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Dunkles Indien. Phantastische Erzählungen

Rudyard Kipling: Dunkles Indien. Phantastische Erzählungen - Kapitel 7
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titleDunkles Indien. Phantastische Erzählungen
authorRudyard Kipling
typenarrative
modified20170915
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Imrays Rückkehr

Imray hatte das Unmögliche vollbracht; ohne eine Zeile zu hinterlassen, aus unbegreiflichen Gründen, in der Blüte der Jahre; an der Schwelle einer Karriere, hatte er die Welt verlassen - das heißt: die kleine indische Station, in der er lebte. Tags vorher war er noch frisch und wohlauf gewesen, vergnügt und emsig tätig an den Billardtischen seines Klubs. Am Morgen darauf war er nicht mehr zu finden, und alle Nachforschungen nach ihm blieben erfolglos. Er hatte seine Wohnung verlassen, war aber nicht, wie sonst, rechtzeitig im Amt erschienen; auch hatte man seinen Dogcart nicht auf den Straßen gesehen. Weil er sich einmal einer mikroskopisch winzigen Pflichtversäumnis schuldig gemacht, hielt sich das Kaiserreich nur zu einer ebenso winzig mikroskopischen Untersuchung des Vorfalles verpflichtet. Man suchte die Teiche nach Imray ab, Brunnen wurden ausgepumpt und Telegramme an die Eisenbahnstationen und die nächste Seehafenstadt - sie lag die Kleinigkeit von zwölfhundert Meilen entfernt - losgelassen. Aber Imray blieb verschwunden; man fand ihn weder am Ende der Schleppnetztaue noch am Ende der Telegraphendrähte. Die Regierungsmaschine des großen indischen Kaiserreiches nahm ihre tägliche Arbeit wieder auf, denn man konnte sich Imrays wegen doch nicht länger aufhalten. Imray, der Mensch, wurde eine geheimnisumwobene Angelegenheit, von der man bestenfalls einen Monat lang an den Klubtischen spricht, um sie dann zu vergessen. Seine Gewehre, Wagen und Pferde wurden an den Meistbietenden veräußert. Sein Vorgesetzter schrieb einen gewundenen Brief an die Mutter, in dem die Tatsache unterstrichen war, daß Imray auf unerklärliche Weise verschwunden sei und sein Bungalow leerstehe.

Als drei oder vier Monate des sengend heißen Wetters vorbei waren, mietete mein Freund Strickland von der Polizei dem eingeborenen Hauswirt den Bungalow ab. Das geschah, bevor er sich mit Miss Youghal verlobte und noch seinen Forschungen über das Leben und Treiben der Eingeborenen oblag. Seine eigene Lebensführung war sonderbar genug, und so mancher hat sich über seine Manieren und Gewohnheiten beklagt. Nahrungsmittel waren in seinem Hause stets reichlich vorhanden, aber eine regelmäßige Essenszeit gab es nicht; im Stehen, oder auf und ab gehend, aß er, was gerade auf dem Serviertisch stand, und das behagt nicht jedem. Sein Wohnungsschmuck bestand aus sechs Doppelflinten, drei Schrotbüchsen, fünf Sätteln und einer Sammlung steifgesplißter Mahseer-Angelruten, die noch viel dicker und stärker sind als die, mit denen man die größten Lachse fängt. Diese Dinge nahmen die eine Hälfte des Bungalows ein, die andere war für Strickland - und Tietjens reserviert, eine riesige Hündin aus Rampur, die täglich die Ration von zwei Männern verschlang. Sie sprach mit Strickland ihre eigene Sprache, und wenn sie draußen beim Umherstreifen etwas bemerkte, was nach ihrer Ansicht den Frieden Ihrer Majestät, der Kaiserin und Königin, hätte stören können, so kehrte sie zu ihrem Gebieter zurück, um Bericht zu erstatten; Strickland verfügte sodann auf der Stelle die erforderlichen Geldstrafen oder Gefängnis für die betrübten Schuldigen. Die Eingeborenen hielten infolgedessen Tietjens für eine Art dienstbaren Hausgeist und bezeigten ihr jene Art Hochachtung, die sich aus Haß und Furcht zusammensetzt. Ein Zimmer im Bungalow war eigens für sie bestimmt, und außerdem nannte sie eine Bettstatt, eine wollene Decke und einen Trinktrog ihr eigen. Wenn jemand des Nachts Stricklands Gemächer betrat, liebte sie es, den Eindringling zu Boden zu werfen und so lange zu heulen, bis Licht gebracht wurde. Strickland dankte ihr sein Leben; als er sich einmal in den Grenzgebieten aufgehalten hatte, schlich ein Mörder, den er dingfest machen wollte, in der Dämmerung in sein Zelt, ein Messer zwischen den Zähnen, um ihn in ein Land zu befördern, das noch jenseits der Andamaneninseln liegt; aber Tietjens packte den Kerl und verhalf ihm dadurch zu einem streng gesetzmäßigen Ende am Galgen. Seitdem trägt sie ein dickes silbernes Halsband und hat ein Monogramm auf ihrer Bettdecke. Diese Decke ist aus doppeltem Kaschmirstoff, denn Tietjens hält viel auf dergleichen.

