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Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 68
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
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LXVI. Magister Abraham Isaak vom Stamm Aminadab grüßt den Magister Ortuin Gratius.

Hochmeister der schlimmen und guten Künste! Eure Herrlichkeit möge erfahren, daß ich willens bin meinen Versprechungen zu genügen, die ich Euch auf Euer Ersuchen bei meiner Abreise von Köln gegeben habe, Euch stets Neuigkeiten zu berichten. Und vor allem würdet Ihr es gern haben, wenn ich Euch über jenen verschmitzten Juristen, Johannes Reuchlin, Nachricht erteilte, mit welchem unser Magister Jakob van Hoogstraten in der Kurie viel wegen des Glaubensstreites zu schaffen hat. Dies will ich nun aus besonderer Liebe tun. Zuerst also wisset – denn ich will Euch, von Anbeginn der Welt an, alles eröffnen –: als ich in den Hundstagen, wie Ihr wohl wißt, meine Reise nach Rom machte, da hatte ich kein größeres Leidwesen auf dem ganzen Wege, als daß es mich heftig dürstete, als ich die hohen Berge im Allgäu mit meinen Gefährten hinaufstieg. Und als ich in die Kurie kam, wurde ich Leibdiener eines Kardinals nahe bei Campofiore, und bediente ihn acht Monate lang mit großer Aufmerksamkeit für ein Kuratbenefizium in Kelbertzhausen, das in der Diözese Vollenberg liegt. Und überdies erlangte ich eine Bulle mit zwölf Siegeln von allen Kardinälen; auch setzte unser Heiligster Vater ebenfalls sein Siegel davor zur größeren Bekräftigung. Da ging ich voll Vergnügen hinaus und wollte Besitz nehmen. Nun war aber der vorige Leutpriester nicht gestorben. Da sagte ich in großem Zorn: »Schlagen tausend Teufel drein! soll ich so um mein Geld kommen?« Auch war das Benefizium nur gering; hätte ich das in der Kurie gewußt, wäre ich um dessen willen nicht hinausgegangen. Ich glaubte, es könne jedes Jahr zwanzig Gulden eintragen, die einem übrig blieben. Ihr wisset auch wohl, daß ich für meine Person nicht in dieser Gegend bleibe. Lieber wollte ich ein Benefizium in Deventer, in der Nähe von unserer Heimat, mit hundert Gulden und einem anspruchslosen Mädchen von zwölf Jahren haben, als in dieser obern Gegend eines mit dreißig Gulden und einer lebensgewandten Matrone von sechzig Jahren. Aber solches Referat täte einem gut. Zweitens sollt Ihr wissen, Magister Ortuin, daß ich dann auch nicht sogleich an die Kurie kommen konnte, wegen der Kriege in Italien; denn es laufen da und dort nackte, verlotterte Bursche herum, und wenn einer mir meine Kleider nähme, dann hätte ich mein bischen Armut ganz verloren, wie einmal ein altes Weib gesagt hat, als sie ihre Eier auf der Brücke zu Heilbronn zerbrach. Und so blieb ich denn zwei Monate zu Wimpfen im Tal, auch mit einigen guten Leuten von der Kurie. Und dort lernte ich ein Spiel von Johannes Greyfer, der sehr freigebig ist, denn er hat einmal sechs guten Freunden, von denen ich einer war, sieben Eier und nicht weniger zu essen gegeben. Es heißt aber dieses Spiel auf Italienisch »Trent uno.« In der römischen Kurie habe ich es nie gesehen; es ist dies aber auch kein Wunder, denn ich mußte meine Aufmerksamkeit immer auf das Maultier im Stall drunten richten. Höret nun auch, wie wir es immer machten. Wir gingen in Wimpfen manchmal neben die Schule, wo dann immer ganz ausgezeichnet gute Kameraden zusammen kamen. Unter diesen war einer, namens Gregor Spikuli; er ist sehr reich an Erklärungen über die Art und Weise der Hernehmerei. Er erläutert diese Materie so deutlich, wie Ihr uns einst den dritten Teil des Alexander über die Verskunst. So oft ich ihn so plump über jenen wollüstigen