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Durch tausend Jahre - Erster Band

Wilhelm Heinrich von Riehl: Durch tausend Jahre - Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleDurch tausend Jahre - Erster Band
publisherF.W.Hendel Verlag
volumeBand 1
editorHans Löwe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidabc90d35
created20070322
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Älteste Zeit

Liebesbuße.

1862

I.

In einem kleinen, nun gerade tausend Jahre alten Büchlein erzählt uns der Diakonus Gozbert:

Zur Zeit Pipins des Kleinen war Otmar Abt von St. Gallen, ein Held der Demut und Entsagung wie wenige. Stand ein Fasttag im Kalender, so machte er für sich zwei daraus und aß auch am folgenden Tage nichts, über dem Beten vergaß er oft den Schlaf und jeden Wechsel der Stunde, daß ihn die Brüder wohl des Morgens noch an demselben Platz vor dem Altare fanden, wo sie ihn am Abend verlassen hatten. Er geizte nach Armut wie andere nach Reichtum; statt nach der meisten Äbte Art auf stolzem Rosse zu reiten, bestieg er nur einen armseligen Esel. Als er einmal den König Pipin besucht und dieser ihm siebzig Pfund Silber gespendet hatte, verschenkte er fast all das Silber auf dem Heimwege, verschenkte den Esel und auch seinen Mantel dazu und kam fast nackt zu Fuß nach Hause. Nur zwei Gulden von jenem Silber hatten die begleitenden Brüder in der Reisetasche zurückzuhalten vermocht; hierfür erkaufte er ein Stück Land abseits des Klosters und baute dort ein Spital für Aussätzige. Er selber aber pflegte und wusch diese Kranken, die jedermann floh. Denn lieber hätte er andere für sich essen lassen, als daß er's anderen statt seiner überließ, den Armen zu helfen und die Kranken zu warten.

Jedes Gut gab Otmar gerne her; nur das Grund- und Stammgut des Klosters nicht. Warin und Rudhart, zwei Grafen im Thurgau und in der Baar, griffen nach allerlei Ländereien von Otmars Kloster, die ihnen besonders bequem lagen. Da zog der Abt, der alles wegschenkte, aber sich nichts nehmen ließ, noch einmal zum König Pipin und verklagte die Grafen. Der König forderte die Grafen vor und drohte ihnen mit seiner Ungnade, wenn sie den geraubten Besitz nicht zurückgäben.

Den beiden Grafen aber, damals gewaltig in ganz Alemannien, waren die fetten Güter mehr wert als des Königs Gnade, und vom Bodensee war es weit bis zu Pipins Hof. Sie behielten darum, was sie hatten, und nahmen noch den Abt dazu.

Von ihren Dienstleuten gefangen und gebunden ließen sie ihn vor die versammelten Edeln und Freien des Volkes führen und hielten Gericht über ihn. Lantpert, ein Klosterbruder von St. Gallen, trat als Kläger auf und berichtete, erkauft von den Grafen, daß Otmars Beten, Fasten und Almosengeben nur eines Heuchlers Mantel sei, unter welchem er insgeheim das üppigste und lüderlichste Leben führe. Otmar schwieg anfangs wie Christus vor dem Hohenpriester. Da man aber in ihn drang, sich zu verteidigen, sprach er: »Ich habe viele Sünden begangen, nur gerade die einzige nicht, deren man mich anklagt.«

Seine Entlastungszeugen konnte er nicht in den Ring des Gerichtes stellen, nämlich die Armen, denen er unerkannt geholfen, die Kranken, die er geheilt, die Toten, welche er begraben, und als Hauptzeugen unseren Herrgott selber, der in der verschwiegenen Zelle sein Beten und sein Geistesringen gesehen. Also schwieg er heiteren Gesichtes nach jenem Wort und ließ sich ruhig verdammen und im Dorfe Bodmann einsperren.

