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Dunkles Indien. Phantastische Erzählungen

Rudyard Kipling: Dunkles Indien. Phantastische Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
titleDunkles Indien. Phantastische Erzählungen
authorRudyard Kipling
typenarrative
modified20170915
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Morrowbie Jukes' Ritt zu den Toten

Auf Erfindung oder Erdichtung beruht diese Geschichte nicht; Jukes ist durch Zufall in ein Dorf geraten, von dem man weiß, daß es existiert, obwohl Jukes der einzige Engländer ist, der dort war. Eine ähnliche Einrichtung wie die, von der die Rede sein wird, soll einst in der Umgebung von Kalkutta bestanden haben; auch geht das Gerücht, im Herzen von Bikanir, tief im Innersten der Großen Indischen Wüste, läge eine Stadt – nicht etwa ein Dorf! –, in der Tote, nämlich solche, die zwar nicht gestorben sind, aber nicht leben dürfen, ihr Hauptquartier aufgeschlagen hätten. Da es außer jedem Zweifel steht, daß sich in ebenderselben Wüste eine prachtvolle Stadt befindet, in die sich reiche Leute zurückziehen, nachdem sie sich ein Vermögen gemacht haben (und zwar ein Vermögen, so groß, daß sie sich unter dem Schutze der Gouvernementsregierung nicht mehr sicher fühlen und als Wohnort die wasserlose Sandwüste vorziehen, wo sie in prunkvollen elastisch gefederten Kutschen fahren, sich schöne Mädchen kaufen und die Wände ihrer Paläste mit Gold, Elfenbein, kostbaren Minton-Kacheln und Perlmutter schmücken), so sehe ich nicht ein, warum Jukes' Erzählung nicht wahr sein sollte! Jukes ist Zivilingenieur, hat den Kopf voll mit Streckenmessungen, mit Entwürfen aller Art und ähnlichen Dingen; warum sollte er sich damit abgeben, Phantasien auszuhecken? Wenn er seinem Beruf nachgeht, verdient er auf weit leichtere Art sein Geld. Auch erzählt er die Geschichte immer gleich, fügt nichts hinzu und läßt auch nichts weg; und immer bekommt er einen roten Kopf, wenn er die unwürdige Behandlung schildert, die ihm in jenem Dorfe zuteil geworden ist.

Zuerst hat er die Geschichte in schlichten Worten, und offenbar für ihn allein bestimmt, niedergeschrieben, später hat er stellenweise im Stil nachgefeilt und persönliche Bemerkungen eingefügt. Sie lautet: Angefangen hat alles mit einem leichten Fieber. Mein Beruf zwang mich, einige Monate zwischen Pakpattan und Murbarakpur zu kampieren – eine trostlose, sandige Gegend, wie jeder weiß, der das Unglück gehabt, dort leben zu müssen. Meine Kulis waren weder besser noch schlechter als andere Arbeitertrupps dieser Art, und überdies nahm mich meine Aufgabe derart in Anspruch, daß mir zu Träumereien keine Zeit geblieben wäre, selbst wenn ich Neigung zu solch unmännlichen Schwächen verspürt hätte.

Am 23. Dezember 1884 fühlte ich das Fieber kommen. Es stand damals der Vollmond am Himmel, und sämtliche Hunde in der Nähe meines Zeltes bellten ihn ununterbrochen an, wie das bei ihnen üblich ist. Die Köter hatten sich zu zweien und dreien versammelt und brachten mich schier zur Verzweiflung. Einige Tage vorher hatte ich einen solchen lärmbeflissenen Sänger erschossen und seinen Leichnam als abschreckendes Beispiel ungefähr fünfzig Yards von meiner Zelttür entfernt aufgehängt. Leider verfehlte die Maßnahme ihren Zweck: seine Freunde fielen über ihn her, rauften sich um seinen Kadaver und verzehrten ihn schließlich; dann sangen sie, wie mir schien, Dankeshymnen. Mit verdoppelter Energie.

Die Benommenheit, die das Fieber begleitet, wirkt auf die verschiedenen Menschen verschieden; in mir ließ sie nach kurzer Zeit den Entschluß reifen, eine ungeheure schwarze und weiße Bestie, die beim nächtlichen Gesang, aber auch beim Ausreißen die erste war, zu ermorden, koste es, was es wolle. Dank meiner zitterigen Hand und meinem schwindligen Kopf, hatte ich sie bereits zweimal mit der Flinte gefehlt, und da kam mir der verrückte Gedanke, ich müsse sie niederreiten und mit der Saufeder erlegen. Es war das offensichtlich ein Einfall, wie ihn nur ein im Fieberdelirium befindlicher Kranker haben konnte, erschien mir aber damals als das einzig richtige und überaus leicht und einfach ausführbar.

Ich befahl demnach meinem Stallknecht, Pornic zu satteln und leise an die Rückseite meines Zeltes zu bringen. Als das Pony bereitstand, faßte ich die Zügel, entschlossen, sofort aufzuspringen und fortzusprengen, falls der Hund seine Stimme wieder erheben sollte. Nebenbei bemerkt: Pornic war einige Tage nicht aus dem Stall gekommen, die Nachtluft war erregend und kalt, und überdies trug ich ein paar besonders lange und scharfe Sporen, mit denen ich am Nachmittag ein faules Füllen aufgemuntert hatte; man kann sich also leicht vorstellen, wie Pornic losging, als der Moment gekommen war! Im Nu lag das Zelt hinter mir und wir flogen über den weichen sandigen Boden dahin, als gelte es, einen Rennpreis zu gewinnen. Der Hund rannte wie ein gehetztes Wild, aber schon im nächsten Augenblick waren wir an ihm vorbei und ich hatte bereits vergessen, weshalb ich eigentlich zu Pferde saß und den Sauspeer mitgenommen hatte.

Das Fieberdelirium und die Erregung infolge der schnellen Bewegung in der frischen Luft müssen mir den letzten Rest meiner Besinnung geraubt haben, denn ich erinnere mich nur dunkel, daß ich aufrecht in den Bügeln stand und mit meinem Sauspeer nach dem großen weißen Mond zielte, der ruhevoll auf meinen wahnwitzigen Galopp herniederschien. Schreiend forderte ich ein paar Kameldornbüsche, die gespenstisch an mir vorbeiflogen, zum Kampfe heraus. Einmal oder zweimal, so bedünkte mich, fiel ich vornüber auf Pornics Hals, und buchstäblich hing ich nur noch dank meinen Sporen im Sattel, wie die Spuren am nächsten Morgen zeigten.

Das arme Pferd raste dahin wie besessen über eine, wie ich mich zu erinnern glaube, grenzenlose mondlichtbeschienene Sandfläche. Sodann, das weiß ich genau, stieg der Weg vor mir plötzlich scharf aufwärts, und als wir den Gipfel des Hügels erreicht hatten, sah ich tief unten die Wasser des Sutlej schimmern wie ein silbernes Band. Gleich darauf fiel Pornic mit einem Ruck auf die Nase und wir rollten gemeinsam einen unsichtbaren Abhang hinunter.

Ich muß wohl das Bewußtsein verloren haben, denn als ich wieder zu mir kam, lag ich bäuchlings auf einem Haufen weichen, weißen Sandes, und die Morgendämmerung warf ihren verschwommenen Schein über den Rand des Abhanges, von dem ich herabgefallen war. Als es heller wurde, sah ich, daß ich mich am Fuße eines hufeisenförmigen Sandkraters befand, dessen offene Seite von den Ufern des Sutlej begrenzt war. Das Fieber hatte fast ganz aufgehört, und abgesehen von einem leichten Schwindelgefühl im Kopf, fühlte ich keine schlimmen Folgen des nächtlichen Sturzes.

Pornic, der einige Meter entfernt stand, war zwar sehr erschöpft, aber nicht verwundet. Sein Sattel, ein richtiger Polosattel, war stark verrutscht und hing ihm am Bauch. Da das Riemenzeug arg verknotet war, dauerte es eine Zeit, bis ich alles wieder zurechtgebracht hatte; dabei blieb mir aber Muße genug, den Ort zu betrachten, in den ich so dummerweise gefallen war.

Auf die Gefahr hin, weitschweifig zu werden, muß ich ihn dennoch genau schildern, da nur ein scharfes Bild seiner Eigentümlichkeiten es dem Leser ermöglichen kann, die jetzt folgenden Begebnisse zu verstehen.

