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Durch tausend Jahre - Erster Band

Wilhelm Heinrich von Riehl: Durch tausend Jahre - Erster Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleDurch tausend Jahre - Erster Band
publisherF.W.Hendel Verlag
volumeBand 1
editorHans Löwe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidabc90d35
created20070322
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Damals wie heute

1881

I.

Am oberen Rande des Bodensees erhebt sich langgestreckt der Bergzug des Pfänders, und hoch auf einem seiner steilsten Vorsprünge thront die Ruggburg seitab der Straße, welche über Bregenz nach Chur und über den Splügen nach Italien führt. Die Burg, ein Lehen der Grafen von Montfort, lag aus dem Wege und aus der Welt, und doch blickte man von ihren Zinnen so weit hinein in die Welt und auf die verschlungenen Pfade der Menschen, hinüber zum Wellenmeer der Alpengipfel und auf den See, auf Schlösser und Klöster, Städte und Dörfer mit all ihrem wimmelnden Leben.

Der blaue Morgenhimmel wölbte sich wolkenlos über der Burg; im reinen Äther schwebend, ruhte ein Adler hoch über dem Turme, und die Burg mit ihrem Turm ruhte selbst so still und einsam auf dem Felsen wie der Adler in den Lüften.

Es war ein Sonntagmorgen im Mai. Die Burg schien verlassen, man hörte droben keinen Laut; der Wald in den Schluchten rechts und links schwieg wie zur Sonntagsfeier, kein Windhauch bewegte die Wipfel, nur die Glocken von Lindau hallten leise fernher über den spiegelglatten See zur Burg herauf.

Am Fenster der Kemenate saß Irmgart, die Tochter des Burgherrn. Sie las in einem kleinen Buche, kaum so groß wie ihre zierliche Hand; es war kein Gebetbuch, sondern »ein Puechlein Lieder« – das heißt Liebeslieder. Irmgart konnte gut lesen, ganz ohne zu buchstabieren, und etwas mehr als ihren Namen schreiben; sie war die einzige auf der Ruggburg, welche diese schweren Künste verstand, die man damals – im Jahre 1340 – noch »pfäffische Künste« nannte.

Sie las die Lieder jedoch nicht bloß mit dem Auge still für sich, sie sang sie zugleich leise, halb rezitierend, halb im melodischen Volksliederton, und ihre Stimme klang gar süß und rein, da sie so träumend vor sich hin sang:

»Svâ sich liep ze liebe zweiet,
hôhen muot diu liebe gît,
in der beider herzen meiet
ez mit vreuden alle zît.«

Diese Strophe wiederholte sie zum öfteren, immer leiser, immer langsamer, als würden die Töne von der überquellenden Empfindung aufgesogen, und dachte dabei: wenn ich doch selbst so schöne Verse machen könnte wie dieser Ulrich von Liechtenstein!

Ein zwanzigjähriges Mädchen, das so träumerisch sang, »wie's in beider Herzen maiet, wenn sich Lieb' zu Liebe fügt«, mußte wohl selber lieben und ohne Zweifel unglücklich lieben. Allein Irmgart war vorerst bloß eine unglückliche Dichterin, sie kannte die Liebe noch nicht. Zur Liebe gehört auch ein Geliebter. Es war ihr aber noch kein Mann begegnet, der auch nur die glimmende, geschweige die lodernde Glut der Leidenschaft in ihr entzündet hätte. Dennoch ahnte sie die Liebe, weil sie die Liebe zu singen suchte. Sie sah das Bild des Jünglings deutlich vor Augen, dem sie ihr Herz schenken wollte und mußte; sie war in Qualen selig, daß ihr dieses Bild zerrann, indem sie es recht klar zu erfassen trachtete; sie schwelgte in Opfergedanken für ein Wesen, welches nur ihre eigene Einbildung geschaffen hatte.

Und ist es viel anders, wenn solch ein Wesen leibhaftig vor uns steht? Opfern wir uns da am Ende nicht auch wohl einem Gebilde, welches wir uns selbst in unserer Einbildung geschaffen haben? Leben und lieben wir doch allüberall unser bestes Teil in der Einbildung!

Zwei Freier hatten bereits um Irmgarts Hand geworben und waren beide sehr artig heimgeschickt worden; der eine, weil er ihr zu fein, der andere, weil er ihr zu grob dünkte. Keiner von beiden war auch nur des schlechtesten Verses wert gewesen. Und doch hätte sie nicht nein zu sagen gewagt, wenn es ihr der Vater nicht vorgesagt hätte.

Der Vater war nicht nur ihr Vormund, sondern auch ihre Vorsehung; er lenkte ihre Gefühle und Gedanken so gut wie ihr äußeres Leben. Das einsame Kind fand dies so natürlich, daß sie gar nicht weiter darüber nachdachte. Es konnte ja nicht anders sein, und sie liebte ihren greisen Vater so innig. War er doch für sie, die Mutter- und Geschwisterlose, der einzige Freund und Berater.

Die beiden Freier hatten Irmgart nicht gefallen, weil sie ihrem Vater nicht gefallen hatten. Er aber meinte, die heutige Jugend tauge überhaupt nichts – seine Tochter ausgenommen –, und wenn die Jugend schlechter geworden, dann sei auch die ganze Zeit schlecht.

Das Rittertum, so urteilte der alte Ruggburger, entartet zum Räubertum, die Kampfspiele zu Raufspielen, die Minnesänger zu Minnegecken, die nicht um Huld, sondern um Geld werben, die frommen Mönche sind faule Mönche geworden, und die ehrlichen Bürger und Bauern begehrliche Bürger und Bauern.

Fragte darauf Irmgart, ob es denn besser gewesen sei vor fünfzig Jahren, als er geradeso alt war wie sie zur Zeit – schöne zwanzig Jahre alt! – denn er zählte bereits siebzig, die minder schön sind, – so antwortete er:

»Freilich! Vor fünfzig Jahren war es etwas besser und viel besser vor zweimal fünfzig und am allerbesten vor dreimal fünfzig Jahren. Damals, als meines Urgroßvaters Vater jung war und Friedrich Rotbart im Reiche waltete, damals war die allerbeste Zeit.«

Irmgart wurde sehr betrübt, daß sie zufällig in eine so schlechte Zeit geraten war und nicht gleichzeitig mit der Großmutter ihrer Urgroßmutter in den Windeln gelegen hatte. Die beste Welt lag in grauer Vergangenheit, und der Geliebte, welcher sie allenfalls darüber hätte trösten können, schwebte in blauer Zukunft.

Darum suchte sie sich zunächst einen anderen Trost – im Lied und Gesang.

Ihr Vater war aufgewachsen, von Heldensagen und Minneliedern umrauscht; der volle Nachklang jener älteren sangesreichen Ritterszeit, deren Untergang er beklagte, hatte seine Jugend durchhallt; er selbst hatte schön gesungen und bewahrte den reichsten Liederschatz im treuen Gedächtnis. Allein das waren nur alte Lieder, das jüngste zählte etwa hundert Jahre; die neuen Lieder – so! sagte der Ritter – taugen alle miteinander nichts.

Irmgart konnte nicht widersprechen, auch wenn sie's hätte wagen wollen; denn sie hatte ein neues Lied weder gehört noch gelesen. Dergleichen Ware durfte durchaus nicht zum Tore der Ruggburg herein. Trotzdem gelüstete sie's gewaltig nach dieser verbotenen Frucht, die ihr sehr süß dünkte, und da sie keine neuen Lieder eines fremden Sängers hörte, so machte sie sich ganz heimlich ihre eigenen, und die waren doch sicher jedesmal die allerneuesten. Allein die Verse mißlangen ihr grausam, und die Melodie geriet noch weniger, und was das schlimmste: wenn ihr das neue Lied heute gefallen hatte, so fand sie es morgen ganz abscheulich – und dieses Schlimmste war doch eigentlich das Beste an der ganzen Sache. Sie grübelte und brütete oftmals über den Grund ihres Mißlingens und kam zuletzt zu der qualvollen Frage, ob derselbe nicht wohl darin liege, daß sie ein Mädchen sei und kein Junge. Den Frauen war die Kraft des männlichen Armes versagt, sollte ihnen auch die Kraft des männlichen Geistes versagt sein? Sie wurde ganz wild und wütend über diesen Gedanken, konnte ihn aber doch nicht loswerden, denn sie hatte zwar schon von zahllosen Minnesängern gehört, aber niemals von einer einzigen Minnesängen«.

Der Vater wußte sonst um all ihr Tun und Sinnen, nur von ihren Versen wußte er nichts; er ahnte entfernt nichts von ihrem rastlosen, geheimen Ringen nach gereimten Versen und nebenbei auch nach ungereimter Liebe, die sich nicht einmal dem Verse fügen wollte. Öfters schwebte ihr die Frage auf den Lippen, ob es denn zu der Urgroßmutter Zeiten nicht auch Damen gegeben habe, die Lieder erfunden hätten. Aber sie schämte sich zu fragen und errötete beim bloßen Vorsatz.

Eine verdorbene Welt, ungeratene Verse, zielloses Liebessehnen und vollends der Zweifel, ob die Frauen wohl gar nur halbgeratene Menschen seien neben den vollkommenen Männern, – das stimmte traurig zusammen, zumal in den engen, dunklen Stuben der einsamen Burg.

Und doch war das schöne Mädchen auch wiederum so frisch und wohlgemut, wie man's nur immer mit zwanzig Jahren sein mag. Und als sie in der heiligen Stille des Sonntagmorgens jene Verse Ulrich von Liechtensteins vor sich hin sang, die zwar erst achtzig Jahre alt waren, aber doch immer noch weit schöner wie ihre eigenen und aus den schmalen Fensterscharten der dunklen Stube bald hinab ins Tannengrün, bald hinaus auf den weiten Spiegel des blauen Sees blickte, da kam ihr die Erde so schön vor und die Menschen so gut und rein. Und die Erde wird ja immer schöner, – je mehr man sie von weitem betrachtet; und die Menschen sind ja so gut und rein, – wenn man sie recht aus der Ferne sieht.

II.

Im ganzen Lande weit und breit erzählten sich die Leute die seltsamsten Dinge von dem alten Ruggburger und seiner schönen Tochter.

Wir brauchen nur unsere eigenen Wege zu gehen, so heftet sich die Sage an unsere Sohlen, und wir brauchen nur unsere eigenen Gedanken zu haben, so dichten andere Leute ihre eigenen Lügen dazu.

Also hieß es denn von Bregenz bis Konstanz: Ritter Albo von der Ruggburg lebe und verkehre nur mit den Toten, und da die alte Zeit viel besser gewesen als die neue, so glaube er sich stets in der besten Gesellschaft. An hohen Festtagen halte er große Turniere in seinem kleinen Burghof. Da fechte er bald im Tjost, bald im Buhurt mit sämtlichen Paladinen Karls des Großen, mit Siegfried und Dietrich von Bern, mit Lanzelot und Wigalois. In der Tat renne er aber ganz allein seinen Speer wider die Mauer und führe die grimmigsten Hiebe in die Luft.

Auch unternehme er manchmal einen Kreuzzug, indem er tagelang von einem Bauernhof des Pfänders zum anderen reite und dann wieder durch die Schluchten und Wildnisse des Berges sprenge; und habe er endlich den Gipfel erreicht, dann erstürme er ganz allein die heilige Stadt Jerusalem. Siegreich heimgekehrt, lasse er ein großes Bankett rüsten, wobei er freilich nur mit seiner Tochter zur Tafel sitze, aber um die Tafel, die ein elender vierbeiniger Tisch, stünden leere Stühle, und nun bitte der Ritter Herrn Wolfram von Eschenbach, sich niederzulassen, der schon vor mehr als hundert Jahren gestorben, und nötige Herrn Walther von der Vogelweide zuzugreifen, der auch schon ebensolange im Grabe liege, und stoße mit der Jungfrau Edith von Montfort, die vor achtzig Jahren im Bodensee ertrunken sei, auf das Wohl ihres Bräutigams an. Der Reitknecht trage dabei als Truchseß die Speisen auf, und der lahme Torwart kredenze den Wein als Mundschenk. Wenn aber jene erlauchten Gäste nur geisterweise mitäßen, dann sitze der Wirt um so leibhafter zu Tisch und esse und trinke für sechs, wie es seine vollen roten Backen bezeugten. Mit den Toten lebend, bleibe er wunderbar lebendig, und die Luft der alten Zeit schlage ihm trefflich an.

So ward der alte Herr, den man mit der Einbildung bestraft hielt, selber ein Gespenst der Einbildung seiner Nachbarn und die bequeme Zielscheibe ihres Spottes. Seine Tochter aber war der Gegenstand ihres tiefsten Mitleids.

Die unsichtbare und unnahbare Jungfrau galt für ebenso unglücklich als schön. Ihr Vater – so erzählte man – halte sie in dem dicken Burgturm eingesperrt wie in einem Kerker und habe gelobt, daß nur dann ein fremder Mann das reizende Kind sehen oder gar um ihre Hand werben dürfe, wenn er zuvor nach Weise des alten Minnedienstes drei schwere Proben bestanden habe, als zum Beispiel: in voller Rüstung über den Bodensee zu schwimmen, die rebellischen Schweizer wieder unter das Haus Österreich zu beugen, dem Ritter Heinz von Lochau das Trinken abzugewöhnen – oder andere unmögliche Dinge dieser Art. Nur von der allerschwersten Probe, daß nämlich der Bewerber den verrückten künftigen Schwiegervater wieder gescheit machen müsse, sei noch nicht die Rede gewesen.

Wenn Irmgart auch wenig von der Welt erfuhr, so drang doch diese spöttische Nachrede der Nachbarn zu ihren Ohren. Dafür sorgten schon die Diener. Und harmlos, wie sie war, erzählte sie das alles dem Vater lächelnd wieder. Doch bevor sie noch geendet, verging ihr das Lächeln und sie brach ab; denn heiß überlief sie plötzlich der Gedanke, daß sie wohl besser geschwiegen hätte.