Dort würde er verhungert sein, hätte er vordem das Fasten nicht so gründlich gelernt, denn man gab ihm mehrere Tage weder Brot noch Wasser, bis ihm Perahtgotz, einer seiner Klosterbrüder, des Nachts heimlich Speise brachte. Später aber führten die Feinde den gefangenen Abt auf die Rheininsel bei Stein, unfern des Bodensees. Dort sah und hörte er keinen fremden Menschen mehr und vollendete den ganzen Rest seines Lebens einsam in geistiger Beschauung.

So etwa berichtet Gozbert, der Diakonus.

II.

Aber die Sage umrauscht jene Insel und flüsterte dem Erzähler ins Ohr, daß Otmar doch noch einmal fremde Menschen gesehen, von denen Gozberts altes Büchlein nichts weiß.

In stürmischer Märznacht ruderte ein Kahn vom Untersee herab. Der einzige Mann, welcher den schmalen Einbaum führte, ward nur mit Not des Windes und der Wogen Herr; eine zweite Gestalt, in einen weiten Mantel verhüllt, saß schweigend dem Fergen gegenüber. Kein Wächter hinderte, daß sie anlegten und die Insel betraten; denn Otmar war jetzt steinalt und seines Verbannungsortes so gewohnt, daß er ihn auch unbewacht nicht mehr verließ. Gebeugt, zögernd und doch gebieterisch schritt die verhüllte Gestalt voraus, deren Wuchs fast einem Manne gehören konnte, doch verriet der Gang das Weib. Als sie zur Klause kamen, winkte sie dem Fährmann, ihrem Knecht, daß er an die Türe klopfe.

Voll Staunen erschien der alte Abt. Doppelt aber wuchs sein Staunen, da er beim Licht seiner Lampe, das grell in die dunkle Nacht hinausfiel, ein stolzes, schönes Frauengesicht aus dem verhüllenden Mantel hervorglänzen sah und ein reiches Gewand, glitzernde Spangen und einen goldverzierten Gürtel. Er winkte, erschreckt zurückweichend.

Die Frau aber sprach: »Bleibe du unter der Türe, heiliger Mann, und laß mich hier im Freien stehen als eine Bittende, die nur Rat und Trost von dir begehrt.«

Otmar gewährte, was er nicht wohl weigern konnte, und die Frau begann draußen, indes ihr Gewand und Haar im Sturmwind flatterte, mit lauter, tiefer und doch weicher Stimme:

»Ich bin Hildegard, die Frau Arnulfs, des Centrichters. Ich liebe meinen Mann mit der ganzen Kraft meiner Seele und habe ihm zwei Söhne geboren. Arnulf liebte mich ebenso stark und heiß. Da nahmen wir vor einem Jahre meine jüngere Schwester Tagalint ins Haus, damit mein Gemahl sie unter seine Munt stelle und ihr einen Mann suche, denn unsere Eltern waren gestorben. Von dem Tage an aber wich Arnulfs Liebe ganz leise von mir und zog sich langsam und leis zu Tagalint. Die Schwester hat ein zahmes Reh. Sonst mochte Arnulf so zahmes Wild gar nicht ansehen; jetzt aber streichelt er das Reh, beschaut es oft viertelstundenlang und sagt, die sanfte Tagalint sehe dem zarten Tierlein gleich. Ich habe ein feuriges weißes Roß, das war vordem auch Arnulfs Freude, und besonders freute es ihn, daß niemand das Tier bändigen konnte außer mir, und er verglich des edeln Rosses Art mit der meinigen und sprengte gern an meiner Seite durch Feld und Wald. Jetzt achtet er mein Roß keines Blickes und geht lieber zu Fuß neben der schüchternen Tagalint. Die Frauen unserer Hörigen, welche unter meiner Obhut in der Halle sitzen und spinnen und weben, lächeln sich verstohlen an, wenn Arnulf am Herdfeuer nur auf Tagalint sein Auge heftet oder ihr die schönste Jagdbeute zu Füßen legt. Der Schwester einen Mann zu suchen, kommt ihm aber gar nicht in den Sinn, und wenn ich ihn mahne, meint er, das habe noch gute Weile. So heiß wie meine Liebe ist nun auch meine Qual; ich möchte vergehen vor Scham und Gram und kann doch nicht kalt sein gegen den kalten Mann, ja ich muß ihm meine Liebe immer heftiger kundgeben, je mehr er sich zur Schwester wendet, die doch nur gesenkten Auges hinnimmt, was er sagt und tut, ohne ihm je mit gleichem Wort und gleicher Miene zu begegnen.