Gegenstand sprechen höre, regt sich die Fleischeslust in mir. Ich habe viel von ihm gelernt – verzeihet mir, denn es ist ein natürliches Geschäft-: ich wollte einen Karlino geben, wenn Ihr mit so viel Vergnügen zu spicken verständet, wäre es auch nur wegen der Frau des Johannes Pfefferkorn: dann würde sie – ich weiß es – Euch über alle Theologen in ganz Köln lieb haben. Bei Gott! es ist nicht weit her mit jener Kunst, die Ihr mir einmal in einem kleinen, von hinten nach vornen geschriebenen, Büchlein gezeigt habt. Nunmehr höret, was nachher geschehen ist. Sie fragten mich – weil ich bei der Kurie war – alle auf einmal beim Weine, wie die Sache in dem Glaubenssteite zwischen Johannes Reuchlin und den Kölners Reuchlin und den Kölnern stehe. Ich antwortete: »Bei Gott! ich fürchte sehr für diesen guten Mann Johannes Reuchlin, denn er ist gar zu arm, um diese Sache zu Ende zu führen. Denn die Predigermönche kommen weiter mit ihren Käsesäcken, als eine einzige Person mit Geld.« Hierauf sagte einer: »O heiliger Gott, welch' große Taugenichtse sind doch die Mönche, wenn sie sich mit Käsesammeln abgeben! Unlängst war Bruder N. dieses Klosters hier in meinem Landhause und wollte mir meine Schwester notzüchtigen. Er jagte sie über die Stiege ins Haus hinauf, lief ihr nach, warf sie auf das Bett, und wollte eben das Gewand aufheben und mit dem Zipfel drunten drauf. Da schrie meine Schwester: »Herr N., Herr N., lasset nach! ich schreie, daß alle Leute es hören, und dann wirft der Teufel seinen Dreck auf Euch.« Da erwiderte er: »Beileibe schreie doch nicht, ich will Dir zur Kirchweih etwas kaufen, das einen halben Gulden wert sein soll.« Hierauf kam die Mutter; nun stieg er ab, der Zipfel aber stand ihm noch, so daß er ihm die Kutte in die Höhe hob, als hätte er einen Scharbaum-Zahn darunter. Da sagte ein anderer Geselle: »Wenn dieser Hallunke das meiner Schwester getan hätte, ich hätte ihm die Hoden herausschneiden und sie den anderen Mönchen in Essig zum Essen schicken wollen, wann sie Kirmeßfest haben.« Auf dies erwiderte jener: »Bei Gott! ich nehme es ihm nicht übel, da sie immer eingeschlossen sind. Ich glaube, wenn ein Esel ein Übertuch über sich hätte, er wäre nicht sicher vor ihnen; und warum sollte ein Weibsbild ihnen nicht halten?« Da tat einer einen Schwur und sagte, Johannes Reuchlin wolle alle Nichtswürdigkeiten der Mönche in Deutschland durch einen, der überall herumreise, sammeln lassen, in ein Buch bringen und dem heiligen Vater überreichen mit den Wort en: »Warum rottet dieser Hoogstraten jene Ausschweifungen unter seinen Brüdern nicht mit Stumpf und Stiel aus?« Auch sagte er, die Mönche stänken wie die Böcke, wenn sie schwitzen, und in seiner Heimat hätten sie alle Huren angesteckt, und wann er einmal im Notdrange die Nieren ausschleimen wolle, dann meine er, er spicke einen Mönch, wegen jenes Gestanks, den sie von den Mönchen überkommen hätten. Nun aber seid Ihr, Magister Ortuin, ihr Gönner; darum treffet Vorkehrung, daß sie auch einen Inquisitor ihrer geilen Wollust an jenem Hoogstraten bekommen, welcher der Inquisitor der ketzerischen Verworfenheit ist; dann wird es gut um sie stehen. Oder wenn sie es wenigstens nur im geheimen täten, wie ihre Oberen, welche die Huren in ihre Zellen kommen lassen, wo es niemand sehen kann. Auf diese Weise würde alles gut vorübergehen; aber so offen über sie herfallen, ist ein Skandal für den ganzen Orden. Deshalb tut Euer Bestes dazu. Nach diesem bin ich wieder an die Kurie gezogen, und warte daselbst noch auf die Gnade Gottes. Lebet wohl!

Gegeben zu Rom im Refektorium des Kapitoliums.

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