Man stelle sich also einen – wie schon vorhin bemerkt – hufeisenförmigen Krater aus Sand vor, dessen steil abfallende Seitenwände ungefähr fünfunddreißig Fuß hoch waren. Der Neigungswinkel betrug, schätze ich, ungefähr fünfundsechzig Grad. Dieser Krater schloß ein flaches Stück Boden ein von etwa fünfzig Meter Länge und dreißig an der breitesten Stelle, mit einem rohen Brunnen in der Mitte. Rund um diesen Boden des Kraters, ungefähr drei Fuß hochragend, zog sich eine Reihe von dreiundachtzig halbkreisförmigen, ovalen, viereckigen oder unregelmäßig geformten Höhlen hin, alle mit Eingängen oder Öffnungen von je drei Fuß im Ausmaß. Jede Höhle zeigte mir, als ich sie später besichtigte, eine sorgfältig hergestellte Innenverschalung aus Treibholz und Bambus und oberhalb der Eingangsöffnung eine hölzerne Wasserablaufsrinne, zwei Fuß breit und von der Form einer Jockeymütze. Dennoch war keine Spur von Lebewesen in diesen Höhlen bemerkbar. Nur ein Brechreiz erzeugender, scheußlicher Geruch durchdrang das ganze Amphitheater – ein Geruch, widerwärtiger noch, als ich ihn jemals auf meinen Wanderungen in irgendwelchen indischen Dörfern gefunden habe.

Ich bestieg Pornic, der ebenso wie ich heftige Sehnsucht nach den heimischen Zelten zu empfinden schien, und ritt rings um die Basis des hufeisenförmigen Kraters, um eine Stelle ausfindig zu machen, von der aus man am besten wieder ins Freie gelangen könnte. Da die Bewohner, wer sie auch immer sein mochten, es nicht für nötig hielten, sich sichtbar zu machen, so war ich auf meine eigenen Ratschlüsse angewiesen. Mein erster Versuch, Pornic die steile Sandbank »hinaufzustacheln«, brachte mir lediglich die Überzeugung, daß ich in eine Falle gestürzt war, ähnlich dem gewissen Sandtrichter, wie ihn der.sogenannte Ameisenlöwe im kleinen herstellt, um Insekten zu fangen. Bei jedem Schritt fiel der lockere Sand tonnenweise von oben herab und prasselte wie Schrotfeuer auf die Wasserablaufrinnen der Höhlendächer nieder. Noch einige erfolglose Versuche, und Pornic und ich rollten, halb erstickt von den Sandmassen, auf den Grund des Kraters zurück. Ich war also genötigt, meine Aufmerksamkeit dem Flußufer zuzuwenden.

Hier schien die Sache keine Schwierigkeiten zu bieten. Zwar reichten die Sandhügel bis dicht an den Flußrand, aber es schien genug seichte Stellen und Sandbänke zu geben, über die Pornic hinweggaloppieren konnte, so daß ich den Weg auf festen Boden finden mußte, wenn ich mich nur scharf nach rechts oder links hielt. Als ich aber mit Pornic dementsprechend auf den Sandgrund des Flusses zusteuerte, überraschte mich der matte Knall eines Flintenschusses, der vom jenseitigen Ufer kam; im selben Augenblick pfiff eine Kugel an Pornics Kopf vorbei.

Über die Art der Schußwaffe konnte kein Zweifel bestehen: es mußte ein Martini-Henry-Gewehr gewesen sein. Ungefähr hundert Schritt von mir entfernt lag, mitten im Strom verankert, ein plumpes Boot und eine aus seinem Bug in die stille Morgenluft aufsteigende Rauchwolke verriet mir, woher diese zartsinnige Aufmerksamkeit gekommen war. Hat man jemals einen ehrenwerten Gentleman auf derart rüde Weise behelligt? – Der tückische Sand gestattete kein Entrinnen von dem Ort, den ich so ganz gegen meinen Willen betreten hatte, und ein Spazierritt am Flußufer löste sofort ein Bombardement seitens irgendeines verrückten Eingeborenen drüben auf dem Boot aus. Ich gestehe, ich geriet ganz aus der Fassung.

Eine zweite Kugel belehrte mich, daß es am besten sei, meine Wut herunterzuschlucken und mich schleunigst von der Sandbank in das Hufeisen zurückzuziehen. Dort angelangt, sah ich, daß der Knall des Gewehrschusses etwa fünfundsechzig menschliche Wesen aus den Dachshöhlen, die ich bisher für unbewohnt gehalten, gelockt hatte. Ich fand mich umringt von ungefähr vierzig Männern, zwanzig Weibern und einem Kind, das kaum mehr als fünf Jahre zählen konnte. Alle waren spärlich bekleidet mit jenem lachsfarbigen Stoff, der die Hindubettler kennzeichnet, und machten mir beim ersten Anblick den Eindruck von ekelhaften Fakiren. Das abstoßende Äußere der Bande und ihre Schmutzigkeit spottete jeder Beschreibung; ich schauderte bei dem Gedanken, welches Leben sie in den Höhlen führen mußten.

Selbst heutzutage, wo die Selbstverwaltung der Distrikte dem Respekt der Eingeborenen vor einem Sahib stark Abbruch getan hat, war ich immer noch an einen gewissen Grad von Höflichkeit seitens meiner Untergebenen gewöhnt und erwartete demnach wenigstens eine zivilisierte Beachtung meiner Anwesenheit. Beachtung fand ich allerdings, aber in einer Weise, die mich enttäuschte.

Die zerlumpte Bande lachte mir buchstäblich ins Gesicht – es war eine Art Lachen, die ich nie mehr wieder in meinem Leben zu hören hoffe! Sie grunzten, schnatterten, schrien, pfiffen und heulten wie besessen, als ich unter sie trat. Einige von ihnen warfen sich auf die Erde und wanden sich in widerwärtigen Lachkrämpfen. Sofort sprang ich aus dem Sattel und boxte, aufgeregt wie ich war von den Abenteuern dieses Morgens, aus Leibeskräften auf die Bande ein. Die Jammergestalten fielen wie die Kegel um unter meinen Hieben, und ihr Hohngelächter verwandelte sich sofort in ein Gewinsel um Gnade. Die, die keine Püffe davongetragen hatten, umklammerten meine Knie und flehten mich mit den seltsamsten und fremdartigsten Lauten an, sie zu verschonen.

Mitten in diesem Tumult – und ich schämte mich bereits heftig, daß ich mich so hatte gehen lassen, krähte eine hohe dünne Stimme hinter mir auf englisch: »Sahib! Sahib! Erkennen Sie mich denn nicht? Sahib, ich bin doch Gunga Daß, der Telegraphenbeamte!«

Ich drehte mich rasch um und faßte den Sprecher ins Auge.

Gunga Daß – ich wüßte keinen Grund, seinen Namen zu verschweigen – war ein Brahmane aus dem Dekkan, und ich hatte ihn vor vier Jahren als einen Angestellten aus dem Punjab-Gouvernement in einem der Khalsia-Staaten flüchtig gekannt. Er war damals Vorsteher einer Zweigtelegraphenstation gewesen und lebte in meiner Erinnerung als ein geschickter, wohlbeleibter Distriktsbeamter, der die wunderbare Gabe besessen hatte, Kalauer in englischer Sprache zu machen – eine Eigenschaft, die mich an ihn länger als an seine mir geleisteten amtlichen Dienste hatte denken lassen. Ein Hindu, der englische Kalauer zum besten gibt, kommt nicht alle Tage vor.

Jetzt, als ich ihn wieder sah, war er bis zur Unkenntlichkeit verändert. Kastenabzeichen, Schmerbauch, die schieferfarbenen Hosen, die gewählte Sprache – alles war dahin. Ich erblickte statt dessen ein verwittertes Gerippe vor mir, fast nackt, ohne Turban, das Haar lang und verfilzt, tief eingesunkene Schellfischaugen!

Wäre nicht eine sichelförmige Narbe an seiner linken Wange gewesen – die Folge eines Unfalls, den ich seinerzeit verschuldet hatte –, ich hätte den Mann überhaupt nicht wiedererkannt. Aber es war zweifellos Gunga Daß, und – ich empfand es wie Dankbarkeit und Befriedigung in mir – ein englisch sprechender Eingeborener, der mir wenigstens klarmachen konnte, wie ich hoffte, wo ich mich eigentlich befand und wie ich mir die Vorgänge des Morgens zu deuten hätte.