Nun sinne ich Tag und Nacht über meine Not, und da fand ich, daß dein Los, ehrwürdiger Vater, im Grunde dem meinigen gleich sei. Der Spruch sagt: womit jemand sündiget, damit wird er auch gestraft. Du aber bist vielmehr mit deiner besten Tugend gestraft worden. Denn weil du ein so fester Abt warst, erregtest du den Zorn der Gaugrafen, und weil du so demutsvoll, fromm und mildtätig, den Neid des Bruders Lantpert, der falsch wider dich zeugte; weil du deine guten Werke vor den Menschen verbargst, wurdest du verdammt und duldest die Strafe eines Schlemmers, Heuchlers und Wüstlings, da doch niemand ehrlicher gefastet und sich kasteiet hat als du. So fliehet mich Arnulf um meiner besten Tugend willen und wird um so kälter, je heißer er meine Liebe sieht; ich muß die Strafe leiden, die ein liebloses, ungetreues Weib verdient, – und doch liebt keine ihren Mann so tief und treu wie ich. Tausend Sünden habe ich begangen ungestraft, und nur da, wo ich niemals sündigte, muß ich büßen, daß mir das Herz zerbrechen möchte.

Gangolf, der treue Knecht, der mich hierher geführt und den du einst als einen verlassenen Kranken in St. Gallen gepflegt, enthüllte mir deine wahre Geschichte und daß auch du gestraft worden seiest nicht mit deiner Sünde, sondern mit deiner besten Tugend und für dieselbe. Darum machten wir uns heimlich in dieser Sturmnacht auf, damit du mir das Rätsel deiner und meiner Buße lösest und mir Hilfe brächtest oder doch den Trost, welchen du für mich gefunden hast.«

Otmar erwiderte: »Niemand wird mit seiner Tugend gestraft. Unbemerkt steckt in unserer besten Tugend oft unsere größte Sünde, die Selbstsucht. So bin ich, obgleich der demütigste Mensch, doch gerade in meiner Demut vielleicht der hoffärtigste gewesen, nicht vor anderen, aber vor mir selbst und vor Gott, und zur Strafe für diese geheimste Hoffart ward ich ein Märtyrer der Demut. Auch in deiner Liebe mag Selbstsucht stecken, und doch ist die Liebe nur voll und rein, wenn sie alle Selbstsucht in sich verschlungen und vernichtet hat. Prüfe dich! Der Arzt heilt die Blutwunde mit einem glühenden Eisen: versuche diese Heilart an deiner Liebesqual. Du mußt deine Liebe verbergen, dann sieht sie dein Gemahl; je mehr du sie dagegen offenbar machst, je weniger wird er sie sehen. Beginne mit dem leichtesten Versuch: verbirg deine Liebe vor der Schwester, zumal in Arnulfs Gegenwart. Und hast du dies in Monatsfrist vermocht, dann komme wieder hierher und erzähle, ob dir geholfen ist.«

III.

Hildegard befolgte des Abtes Rat. Wäre sie freilich nicht ein so festes Weib gewesen bei all dem wilden Feuer, das ruhelos in ihrer Brust loderte, so würde sie schon bei diesem ersten Versuch erlegen sein. Allein sie bezwang sich.