Aber der Vater wußte schon längst, was sie ihm sagte und was sie verschwieg und noch viel mehr dazu. Weit entfernt, verstimmt oder erzürnt zu sein, gab er den Leuten recht, die ihm so wunderliche Dinge andichteten, und sprach:

»Sie reden in Bildern von mir und verspotten mich und loben mich doch mit ihrem Spotte, ohne es zu merken. Denn unbewußt urteilen die Menschen oft richtiger in ihrer Bosheit als bewußt in ihrem Wohlwollen. Ja, ich turniere mit Kaiser Karls Paladinen, nicht indem ich mit dem Spieß wider die Mauer renne, wohl aber indem ich ringe, den Geist des echten Rittertums wiederzufinden. Die Leute haben recht: ich mache Kreuzzüge durch den Pfänder von Bauernhof zu Bauernhof und sehe, wie meine Bauern arbeiten, und sprenge durch die Wälder und Schluchten, um die Wölfe zu erlegen, die ihre Herden zerreißen, und die Strauchdiebe zu verjagen, die ihre Hütten plündern möchten. Und wenn wir dann hier beim Mahle sitzen und uns zum Nachtisch an den süßen Weisen Walthers erfreuen oder an den bedenksamen Mären Wolframs, – haben wir da nicht bessere Tischgenossen, als wenn ich die sechs besten Trinker der ganzen schwäbischen Ritterschaft zur Tafel geladen hätte?«

Irmgart sann eine Weile über die Worte des Vaters nach; dann rief sie plötzlich: »Aber was sagst du denn zu den drei schweren Proben, welche die jungen Ritter um meinetwillen bestehen sollen? Ist das auch nur Bild und Gleichnis? Kommen solche Proben überhaupt noch heutzutage vor?«

»Die Sitte ist mehrenteils verschwunden wie so viele andere gute Sitten; aber in meinem Hause halte ich sie aufrecht: die erste Probe für ein Lächeln der Dame, die zweite für ein freundliches Wort, die dritte für einen Händedruck mit den Fingerspitzen. Wer mehr von seiner Dame begehrt, der ist ein Schuft; denn der Minnedienst soll uneigennützig sein!«

»Ach, das ist wunderschön!« rief Irmgart, »und ich wünschte, daß gleich morgen ein Ritter käme. Ich wollte ihm nur eine Probe aufgeben, nur eine einzige, und wenn er sie bestände, dann sollte er das allerschönste Lächeln erhalten.«

»Und welche Probe?« fragte der Alte.

»Keine unausführbare, keine schwere; es ist nicht die mindeste Gefahr dabei. Nur Geduld gehört vielleicht dazu und Eifer und Scharfsinn. Ich fordere keine Heldentat für ein Lächeln. Der Ritter soll mir zur Probe nur eine Nachricht bringen, die man ihm vielleicht schon drei Meilen von hier geben kann; also braucht er nicht einmal weit zu reisen. Bringt er mir aber diese Nachricht nicht, dann soll er mir niemals wieder vor die Augen kommen.«

Der Vater wollte nun durchaus wissen, was das für eine Nachricht sei. Allein mit anmutigstem Eigensinn verweigerte Irmgart jede weitere Auskunft. Sie meinte zuletzt, der Vater ziehe über die ganze Welt vor ihr den Schleier des Geheimnisses und das möge gut und recht sein. Aber dafür wolle sie nun auch wenigstens ein Geheimnis vor ihm haben, ein einziges kleines Geheimnis.

Endlich schwieg der Alte und dachte, sein Kind sei eben ein Kind und mit dem Spielzeug ihres kleinen Geheimnisses habe es ja keine Gefahr; denn der verehrungsbedürftige Ritter werde doch niemals kommen, um sich für ein Lächeln auf Reisen schicken zu lassen. Dafür sei die jetzige Welt zu schlecht, und so sei ihre Schlechtigkeit im vorliegenden Falle eigentlich das Beste an dieser schlechten Welt.

III.

Im Argentale, einen halben Tagmarsch von der Ruggburg entfernt, wohnten drei Brüder auf der Burg Alt-Summerau, drei ledige junge Burschen, die seit ihres Vaters Tode die Burg gemeinsam besaßen – Veit, Lutz und Hartwig. Veit war fünfundzwanzig Jahre alt, ein gewaltiger Haudegen, so stark, daß er sich in voller Rüstung aufs Pferd schwingen konnte, ohne den Steigbügel zu berühren. Lutz zählte dreiundzwanzig Jahre; er liebte es mehr, zu fischen als zu fechten, und war etwas langsam, maulfaul und träumerisch, wie man's leicht wird, wenn man den ganzen Tag ins Wasser sieht. Hartwig, erst zweiundzwanzigjährig, der flinkste und gescheitste von den Brüdern, sah trotz seiner Jugend verwettert und verwildert aus, weil er mehr im Walde als unter Dach lebte; denn seine Leidenschaft war die Jagd. Alle drei, obgleich an Gestalt, Talent und Sinnesart sehr verschieden, hatten als gemeinsames väterliches Erbteil prächtiges brandrotes Haar und große, stark gekrümmte Nasen, weshalb man sie in der Umgegend nur »die drei Nasen von Summerau« nannte.

Von einer Anhöhe unweit ihrer Burg hatten sie schon oft die Ruggburg in dämmernder Ferne erblickt, waren aber aus ihren schwäbischen Hügeln noch niemals herübergekommen zu jenen Bregenzer Bergen; denn Land und Leute sind hier scharf geschieden. Um so mehr hatten sie dagegen gehört von dem wunderlichen alten Ritter und seiner unnahbaren, wunderschönen Tochter, die man nach Art des alten Minnedienstes nur von fernher verehren dürfe. Sie hätten gar zu gern gewußt, ob der Ritter wirklich so närrisch und ob das verzauberte Mädchen wirklich so schön sei.

Da es nun eben Maienzeit war, wo die drei Brüder noch weniger zu tun hatten als in den anderen Monaten, nämlich gar nichts, und die Sonne so gar hell schien, so beschlossen sie, zur Ruggburg zu reiten und den Anblick des schönen Mädchens zu gewinnen unter dem Vorwand ihres Minnedienstes, der zu allen Proben bereit sei.

Sie studierten sich ordentlich ein auf die gerechten Formen dieses Dienstes, von dessen verschollener Torheit sie wohl einiges gehört, aber nicht das mindeste mehr gesehen und erlebt hatten, und dachten sich alles fein aus wie den lustigsten Fastnachtsscherz, obgleich die Kirschbäume schon längst abgeblüht waren und der Mai sich bereits zum Juni neigte.

Allein der Lenz und Sommer war die fröhliche Zeit des Reisens und Gastierens, des Scherzens und Spielens auf den Ritterburgen, der Winter die Zeit der einsamen Langeweile, während die Leute drunten in der Stadt umgekehrt erst im Winter lustig wurden, nachdem sie im Sommer gearbeitet hatten.

Die Brüder von Summerau meinten, bei dem geplanten Spaße könnten sie schlimmstenfalles doch nur von dem alten Ruggburger zum Hause hinausgeworfen werden, was in der guten alten Zeit selbst sehr berühmten Rittern bei unberufenem Minnedienst geschehen sein soll, ohne daß deren Ehre dadurch geschädigt wurde, übrigens sei es ja auch denkbar, daß Irmgart für einen von ihnen in ernsthafter Liebe entbrenne, oder wohl gar umgekehrt, daß sie selbst sich alle drei auf einmal in die schöne Jungfrau verliebten. Letzteres könne zu großem Unglück führen. Darum gelobten sie einander, bei diesem äußersten Falle den Entscheid ganz allein in Irmgarts Hand zu legen, und möge sie wählen, wie sie wolle, so solle keiner den Begünstigten neiden oder feinden.

Nachdem solchergestalt alles vorbedacht war, ritten die drei Nasen von Summerau frohen Mutes aus und brauchten bei den schlechten Straßen über Berg und Tal volle fünf Stunden, bis sie am Fuße des Pfänders hielten.

Hier sperrte eine kleine Vorburg, Halbenstein, den Weg, die vom etlichen Knechten des Ruggburgers besetzt war. Die Brüder erhielten Einlaß und schickten einen Boten auf den Berg mit der Anfrage, ob sie den Burgherrn besuchen dürften. Nach langem Harren kam die bejahende Antwort zurück. Sie wollten sich wieder in den Sattel schwingen; allein die Knechte erklärten ihnen, daß sie die Pferde hier einstellen und sich zu Fuß auf den Weg machen müßten, denn es sei unmöglich, den steilen Pfad zu reiten; wollten sie aber durchaus zu Roß am Burgtor ankommen, dann müßten sie wieder umkehren und den Weg von der anderen Seite über Eichberg nehmen, so einen kleinen Umweg von dritthalb Stunden.

Die Brüder blickten hinauf zur Burg, die ganz nahe, fast senkrecht über ihnen stand. »Und ist noch niemand geradeswegs dahinauf geritten?« fragte Veit die Knechte.

»Allerdings!« erwiderte einer derselben. »Vor langen Jahren traf einmal der Teufel hier in Halbenstein mit dem Burgpfaffen zusammen; da tranken die beiden Brüderschaft in echtem Seewein, und als ihnen dieser Wein so recht in Leib und Seele brannte, beschlossen sie, selbander den Felspfad hinaufzureiten. Und sie kamen hinauf. Aber wie? Das hat kein Mensch erfahren. Man nennt den Weg seitdem die Teufelssteige, und damit der Teufel den Ritt nicht nochmals probiert, hat man oben und unten ein Kreuz aufgestellt.«

»So gebt auch uns eine Kanne von eurem Seewein, und wir reiten hinauf«, rief Hartwig, der struppige Jäger, in tollem Übermut, – »das soll unsere erste Minneprobe sein!« Er hatte aber kaum einen Schluck des sauren Weines getrunken, so setzte er den Becher wieder ab und rief: »Diese Weinprobe ist zu stark! Gebt mir Wasser! Mit solchem Seewein im Leib kann nur der Teufel reiten.«

Und die drei Brüder stiegen lachend zu Pferde und sprengten den Felspfad hinauf.

Anfangs ging es ganz leicht, dann etwas schlimmer, schon glaubten sie, oben zu sein. Da bog der Pfad um die letzte Ecke – links stieg die Felswand senkrecht an, rechts fiel sie senkrecht in die tiefe Schlucht, und dazwischen lag eine schmale, glatte, abgeschrägte Felsplatte, die selbst der schwindelfreie Fußgänger nur mit großer Vorsicht überschreiten konnte. Das war die Teufelsstelle. Veit, der Vorderste, besann sich einen Augenblick, dann aber gab er dem Rosse scharf die Sporen – der Gedanke, daß ein Liebesglück sondergleichen da droben zu gewinnen sei, zuckte ihm wie ein Lichtstrahl durch die Seele! – welches Liebesglück? – das Roß tat einen mächtigen Sprung – es war dem Reiter, als flöge er in die Luft hinauf, ins Blaue – und er haschte ja auch plötzlich nach einer Liebe im Blauen! – allein das edle Tier hatte den unglaublichen Sprung sicher vollbracht – der Reiter erwachte wie aus einem Traume – der steile Pfad war zu Ende. Am Saume eines sanften Wiesenhanges rieselte ein Brunnen, von Tannen beschattet, an welche sich eine Bank lehnte. Dort hielt das zitternde und dampfende Pferd von selber. Das äußere Burgtor lag links, ganz nahe und bequem erreichbar.

Veit blickte zurück nach den Brüdern. Hartwig war ihm auf den Fersen gefolgt, aber mit minderem Glück. Sein Pferd stürzte auf dem glatten Stein, er kam unters Pferd, doch rang das Tier sich wieder auf; auch der Reiter arbeitete sich wieder empor, und es gelang ihm mit äußerster Gewalt, das Tier im selben Augenblicke vom Abgrunde wegzureißen, als es hinabzustürzen drohte. Ein entsetzlicher Schmerz durchzuckte seinen linken Arm, allein es glückte ihm doch, das gerettete Pferd zum Brunnen zu führen. Dort sank er laut stöhnend auf die Bank unter den Tannen.

Durch seinen Sturz hatte aber das unmittelbar hinterdreinsprengende Pferd seines Bruders Lutz nicht frei und sicher ausgreifen können, es brach in die Vorderbeine; der Reiter kam glücklich aus dem Bügel, dann aber stürzte das arme Tier in den Abgrund, wo es tot liegenblieb, während Lutz auf dem Bauche über die Felsplatte hinwegkroch, sich dann mit wunderbarem Gleichmute erhob und ganz gelassen zu den Brüdern am Brunnen schritt.

Die drei jungen Leute hätten wohl zunächst Gott danken sollen, daß sie lebendig davongekommen waren, und dann ihr törichtes Wagstück bereuen. Allein sie taten weder das eine noch das andere. Im Gegenteil. Der Ritt zur Ruggburg, vorher eine Posse, erschien ihnen jetzt wie eine ernsthafte große Tat, da sie ihr Leben daran gewagt hatten. Und wenn sie heute morgen ausgezogen waren, um sich an dem abenteuerlichen Ritter zu belustigen, so waren sie jetzt selbst abenteuernde Ritter geworden.

Zunächst aber stritten sie miteinander und zankten sich aufs brüderlichste. Denn ein jeder behauptete, bei dieser ersten Minneprobe des Preises würdig zu sein, – Veit, weil er als guter Christ siegreich vollführt, was vor ihm nur der Teufel und ein Pfaffe mit Höllenkünsten fertiggebracht habe; – Hartwig, weil er das größte Kunststück gemacht; denn über die Platte möge wohl noch mancher sprengen, aber auf der Platte unters Pferd zu stürzen und doch sich selbst und das Pferd überm Abgrund zu halten, das mache ihm niemand mehr nach, nicht einmal er selber; – Lutz, weil er seiner Dame das größte Opfer gebracht, nämlich einen gut zugerittenen Hengst von sechs Jahren, während seine Brüder gar nichts geopfert hätten.

Sie stritten immer lauter und wilder miteinander, und Veit und Lutz legten eben die Hand ans Schwert, als Ritter Albo von der Ruggburg vor sie trat und sie freundlich willkommen hieß. Er tat, als habe er von ihrem Streite gar nichts gehört und gesehen, und die Erscheinung des stattlichen, frischen Greises war zugleich so ehrwürdig und so herzgewinnend, daß die hadernden Brüder beschämt schwiegen, die Augen niederschlugen und kaum einen Gegengruß zu stammeln wagten.

Der Ruggburger schien ihre Scham und Verlegenheit ebensowenig zu bemerken wie vorher ihren Streit, sondern sprach im gewinnendsten Tone sein Bedauern aus über ihren Unfall, den er von ferne geschaut, tadelte mild ihre Tollkühnheit und lud sie höchst freundlich ein, ihn zur Burg zu begleiten, damit sie sich dort erquickten und ausruhten. Dann untersuchte er Hartwigs Arm, den er für gebrochen erklärte, bot sich selber ihm zur Stütze auf dem kurzen Wege in sein gastliches Haus, wo er Hilfe finden solle, und schickte zwei Knechte in die Schlucht nach dem gestürzten Pferde, das vielleicht noch nicht verendet sei.

Die Brüder folgten ihrem Wirte schweigend; sie vergaßen, warum sie eigentlich hierher gekommen, und empfanden doch die drückende Scham eines unschicklichen Beginnens. Der Alte aber erschien ihnen wie ein höheres Wesen, dem man sich nur demütig und verehrungsvoll beugen könne, man möge wollen oder nicht.

IV.

Im inneren Burghof begrüßte Irmgart die Ankommenden. Hartwig empfand so fürchterlichen Schmerz in seinem gebrochenen Arme, daß ihm Hören und Sehen verging; Lutz war ärgerlich über das verlorene Pferd, über den verteufelten Weg, die verwünschte Burg, den verrückten Ritter, die verhexte Tochter, ja sogar über sich selbst; er hatte kein Auge und kaum einen Gegengruß für Irmgart. Um so schärferen Blick heftete Veit auf die artige Jungfrau.