Die Menge trat ein wenig zurück, als ich die jämmerliche Gestalt anredete und aufforderte, mir zu sagen, wie ich denn aus diesem Krater herauskommen könnte. Eine frischgerupfte Krähe in der Hand, kletterte er langsam auf eine Plattform aus Sand, die sich vor den Höhlen hinzog, und fing schweigend an, ein Feuer anzuzünden. Trockene Grashalme, Sandwicke und dürres Treibholz brennen schnell; es war mir in gewissem Sinne ein Trost, als ich sah, daß er sie mit einem gewöhnlichen Streichholz anzündete. Als das Feuer hell brannte und die Krähe davor aufgespießt war, entschloß sich Gunga Daß endlich zu einer Antwort. Ohne irgendwelche Einleitung ging er sofort zum eigentlichen Thema über:

»Es gibt nur zwei Arten von Menschen, Sar: die lebenden und die toten. Wenn Sie tot sind, Sar, dann sind Sie eben tot, und wenn Sie lebendig sind, nun, dann sind Sie ein Lebendiger.« Hier nahm die Krähe seine Aufmerksamkeit wieder voll in Anspruch, denn sie wirbelte vor dem Feuer herum und konnte jeden Augenblick zu Asche verbrennen. »Wenn Sie zu Hause sterben, aber noch nicht tot sind, und man Sie zum Verbranntwerden zu dem Ghaut trägt, so kommen Sie hierher an diesen Ort.«

Die Natur dieses stinkenden Dorfes war mir jetzt mit einem Schlage klar. Alles, was ich jemals an Schrecklichem und Groteskem über solche Einrichtungen gelesen oder gehört, verblaßte vor dem, was mir dieser ehemalige Brahmane soeben mit ein paar Worten angedeutet hatte. Als ich vor sechzehn Jahren zum erstenmal nach Bombay kam, erzählte mir ein wandernder Armenier von einem irgendwo in Indien existierenden Ort, an den man Hindus brächte, wenn sie das Unglück gehabt hatten, aus Trance oder Starrsucht wieder zu erwachen. Man hielte sie dort fest, damit sie nicht entkommen könnten. Damals lachte ich über die Geschichte und hielt sie für Reisendengeschwätz.

Jetzt, wo ich selber in dieser Menschenfalle aus Sand saß, tauchte die Erinnerung an Watsons Hotel mit seinen fächelnden Punkahs, den weißgekleideten Dienern und an das wachsgelbe Gesicht des Armeniers vor mir auf wie eine scharfentwickelte Photographie. Ich brach in ein krampfhaftes Lachen aus: der Kontrast war zu absurd!

Gunga Daß hatte sich über den unappetitlichen Vogel gebeugt, beobachtete mich jedoch dabei neugierig. Hindus lachen selten; überdies war die Umgebung auch nicht besonders geeignet, zum Lachen zu reizen. Er zog die gebratene Krähe mit feierlicher Miene von dem Holzspieß und verzehrte sie ebenso feierlich. Dann fuhr er in seiner Erklärung fort. Ich gebe sie hier mit seinen eigenen Worten wieder:

»Bei Choleraepidemien trägt man die Leute zum Scheiterhaufen, auch wenn sie noch nicht ganz tot sind. Werden sie nun ans Flußufer gebracht, so erwachen manche wieder durch die frische Luft. Werden sie nur ein wenig lebendig, so legt man ihnen Lehm auf Nase und Mund. Hilft das nicht, so legt man ihnen noch mehr Lehm auf; sie sterben dann meistens unter Zuckungen. Werden sie aber allzu lebendig, dann läßt man ›Das mit Lehm‹ sein und schleppt sie fort. Ich, zum Beispiel, war allzu lebendig und wehrte mich gegen solch unwürdige Behandlung, denn ich war damals noch ein Brahmane und ein stolzer Mann.

Jetzt freilich bin ich ein toter Mann und esse« – hier blickte er auf den abgenagten Brustknochen des Vogels mit dem ersten Zeichen innerer Bewegung, seit ich ihn gesehen – »Krähen und anderes Zeugs. Man nahm mich vom Scheiterhaufen herunter, als man sah, daß ich zum Verbrennen noch zu lebendig war, gab mir eine Woche lang Medizinen ein, und ich wurde wieder gesund. Dann schickte man mich per Eisenbahn mit einem Mann zur Aufsicht zu der Station Okara. Dort kamen noch zwei dazu, und wir wurden nachts auf Kamelen hierhergebracht. Dann warf man mich hier herunter in den Krater und die beiden andern hinterdrein. Jetzt bin ich hier seit zweieinhalb Jahren. Ja, ja, einst war ich eine Brahmane und ein stolzer Mann, und jetzt esse ich – Krähen.«

»Gibt es denn keinen Weg, hier herauszukommen?«

»Keinen. Als ich herkam, habe ich es oft versucht und die andern auch, aber wir sind jedesmal dem Sand unterlegen, der auf unsere Köpfe herabstürzte.«

»Aber«, unterbrach ich ihn, »die Flußseite ist doch offen und es lohnt sich, die Gefahr zu riskieren, vom Boot drüben aus erschossen zu werden; nachts zum Beispiel.« Ich sprach den Satz nicht zu Ende; ein natürlicher Instinkt hieß mich schweigen. Gunga Daß aber erriet meine unausgesprochenen Worte und brach zu meinem Erstaunen in ein Lachen aus – in ein so spöttisches Lachen, wie es sich nicht einmal ein mir im Range Höherstehender hätte erlauben dürfen.

»Sie werden (schon nach seinen ersten Sätzen hatte er unterlassen, mich mit dem Titel ›Sir‹ anzureden) auf diesem Weg nicht entkommen, mein Lieber. Sie können es ja versuchen, wenn Sie wollen. Ich hab's auch versucht. Aber nur einmal.«

Das Gefühl eines unbeschreiblichen Schreckens, gegen das ich vergebens anzukämpfen versuchte, überfiel mich. Das lange Fasten – es war bereits zehn Uhr geworden –, dazu der aufregende nächtliche Ritt, kurz: ich war erschöpft; ich fürchte, ich habe mich damals eine Zeitlang wie ein Wahnsinniger gebärdet. Ich rannte gegen den Sandhügel an, lief im Kreis in dem Krater herum und betete und fluchte gotteslästerlich in einem Atem. Ich kroch zwischen Schilfgras hinaus auf die Flußufersandbänke, nur um immer wieder und wieder durch Flintenschüsse, die rings um mich herum Furchen in den Sand zogen, in die Agonie nervöser Angst versetzt und zurückgejagt zu werden. Ich wollte den Gedanken nicht dulden, wie ein toller Hund hier unter diesem gräßlichen Volk sterben zu müssen, und stürzte schließlich, erschöpft und rasend vor Wut, am Brunnen nieder. Niemand nahm die geringste Notiz von mir, und heute noch treibt es mir die Röte ins Gesicht, wenn ich mir vorstelle, wie ich mich damals gebärdet habe.

Zwei oder drei dieser Menschen traten auf meinen zuckenden Leib, als sie Wasser schöpfen kamen; sie schienen an derlei Vorgänge gewöhnt zu sein, und hatten keine Zeit für mich übrig. Nur Gunga Daß unterzog sich der Mühe, mir, nachdem er die glimmenden Kohlen seines Feuers mit Sand erstickt hatte, einen halben Becher fauligen Wassers über den Kopf zu gießen; ich hätte ihm dafür gerne auf den Knien gedankt, wenn er nur nicht immer mit demselben freudlosen keuchenden Ton, wie anfangs, als er mich erkannt hatte, gelacht hätte.

So lag ich, halb ohnmächtig, bis zum Nachmittag. Da ich auch nur ein Mensch bin, fühlte ich Hunger und sagte es Gunga Daß, in dem ich allmählich meinen natürlichen Beschützer zu sehen begann. An den Verkehr mit Eingeborenen gewöhnt, zog ich vier Annas aus der Tasche, um sie ihm zu geben; gleich darauf sah ich das Absurde einer solchen Gabe an einem Orte wie diesem ein und wollte das Geld wieder einstecken.

Aber Gunga Daß schrie: »Geben Sie mir das Geld! Alles, was Sie haben! Oder ich hole Hilfe, und wir schlagen Sie tot!«

Ich glaube, jedes Briten erster Impuls ist, den Inhalt seiner Tasche zu behüten; aber ein Augenblick der Überlegung sagte mir, wie töricht es wäre, mit dem einzigen Menschen, der mir mein Los erleichtern konnte, in Streit zu geraten. Ich gab ihm also alles Geld, das ich bei mir hatte: neun Rupien, acht Annas und fünf Pies. (Ich trug immer, wenn ich im Lager war, Kleingeld für Bakschisch bei mir.) Gunga Daß versteckte das Geld rasch in seinem zerlumpten Lendentuch und blickte sich scheu um, ob es auch niemand gesehen hätte.