Arnulf, von der Jagd heimgekehrt, saß des Abends am Herdfeuer, die Frau und die Schwägerin zu seiner Seite, die beiden Knaben spielten in den dunkeln Winkeln der Halle. Der müde Jäger mochte in solch traulicher Stunde gerne den Frauen lauschen, wenn sie in einer Rede, die halb Gesang, alte Verse sprachen, uralte Sagenlieder, und die Spindel schnurrte und das Feuer knisterte begleitend mit. Tagalint sang und sagte gar süß, aber auch Frau Hildegard war Meisterin in dieser Kunst. Nur fügte es sich seltsam, daß die sanfte Tagalint jetzt zumeist von Helden und Kämpfen und wilden Abenteuern sang, indes die stolze Hildegard in zarten Minnesagen den Schmerz ihrer Seele zu lösen suchte und im Bilde fernher tönender Geschichten verstohlen um die Liebe ihres eigenen Gemahles warb. Denn Frauenminne, die den Mann verehrt, lag jener harten Zeit noch eigener im Sinne als Männerminne, die den Frauen huldigend begegnet. Aber Arnulf hatte bis dahin des sanften Mädchens rauhe Sagen lieber gehört als die rührenden Kunden der stolzen, gebeugten Frau.

So erzählte Tagalint denn heute die Sage vom »Türst und der Sträggelen«, die vom Luzerner See herübergewandert war zum Bodensee. Die Sträggelenjungfrau zog zur Jagd wie ein Mann, und wenn sie mit Hörnerklang und Hundegebell des Sonntags durch den Wald fuhr, dann sprach sie wohl, sie höre jetzt auch ihre Messe. Da kam zur Weihnacht ein Jäger zu der Jungfrau, das war der böse Türst, in liebliche Gestalt verkappt, und bat das Mädchen, daß sie auch mit ihm einmal zur Jagd ziehe. Aber als sie nun zusammen den Hirsch hetzten und beim Weidwerk spotteten über das Pfaffenwerk am Christtag und die Glocken von der Kirche zum Tann herübergeklungen und verklungen waren, ließ der Türst den Hirsch laufen und faßte die Jungfrau, die er sich zum Weibe erjagt hatte, und wuchs auf zu seiner ungeheueren Riesengestalt, und die Sträggelenjungfrau und der Hund wuchsen mit ihr über alle Bäume hinaus und rasten zusammen jagend weiter durch den ganzen Tag und den Abend und die Nacht bis zum nächsten Morgen: da versanken sie mit Flammen in der Erde.

Arnulf lauschte mit brennendem Auge dem Mädchen, dessen leiser Mund so schaurig zu erzählen verstand. Da hätte Hildegard gern mit ihrem vollen, tiefen Ton eine andere Mär berichtet, welche aus noch viel älterer Zeit und viel weiterer Ferne vom Norden herübergekommen war zu den Alpen, die Märe von der edeln Frau, die über der Leiche ihres erschlagenen Mannes so heiße Tränen weinte, daß die Seele des Gefallenen im Himmel der Sehnsucht des Weibes nicht widerstehen konnte und herabkam, sie zu trösten, als die Tränen auf die kalte Brust der Leiche fielen.

Aber eingedenk der Mahnung Otmars schwieg diesmal Hildegard und spann nur im stillen Sinn ihre Märe, indes Tagalint von dem wilden »Türstengejäg« erzählte, und sowie die Spindel schnurrte und das Feuer knisterte und die Schwester so leis und schaurig sang, war es ihr, als sei auch Arnulf ein Gestorbener und ihre Tränen müßten auf seine kalte Brust fallen, daß seine Seele den Weg wieder zu ihr zurückfände und sie tröstete.

Als Tagalint geendet hatte, sah Arnulf, wie Hildegard inwendig erzitterte, und glaubte, das gelte der Sträggelenjungfrau und ihrem grausigen Ausgang. Hildegard ließ ihn bei diesem Glauben: mit ihrer alten Sage verbarg sie ihre Liebe.

So trieb sie's alle Tage. Schmückte sich Tagalint, so ging sie im schlichten Kleide; sie wollte nicht mehr wetteifern mit der Schwester. Schritt Arnulf mit Tagalint ins Gespräch versunken im Hofe auf und ab, so führte sie ihnen nicht, wie sie sonst wohl getan, die beiden Knaben in den Weg, daß ihr stummer Anblick den Mann an alte Liebe erinnern solle: sie verbarg ihre Liebe.

IV.