Sie war nicht groß, aber sie war schlank und zierlich gebaut, sie bewegte sich leicht und anmutig, schüchtern und doch nicht verlegen. Ihr Gesicht war nicht schön, aber fein; ihre Augen waren nur grau, doch aus diesem bescheidenen Grau blitzte Geist und Leben. Veit hatte manches schöne Mädchen in seinen heimatlichen Tälern an der Argen und Schussen gesehen, große, starke, rotbackige Schwabenmädchen, weit handgreiflichere Schönheiten wie diese Irmgart; allein neben jenen war er sich wie ein Ritter erschienen, und neben Irmgart erschien er sich wie ein Bauer.

Alle diese Eindrücke und Gedanken fuhren ihm wie ein Blitz durch die Seele in den wenigen Sekunden, während er sich auf eine recht schöne Anrede besann. Leider sind Gedanken geschwinder als Worte, und Irmgart war so geschwind wie Gedanken. Ehe Veit seine Gedanken in Worte brachte, hatte sie sich zu Hartwig gewandt, dessen gebrochenen Arm sie untersuchen und einrichten wollte; denn nach uralter Sitte übten Frauen und Fräulein die Heilkunst auf den Burgen, und Irmgart verstand sich auf Wunden und Knochenbrüche trotz einem studierten Doktor. Sie gab ihrer Dienerin die nötigen Winke und ging mit ihr und dem Kranken ins Haus, als Veit eben mit seiner Anrede beginnen wollte.

Verblüfft sah er den entschwebenden Gestalten nach. Es war alles so vornehm und ging alles so geschwind auf dieser Ruggburg, so vornehm geschwind wie an einem Fürstenhofe! Denn bei Hofe sind Sekunden Minuten, Minuten Stunden und Stunden Tage; bei Hofe muß man blitzgeschwind sein können in der Artigkeit; Bürger und Bauern sind langsam artig, wer aber bei Hofe langsam artig ist, der wird unartig in aller Geschwindigkeit.

Und so faßte denn nunmehr auch der alte Ritter den innerlich schönredenden Veit und den innerlich räsonierenden Lutz blitzgeschwind unterm Arme und führte sie beide – in das Badezimmer, wo zwei Wannen gerüstet standen mit dampfendem, lauwarmem Wasser. Der Wirt bedeutete den Gästen freundlich, daß sie nach altem Brauch vorerst im Bade sich erquicken möchten, und verschwand, um zwei Dienern Platz zu machen, welche den Brüdern sofort den Rock auszuziehen und die Hosen aufzunesteln begannen, noch ehe sie sich's recht überlegen konnten, ob sie überhaupt baden wollten oder nicht. Sie kamen erst zur klaren Erkenntnis ihrer Lage, als sie beide in den Wannen lagen und die Diener sich wieder zurückgezogen hatten.

Dann lachten sie laut auf. Die Sitte, den von weither zugereisten Gast vor allen Dingen mit einem Bade zu erfrischen, war auf Alt-Summerau schon seit hundert Jahren vergessen. Dem Fortschritt huldigend, zog man dort die sofortige innere Erfrischung durch eine Kanne Wein der äußeren durch lauwarmes Wasser bei weitem vor.

Die heitere Laune der beiden unfreiwilligen Badegäste dauerte jedoch nicht lange. Im Wasser plätschernd, streckte bald der eine, bald der andere den Kopf heraus, um mit dem Bruder zu zanken.

Lutz schalt auf Veit, daß er ihn hierher gelockt habe und schuld sei an dem Verlust seines Pferdes. Er solle ihm nun einmal sagen, was sie denn eigentlich hier wollten.

Auf diese Frage vermochte Veit in der Tat nicht zu antworten, denn er wußte es nachgerade selber nicht recht. Doch meinte er, sie seien zunächst gekommen, um den ehrwürdigen Ritter kennenzulernen, von welchem die Leute so Seltsames erzählen.

»Nicht um ihn kennenzulernen, sondern um uns über ihn lustig zu machen!« verbesserte Lutz brummend, indes er den Kopf bis an den Mund im Wasser hatte. »Aber der ehrwürdige Ritter macht sich jetzt vielmehr über uns lustig!«

Veit erhob sich bis zu den Hüften über den Rand seiner Wanne und belehrte den Bruder mit zornigem Ungestüm, daß der Ritter sich keineswegs über seine Gäste lustig mache, sondern sie vielmehr mit feinster Courtoisie auszeichne. Er, Lutz, verstehe die alten Rittersitten nicht. So sprach jetzt Veit, weil ihm die Tochter so sinnverwirrend in die Augen gestochen hatte, und da ihm die Tochter gefiel, mußte er doch auch den Vater rechtfertigen. »Wir sind aber auch gekommen«, fügte er hinzu, langsam ins Wasser zurücksinkend und mit immer leiserer Stimme, »um die schöne Irmgart zu sehen.«

»Du wirst sie nicht wieder erblicken!« rief Lutz, nun seinerseits hoch aufsteigend, »außer du brichst zu dem Zwecke ein Bein wie Hartwig den Arm. Mir wäre dieses Vergnügen zu teuer.«

»Und wir wollten Minneproben ablegen«, sprach Veit für sich weiter, heftig im Wasser plätschernd, damit er des Bruders ungezogene Worte nicht hörte.

Aber Lutz hatte die seinigen gehört und rief überlaut: »Die erste Probe ist so schlecht ausgefallen, daß mich's nach keiner zweiten gelüstet!« Mit diesem Ausrufe sprang er in ganzer Gestalt aus dem Bade, und im selben Augenblick traten die Diener wieder ein mit blütenweißen großen Handtüchern, um die Gebadeten abzutrocknen. Sie brachten auch ein paar scharlachrote Röcke mit, Gaströcke, wie man sie für Fremde vordem auf den Burgen bereit zu halten pflegte, und legten dieselben den Brüdern an, was namentlich bei Lutz sehr zweckmäßig war, denn dessen Rock war durch den Sturz arg beschmutzt und zerrissen. Die Röcke waren aber nach längst veralteter Mode geschnitten, unmäßig lang, bis auf die Füße vorfallend. Je länger der Rock, desto vornehmer der Mann: so hatten die Alten gesprochen. Bürger und Bauern trugen kurze Röcke. Die Brüder waren trotz ihres Adels den neumodischen kurzen Rock gewöhnt und wußten nicht, wie sie in dem vornehmen Geschlepp gehen sollten.

Etliche Male in Gefahr zu fallen, gelangten sie, von den Dienern geführt, in den Rittersaal, wofern man eine große Stube mit Balkendecke und einem Fußboden von gestampftem Lehm einen Saal nennen konnte. Allein der Boden war mit Tannenzweigen bestreut, die Wände mit alten Waffen malerisch geschmückt, und auf dem Tische prangte neben verheißungsvollen Tellern und Bechern ein riesiger Blumenstrauß.

Herr Albo empfing hier seine Gäste überaus herzlich und hieß sie zu Tische sitzen, auf welchem bald ein großer Wildbraten dampfte, während die Becher mit demselben Seewein gefüllt wurden, den die Brüder bereits in Halbenstein versucht hatten. Der Ritt, der Schrecken und das Bad bewirkten jedoch, daß ihnen das edle Naß gar nicht mehr so entsetzlich sauer vorkam.

Irmgart erschien nicht bei Tische; sie mußte noch weitere Fürsorge für Hartwig treffen, der, von dem schmerzhaften Einrichten des Armes erschöpft, auf des Ritters Lager in tiefen Schlummer gesunken war.

Veit schwebte anfangs in heißer Angst, daß der Alte sie um die Ursache ihres Besuches fragen möchte. Doch dazu war der Ruggburger viel zu sein gesittet; der Gast kam – und man durfte nicht fragen: warum? – er blieb – und man durfte nicht fragen: wie lang? – er ging – und man mußte ihm nachrufen: auf baldiges Wiedersehen! Das war der echte Katechismus patriarchalischer Gastfreundschaft.

Weit entfernt also, die Gäste auszuforschen, bemühte sich der alte Ritter nur, durch ein anregendes und unterhaltendes Gespräch die bescheidene Tafel zu würzen, und da die Brüder fast nur ja und nein sagten, so trug er die Kosten des Gespräches ganz allein. Kein Wunder, daß er zuletzt auf sein Lieblingsthema kam – von den schlechten Zeiten. Der Kaiser war vom Papste gebannt, das Land mit dem Interdikt belegt. Viele Kirchen standen leer, weil die Priester dem Befehl des Papstes gehorchten, der allen Gottesdienst verbot; in anderen wurde geläutet und Messe gelesen, weil die Fürsten die Priester bedrohten, wenn sie des Papstes Befehl befolgt hätten. Das Volk wußte nicht, ob es mehr sündigte, wenn es in die Kirche ging oder wenn es herausblieb. »Sind das nicht schlechte Zeiten?« so fragte zuletzt der Alte.

Veit dagegen meinte, früher sei das alles noch viel schlimmer gewesen, wir wüßten's nur nicht mehr genau. Er habe stets gemeint, daß die Welt immer besser werde, und heute glaube er's ganz gewiß, denn einen so weisen, gastfreien Ritter wie ihren Wirt und eine so holdselige Jungfrau wie seine Tochter habe es früher in der ganzen Welt nicht gegeben.

Statt auf diese Schmeichelei zu hören, fuhr der Alte sehr ernsthaft fort: »Die Zelt ist einem Strome vergleichbar. Er wächst, indem er sich bewegt, wird breiter, tiefer, gewaltiger; unaufhaltsam flutet er vorwärts – die Zeit zur Ewigkeit! Allein der Strom läuft doch nicht immer geradeaus. Felswände verlegen ihm den Weg, Steinblöcke und unsichtbare Risse hemmen seinen Lauf; da tobt er dann in Strudeln über dem Gestein, ja seine Wasser prallen auf der einen Seite wirbelnd rückwärts, während sie auf der anderen gestaut stillezustehen scheinen; – siehe, mein Freund, in solch tückischem Wirbel, der sich ziellos rundum dreht, bewegt sich gegenwärtig das Deutsche Reich. Gebe Gott, daß unser Volk, den Wirbeln entronnen, dereinst wieder majestätisch und segenspendend vorwärtswalle! Ich werde es nicht mehr erleben.«

Lutz, der Fischer, hatte bis dahin geschwiegen und gegessen, jetzt aber war für ihn das rechte Stichwort gefallen, und er begann: »Wo sich über den rücklaufenden Wirbeln das stille Wasser findet, da ist gut fischen, Herr Albo! Und wenn wir wirklich in dieser Zeit der Strudel leben, dann wohnet Ihr auf einer Burg, die sich zum Fischfang eignet wie kaum eine zweite. Ihr versteht mich. Der Bach, welchen ich beim Heraufreiten betrachtet habe, ist nur ein schlechtes Fischwasser, – aber die große Heerstraße da unten böte guten Platz, um den Kaufleuten Angeln und Netze zu legen; die kostbarsten Waren aus Welschland, mehr wert als alle Hechte und Renken des Bodensees, ließen sich da mit leichter Mühe fangen, oder die Krämer müßten mir Schutzgeld zahlen! Allein Ihr liebt das Fischen nicht und beutet das Wasser nicht aus. Andere werden es nach Euch tun. Wir gehen einer schönen Zukunft entgegen, und ich prophezeie, in fünfzig Jahren wird diese Ruggburg die reichste Raubburg des Landes sein. Während des ganzen Tages mußte ich den festen Bau darauf ansehen – von vorn fast unersteigbar, von hinten mit zehn Mann zu verteidigen, diese dicken Mauern, diese breiten Gräben! – und senkrecht über der fettesten Landstraße!«

Veit errötete über die Worte des Bruders und fiel ihm, gegen den Alten gewandt, rasch in die Rede. »Verzeiht ihm, Herr Ritter! Wir sind Brüder von ungleicher Art. Auch ich mußte während des ganzen Tages Euer festes Haus ansehen, aber ich hatte dabei ganz andere Gedanken –«

»Euer Bruder hat recht!« unterbrach ihn der Alte in schwermütigem Ton. »Die nach mir kommen, werden tun, was ich zu tun verabscheute, und in späteren Tagen wird diese Ruggburg die reichste Raubburg sein. Gottlob, daß ich's nicht zu erleben brauche.«

»Ich hatte ganz andere Gedanken«, fuhr Veit fort, als habe er die Zwischenrede gar nicht gehört. »Ich will ehrlich und geradeaus reden; denn schöne Worte kann ich nicht machen. So wisset denn, ich kam hierher, um zu – lernen, zu erfahren – was Minneproben sind; je mehr ich aber Eure Burg betrachtete und vollends deren Insassen, um so schüchterner und doch zugleich auch um so dringender wurde ich in meiner Lernbegier.«

Lutz lachte; Albo aber sprach mit mildem Ernst: »Dergleichen läßt sich nicht lehren. Proben muß man probieren. Und so will ich selber Euch denn gleich eine Probe aufgeben. Sagt an: Was ist Grund und Ursache alles Minnedienstes?«

Veit besann sich eine Weile, dann sprach er: »Wir Männer sind von ganz besonderem Metall. Wo wir ein schönes Mädchen sehen – und schön dünken sie uns fast alle –, da möchten wir ihr sofort huldigen und sie gewinnen. Auf etliche Minuten verlieben wir uns in jede schöne Frau, mitunter auch auf Stunden, Tage, Wochen – zunächst nur in Gedanken, aber diese Gedanken kommen pfeilschnell. Mir wenigstens geht es immer so, und ich glaube, kein anderer Mann darf mich darum schelten, denn wenn er ehrlich ist, dann wird jeder bekennen, daß es ihm geradeso geht. Nun wäre es aber schlimm, wenn wir diese fliegende Hitze überall festhielten und zur Leidenschaft auflodern ließen: die ganze Welt würde in Flammen stehen. Darum soll sich jeder Ritter mit zwei Frauen begnügen. Die eine liebt er offen und geradeaus, wirbt um ihre Hand und heiratet sie. Sie ist das befriedetere, glücklichere und eben darum niederere Wesen. Die andere – das unbefriedete, unglückliche und darum höhere Frauenbild – verehrt er nur heimlich und auf Umwegen, ganz von ferne. Mit Wort und Schwert behauptet er, daß sie die schönste aller Frauen sei, schöner selbst als seine Ehefrau, und er darf es um so fester behaupten, da ihm diese Behauptung nur Ärger und Gram, Streit und Wunden einbringt. Was ist Grund und Ursache solch harten Minnedienstes, der den Alten höchst edel und weise erschien, vielen Neueren aber höchst toll und verrückt vorkommt? Er ist notwendig; denn jenes eine verlockende, allerschönste Mädchen, welches wir in tausenderlei Gestalt in jedem weiblichen Wesen erblicken und für welches wir tausendfältig entbrennen, wird nun wirklich ein einziges Weib – die Dame unseres Dienstes. Sie beschränkt uns, sie verbietet uns, noch irgendeine dritte schön zu finden; opferfreudig übertragen wir auf sie allein den schweifenden Liebesblick für alle Frauen. Wir begehren, um zu entsagen: das ist die Schule der Minne, die Ehe dagegen begehrt man, um zu besitzen.«

Der Alte lobte die Antwort, weil sie ehrlich sei. Doch habe Veit das Schwerste beim Minnedienst zu flüchtig berührt – die Heimlichkeit. »Ihr dürft der Dame nicht sagen, daß Ihr Euch ihrem Dienste weihen wollt; Ihr müßt warten, bis sie ihn begehrt. Aber auch sie darf dies nicht sagen, sie darf es nur erraten lassen. Ihr müßt jeden zum Zweikampfe fordern, der Eure Dame nicht für die schönste hält, dürft aber beileibe nicht merken lassen, daß Ihr dieser Schönsten dient. Ein schweres Kunststück! Vor allem aber dürft Ihr sie nicht um die Aufgabe einer bestimmten Minneprobe bitten; Ihr müßt geduldig warten, bis sie selbst die Probe auferlegt.«

Veit sah den Ritter an, ob er im vollen Ernst oder im halben Spotte spreche; da bemerkte er, daß Irmgart eingetreten war und neben dem Vater stand. Und sie blickte so gut und freundlich mit ihren hellen Kinderaugen zu ihm herüber! Jetzt war die rechte Stunde, jetzt hätte er ihr gerade das alles sagen wollen, was er ihr nach den Worten des Alten eben jetzt durchaus nicht sagen durfte – wegen der Heimlichkeit.