Unter keinen Umständen litt sie, daß man sie von ihrem Herrn trennte. Als Strickland einmal an Fieber darniederlag, bereitete sie den Ärzten große Verlegenheiten; sie konnte ihrem Herrn zwar nicht helfen, aber sie duldete auch nicht, daß ihm andere hülfen. Macarnaght vom indischen Sanitätskorps mußte ihr erst eins mit dem Gewehrkolben über den Schädel geben, ehe sie zur Einsicht kam, daß die Ärzte mit dem Chinin den Vortritt hätten.

Kurz nachdem Strickland Imrays Bungalow bezogen hatte, führten mich meine Geschäfte zu der Station, und da die Klubquartiere überfüllt waren, mietete ich mich bei ihm ein. Es war ein solid gebauter Bungalow, mit acht Räumen und mit einem guten Dach versehen, so daß kein Regen durch konnte. Innen hing eine Art Baldachin als Schutzdecke quer über dem Wohnraum, sauber wie ein getünchter Bewurf. Der Hauswirt hatte sie frisch übermalen lassen, bevor Strickland einzog. Wer die Bauart indischer Bungalows nicht kennt, hätte schwerlich vermutet, daß über diesem weißen, gespannten Tuch die dunkle dreieckige Höhlung des Dachstuhls lag, bewohnt von Ratten, Fledermäusen und anderem ekelhaften Ungeziefer.

Tietjens empfing mich in der Veranda mit einem Gebell, dröhnend wie die Glocke der St.-Pauls-Kirche, und legte mir als Zeichen der Freude und des Wohlwollens die Pfoten auf beide Schultern. Strickland hatte sich aus Töpfen und Tellern eine Art Frühstück zusammengekratzt, eilte aber, kaum daß er es hinuntergewürgt hatte, sofort zu seinen Berufsangelegenheiten und ließ mich mit Tietjens und meinen Gedanken allein. Die Hitze des Sommers war vorüber und hatte dem warmen Dunst der ersten Regenzeit Platz gemacht. Kein Lüftchen regte sich, aber der Regen fiel Ladestöcken gleich auf die Erde herab, sich beim Wiederemporspritzen in einen blauen Nebel verwandelnd. Der Bambus, die Zuckeräpfelbäume, die Pointsettias und die Mangobäume standen unbeweglich und ließen sich von dem warmen Wasser überrieseln, derweilen die Frösche in den Aloehecken dazu sangen. Kurz vor dem Dunkelwerden, als der Regen am heftigsten fiel, saß ich im Hintergrund der Veranda, lauschte auf das Trommeln des Wassers in den Dachtraufen und kratzte mich, denn ich war mit Hitzebläschen über und über bedeckt. Tietjens war mit mir hereingekommen, legte mir den Kopf in den Schoß und blickte ungemein sorgenvoll drein, – weshalb ich ihr ein paar Biskuits gab, als ich im Rückraum, wo es wesentlich kühler war, meinen Tee einnahm. Die übrigen Gemächer des Hauses lagen in Dunkelheit getaucht hinter mir. Ich vermied sie, denn ich konnte den Geruch von Stricklands Sattelzeug und dem öl an seinen Flinten nicht leiden. Da kam mein Privatdiener zu mir - seine dünnen Kleider waren so durchnäßt, daß sie ihm förmlich am Leibe festklebten - und sagte, ein Fremder sei gekommen und wünsche, mit jemand zu sprechen. Ich wollte nicht erst warten, bis der Diener Licht in den dunklen Zimmern angezündet haben würde, und ging daher - eigentlich ganz gegen meinen Willen - in das kahle Vorzimmer. Ob nun wirklich ein Besucher draußen war oder nicht, jedenfalls schien es mir, als stünde eine Gestalt am Fenster. Aber als der Diener mit den Leuchtern kam, war nichts zu sehen, zu hören und zu spüren als Regengeprassel und der Geruch der trinkenden Erde. Ich erklärte meinem Diener, er sei noch dümmer, als es sich von Rechts wegen gezieme, und kehrte in die Veranda zurück, um mich mit Tietjens weiter zu unterhalten. Sie war inzwischen in das Unwetter hinausgegangen und ließ sich nur mit Widerstreben zurücklocken -trotz Zuckerstücken und Biskuitverheißung. Kurz vor Abendessenszeit kam Strickland, triefend vor Nässe, nach Haus. Seine ersten Worte waren:

