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Dunkles Indien. Phantastische Erzählungen

Rudyard Kipling: Dunkles Indien. Phantastische Erzählungen - Kapitel 17
Quellenangabe
titleDunkles Indien. Phantastische Erzählungen
authorRudyard Kipling
typenarrative
modified20170915
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Die Juden in Shushan

Meine erst vor kurzem gekauften Möbel waren, gelinde ausgedrückt, unzuverlässig, die Sessel verloren die Beine, und bei der geringsten Belastung kippten die Tischplatten von ihren Gestellen. Aber, so oder so, sie mußten bezahlt werden, und Ephraim, der Agent und Geldeintreiber des städtischen Auktionators, wartete bereits draußen auf der Veranda mit der Quittung. Mein Diener hatte ihn als: Ephraim Yahudi - Ephraim, der Jude - gemeldet. Wer da glaubt, alle Menschen seien Brüder, der hätte hören sollen, wie mein Elahi Bukhsh das Wort »Jude« zerbiß mit seinen weißen Zähnen und soviel Ingrimm, wie er vor mir, seinem Herrn, zu zeigen wagte. Ephraim war, was das Äußere betraf, so mild und unterwürfig, daß man gar nicht verstand, wieso er auf den Beruf eines Rechnungseintreibers hatte verfallen können. Er sah aus wie ein gemästetes Schaf und seine Stimme paßte vortrefflich zu seiner Gestalt. Auf seinem Gesicht lag wie eine starre Maske der unveränderliche Ausdruck einer kindlichen Verwunderung; bezahlte man ihn ohne Widerspruch, so konnte er nicht genug staunen, wie reich man sei, und schickte man ihn fort, so blickte er verwirrt drein ob solcher Hartherzigkeit. Wohl noch nie gab es einen Juden, der so aus seiner Art geschlagen schien. Er trug eingesäumte Pantoffel und Rupfenkleider, die derart aufdringlich gemustert waren, daß selbst der abgebrühteste britische Subalterne vor ihnen lautlos die Flucht ergriffen hätte. Seine Rede war langsam und gemessen; jedes Wort wog er sorgfältig ab, bevor er es aussprach, ob es auch niemand beleidige. Nach einigen Wochen fühlte er sich gedrängt, über seine Freunde mit mir zu sprechen.

»Wir sind unser acht in Shushan«, begann er, »und wenn wir zehn sein werden, dann reichen wir in Kalkutta ein Gesuch ein, daß man uns eine Synagoge bewillige. Dann werden wir von Kalkutta Abschied nehmen. Heute besitzen wir keine Synagoge und ich bin Priester und Schächter meines Volkes in einer Person. Ich bin aus dem Stamme Judah, ich glaube es wenigstens, aber genau weiß ich es nicht. Mein Vater war aus dem Stamme Judah, und wir wünschen sehnlichst, eine Synagoge zu bekommen. Ich werde der Priester dieser Synagoge sein.«

Shushan ist eine große Stadt im Norden Indiens und ihre Einwohner zählen nach Zehntausenden; und in ihrer Mitte lebten nur diese acht des Auserwählten Volkes und warteten auf die Zeit und den günstigen Augenblick, wo sie als Religionsgemeinde anerkannt sein würden.

Miriam, das Weib Ephraims, zwei kleine Kinder, ein Waisenknabe ihres Stammes, Ephraims Onkel Jackrael Israel, ein weißhaariger Greis, Hester, seine Frau, ein Jude aus Cutch: ein gewisser Hyem Benjamin, und Ephraim, Priester und Schächter zugleich, das war die ganze Liste der Juden, die in Shushan lebten. Sie wohnten sämtlich in einem Haus am äußersten Rande der Stadt inmitten Haufen alter zerbrochener, salpetrig gewordener Ziegel und Herden von Vieh, die beständig auf ihrem Zug zur Trinkstelle am Fluß Wolken undurchdringlichen Staubes aufwirbelten. Wenn abends die Jugend der Stadt auf den freien Platz geströmt kam, um Drachen steigen zu lassen, sahen die beiden kleinen Söhne Ephraims von weitem zu vom Dache ihres Hauses aus, aber niemals gingen sie hinunter, um daran teilzunehmen. Angebaut an die Rückwand des Hauses stand ein enger aus Ziegeln errichteter Stall, in dem Ephraim das Fleisch für die Familie zu koschern pflegte nach jüdischem Ritus. Eines Tages wurde die Tür dieses Abteils heftig von innen aufgerissen, als fände ein Kampf drin statt, und da wurde der anscheinend so schwache, milde Rechnungseintreiber sichtbar bei seiner Arbeit; die Nüstern weit aufgebläht und die Lippe über die Zähne emporgezogen, hielt er ein halbrasendes Schaf mit beiden Händen fest. Er war seltsam gekleidet - in Gewänder, die gar keine Ähnlichkeit hatten mit seinem gewöhnlichen wildgemusterten Rupfenanzug, und hielt ein Messer im Mund. Wie er so rang mit dem Tier, kam sein Atem in keuchenden Stößen aus seiner Brust; die Natur des Mannes schien vollkommen verändert. Als der Ritualakt des Schächtens vorbei war, bemerkte er erst, daß die Tür offenstand, und schloß sie hastig, wobei seine Hand eine blutige Spur auf der Klinke zurückließ; entsetzt und mit weitaufgerissenen Augen standen die Kinder auf den Dächern der Nachbarhäuser und starrten herab. Ephraim bei der Ausübung seiner religiösen Pflichten zu belauschen, bot einen wenig erfreulichen Anblick, nach dem man sich ein zweites Mal nicht sehnte.

