts der schönen Gisela sein Gewissen im stillen beschwichtigte, nicht im Grunde dieselben gewesen, welche Edmund laut ausgesprochen hatte?

Doch war Karl durch Edmund, diesen Teufel von einem Heiligen, wenigstens um eine Erkenntnis reicher geworden, welche ihm mit aller Seelenqual nicht zu teuer erkauft schien. Was Edmund die höchste Kunst des Weisen genannt, sündigend im Geiste erhaben zu bleiben über der Sünde, das erkannte Karl jetzt vielmehr als den Fallstrick zur wahren Todsünde. Sündhafter noch als die Tat der Sünde dünkten ihm die Gedanken, mit welchen wir jene entschuldigen. Und je weiser einer ist, um so ärger sündigt er durch solche Gedanken. Wird es dem hellsten Verstande leichter, die Sünde zu durchschauen und zu fliehen, als dem dämmernden Geiste gewöhnlicher Menschen, so wird es ihm auch leichter, den Mantel der Sophistik über dieselbe zu breiten und sich im Geiste erhaben zu wähnen über die eigene schlechte Tat. Und so hat der Weise doch wiederum nur die größere Gefahr voraus, wie sich's auch gebührt. Karl aber, der sich bis dahin vor allen im Geiste erhaben gewußt über die Fehltritte, welche er dennoch beging, erschien sich jetzt vor allen als der ärgste Sünder.

Seine innere Angst aber wuchs, als er sich von dieser Selbstschau menschlicher Schwächen zu den politischen des Königs wandte, wie sie Morolf heute leise und doch so kühn zu berühren gewagt. Überall erblickte er den ähnlichen Selbstbetrug: gute Zwecke und schlechte Mittel. Edmunds Moral war ihm zum Gespenst geworden, welches ihm fast aus jeder seiner Herrschertaten drohend entgegenstieg. Und in diesem steten Widerspruch halber Lüge und halber Wahrheit begann ihm aller feste Boden unter den Füßen zu wanken, und sein mächtiges Frankenreich deuchte ihm zuletzt nur noch ein windschiefer Bau, den er allein mit gespanntester Kraft mühsam noch im Sturze stütze. Doch die Faust ward ihm im wachen Traume schwächer und immer schwächer, und vergebens sah er sich nach den Söhnen um, die ihm gleich verzweiflungsmutig helfen, die ihm die ungeheure Last abnehmen könnten, wenn jene Faust im Tode erstarrte.

Da fiel er in Schlaf und sah im Traume das seltsame Bild, von welchem ein Mainzer Mönch geschrieben hat. Ein Mann mit Edmunds finsteren, kalten Zügen trat vor ihn und übergab ihm ein blankes Schwert, worauf vier deutsche Worte geschrieben standen, und forderte ihn auf, die Schrift zu lesen und fest im Gedächtnis zu halten, denn sie werde sich erfüllen zur bestimmten Zeit. Unter dem Griff des Schwertes stand »Raht«, in der Mitte der Schneide erst »Radoleiba«, dann »Nasg« und an der Spitze »Enti«. Als aber Karl erwachte, wußte er die vier Worte noch ganz genau.

Am frühen Morgen ließ er Edmund rufen, erzählte ihm den Traum und forderte, daß er, dessen Gestalt ihm in jenem Nachtgesicht das Schwert gegeben, nun auch den Rätselsinn der Inschrift lösen solle. Edmund beteuerte, es nicht zu können, und wenn je ein Mensch die dunkeln Worte zu deuten vermöge, so sei es König Karl selber. »Denn die tiefsten Träume«, so schloß er, »steigen auf aus unseres eigenen Geistes heimlichsten Gedanken, und nur in unseren heimlichsten Gedanken finden wir darum auch den Schlüssel ihres Sinnes.«

Diesem Winke folgend, dachte Karl lange nach über die vier Worte. Dann aber berief er die Großen und Weisen seines Hofes, legte ihnen den Traum vor und forderte sie auf, ihn zu deuten. Doch alle verstummten. Da nahm der König das Wort und sprach: »Der Herr, welcher mir im Schlafe den Mann mit dem Schwerte geschickt, hat auch im Wachen meinen Geist erleuchtet, daß ich den Zusammenhang jener Worte fand. Sie verkünden das Schicksal unseres Reiches. ›Raht‹ – Vorrat und Fülle – bezeichnet die Gegenwart, welche uns im Überflusse der Güter und der Macht sieht. ›Radoleiba‹ – Erbteil – wird meinen Söhnen zufallen; aber wer bloß erbt und nicht auch erarbeitet, der mindert Gut und Macht. Unter den Enkeln schon kommt darum ›Nasg‹: naschen und rauben wird man an den Trümmern des Erbes; und sind auch diese raubenden und beraubten Enkel dahingegangen, dann wird sich erfüllen, was an der Spitze des Schwertes steht: es nahet ›Enti‹, ob aber das Ende der Welt oder bloß unseres Stammes und Reiches, das weiß Gott der Herr allein.«