»Ist jemand hier gewesen?«

Ich erzählte ihm, mit dem nötigen Hinweis auf die Dummheit meines Dieners, daß man mich in das Empfangszimmer gerufen habe. Vielleicht sei wirklich irgendein Tagedieb dagewesen, aber jedenfalls hätte er das Weite gesucht, ohne sich vorzustellen und seinen Namen zu nennen, schloß ich meinen Bericht.

Strickland hörte mir schweigend zu, bestellte das Essen, und da es ein ordnungsmäßiges Mahl war, serviert auf einem weißen Tuch, setzten wir uns zu Tisch, wie es sich gehört. Um 9 Uhr ging Strickland schlafen. Ich war ebenfalls müde. Tietjens, die unter dem Tisch gelegen hatte, verfügte sich mit einem Satz in den am meisten geschützten Teil der Veranda, als sich ihr Herr in sein Schlafgemach begab, das an ihr eigenes Staatszimmer angrenzte. Wenn etwa eine Frau es vorgezogen hätte, draußen im strömenden Regen zu schlafen, wäre das weiter nicht von Belang gewesen, aber Tietjens war eine Hündin und somit wertvoller. Ich sah Strickland erwartungsvoll an, ob er sie nicht mit der Peitsche zurückholen würde, aber er lächelte nur entsagungsvoll, etwa wie ein Ehemann, der sich keinerlei Gewalt über die Hauswirtschaft anzumaßen getraut. »Sie hat es so gehalten, seitdem ich hier eingezogen bin. Laß sie«, sagte er.

Tietjens war schließlich Stricklands Hündin und nicht meine, und daher schwieg ich. Aber daß es Strickland keineswegs paßte, so leicht über die Sache hinwegzugehen, fühlte ich deutlich. Tietjens schlug ihr Lager draußen vor dem Fenster meines Schlafzimmers auf. Sturmbö folgte auf Sturmbö und fegte donnernd über das Dach; schwand dahin. Blitze spritzten über den Himmel, wie Eier, die an ein Scheunentor geworfen werden. Nur nicht so gelb. Mehr blaßblau. Durch die Ritzen meiner Bambusjalousie konnte ich erkennen, daß die große Hündin regungslos draußen in der offenen Veranda stand, die Rückenhaare gesträubt, die Füße wie angewurzelt. Die Sehnen gespannt, wie die Drahtseile einer Kettenbrücke. Während der kurzen Pausen des Donners versuchte ich einzuschlafen, hatte aber immerwährend das Gefühl, irgend jemand wolle mich davon abhalten und verlange etwas von mir. Wer es auch sein mochte, er versuchte, mich beim Namen zu rufen. Aber seine Stimme ging stets in ein lautloses Flüstern über. Der Donner hörte auf, Tietjens ging in den Garten, heulte den Mond an. Jemand versuchte, meine Tür zu öffnen, wanderte auf und ab im Haus, stand schwer atmend in der Veranda still. Ich war kaum eingeschlafen, da bildete ich mir ein, wildes Hämmern und Geschrei über meinem Kopf - oder war es an der Tür? - zu hören.

