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Dunkles Indien. Phantastische Erzählungen

Rudyard Kipling: Dunkles Indien. Phantastische Erzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
titleDunkles Indien. Phantastische Erzählungen
authorRudyard Kipling
typenarrative
modified20170915
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Der Ausgelöschte

»Das Grab spie seinen Toten aus,
Im Lager er erschien
Und sprach sein Wort, ging wieder fort,
Ließ unsre Herzen glühn.

Seid Männer! Nehmt's Gewehr zur Hand!
Die Rache ruft zur Tat!
Bald findest du, so Gott will, Ruh,
Mein toter Kamerad!«
    Ballade

Man muß sich darüber im klaren sein, daß der Russe ein ganz entzückender Mensch ist, solange man sein Hemd nicht sieht. Als Orientale genommen, ist er einfach hinreißend; - wenn er aber verlangt, als östlichster der Westlichen behandelt und angesehen zu werden, statt als Westlichster der östlichen, dann hat man eine Kategorie Mensch vor sich, von dem man beim besten Willen nicht weiß, wie man mit ihm umspringen soll. Hat man ihn zu Gast, so weiß man nie, welche Seite seiner Natur er im nächsten Augenblick herauskehren wird ...

Dirkowitsch war ein Russe - der russischste aller Russen, und es hatte den Anschein, als erwerbe er seinen Lebensunterhalt als Kosakenoffizier im Dienste des Zaren - und nebenbei als Korrespondent einer russischen Zeitung unter einem Namen, der sich nie zweimal wiederholte. Er war ein hübscher junger Asiat und liebte es, unerforschte Teile der Erde zu durchreisen. Er kam nach Indien, kein Mensch wußte, woher. Ob er auf dem Weg über Balkh, Badakshan, Chitral, Beludschistan, Nepal oder sonst ein Paßgebiet gekommen war? Niemand hatte die leiseste Ahnung. Die indische Regierung, die gerade guter Laune gewesen sein mochte, hatte den Befehl gegeben, ihn höflich aufzunehmen und ihm alles zu zeigen, was er zu sehen wünschte; und so trieb er sich denn umher mit einem schlechten Englisch und einem noch schlechteren Französisch, bis er eines Tages in Peshawur landete, wo damals die Weißen Husaren Ihrer Majestät der Königin lagen - an der Mündung des engen Einschnitts in die Berge, der Khyber-Paß heißt. Zweifellos Offizier, war er nach russischer Art mit kleinen emaillierten Kreuzen dekoriert und konnte uferlos schwätzen, wie nicht so bald einer. (Dekoriert war er deshalb wohl kaum worden.) Beim Black-Tyrone-Regiment ging die Sage um, er sei nicht zu schlagen – im Saufen nämlich. Man hätte sich vergeblich bemüht, so hieß es, ihn mit heißem Whisky und Honig, mit glühendem Branntwein und Schnapsgemischen aller Art unter den Tisch zu kriegen, aber nichts hätte gefruchtet. Und wenn die Black Tyrones so etwas eingestehen, die doch alle Irländer sind, so stand außer Zweifel, daß dieser Fremde fraglos ein Übermensch auf diesem Gebiete war.

Die Weißen Husaren sind bei der Wahl ihrer Weine ebenso gewissenhaft wie bei sonstigen Angriffen auf den Feind; sie stellten also ihre sämtlichen Getränke, einschließlich eines märchenhaften Branntweins, zu Dirkowitschs freier Verfügung, und er trank denn auch ganz unglaubliche Mengen davon - mehr noch als bei den Black Tyrones.

Dennoch blieb er geradezu unerträglich europäisch, nannte die Weißen Husaren: »Ljiebe rummbedäckte Gampfesgenossen und Härzänsbridder«. Stundenlang konnte er seinem Herzen Luft machen mit Reden über die glorreiche Zukunft, der die verbündeten englischen und russischen Armeen entgegengingen, wenn sie erst einmal wie ihre Länder unauflöslich ein Herz und eine Seele sein würden, um die Zivilisation Asiens in Angriff zu nehmen. Das klang zwar nicht sehr wahrscheinlich, denn Asien wird sich schwerlich nach europäischem Muster zivilisieren lassen; es ist zu alt dazu! Eine Frau, die viele Liebhaber gehabt hat, kann man nicht bessern, und Asien war in früheren Zeiten unersättlich als galante Dame. In die Sonntagsschule wird sich Asien nicht schicken lassen, wird auch nicht lernen, Wahlzettel zur Hand zu nehmen statt Schwerter.