Im verhüllenden Sturme einer Aprilnacht ruderte zum zweitenmal der Kahn zu Otmars Insel hinab.

Hildegard sprach zu dem Abte: »Ich habe das Probestück durchgerungen; ich verbarg meine Liebe vor der Schwester, zumal in Arnulfs Gegenwart. Ich habe das glühende Eisen auf die Blutwunde gedrückt; aber die Wunde brennt und blutet nur um so stärker, und die Heilung ist qualvoller als die Krankheit. Hundertmal hätte ich versinken mögen vor verhaltenem Schmerz, daß ich nicht einmal mehr sichtbar in Liebe die Schwester überbieten durfte! Du bist ein Heiliger und kennst die Liebe nicht, und deine Gottesminne muß ganz anders geartet sein als Frauenminne. Nicht gelöst hast du mein Rätsel, sondern noch dichter verwirrt; denn je tapferer ich kämpfte in meiner Tugend, um so schwerer ward ich in meiner Tugend gestraft!«

Da erwiderte der Mönch wie vor einem Monat: »Niemand wird in seiner Tugend gestraft. Nicht für deine Liebe mußt du büßen, sondern weil du deine Liebe noch lange nicht genug verborgen hast; denn darin sitzt die Selbstsucht deiner Liebe. Verbirg diese Liebe nicht bloß bei der Schwester, verbirg sie auch vor deinem Mann, selbst in der einsamsten Stunde. Und hast du dies in Monatsfrist vermocht, dann komme wieder.«

In dem unglücklichen Weibe kämpften Stolz und Trotz und nagende Pein bei diesem harten Worte; aber als sie dem wunderbaren Greise ins Gesicht sah, schlug sie die rollenden Augen nieder und gelobte noch einmal treue Folge. So kehrte sie heimlich und ungetröstet, wie sie gekommen, nach Hause zurück.

Dort aber konnte Hildegard in derselben Nacht noch ihren festen Willen erproben. Denn da sie gerade durch den Zaun des Hofes eingetreten war und zum Frauenhause hinüberschlüpfen wollte, trat ihr Arnulf in den Weg. Er war zufällig um einen Tag früher heimgekehrt und staunte nicht wenig, daß die Frau mitternachts in Sturm und Regen vom See heraufkam. Auf seine Frage schwieg sie, wie vom Tode berührt. Denn zur Notlüge war Hildegard zu stolz, und mit der Wahrheit hätte sie ja zugleich die ganze Qual und Buße ihrer Liebe bekennen müssen und sollte doch ihre Liebe verbergen vor dem Manne.

Arnulf war fern von bösem Verdacht; aber er mahnte sie strenge, das wilde Abenteuern nicht gar zu weit zu treiben und zu bedenken, was Frauensitte und was sie sich selbst und der Würde des Hauses schuldig sei. Hildegard schwieg; nie war die Stunde so günstig gewesen, dem Manne die ganze Tiefe ihres Leids und ihrer Liebe aufzudecken, als jetzt, da sie von ihm auf der frischen Tat ihrer Liebesbuße betreten ward. Dennoch schwieg sie und nahm das ungerechte Mahnwort geduldig dazu.

Als sie aber nachher einsam auf dem Lager saß, empfand sie erst ganz den Schrecken jenes Augenblicks, wie der Bergsteiger, dem ein Sturz in den Abgrund drohte, erst nach der Heimkehr in dunkler Nacht die bestandene Gefahr so hell vor Augen sieht, daß ihn im Bette der Schwindel ergreift, welcher ihn auf dem Felsen rettungslos zur Tiefe gezogen hätte. Nur vierzig Silberschillinge brauchte nach dem Volksrecht der Alemanne zu zahlen und das mitgebrachte Gut zurückzugeben, so konnte er seine Frau wieder heimschicken, woher sie gekommen war. Das durfte Arnulf jederzeit nach dem starren Recht, und jetzt konnte er dazu noch gar leicht sein Gewissen beschwichtigen vor sich und der Welt, da er die Frau auf so verdächtigem Wege außer der Schranke der Sitte ertappt hatte. Und sie hatte kein entschuldigendes Wort vorbringen können. Wenn er sie aber heimschickte, so fand Hildegard kaum eine Heimat mehr; denn ihr Haus war ja ausgestorben und eben darum die Schwester in ihres Mannes Haus getreten. Sie sah sich schon im Geiste heimatlos umherirren bei fremden Leuten und wollte oftmals in der langen Nacht aufspringen vom Lager und zum Manne hinüberschleichen und ihm doch noch bekennen, was sie auf dem Hofe verschwiegen hatte. Aber dann hätte sie ja auch ihre Liebe nicht verschwiegen! Eine Heldin, nicht bloß von Gestalt und Gesicht, sondern auch des Herzens, blieb sie darum doch zuletzt mit ihrer Qual allein.

