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Dunkles Indien. Phantastische Erzählungen

Rudyard Kipling: Dunkles Indien. Phantastische Erzählungen - Kapitel 14
Quellenangabe
titleDunkles Indien. Phantastische Erzählungen
authorRudyard Kipling
typenarrative
modified20170915
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Klein-Tobrah

»Der Kopf des kleinen Gefangenen reichte nicht einmal bis zur Anklagebank«, berichteten die Zeitungen; viel mehr stand nicht darin, denn wen hätte der Fall eingehend interessiert? Man kümmerte sich um Leben und Tod Klein-Tobrahs so wenig, wie um das Schicksal eines Strohhalms. Die Herren im Roten Hause saßen den ganzen, langen, heißen Nachmittag hindurch über ihn zu Gericht, und wenn sie eine Frage an ihn richteten, verbeugte er sich nur bis zur Erde und wimmerte. Das Urteil lautete auf Freispruch aus Mangel an Beweisen, und der Richter bestätigte es. Die Leiche der Schwester Klein-Tobrahs war allerdings auf dem Grunde des Brunnens gefunden worden, und Klein-Tobrah war zu jener Zeit das einzige menschliche Geschöpf auf eine halbe Meile im Umkreis gewesen, das als Täter in Betracht kommen konnte, aber immerhin schien es nicht unmöglich, daß das Mädchen durch Zufall verunglückt war. Deshalb wurde Klein-Tobrah freigesprochen, und man sagte ihm, daß er nunmehr gehen könne, wohin er wolle. Das klang sehr großmütig, war es aber nicht, denn wohin hätte Klein-Tobrah gehen sollen? Er hatte nichts zu essen und nichts anzuziehen.

Er trollte sich hinaus auf den umzäunten Hofplatz, setzte sich auf den Brunnenrand und dachte darüber nach, ob ein Sturz in das schwarze Wasser da unten, nebst darauffolgendem unfreiwilligem Tauchen, eine gewaltsame Reise über ein anderes, noch schwärzeres und wesentlich größeres Gewässer nach sich ziehen würde, da kam ein Stallknecht des Weges und legte einen leeren Futterbeutel auf die Steine. Klein-Tobrah war sehr hungrig und klaubte daher die wenigen feuchten Körner heraus, die das Pferd übriggelassen hatte.

»Oh, du Dieb du! Und eben erst den Schrecken des Gerichtes entronnen!« sagte der Stallknecht. »Komm her, Bursche!« Er nahm Klein-Tobrah am Ohr und führte ihn zu einem dicken, großen Engländer, der sich sogleich die Geschichte des Diebstahls ausführlich erzählen ließ.

»Hah!« rief der Engländer sodann dreimal hintereinander. Möglich auch, daß er einen stärkeren Ausdruck gebrauchte, »Steck ihn ins Netz und nimm ihn mit nach Hause.« So wurde denn Klein-Tobrah in einem Netz in einen Karren geworfen und in das Haus des Engländers gefahren; er zweifelte keinen Augenblick, daß er dort wie ein Schwein abgestochen werden sollte. Aber der Engländer sagte nur wie vorhin dreimal »Hah!« und fügte gleich darauf hinzu: »Nasses Getreide! Pfui Teufel. Man füttere den kleinen Bettler! Wir wollen einen Reitburschen aus ihm machen. Nasses Getreide! Sowas! Es schreit zum Himmel.«

»Erstatte Bericht über dich!« befahl der Oberstallknecht würdevoll, nachdem Klein-Tobrah die ihm vorgesetzte Mahlzeit verschlungen hatte und während die Dienerschaft in ihrem Quartier hinter dem Hause der Ruhe pflegte. »Du scheinst nicht der Zunft der Bereiter und Pferdepfleger anzugehören, trotzdem dein Appetit dafür spricht. Was hast du mit dem Gericht zu tun gehabt und warum? Heraus mit der Sprache, kleiner Teufelssprößling!«

»Ich hab nicht genug zu essen gehabt«, sagte Klein-Tobrah ruhig. »Hier aber ist es prachtvoll.«

»Mach keine Umschweife!« mahnte der Oberstallknecht, »sonst mußt du den Stall des großen Fuchshengstes ausputzen, und das Luder beißt wie ein Kamel.«

»Wir sind Telis«, [Ölpresser] berichtete Klein-Tobrah und scharrte dabei mit den Zehen im Sand. »Wir waren alle Telis, mein Vater, meine Mutter, mein vier Jahre älterer Bruder und die Schwester.«

»Dieselbe, die man tot im Brunnen gefunden hat?« fragte einer der Leute, der von der Verhandlung gehört hatte.