Dirkowitsch wußte das natürlich ganz genau, aber es paßte ihm besser, den Spezialkorrespondenten herauszukehren als den Offizier einer fremden Macht, und sich so beliebt wie möglich zu machen. Gelegentlich ließ er auch ein paar nebensächliche Brocken über seine eigene Kosakensotnja fallen, die offenbar irgendwo im Hinterland ohne ihn herumgaloppierte. Er hatte in Zentralasien schwere Arbeit geleistet und war auf den Selbsterhaltungskampf besser dressiert als so mancher in seinem Alter, hütete sich jedoch wohlweislich, es merken zu lassen. Noch mehr ließ er es sich angelegen sein, die Disziplin, die Uniformen und die Organisation der Weißen Husaren Ihrer Majestät zu bewundern. Und die Weißen Husaren sind auch wirklich ein bewundernswertes Regiment. Als Lady Durgan, die Witwe des verstorbenen Sir John Durgan, einst in der Garnisonsstadt eingetroffen war und ihr bald darauf jeder einzelne des Regiments einen Heiratsantrag gemacht hatte, hatte sie es verstanden, die öffentliche Meinung durch die feine Erklärung für sich einzunehmen, sämtliche Herren wären so entzückend, den Colonel und ein paar bereits verheiratete Majore mit einbegriffen, daß sie sich mit einem einzigen Offizier unmöglich begnügen könne. Aus diesem Grunde und sicherlich nur aus Widerspruchsgeist heiratete sie dann einen kleinen Niemand aus einem Schützenregiment. Zuerst wollten die Weißen Husaren daraufhin Mann für Mann einen Trauerflor an ihre Ärmel legen, aber bald besannen sie sich eines Besseren und erfüllten am Hochzeitstag die Kirche durch ihre Anwesenheit mit stummem Vorwurf. In Wirklichkeit hatte sie alle verschmäht, vom Seniorkapitän Basset-Holmer angefangen bis herab zu Mildred, dem jüngsten Fähnrich, der ihr jährlich 4000 Pfund und einen Titel zu Füßen hätte legen können.

Die einzigen, die die allgemeine Hochachtung für die Weißen Husaren nicht teilten, waren ein paar tausend Herren jüdischer Abkunft, die jenseits der Grenze wohnten und auf den Namen »Pathans« oder Afghanen hörten. Sie waren einmal mit dem Regiment in offiziellen Angelegenheiten kaum zwanzig Minuten lang beisammen gewesen, aber schon diese kurze Zusammenkunft, die durch verschiedene kleine, aber um so lebhaftere Kontroversen gewürzt war, hatte sie mit Vorurteilen aller Art erfüllt, so daß sie die Weißen Husaren als Teufelskinder bezeichneten und als Söhne von Leuten, mit denen man unmöglich in guter Gesellschaft verkehren könne. Trotz dieser Abneigung ließen sie sich jedoch nicht abhalten, sich auf Kosten der Weißen Husaren gelegentlich zu bereichern. Das Regiment besaß nämlich Karabiner - schöne Martini-Henry-Gewehre, die nicht nur eine Kugel 1000 Meter weit ins feindliche Lager zu schleudern vermochten, sondern auch viel leichter zu handhaben waren als lange Büchsen. Sie waren deshalb die ganze Grenze entlang sehr begehrt und, da bekanntlich die Nachfrage das Angebot zu regeln pflegt, wurden sie unter Gefahr für Leib und Leben mit Silber aufgewogen, das heißt: mit 16 Pfund Sterling das Stück bezahlt. Sie wurden des Nachts von schlangenhurtigen Dieben, die unter den Nasen der Wachen herangekrochen kamen, gestohlen, verschwanden auf geheimnisvolle Weise aus verschlossenen Waffenschränken und, bei heißem Wetter, wenn alle Barackentüren und Fenster offenstanden, verdunsteten sie wie ihre eigenen Rauchwolken. Die Grenzbewohner bedurften ihrer dringend zu Zwecken der Blutrache und anderer Erfordernisse. In den langen kalten Nächten des nordischen indischen Winters wurden sie besonders gern gestohlen, denn um diese Zeit blüht das Mordgeschäft ganz besonders, und die Gewehrpreise stiegen dann beträchtlich. Man verdoppelte deshalb die Regimentswachen und schließlich verdreifachte man sie. Der gemeine Soldat macht sich nicht viel daraus, wenn er sein Gewehr verliert, denn die Regierung muß es ja ersetzen, aber beraubt ihn jemand seines Schlafes, dann wird er fuchsteufelswild; kein Wunder daher, daß so mancher Flintendieb, der auf der Tat erwischt wurde, bis zur heutigen Stunde das sichtbare Zeichen des Regimentszornes am Leibe trägt. Dergleichen Maßnahmen geboten den Räubereien für längere Zeit Einhalt, so daß man die Zahl der Wachen herabmindern und das Regiment sich wieder dem Polospiel zuwenden konnte. Und dies mit unerwartetem Erfolg; es gelang ihm nämlich, mit zwei Goals gegen eins das furchtbare Polo-Team des Lushkar Light Horse-Regiments zu schlagen, trotzdem dieses vier Ponys für den nur einstündigen Kampf zur Verfügung hatte - und außerdem einen eingeborenen Offizier, der wie eine züngelnde Flamme auf dem Spielplatz herumhuschte.

Die Weißen Husaren gaben ein Fest, um das Ereignis zu feiern. Das ganze Lushkar-Team kam, und auch Dirkowitsch erschien. In der Galauniform eines Kosakenoffiziers. Er wurde den Lushkars vorgestellt und machte große Augen, als er sie erblickte. Es waren noch schlankere Männer als die Husaren, und sie bewegten sich mit einem Schwung, der alle Punjab-Grenztruppen und irregulären Reiter auszeichnet. Wie alles im Dienst muß er gelernt werden, wird aber nie mehr vergessen, wie so manches andere, und haftet dem Körper an bis zum Tode.