Irmgart war gekommen, um Nachricht von Hartwig zu geben. Einrichtung und Verband des Armes sei gut gelungen, und der Kranke befinde sich recht wohl. Trotz aller Einsprache verlange er aber, sofort nach Hause zurückgebracht zu werden. Sie habe darum eine bequeme Tragbahre mit Polstern belegen lassen, und vier Mann ständen als Träger bereit. Wolle man vor tiefer Nacht noch Alt-Summerau erreichen, so sei allerdings ungesäumt aufzubrechen.

Veit suchte nach Bedenken, er wäre gar zu gern noch etliche Tage dageblieben. Aber der unglückselige Lutz, der wieder zur Unzeit die Sprache fand, drang mit wahrem Ungestüm darauf, daß man Hartwigs Wunsch sofort erfüllen müsse; denn er langweilte sich bereits grausam in der verwünschten Burg.

So gab denn auch der alte Ritter nach und willigte mit höflichem Zögern in die Abreise.

Der Abschied war rasch, aber herzlich. Irmgart drückte den Brüdern die Hand, und Albo rief: Auf Wiedersehen!

Sie nahmen den großen Umweg, den sie beim Heraufreiten verschmäht, nun im langsamsten Schritt zum Tale hinab. Veit grollte, weil er nichts erreicht, als daß ihm Irmgart guten Tag und Lebewohl gesagt hatte. Lutz schimpfte; er rief, ein mageres Mittagessen für ein gutes Pferd, das sei der teuerste Handel, den er je gemacht. Nur Hartwig schwieg und schien ganz stillvergnügt in seinen Schmerzen.

Als sie am Fuß des Berges angelangt waren, ließ er die Träger halten, richtete sich seufzend ein wenig auf und sah zur Burg empor mit langem, unverwandtem Blick. Dann rief er die Brüder herbei, bat sie, sich zu ihm niederzuneigen von den Pferden, und flüsterte ihnen ganz leise ins Ohr: »Ich muß euch ein Geheimnis sagen – nur euch, weil wir's uns gegenseitig vorher gelobt haben: Irmgart hat mir eine Minneprobe auferlegt!«

»Was? wann? wie? wo?« fragte Veit laut, wild aufbrausend.

»Nun, als sie meinen Arm einrichtete!« lispelte Hartwig kaum hörbar. »Sie tat es ungebeten; ich glaube, sie tat's aus Mitleid.«

»Sagte ich dir's nicht, Veit?« rief Lutz lachend. »Du hättest ein Bein brechen müssen, dann hättest auch du eine Minneprobe gekriegt. Aus Mitleid hätte dir Irmgart dann die Probe befohlen, nächstens auch noch den Hals zu brechen!«

V.

Nach der Abreise der drei Brüder sonnte sich der alte Ritter eine Weile im Bewußtsein der feinen Kunst, womit er seine Gäste aufs artigste zum besten gehalten und ihnen eine Lehre, gegeben hatte für ihre Naseweisheit und ihren Übermut.

Ganz besonders freute es ihn, daß er Veit die Aussprache der Minneprobe, welche derselbe offenbar von Irmgart auferlegt haben wollte, vor dem Munde abgeschnitten, indem er ihm als Vorbedingung aller Proben auferlegte, von solchen Proben zu schweigen.

Er erzählte dies Irmgart recht vergnüglich, – da rief diese ganz harmlos: »Die Probe, welche mein Geheimnis ist, habe ich dafür dem armen Hartwig offenbart. Und Hartwig hat von Anbeginn durchaus nicht danach gefragt.«

Also war wenigstens eine der »drei Nasen von Summerau« doch nicht mit langer Nase abgezogen! Und zwischen Lachen und Ärger entdeckte der Alte plötzlich, daß er selber wohl gar eine Nase erhalten habe.

Ungestüm forderte er genauen Bericht.

»Als ich den Arm einrichtete«, begann Irmgart nun etwas verschüchtert, »machte ich Hartwig leise Vorwürfe über den unsinnigen Ritt, und er sagte, den Ritt hätten sie alle drei nur mir zuliebe ausgeführt, um zu zeigen, daß sie zu noch viel schwereren Proben und Diensten bereit seien. Ich entgegnete, solche Wagstücke begehre ich nicht, sondern etwas viel Leichteres, ganz Gefahrloses. Ein Wort gab nun das andere, und dazwischen stöhnte Hartwig bald ganz leise vor Schmerz, bald verbiß er ihn, bald wurde er rot, bald blaß im Gesicht; er begehrte mit keinem Worte mein Geheimnis zu wissen, aber ich offenbarte es ihm zuletzt doch; der arme Mensch sprach ja nur durch seinen gebrochenen Arm, durch das Zucken des Schmerzes, welches auf seinen Lippen zitterte, nicht durch Worte, die darüber gingen. Als bestes Wundpflaster legte ich ihm zuletzt die unbegehrte Probe auf, und das half. Er wurde ruhiger.«

Der Vater wollte nun auch den Inhalt dieser geheimnisvollen Probe wissen. Irmgart besann sich lange und holte weit aus. Sie erzählte von ihren vielen mißlungenen Versen, und der Alte erfuhr jetzt staunend, daß er schon seit Jahren eine heimliche Dichterin im Hause gehabt. Dann schilderte sie ihre qualvollen Zweifel, ob die Schuld der schlechten Lieder nur an ihr selbst liege oder an ihrem ganzen Geschlecht, ob bei allen Frauen die schönen männlichen Verse zwar leicht eingingen in den Geist, aber niemals gleich schöne weibliche wieder herauskämen. Das solle und wolle ihr Hartwig ergründen; denn zunächst wisse er's selber noch nicht, weil er noch gar nicht daran gedacht habe, ob denn die Frauen auch dichten könnten.

»Und warum hast du mich nicht, warum hast du mich nicht schon längst gefragt?« rief der Vater. »Ich muß dies doch besser wissen wie Hartwig, der sich nur um Füchse und Wölfe, um Hirsche und Wildschweine kümmert!«

»Weil du alt bist, lieber Vater, und Hartwig ist jung. Du kennst die alte Zeit so genau; ich will aber gar nicht wissen, ob die Frauen vor hundert Jahren dichten konnten, sondern ob sie's heute noch können.«

»Und weiß es denn Hartwig? Hat er dir den Namen einer einzigen lebendigen Minnesängerin genannt?«

»Nein!«

»Also hast du den unrechten Mann gefragt und hättest mich fragen sollen!«

»Aber kennst du denn eine Sängerin?«

»Nein!«

»Also war es doch besser, daß ich Hartwig fragte. Denn ich gab ihm nun eine Probe auf, die ich dir nicht aufgeben kann. Dies aber ist die Probe: Hartwig soll von Burg zu Burg reiten, von Stadt zu Stadt und überall nachforschen, ob kein Mensch eine Dichterin kennt. Er hofft zuversichtlich, bald ein Dutzend zu finden. Und er soll mir nicht wieder vor die Augen kommen, bis er unter diesen begnadeten Frauen jene Glückliche ermittelt hat, der wir das herrlichste Lied verdanken, ein Lied, das von Land zu Lande fortgesungen wird wie Walthers und Wolframs Lieder.«

»Er wird dir nie wieder vor die Augen kommen!« rief der Alte.

»Nun, so kommt mir vielleicht einer seiner Brüder wieder vor die Augen. Denn Hartwig gestand mir, daß sie sich alle drei gelobt hätten, gemeine Sache zu machen in dieser Minneprobe. Und so werden alle drei auf Reisen gehen nach allen Winden, monatelang, vielleicht jahrelang. Es wäre doch ein Wunder, wenn sie da nicht eine einzige gute Dichterin fänden.«

Der Alte rieb sich zufrieden die Hände und sprach: »Die Brüder kommen alle drei nicht wieder! Du hast ihnen einen Auftrag gegeben, der unmöglicher ist, als wenn sie nebeneinander in voller Rüstung über den Bodensee schwimmen sollten. Und also haben uns die lästernden Spötter doch wiederum nicht zu Fabelhaftes angedichtet. So gewiß die Ströme nicht zu den Bergesgipfeln hinauffluten, so gewiß ist es dem Weibe versagt, zu dichten. Der Mann ist liebesärmer als die Frau, darum gab ihm Gott zum kargen Ersatze, daß er singe von der Liebe; den Frauen aber gab er, was höher ist als das höchste Liebesgedicht, – die reinste Flamme, die tiefste Glut der Liebe!«

VI.

Der Sommer verging, und die Brüder kamen nicht wieder; – der Winter zog durchs Land, und man hörte nichts von ihnen auf der Ruggburg. Der Lenz erschien aufs neue. Die höchsten Matten drüben am Säntis begannen zu ergrünen, die Buchen schatteten mit vollem Laub, und an den Eichen sproßten die ersten zarten Blättchen. Es war ein wunderschöner Sonntag im Mai wie vor einem Jahre, und der blaue Morgenhimmel wölbte sich wie damals wolkenlos über dem See.

Irmgart stand mit ihrem Vater in dem kleinen Burggarten und freute sich der lauen, duftigen Luft, der aufblühenden Blumen und der summenden Bienen. Da meldete der Torwart, daß die zwei Brüder Veit und Hartwig von Summerau gekommen seien und den Herrn und das Fräulein zu besuchen wünschten.

Also hatten sie doch eine Dichterin gefunden! Vielleicht gar zwei!

Herr Albo ging ihnen artig ans Tor entgegen und führte sie – diesmal ohne Umstände, ohne Bad und Gastrock – in den Garten zur Fliederlaube, wo Irmgart sie mit freundlichstem Gruße empfing.

Nach feiner alter Sitte verbannte der Ritter alle Neugier, fragte seine Gäste nicht, was sie brächten und wollten, sondern ließ Wein und Brot auftragen und bot ihnen Platz im Inneren der Laube, wo Blätter und Blüten den Fernblick auf das weite Land wunderschön umrahmten.

Aber die Gäste waren diesmal ungeduldiger, den Zweck ihres Besuchs zu melden, als der Wirt, ihn zu erfragen.

Veit begann, nachdem er sich durch einen tiefen Trunk ermutigt: »Wir wollen beide – jeder für sich und insgeheim – Fräulein Irmgart die Kunde bringen, wonach sie uns vor Jahr und Tag ausgeschickt hat.«

Irmgart sprach: »Mein Vater weiß um das Geheimnis, ja er soll Richter sein über all die trefflichen Dichterinnen, von welchen ihr ohne Zweifel zu sagen, und über all deren schöne Lieder, die ihr zu singen habt. Doch wo ist euer Bruder Lutz? War er nicht auch mit ausgeritten?«

Darauf erwiderte Hartwig: »Lutz blieb das ganze Jahr zu Hause. Es war ihm zu mühsam, Dichterinnen zu suchen; um so fleißiger fing er Fische. Und obgleich er Tag für Tag stundenlang ins tiefe Wasser starrte, sang ihm doch weder das Bodenseeweibchen noch die Nixe der Argen jemals das kleinste Liedchen vor. Nun wagt er's nicht, Euch sofort vor die Augen zu kommen. Er begleitete uns aber bis vor Halbenstein, wo ein Bächlein fließt, umsäumt von überhängendem Erdreich, in welchem sich tiefe Löcher finden. Er behauptet, da müßten die schönsten Krebse sein. Und so will er unten bleiben und krebsen, bis wir etwa unsere Kunde möchten mitgeteilt haben, und damit auch er nicht mit leeren Händen erscheine, will er einen ganzen Korb voll Krebse mitbringen. Im Mai schmecken sie am besten.«

Sooft auch Veit und Hartwig während des Jahres ausgeritten waren nach der Dichterin, hatte doch keiner nach der Heimkehr jemals dem anderen gesagt, was er ausgerichtet habe. Auch jetzt noch hielten sie den glücklichen Fund, welchen offenbar jeder getan, voreinander geheim, und jeder wollte dem Fräulein das Ergebnis seines Forschens allein mitteilen. Dann sollte sie oder der Vater richten und entscheiden.

Veit gönnte dem jüngeren Bruder den Vortritt und ging einstweilen in des Ruggburgers Stall, um die Pferde zu mustern.

Hartwig verbeugte sich tief vor Vater und Tochter und begann zu erzählen, wie er durch Bayern, Schwaben und Franken geritten sei und nirgends eine Dichterin gefunden habe. »Ganz zuletzt, am Ostermontag«, fuhr er fort, »kam ich unterhalb Mainz rechtsab vom Rheine an die Lahn; und wie ich so das enge Flußtal hinaufreite gen Limburg, da hörte ich überall im Feld und auf den Gassen ein Lied singen, das fing an:

›Gott, geb' ihm ein verdorben Jahr,
Der mich gemacht zur Nonne!‹

und ich erfahre, daß ein Mädchen, welches man gewaltsam von ihrem Geliebten getrennt und ins Kloster gesteckt, dieses Lied und diese Weise erfunden habe. Beides aber gefiel so wohl im ganzen Lande, daß das Lied vom vorigen Jahre dadurch völlig verdrängt worden war, welches angefangen hatte:

›Noch ist mir eine Klage not
Von der liebsten Frauen mein.‹

Da unten singen die Leute nämlich jedes Jahr nur ein Lied auf den Gassen, und nach Weihnachten kommt erst wieder ein neues. Im vorigen Jahre nun hatte der Liebende um eben jenes Mädchen geklagt, welches man zur Nonne gemacht, und heuer klagte diese Nonne um ihren Geliebten.«

Hierauf sang Hartwig das ganze Lied der Nonne mit großer Kraft; denn es war wild und heftig, voll heißer Klagen und voll derber Verwünschungen gegen ihre eigene Sippschaft und das Kloster und die Äbtissin und die ganze Klerisei. Wie aber die Nonne heiße und wo sie weile, das hatte er nicht erfahren. Natürlich! Wäre ihr Name kundgeworden, so hätte man ja die eingesperrte Sängerin am Ende gar noch eingemauert.