Ich stürzte in Stricklands Zimmer und fragte, ob er krank wäre oder mich gerufen hätte. Er lag, halb angekleidet, auf seinem Bett, die Pfeife im Munde. »Ich hab mir's gleich gedacht, daß du kommen würdest«, sagte er. »Bin ich soeben im Haus herumgelaufen?«

Ich sagte, er sei im Eß- und Rauchzimmer herumgetrampelt und noch in zwei oder drei ändern Zimmern. Er lachte bloß und riet mir, mich schlafen zu legen. Ich legte mich wieder nieder und schlief bis zum Morgen, aber beständig verfolgte mich das Gefühl im Traum, ich beginge ein Unrecht gegen jemand, der irgend etwas von mir wünsche. Was das für Wünsche sein könnten, vermochte ich mir nicht klarzumachen, aber ein schwankender, umhertappender, zaudernder schemenhafter Jemand überhäufte mich mit Vorwürfen wegen meiner Saumseligkeit. Zwischenhinein hörte ich, wie im Halbwachen, das Dreschen des Regens und Tietjens' Geheul im Garten.

Zwei Tage blieb ich in dem Haus. Jeden Morgen ging Strickland in sein Büro und ließ mich mit Tietjens als einziger Gesellschaft, acht bis zehn Stunden allein. Solange heller Tag war, fühlte ich mich ganz behaglich. Ebenso Tietjens. Aber wenn die Dämmerung kam, zogen wir uns in die rückwärtige Veranda zurück und taten schön miteinander. Wir waren allein im Haus, dennoch schien jemand anwesend zu sein - allzu anwesend - mit dem ich nichts zu tun haben mochte. Ihn konnte ich nicht sehen, aber ich sah, daß sich die Vorhänge, die die Zimmer abteilten, bewegten, als sei soeben jemand hindurchgegangen; ich hörte die Bambusstühle knarren, als hätte sich eben ein Gewicht von ihnen erhoben; ich fühlte, wenn ich ein Buch aus dem Eßzimmer holen wollte, jemand warte auf der Vorderveranda, bis ich fortginge. Tietjens machte das Zwielicht interessant durch ihr Starren in die dunklen Räume, jedes Haar gesträubt und die Bewegungen eines Etwas verfolgend, das ich nicht sehen konnte. Sie ging niemals in die dunklen Zimmer hinein, aber ihre aufmerksam wandernden Augen sagten mir genug. Erst wenn mein Diener die Lampen brachte und ihr Licht alles hell und wohnlich machte, ging sie mit mir hinein, setzte sich auf die Hinterbeine und beobachtete eine unsichtbare Erscheinung, die sich hinter meinem Rücken zu schaffen machte. Hunde sind freundliche Gefährten.

Ich eröffnete Strickland so höflich wie möglich, daß ich nunmehr hoffen könne, im Klub Unterkunft zu finden, pries seine Gastfreundschaft, bewunderte seine Waffen und Angelruten, aber sein Haus und die Atmosphäre darin paßten mir ganz und gar nicht. Er ließ mich zu Ende sprechen, lächelte dann müde, aber ohne Empfindlichkeit, denn er ist ein Mann, der die Beweggründe anderer gelten läßt. - »Bleib doch noch hier«, sagte er nach einer Weile - »und denk nach, was das alles zu bedeuten hat. Was du mir mitgeteilt hast, weiß ich, seit ich den Bungalow bewohne. Bleib doch hier und warte ab! Tietjens hat mich verlassen; willst du auch gehen?«

Ich habe einmal mit ihm ein kleines Erlebnis, ein heidnisches Götzenbild betreffend, gehabt, das mich beinahe ins Irrenhaus brachte; ich verspürte keine Lust, ihm auch noch bei weiteren Experimenten Gesellschaft zu leisten. Er war ein Mensch, dem Ungeheuerlichkeiten so häufig unterliefen, wie ändern etwa ein Mittagessen.

Ich sagte ihm daher klipp und klar, daß ich ihn sehr gerne hätte und ihn mit Freuden jederzeit am Tage besuchen wollte, aber unter seinem Dach zu schlafen, ließe ich mir nicht zumuten. Das geschah nach dem Mittagessen, Tietjens lag draußen vor der Veranda.