»Gut, jetzt will ich Ihnen auch zu essen geben«, sagte er.

Welche Genüsse er sich für das Geld glaubte verschaffen zu können, bin ich außerstande zu sagen, aber ich gab es ihm, da ich sah, daß es ihm Freude machte; jedenfalls wäre ich umgebracht worden, wenn ich es ihm verweigert hätte. Man reizt wilde Bestien nicht unnötigerweise, und meine Gefährten standen tiefer als wilde Tiere. Sie ließen mich ruhig essen, was mir Gunga Daß gab: ein rohes Chapatti und einen Becher faules Brunnenwasser, und zeigten nicht die geringste Spur der in indischen Dörfern sonst so üblichen Neugier.

Ich hatte den Eindruck, als verachteten sie mich; jedenfalls brachten sie mir die kühlste Gleichgültigkeit entgegen, Gunga Daß sowohl, wie auch alle andern. Ich bestürmte ihn mit Fragen über das schreckliche Dorf, erhielt aber nur sehr ungenügende Antworten. Soviel ich mir zusammenreimen konnte, existierte es seit »unvordenklichen« Zeiten, woraus ich schloß, es müsse mindestens hundert Jahre alt sein – und niemals sei auch nur ein einziger daraus entkommen. (Ich mußte die Zähne zusammenbeißen, damit mich nicht abermals das Entsetzen packte und mich wie vorhin in dem Krater umherrasen ließ.) Gunga Daß schien einen teuflischen Genuß dabei zu empfinden, diese Tatsache immer wieder zu unterstreichen, als er gesehen hatte, wie ich zusammengezuckt war. Sosehr ich auch in ihn drang, mir zu sagen, wer denn eigentlich diese geheimnisvollen »sie« seien, die ihn und die andern hierhergebracht hätten und ständig bewachten, nichts konnte ihn bewegen, es mir zu verraten.

»Es ist ihnen befohlen, so zu handeln«, antwortete er immer wieder, »und bis jetzt habe ich noch von keinem gehört, der dem Befehl nicht gehorcht hätte.«

»Warte nur«, entgegnete ich ihm, »wenn man im Lager mein Verschwinden bemerkt, werden meine Diener kommen. Ich verspreche dir, daß dieser Ort vom Antlitz der Erde verschwinden wird. Übrigens, eine Unterrichtsstunde in höflichem Benehmen werde ich dir dann auch erteilen, mein Freund!«

»Deine Diener würden in Stücke gerissen sein, längst bevor sie diesen Ort erreicht hätten! Aber abgesehen davon, sind Sie doch tot, mein Lieber! Freilich ist das nicht Ihre Schuld, aber tot und begraben sind Sie nichtsdestoweniger.«

In unregelmäßigen Zeitabschnitten, sagte er mir, würden von der Landseite her Nahrungsmittel in den Krater herabgeworfen; die Bewohner des Amphitheaters kämpften dann darum wie wilde Tiere. Wenn einer seinen Tod herannahen fühle, zöge er sich in eine Höhle zurück und stürbe darin. Später zöge man den Leichnam wieder heraus und würfe ihn auf den Sand. Bisweilen aber ließe man ihn auch verfaulen, wo er gerade läge.

Die Phrase »auf den Sand werfen« erweckte meine Aufmerksamkeit und ich fragte, ob dadurch nicht Pestilenz erzeugt würde.

»Sie werden das später ja selbst beobachten können«, meinte er und bekam wieder einen seiner keuchenden Lachanfälle. »An Zeit zum Beobachten wird es Ihnen nicht fehlen.«

Ich zuckte zu seiner großen Freude wieder zusammen; rasch, um den Eindruck zu verwischen, fuhr ich mit meinen Fragen fort: »Und wie lebt ihr eigentlich hier? Womit beschäftigt ihr euch?« Die Frage rief dieselbe Antwort hervor, nur mit dem Zusatz: »Dieser Ort ist wie euer europäisches Himmelreich; auch hier gibt es weder Heirat noch Hochzeitstag.«

Gunga Daß war in einer Missionsschule erzogen worden. »Wäre ich«, so sagte er, »ein kluger Mann gewesen und hätte die Religion gewechselt, so wäre ich dem Lebendigbegrabensein an diesem Ort, der jetzt mein Los geworden ist, entgangen.« Solange ich mit ihm in dem Krater beisammen war, hatte ich trotzdem die Empfindung, daß er sich ganz glücklich fühlte.

Er hatte in mir einen Sahib vor sich, einen Repräsentanten der herrschenden Rasse, hilflos wie ein Kind und in jeder Beziehung seiner Gnade und der seiner eingeborenen Gefährten ausgeliefert. In raffinierter und wohlüberlegter Weise pflegte er mich zu peinigen, wie etwa ein Schulknabe sich in einer freien halben Stunde an den Todesqualen eines aufgespießten Käfers weidet, oder ein Marder in einer verborgenen Höhle sich genußsüchtig an der Kehle eines Kaninchens festbeißt. Immer wieder kam er in seiner Rede auf die Betonung des Umstandes zurück, daß ein Entkommen unmöglich sei, und daß ich eben bis zu meinem Tode hierbleiben müsse, um schließlich »auf den Sand« geschmissen zu werden. Wäre es möglich, sich die Reden der Verdammten bei der Ankunft neuer Seelen im Abgrund der Hölle vorzustellen, so möchte ich sagen: sie müßten so sprechen, wie Gunga Daß zu mir sprach. Mir fehlte die Kraft, zu antworten oder dagegen Einwände zu erheben; ich mußte meine ganze Willenskraft aufbieten, um gegen das unbeschreibliche Entsetzen anzukämpfen, das mich wieder und wieder zu überwältigen drohte. Ich kann meinen Zustand nur mit dem würgenden Gefühl einer übermächtigen Seekrankheit vergleichen, die einen bei einer stürmischen Kanalüberfahrt befällt. Nur war meine Agonie geistiger Art und daher weit schrecklicher.

Als der Tag vorgerückt war, erschienen die Bewohner des Kraters vollzählig, um die Nachmittagssonne zu genießen, die jetzt bereits in schrägen Strahlen in das Amphitheater herabschien. Sie standen in kleinen Gruppen beisammen und sprachen miteinander, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Es war meiner Schätzung nach etwa vier Uhr, da erschien Gunga Daß, tauchte einen Augenblick in seiner Höhle unter und kam gleich darauf wieder hervor mit einer lebenden Krähe auf der Faust. Der arme Vogel starrte vor Schmutz und war auch sonst in jämmerlichem Zustand, dennoch schien er keine Furcht vor seinem Herrn zu haben. Dann ging Gunga Daß vorsichtig auf die Flußseite zu, wobei er von einem Grasbüschel auf das andere trat, bis er einen Sandfleck direkt in der Schußlinie des Bootsfeuers erreicht hatte. Die Wächter am andern Ufer nahmen jedoch anscheinend keine Notiz von ihm. Dort blieb Gunga Daß stehen, legte mit ein paar geschickten Handgelenkdrehungen den Vogel auf den Rücken und befestigte ihn irgendwie mit ausgespreizten Flügeln. Natürlich begann die Krähe sofort laut zu schreien und zu krächzen und mit den Klauen in die Luft zu krallen. In wenigen Sekunden hatte ihr Geschrei eine Schar wilder Krähen angelockt, die auf einer, mehrere Meter entfernten Sandbank über einem Etwas, das aussah wie ein Aas, eine Ratsversammlung abhielten. Ein halbes Dutzend flog sofort herbei, um zu sehen, was los sei, und um, falls die Sache ungefährlich, ihren wehrlosen Kameraden anzugreifen. Gunga Daß hatte sich auf ein Grasbüschel niedergelegt und winkte mir zu, ich solle mich ruhig verhalten, was ich übrigens sowieso getan hätte. Im Augenblick und ehe ich noch klar erkennen konnte, wie es zuging, hatte Gunga Daß eine wilde Krähe gepackt, die auf die Gefesselte herabgestoßen war und von dieser mit den Krallen festgehalten wurde. Im Nu hatte er sie gefesselt genau wie die Gezähmte. Neugier, so schien es, trieb auch den Rest der Schar herbei, und kaum hatten Gunga Daß und ich Zeit gefunden, uns zurückzuziehen, schon hatten sich wieder zwei in den aufwärts gekehrten Krallen der Lockvögel gefangen. So ging die Jagd – wenn ich diesem Treiben einen so edlen Namen geben darf – weiter, bis Gunga Daß sieben Krähen gefangen hatte. Fünf erwürgte er auf der Stelle, zwei hob er auf für den späteren Betrieb des Unternehmens. Diese Art, sich Nahrung zu verschaffen, imponierte mir einigermaßen, und ich beglückwünschte Gunga Daß zu seiner Geschicklichkeit.