Hartwig schwieg erwartungsvoll. Irmgart nickte lächelnd. War es ein Lächeln des Behagens oder des Spottes? Herr Albo bat den Erzähler, abzutreten, und ließ Veit rufen.

Dieser begann: »Ich ritt lange kreuz und quer durch Steiermark und Tirol, durch Österreich und die Schweiz und sah und hörte nichts von einer Dichterin. Zuletzt kam ich ins Elsaß. Da zeigte mir der Herr von Rappoltstein ein Lied, wunderschön auf Pergament geschrieben, und versicherte, daß ich auch auf der Frankenburg und auf Lützelstein, auf Nideck und Frönsberg und anderen Schlössern des Landes Abschriften finden könne, weil Lied und Weise gar schön und merkwürdig seien; denn eine Frau habe beide ersonnen. Ich kann nicht lesen; also ließ ich mir das Lied so oft vorsingen, bis es mir fest im Kopfe saß. Es lautet:

»Ich war auf der Wonne Weide,
Als ich seiner Liebe pflag;
Nun geh ich im Herzeleide,
Seit ich ihn nicht haben mag.
O weh, dieser armen Zeit:
Jesu, laß dein Herz mich finden,
Mir zu Trost und Hilf' bereit.«

Hier unterbrach er sich und sagte erläuternd:

»Die Dichterin, die Ärmste, ist nämlich eine Nonne, welche man ihrem Geliebten entrissen und ins Kloster geschleppt hat, und da sie verzweifelt, den Mann ihres Herzens wiederzugewinnen, bittet sie unseren Herrn Christus, daß er ihr zum Ersatz sein Herz schenken möge. Den Namen der frommen Sängerin verrät natürlich niemand, denn auch die frommste Liebesklage ist im Kloster verboten.«

Nach dieser Zwischenrede sang der hünenhafte Veit das Klagelied sehr zart und weich zu Ende. Und so sanft zu singen, ward ihm recht sauer.

Als er schwieg, dankte der Ritter. Irmgart blickte traurig drein. Ob aus Mitleid mit der Nonne? oder mit Veit? oder mit sich selber?

Nun ließ der Alte Hartwig wieder herbeirufen und sprach nach kurzem Besinnen zu den beiden Brüdern:

»Ein jeder von euch hat eine Dichterin gefunden, und zwar ein jeder – eine Nonne!«

»Doch nicht die nämliche?« riefen beide Brüder zugleich.

»Nein! – Die eine lebt im Lahngau, die andere im Elsaß; – die eine zürnt, die andere klagt; – die eine gewann Ruhm bei allem Volke, die andere auf allen Burgen; – beider Lieder werden gewiß unsere Zeit überdauern, sie sind beide das Stöhnen eines gepreßten Herzens, teilnahmvoll wird man sie noch in späten Tagen singen und hören. Das Lied des trotzigen Mädchens von der Lahn ist besser; das Lied der wehmütig entsagenden Elsässerin frommer: ich wage nicht zu entscheiden, welches unbedingt den Vorzug verdient. Aber mir kommt ein schweres Bedenken: eine Nonne ist gar keine Frau; sie ist weniger und ist mehr. Und wenn die Minnesängerinnen nur im Kloster verbotenerweise singen, dann steht es schlimm um die Dichtkunst der Frauen! Sie lernten Lied und Weise finden, weil man ihnen die beste Kraft des Weibes nahm: – Liebe zu nehmen und zu geben. Vielleicht rede ich sündhaft; und so wage ich denn auch keinen Entscheid. Wir wollen ein weiseres Gericht berufen. Doch laßt uns zunächst zu Tische gehen, daß wir dort dessen Zusammensetzung besprechen können.«

Irmgart war verdrießlich, Veit brummte ärgerlich in den Bart, Hartwig runzelte zornig die Stirn, nur der alte Ruggburger bewahrte den heiteren Gleichmut.

Da kam Lutz unangemeldet plötzlich in den Garten gelaufen, trat ohne Umstände in die Laube und stellte einen großen Korb voll Krebse auf den Steintisch.

»Ich habe sie gefunden!« rief er atemlos.

»Die Krebse?« fragte der Alte.

»Ja! Nein! Ja! Die Dichterin! Die beste, ruhmreichste –« Er konnte vor Hast nicht weiterreden.

»Und wer ist sie? wie heißt sie? Sprich!« riefen alle vier.

»Wer sie ist? wie sie heißt? – das habe ich nicht genau behalten. – Aber da kommt sie selbst! – Nur herein in den Garten!«

Alle blickten staunend auf.

Ein Jüngling im Reisekleide erschien mit dem Wanderstabe in der Hand, fast wie ein Pilger anzusehen.

»Aber das ist ja ein Mann!« rief Hartwig.

»Freilich ein Mann!« entgegnete Lutz ganz ruhig. »Doch der Mann kennt die beste Dichterin, ihren Namen, ihren Lebenslauf; er singt ihre Lieder. Er bringt alles mit, was begehrt wird: so habe ich's gemeint. Und er wird euch noch viel schöner erzählen, als er mir's getan. Nur schickt vorher die Krebse in die Küche – es sind Prachtkerle! – und laßt sie sofort in siedendes Wasser werfen; sie kriechen sonst alle miteinander davon.«

VII.

Der Fremde trat bescheiden vor, die Anwesenden grüßend. Sein Gesicht war von der Sonne verbrannt, sein Rock bestaubt, sein ganzer Anzug schlicht und gering. Seine Haltung aber war so vornehm, der schlanke Wuchs so edel, die jugendfrischen Züge so fein, daß alle ihm mit jener Achtung den Gegengruß boten, die wir dem Manne aus bester Gesellschaft zollen.

Zuerst ergriff Lutz wieder das Wort und sprach: »Als ich da unten krebste, trat dieser Wanderer zu mir und fragte mich um den Weg nach Augsburg. Ich gab ihm Bescheid, erkundigte mich aber auch, woher er komme, und da ich erfuhr, daß er aus Italien kommt, wo keiner meiner Brüder noch gesucht hat nach der Dichterin, so leuchtete mir der Gedanke auf, der Mann wisse vielleicht von solchen Frauen jenseit der Berge. Und ich erzählte ihm den ganzen tollen Handel und fragte ihn genau, was begehrt wird, nach dem Wortlaut: ob er in Welschland von einem Weibe gehört habe, dem wir das herrlichste Lied verdanken, ein Lied, das von Land zu Lande fortgesungen wird wie Walthers und Wolframs Lieder. Und denkt euch mein Glück! – der Mann kennt die Frau und kennt das Lied. Er hat mir lange und gar schön davon geredet, daß ich statt in ein Krebsloch in das Loch einer Wasserratte griff, die mir in den Finger biß. Trotzdem habe ich einiges nicht verstanden und das andere nicht behalten. Ich bringe darum den Fremdling selber mit, daß er es euch berichten möge – unter Vorbehalt meiner Ansprüche auf den Preis. Denn wenn ich auch die Dichterin nicht fand, so habe ich doch den Mann gefunden, der die Dichterin gefunden hat, – und eines ist so gut wie das andere.«

Der Fremde nannte seinen Namen – Werner von Winstein – und versicherte, daß er keineswegs um einen Preis werben wolle, der ihm nicht gebühre. Dann fuhr er fort: »Als ich die Frage und Aufgabe hörte, welche das Fräulein gestellt, da stiegen leuchtende, erhabene Bilder aus Welschland in meiner Erinnerung auf, und die Bilder weckten Gedanken, welche vielleicht auf die rechte Spur leiten, jene Frage zu beantworten.

Vor wenig Monden kam ich nach Ravenna, um das Grab eines Dichters zu suchen, der dort in der Minoritenkirche seit achtzehn Jahren ruht. Ich stand da lange Zeit in stiller Andacht wie am Grabe eines Heiligen, und an dieses Grab – so seltsam haschen und finden sich die Gedanken – dachte ich wieder, als ich Irmgarts Frage vernahm. Jener Sänger hat mit seines Geistes Auge die wundersamsten Dinge gesehen, wie sie kein zweiter Sterblicher jemals schaute, und eine Reise gemacht wie kein anderer. Er stieg hinab in die Hölle, drang durchs Fegefeuer und schwebte aufwärts zu allen Sphären des himmlischen Paradieses. Er sah mit Augen die Gerechtigkeit Gottes in der Qual und Sühne von tausend Menschen, die nicht mehr auf Erden wandeln, und die Läuterung und Verklärung von tausend seligen Toten. Womit jene sündigten, damit werden sie gestraft, und das winzige Goldkorn irdischer Tugend erkeimt und erblüht diesen zur Himmelsglorie. Dies alles aber hat der Dichter erzählt in einem Hohenliede sondergleichen. Die Weisesten bemühen sich, die Geheimnisse des Liedes zu entschleiern; das Volk singt seine schönsten Verse auf den Straßen, und der Name des Dichters ist von allen gepriesen, der Name Dantes, des Florentiners, der zu Ravenna starb.

Doch hat Dante sein Hoheslied nicht allein ersonnen. Eine Frau dichtete mit. Kaum neun Jahre alt, sah er Beatrix bei einem fröhlichen Maifeste. Da liebte der Knabe das Kind, wie Kinder lieben. Und als er zum Jüngling herangewachsen war, liebte er die Jungfrau, schüchtern und von ferne sie verehrend wie eine Heilige und doch mit der vollen Liebesglut des Jünglings. Ihr Anblick, ihr Gruß genügten ihm; er war glücklich, wenn er sie in Liedern preisen durfte. Da starb Beatrix. Der Liebende wollte verzweifeln, aber das Bild der Geliebten hob den Dichter empor. Sie erschien ihm als himmlische Trösterin, als die göttliche Weisheit, welche versöhnt, indem sie vom Erkennen zum Schauen führt, und dieses Schauen ward ihm zum Gedicht, und von ihrem Geiste durchgeistet, begann er die Gerechtigkeit Gottes zu singen. Ein Mann, Virgil, der sangeskundige Heide, führte ihn durch die Hölle und auf den Berg der Läuterung, aber durch den Himmel konnte ihn nur Beatrix führen, das reine, geliebte Weib. Sein Auge wird geblendet vom Sonnenglanz des Paradieses, daß er's niedersenken muß; Beatrix schaut in die Sonne, und an ihrem Auge lernt sein Aug' die Sonne ertragen. So webt sich ein Gedicht um das Gedicht. Hätte nicht Beatrix den Sänger mit der höchsten Kraft der Poesie erfüllt, er würde das Gedicht nicht also, er würde es niemals gesungen haben. Darum verdanken wir Beatrix das herrlichste Lied unserer Tage, ein Lied, das von Land zu Land wird fortgesungen werden wie Walthers und Wolframs Lieder. Allein diese Beatrix lebte nicht bloß gestern, sie lebte auch vor tausend Jahren, sie lebt heute und wird wiederkommen in nahen und fernen Jahrhunderten, anders geartet, anders genannt: die Dichterin, welche niemals einen Reim und Vers gemacht und der wir doch die schönsten Lieder danken. Und wo nur ein Sänger kommen mag, der die tiefste Menschenbrust bewegt, der wird auch seine Beatrix gesucht oder gefunden oder verloren haben. Das Weib macht den Mann zum Sänger. So mögen denn die Frauen leicht verschmerzen, wenn ihnen etwa die Gabe der Erfindung und des Wortes minder eignet als dem Manne; sie bewegen uns die Seele, daß wir schauen und schaffen, und lösen uns die Zunge zum rechten Worte und zum rechten Ton.«

VIII.

Alle schwiegen, als Werner geendet. Irmgart schlug die Augen nieder, um ihre tiefe Bewegung zu verbergen.

Der alte Ritter erhob sich und schüttelte Werner schweigend die Hand; dann sprach er: »Das waren ganz meine Gedanken, nur kann ich sie so schön nicht fassen. Ja, so war es in der guten alten Zeit: die Frau kämpfte, indem sie den Mann ermutigte; die Frauen dichteten, indem sie die Männer beglückten. Ich habe dies Irmgart schon längst gesagt. Allein ich möchte noch mehr hören von der Reise durch Himmel und Hölle. Bleibt etliche Tage bei uns, Herr Werner, seid mein Gast! und versucht es, in schlichtem Deutsch uns nachzuerzählen, was der Florentiner in seiner zarten toskanischen Zunge verkündet hat. Auch ihr bleibt meine Gäste: Veit, Hartwig, Lutz! Und wenn euch das lange Lied langweilt, dann kann Veit Rosse tummeln, Lutz Fische fangen, Hartwig Hirsche jagen; in fröhlicher Tafelrunde aber werden wir uns alle wieder zusammenfinden.«

Veit nahm die Einladung für sich und seine Brüder an. Vorerst aber wolle er ein ernstes Wort reden. »Die Minneprobe«, so begann er, »ist noch nicht entschieden. Mir ist die Sache zu fein, als daß ich erraten könnte, wohin der Entscheid fällt; mag er fallen, wie er will, was ich zu sagen habe, trifft einen anderen Punkt. Ich versprach auszureiten für ein Lächeln, hatte aber dabei doch einen Hintergedanken, der immer mehr zum Vorgedanken, ja zum führenden Gedanken wurde, je weiter ich durch die Lande ritt. Ja, ich glaube, ohne diesen Gedanken hätte ich die singende Nonne an der Lahn so wenig gefunden wie der Florentiner das Paradies ohne seine Beatrix. Ich hoffte und hoffe, Irmgart zu gewinnen als Frau. Und so werbe ich bei Euch, Herr Ritter, jetzt in aller Form und vor diesen Zeugen um Eurer Tochter Hand.«

Er hatte kaum ausgesprochen, als ihn Hartwig mit einem bitterbösen Seitenblicke hinwegschob und dazwischenrief: »Wie kannst du so plump herausfahren, bevor du weißt, was anderer Leute Gedanken sind! Jetzt muß ich bekennen, was ich erst bekennen wollte, nachdem ich Irmgarts Sinn erforscht haben würde. Nun aber muß es heraus. Auch ich hoffte und hoffe auf Irmgarts Hand. Mag die Elsässer Nonne gewinnen oder verlieren, – das war Minnedienst, in welchem ich gern dem Bruder weiche. Aber in der Brautwerbung weiche ich ihm nicht; Irmgart selber soll entscheiden, und so lege ich denn diese Werbung Euch, mein Fräulein, und Euch, Herr Ritter, hiermit allen Ernstes zu Füßen.«

In diesem Augenblicke brachte ein Diener die Krebse auf einer großen Schüssel; sie waren so schön rot geworden und so anmutig mit Petersilie verziert, daß er sie als ein Schaugericht zunächst in der Laube vorzeigen und zugleich die Herrschaften zu Tische rufen wollte.