So tief und schmerzlich bewegten Geistes schaute Karl die Zukunft seines großen Lebenswerkes und war zu der nagenden Selbstprüfung doch nur durch einen Menschen aufgerüttelt worden, von welchem er immer noch nicht wußte, ob derselbe der weiseste Narr sei oder der tugendhafteste Heuchler. Als sich Karl darum wieder allein fand, ließ er abermals Edmund rufen und befahl ihm mit scharfem Ernste, daß er nun ohne Umschweif bekenne, welches von Haus aus sein natürliches Gesicht sei und welches die Maske. Ob der strenge Edmund sich mit Absicht in den wüsten Narren vermummt habe oder der schwelgende, verneinende Morolf in den herben Asketen und Eiferer? Ob er wirklich jemals geglaubt habe, aus Tugend sündigen zu müssen, oder ob er die Tugend samt der Sophistik nur vorgehalten habe zur Beschönigung seiner eingefleischten Sünden?

Edmund erwiderte: »Du forderst die nackte Wahrheit, großer König; wohlan, so vernimm sie denn! Nicht das eine oder andere war Maske, sondern beides. Ich bin weder der reine Tugendheld, welcher ich anfangs, noch der Wüstling und verneinende Spötter, welcher ich nachher zu sein schien. Meine wahre Natur steht in der Mitte. Unter mäßigen Leuten bin ich gerne nüchtern und zeche gern mit lustigen Gesellen; Ernst und Strenge ist mir wert, aber Schalkheit sitzt mir zuzeiten auch bequem, überfromm zu sein wie Edmund ist im Grunde meiner Natur zuwider und überböse wie jener Narr und Gaukler nicht minder. So war denn beides Maske, und es bleibt zuletzt nichts übrig als ein gewöhnliches Menschenkind wie die meisten anderen. Nun kam ich aber an deinen Hof, um Welt und Menschen zu erforschen, und erkannte bald, daß dieses nur gar dürftig gelingt ohne eine Maske. Je schärfer ich aber die Welt dieses Hofes durchschaute, um so gewaltiger drängte es mich, dir gleichfalls die Augen zu öffnen und die Wahrheit zu sagen. Das hätte ich niemals gekonnt, wäre ich dir als der gewöhnliche, mittlere Mensch begegnet, welcher ich wirklich bin. Denn Fürsten lernen von Jugend auf nur das Ungewöhnliche beachten, ja sie glauben ihrer Würde zu vergeben, wenn sie solchen Menschen nahetreten, die nicht über das Durchschnittsmaß hinausgewachsen sind. Also versuchte ich's zuerst mit dem übermenschlichen Asketen und Sittenrichter. Da ich aber in dieser Maske dein Gemüt mehr abstieß als zum Vertrauen heranzog, ergriff ich die Gestalt des offenbarsten Gegenbildes und zeigte dir einen so über alles Maß emporsteigenden Widerspruch der Natur, daß du dich wirklich mir gefangengabst. Ich habe erreicht, was ich wollte; ich habe den Hof ausstudiert und dem größten Könige wie kein anderer die Wahrheit gesagt. Jetzt mögen beide Masken fallen, damit du in Edmund nur noch erblickest, was er wirklich ist: einen natürlichen Menschen, nicht besser und nicht schlechter als die Mehrzahl seiner Brüder.«

»Du lügst«, rief Karl, »und fügest zu zweien Masken die dritte! Wärest du der einfache Mann des Mittelmaßes, den zu heucheln dir eben beliebt, so würde dir's gar nicht eingefallen sein, so abenteuerliches Spiel zu treiben. In der Schlinge deiner eigenen Lügen fängst du dich; doch habe ich nicht leicht einen listigeren und gefährlicheren Gesellen gesehen. Ein böser Fürst würde dich zu seinem Vertrauten erheben, um deine Moral zur Staatsmoral zu machen; ein schwacher Fürst würde dich einsperren oder fortjagen; ich befehle dir, daß du bleibest, ungestört und ungeehrt, mir zur Buße und zum Mahnzeichen der Selbsterkenntnis. Und also geh! – Doch bleibe! Kannst du überhaupt ein einziges wahres Wort sagen, so bekenne mir nur dies: Hast du jemals auch nur eine Stunde, nur einen Augenblick an deine eigene Lehre geglaubt, daß man zur höheren Ehre Gottes die freie Opfertat des Lasters vollbringen müsse? Ist es möglich, daß ein Mensch so schwer sich selbst betrüge?«

Edmund schwieg und sann und bat den König, daß er ihm nur etliche Stunden einsamen Nachdenkens gönnen möge, dann wolle er diese geheimste Falte seines Gewissens bloßlegen.

Allein der Tag verging, und Edmund blieb aus. Man suchte ihn und fand keine Spur. Er war verschwunden, und niemand hat ihn wiedergesehen.

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