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Dunkles Indien. Phantastische Erzählungen

Rudyard Kipling: Dunkles Indien. Phantastische Erzählungen - Kapitel 10
Quellenangabe
titleDunkles Indien. Phantastische Erzählungen
authorRudyard Kipling
typenarrative
modified20170915
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»Der Pfad zum Lachenden Brunnen«

Nimmt man eine große Landkarte zur Hand, so findet man etwa fünfzehn Meilen oberhalb der Stelle, wo sich der Chenab-Fluß in den Indus ergießt, ein Dorf angegeben, das den Namen Chachuran trägt. Fünf Meilen westlich von Chachuran liegt der »Pfad zum Lachenden Brunnen« und die Behausung des Gosains oder Priesters von Arthi-goth. Er hat mir zwar den Pfad gezeigt, aber, daß ich die Geschichte erzählen kann, verdanke ich ihm wahrhaftig nicht.

Fünf Meilen westlich von Chachuran befindet sich ein Stück Land, drei bis vier Meilen breit im Quadrat und bestanden mit gefiedertem Dschungelgras, das sich in Silber verwandelt, wenn der Wind weht, und zehn bis zwanzig Fuß hoch wird. Im Herzen dieses Landstrichs haust der Gosain des »Pfades zum Lachenden Brunnen«. Die Dorfbewohner werfen mit Steinen nach ihm, wenn er sich bei Tag blicken läßt, obwohl er ein Priester ist; und dann rennt er zurück in die dichten hohen Halme wie ein schweifender Wolf. Er hat nur ein Auge und trägt zwischen den Brauen das Brandmal von zwei Kupfermünzen. Es heißt, er sei vor langer, langer Zeit von einem eingeborenen Fürsten gefoltert worden, aber er ist so alt, daß ihn dies Mißgeschick in den Tagen Rundjit Singhs betroffen haben muß. Was er zur Zeit besonders nötig zu haben scheint, ist - außer einer Galgenschlinge - der Zugriff der Britischen Regierung.

Damals stand das Dschungelgras schon hoch, und die Dorfbewohner von Chachuran erzählten mir, eine Herde Wildschweine hätte sich ins Arthi-goth begeben. Wiesen mit Dschungelgras zu betreten, ist immer eine mißliche Sache, aber ich tat es dennoch - einesteils, weil ich nichts von der Wildsaujagd verstand, und andererseits, weil es hieß, der große Eber der Herde trage fußlange Hauer. Es reizte mich, sie zu besitzen, um sie in spätern Jahren zeigen zu können und mich zu brüsten, sie mit eigener Hand erbeutet zu haben. Ich nahm eine Flinte und ging in den heißen, dichten Dschungel hinein, wähnend, nichts sei leichter, als eine Wildsau in einem Gebiet von zehn Quadratmeilen aufzuspüren. Mister Wardle, mein Terrier, ging mit, denn er war offenbar der festen Überzeugung, ich könnte auch nicht eine Stunde seinen Rat und Beistand entbehren. Ihm war's freilich leicht, zwischen den riesigen Halmen durchzuschlüpfen, ich jedoch mußte mir mit Gewalt einen Weg bahnen. Trotzdem sah ich mich schon nach zwanzig Minuten derart von der Außenwelt abgeschnitten, als befände ich mich mitten im Herzen von Zentralafrika. Ich merkte es erst, als ich bereits so müde geworden war, daß ich nur noch vorwärts stolpern und taumeln konnte, und überdies daran, daß Mister Wardle sich alle Augenblicke niedersetzte und die Zunge so weit herausstreckte, als es nur gehen wollte. Nichts als Halme ringsum; keine zwei Meter nach irgendeiner Richtung hin konnte ich sehen. Dazu glühten die Grasstengel wie Heizkörperröhren.

Nach einer halben Stunde war ich soweit, daß ich aus der Tiefe meines Herzens wünschte, den Eber für immer in Ruhe gelassen zu haben, da stieß ich auf einen schmalen Pfad, der sich ansah wie ein Mittelding zwischen Eingeborenenfußsteig und Sauspur. Er war höchstens sechs Zoll breit, aber immerhin geeignet, mir zu meinem Zweck zu dienen. Das Gras wuchs hier ganz besonders dicht und dick, und wo der Pfad stellenweise verschwand, blieb mir nichts übrig, als mit den Händen vor dem Gesicht mich vorwärts zu zwängen, oder rücklings - um das Gewehr frei zu bekommen -, in das Gestrüpp zu dringen. Aber ich war froh, denn schließlich mußte der Pfad doch irgendwie ins Freie führen.

Am Ende eines etwa fünfzig Meter langen, ein wenig erträglicher gewesenen Weges angelangt, blickte ich mich um, ehe ich mich entschloß, ein besonders dichtes Gestrüpp anzugehen, da bemerkte ich, daß mir Mister Wardle abhanden gekommen war. An sich schon ein ungemein frivoler Hund, hatte er offenbar meine Fährte verloren. Ich rief ihn dreimal und sagte dann laut: »Wo das kleine Biest nur stecken mag?« Ich ging ein paar Schritte zurück, da wiederholte, dicht vor meinen Füßen, eine tiefe Stimme: »Wo das kleine Biest nur stecken mag?« Um richtig einschätzen zu können, was es heißt, die Stimme eines unsichtbaren Sprechers zu hören, muß man sich in dem steifen Gras eines Dschungels verirrt haben! Wiederum rief ich Mister Wardle, und jedesmal half mir das unterirdische Echo dabei. Da ließ ich das Schreien bleiben und horchte aufmerksam; siehe da: ich hörte einen Menschen lachen, und zwar in einer geradezu beleidigenden Weise. Die Hitze machte mich schwitzen, das Gelächter aber schaudern. Es ist doch wahrhaftig nicht nötig, daß jemand im dichten Dschungel lacht! Erstens ist es unschicklich und dann eine Anmaßung sondergleichen! Plötzlich verstummte es, und ich faßte Mut und fing wieder an, zu rufen, bis ich mir einbildete, die Stelle unter oder zwischen den Riesenhalmen ausfindig gemacht zu haben, wo das Echo wohnte. Es kam aus dem Gestrüpp, in das ich hatte eindringen wollen, bevor ich Mister Wardle verlor. Ich schob meine Flinte bis zum Drücker nach vorwärts und abwärts gerichtet zwischen die Grasstengel und wackelte damit hin und her. Aber ich konnte keinen festen Boden finden. Sooft dabei ein Geräusch entstand, so oft gab es das Echo unter der Erde zurück; stand ich jedoch still, um mir das Gesicht abzutrocknen, so ertönte wieder das tiefe Lachen; ich konnte mich darüber keinem Zweifel mehr hingeben.