Doch Lutz schob die Krebse, den Diener und die beiden Brüder zornig beiseite und sprach: »Die Minneprobe habe ich ohne Zweifel gewonnen, denn hätte ich den Wandersmann da nicht gefunden, so wüßtet ihr alle miteinander nichts von Dante und Beatrix, welches die größte Dichterin ist. Irmgart versprach zwar dem Sieger höchstens die Fingerspitzen; ich aber hoffe, sie gibt mir die ganze Hand. Wenn ich das lange Jahr hindurch am Bodensee oder am Schleinsee, am Degersee oder Muttelsee, an der Argen oder an der Schussen fischte, dann sah ich immer ihr Bild in der blauen Tiefe, bis es zuletzt durch die Forelle verdrängt wurde, welche an der Angel anbiß. Ohne Irmgart hätte ich nicht halb so oft dem edlen Fischfang obgelegen. Die Frauen fischen, indem sie die Männer ans Wasser locken; – das vergaß jener weise Fremdling vorhin noch seinen schönen Worten hinzuzufügen. Jetzt aber will ich Ernst machen aus dem Spiele und sage in aller Bescheidenheit, daß es mich sehr glücklich machen würde, Irmgart als Gattin heimzuführen.«

Der alte Ruggburger hätte in lautes Lachen ausbrechen mögen, wenn er nicht erschrocken wäre über diese unerwartete dreifache Werbung.

Noch sann er auf die passendste Antwort, da erhob sich die sonst so schüchterne Irmgart und sprach mild und freundlich, doch mit einem so festen, sicheren Ausdruck, wie ihn der Vater bis dahin niemals bei ihr beobachtet hatte: »Mich dünkt, keiner von euch dreien, ihr ritterlichen Brüder, hat die Aufgabe gelöst, welche ich gab, und auch Herr Werner löste sie nicht; allein er befreite euch und mich von dieser Aufgabe. Meine Minneprobe war ein törichtes und gefährliches Spiel. Mein Wunsch, in fremder Frauen Dichterruhm die Hoffnung auf eigenen Ruhm zu nähren, war eitel. Dies lehrte mich des Wanderers Bild und Wort. Doch euch allen gebührt mein voller Dank, und wenn ein herzliches Wort ihn geben kann, so ist er euch gegeben. Fordert nicht mehr von mir. Mein Vater hat euch, Veit und Lutz und Hartwig, kaum zu Gast gebeten; nun klingt es rauh, wenn ich sage: ihr werdet jetzt diese Einladung nicht annehmen wollen, weil euch allen dreien nach dem, was ich – nicht gesagt, der Aufenthalt in diesen Mauern zunächst peinlich sein dürfte. Als Freundin reiche ich euch die Hand zum Abschied, und wenn die Zeit den Mißklang dieser Stunde in eurem Gedächtnis getilgt hat, dann kommt als liebe Gäste wieder!«

Sie reichte ihnen die ganze Hand, aber Veit und Hartwig ergriffen jetzt nur die Fingerspitzen und Lutz nicht einmal diese.

Mit Groll im Herzen verließen die drei Brüder die Burg, Veit mit mürrischem, Hartwig mit spöttischem Lebewohl, Lutz aber ganz stumm wie ein Fisch.

Erst am Brunnen vor dem Tore fanden sie untereinander die Worte wieder. Es war an derselben Stelle, wo sie sich vor einem Jahre so brüderlich gezankt hatten über ihre erste Minneprobe. Jetzt, nach der letzten Minneprobe, waren sie ganz einig, einig in ihrem Ärger, in ihrem Zorn und in dem Vorsatz, Rache zu nehmen an dem Ruggburger, an seiner Tochter, vorab jedoch an dem fremden Gecken, den Lutz selber auf die Burg gebracht hatte, damit sie alle drei von ihm heimgeschickt würden.

Denn sie gingen, – Werner von Winstein aber blieb.

IX.

Ein neues Leben begann auf der Ruggburg.

Es deuchte Irmgart, als wandere sie nun an Werners Seite hinaus in die weite Welt, nach der sie sich so lange gesehnt. Trotz seiner jungen Jahre war Werner ja so weit umhergezogen durch Deutschland und Italien und erzählte so schlicht und gut von fremden Landen und Leuten. Und er kannte nicht bloß diese lichte Erde, die von der warmen Sonne bestrahlt wird, auch von jenen dämmerig geahnten Reichen jenseit des Grabes wußte er zu reden; er schilderte nach des alten Ritters Wunsch die Wanderung Dantes, wie sie ihm im Gedächtnis stand, und seine Rede ward dabei mitunter zum Gedicht, und die Terzinen des Florentiners verwandelten sich von selbst in deutsche Reimpaare.

Zum Lohne zeigten ihm dann Albo und Irmgart ihre eigene kleine Welt, die Burg und den Berg, und fühlten ihn durch die Schluchten und Wälder und zu den Hütten und Höfen des Pfänders. Auch das kleinste Stückchen Erde ist ein Spiegelbild der schönen weiten Welt, wenn wir's mit dem rechten Fernblick betrachten. Am liebsten aber schaute Werner von den Zinnen der Burg hinunter in den stillen blauen See und dann zur Seite in Irmgarts klare Augen; hier wie dort fühlte er sich hinabgezogen zu unergründlichen Tiefen.

Von Dantes ernstem Gedicht erzählte er nur am Morgen; des Abends sang er wohl manch kleines Lied, das er selbst ersonnen hatte, und da er jedesmal Bilder und Worte des vergangenen Tages in die Verse wob, so erhielt fast jeder Tag seinen eigenen Gesang. Irmgart versuchte, diese Beute schöner Stunden festzuhalten und die Verse hinterher aufzuschreiben. Aber es gelang ihr niemals ganz; die Hand zitterte, die Feder versagte, und ihre Gedanken flogen mit den Versen davon.

Ans Dichten dachte sie selbst aber gar nicht mehr. Sie schämte sich sogar ihrer früheren Versuche und wollte nicht einmal für sich daran zurückdenken; es dünkte ihr so überflüssig zu singen, da Werner so viel schöner sang. Oftmals wiederholte sie sich dagegen jene Verse Ulrich von Liechtensteins, »wie's in beider Herzen maiet, wenn sich Lieb' zu Liebe fügt«, und gedachte des einsamen Maimorgens vor Jahr und Tag. Sie glaubte, die Worte jetzt erst ganz zu verstehen.

Auch der alte Ritter fand täglich größere Freude an dem jungen Freund. Staunend entnahm er aus Werners Erzählungen von seinen Reisen wie aus dessen eigenem Wesen, daß die Menschen ganz anders geworden seien seit seinen jungen Jahren und seit er vereinsamt war auf der Ruggburg. Dieser junge Mann aus ritterlichem Geschlecht hatte in Padua und Bologna studiert! Er hatte viele Bücher gelesen und in der Stadt der Philosophen, in Paris, mit gelehrten Häuptern disputiert, als ob er im Kloster aufgewachsen wäre, und doch schwang er das Schwert und tummelte das Pferd so gut wie der Alte, der nicht lesen und schreiben konnte. Was war das für eine neue Jugend? Und jener Florentiner Dichter, der die ritterlichen Sänger niedersang wie Walther von der Vogelweide den Heinrich von Ofterdingen im Wartburgkrieg, war ein Stadtkind, kein Burgensohn, – aus edlem Geschlecht zwar und doch ein Gelehrter, – ein tapferer Reitersmann in der Schlacht und ein Ratsherr hinter den Stadtmauern! Hier am Bodensee versank das Rittertum im Räubertum, aber hinter den Bergen, in den Städten, nicht auf den Burgen, erhob sich eine neue Ritterschaft des Geistes.

Wir denken uns Propheten gern als alte Männer mit langen grauen Bärten, und doch sind die Jünglinge, denen der erste Flaum am Kinne wächst, die wahren Propheten der Zukunft; – wenn wir sie nur klar durchschauen.

Irmgart und ihr Vater hatten beide gefunden, was ihnen bisher gefehlt: der Vater einen jungen Freund, bei dessen Anblick ihm seine eigene Jugend wiederblühte und bei dessen Worten es ihm war, als ergieße sich ein Morgenrot mit glühendem Widerglanz über die Alpengipfel; und Irmgart den ersten jungen Mann, der eines Liedes würdig war, von dem sie lieber singen als sagen mochte, von dem und vor dem sie aber nicht singen konnte, – weil sie ihn liebte.

Es war eine glückselige Zeit auf der Ruggburg – ganze zehn Tage lang, die Werner dort weilte, und sie flogen dahin wie zehn Stunden.

Und als der zehnte Tag gekommen war, hatten sich Werner und Irmgart ewige Liebe geschworen, und der alte Ritter hatte Amen dazu gesagt.

Man beschloß, daß Werner, nachdem er zu Hause auch der Seinigen Beistimmung gewonnen, in Monatsfrist zurückkehren solle, um in aller Form der alten Zeit vor Zeugen um Irmgarts Hand bei ihrem Vater zu werben. Dem Verlöbnis sollte dann alsbald die Hochzeit folgen. So reiste er ab nach schmerzlich-süßem Lebewohl.

X.

Der Monat verging, aber Werner kam nicht wieder. Auch kein Brief, kein Bote kam.

In der verzehrenden Unruhe, in der Öde und Angst ihres Herzens gewahrte Irmgart erst ganz, wie tief sie Werner liebe; im aufkeimenden Glücke jener kurzen zehn Tage hatte sie dies gar nicht ganz zu fassen vermocht.

Sie wartete weiter, Woche um Woche. Alles blieb still, keine Spur von Werner. Die zehn Maitage waren wie zehn Stunden dahingeflogen; jetzt dauerten die Stunden tagelang.

Endlich erfuhr man auf der Ruggburg, daß Werner gar nicht nach Hause zurückgekehrt und daß man auf Winstein im Elsaß nicht minder besorgt sei über den Verschollenen als am Bodensee. War ihm ein Unfall zugestoßen? Hatte man eine Gewalttat an ihm verübt? Längs des Weges, den er hätte nehmen müssen, wurde nun von beiden Selten nachgeforscht, doch ohne Erfolg.

Die Qual des Harrens, während wir eine Unglücksbotschaft heranschleichen sehen, bohrt und nagt tiefer in unserer Seele als der Schmerz beim Anblick des vollendeten Unheils. Das empfand Irmgart. Sie suchte ihren Trost in der Erinnerung, sie suchte sich zurückzuleben in die zehn glücklichen Tage, um die grausame Ungewißheit so vieler Wochen überdauern zu können. Sie rief sich jedes Wort, jedes Bild jener Zeit ins Gedächtnis. Am leichtesten vergaß sie die gegenwärtige Pein, wenn sie die Lieder, welche Werner ihr jeden Tag gesungen, wie man der Geliebten jeden Tag einen frischen Strauß überreicht, wieder aufzuwecken und nachzusingen unternahm. Allein sie hatte damals zu tief in des Sängers Auge gesehen, als daß sie auch nur ein einziges Lied Wort für Wort sich eingeprägt hätte.

Dritthalb Monate waren verstrichen. Da drang die dunkle Sage zu Ritter Albos Ohren, Werner sei von Veit von Summerau erschlagen worden an dem Tage, wo er von der Ruggburg hinweggeritten. Ein Bauer von Egghalden habe es gesehen, aber aus Angst bisher verschwiegen. Der Alte ritt hinüber nach Egghalden, welches nur eine starke Stunde entfernt auf der jenseitigen Höhe des Leiblachtales liegt. Er fand den Bauer, und dieser erzählte nach langen Ausflüchten und Umschweifen, er habe am St.-Margaretentag (und dies war der Tag von Werners Abreise) eine verlaufene Kuh im Walde an der Leiblach gesucht; da habe er einen jungen Mann mit langem dunklem Haar, der fast wie ein Pilger gekleidet gewesen, die Straße von Hörbranz herüberreiten sehen. Am Waldsaum, in der Nähe des Locherstegs, habe Veit von Summerau mit seinen Brüdern und drei Knechten dem Fremden den Weg vertreten; sie hätten heftige Worte gewechselt, die er nicht verstanden, und zuletzt zu den Schwertern gegriffen. Da sei er tiefer ins Gebüsch gekrochen und habe seinen Blick abgewendet; denn er könne nicht zusehen, wie Christenmenschen einander umbringen, obgleich er's schon oft habe sehen müssen. Nach längerem Getöse und Geklirr sei es still geworden; da habe er sich unter dem Schutz der Bäume wieder etwas näher geschlichen und deutlich bemerkt, daß die Knechte den blutigen Leichnam des Fremden fortgeschleppt hätten, die drei Brüder aber in wilder Hast vorausgesprengt seien. Aus Angst, von den Knechten noch mißhandelt oder gar totgeschlagen zu werden, sei er nach der entgegengesetzten Seite davongelaufen und habe sich gelobt, keinem Menschen je ein Wort von dem Erlebten zu sagen; denn Zeuge von vornehmer Herren Händeln zu sein, bringe immer Gefahr. Doch habe er leider den Mund nicht lange halten können und unlängst unter guten Freunden von der Geschichte geredet. Nun sei die Sache landkundig geworden, aber er bitte den gnädigen Herrn um Gottes Barmherzigkeit willen, sich bei den drei Brüdern nicht auf seinen Bericht zu berufen.

Am nächsten Tage schickte Albo einen befreundeten Ritter, den Vogt von Rudolfseck, nach Alt-Summerau und ließ Veit fragen, ob er mit seinen Brüdern am St.-Margareten-Tag Herrn Werner von Winstein erschlagen habe, ob es im Überfall oder im ehrlichen Zweikampf geschehen sei und wohin sie die Leiche verbracht hätten.

Veit erwiderte, er halte sich nicht verpflichtet, dem Ruggburger Rede zu stehen. Wenn er den fahrenden Ritter erschlagen habe – er sage aber durchaus nicht, daß er's getan –, so könne dies nur in gerechtem Kampfe geschehen sein, und das sei seine Sache, die Herrn Albo nichts angehe. Außer dieser geschraubten und zweideutigen Antwort war nichts Weiteres aus Veit herauszubringen. Hartwig sagte mit anderen Worten ungefähr dasselbe, was Veit gesagt hatte, und Lutz sagte gar nichts.

Die schlimme Kunde war Irmgart nicht verborgen geblieben, und ihr Zustand wurde täglich bejammernswerter. Von innerster Unruhe erbebend, glich sie einer Fieberkranken. Kein Zureden des Vaters verfing mehr; sie wurde doppelt aufgeregt, wenn er noch irgendeine Hoffnung bei ihr zu wecken suchte, an die er selbst nicht mehr glaubte. Den größten Teil des Tages verbrachte sie schweigend mit ihrer Dienerin, die gleichfalls schwieg, in der Kemenate und blickte ins Weite, auf den See und auf die Alpengipfel. Wollte sie sich eine bessere Stunde machen, dann sann und sann sie, die Verse Werners wiederzufinden und in ein Büchlein zu schreiben, aber es gelang ihr immer nur stückweis. Und dann dachte sie wieder jener Wanderung durch Himmel und Hölle nach, wie sie Werner aus dem Munde des Florentiner Dichters erzählt hatte, und pries Beatrix glücklich, die sterben durfte, um dem Liebenden das Leben zum Gedicht zu machen und ihn durch das Gedicht des ewigen Lebens zu geleiten. Sie meinte, ihr sei umgekehrt das herbere Los zugefallen: im Tode führe sie der Geliebte nach kurzen Paradiesestagen durch alle Qualen irdischen Leides.