Der große, mit einem Balkendach gedeckte Speisesaal der Weißen Husaren bot einen imposanten Anblick. Das ganze Silber der Offiziersmesse war auf dem langen Tisch aufgedeckt - demselben Tisch, auf dem die Leichen von fünf Offizieren, die in einem längst vergessenen Kampfe gefallen waren, einst aufgebahrt gewesen waren. Zerfetzte Standarten schmückten den Eingang, Sträuße von Winterrosen lagen zwischen den silbernen Leuchtern, die Porträts hervorragender verstorbener Offiziere blickten herab auf ihre Nachfolger zwischen den Köpfen und Geweihen von Sambhur, Nilghai und Markhor (*Indischer Hirsch, Blau-Antilope und indische Bergziege.*) und dem Stolz der Tafelrunde: zwei grinsenden Schneeleoparden, deren Erbeutung Basset-Holmer vier Monate Urlaub gekostet, den er statt auf der Straße nach Tibet, und täglich bedroht von Lawinen, Schneestürmen und Steinfall, ganz gut in England hätte zubringen können.

Die Diener, in fleckenlosen weißen Musselin gekleidet, das Regimentswappen am Turban, warteten hinter ihren Herren, die im Scharlach und Gold der Weißen Husaren und im Milchweiß und Silber der Lushkar Light Horses prangten. Dirkowitschs stumpfgrüne Uniform war der einzige dunkle Punkt an der Tafel, aber seine großen Onyxaugen entschädigten dafür. Er fraternisierte überströmend mit dem Kapitän des Lushkar-Regimentes, der dabei vermutlich überlegte, mit wieviel von Dirkowitschs Kosaken es wohl jeder einzelne seiner eigenen dunkelhäutigen zähen Reiter aufnehmen könnte; er ließ sich natürlich nicht die Spur anmerken. Wer täte das!

Die Unterhaltung wurde immer lebhafter. Die Regimentskapelle spielte zwischen den Gängen, wie das seit undenklichen Zeiten Sitte war, bis ein allgemeines Schweigen beim Abräumen der Speisen eintrat und ein Offizier sich erhob und den ersten pflichtgemäßen Toast mit den Worten einleitete: »Herr Stellvertreter! Die Königin!« Worauf der kleine Mildred am ändern Ende des Tisches ausrief: »Die Königin! Gott segne sie!« und die großen Sporen aneinanderklirrten, die hochgewachsenen Männer aufsprangen und auf das Wohl der Königin tranken, aus deren Kasse, wie sie irrtümlicherweise annahmen, ihr Lebensunterhalt bestritten wurde. Dieses Tafelritual bleibt immer jung; niemals verfehlt es, dem, der es hört, die Brust zu schwellen, sei es zu Wasser oder zu Lande. Dirkowitsch erhob sich mit seinen »rummvol-län Briddern«, aber das Verständnis fehlte ihm; nur ein Offizier kennt die Bedeutung des Toastes, die Menge bringt es bloß bis zum Gefühl. Kurz nach der Stille, die der Zeremonie folgte, trat der eingeborene Offizier ein, der für das Lushkar-Regiment Polo gespielt hatte. Er durfte natürlich nicht mit an der Tafel speisen, aber zum Dessert kam er herein, in seiner ganzen Länge von sechs Fuß, mit dem blau und silbernen Turban oben und den hohen schwarzen Lackstiefeln unten. Die ganze Tafelrunde erhob sich fröhlich, als er zum Zeichen der Huldigung dem Obersten der Weißen Husaren seinen Säbelgriff zur Berührung hinhielt und sich dann in einen Sessel fallen ließ, während alle durcheinander jubelten: »Rung ho (was soviel heißt, wie: komm und siege), Rung ho, Hira Singh!« - »Hab ich dir eins übers Knie gegeben, Alter?« - »Ressaidar Sahib, was zum Teufel hast du auch das kleine hintenausschlagende Schwein von einem Pony in den letzten zehn Minuten noch mitspielen lassen müssen?« - »Shabash, Ressaidar Sahib!« Und mitten hinein ertönte die Stimme des Obersten: »Auf das Wohl des Ressaidar Hira Singh!«

Nachdem sich der Lärm gelegt hatte, erhob sich Hira Singh, um zu antworten, denn er war der Sprößling eines Fürstenhauses, der Sohn eines Königssohnes, und wußte, was sich bei solchen Gelegenheiten gehörte. Er bediente sich seiner Muttersprache, als er rief: »Oberst Sahib und Offiziere des Regimentes! Ihr habt mir eine große Ehre erwiesen. Ich werde dessen eingedenk bleiben. - Wir sind hergekommen, um mit den Weißen Husaren zu spielen. Wir sind geschlagen worden.« (»Es war Ihre Schuld nicht, Ressaidar Sahib! Wir waren auf unserm Spielplatz besser zu Hause, vergessen Sie das nicht! Und dann waren eure Ponys noch steif von der Eisenbahnfahrt. Entschuldigen Sie sich nicht!«) - »Deshalb werden wir vielleicht wiederkommen, so Gott es will.« (»Hört, hört! Bravo! Pst -«) - »Um nochmals mit euch zu spielen.« (»Auf Wiedersehen!«) - »Bis unsere Ponys sich die Beine vom Leib abgelaufen haben werden. So will es der Sport.« Seine Hand faßte nach dem Säbelgriff und sein Blick glitt hinüber zu Dirkowitsch, der zurückgelehnt in seinem Sessel saß -»Aber sollte nach Gottes Ratschluß dann nicht Polo, sondern - ein anderes Spiel gespielt werden, so seid versichert, Colonel Sahib und ihr Herren Offiziere, daß wir Seite an Seite bis ans Ende spielen werden, und wenn sie auch«, wieder heftete er den Blick auf Dirkowitsch, »fünfzig Ponys hätten und wir nur eins.« Und mit einem tief aus der Kehle kommenden »Rung ho«, das dumpf dröhnte, wie wenn ein Gewehrkolben auf Steinfliesen fallen gelassen wird, setzte er sich wieder nieder beim Gläserklang.