Und so führte es Hildegard weiter, Tag für Tag. Sie hatte in der letzten Zeit ihr weißes Roß kaum mehr bestiegen; jetzt überwand sie sich und tummelte das Tier wieder scheinbar so mutig wie vorher. Sie war seit einem Monat in schlichtem Gewand, fast wie eine Dienerin, neben der geschmückten Tagalint gegangen; jetzt legte sie wieder Schmuck und schöne Kleider an: sie wollte die Pein ihrer Liebe nicht einmal in einem äußeren Zeichen vor Arnulf zur Schau tragen. Und doch schien es nicht, daß er die verhüllte Liebe nun deutlicher sehe als vordem die offene. Er staunte wohl über das verwandelte Wesen seines Weibes, aber er sprach kein Wort darüber, und wenigstens für Hildegards Auge wuchs seine Neigung zu Tagalint eher, als daß sie abgenommen hätte.

Elender als je zuvor trat darum Hildegard im Maimonat wiederum vor den Einsiedler auf der Insel. Immer dunkler deuchte ihr das Rätsel, grausamer und fruchtloser ihre Buße. Otmar aber sprach: »Du hast deine Liebe eben doch noch nicht genug verborgen, und wohl gar das schlimmste Stück der Selbstsucht ist zurückgeblieben. Nicht bloß vor der Schwester, nicht bloß vor dem Manne mußt du deine Liebe verbergen, sondern auch vor dir selber. Das ist die letzte und schwerste Probe. Denn wenn du auch jede Tat, jedes laute Wort meidest, in welchem sich deine Liebe den anderen entgegenträgt und aufdrängt, so grübelst du doch in dir ohne Unterlaß über diese Liebe, klagst und verklagst, flehest und zürnest in Gedanken. Auch ungesagt empfindet das Arnulf, und solange du in dir so ruhelos bist, nimmst du auch dem Mann die Ruhe fort. Im inneren Frieden aber beginnt erst die lautere, selbstlose Liebe. Ist es doch schon der bloße Schein dieses Friedens, der den ungestümen Mann so mächtig zur sanften, ablehnenden Tagalint hinüberzieht. Die heimlichste Liebe brennt am heißesten, und kein Heiliger kann einer Minne widerstehen, deren Nähe er ahnt und empfindet und die sich doch nicht einmal vor sich selbst zur Schau trägt.«

V.

Widerstrebend und doch willenlos vor dem Zauber des strengen, milden Greises schwur sich Hildegard, auch diese letzte Buße zu. Aber sie kam nicht wieder nach Monatsfrist.

Erst tief im Spätsommer, da ein schweres Gewitter die Fluten des Sees aufwühlte und in den Rhein gegen die Insel schleuderte, arbeitete sich der Kahn im Abenddunkel mühsam durch die hochgehenden Wasser. Zwei Fährleute führten heute die Ruder; denn Gangolf, der treue Knecht, hatte erklärt, solchen Sturm könne er allein nicht bezwingen, und darum den anderen als einen zuverlässigen Mann mitgebracht. Den Mantel über Kopf und Nacken geworfen wider den aufspritzenden Schaum, die sehnigen Arme frei, arbeiteten beide aus aller Kraft, und doch schien es oft, als müsse der rasende See das Schifflein verschlingen und als führen die vermummten drei Gestalten, bald in Wogen- und Wetternacht versenkt, bald hoch auf die Wellen geschleudert und vom Blitze erhellt, die sichere Fahrt des Todes.