Der Sommer brach über Shushan herein, verwandelte den zertrampelten Erdboden in Eisen und brachte Epidemien in die Stadt.

»Wir werden verschont bleiben«, sagte Ephraim zuversichtlich. »Ehe noch der Winter kommt, haben wir unsere Synagoge. Mein Bruder mit seinem Weib und den Kindern kommt von Kalkutta herauf, und dann werde ich Priester der Synagoge sein.«

Jackrael Israel, der Greis, kroch aus seiner Höhle heraus an den erstickend heißen Abenden, setzte sich auf einen Schutthaufen und beobachtete, wie man die Leichen hinab zum Fluß trug.

»An uns wird es vorübergehen«, sagte er dann mit seiner schwachen zitterigen Stimme, »denn wir sind das Volk Gottes, und mein Neffe wird Priester der Synagoge sein. Mögen die andern sterben.« Und kroch zurück ins Haus und verschloß die Tür vor der Welt der Heiden.

Aber Miriam, Ephraims Weib, sah aus dem Fenster auf die Leichen in den Totenbahren hinab und sagte, sie fürchte sich; Ephraim beruhigte sie mit dem Hinweis auf die kommende Synagoge und kassierte Rechnungen ein, wie immer.

Eines Nachts starben die beiden Kinder, und Ephraim begrub sie am frühen Morgen. »Die Sorge ist meine Sorge«, sagte er, und dieser Ausspruch schien ihm zu genügen, um die sanitären Maßnahmen der Regierung eines großen, blühenden, weise beherrschten Kaiserreichs für nichts achten zu dürfen.

Der Waisenknabe, der ganz auf die Wohltaten Ephraims und seines Weibes angewiesen war, wußte wahrscheinlich nichts von Dankbarkeit und muß wohl ein Taugenichts gewesen sein, denn er bettelte sich von seinen Pflegeeltern so viel Geld heraus wie nur möglich und floh dann damit aus Angst um sein Leben in einen andern Distrikt. Eine Woche nach dem Tode der Kinder stand Miriam heimlich des Nachts aus dem Bett auf und wanderte über Land. Um die Kleinen zu finden? Hinter jedem Busch hörte sie sie weinen, sah sie ertrinken in jedem Weiher auf den Feldern, und schließlich flehte sie die Schaffner der Großen Reichseisenbahn an, ihr ihre Kinder nicht zu entführen. Am Morgen kam die Sonne und brannte auf sie nieder, wie sie barhaupt dahinwanderte; da verkroch sie sich in die kühlen, Halme des Korns und kam nie mehr zurück; Ephraim und Hyem Benjamin suchten sie vergebens zwei Nächte lang.

Der Ausdruck staunender Verwunderung, der beständig auf Ephraims Gesicht lag, vertiefte sich noch, aber er hatte eine Erklärung für das Vorgefallene: »Unser sind so wenige und des Volkes in der Stadt so viele«, sagte er; »kann sein, daß unser Gott uns vergessen hat.«

In dem Haus am Rande der Stadt murrte das greise Ehepaar, Jackrael Israel und Hester, daß sich niemand um sie kümmere und Miriam ihrem Stamme untreu geworden sei. Ephraim ging umher und kassierte Rechnungen ein und abends rauchte er zusammen mit Hyem Benjamin, bis Hyem Benjamin in einer Dämmerungsstunde starb, nachdem er alle seine Schulden an Ephraim beglichen hatte. Jackrael Israel und Hester saßen da ganz allein in dem leeren Haus den ganzen Tag und, wenn Ephraim heimkam, vergossen sie die Tränen, die so leicht in die Augen alter Leute treten, und weinten sich in den Schlaf hinein.

Eine Woche später sah ich Ephraim, unter einer Last von Lumpen und Kochgeschirr, zur Bahnstation wanken; er führte die beiden Alten durch das Getümmel, - sie wimmerten vor Angst und Verwirrung.

»Wir gehen nach Kalkutta«, suchte er Hester zu beruhigen, die sich in ihrer Furcht fest an seinen Ärmel geklammert hatte, »dort sind mehr von unserm Volk und hier steht mein Haus verödet.«

Er half der Greisin in das Kupee, wandte sich um zu mir und sagte: »Priester der Synagoge hätte ich sein können, wären unser nur zehn gewesen. Sicherlich: unser Gott hat uns vergessen.«

Der Rest der winzigen Kolonie fuhr hinaus aus der Station dem Süden zu. Der Schalterbeamte, über seine Akten im Buchungsraum gebeugt, mußte wohl die letzten Worte Ephraims gehört haben, denn er summte zerstreut den Kehrreim eines Couplets vor sich hin: »Die zehn kleinen - die zehn kleinen Niggerbuben.«

Es klang fast so feierlich wie ein Totenmarsch.

Das war der Grabgesang für die Juden in Shushan.

 


 

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