Dirkowitsch, unentwegt schwelgend im Genüsse des erwähnten märchenhaften Branntweins, hatte kein Wort verstanden; auch die lauwarm-milden Übersetzungen, die man ihm beibrachte, konnten ihm den Sinn nicht klarmachen. Hira Singhs Rede bildete das Ereignis des Tages, und es wollte scheinen, als solle das Getöse bis zum Morgen dauern - da fiel plötzlich draußen ein Schuß, der alle nach der linken, unbewaffneten Seite greifen ließ. Gleich darauf ein wildes Getümmel vor der Tür und ein Schmerzensschrei.

»Wieder mal ein Karabinerdiebstahl!« sagte der Adjutant gelassen und fiel wieder in seinen Sessel zurück. »Das kommt davon, wenn man die Wachen reduziert. Hoffentlich haben ihn die Posten erschossen!«

Die Schritte von Soldaten dröhnten über den Steinboden der Veranda, und es schien, als schleifte man etwas herbei.

»Warum stecken sie den Kerl nicht bis morgen früh in eine Zelle!« meinte der Oberst ärgerlich. »Sehen Sie nach, Sergeant, ob er verwundet ist.«

Der Mann eilte hinaus in die Dunkelheit und kam gleich darauf mit zwei Gemeinen und einem Korporal zurück -alle höchlichst bestürzt.

»Indifidium gefaßt beim Karabinerstehlen«, meldete der Korporal. »Is er wenigstens an die Baracken hin gekrochen, Herr Oberst, und an die Schildwachen vorbei. Und die Schild-wach, die sagt, Herr Oberst----«

Das zusammengekauerte Lumpenbündel, das die drei hereingebracht hatten und am Hals in die Höhe hielten, stöhnte laut. Noch nie hatte man einen so elenden und herabgekommen Afghanen gesehen: ohne Turban, ohne Schuhe, mit Schmutzfladen bedeckt und anscheinend halbtot mißhandelt. Hira Singh schauderte leicht zusammen bei dem Schmerzenslaut des Mannes. Dirkowitsch schenkte sich noch einen Schnaps ein.

»Also, was sagt der Wachtposten?« fragte der Oberst.

»Sagt, er sprich englisch«, meldete der Korporal.

»Also deshalb hast du ihn hereingebracht, statt ihn dem Sergeanten zu übergeben! Merk dir: und wenn er mit Pfingstzungen geredet hätte, hereinbringen durftest du ihn nicht!«

Wieder stöhnte und jammerte das Lumpenbündel. Der kleine Mildred stand auf, um den Fall zu untersuchen. Er sprang zurück wie von einer Schlange gebissen.

»Es wäre gut, die Leute hinauszuschicken«, sagte er halblaut zu dem Obersten. Dann legte er seinen Arm um das in Lumpen gehüllte Jammerbild und setzte es in einen Stuhl. Ich habe vergessen zu erwähnen, daß Mildred deswegen der »kleine« Mildred hieß, weil er die ungeheure Größe von sechs Fuß vier Zoll hatte. Als der Korporal sah, daß ein Offizier sich des Gefangenen annahm und das Auge des Obersten zu funkeln begann, drückte er sich schnell mit seinen Leuten. - Die Tafelrunde war nunmehr allein mit dem Karabinerdieb, der seinen Kopf auf den Tisch sinken ließ und bitterlich, hoffnungslos, trostlos zu weinen und zu schluchzen begann.

Hira Singh sprang auf: »Oberst Sahib, das ist kein Afghane! Afghanen weinen: Ai, Ai. Er ist auch kein Hindustani; die weinen: Oh! Ho! Er weint nach Art der Weißen: Au! Au!«

»Woher, zum Kuckuck, Hira Singh, haben Sie denn diese Kenntnis?« fragte der Kapitän des Lushkar-Regiments.

»Hören Sie ihn?« fragte Hira Singh ruhig.

»Er hat soeben 'Mein Gott' gesagt«, bestätigte der kleine Mildred, »ich habe es genau gehört.«

Schweigend betrachteten der Oberst und die ändern Offiziere den Unglücklichen. Es ist etwas Furchtbares, einen Mann weinen zu hören. Eine Frau kann mit dem Gaumen schluchzen, oder mit den Lippen, oder sonstwie, aber ein Mann schluchzt aus dem Zwerchfell herauf - es zerreißt ihn.