Während sie aber fort und fort diese Gedanken wälzte, begann sie ganz leise vor sich hin zu singen, sie selbst und die Dienerin und die ganze Welt da draußen vergessend:

»Manch helles Lied hat er gesungen, – als er mein Herz bezwungen. – Da starb er mir! – Mit ihm erstarben seine Lieder. – Ich hätt' so gern sie in ein Buch geschrieben, – daß sie mein Trost für alle Zeit geblieben: – und finde Wort und Weise niemals wieder.«

Die Dienerin horchte auf und staunte, daß Irmgart singend und in Reimen sprach. Aber sie wagte nicht, die Bleiche, Fieberkranke zu unterbrechen. Diese fuhr fort, immer leise:

»Er zeigte mir die Pfade – vom Schlund der Hölle zu dem Berg der Gnade, – zum Paradies, – die Dantes Seherblick gefunden, – als ihn Beatrix hob zum ew'gen Lichte – und Liebesleid sich wob zum ewigen Gedichte, – zum Lied, das lindernd schloß des Sängers Wunden.«

Irmgart hielt lange sinnend ein, dann fuhr sie fort:

»Ich walle andre Wege, – verlorner Liebe trostlos steile Stege – vom Licht zur Nacht: – doch winkt mir stiller Friede, – unsichtbar führt mich Werners Hand zum Grabe, – süß wird der Schmerz, den ich erduldet habe, – gedenk ich sein im armen kleinen Liede.«

Das sang sie so hin, bald sinnend zurückhaltend, bald eilend und drängend in erklingenden, verschwebenden Tönen, die sich ungesucht zur schlichten, ergreifenden Melodie verbanden. Und die Gedanken hatten das Wort gegeben, das Wort gab den Reim, die Reime den Vers – alles von selber.

Sie ward ruhiger. Dann begann sie wieder von vorn. Nun aber rundeten sich die Verse und Strophen, die langen und kurzen Verse glichen sich aus, die vorhin halb freie, halb gebundene Rede schmolz zum wirklichen Liede zusammen.

Als sich Irmgart wiederholt daran satt gesungen hatte, wußte auch die Dienerin Wort und Weise bereits auswendig. Und aus ihrem Munde kam das Lied zu anderer Leute Mund. Geriet doch die ganze Gegend nunmehr erst in Aufregung wegen des Mordes, der an dem Fremden verübt war, wegen der Feindschaft des Ruggburgers und der Summerauer, wegen Irmgarts und Werners Liebe, wovon man jetzt erst erfuhr, und vorab wegen des wunderschönen unsichtbaren Fräuleins und ihres unsäglichen Liebesleids, in welchem sie dem Geliebten nachsterbe.

Das Lied sang sich weiter von Ort zu Ort, zugleich aber veränderte es sich, indem es wanderte. Die Leute ließen Dante und Beatrix hinweg, von denen sie nichts wußten, und statt der Hölle und des Himmels des Florentiners setzten sie ihre eigene wohlbekannte Hölle und ihren eigenen gewöhnlichen Himmel hinein. Sie kürzten und längten. Und wie das Lied sich gleichsam von selbst gedichtet hatte, so verwandelte es sich auch unter der Hand von selbst zum Volksliede. Die einfachsten, wahrsten Verse aber blieben, und Irmgarts schlichte Melodie behauptete sich nicht minder.

Wo man sich von den geheimnisvollen Geschichten der Ruggburg erzählte und die dürftige Kunde zur Sage ausschmückte, da sang man auch das Lied dazu. So ertönte es binnen vierzehn Tagen schon im ganzen Lande, dasselbe Lied und doch ein anderes.

Das Volk ergreift und gestaltet Sang und Sage rasch oder langsam, je nachdem der Pulsschlag seines Gemütes von den Ereignissen rascher angetrieben oder träge zurückgehalten wird.

XI.

Herr Albo war inzwischen nicht müßig geblieben.

Er verklagte die Brüder von Summerau bei seinem und ihrem Lehnsherrn, dem Grafen von Montfort, wegen Überfall und Totschlag, fand aber kein Gehör. Er ließ sich eine Klage aufsetzen, die er an den Kaiser schickte; aber der Kaiser war damals nicht zu Haus, und es war überall weit zu seinem Throne, und also kam zunächst auch keine Antwort.

Da riß dem Alten die Geduld, und er ließ den Summerauern Fehde kündigen und ihnen sagen, daß er sie ergreifen werde, wo er sie fände, und sie in seinem Turme zwingen werde, Red' und Antwort zu stehen, auch Sühne zu leisten für den Erschlagenen.

Mehrere Ritter der Gegend ergriffen Partei für ihn, doch die meisten Nachbarn erhoben sich für die drei Nasen von Summerau; denn der vereinsamte, strenge, altmodische Ruggburger war keineswegs beliebt bei der gewalttätigen Jugend des Landes. Am ganzen Bodensee war es unruhig; die Parteigänger bedrohten und beschädigten sich von Burg zu Burg. Die Bauern aber, welche im stillen dem volksfreundlichen alten Herrn anhingen, nannten diesen Kleinkrieg, der halb geheim, halb offen geführt wurde, die Nasenfehde.

Endlich gelang es Albo mit seinen Knechten, die Brüder unweit ihrer Burg zu überraschen. Es war ein Herbsttag; die dicken Nebel des Bodensees hatten sich ins Hügelland hereingewälzt bis zu den Wäldern am Degersee, wo Veit und Hartwig jagten. Unvermerkt hatten des Ruggburgers Leute die Jäger umstellt, und als plötzlich die Sonne durch den Nebel brach, brachen auch die Feinde aus dem Dickicht und forderten jene auf, sich zu ergeben. Der gewaltige Veit aber schlug sich durch, und Hartwig, der Gegend kundiger als die Angreifer, entkam nach heißer Verfolgung in den schluchtigen, dicht verwachsenen Wäldern.

Zu gleicher Zeit hatten einige andere Knechte Albos das Ufer des nahe gelegenen Degersees abgegangen. Da sahen sie Lutz von ferne, wie er mit der Angelrute auf einer kleinen Landzunge stand und unverwandt ins Wasser blickte. Der größte Hecht hatte angebissen, und mit unerschöpflicher Geduld ergab sich nun der Fischer dem seltsamen weidmännischen Vergnügen, das arme Tier so lange an der Angel im Wasser hin- und herzuziehen und sich abzappeln zu lassen, bis es so matt geworden war, daß er's sicher an der dünnen Angelschnur aufs Land heben konnte. Das dauerte wohl eine halbe Stunde, und Lutz merkte gar nicht, daß des Ruggburgers Knechte schon lange hinter seinem Rücken standen und zuwarteten, daß der schöne Fisch nicht verlorengehe. Sowie aber Lutz endlich hocherfreut den todmüden Hecht mit sicherem Zuge aufs Ufer warf, griffen jene ihn selbst an den Armen und im Nacken, banden ihn, ehe er sich nur zur Wehre setzen konnte, und nahmen jubelnd den Fischer samt dem Fische mit, welch letzteren sie nachher zum Frühstück verzehrten.

So wurde die Auffahrt des alten Ritters schließlich doch noch mit Erfolg gekrönt.

Lutz wanderte in den großen dicken Turm der Ruggburg, wo er bei Wasser und Brot nachdenken konnte, ob und wie er Herrn Albos Fragen beantworten wolle. Allein er beantwortete diese Fragen des Vaters so wenig wie im vorigen Jahre die Minnefragen der Tochter.

Veit und Hartwig säumten nicht, zur Befreiung des Bruders herbeizueilen. Von vier befreundeten Rittern mit stattlichem Gefolge unterstützt, rückten sie schon am nächsten Tage vor die Ruggburg, nahmen das kleine Vorwerk Halbenstein mit stürmender Hand und besetzten die zwei einzigen Zugänge zur Burg, die Teufelssteige und den Weg von Eichberg herüber, mit so starker Mannschaft, daß Albo in seinem allerdings unbezwinglich festen Hause ganz abgeschnitten war. Es fragte sich zunächst, ob ihm Hilfe von außen kommen werde, bevor er ausgehungert sei, denn mit Proviant waren sie da oben schlecht versehen.

Vergebens machten die Belagerten mehrere Ausfälle, um Lebensmittel herbeizuschaffen. Der Ring, der sie umklammerte, war viel zu stark und fest; die Burg lag so steil, daß man nicht hinein konnte; aus demselben Grunde konnten die Belagerten jetzt aber auch nicht hinaus, und nur der Hunger fand seinen Weg auf die unersteigbare Burg. Zum Hohne ließen die Summerauer eine große, prächtige Viehherde auf dem Grashange jenseit der Schlucht weiden; der Ritter konnte aus seinem Fenster jede Kuh genau beobachten und zusehen, wie sie gemolken wurde, und ihr Brüllen hören, ohne daß er die Herde und die Hirten auch nur mit einem Pfeilschuß hätte treffen können.

Nach acht Tagen war der letzte Bissen verzehrt, und es blieb dem Burgherrn mit seiner Handvoll Leute für den nächsten Tag nur noch übrig, sich zu ergeben oder im hoffnungslosen Kampfe gegen zehnfache Übermacht zu fallen.

Der Vater brachte es nicht übers Herz, schon am Vorabend der jedenfalls traurigen Entscheidung seiner Tochter die wahre Lage zu entdecken. Morgen beim letzten Abschied war es noch früh genug, und dem armen Kinde sollte die Nachtruhe unverkümmert sein.

Aber Irmgart schlief nicht. Von ihrer jetzt verdoppelten Seelenpein gefoltert, saß sie noch um Mitternacht am offenen Fenster der Kemenate und sah hinaus auf den See, auf dessen leicht bewegter Fläche das Mondlicht einen langen zitternden Streifen zog, während die Schweizer Berge von Wolken schwarz beschattet waren. Das Lied, mit welchem sie sich vorlängst getröstet und das sie in der härter andrängenden Not fast schon wieder vergessen hatte, zog ihr leise durch die Seele; aber sie vermochte nicht, es auch nur leise zu singen. Es gibt einen stummen Schmerz, der jedes Wort, jeden Ton uns auf der Lippe ersterben macht, und dieser Schmerz ist der tiefste.

Da war es ihr plötzlich, als sänge sie dennoch das Lied. Aber sie sang es ja nicht. Und dennoch glaubte sie, die Weise ganz leise verschwebend zu hören. Sie horchte auf. Es war, als ob ein geisterhaftes Singen draußen durch die Luft zöge.

Sie trat ans Fenster. Der Ton kam von unten. Die Mauer stieg unter ihrem Fenster senkrecht zum Felsen nieder, und die Felswand fiel dann senkrecht zur Tiefe hinab, nur von schmalen Rissen durchfurcht, worin die Wurzeln dürftiger Sträucher hafteten. Kein Mensch hatte je diese Wand erklettert, und die Kemenate galt für den unnahbarsten Ort in der fast unnahbaren Burg.

Sie beugte sich weit zum Fenster hinaus. Jetzt hörte sie ganz deutlich ihr Lied – es kam vom Rande der Felswand, die dort vielleicht einen Fuß breit Raum bot, wo die Mauer ansetzte –, und da unten etwas seitwärts auf der schmalen Kante, an die Mauer gedrängt, stand eine menschliche Gestalt. Jetzt fiel der Mondstrahl auf den Sänger, – es war die Erscheinung Werners, geisterhaft wie in der Luft schwebend über dem schwindelnden Abgrunde.

Gewiß! er war im Tode wiedergekehrt, um sie zu rufen! – »Unsichtbar führt mich Werners Hand zum Grabe, – süß wird der Schmerz, den ich erduldet habe, – gedenk ich sein im armen kleinen Liede.«

Sang er jetzt nicht diese Worte? – Es klang so, und doch schienen es etwas andere Worte zu sein, die Irmgart nicht verstehen konnte, – aber das Lied, die Weise war es gewiß.

Sie schrie nicht auf, sie fuhr nicht zurück; sie blieb erstarrt in der Fensternische sitzen, starr wie die Tote im Anblick des Toten, der ihr zurief.

Der Sänger schwieg. Dann winkte er und flüsterte. Nun erst fuhr ihr der jähe Schreck durch die Glieder, daß sie fast hinabgestürzt wäre. Er flüsterte und winkte wieder. Sie gewann die Besinnung wieder, klammerte sich fest an den Fensterrahmen, beugte sich tief hinab und lauschte.

Deutlich vernahm sie nunmehr Werners gedämpfte Stimme: »Wir kommen, euch zu retten. Sage dem Vater, daß er morgen früh, wann die Glocken in Lindau zur Mette läuten, mit allen Knechten ausfallen solle gegen die Teufelssteige. Wir dringen im selben Augenblick, eine starke Schar, von Eichberg herüber und werden dem Feinde in die Seite und in den Rücken fallen.«

Sie wollte reden, fragen, sie hätte aufschreien mögen und fürchtete sich doch, auch nur zu lispeln. Aber die Erscheinung winkte wieder und verschwand, die steile Felswand hinabgleitend, als ob sie in die schwarze Tiefe versänke.

Irmgart trat ins Zimmer zurück; da brach sie zusammen und lag eine Weile bewußtlos.

Als sie wieder zu Sinnen kam, war der Mond schon tief herabgegangen, und der erste Frühschein des aufdämmernden Morgens säumte im Osten den Kamm des Pfänders. Sie glaubte, geträumt zu haben, und doch so klar, so deutlich, – war das nur ein Traum gewesen? Sie wußte es selber nicht und quälte sich fruchtlos mit dieser Frage.

Endlich eilte sie zum Vater, der auch schon längst nicht mehr schlief, und erzählte ihm das Gesicht dieser bangen Nacht.

Der Alte erschrak über den Fiebertraum des armen Mädchens. Wenn auch Werner noch lebte, wie hätte er die Felswand ersteigen können? Weit glaublicher schien es dem Ritter, daß Werners Geist aus dem Grabe zur Burg heraufgeschwebt sei, um ihnen den bevorstehenden Entsatz anzukündigen. Doch gleichviel! der letzte, verzweifelte Ausfall mußte gewagt werden, und er beschloß, den Augenblick genau zu ergreifen, wie es die Erscheinung in Irmgarts Traumgesicht befohlen hatte.

Sowie er diesen Entschluß der Tochter mitteilte, erwachte sie wie zu neuem Leben; Mut und Hoffnung kamen ihr wieder, sie wußte selbst nicht warum.

Im glaubensstarken Gebete erwartete sie beim Geläute der Lindauer Morgenglocken den Ausgang des Gefechts und hörte von fernher das Schwertergeklirr und das Geschrei der Kämpfenden, ohne zu zittern.

Aber das Waffengetöse klang immer stärker, das Rufen und Hörnerblasen, bald nah, bald fern, schwoll mächtiger heran – es kam von zwei Seiten! – auch vom Eichberg herüber –; es mischte sich zuletzt mit Siegesrufen.

Irmgart eilte in den Burghof.