»Gott, freilich, zu verwundern ist's nicht«, sagte Strickland. Er betrachtete aufmerksam das Tuch an der Zimmerdecke

»Da! Schau mal!« Die Schwänze von zwei braunen Schlangen hingen zwischen Tuch und Wandgesims herab. Warfen lange Schatten im Lampenlicht. »Hm. Wenn du dich vor Schlangen fürchtest -« brummte er. Allerdings fürchte und hasse ich Schlangen. Wenn man ihnen ins Auge sieht, beschleicht einen der Verdacht, sie wissen um das ganze Geheimnis des Sündenfalles der Menschen und fühlen die Verachtung, die Satan gefühlt haben mag, als Adam aus dem Paradies vertrieben wurde. Außerdem ist ihr Biß meistens verhängnisvoll, - und sie winden sich einem mit Vorliebe an den Hosenbeinen hinauf.

»Du solltest wirklich einmal das Dach nachsehen lassen!« sagte ich. »Gib mir doch einen von deinen Maskeer-Angelstöcken her! Ich werde die Viecher herunterstochern.«

»Sie werden sich zwischen die Dachbalken verkriechen«, meinte Strickland. »Schlangen überm Kopf! Das könnte mir so passen! Warte, ich steige hinauf. Wenn ich sie herunterschüttle, zerschlag ihnen das Rückgrat mit dem Ausklopfstecken da!«

Ich verspürte wenig Lust, Strickland bei diesem Unternehmen beizustehen, nahm aber doch den Stock zur Hand und wartete, derweil Strickland eine Gärtnerleiter aus der Veranda holen ging, die er sodann an die Zimmerwand lehnte. Sofort wanden sich die Schlangenschwänze aufwärts und verschwanden. Man konnte deutlich das trockene Rascheln ihrer langen Leiber hören, wie sie im Innern des sackartig gebauchten Zimmerdeckentuchs dahineilten. - Strickland nahm beim Hinaufsteigen eine Lampe mit. Ich suchte ihm begreiflich zu machen, daß es nicht nur gefährlich sei, zwischen Decke und Baldachin Schlangen zu jagen, sondern überdies bedenklich hinsichtlich des Geldbeutels, denn möglicherweise könnte das Tuch bei dem Experiment zerreißen.

»Blödsinn!« sagte Strickland. »Sie werden sich zwischen Wand und Tuch versteckt haben. Die Ziegel sind ihnen zu kalt; die Zimmerwärme ist ihnen lieber.« Und er ergriff eine Ecke des Tuches und riß es vom Gesims los. Es gab mit einem lauten knirschenden Geräusch nach, und Strickland steckte den Kopf in die entstandene Öffnung hinein in die Dunkelheit der Dachbalkenwinkel. Ich biß die Zähne zusammen und packte den Stock fester, denn irgend etwas mußte doch jetzt herunterkommen!

»Hm«, machte Strickland, und seine Stimme dröhnte unter dem Dach wie in einem Resonanzboden. »Platz wäre hier für eine ganze Menge Zimmer. Aber, zum Teufel, da wohnt ja schon jemand!«

»Schlangen?« fragte ich von unten.

»Nein, es scheint eher ein Büffel zu sein. Reich mir mal die Spitze einer Masheer-Angel herauf, ich will ihn anstechen. Er liegt auf dem Hauptbalken.«

Ich reichte ihm den Angelstock hinauf.

»Ist das ein Nest für Eulen und Schlangen!« rief Strickland und kletterte noch tiefer in die Höhlung hinein. »Freilich kein Wunder, daß es ihnen hier gefällt!« Ich konnte sehen, wie er mit dem stockbewehrten Arm nach vorwärts stieß. »Heda! Sie! Mein Herr! Kommen Sie mal herunter!« hörte ich ihn rufen. »Achtung auf deinen Kopf! Es fällt!«

Und schon sah ich, wie sich das Dachtuch, fast in der Mitte des Zimmers, herabsenkte, beutelförmig ausgebaucht durch den Druck eines hineingefallenen Gegenstandes, und immer tiefer und tiefer herniederkam auf die Lampe zu, die brennend auf dem Tisch stand. Sofort riß ich sie weg und sprang mit ihr zurück. Im nächsten Augenblick löste sich das Dachtuch von den Wänden los, zerriß wie mit einem Schrei und ließ ein Etwas auf den Tisch fallen, das ich nicht anzusehen wagte, bis Strickland, auf der Leiter herabgestiegen, wieder neben mir stand.