Das Gesicht voraus, den Mund offen und den Blick gespannt, und auf alles gefaßt, drang ich behutsam, Zoll für Zoll, in das Gestrüpp vor. Als ich den Widerstand des Grases glücklich überwunden hatte, sah ich mich einem tiefen, schwarzen Loch im Boden gegenüber, das heißt, besser: ich lag auf der Brust, über die Mündung eines Brunnens gebeugt, der so tief war, daß ich kaum das Wasser unten sehen konnte.

Dunkle Gegenstände schwammen darauf; und das Wasser selbst war so schwarz wie Pech und stellenweise mit einem blauen Schaum bedeckt. Das lachende Geräusch kam von einer kleinen Quelle, die aus halber Höhe der Brunnenwand hinabsprudelte. Bisweilen, wenn die schwarzen Gegenstände, sich um sich selbst drehend, in die Nähe kamen, fiel der Wasserstrahl auf ihre trommelartig gespannten Häute, und dann ging das Lachen in ein fröhliches Prusten über. Plötzlich sah ich, wie sich eins der schwarzen Dinger auf den Rücken legte, rund um die bemoosten Brunnenwände kreiste, eine Hand und einen halben Menschenarm über die Wasserfläche emporgestreckt, als wolle mir ein bis zu Tode ermüdeter Führer die Schönheit der Umgebung weisen.

Länger als eine halbe Stunde brauchte ich, um den Brunnen zu umkriechen und den Weg auf der andern Seite zu finden. Den Schluß der Reise vollbrachte ich damit, jeden Fußbreit vor mir vorsichtig abzutasten, mich vorwärts windend wie eine Schlange. Ich trug den wiedergefundenen Mister Wardle im Arm, und er leckte mir rastlos die Nase. Entsetzt war er keineswegs, nur wünschte er sichtlich, wieder freien Grund zu gewinnen, um die Aussicht besser genießen zu können. Mir aber schlotterten die Knie und mein Adamsapfel in der Kehle ließ sich weder aufwärts noch abwärts bewegen. Der Weg jenseits des Brunnens wurde immer besser, wenn er auch noch von dichtem Gras flankiert war, und führte mich schließlich zu einer Priesterhütte, die in einer kleinen Lichtung stand. Als der Gosain mein totenbleiches Gesicht erblickte, heulte er auf vor Schrecken, fiel nieder und umklammerte meine Stiefel. Ich taumelte auf die Lagerstätte zu, die vor seiner Hütte stand, und ließ mich darauffallen, Mister Wardle sprang ebenfalls hinauf, um mich zu bewachen. Ich selbst fühlte mich außerstande, Sorge um mich zu tragen.

Als ich aus meiner Betäubung erwachte, befahl ich dem Priester, mich ins Freie zu führen und langsam vor mir herzugehen - hinaus aus dem Arti-goth. Mister Wardle haßt Eingeborene, und der Gosain fürchtete sich vor ihm mehr als vor mir, trotzdem ich grimmig genug dreinschaute. Ganz langsam schritt er vor mir her den schmalen Pfad entlang, der mit einem Mal in drei Richtungen abzweigte; alle drei liefen dem Lachenden Brunnen zu! Einmal, als ich stehenblieb, um Atem zu schöpfen, hörte ich deutlich wieder das höllische Kichern. Am liebsten hätte ich dem Priester die beiden Flintenläufe in den Rücken geschossen, aber ich brauchte seine Dienste zu nötig!

Als wir dann ins Freie gelangten, stürzte der Gosain schnell wieder in sein Gestrüpp zurück, und ich ging in das Dorf bei Arti-goth, um mir etwas zu trinken zu verschaffen. Ich fühlte mich überglücklich, wieder den freien Horizont sehen zu können und festen Boden unter meinen Füßen zu wissen.

Die Dorfbewohner sagten mir, das ganze Dschungelgrasland sei bewohnt von Teufeln und Geistern, die sämtlich im Dienste des Gosains stünden, und daß häufig Männer, Weiber und Kinder verschwänden, wenn sie das Dickicht betreten hätten, um nie mehr wiederzukehren. Der Priester brauche ihre Leber, behaupteten sie, um Hexerei damit zu treiben. Als ich sie fragte, warum sie mir das nicht gleich gesagt hätten, meinten sie, es wäre ihnen dann das Trinkgeld für weitere Nachrichten über den Verbleib der Wildsau entgangen.

Bevor ich ging, versuchte ich noch mein bestes, das Dschungel in Brand zu stecken, aber das Gras war noch zu grün. Ein paar heiße Sommertage und ein günstiger Wind, und ich werde mittels einiger Bogen Zeitungspapier und einer Schachtel Streichhölzer das Geheimnis des Pfades zum Lachenden Brunnen enthüllen können!

 


 

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