»Armer Teufel!« brummte der Oberst und hustete. »Wir müssen ihn ins Spital schicken, er ist mißhandelt worden.«

Der Adjutant hingegen liebte seine Karabiner zu sehr, als daß er hätte gerührt sein können; Karabiner galten ihm soviel wie Enkelkinder und kamen gleich nach der Mannschaft im Rang. Darum brummte er rebellisch: »Daß ein Afghane stiehlt, kann ich noch begreifen, denn es liegt in seiner Natur; aber daß er weint, kann ich nicht begreifen. Das macht die Sache noch schlimmer.«

Der Märchenbranntwein schien Dirkowitsch endlich besiegt zu haben, denn Dirkowitsch lag in seinem Sessel und starrte zur Decke empor. Dort war nichts Besonderes zu sehen, bis auf einen Schatten, der die Form eines kolossalen schwarzen Sarges hatte. Wahrscheinlich infolge irgendeiner Eigentümlichkeit in der Konstruktion des Speisesaals erschien er immer, wenn die Lichter angezündet wurden. Die Verdauung der Weißen Husaren störte sein Anblick nicht im geringsten. Im Gegenteil: Sie waren stolz auf ihn.

»Ob er wohl die ganze Nacht so weinen wird?« meinte der Oberst. »Oder sollen wir mit dem kleinen Mildred als Gast aufbleiben, bis es ihm wieder besser geht?«

Der Mann im Sessel erhob mit einemmal den Kopf und starrte die Versammlung an. »Oh, mein Gott!« sagte er. Sogleich sprang alles auf. Der Lushkar-Kapitän aber tat etwas, wofür ihm das Viktoriakreuz gebührt hätte als Auszeichnung für Tapferkeit im Kampf gegen überwältigende Neugier: Er gab seinen Leuten ein Zeichen mit den Augen, wie eine Hauswirtin es ihren Damen gegenüber in schicklichen Momenten zu geben pflegt, und führte sie nach den wenigen an den Obersten gerichteten Worten: »Dies ist nicht unsere Angelegenheit, Sir!« hinaus auf die Veranda und in die Gärten. -Hira Singh war der letzte, der den Saal verließ; er warf nur noch einen Blick auf den Russen. Dirkowitsch bemerkte es nicht; er war ins Schnapsparadies eingegangen und studierte noch immer den Sarg an der Decke, lautlos dabei die Lippen bewegend.

»Ein Weißer bis in die Knochen«, sagte Basset-Holmer, der Adjutant. »Was für ein heilloser Renegat das sein muß! Möchte gern wissen, wo er herkommt.«

Der Oberst schüttelte den Mann leicht am Arm und fragte: »Wer sind Sie?«

Keine Antwort. Der Mann starrte im Saal umher und lächelte dann dem Obersten ins Gesicht. Der kleine Mildred, der stets mehr Weib als Mann war, solange nicht der Ruf erscholl: »Mannschaft! Aufgesessen!« wiederholte die Frage in einem Ton, der einen Geyser zu Vertraulichkeiten hätte verleiten müssen, aber das Lumpenbündel lächelte nur.

Dirkowitsch benützte die Gelegenheit, sanft von seinem Sessel herab auf den Fußboden zu gleiten; kein Adamsohn kann auf dieser unvollkommenen Welt den Champagner der Weißen Husaren flaschenweise mit ihrem Märchenbranntwein gemischt durcheinander trinken, ohne an die Grube gemahnt zu werden, der er einst entstiegen und in die er wieder zurückkehren wird! Die Musikkapelle stimmte in diesem Augenblick die Melodie an, mit der die Weißen Husaren seit Gründung des Regimentes alle ihre Festlichkeiten zu beschließen pflegten; lieber hätten sie sich pensionieren lassen, als auf sie verzichtet. Als die Weise ertönte, erhob der Mann den Kopf und begann im Takt mit den Fingern auf die Tischplatte zu trommeln.

»Eigentlich sehe ich nicht ein, warum wir Wahnsinnige unterhalten sollen«, meinte der Oberst. »Rufen Sie eine Wache, damit er in eine Zelle gesteckt wird. Wir wollen die Angelegenheit morgen untersuchen. Aber geben Sie ihm vorher noch ein Glas Wein.«

Der kleine Mildred füllte ein Sherryglas mit Brandy und schob es dem Manne hin. Er trank. Die Musik spielte lauter. Er richtete sich stramm auf. Dann streckte er seine krallenartigen Finger nach einem silbernen Tafelgerät aus und streichelte es zärtlich. Darin war eine Feder verborgen, gewissermaßen ein Geheimnis. Wenn man darauf drückte, wurde aus dem Ding eine Art speicherförmiger Kandelaber. Der Mann fand die Feder, drückte darauf und lachte leise. Dann stand er auf, betrachtete ein Bild an der Wand, dann das nächste, während die Offiziere ihn schweigend beobachteten. Als er beim Kaminsims angekommen war, schüttelte er den Kopf und schien enttäuscht. Ein Aufsatz aus Silber, einen Husaren in voller Uniform zu Pferd darstellend, fesselte seine Aufmerksamkeit; er deutete mit fragender Miene darauf und dann wieder auf das Kaminsims.