Strickland war kein Mann der vielen Worte; schweigend faßte er die niederhängenden Enden des Tafeltuchs und deckte sie über das, was da auf dem Tische lag.

»Es will mir scheinen«, sagte er nach einer Weile und stellte seine Lampe weg, »unser Freund Imray ist zurückgekehrt! Ja, was ist denn das? Wirst du wohl?«

Es hatte sich etwas unter dem Tuch bewegt. Eine kleine Schlange ringelte sich heraus. Strickland zerschlug ihr mit dem dicken Ende der Masheer-Angel das Rückgrat. Mir wurde so übel, daß ich kein Wort hervorbringen konnte.

In Gedanken versunken stand Strickland eine Weile da, dann ließ er sich etwas zu trinken bringen. Unter dem Tafeltuch war es still geworden.

»Ist es Imray?« würgte ich hervor.

Strickland zog einen Augenblick das Tuch zurück, warf einen Blick hin und sagte: »Es ist Imray, und sein Hals ist durchschnitten von einem Ohr bis zum ändern.«

Dann riefen wir plötzlich beide gleichzeitig:

»Also darum hat es hier im Haus gespukt!«

Tietjens im Garten begann mit einemmal wütend zu bellen, und gleich darauf hob sie mit ihrer großen Nase den Türdrücker hoch, kam herein und schnüffelte in die Luft.

Dann setzte sie sich nieder, fletschte die Zähne, stemmte die Pfoten fest auf den Boden und blickte Strickland an.

Strickland nickte ihr zu. »Ja, ja, das ist eine schlimme Geschichte, alte Dame! Man klettert doch nicht aufs Dach, um dort zu sterben, und macht nachher den Baldachin unter sich fest! - Wart, laß mich mal überlegen.«

»Überlegen wir's uns anderswo«, riet ich.

»Famose Idee! Du hast recht, überlegen wir's uns anderswo! Lösch die Lampen aus. Gehen wir in mein Zimmer!«

Ich überließ das Lampenauslöschen ihm und ging voraus in sein Zimmer. Er kam mir nach, wir setzten unsere Pfeifen in Brand und dachten nach. Strickland insbesondere. Ich meinesteils rauchte wie ein Verrückter, denn mich gruselte schauderhaft.

»Also: Imray ist zurückgekehrt!« begann Strickland. »Die Frage ist nun: Wer hat ihn ermordet? Unterbrich mich jetzt nicht, mir fällt soeben etwas ein. Als ich diesen Bungalow bezog, übernahm ich die meisten von Imrays Dienern. - Imray war arglos und gutmütig, nicht wahr?«

Ich stimmte zu, obgleich der Haufen unter dem Tuch im Nebenzimmer weder nach der einen noch nach der ändern Eigenschaft ausgesehen hatte.

»Wenn ich jetzt sämtliche Diener hereinrufe, werden sie sich zusammenrotten und lügen wie die Arier. Was schlägst du vor?«

»Laß einen nach dem andern kommen!« riet ich.

»Dann werden sie hinauslaufen und sich gegenseitig warnen. Wir müssen sie trennen. Glaubst du, daß dein Diener etwas ahnt?«

»Könnte sein; ich weiß es nicht. Er ist erst zwei oder drei Tage hier. Was ist deine Ansicht?«

»Ich kann es noch nicht genau sagen. Wie, zum Kuckuck, kam Imray hinter die unrechte Seite des Dachtuchs?«

Da hörten wir ein lautes Husten vor Stricklands Schlafkammertür, ein Zeichen, daß Bahadur Khan, sein Leibdiener, aus dem Schlafe erwacht war und seinem Herrn beim Auskleiden behilflich sein wollte.

»Komm herein!« rief Strickland. »Eine verdammt heiße Nacht heute, was?«

Bahadur Khan, ein großer, grünbeturbanter, sechs Fuß hoher Mohammedaner, bestätigte, die Nacht sei in der Tat sehr warm, aber es sei noch mehr Regen in Aussicht, der, seiner Gnaden Gunst vorausgesetzt, dem Lande bald Erleichterung bringen würde.

