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Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 65
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
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LXIII. Johannes von Schweinfurth, Magister der sieben freien Künste, entbietet dem hochweisen, erstaunlich gelehrten und erleuchteten Manne Ortuin Gratius, der in Deventer die griechische und lateinische Sprache meisterhaft lehrt tausend und noch mehr Grüße.

Zuvor sei Euch mein Respekt, meine Verehrung und Untertänigkeit ausgedrückt, Euch, dem in so vielen Fächern des Wissens wohlerfahrenen Lehrer. Ihr habt mir kürzlich von Eurem Siege geschrieben, den ihr in Rom gegen jenen Reuchlin behauptet habt, der so stark verfahren war gegen Euch und den neuestens im christlichen Glauben göttlich erleuchteten Mann Johannes Pfefferkorn, und wie der Papst ihm Stillschweigen auferlegt habe, sodaß er nichts mehr schreiben durfte, »damit ihn nicht noch Schlimmeres treffe«, wie unser Herr im Evangelio sagt. Vorher nämlich schrieb er in seinem »Augenspiegel« so wunderlich, daß unsere Magister es nicht verstehen konnten, und dennoch erklärten sie ihn für einen Ketzer, darum, weil sie es in ihren Büchern nicht so haben, wie er schrieb, und ihr neuer Theolog, den Gott aus Steinen erweckt hat, auf daß Abraham Samen bekomme, wie die Schrift sagt, nämlich Johannes Pfefferkorn, es nicht so hat durch göttliches Gesicht oder Offenbarung, oder durch glaubwürdige Mitteilung seiner Gattin. von der ich gehört habe, daß sie einen prophetischen Geist besitze, über die aber Ihr besser unterrichtet seid, als ich, weil Ihr oft bei ihr waret, wann Johannes Pfefferkorn nicht zu Hause war. Allein, ich weiß, bei Gott! nicht, wie Reuchlin durch Euch, oder durch den Papst geschlagen worden ist. Man hat ja bereits eine neue Fakultät zu den vier anderen Fakultäten, die wir schon hatten,, gemacht: sie aber loben den Reuchlin und sagen, sie seien seine Schüler und kümmern sich nicht mehr um die artistische Fakultät, da die Artisten so große und stolze Esel seien, die nicht drei oder vier Worte Lateinisch sprechen können. Und wehe! diese Bestien verführen gar manche junge Leute, welche, nachdem sie eine lange Zeit vergeudet haben und, sozusagen, in diesen heillosen Sumpf aller Barbarei versenkt worden sind, bei ihrer Rückkehr ins Vaterhaus nichts gelernt haben, als: »Arguitur«, »Respondetur«, »Quaeritur«, deren Gottheiten Tartaretus, Versor, Perversor, Buridan, Bruxellensis und ähnliche Art unbedeutenden Gelichters sind. Es ist doch wundersam, daß ein bloßer Student oder krasser Fuchs schon mehr irn Aristoteles wissen will, als einer, der das Bakkalaureat oder die Magisterwürde zu erhalten im Begriffe ist. der seinen Kurs gehört und sich als tüchtig bewährt hat. Auch bezeigen sie den Magistern keine Ehrerbietung, und wann sie an einem vorbeigehen, rühren sie das Barett nicht an, wie es der Gebrauch erheischt. und wollen stets das Haus – nian weiß wohl, welches – besuchen. Auch hören sie weder die »Consequentias« des Marsilius, noch die »Suppositiones«, noch die »Parva logicalia«: daher es unmöglich ist, daß sie regelrecht gebildet sein und in den Disputationen auftreten können. Doch, lassen wir das! Als Neuigkeit berichte ich Euch, daß Jakob Wimpheling, der auch so ziemlich Reuchlinist ist, durch einen gewissen Mönch, namens Paul Lang, tüchtig abgefertigt wurdc, indem dieser ihm handgreiflich zu sagen wußte, daß das. was er in einem Buche betitelt »De integritate,« geschrieben habe. nämlich, daß die Wissenschaft nicht bloß in der Kapuze stecke, nicht richtig sei. Genannter Mönch hat nämlich eine Gegenschrift verfaßt, welche in dein Kapitel oder der Synode des Ordens des h. Benedikt zu Reinhardtsbronn, vom Jahr des Herrn 1509 die Approbation erhielt. Sie ist in gutem Latein geschrieben, denn es hat einer gesagt, es sei beinahe so gut, wie das »Doctrinale« von Alexander, und ich freue mich sehr, daß sich eine solche Latinität auch bei den Mönchen findet: ja, man sagt, sie übertreffe noch den Stil Cicero's; aber das glaube ich nicht. daß sie eine Note zu hoch sei, sondern sie ergeht sich gelehrt gegen Wimpheling. metrisch, prosaisch und gereimt. Auch hat er meines Erachtens recht, daß alle Wissenschaft in der Kapuze stecke, das heißt, in den Mönchen; denn die Mönche vorn Untern zum Höhern übergehend, haben Kommentare zu den Regeln der Grammatik, zum Donatus, zum Petrus Hispanus zur Physik, Metaphysik und Ethik geschrieben, sie durch ihre Kommentare erläutert, und sich in allem Wißbaren als Meister erwiesen. Allein mit seiner Erlaubnis möchte ich doch einen Unterschied machen: »für's erste, was die ‹Bekutteten› betrifft, denn dieser Ausdruck paßt auf vieles. Für's erste auf die Böhmen, welche so lange Kapuzen haben, daß sie bis unter den Gürtel gehen; in diesen aber steckt keine Wissenschaft, sondern vielmehr Ketzerei. Für's zweite auf die Juden, welche ebenfalls Kapuzen haben und doch von Wissenschaften nichts verstehen, da sie außerhalb der Kirche sind. Drittens auf unsere Magister, welche wohl erleuchtet sind; aber nicht im Übermaß. Viertens auf die Mönche und diese besitzen die Wissenschaft im ausgezeichneten Grade, wie dies bei Euch der Fall ist. Daher bitte ich Euch. seid jenem