»Es hat nicht viel auf sich«, wehrte er ab, »morgen sollen Sie es für mich tun; Sie sind stärker als ich.«

Dies freche Betonen seiner Überlegenheit ärgerte mich nicht wenig, und ich fuhr ihm sofort mit den Worten über den Mund: »So? Glaubst du? Wofür, du alter Schuft, meinst du eigentlich, habe ich dir mein Geld gegeben?«

»Auch recht«, war seine kaltblütige Antwort. »Vielleicht nicht morgen, vielleicht auch nicht in den nächsten Tagen oder in Wochen, aber später ganz bestimmt werden Sie Krähen fangen – und Krähen essen – und Ihrem europäischen Gott danken, daß Sie Krähen zu fangen und Krähen zu essen haben werden!«

Am liebsten hätte ich ihn wegen dieser Rede erdrosselt, aber in meiner Lage schien es mir vernünftiger zu sein, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Eine Stunde später aß ich denn auch richtig eine der Krähen und dankte meinem Gott, genau wie Gunga Daß gesagt hatte, daß ich eine zu essen hatte. Nie, solange ich lebe, werde ich dieses Abendessen vergessen! Die gesamte Einwohnerschaft hockte auf der Plattform aus hartem Sand gegenüber den Höhlen um kleine Feuer aus Binsen und Treibholz geschart. Der Tod, der einst Hand an diese Menschen gelegt, aber sie nicht hinweggerafft hatte, schien sie jetzt vergessen zu haben; der größte Teil dieser Elenden bestand aus alten Männern, gebeugt, abgemagert, zusammengeschrumpft unter der Last der Jahre; die Frauen schienen so alt zu sein wie die Nornen selber. So saßen sie beisammen, sprachen – Gott allein weiß, worüber sie wohl gesprochen haben mögen – sprachen in leisem, gleichmäßigem Ton, in auffallendem Kontrast zu dem überlautem Geschwätz, mit dem die indischen Eingeborenen die Zeit zu verscheußlichen pflegen. Bisweilen wurde ein Mann oder ein Weib plötzlich von derselben Art rasender Wut gepackt, die auch mich am Morgen überfallen hatte. Dann stürzten sich solche Unglückliche mit gellendem Geschrei und lauten Verwünschungen zu dem Sandhügel, wollten sich emporkrallen, rutschten zurück, immer wieder neue vergebliche Anstrengungen machend, um schließlich blutend und nicht mehr imstande, auch nur ein Glied zu rühren, auf die Plattform zurückzusinken. Die übrigen blickten nicht einmal auf, wenn dergleichen geschah, wie Menschen, die die Nutzlosigkeit solcher Versuche nur zu gut kennen und ihres Anblickes längst müde sind. Vier solcher Ausbrüche sah ich an jenem Abend!

Gunga Daß schätzte meine Lage, während wir dinierten, vom rein geschäftsmännischen Standpunkt aus ein; – heute kann ich darüber lachen, wenn ich mir die Situation vergegenwärtige, damals aber schien sie mir fürchterlich. – Er stellte die Bedingungen, unter denen er für mich sorgen wollte, folgendermaßen fest: Für meine neun Rupien und acht Annas sollte ich, den Tagespreis zu drei Annas berechnet, einundfünfzig Tage oder sieben Wochen lang verköstigt werden; das heißt, diese Zeit hindurch wolle er für meinen Lebensunterhalt sorgen. Nach Ablauf dieser Frist hätte ich mich selbst zu erhalten. Für ein weiteres Entgelt – nämlich meine Stiefel – würde er mir gestatten, die Höhle neben der seinigen zu beziehen, außerdem wolle er mir so viel von seinem Vorrat an getrocknetem Gras als Bettzeug überlassen, wie er gerade entbehren könne.

»Also gut, Gunga Daß«, erwiderte ich, »auf die erste Bedingung gehe ich ganz gerne ein, aber da mich nichts hindern kann, dir den Schädel einzuschlagen, so wie du da sitzt, und dir alles wegzunehmen, was du hast (ich dachte dabei an die zwei unschätzbaren Krähen), so weigere ich mich rundweg, dir meine Stiefel zu geben, und werde mir die Höhle nehmen, die mir am besten gefällt.«

Es war ein kühnes Wagnis, und ich war froh, daß es glückte. Gunga Daß schlug sofort einen andern Ton an und stellte alle bösen Absichten auf meine Stiefel in Abrede. – Damals schien es mir ganz in Ordnung, daß ich, ein Zivilingenieur, ein Mann von dreißig Jahren und Engländer von gut bürgerlichem Rang, einen Menschen, der mich unter seine Fittiche genommen hatte – wenn auch gegen Bezahlung –, ohne Skrupel mit Beraubung und Totschlag bedrohte. Die Welt, so schien es mir, lag seit Jahrhunderten hinter mir. Ich war damals so überzeugt, wie ich es jetzt von meiner Existenz bin, daß in dieser verfluchten Ansiedelung nur das Gesetz des Stärkeren Geltung haben konnte, daß die lebenden Toten alle Vorschriften einer Welt, die sie ausgestoßen hatte, mißachten mußten und daß mein Leben nur von meiner Kraft und meiner Wachsamkeit abhing. Die Männer eines ohne Segel hilflos auf dem Ozean treibenden Schiffes sind vielleicht die einzigen Menschen, die meinen damaligen Gemütszustand begreifen können. – >Heute noch< – sagte ich mir – >bin ich bei Kräften und kann es mit sechs dieser Elenden aufnehmen. Es ist meiner Sicherheit wegen unter allen Umständen eine zwingende Notwendigkeit für mich, daß ich mir Gesundheit und Kraft bewahre, bis die Stunde meiner Erlösung kommt, – wenn sie jemals kommt.«

Ich aß und trank also, soviel ich konnte, und gab Gunga Daß zu verstehen, daß ich von jetzt an sein Herr sei und ihn beim geringsten Zeichen von Ungehorsam strenge bestrafen – ihn, mit andern Worten, totschlagen würde. Kurz darauf legte ich mich schlafen.

Das heißt, ich ließ mir von Gunga Daß ein paar Arme voll trockenes Gras geben, warf es in den Schlund der Höhle, die rechts neben der seinigen lag, hinab und folgte dann selbst mit den Füßen voraus. Die Höhle erstreckte sich ungefähr neun Fuß in den Sand hinein, mit einem leichten Gefalle nach abwärts, und war ganz sauber mit Holz verkleidet. Von ihrem Innern aus konnte ich das Wasser des Sutlej sehen, wie es unter dem Licht des zunehmenden Mondes dahinfloß.

Ich wollte versuchen zu ruhen, so gut es eben ging; aber die Schrecken dieser Nacht werde ich nie vergessen! Die Höhle war eng wie ein Sarg und ihre Wände waren klebrig und glatt infolge der Berührung der unzähligen nackten Menschenleiber, die früher hier gelegen hatten. Dazu roch es abscheulich. Schlaf war also, zumal bei meiner Erregung, vollkommen ausgeschlossen. Als die Nacht zunahm, konnte ich die Empfindung nicht loswerden, Legionen unreiner Teufel stiegen aus den Niederungen, erfüllten das Amphitheater und verhöhnten die Unglücklichen in ihren Höhlen.

Ich bin nicht phantastisch veranlagt – sehr wenige Ingenieure sind es –, aber damals war ich wie ein Weib vor Schrecken und Entsetzen fast gelähmt. Erst nach ungefähr einer halben Stunde hatte ich mich soweit gefaßt, daß ich wieder ruhig überlegen konnte, auf welche Weise wohl ein Entkommen möglich wäre. Versuche, die steilen Sandwände zu erklimmen, waren vergeblich, das wußte ich. Möglich, aber auch nur eben möglich war es, daß mich die Flintenkugeln von drüben nicht treffen würden – denn das Mondlicht läßt die Umrisse der Dinge nicht klar erscheinen –, wenn ich mich zum Flußufer wagte. Aber der Krater hatte für mich so viel Schrecknisse, daß ich nichts unversucht lassen wollte. Man stelle sich meine Freude vor, als ich, vorsichtig ans Flußufer kriechend, bemerkte, daß das höllische Boot nicht mehr da war! Wenige Schritte und die Freiheit lag vor mir!