»Was er wohl damit meinen mag?« sagte der kleine Mildred und erklärte ihm gleich darauf mit einem Ton, so herzensgut, wie etwa eine Mutter zu ihrem Kinde sprechen würde: »Ein Pferd ist es, schau nur: ein Pferd!«

Und langsam kam die Antwort zurück - in halbersticktem, leidenschaftslosem Gurgelton: »Ja – ich - hab's gesehen. - Aber - wo - ist dieses Pferd?«

Man hätte die Herzen schlagen hören können, so lautlos machten die Offiziere dem Manne Platz, wie er langsam im Speisesaal umherwanderte. Keinem fiel es mehr ein, den Wachposten zu rufen.

Wieder sprach da der Mann - mit zögernden Worten: »Wo - wo ist - unser Pferd?«

Es gab nur ein Bild eines Pferdes bei den Weißen Husaren und es hing an der Tür draußen vor dem Speisesaal. Es stellte den Schecken des Trommlers dar, des Königs der Regimentsmusik, und hatte siebenunddreißig Jahre lang treu gedient, bis es wegen Altersschwäche erschossen werden mußte. Sofort rissen einige der Herren das Bild von seiner Stelle und reichten es dem Manne hin. Er nahm es und stellte es - auf das Kaminsims. Dann taumelte er an das Ende der Tafel und sank in Mildreds Stuhl. Ein Stimmengewirr erhob sich: »Seit dem Jahre 67 hat das Trommlerpferd nicht mehr über dem Kaminsims gehangen!« - »Wie kann er das wissen!?« - »Mildred, geh, sprich doch noch mal mit ihm!« - »Oberst, was gedenken Sie zu tun?« -»So schweigt doch! Laßt dem armen Teufel Zeit, zu sich zu kommen.« - »Das wird er nie, er ist doch wahnsinnig!«

Der kleine Mildred trat zu dem Obersten und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dann wandte er sich an die Gesellschaft und sagte laut: »Ich bitte die Herren, wieder alle ihre Plätze einzunehmen!« Es geschah. Nur Dirkowitschs Sessel blieb leer. Der kleine Mildred setzte sich in Hira Singhs Stuhl. Unter allgemeiner Totenstille füllte der diensthabende Sergeant, die Augen weit aufgerissen, die Gläser. Wieder, wie vorher am Schlusse des Banketts, erhob sich der Oberst, faßte sein Glas, aber seine Hand zitterte, so daß der Wein auf den Tisch floß, und rief mit heiserer Stimme, den am Ende der Tafel in seinem Sessel zusammengesunkenen Mann anstarrend: »Herr Stellvertreter! Die Königin!« Eine bange Pause folgte, dann sprang der Mann auf und antwortete ohne zu stocken: »Die Königin! Gott segne sie!« Und als er das Glas geleert hatte, brach er mit den Fingern den Stiel ab.

Vor langer, langer Zeit, als die Kaiserin und Königin noch eine junge Frau war und es noch keine falschen Ideale im Lande gab, war es bei gewissen militärischen Liebesmahlen Sitte gewesen, nach solchen Toasten die Stiele der Trinkgläser abzubrechen zum Entzücken aller Heereslieferanten, aber diese Sitte besteht jetzt nicht mehr; weswegen sollte man auch etwas zerbrechen! Höchstens - brechen, und das besorgt die Regierung selber, besonders wenn es das Brechen eines gegebenen Wortes anbelangt.

»Das löst das Rätsel«, sagte der Oberst aufatmend, »er ist kein Sergeant. Aber was, in aller Welt, ist er denn?«

»Ja, was ist er?« rief alles wie aus einem Munde und eine Flut von Fragen erhob sich. Kein Wunder, daß der zerlumpte, schmutzbedeckte Eindringling es nur zu einem verständnislosen Lächeln und Kopfschütteln brachte.

Da kroch Dirkowitsch, wahrscheinlich aus gesundem Schlummer erweckt durch Füße, die unabsichtlich auf seinem Körper herumgetrampelt hatten, unter dem Tisch hervor. Auf seinem Gesicht lag ein seliges Lächeln. Er tauchte dicht neben dem Manne auf, aber kaum hatte ihn dieser erblickt, so schrie er laut auf und krümmte sich unter seinen Lumpen in wildem Entsetzen. Es war ein grausiger Anblick nach dem erhebenden und feierlichen Trinkspruch, der die verwirrten Sinne so schnell beruhigt hatte.

Dirkowitsch rührte keinen Finger, um dem Unglücklichen zu helfen, dafür sprang Mildred auf und stützte ihn. Es schickt sich nicht, daß ein Gentleman, der einen Toast auf die Königin auszubringen imstande ist, einem subalternen Kosakenoffizier zu Füßen liegt!

Durch das hastige Zugreifen Mildreds war dem Manne der obere Teil seiner Bekleidung fast bis zum Gürtel aufgerissen worden. Sein Körper war über und über bedeckt mit schwarzen trockenen Narben! Es gibt nur ein Instrument in der Welt, das solche parallel laufende Striemen reißt. Weder Dornen noch Katzenkrallen bringen dergleichen hervor! Dirkowitsch erblickte sie, und seine Augen erweiterten sich. Auch in seinen Mienen ging eine merkwürdige Veränderung vor. Er sagte etwas, das klang wie: »Shto ve takete?« und sofort hauchte das Lumpenbündel unterwürfig: »Chetyre.«

»Was heißt das?« schrien alle durcheinander.

»Das ist seine Nummer. Nummer vier, wjissen Sie«, erklärte Dirkowitsch mit schwerer Zunge.