»Es wird so sein, wenn es Gott gefällt«, erwiderte Strickland und begann seine Stiefel auszuziehen. »Aber da fällt mir ein, Bahadur Khan, daß ich dich lange Zeit unbarmherzig habe für mich arbeiten lassen - ja fast, seitdem du in meine Dienste getreten bist. Wann war das doch?«

»Hat der Himmelsentsprossene es vergessen? Es war, als Imray Sahib im geheimen nach Europa ging, ohne es jemand zu sagen. Damals bin ich - und die andern - in den geehrten Dienst des Beschirmers der Unterdrückten getreten.«

»So? Imray Sahib ist nach Europa gegangen?«

»So heißt es unter denen, die seine Diener waren.«

»Willst du wieder in seine Dienste treten, wenn er zurückkommt?«

»Sicherlich, Sahib! Er war ein guter Herr und leutselig gegenüber seinen Untergebenen.«

»Ja, das stimmt. Aber ich bin sehr müde jetzt und will morgen früh auf die Jagd gehen. Bring mir mal das kleine Präzisionsgewehr, das ich für die Schwarzbockjagd brauche, her! Es hängt dort im Kasten.«

Der Diener nahm Lauf und Kolben und reichte die Stücke seinem Herrn, der sie zusammensetzte und dabei fürchterlich gähnte. Dann griff Strickland selbst in den Kasten, nahm eine scharfe Patrone heraus und schob sie in das Verschlußstück der 36o-Expreß.

»Und Imray Sahib soll insgeheim nach Europa gereist sein? Ist das nicht sehr sonderbar, Bahadur Khan? Was meinst du?«

»Was weiß ich von den Gebräuchen der Weißen, Himmelsentsprossener? !«

»Sehr wenig, freilich. Aber du sollst sogleich mehr darüber erfahren. Ich habe nämlich gehört, daß Imray Sahib von einer sehr langen Reise zurückgekehrt ist und gerade jetzt im Zimmer nebenan liegt und auf seinen Diener wartet.«

»Sahib!«

Das Lampenlicht huschte über den Gewehrlauf, wie er sich schnell emporrichtete - mit der Mündung gegen Bahadur Khans breite Brust.

»Geh hinein und überzeug dich selbst! Dein Herr ist müde und man wartet drinnen auf dich. Geh!«

Der Mann ergriff eine Lampe und ging in das Eßzimmer. Strickland folgte ihm auf dem Fuße, schob ihn fast vorwärts mit der Flintenmündung. Bahadur Khan warf einen schnellen Blick in die gähnende Tiefe des Dachgebälks über dem Baldachin, dann auf die zuckende Schlange auf dem Fußboden und schließlich mit einem gläsernen Ausdruck im Gesicht auf das Ding unter dem Tischtuch.

»Hast du gesehen?« fragte Strickland nach einer Pause.

»Ich habe gesehen. Ich bin Erde in der Hand des weißen Mannes. Was gedenkt der Erhabene zu tun?«

»Dich diesen Monat noch aufknüpfen lassen. Was denn sonst?«

»Weil ich ihn getötet habe? Aber Sahib! Bedenke: während wir Imray Sahib bedienten, fiel sein Blick auf mein Kind - ein Knabe von vier Jahren. Er hat es behext. In zehn Tagen starb es an Fieber - mein Kind!«

»Was hat Imray Sahib gesagt?«

»Er hat gesagt, es sei ein schönes Kind, und hat ihm den Kopf gestreichelt. Deshalb ist mein Kind gestorben. Deshalb habe ich Imray Sahib getötet in der Dämmerung, als er aus seinem Amt gekommen war und schlief. Deshalb habe ich ihn nach oben unter die Balken geschleppt und das Dachtuch wieder festgemacht. Der Himmelsentsprossene weiß alle Dinge. Ich bin der Diener des Himmelsentsprossenen.«

Strickland warf mir über die Flinte hinweg einen Blick zu und sagte in der Eingeborenensprache: »Du bist Zeuge seines Geständnisses. Er hat getötet.«

Bahadur Khan stand da - aschfahl - im Licht der Lampe. Plötzlich überkam ihn der Trieb, sich zu rechtfertigen.