Wenn ich bis zu der nächsten seichten Pfütze ging, die am Fuß des vorspringenden linken Hufeisenschenkels lag, so konnte ich quer hinüberwaten, um die Flanke des Kraters biegen und – der Weg ins Land war offen. Ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, marschierte ich flott über die Grasbüschel, wo Gunga Daß die Krähen gefangen hatte, und betrat den weichen weißen Sand. Doch schon beim ersten Schritt von den Grasbüscheln weg, sah ich, daß jede Hoffnung auf ein Entrinnen auch hier vergeblich war; denn kaum hatte ich den Fuß niedergesetzt, da fühlte ich ein Nachgeben der Sandschicht, und eine saugende Bewegung machte mein Bein bis zum Knie einsinken. Im Mondlicht schien es mir, als tanze die ganze Sandfläche auf und ab, wie in teuflischem Entzücken über den Zusammenbruch meiner Hoffnung. Mit Aufgebot aller meiner Kräfte arbeitete ich mich heraus und zu den Grasbüscheln zurück. Dort fiel ich, in Schweiß gebadet, vor Anstrengung und Schrecken auf mein Gesicht.

Die letzte Möglichkeit, aus dem Hufeisen zu entkommen, war mir durch den Schwimmsand unmöglich gemacht.

Wie lange ich so gelegen haben mag, weiß ich nicht. Geweckt wurde ich durch Gunga Daß' glucksendes boshaftes Gelächter: »Ich würde Ihnen raten, o Sie Schirmherr der Unterdrückten (der Schuft verhöhnte mich auf englisch), in Ihre Wohnung zurückzukehren. Es könnte Ihrer Gesundheit schaden, wenn Sie hier lange liegen blieben. Überdies würde man auf Sie schießen, wenn das Boot zurückkehrt.« – Er stand da, über mich gebeugt, im Dämmerlicht des Morgengrauens und gluckste und gurgelte in sich hinein vor Freude. Meine erste Regung war, den Kerl am Genick zu packen und in den Sand zu schleudern, aber ich beherrschte mich, stand auf und folgte ihm schweigend auf die Plattform vor den Höhlen.

Plötzlich fragte ich ihn – es waren eigentlich eher lautwerdende Gedanken als eine Frage –: »Gunga Daß, wozu hat man das Boot nötig, wenn es doch sowieso keinen Weg über das Wasser gibt?« — Ich erinnere mich, daß ich trotz meiner Niedergeschlagenheit immerwährend daran denken mußte, welch überflüssige Maßnahme die Bewachung des Ufers sei.

Gunga Daß lachte wieder und erwiderte: »Sie haben das Boot nur bei Tage hier. Und zwar aus dem Grunde, weil es einen Weg gibt. Aber ich hoffe trotzdem, daß wir Ihre Gesellschaft hier noch recht lange genießen werden. Wenn Sie erst einige Jahre hier zugebracht und die entsprechende Menge Krähen verzehrt haben werden, wird Ihnen der Aufenthalt hier ein Vergnügen sein.«

Stumpf und gebrochen stolperte ich zu meiner Höhle und sank in Schlaf. Eine Stunde mochte vergangen sein, da weckte mich ein durchdringender Schrei — der schrille ohrenzerreißende Schrei eines zu Tode verwundeten Pferdes. Wer so etwas nur einmal im Leben gehört hat, wird es nie mehr vergessen. Mit einiger Anstrengung kroch ich aus der Höhle ins Freie und sah Pornic, meinen alten armen Pornic, tot auf dem sandigen Boden liegen. Auf welche Weise sie ihn getötet haben, kann ich mir nicht erklären. Gunga Daß meinte, Pferdefleisch sei besser als Krähen, und möglichst viel davon hier zu haben, hieße die soziale Frage am besten lösen. »Wir bilden hier eine Republik, Mister Jukes«, sagte er, »und Sie haben gewissermaßen ein Anrecht auf einen beträchtlichen Teil des Tieres. Wenn Sie es wünschen, werden wir Ihnen außerdem ein Dankesvotum ausstellen. Wollen Sie, daß ich diesbezüglich einen Antrag stelle?«

Ja, in der Tat, wir waren eine Republik! Eine Republik von wilden Tieren, gefesselt an den Boden eines Abgrundes, um bis zum Tode zu kämpfen, zu schlafen, zu essen. Ich erhob mit keinem Wort Protest, setzte midi nieder, starrte auf das gräßliche Bild nieder, das sich mir bot. Schneller, als ich es hier niederschreibe, war Pornics Leib in Stücke zerrissen. Männer und Weiber schleppten die Fleischfetzen auf die Plattform und begannen ihr Morgenmahl zu bereiten. Gunga Daß kochte die für mich bestimmte Portion. Wieder befiel mich der fast unwiderstehliche Drang, mich auf den Sandwall zu stürzen; mit aller Macht mußte ich dagegen ankämpfen. Gunga Daß machte immer boshaftere Spaße, bis ich ihm drohte, ihn auf der Stelle zu erdrosseln, wenn er nicht sofort aufhöre. Das brachte ihn denn auch zum Schweigen, aber dieses Schweigen wurde mir allmählich so unerträglich, daß ich ihm befahl zu reden.

»Sie werden hier leben, bis Sie sterben, wie – der andere Feringhi«, sagte er kühl und beobachtete mich dabei über den Knorpelrest, an dem er nagte, hinweg mit einem lauernden Blick.

»Welchen andern Sahib meinst du, du Schwein? Rede! Und untersteh dich nicht, mich anzulügen.«

»Da drüben liegt er«, antwortete Gunga Daß und deutete auf den Schlund einer Höhle, etwa die vierte links neben der meinigen. »Sie können ja selbst nachsehen. Er ist in dem Loch gestorben. So wie Sie sterben werden, wie ich, wie alle diese Männer, die Weiber und das Kind.«

»Um Gottes Barmherzigkeit willen, erzähl mir alles, was du von ihm weißt! Wer war er? Wann ist er hierhergekommen und wann ist er gestorben?« schrie ich.

Meine Bitte war ein Fehler; Gunga Daß grinste nur und erwiderte: »Ich will nicht – erst müssen Sie mir etwas dafür geben!«

Das brachte mich zur Besinnung, wo ich war; ich versetzte ihm einen Hieb zwischen die Augen, der ihn fast betäubte. Er taumelte von der Plattform herunter und versuchte winselnd und schmeichelnd meine Füße zu umfassen, dann führte er mich zu der von ihm bezeichneten Höhle.

»Ich weiß nicht das geringste über den Gentleman. Euer Gott ist mein Zeuge, daß ich nichts weiß. Er war ebenso bedacht, zu entkommen, wie Sie, und wurde dann vom Boot aus drüben erschossen. Wir haben alles getan, ihn von Fluchtversuchen abzuhalten. Hier hat ihn die Kugel getroffen.« Gunga Daß legte die Hand auf seinen eingefallenen Bauch; verbeugte sich.

»Nun und weiter? Fahr fort!«

»Nun, und dann – und dann, Euer Gnaden, haben wir ihn in sein Haus getragen, ihm Wasser gegeben und nasse Lappen auf seine Wunde gelegt, aber er hat sich ausgestreckt und hat den Geist aufgegeben.«

»Wie lang hat das gedauert? Nun? Wie lang, will ich wissen!«

»Etwa eine halbe Stunde, nachdem er verwundet worden war. Ich – ich rufe den Gott Vishnu als Zeugen an«, beteuerte der elende Mensch, »daß ich alles für ihn getan habe! Alles, was möglich war, hab ich für ihn getan.«

Und Gunga Daß warf sich vor mir nieder und umfaßte meine Füße. Aber ich hatte meine Zweifel, was seine Güte betraf, und versetzte ihm einen Fußtritt – trotz seiner Beteuerungen.