»Dieselbe, ja!« bestätigte Kleän-Tobrah ernst. »Dieselbe, die tot im Brunnen gefunden wurde. Einmal - ich weiß nicht mehr, wann - ist eine Krankheit in unser Dorf gekommen, wo die Ölpresse gestanden hat. Die Schwester hat es zuerst befallen, und als sie aufstand, hatte sie das Augenlicht verloren. Denn es war mata - die Blatternkrankheit - gewesen. Dann sind mein Vater und die Mutter dran gestorben. Nur wir sind übriggeblieben: mein Bruder, der damals zwölf Jahre alt war -, ich - acht Jahre - und meine Schwester, die nicht mehr hat sehen können, und der Ochse und die Ölpresse. Nach und nach haben wir es fertiggebracht, wieder Öl zu pressen wie früher. Aber Surjun Daß, der Kornhändler, hat uns beim Geschäft betrogen und dann war der Ochs immer so widerspenstig. Wir haben ihm Ringelblumen für die Götter auf den Nacken gelegt und auch auf den großen Mahlbalken unterm Dach, aber wir haben trotzdem nichts verdient. Surjun Daß war ein harter Mann.«

»Bapri-bap!« murrten die Frauen der Pferdeknechte, »ein Kind so zu betrügen! Aber wir kennen sie ja, diese Bunnialeute!«

»Die Presse war schon alt«, fuhr der Kleine fort, »und wir hatten nicht viel Kraft, mein Bruder und ich. Und wir konnten auch nie den Balken richtig im Bügel festmachen.«

»Das glaub ich gern«, fiel die aufgedonnerte Gattin des Oberstallknechts redselig ein und trat in den Kreis. »Das ist eine Arbeit für kräftige Männer. Als ich noch nicht verheiratet war und im Haus meines Vaters –«

»Still, Weib!« befahl der Oberstallknecht. »Fahr fort, Bursche!«

»No, weiter nichts!« sagte Klein-Tobrah. »Nur eines Tages - ich weiß nicht mehr, wann - da hat der große Balken das Dach heruntergerissen. Mit dem Dach ist ein großer Teil der Hauswand eingefallen und dem Ochsen auf den Rücken. Es hat ihm das Kreuz abgeschlagen. Wir hatten dann weder ein Haus mehr noch die Presse und auch den Ochsen nicht mehr - mein Bruder und ich und die Schwester, die blind war. Wir sind weinend fortgezogen, Hand in Hand, quer über die Felder und hatten nur sieben Annas und sechs Pies Geld. Dann sind wir in ein Land gekommen, da war Hungersnot. Ich weiß nicht mehr, wie das Land geheißen hat. Eines Nachts, als wir schliefen, hat mein Bruder die fünf Annas, die wir noch hatten, genommen und ist davon. Ich weiß nicht, wo hin er gelaufen ist. Der Fluch meines Vaters komme über ihn. Ich und meine Schwester sind in die umliegenden Dörfer betteln gegangen, aber niemand hat uns etwas gegeben. Immer hat's geheißen: ›Geht zu den Engländern, die werden euch etwas geben.‹ Ich hab nicht gewußt, was Engländer sind; ich hab nur einmal sagen hören, sie seien weiß und lebten in Zelten. Wir sind dann weitergezogen, so ins Ungewisse hinein, aber meine Schwester und ich hatten nichts mehr zu essen. Einmal, in einer heißen Nacht, da sind wir an einen Brunnen gekommen, und sie hat geweint und nach Brot geschrien. Da hab ich ihr gesagt, sie solle sich an den Rand setzen, und dann hab ich sie hinuntergestoßen. Sie hat ja nicht sehen können. Es ist besser, so zu sterben, als zu verhungern.«

»Ai, Ai«, jammerten die Weiber im Chor; »er hat sie hinuntergestoßen! Es ist besser zu sterben, als zu verhungern!«

»Ich hab mich auch hinunterstürzen wollen, aber sie war noch nicht tot und hat vom Grund des Brunnens nach mir geschrien und da hab ich mich gefürchtet und bin davongelaufen. Und dann ist einer aus den Stoppelfeldern herausgekommen und hat gesagt, ich hätte sie getötet und den Brunnen verunreinigt, und sie haben mich vor einen Engländer gebracht - er war weiß und furchtbar - und dann hierher. Aber gesehen hat niemand, daß ich es getan habe, und es ist doch besser zu sterben, als zu verhungern. Und dann war sie ja ein Kind und hat nicht sehen können.«

»War nur ein Kind und hat nicht sehen können«, wiederholte die Frau des Oberstallknechtes. »Aber was bist du denn? Bist schwach wie ein Huhn und klein wie ein eintagaltes Füllen! Was bist denn du?«

»Ich? Ich hab einen leeren Magen gehabt, aber jetzt, jetzt bin ich - satt«, sagte Klein-Tobrah und streckte sich im Sand aus. »Schlafen möcht ich jetzt.«

Die Frau breitete eine Decke über Klein-Tobrah, und er schlief den Schlaf des Gerechten.

 


 

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