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Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 66
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
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LXIV. Herr Bollwein von Großflaschenberg entbietet dem hochwürdigen Herrn Magister Ortuin Gratius endlose Grüße.

Obgleich Ihr, hochwürdiger Magister, mit der weltlichen Latinität – wie mir einer gesagt hat – unbekannt seid, weshalb ich Euch so sehr liebe, und Euch um dir hochtrabenden Worte nicht kümmert, Wie dies die Poeten tun: so wisset Ihr anderseits doch, wo Ihr nachts liegen dürfet – wie der weise Salomo in seinen Sprüchen sagt und wir kümmern uns nicht viel darum, was jene Neuerer in der Latinität, wie ein Erasmus von Rotterdam und Johannes Reuchlin tun. Auch ich kümmere mich nicht um sie, denn es gehört nicht zum wesentlichen Inhalt der heiligen Schrift, mögen sie und auch andere immerhin die alten Theologen mit dieser Literatur plagen; auch ist mir unklar, wie sie sich herausnehmen können, in das neue Testament und die Werke des heiligen Hieronymus immer jene ketzerische Literatur hineinzumischen, da doch Paulus sagt, die Griechen seien immer Lügner; und darum halte ich dafür – mit Verlaub unserer vortrefflichen Magister – daß jene Literatur nichts anderes sei, als eine Lüge. Nun aber subsumiere ich: Jeder, der die heilige Schrift durch Lügen verwirren will, ist ein Ketzer, folglich etc. jetzt wissen sie selbst, was folgt: denn es wäre, glaube ich, eine arge Schmach für sie, wenn ich meinen Schluß, sie seien Ketzer, öffentlich ausspräche. O, wenn sie wüßten, daß ein solcher Scharfsinn in mir wohnt, sie würden mir nicht vor das Angesicht kommen! Schweiget doch bis zum Ende, darin wird man sehen, wie die Tonart lautet. Was indessen die Neuigkeiten betrifft, so kann ich nicht umhin, Euch zu schreiben. Ich saß unlängst – ich weiß nicht mehr wann – bei einer Gasterei, wobei auch viele anmaßungsvolle junge Gesellen waren. Sie waren. jeder aus einer anderen Gegend, zu einem Pickenick zusammengekommen: der eine aus England, ein anderer aus Straßburg, ein anderer aus Wien, ein anderer, er heißt Angelinus, war aus Wimpfen, wieder ein anderer, ein Römer, war wohl so etwas bei der Kurie; es wurde vieles von vielen gesprochen. wie Ihr das selbst wisset. So kamen wir denn auch in's Gespräch über die Angelegenheit Reuchlins. Da stand einer, als er hörte, ich sei kein guter Reuchlinist gegen mich auf und sagte: »Komme mir nur kein »Kölnisch Kopulat« von einem Theologen in den Weg, sonst will ich ihn auf der Stelle entmannen, und besonders den Magister Ortuin!« Auf das steckte ich meinen Schnabel in die Tasche. Und ein anderer, der nicht reich war, mehrere Benefizien bei der römischen Kurie verloren hatte, und darum auf alle bei der Kurie Angestellte schlecht zu sprechen ist, redete sonderbare Dinge, wie folgt: Bei meiner Seele, ich bin oft darüber erstaunt, daß die mit den großen Gugelhüten, welche man Theologen nennt, und die sich. in jener Stadt befinden, wo die Untersuchungen über den Donatus nach der Methode des heiligen Thomas, und die grammatischen Regeln nach der Methode der Alten mit dein Verse: »Hier empfange die Dogmen des großen heiligen Doktor«, gedruckt worden sind, und unter ihnen die Mönche, weiche andere immer verketzern wollen, daß sie nicht auch ihren Stachel gebrauchen und eine Untersuchung wegen ketzerischer Verkehrtheit