»Ich glaube eher, du hast ihn beraubt und ihm alles genommen, was er besaß. Aber ich werde das in wenigen Minuten herausgefunden haben. Wie lange war der Sahib hier?«

»Ungefähr anderthalb Jahre. Ich glaube, er ist nach und nach wahnsinnig geworden. Aber hören Sie meinen Schwur, o Beschirmer der Unterdrückten! Niemals habe ich einen Gegenstand angerührt, der ihm gehört hat! Wollen Euer Gnaden doch anhören, wie ich es beschwöre! Was gedenken Euer Gnaden zu tun?«

Ich hatte Gunga Daß am Genick gepackt und zu der unbewohnten Höhle auf die Plattform gezerrt. Ich malte mir aus, wie unaussprechlich mein Unglücksgefährte die achtzehn Monate hindurch gelitten haben mußte unter den Schrecknissen hier, um schließlich wie eine Ratte in der scheußlichen Höhle mit einer Schußwunde im Leib zu sterben. Gunga Daß fürchtete wahrscheinlich, ich wolle ihn töten, und heulte ganz erbärmlich. Die übrige Bewohnerschaft, vollgefressen mit Pferdefleisch, betrachtete uns, ohne ein Glied zu rühren.

»Geh hinein, Gunga Daß«, befahl ich, »bring ihn heraus!«

Ich fühlte, wie mich das Grausen packte, so daß ich fast ohnmächtig wurde. Gunga Daß rollte beinahe die Plattform hinab vor Schrecken und heulte laut auf:

»Ich bin Brahmane, Sahib! — ein Brahmane, von hoher Kaste! Bei deiner Seele, Sahib, bei der Seele deines Vaters, Sahib, erlasse mir das!«

»Brahmane oder nicht Brahmane, bei meiner Seele und der Seele meines Vaters – hinein gehst du!« und ich packte ihn bei der Schulter, zwängte seinen Kopf in den Schlund der Höhle und gab dem Rest des Kerls einen nachhelfenden Fußtritt; dann setzte ich mich hin und bedeckte mein Gesicht mit den Händen.

Nach einigen Minuten vernahm ich ein Rasseln und Schlürfen und hörte, wie Gunga Daß in schluchzendem Gemurmel und mit keuchendem Atem mit sich selbst redete. Dann ein leises Aufschlagen und ich nahm die Hand von den Augen.

Der trockene Sand hatte den Leichnam in eine gelbbraune Mumie verwandelt. Ich sagte Gunga Daß, er solle sich entfernen, und begann den Toten zu untersuchen.

Der Körper war mit einem olivgrünen Jagdanzug bekleidet, der stark abgetragen und beschmutzt, an den Schultern mit Lederaufschlägen versehen war. Der Tote schien ein Mann von vierzig bis fünfzig Jahren gewesen zu sein, war über Mittelgröße und hatte helles sandfarbiges Haar, einen langen Schnurrbart und einen rauhen ungepflegten Backenbart. Der linke Eckzahn des Oberkiefers fehlte, ebenso ein Teil des rechten Ohrläppchens. Am zweiten Finger der linken Hand stak ein Ring mit einem schildartig geformten, in Gold gefaßten Blutstein und einem Monogramm darin, das entweder B. K. oder B. L. sein konnte. Der dritte Finger der rechten Hand trug einen sehr abgenutzten silbernen Ring, der eine zusammengerollte Kobra darstellte. Gunga Daß hatte, bevor er gegangen war, eine Hand voll kleiner Gegenstände, die er offenbar in der Höhle zusammengerafft, zu meinen Füßen niedergelegt. Ich breitete mein Taschentuch über das Gesicht des Toten und machte mich daran, die Sachen zu prüfen. Ich gebe hier eine Liste von ihnen; vielleicht dient sie dazu, daß jemand dadurch instand gesetzt wird, die Person des Unglücklichen festzustellen:

1. Ein Pfeifenkopf aus Bruyereholz, am Rande ausgezackt, sehr verbraucht und beinahe schwarz geraucht, an der Schraube mit Spagat festgebunden.

2. Zwei Patentschlüssel mit abgebrochenen Barten.

3. Federmesser mit Schildkrotschale, Namenplatte aus Silber oder Nickel, Mongramm B. K.

4. Briefumschlag, Poststempel nicht mehr zu entziffern, Viktoriabriefmarke, adressiert an Miss Mon –(Rest unleserlich) — »ham« – »nt.«

5. Notizbuch aus imitiertem Krokodilleder mit Bleistift. Die ersten fünf Seiten leer, zwei und eine halbe unleserlich, fünfzehn weitere ausgefüllt mit privaten Aufzeichnungen, die sich hauptsächlich auf drei Personen bezogen: eine Mrs. Singleton, verschiedene Male abgekürzt durch »Lot Single«, Mrs. S. May und einem Mr. Garmison, der bisweilen auch »Jerr« oder »Jack« genannt wird.

6. Griff eines schmalen Jagdmessers, Klinge kurz abgebrochen, Hirschhorn, oben glatt geschliffen, mit Kette und Ring am Ende, Fragment einer Baumwollschnur angeknüpft.

Natürlich nahm ich dieses Verzeichnis nicht auf der Stelle so genau auf, wie ich es hier niederschrieb. Das Notizbuch fesselte zuerst meine Aufmerksamkeit; ich steckte es in die Tasche mit dem Vorsatz, es später durchzusehen. Die übrigen Gegenstände trug ich sicherheitshalber in meine Höhle, und dort erst fertigte ich als ordnungsliebender Mann das Verzeichnis an.

Ich kehrte sodann zu der Leiche zurück und befahl Gunga Daß, mir zu helfen, sie an die Flußseite zu tragen. Während wir damit beschäftigt waren, fiel die abgeschossene Hülse einer braunen Patrone aus einer Tasche des Toten vor meine Füße. Gunga Daß hatte es nicht bemerkt. Ich sagte mir sofort, daß ein Mann, der auf die Jagd geht, abgeschossene Patronenhülsen, zumal braune, die man nicht zweimal laden kann, nicht mit sich herumtragen wird. Ich schloß daraus, daß die Patrone innerhalb des Kraters abgeschossen worden war. Folglich mußte noch irgendwo die Flinte sein! Ich wollte schon Gunga Daß dieserhalb befragen, aber ich überlegte es mir noch rechtzeitig, denn ich nahm an, er würde mich bestimmt belügen. Wir legten die Leiche nahe den Grasbüscheln auf den Treibsand nieder. Meine Absicht war, sie weiter hinauszuschieben, damit sie der Schwimmsand verschlingen könne — die einzige hier mögliche Art eines Begräbnisses. Ich befahl Gunga Daß, sich zu entfernen.

Dann schob ich die Leiche behutsam auf den Schwimmsand. Dabei – sie lag mit dem Gesicht nach unten – zerriß der braune morsche Jagdrock und ein schreckliches Loch im Rücken des Toten wurde sichtbar. — Wie ich bereits erwähnt habe, hatte der trockene Höhlensand den Körper in eine Mumie verwandelt. Ein einziger Blick sagte mir, daß die weitklaffende Wunde von einem Flintenschuß herrühren mußte, aber, darüber konnte kein Zweifel herrschen: der Schuß war aus nächster Nähe abgefeuert worden! So zwar, daß der Gewehrlauf beinahe den Rücken des Unglücklichen berührt hatte. Der Jagdrock hingegen war unbeschädigt; offenbar hatte man ihn erst nachträglich der Leiche übergezogen. Der Tod mußte unmittelbar nach dem Schuß eingetreten sein. Die näheren Umstände waren mir sofort klar: irgend jemand von den Kraterbewohnern, vermutlich Gunga Daß, mußte den Unglücklichen mit dessen eigener Flinte – eben jener Flinte, zu der die braunen Patronen paßten – erschossen haben. Der Fremde hatte gar nicht versucht – angesichts der von dem verankerten Boot drohenden Gefahr — zu entkommen.

Ich schob den Leichnam weiter hinaus und sah, wie ihn der Treibsand in wenigen Sekunden verschluckte. Ich schauderte bei diesem gräßlichen Anblick. Betäubt und halb von Sinnen versuchte ich, das Notizbuch durchzulesen. Dabei schob sich ein vergilbter und beschmutzter Papierstreifen aus dem Einbandrücken, wo er offenbar versteckt gewesen, und fiel heraus, als ich umblättern wollte. Folgendes stand darauf: »Vier geradeaus vom Krähenplatz; drei links; vierzehn geradeaus; zwei links; drei rückwärts; neun geradeaus; zwei rechts; drei rückwärts; zwei links; vierzehn geradeaus; zwei links, sieben geradeaus, einer links, neun rückwärts; zwei rechts; sechs rückwärts; vier rechts; sieben rückwärts.« Das Papier war an den Ecken beschädigt und angebrannt; was die Schrift zu bedeuten hatte, konnte ich nicht verstehen. Ich setzte mich auf einen Sandhaufen und drehte den Papierstreifen hin und her, da bemerkte ich plötzlich, daß Gunga Daß hinter mir stand, mit glühenden Augen und die Hände ausgestreckt.