»Was hat ein Offizier Ihrer Majestät der Königin mit einer Nummer zu tun?« fragte der Oberst in schneidendem Ton; ein drohendes Murmeln lief um den Tisch.

»Wjie kann jich das wissen?« sagte der geschmeidige Asiat mit einem süßen Lächeln. »Er ist - wjie sagt man? - eine Desertörr – eine Flüchtling von drüben –« Er deutete in das Dunkel der Nacht hinaus.

»Sprechen Sie mit ihm! Vielleicht antwortet er Ihnen. Aber, bitte, sanft!« sagte der kleine Mildred und drückte den Mann wieder freundlich in den Stuhl zurück. Es erregte allgemeine Entrüstung, daß Dirkowitsch Brandy schlürfte, während er mit dem Geschöpf, das ihm so zaghaft und von offensichtlicher Furcht ergriffen antwortete, russisch zischte und knurrte. Da aber Dirkowitsch den Mann zu verstehen schien, unterbrach man ihn nicht. Alle lauschten gespannt und vorgebeugt, und man konnte ihren schweren Atem hören während der langen Pausen, die bisweilen in dem Verhör eintraten. Wenn die Weißen Husaren einmal keinen Dienst haben werden, wollen sie nach Petersburg fahren, um Russisch zu lernen!

»Er weiß nicht, wie lange es her ist«, berichtete Dirkowitsch mit einem Blick auf das Offizierskorps, »aberr er sagt, es müsse sein gewesen vor serr Ijange Zeit, wärrend eines Krieges. Ich gljaube, es warr eine Zufall. Err sagt, er hat mitgemacht den Krieg mit Ihrem rummbedeckten und ausgezeichneten Regiment.«

»Die Listen! Die Listen! Holmer, bring die Listen her!« schrie der kleine Mildred, und der Adjutant stürzte ohne Mütze hinaus ins Ordonnanzzimmer, wo die Musterungslisten des Regiments aufbewahrt wurden. Als er zurückkam, hörte er, wie Dirkowitsch seine Rede mit den Worten schloß: »Deshalb meine teurren Freunde, bin ich iber die Maaßen betrübt, daß ein Zufall die Veranlassung war, der wieder hätte gut gemacht werden können, wenn er sich hätte entschuldigt bei unsenn Oberst, der von ihm ist belj eidigt worden.«

Abermals entstand ein lautes Murren, das der Oberst nur mit Mühe ersticken konnte, die Offiziere schienen nicht in der Laune zu sein, Beleidigungen gegen einen russischen Obersten abzuwägen.

»Err sagt, er erinnert sich nicht mehr«, fuhr Dirkowitsch fort, »aber ich glaube, es war eine Zufall. Deshalb wurde er nicht, wie die andern Gefangenen ausgetauscht, sondern an einen ändern Ort - verschickt; nach - wjie soll ich sagen? - Nun: aufs Land! Auf diese Weise kam er dann schließlich hierher, er weiß nicht, wie. Nicht? Err war in Chepany.« Der Mann hörte den Namen, nickte und schauderte. »Err war in Zhigansk und Irkutsk. Ich begreife nicht, wie err hat können entfliehen! Er sagt auch, daß er sich hat herumgetrieben viele Jahre in den Wäldern, aber wie viele, hat er vergessen wie so vieles andere. Es war eine Zufall. Weiler sich nicht hat entschuldigt bei unserm Oberst. Ach!«

Anstatt in Dirkowitschs Bedauern mit einzustimmen, schienen die Weißen Husaren im Gegenteil das damalige Verhalten ihres Kameraden nur zu billigen, wie aus ihren höchst unchristlichen Freudebezeigungen hervorging, nebst anderen Gefühlsäußerungen, die kaum durch das Gebot der Gastfreundschaft im Zaume gehalten wurden.

»Ruhig jetzt!« erwähnte Holmer. »Da haben wir's: 56-55-54: Leutnant Austin Limmason. Vermißt. Das war bei Sebastopol. Was für eine höllische Schande!: hat einen russischen Offizier beleidigt und wird deshalb einfach verschickt. Dreißig Jahre seines Lebens einfach ausgelöscht!« Und Holmer warf die vergilbten und verstaubten Listen auf den Tisch. Die Offiziere fielen darüber her. »Aber entschuldigt hat er sich doch nicht!« riefen alle wie aus einem Munde. »Hat wahrscheinlich gesagt, er wolle lieber verdammt sein!«

»Armer Kerl! Später hatte er wohl keine Gelegenheit dazu«, sagte der Oberst. »Wie hat er sich nur hierher durchgeschlagen?«

Das Lumpenbündel auf dem Sessel konnte keine Antwort geben.

»Wissen Sie, wer Sie sind?«

Das Lumpenbündel lächelte unsicher.