»Ich bin in die Falle gegangen«, sagte er, »aber die Schuld trifft ihn allein: Er hat den bösen Blick auf mein Kind geworfen, und deshalb habe ich ihn getötet und versteckt. Nur die, die von Teufeln bedient werden« - dabei starrte er Tietjens an, die stumpfsinnig vor ihm lag, »nur so jemand konnte erfahren, was ich getan habe.«

»Geschickt hast du's angefangen, Bahadur Khan! Nur hättest du ihn mit einem Strick am Balken festbinden sollen! Jetzt wirst du selbst mit einem Strick - he, Ordonnanz!«

Ein schlaftrunkener Polizist, gefolgt von einem zweiten, erschien auf Stricklands Ruf. Tietjens saß merkwürdig still da.

»Führt ihn auf die Polizeistation!« befahl Strickland. »Es liegt etwas gegen ihn vor.«

»Werde ich denn gehenkt?« fragte Bahadur Khan. Er machte keinen Versuch zu entfliehen. Seine Augen waren auf den Boden geheftet.

»So sicher, wie die Sonne scheint und das Wasser fließt - jawohl«, sagte Strickland. Bahadur Khan machte einen langen Schritt nach rückwärts, schauderte zusammen und blieb dann unbeweglich stehen. Die beiden Polizisten warteten auf weitere Befehle.

»Geh!« sagte Strickland.

»Ich bin schon unterwegs«, sagte Bahadur Khan. »Ich bin bereits ein toter Mann. Da!«

Er hob den Fuß: an seiner Zehe haftete der Kopf der halberschlagenen Schlange, festgebissen in der Agonie des Todes.

»Ich stamme aus landbesitzendem Geschlecht«, sagte Bahadur Khan und schwankte hin und her. »Es wäre eine Schande für mich, zum Galgen zu gehen vor den Leuten, deshalb habe ich diesen Weg gewählt. Es sei mir erlaubt, darauf hinzuweisen, daß des Sahibs Hemden genau abgezählt sind und daß ein extra Stück Seife in der Waschtoilette liegt. Mein Kind ist behext worden, und ich habe den Zauberer erschlagen. Warum mich also mit dem Strick hinrichten? Meine Ehre ist gerettet, und - und ich sterbe.«

Nach einer Stunde starb er. So, wie man eben stirbt, wenn man von der kleinen, braunen Karait gebissen worden ist. Die Polizisten trugen ihn und - das Ding unter dem Tischtuch an den Ort, der ihnen bezeichnet wurde. Das Verschwinden Imrays war jetzt aufgeklärt.

»Und dies«, sagte Strickland seelenruhig, sein Bett erkletternd, »dies nennt man das neunzehnte Jahrhundert! Hast du gehört, was der Mann gesagt hat?«

»Ich hab es gehört«, sagte ich. »Imray hat einen Fehler begangen.«

»Einzig und allein infolge seiner Unkenntnis der Denkungsweise der Orientalen!« ergänzte Strickland. »Dann kam noch ein endemischer Fieberfall dazu - ja. Hm. Bahadur hat ihm vier Jahre lang treu gedient.«

Ich schauderte. Mein eigener Diener stand genau ebenso lang in meinen Diensten. Als ich hinüber in mein Zimmer ging, wartete er dort auf mich, regungslos wie der Kopf auf einer Münze, um mir beim Entkleiden zu helfen.

»Was ist Bahadur Khan zugestoßen?« forschte ich ihn aus.

»Eine Schlange hat ihn gebissen. Das übrige weiß der Sahib«, war die Antwort.

»Und wieviel war dir von der Sache bekannt?«

»Nicht mehr, als man schließen kann, wenn einer in der Dämmerung kommt, um Sühne zu fordern. Langsam, Sahib! Laß mir dir die Stiefel ausziehen.«

Ich war kaum in einen Schlaf der Erschöpfung verfallen, da hörte ich Strickland drüben in seinem Zimmer rufen:

»Da schau einer! Tietjens ist auf ihren alten Platz zurückgekehrt!«

Und so war es auch. Die große Jagdhündin lag stolz in ihrem Staatsbett, auf ihrer Prunkdecke, unbekümmert, trotzdem im Eßzimmer von Zeit zu Zeit das leere Dachtuch raschelte, wie es, immer weiter und weiter sich ablösend, noch mehr zerriß.

 


 

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