»Haben Sie es gefunden?« keuchte er. »Wollen Sie mich nicht einen Blick hineinwerfen lassen? Ich schwöre, daß ich es Ihnen zurückgebe.«

»Was soll ich gefunden haben? Was willst du mir zurückgeben?« fragte ich.

»Das, was Sie da in Ihren Händen halten! Es wird uns beiden helfen.« – Gunga Daß streckte zitternd vor Aufregung seine langen vogelklauenartigen Krallen aus.

»Ich habe es nie finden können«, fuhr er fort. »Er muß es an seinem Leib versteckt getragen haben. Deshalb hab ich ihn erschossen. Aber auch dann hab ich es nicht finden können.«

Offenbar hatte Gunga Daß ganz vergessen, was er mir von einem Schuß aus dem Boot vorgelogen hatte. Ich hörte ihn ruhig an: die sittliche Empörung kommt einem gar leicht abhanden, wenn man mit lebenden Toten verkehrt!

»Was redest du da für dummes Zeug zusammen? Was willst du, das ich dir geben soll?«

»Das Stück Papier aus dem Notizbuch! Es wird uns beiden helfen. O du Narr du! Du Narr! Siehst du denn nicht, was es wert ist?! Entkommen können wir von hier!«

Seine Stimme erhob sich bis zu wildem Gekreisch und er tanzte in höchster Aufregung vor mir herum. Ich muß gestehen, auch ich war tief erschüttert bei dem Gedanken an eine Möglichkeit zu entfliehen.

»Willst du vielleicht behaupten, daß dieser Fetzen Papier uns retten soll?« fragte ich. »Was hat er zu bedeuten?«

»Lies ihn laut vor«, schrie Gunga Daß. »Lies ihn vor! Ich bitte und beschwöre Sie, lesen Sie ihn laut vor!«

Ich tat es. Gunga Daß lauschte verzückt und zog mit den Fingern unregelmäßige Linien in den Sand.

»Sehen Sie! Hier! Die Länge des Flintenlaufs ohne Schaft ist das Längenmaß! Ich besitze den Flintenlauf! Vier Flintenläufe geradeaus vom Fleck, wo ich die Krähen zu fangen pflege – gradaus gemessen. Verstehen Sie jetzt? Dann drei nach links! Ich erinnere mich genau, wie der Mann sich abgearbeitet hat Nacht für Nacht. Dann: neun geradaus und so weiter. Geradaus: das heißt, immer direkt vorwärts über den Schwimmsand, nach Norden. Das hat er mir erklärt, bevor ich ihn erschoß.«

»Aber wenn du alles gewußt hast, weshalb bist du nicht längst entflohen?«

»Ich hab es eben nicht gewußt! Er sagte mir vor achtzehn Monaten, daß er es herausfinden wollte, und er hat Nacht für Nacht daran gearbeitet, sobald das Boot fort war. Er sagte, er würde bestimmt über den Schwimmsand hinweg entkommen können. Dann versprach er mir, wir wollten zusammen entfliehen, aber ich fürchtete, er werde mich im Stiche lassen, und deshalb schoß ich ihn tot, als er seinen Plan ausgearbeitet hatte. Außerdem ist es nicht ratsam, daß ein Mensch, der einmal hier war, entkommt – mich ausgenommen, denn ich bin ein Brahmane.«

Die Hoffnung auf Entrinnen hatte in Gunga Daß die Erinnerung an seine Kaste wieder wachgerufen; er erhob sich, ging auf und ab und gestikulierte heftig mit den Händen. Allmählich brachte ich ihn soweit, daß er wenigstens in zusammenhängenden Sätzen sprach. Er schilderte mir, wie dieser Engländer Nacht für Nacht und Zoll für Zoll festen Grund unter dem Schwimmsand ausgeforscht habe; es sei nunmehr eine Leichtigkeit, innerhalb zwölf Metern Entfernung vom Flußufer um den linken Hufeisenschenkel herumzuwaten, ohne Gefahr zu laufen, im Sand zu versinken. Offenbar aber hatte sich der Mann doch nicht ganz klar ausgesprochen gehabt, bevor Gunga Daß ihn niederschoß.

Außer mir vor Entzücken angesichts der Möglichkeit, entkommen zu können, schüttelte ich Gunga Daß wieder und wieder die Hände, und wir verabredeten, noch in derselben Nacht einen Fluchtversuch zu unternehmen. Ich konnte es kaum erwarten, bis es Abend wurde.

Es mochte meiner Schätzung nach etwa zehn Uhr geworden sein und der Mond tauchte gerade über dem Rande des Kraters auf, da stieg Gunga Daß in seine Höhle hinunter, um den Flintenlauf zu holen, der uns als Meßinstrument dienen sollte. Die übrigen elenden Bewohner des Dorfes hatten sich längst in ihre jämmerlichen Behausungen zurückgezogen; das Wachtschiff war schon vor einigen Stunden stromabwärts fortgeschwommen, und wir standen völlig unbeobachtet auf dem Krähenplatz. Gunga Daß nahm den Flintenlauf zur Hand und ließ dabei den Papierstreifen fallen, der unser Führer sein sollte. Schnell bückte ich mich, um ihn wieder aufzuheben, da sah ich an dem Schatten, der auf den Sand fiel, daß der Halunke im Begriffe war, mir mit dem Flintenlauf einen Schlag auf den Hinterkopf zu versetzen. Umdrehen konnte ich mich nicht mehr —. Ich muß wahrscheinlich einen schweren Hieb ins Genick erhalten haben, denn ich fiel bewußtlos am Rande des Schwimmsandes nieder.

Als ich wieder zu Bewußtsein kam, stand der Mond bereits weit im Westen. Ich fühlte einen unerträglichen Schmerz im Hinterkopf. Gunga Daß war verschwunden und mein Mund voll Blut. Eine Weile lag ich so und betete, der Tod möge kommen und mich von meinen Leiden erlösen. Dann packte mich noch einmal jene besinnungslose Raserei, die ich schon einmal geschildert habe, und ich raffte mich auf und taumelte zurück zu den Kraterwänden. – Da schien es mir, als flüstere eine Stimme aus der Luft mir zu: »Sahib T Sahib! Sahib!« genau in dem Tonfall, in dem mich des Morgens mein Diener im Lager zu rufen pflegte. Zuerst glaubte ich, ich deliriere, dann, als eine Handvoll Sand zu meinen Füßen niederfiel, blickte ich in die Höhe und sah einen Kopf in das Amphitheater herabschauen – den Kopf Dunnoos, des Burschen, der für meine Hunde zu sorgen hatte. Als er bemerkte, daß ich ihn erblickt hatte, hielt er die Hand empor und zeigte mir einen Strick. Hin- und hertaumelnd, gab ich ihm ein Zeichen, er solle ihn herunterlassen. Ein paar lederne Punkah-Stricke waren zusammengeknotet und trugen am Ende eine Schlinge. Ich zog sie über Kopf und Arme, hörte Dunnoo etwas brummen, wurde mir bewußt, daß ich die steile Sandwand emporgezogen wurde, das Gesicht nach unten, und fand mich gleich darauf, halb erwürgt und beinahe ohnmächtig, oben auf dem Gipfel der Sandhügel, die den Krater umschlossen. Dunnoo, das Gesicht aschgrau im Mondlicht, bestürmte mich, keinen Augenblick verstreichen zu lassen und unverzüglich zurück zu den Zelten zu eilen.

Allem Anschein nach hatte er Pornics Hufspuren vierzehn Meilen weit über den Sand, der sich bis zu dem Krater erstreckte, verfolgt. Dann war er zurückgegangen, um meine Diener von dem Geschehnis in Kenntnis zu setzen. Aber sie hatten sich aufs entschiedenste geweigert, mit jemand – gleichgültig, ob es ein Weißer sei oder ein Schwarzer –, der in dieses grauenhafte Dorf der Toten gefallen war, jemals wieder in Berührung zu kommen. So nahm denn Dunnoo eins meiner Ponys und ein paar Punkah-Stricke, kehrte allein nach dem Krater zurück und zog mich heraus, so, wie ich es beschrieben habe.

 


 

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