»Wissen Sie nicht, daß Sie der Leutnant Limmason sind? - Leutnant Limmason von den Weißen Husaren?«

Schnell wie ein Schuß kam die Antwort: »Ja. Ich bin Limmason. Natürlich.« Sofort jedoch erlosch das Licht in den Augen des Mannes wieder; er brach zusammen und beobachtete schreckerfüllt jede Bewegung Dirkowitschs. Eine Flucht aus Sibirien kann wohl einige einfache Tatsachen im Gedächtnis zurücklassen, aber zusammenhängende Gedankengänge scheint sie zu zerstören. Wie eine verirrte Taube hatte Limmason den Weg zu seinem Regiment zurückgefunden, aber wie ihm das möglich gewesen, vermochte er nicht zu erklären. Was er gelitten und gesehen - er wußte es nicht mehr. Er krümmte und wand sich vor Dirkowitsch so instinktiv, wie er die Feder des Leuchters gedrückt, das Bild des Trommlerpferdes gesucht und in den Toast auf die Königin eingestimmt hatte; alles andere war eine ausgelöschte Tafel, die die russische Sprache nur mangelhaft ausfüllen konnte. Er hielt den Kopf auf die Brust gesenkt und kicherte abwechselnd in sich hinein oder schauderte.

Vom Teufel, der im Branntwein steckt, angestachelt, hielt Dirkowitsch es für nötig, in diesem höchst unpassenden Augenblick eine Rede zu halten. Er stand auf, schwankte ein wenig, erwischte die Tischkante aber noch rechtzeitig und begann, wobei seine Augen schimmerten wie Opale:

»Rummbedeckte Waffenkameraden - treue Freunde und Gastgeberr! Es warr eine unglückliche Zufall! Ieberraus beklagänswert. Höchst beklagänswert!« - hier lächelte er den Anwesenden honigsüß zu; »aber Sie werden an ihn denken - an den kleinen, kleinen Fall! Soo klein, njicht wahrr? Der Zar, pscha, ich schnappe mit den Fingern auf ihn! Gljaube ich an ihn? Nein. Aber an uns Slawen, die noch nichts getan haben, an die glaube ich. Siebzig - was sage ich? - nein, nein viel viel mehr Millionen, die haben noch nichts getan - nicht eine Sache! Napoleon? - Eine Episode! Pah!« - hier schlug er mit der Hand auf den Tisch - »hört genau, ihr alten Völker! Wir haben noch njichts getan in der Welt - hier zum Beispiel! Alle unsere Arbeit ist noch zu tun! Aberr, sie wirrd getan werden, ihr alten Völker! Forrt mit euch!« -gebieterisch streckte er den Arm aus; deutete dann auf das Lumpenbündel. »Seht ihr ihn da? Err ist nicht lieblich anzuschauen! Er ist nur ein kleiner - oh, so ganz kleiner Zufall, den man vergessen hatte. Jetzt ist er das da! So wird's auch mit euch gehen, Waffenbrüder liebe! Aber ihr werdet nicht zurückkommen, wie der da! Ihr werdet dahin gehen, wohin err gegangen ist, oder dorthin -« Er deutete auf den großen Sargschatten an der Decke und stammelte: »- siebzig Millionen - fort mit euch, ihr alten Völker!« Dann fiel er in Schlaf wie vom Blitz gefällt.

»Schön und zutreffend«, sagte der kleine Mildred. »Aber wozu wütend werden? Machen wir es lieber diesem armen Teufel bequem!«

Das wurde denn auch schnell und liebevoll von den Weißen Husaren besorgt. Leutnant Limmason war nur zurückgekehrt, um drei Tage später wieder fortzugehen, wobei die Klänge eines Trauermarsches und der schütternde Schritt der Schwadronen der erstaunten Mannschaft, die trotzdem keine Lücke in der Tafelrunde bemerkte, Kunde gaben, daß ein Offizier des Regimentes seine neuerlangte Charge wieder niedergelegt hatte.

Auch Dirkowitsch, liebenswürdig, freundlich, geschmeidig, wie immer, reiste ab. Mit dem Nachtzug. Der kleine Mildred und noch ein anderer Offizier gaben ihm das Geleit, denn er war nun einmal Gast des Regimentes, und hätte er den Obersten selbst mit der flachen Hand geschlagen, der Offizierscomment erlaubte keine Verletzung des Gastrechts.

»Leben Sie wohl, Dirkowitsch, und: glückliche Reise!« sagte der kleine Mildred.

»Au revoir!« rief der Russe zurück.

»Wirklich? Auf Wiedersehen? Wir dachten, Sie wollten heimreisen?«

»Ja! Aberr ich komme wieder! Ist denn dieser Weg verschlossen, meine Ijieben Freunde?« Dirkowitsch deutete auf den Horizont des Nachthimmels, wo der Polarstern über dem Khyber-Paß glänzte.

»Wahrhaftig, das habe ich ganz vergessen! Natürlich, ja!« sagte Mildred freundlich. »Aber haben Sie auch alles, was Sie brauchen? Zigarren? Eis? Bettzeug? Alles in Ordnung? Gut, au revoir, Dirkowitsch!«

»Hm«, brummte der Begleitoffizier, als die letzten Lichter des Zuges verschwanden, »von allen - diesen - hemmungslosen – –«

Der kleine Mildred antwortete nicht, richtete seinen Blick auf den Polarstern und summte das Liedchen einer neuen Simla-Posse, die es damals den Weißen Husaren ganz besonders angetan hatte, vor sich hin:

»Er tut mir leid, der Ritter Blaubart,
Leid tat mir's, tat ich ihm weh!
Doch kehrt er zurück: das gäbe ein Stück
Spektakel, soviel ich seh.«

 


 

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