Dennoch gewannen sie die Insel.

Als aber Hildegard vor die Tür der Zelle trat, wiederum von dem Lichtstrahl der Lampe beleuchtet, da war sie ein ganz anderes Weib als in jener Märznacht. Ihr edles Gesicht war bleich und abgemagert, die Lippen zornig aufgeworfen, nicht wie einer Büßerin, sondern wie einer Rachegöttin; doch wenngleich das Lebensfeuer auf Wangen und Lippen erloschen schien, so glüheten nun allein die Augen noch feuriger und wilder als je zuvor.

Zitternd sprach sie mit dem leisen klanglosen Tone der tiefsten Leidenschaft: »Längst habe ich gewußt, daß Liebe töricht macht. Und dennoch hätte ich nicht geglaubt, daß sie mich noch einmal in so arge Torheit verstricken könne. Denn es war wohl übertöricht, daß ich mir bei einem achtzigjährigen Mönche Rats holte in der Kunst der Liebe. Verzeih mir, heiliger Mann, aber du weißt ja selber nicht, was Frauenliebe ist! Ich habe Wochen und Monate gerungen, meine Liebe vor mir selbst zu verbergen. Doch je heißer ich rang, je weniger vermochte ich's. Es ging mir wie einem Fieberkranken, der gerne einschlafen will und zählt, betet, singt für sich, um sich selbst zu vergessen und in Schlaf zu senken; aber je bestimmter er sich selbst vergessen will, um so weniger vergißt er sich und findet keinen Schlaf. Dann spricht er wohl zu sich: So mache ich's, daß ich schlafe: ich lege mich auf die Seite, schließe die Augen, jetzt falle ich in Halbtraum, jetzt wird der Schlaf kommen. Aber je mehr er nachdenkt und nachmacht, wie man schläft, um so sicherer fliehet ihn der Schlaf. Ganz so erging es auch mir. Indem ich versuchte, meine Liebe in mir selbst zu vergessen, grübelte ich um so tiefer in meiner Liebe, und nie ist sie mir vernichtender klar geworden, als da ich Tag und Nacht sie zu verbergen sann. Ja, noch mehr. Wie ein Spiel erschien mir nun, was vordem mir so schwer gedünkt, daß ich nämlich meine Liebe verborgen hatte vor der Schwester und dann auch vor Arnulf, wie ein Spiel gegen die Kunst, meine Liebe vor mir selber zu verbergen. Und doch verlor ich nun mit dem letzten Versuch wiederum alles, was ich vorher errungen: indem ich meine Liebe vergebens vor mir selber verbergen wollte, trug ich sie wider Willen nun auch wieder vor Tagalint und Arnulf zur Schau und nahm mit meiner Unruhe beiden erst recht ihre Ruhe fort. Und obgleich sie fragten und sorgten, was mir fehle, wuchs Arnulfs Liebe doch nicht von Tagalint zu mir herüber. Ja, mir scheint, zuwider bin ich ihm jetzt, ein verstimmtes, verblühtes, zerfallenes Weib, wo ich ihm früher nur gleichgültig war. Und nur ein Mittel weiß ich noch nach alledem, meine Liebe völlig zu verbergen: es ist der Tod!«

Ruhig erwiderte der Mönch: »Du hältst dich für ein starkes Weib; ich aber will dir die Geschichte eines wahrhaft starken Weibes erzählen. Sie ist bis auf ein kleines ähnlich der deinigen. Chlotar, der Frankenkönig, war seit vielen Jahren vermählt mit Ingunde und hatte sechs Kinder von ihr. Da bat ihn Ingunde, die er sehr liebte, er möge zu ihrer jüngeren Schwester Aregunde reisen und ihr einen Mann suchen. Aregunde aber gefiel dem Könige so sehr, daß er bei der Heimkehr zu Ingunden sagte: Ich habe deinen Wunsch erfüllt und deiner Schwester den besten Mann gesucht, den ich finden konnte; einen besseren aber fand ich nicht als mich selber. So will ich sie denn statt deiner zum Weibe nehmen, und dies wird dir, wie ich glaube, nicht mißfallen. Da sagte jene: Was meinem Herrn gut getan scheint, das tue er; nur möge ich, deine Magd, auch seiner in der Gnade des Königs leben.«