veranlassen gegen die, welche so viele Benefizien haben, der eine sechs, ein anderer zehn, wieder ein anderer zwanzig und noch mehr, so viel Geld zusammenraffen, einen so großen Kredenztisch von Flaschen und Trinkbechern haben, als wären sie Söhne von Fürsten und Grafen, Huren oder Beischläferinnen im Hause halten mit kostbaren Halsketten, Fingerringen und Schauben. als wären sie Gattinnen von Kriegsmännern Und zuweilen hat ein einziger von ihnen drei Kanonikate zugleich und auf einmal, und steckt von diesen allen drei Gilten in die Tasche, sodaß er viele Zechen davon halten kann. Und doch kann er nur in einem einzigen Chor stehen, und in den anderen nicht; und so steht denn in den anderen Choren niemand und keiner statt ihrer, der Gott lobe und bitte für die Lebendigen und Abgestorbenen. Ist das recht? Warum stellt man keine Untersuchung über sie an, fragt nicht in Gegenwart vieler Notarien und vieler Zeugen – wie man einst in Mainz getan –: was glaubt Ihr? ja, oder nein? Glaubet Ihr, oder glaubet Ihr nicht? Was glaubet Ihr von den Sakramenten in der Kirche Gottes? Saget uns: wie viele Sakramente gibt es? und welchen Glauben traget Ihr in Eurem Herzen von dein Sakramente der Eucharistie? ist darin der Leib und das Blut Christ? Wenn Ihr es glaubet: wie kommt es, daß, nachdem Ihr Messe gelesen habt – wenn anders Ihr einmal im Jahre eine leset – gleich nach Eurer Rückkehr nach Hause Eure Konkubine, die man nach ihrem Betragen und Aussehen für eine gemeine Hure halten könnte, mit Euch im Hause, oder am Tisch, oder im Schlafgemach sich vergnügt, scherzt, spaßt und Dinge treibt, die man wohl kennt? Saget uns, wenn Ihr glaubet, daß aus der Messe eine solch große und gottgefällige Frucht entsprießt, wie in den Dekretalen und Traktaten der Theologen steht: warum habt Ihr doch so viele Benefizien, die fünf oder sechs frommen Priestern Unterhalt geben könnten, die gerne Messen lesen, bereitwillig dem Volke und Klerus predigen würden, die Rat erteilen könnten zur Ehre Gottes, zum Heile der Seelen, für die kirchliche Freiheit, Fehler bestrafen, und die bereit wären, Gott zu bitten für den Papst, unsern Herrn, für den König, für die Bischöfe und die andern Christen, für Frieden und Gesundheit, wie es in der stillen Messe hinter dem »Sanktus« und dein »Te igitur clementissime pater« steht? Wenn Ihr glaubet, daß aus der Messe so vieles Gutes für die Lebendigen und Abgestorbenen komme: warum gebet t Ihr nicht das, was Ihr im Übertluß habt, ab, und überlasset es nicht anderen guten, frommen und gelehrten Männern, daß Gott dadurch gepriesen, und die Seelen der Abgestorbenen schneller aus dein Fegfeuer erlöst werden, und daß Gott, freundlich versöhnt, nicht die Blattern so über uns herabsende, nicht uns die Weinberge und Saatfelder so mit Hagel und Reif schlage, und keine so große Hungersnot im Lande wäre? Wofern Ihr aber nicht glaubet. daß so vieles Gute aus der Messe komme, darin seid Ihr. beim heiligen Gott! Der Ketzerei verdächtig ja. Ihr seid in der Tat mehr noch Ketzer, als Wassalia und Doktor Reuchlin Sehet, hochwürdiger Magister Ortuin, diese Neuigkeiten wollte ich Euch auch schreiben. wie sie alle es gemeinschaftlich gegen Euch mit Reuchlin halten. Bei meinem Gewissen, ich glaube endlich, daß selbst der Teufel ein Gönner Reuchlins ist: darin stecken wir erst recht im Dreck.

Und hiermit empfehle ich mich Euch.

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