Da öffnete sich das Tor, ihr Vater ritt herein und Werner an seiner Seite, gefolgt von zwei befreundeten Rittern, ihren Knechten und vielen bewaffneten Bauern, und mit ihnen kamen Veit und Hartwig von Summerau, wehrlos, als Gefangene.

Im tiefsten Schmerze und im höchsten Jubel versagt das Wort.

Es war Werner – wirklich und leibhaftig –, den Irmgart umschlang. Sie fragte nicht, wie das alles geschehen und gekommen sei, was heute morgen und heute nacht gleich einem Traumbild durch ihre Seele gezogen; sie fragte nur, ob es denn wirklich so sei.

Erst im Laufe des Tages tauschte man gegenseitig die Kunde des Erlebten.

Werner war am Margaretentag von den drei Brüdern am Locher Steg überfallen worden. Sie hatten ihn nach heftiger Gegenwehr zu Boden geschlagen und als Gefangenen mitgeschleppt und hielten ihn dann eingesperrt im Turme zu Summerau, um sich an ihm und zu gelegener Zeit durch ihn auch an Albo und Irmgart für all den Spott und Hohn zu rächen, mit welchem sie sich auf der Ruggburg beleidigt glaubten.

Als Lutz am Degersee gefangen ward und Veit und Hartwig, mit knapper Not dem gleichen Schicksal entschlüpft, sofort ihre Mannen und Freunde aufboten gegen den Ruggburger, gelang es Werner, in der Verwirrung zu entkommen. Er wollte zur Ruggburg zurück, erfuhr jedoch, da er auf versteckten Pfaden sich dem Berge nahte, daß die Burg bereits von den Belagerern abgesperrt sei. Auf einem Bauernhof des Pfänders hielt er sich dann verborgen, rief die Bauern auf zur Befreiung ihres Herrn und schickte Boten an dessen umwohnende Freunde. Damals hörte er Irmgarts Lied von einem Bauernburschen singen, als jener ihm ihre Leidensgeschichte erzählte, unwissend, daß Werner selbst der verlorene Geliebte sei.

Die Bauern bewaffneten sich für den Herrn, der ihnen so viel Gutes erwiesen hatte, und es gelang Werner zuletzt, eine stattliche Schar in der Stille zu versammeln. Man mußte aber auch dem Ruggburger Nachricht geben zu gemeinsamem Handeln. Da wagte Werner, was vorher und nachher kein Mensch gewagt hat. Er klomm in der Mondnacht die Felswand hinauf längs der Risse und Rinnen von Strauch zu Strauch und erreichte so die einzige Ecke der Burg, welche von den Belagerern nicht berührt wurde, und nachdem er Irmgart benachrichtigt hatte, glückte es ihm auch, den furchtbaren Pfad wieder hinabzuklettern.

Die Liebenden hatten sich aufs neue gefunden und gewonnen und hielten sich fest fürs Leben.

Irmgart beneidete jene Beatrix nicht länger, die sie vorher selig gepriesen; ja, sie meinte nun, die schöne Florentinerin hätte dem armen Dante wohl auch etwas mehr schenken dürfen als ihren Anblick und einen gelegentlichen Gruß. Aber vielleicht würden wir dann die Göttliche Komödie gar nicht bekommen haben. Sie begehrte auch fürder nicht mehr zu dichten. Das Leben Werners, sein Erscheinen, sein Verlust, sein Wiedergewinn erschienen wie ein Gedicht, an welchem auch ihr ein Teil gebührte, und sie fühlte sich berufen, nun auch weiter mitzuweben an diesem echten Rittergedichte voll Ehre und Minne, voll von Abenteuern und doch auch von Taten der Weisheit und Güte, voll vom Segen des Friedens und Glückes. Im Vollbesitz der Liebe begehrte sie aber keinen Minnedienst mehr und hatte an der einen Probe genug. Da sie Werners halbvergessene Lieder suchte, hatte sie ungesucht ein eigenes Lied gefunden, ein einziges Mal und nicht wieder; in ihrem Munde ein Lied des Kummers, ward es in dem seinigen das Lied der frohen Botschaft, der Befreiung. Glücklich, daß dies Lied ihr einziges blieb, – hatte sie doch nur der Schmerz zur Dichterin gemacht! Sie gedachte jener unglücklichen Nonne an der Lahn, deren einziges Lied, aus Qual und Not geboren gleich dem ihrigen, im Volke fort und fort gesungen ward.

Am Vorabend des Hochzeitstages wurden die drei Nasen von Summerau ihrer milden Haft ledig. Sie mußten Urfehde schwören, sich niemals wieder an dem Ruggburger noch an seinem Schwiegersohne rächen zu wollen. Veit und Hartwig mußten außerdem den armen Bauern am Pfänder ein Sühngeld zahlen für den Schaden, welchen sie ihnen während der Belagerung an Haus, Acker und Vieh zugefügt. Lutz brauchte nichts beizusteuern. Der alte Ritter meinte: »Wir sind ihm ohnedies noch die schönen Krebse schuldig und den großen Hecht, den meine Knechte gegessen haben.«

Die Brüder von Summerau gingen beim Mondlicht die Teufelssteige ganz still zu Fuß hinab, zur selben Stunde, wo die Hochzeitsgäste den anderen Weg über Eichberg zur Burg heranritten bei Fackelschein, der tief in die dunklen Schluchten leuchtete und sich in festlicher Glut mit dem sanften Mondesschimmer mischte. Und lieblicher Reigengesang, wechselnd mit Trompetengeschmetter, hallte im Echo von den Wäldern und den Wänden des Pfänders zurück.

An einem herrlichen, wolkenlosen Augusttage des Jahres 1879 besuchte ich die Ruggburg.

Am Fuße des Berges, in Halbenstein, sieht es jetzt friedlich aus. Zwischen den wilden Waldschluchten rechts und links, wo das entfesselte Bergwasser zuzeiten Bäume und Felsstücke wälzt wie vor tausend Jahren, deckt ein Obstwald den üppig grünen Wiesenhang. Die Vorburg ist ein Bauernhaus geworden, aus den Steinen des alten Bollwerkes erbaut. Aber Bänke und Tische vor dem Haus belehren uns, daß wir hier noch immer Wein trinken können wie weiland der Teufel und der Burgpfaffe. Freilich keinen Seewein mehr. Wir haben die österreichische Grenze überschritten, und der reichsdeutsche Seewein dringt jetzt nicht mehr herüber ins deutsche Osterreich. Also trinkt man einen Niederösterreicher, der jenem alten Seewein bedenklich stammverwandt ist, – so herb und sauer, heute wie damals.

Der Name der Teufelssteige ist völlig vergessen. Auch die Kreuze unten und oben sind verschwunden. Wie es scheint, kommen keine Teufeleien in dieser Gegend mehr vor; die frommen Vorarlberger würden sonst die Kreuze gewiß wieder aufgerichtet haben.

Der schmale, steile Pfad führt durch verschiedene Engpässe zu jener gefahrvollen Stelle, wo die Brüder von Summerau ihre Reiterprobe ablegten. Unsere Zeit macht alle Wege breit und eben, die Wege zum Guten sowohl wie zum Schlechten, und so ist auch diese böse Stelle breiter und ebener aus den Felsen herausgehauen worden. Man sieht noch immer rechts in die Tiefe des Abgrundes hinab, aber der Pfad bietet gar keine Gefahr mehr für den Fußgänger, und selbst ein guter Reiter mit sicherem Pferd würde wenigstens den Aufritt nicht mehr scheuen.

Die Quelle, bei welcher die Brüder sich über die Minne stritten, als sie das erstemal kamen, und sich im Zorne einigten, als sie das zweitemal gingen, rieselt noch heute wie vor fünfhundert Jahren, und die Vorübergehenden laben sich an dem reinen, kühlen Wasser, wie so viele Tausende vor ihnen getan haben und nach ihnen tun werden. Die Tannen, welche vordem den Quell beschatteten, haben einem Bretterdache Platz gemacht. Hier wie anderswo ward die Natur karger, der Mensch freigebiger.

Neben der Quelle liegt ein Bauernhaus, und den stolzen Namen des »Ruggburgers«, den man sonst hochgeborenen Rittern gegeben, gibt man jetzt dem schlichten Bauersmann, der dort wohnt und seine Kühe im Burghofe weiden läßt.

Von dem neuen Ruggburger geht ein schmales, grasiges Pfädchen zur alten Ruggburg hinüber. Die beiden Burggräben, längst ohne Brücke, sind so tief und steil, daß man fast vorsichtiger hinab- und hinaufsteigen muß als am bösen Eck der Teufelssteige. Es ist gut, daß der letzte Weg so schlecht ist und daß fast kein Mensch mehr hierher kommt; denn käme man leichter heran, so würden die Trümmer der Burg in diesen aufgeklärten Zeiten vermutlich wegen »Verkehrsstörung« abgebrochen worden sein.

Bei dem vordersten Graben mündeten die zwei einzigen Wege zur Burg zusammen, und man erkennt hier die ausnehmende Festigkeit der Lage. Aber diese mächtig tiefen zwei Gräben gemahnen auch an die Zukunft. Die letzten Mauertrümmer der Burg werden mit der Zeit zerfallen und verschwinden; diese Gräben aber werden dauern und von einer Burg erzählen bis zuletzt. Und wann einmal unsere ganze heutige Kultur längst in Trümmer gefallen sein wird, wann vielleicht nach tausend und tausend Jahren Kriege und Pestilenzen, Völkerstürme und Völkerflucht unser altes Europa wüst gelegt haben, wann Gras und Wald wieder wächst, wo unsere Städte mit ihren Domen und Palästen sich erheben, und kein Stein mehr auf dem anderen steht, dann werden noch die tiefen Einschnitte, welche wir beim Eisenbahnbau durch die Hügel gruben, die Tunnels, welche wir durch die Felskolosse der Alpen bohrten, die Riesendämme, mit denen wir Täler und Schluchten ebneten, das letzte Zeugnis geben von unserer versunkenen und vergessenen Welt – gleich diesen Burggräben. Es sind die Runen, die wir in die dauerhafteste Gedenktafel, die wir in den Erdball graben.

Die Außenwerke der Burg sind verschwunden, hohe Tannen schatten jetzt über den dürftigen Steintrümmern der Ringmauern mit ihren Türmen. Von den Wohnungen blieben nur noch die Fundamente übrig und die Kellerräume ohne Decke. Nur eine hohe Wand von gewaltiger Stärke erhebt sich noch stolz in die Luft, das Wahrzeichen der Burg, weithin über den See und die Niederung und die Berge. Aber dieses mächtige Gemäuer mit kargen Überresten der Seitenwände ist ein mehrfaches Rätsel. Kein Ornament, kein Säulchen, kein Tür- oder Fensterrahmen gestattet uns einen Schluß auf Alter und Bestimmung. Gehörte es zum Palas? oder zum Berchfrit? oder trug es vielleicht Palas und Berchfrit zugleich? Die Steine sind stumm.

Und dennoch reden auch diese Steine.

Da ist hoch oben, mitten in dem regellosen Gefüge ein mächtiger Gneisblock eingemauert, der in der Urzeit von den Gletschern des Tödi hierher auf den Pfänder gewälzt wurde, wo seinesgleichen noch genug liegen, und zuletzt dort in der Mauer für viele hundert Jahre Ruhe fand. Und unten, wo die Wand zersprengt ist, sehen wir in ihrem Kerne Dachziegel und Backsteine eines viel älteren Baues, offenbar eilig und wüst zusammengefügt. Aus einer zerstörten Burg hat man diese neue gebaut; wann? – das weiß niemand mehr; und aus einer zertrümmerten Welt hat man die fernher geschleuderten Gneisbrocken zum ersten Bau genommen.

Ganz oben auf dem unersteigbaren Rande der Mauer wachsen lustig ein paar Föhrenbäume; sie sind anzuschauen wie das Banner, welches die Natur triumphierend aufgepflanzt hat über dem Menschenwerk, das sie mählich und sicher zerstört.

An jenem Abgrunde, wo Werner kaum einen Fuß breit Raum fand, kann sich der Wanderer jetzt bequem und sicher lagern, und zieht er das Sitzen vor, so bietet sich ihm sogar eine Bank. Denn statt des Frauenhauses mit seiner steil aufsetzenden Wand ist nur noch die Bodenfläche vorhanden, aus welcher dessen Mauern emporstiegen.

Die Prophezeiung des Lutz von Summerau hat sich erfüllt. Hundert Jahre nach Albos Tode war die Ruggburg die ärgste Raubburg auf weit und breit; damals hauste Herr Hans von Rechberg da oben und stieß wie ein Geier von seinem sicheren Horste ins Tal hinab auf Beute, Aber am 8. Dezember 1452 wurde die Burg von den schwäbischen Reichsständen erstürmt und zerstört.

Sie blieb in Trümmern liegen bis auf diesen Tag, in kahlen Mauermassen, die uns von weitem fast wie ein Werk der Natur, wie Felsstücke auf der Felswand erscheinen. Kommen wir aber näher heran und sehen, daß diese formlosen Trümmer dennoch Menschenwerk sind, dann muten sie uns an wie Denkmale einer völlig toten, erstarrten und versteinerten Vergangenheit. Denn nirgends entdecken wir mehr die kleinste Spur von dem, was einst diese Räume traut und wohnlich gemacht hat, nirgends das geringste Wahrzeichen des persönlichen Lebens und Waltens der ehemaligen Bewohner.

Und dennoch lebten und liebten hier vor einem halben Jahrtausend Menschen wie wir, anders gesittet und dennoch hochgesittet; ernst und fröhlich, ringend und strebend, verzweifelnd und hoffend, sich selbst ein Rätsel und uns ein Rätsel – wie wir: der rückwärtsschauende milde Alte, welcher die verlorenen Ideale seiner Jugend beklagt und über die Abendschatten trauert, die auf der Gegenwart lagern, – und der vorwärtsdringende Jüngling, dem ein verheißungsvoller neuer Tag sich auftut in taufrischer Morgenkühle wie zur lichtesten Maienzeit, – damals wie heute.

Auch diese jetzt so kahlen und kalten Mauern beherbergten einst ein feinsinniges, warmherziges Geschlecht, uns so ferne stehend und doch so nahe verwandt; und wo jetzt des »Ruggburgers« Kühe grasen, da wandelte Irmgarts zarter Fuß zwischen den Rosen- und Fliederbüschen des Burggartens. Vergebens mühte sie sich zu dichten wie die Männer, bis sie von der aufkeimenden Liebe belehrt ward, daß Frauen am schönsten dichten, indem sie dem Gedichte des geliebten Mannes Leben geben und sein Leben zum Gedichte gestalten.

War das ein ganz anderes Geschlecht wie das unserige?

Die gebrochenen Mauern fügen sich wieder zusammen und überwölben sich uns im Geiste wieder mit dem schützenden Dach; sie umschließen behagliche Gemächer, und in dem heimeligsten, sinnig geschmückten Stäbchen waltet die Jungfrau und sinnt über das Rätsel – der Frauenfrage, vor einem halben Jahrtausend. Und sie löst das Rätsel, indem sie im Manne sich selber findet.

Damals wie heute!

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