Mönche behilflich, da auch Ihr zu der Partei gehöret, d. h. eine Kapuze traget nach Nummer drei, daß er seine Schriften gegen Wimpheliing verteidigen kann. Denn, wie ich höre, hat Wim pheling viele Schüler zu Straßburg, die mir neulich einer genannt hat. Einer heißt Jakob Sturm ein Adeliger und, wie man sagt, ein guter Lateiner; ein anderer Ottomar Nachtigall, der auch Griechisch versteht, wie Reuchlin, und viel anzuführen weiß aus »Extra decretum«, und den »Digesta«, auch aus der Bibel, was nicht zum verwundern ist, da er in Paris studiert hat. Desgleichen: Lukas Hackfurt, Johannes Ruserus, Johannes Witz und viele andere, welche alle dem Wimpheling gegen die Kapuzenträger helfen und sie in ihren Schriften gründlich heimschicken wollen. Auch sagt jedermann,jener Paul sei in seinen Reden nicht recht fest, und wohl auf neunerlei Weise von der Ordnung abgewichen, er sei unruhig und der größte Windbeutel, wie selbst Tritheim in einein Briefe an Hieronymus Tungersheim ans Ochsenfurt geschrieben hat, und es sei sehr schade, daß jemand Papier, Tinte und Zeit so verderbe, wie er getan hat. Man sagt auch, der heilige Hieronymus schreibe an einen Mönch also: »Niemals komme dir aus der Hand oder aus den Augen der Psalter«; wäre dies wahr, so würde er die Mönche stets und für immer zu etwas verbindlich machen, was nicht so ist. Und so dürften denn die Mönche nichts anderes tun, als den Psalter lesen; allein ich glaube, daß das eine Lüge ist; denn der heilige Hieronymus war selbst ein Mönch, und deshalb hat er nicht gegen sie geschrieben. Auch habe ich ein windiges Lind recht bübisches Geschwätz von einem Schüler Wimphelings gehört, dein ich kürzlich frei von der Brust weg in's Gesicht sagte: Euer Lehrer Wimpheling ist sehr im Irrtum, indem er gegen Herrn Abt Tritheim ‹wider die Mönche› schrieb: denn sie sind berühmt durch Ihre Gelehrsamkeit und Heiligkeit, und von großem Nutzen, und die Kirche hat jetzt keine andere Stützen, als nur die Mönche››. Darauf sagte jener: »Ich mache einen Unterschied unter den Mönchen, denn sie lassen sich auf dreierlei Weise auffassen. Erstens: als heilig und nützlich; aber die sind im Himmel. Zweitens: als weder nützlich, noch unnützlich, und diese sind abgemalt in der Kirche. Drittens: als solche, welche noch leben, und diese schaden vielfach: auch sind sie nicht heilig, denn sie sind so stolz, wie nur einer von den Weltlichen, und haben das Geld und die Weiber eben so gerne. Unlängst kam ich aus Heidelberg-, dort ist, nahe bei Heidelberg, ein großer Abt, ein feister, unwirscher Bursche; er trieb alle Mönche aus dem Kollegium des heiligen Jakobus hinaus, mit den Worten: er wolle ihnen einen recht guten Brei anrühren; dann aber sagte er nichts weiter mehr. Sie aber sagen, sie seien geneigt zu glauben, der »gut Bruder« habe es deshalb getan, weil der Pfalzgraf einen andern Weg einschlagen wolle, daß ein Poet nach Heidelberg komme, der diese Mönche und die anderen Studenten jetzt lateinisch sprechen mache. Da merkte jener feiste Abt schnell, was für ein Ende der Spaß nehmen wolle. und sagte: »Meine Mönche dürfen kein neues Latein lernen, weil sie dann übermütig sein werden, daß sie mehr wissen, als ich; dann käm' ich schön unter sie, wie ein feister Esel unter die Affen«. Aber in der Wirklichkeit ist jene Unterscheidung nicht gar regelrecht, weil sie nicht zweigliederig ist, und so läßt sich kein Schluß ziehen. Ich sende Euch dieses Buch, das Ihr drucken lassen wollt, weil viel Gutes darin enthalten ist wider diesen Wimpheling, der gegen die Mönche geschrieben hat. Er wird nämlich auf der Stelle umlenken, wann er liest, daß Christus, unser Herr, ein Mönch gewesen sei, nämlich der Abt; der heilige Petrus der Prior; – Judas Ischariot der Kellermeister; Philippus der Pförtner, und so von den anderen nach unten Lind oben. Dies alles beweist dieser erleuchtete und hochgelehrte Mönch Paul Lang so meisterhaft, daß Wimpheling und seine Schüler gewiß kein einziges Wort mehr dagegen widerbellen sollen. Allein ein Winmphelingianer entgegnete mir geradezu ins Gesicht: die Mönche seien eben solche Lügner, wie die verworfensten Kneipenwirte sie, die Christum zu einem so unnatürlichen Geschöpfe und zu einer bekapuzten Bestie machen wollten, und protestierte gegen mich im Namen Christi. Da geriet ich so in Schrecken, daß ich von vornen und hinten Dünn und Dick von mir gab, sodaß alle die Nasen zuhielten. Allein, dem sei, wie ihm wolle, das glaube ich fest, daß alle endlich über seine Gelehrsamkeit ganz verwirrt dastehen und sagen werden: »Der Teufel hat jenen Mönch zu uns gebracht; wer hat ihn in allem Wißbaren so regelrecht und tüchtig gemacht? Wie kann er das sein, wenn ihm die Wissenschaft nicht eingegossen ist? Er ist ja auf keiner Universität gewesen, und ist noch ein purer Anfänger, und doch ist er reichlich so viel wert, als einer, der am Magistrieren ist, oder gar noch mehr, mit Verlaub unserer vortrefflichen Herrn Magister«. Hat ja doch auch der Mönch und gar scharfsinnige Doktor Themas Murner einmal feierlich von der Kanzel gepredigt, Christus, unser Herr, sein ein Mönch auch wußte er dies kräftig zu verteidigen. Allein ein Schüler Wimphelings wollte nicht an Christus glauben, wenn er ein Mönch gewesen sei, und machte hierüber folgende Verse:

Hättest du, Christus, je die Kapuze getragen, o, nie dann
Glaubt' ich an dich: dies Kleid decket nur List und Betrug.
Liefert ja doch ein neuer Franziskus, welcher aus Bern kam,
Selbst den Beweis, wie viel Glauben den Mönchen gebührt.

Allein, was tut das zur Sache, daß er nicht glauben will? Darin ist er eben auch ein Ketzer, wie die anderen, welche mit Reuchlin in Paris. in Köln und an anderen Universitäten verdammt worden sind. Auch bitte ich Euch, auf das Buch die Verse zu setzen, welche ich zum Lobe desselben und seines Verfassers, nämlich des Mönchs Paul Lang, mit großem Fleiß gedichtet habe. Und wann ich dann so einen großen Teil der Nacht hindurch, in meinem Bette liegend, meinen Gedanken nachhing. bin ich, sozusagen, im Schlafen ein Versmacher geworden. wie folgt:

Geschrieben ist zur Schmach dem Jakob Wimpheling
Dies Buch von Paulus Lang: es ist erstaunenswert,
Wie dieser metrisch und rhetorisch dargetan,
Daß alle Wissenschaft in der Kapuze steckt.
So haben Tritheim, Eberhard vorn Campis so
Bereits gesprochen. Paulus Bolz, Schuterius,
Johann von Miltenberg, Rotger Sicamber, auch
Jakobi Siberti, Mönche voll Gelehrsamkeit.
Geschlagen sind sie nun und ganz hinabgedrängt:
Ein Wimipheling, ein Bebel, ein Gerbelius,
Ein Spiegel, Nachtigall, Rhenanus, Sturmius,
Ruscrus, Sapidus, Guida Bathodius;
Besiegt sind alle, keiner wagt »Kuckuck« zu schrein;
So stecken sie im Wimpheling'schen Sacke nun;
Bei Griechen nicht, nicht bei Poeten können sie
Die Antwort finden für den hochgelehrten Lang.

Lebet wohl, hocherleuchteter Mann und ganz vorzüglicher Lehrer, und behaltet auch mich gegenseitig in Eurer Liebe, da ich Euch so gut Vorschub tue für alle Ewigkeit. Gegeben in der Kaiserlichen Stadt Schnersheim, in der langen Straße, wo die Bauernbursche immer Sonntags brüllen, daß ihnen das Herz entzwei bricht. Im ersten Jahr nach Erschaffung der Welt.

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