Da brach Hildegards Stimme wie ein anderer Donner durch den Donner des Himmels: »Leicht konnte dieses fränkische Weib ihre Liebe vor sich selbst verbergen, denn sie besaß keine Liebe! Den Stolz der Liebe zum mindesten hatte sie nicht und viel weniger noch den Zorn der Liebe; und wenn nur die selbstlose Liebe rein sein mag, so wird sie doch nur voll und ganz, wo sie den Stolz der Liebe in sich schließt und den Zorn der Liebe. Jener Chlotar freilich war viel zu schlecht, als daß er des Zornes der Liebe wert gewesen wäre; mein Arnulf aber ist kein solch niederträchtiger Mann, er ist groß und gut, auch wenn er jetzt in der Irre geht, darum liebe ich ihn mit dem vernichtenden Zorn der Liebe!«

Bei diesen Worten trat der zweite Fährmann aus dem Dunkel hervor und warf sich zu Füßen des zürnenden Weibes, als wolle er sich selber ihrem Zorne zum Opfer darbringen.

Es war Arnulf.

Als aber Hildegard erkannte, wer flehend und gebrochen vor ihr lag, vergaß sie den Zorn und fand nur noch die Liebe in der Liebe und zog den Reuigen milde zu sich empor.

Erst seit Hildegard so gewaltig rang, ihre Liebe vor sich selber zu verbergen, hatte Arnulf, aus dem heiteren Spiele mit Tagalint auftaumelnd, die Tiefe der Liebe und des Kummers seiner Gemahlin zu ahnen begonnen. Gangolf, der treue Knecht, half ihm weiter auf der Spur, und so zog er, als dessen Rudergehilfe verkleidet, mit zu Otmars Insel, um hier erst von Hildegards heldenhafter Liebesbuße wie vom Donner gerührt zu werden, daß ihm die ganze Größe ihres Herzens und seiner Sünde mit einem Schlage aufging und der forschende Lauscher selbst in einen Büßer verwandelt ward, der zunächst sein eigen Gewissen zitternd zu durchforschen begann.

Der greise Abt aber sprach: »Es mag wohl über Menschenkraft gehen, daß die Liebe sich ganz vor sich selber verbirgt; aber auch schon das bloße Ringen danach machte die verhüllte Glut dem Auge Arnulfs offenbar, welches die offen lodernde nicht sah. Wer möchte auch einer Liebe widerstehen, die so stark ist, daß ihr sogar die bloße Frage eigennützig dünkt, ob sie wieder geliebt werde! Der Frauenminne vergleicht sich aber die Gottesminne, und darum war es nicht töricht, edle Frau, daß du bei einem achtzigjährigen Mönche dir Rat holtest. Gott lieben, verborgen vor der Welt, ist leicht; schwerer ist es, Gott zu lieben ohne einen Gedanken an Gottes Lohn: aber am schwersten, diese Liebe nicht einmal vor sich selbst im stillsten Herzen zur Schau zu tragen. Ja, das letzte mag wohl dem heiligsten Menschen noch nicht ganz gelungen sein, und so bleibt all unsere Gottesminne ein ungelöster Liebeskampf und unvollendete Liebesbuße. Wir hoffen aber im Himmel auf jene höchste Stufe selbstloser Gottesminne.

Glücklich darum die irdisch Liebenden, die wie ihr im Streben schon den Kampf gelöst und mit leiblichem Auge die Buße vollendet schauen!«

Bei diesen Worten segnete er das Paar mitten in Sturm und Wetter, worin es sich wiedergefunden zum erneuten, heiligeren Ehebund. Und der verhallende Donner rollte sein Amen.

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