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Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 60
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
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LVIII. Magister Irus Durchleierer an Magister Ortuin Gratius.

Grüße die Menge, verehrungswürdiger Mann! Es sind hierher an die Universität Eure Schriften gelangt, die Ihr gegen Johannes Reuchlin verfaßt habt; die alten Magister loben sie sehr, allein die neuen und die Jüngeren halten nichts davon und sagen, Ihr quälet den guten Reuchlin nur aus Neid. Und als wir eine Beratung hielten, ob wir auch einen Beschluß gegen den »Augenspiegel« fassen wollten, da hielten jene Neulinge, welche noch keine gehörige Erfahrung haben, jenen Alten Widerpart und sagten: Reuchlin ist unschuldig und hat nie etwas Ketzerisches geschrieben. Und so sind sie uns bisher im Wege gewesen; was ferner geschehen wird, weiß ich nicht. Ich glaube, die Universität wird noch gar zugrunde gehen wegen jener Poeten, deren Zahl erstaunlich groß ist. Neulich kam auch einer hier an, namens Peter aus der Moselgegend, der ein Grieche ist. Dann ist noch ein anderer hier, der ebenfalls Vorlesungen über das Griechische hält; er nennt sich Richard Krokus und ist aus England gekommen. Ich sagte unlängst: »Teufel! ist der aus England gekommen? ich glaube, wenn es da, wo der Pfeffer wächst, einen Poeten gäbe, er würde auch nach Leipzig kommen.« Und darum haben die Magister so wenige Zöglinge, daß es eine Schande ist. Auch erinnere ich mich noch, daß, wenn vordem ein Magister ins Bad ging, er mehr Zöglinge hinter sich hatte, als jetzt an Festtagen, wann sie zur Kirche gehen. Die Akademiker waren auch damals so sittsam, wie die Engel. Jetzt aber laufen sie da und dort herum, bekümmern sich nichts um die Magister, wollen alle in der Stadt wohnen und außerhalb des Kollegiums essen, so daß die Magister nur noch wenige Kostgänger haben. Ebenso wurden bei der vorigen Promotion nur zehn Bakkalaurei promoviert. Als wir die Prüfung hielten, verhandelten die Magister darüber, daß sie einige durchfallen lassen wollten. Da sagte ich: »O, nicht doch, denn, wenn wir nur einen einzigen durchfallen ließen, darin wird in Zukunft keiner mehr sich der Prüfung unterziehen, oder für einen Grad studieren, sondern sie werden zu den Poeten gehen,« und so haben wir sie denn durchkommen lassen. Es findet aber diese Nachsicht in drei Hinsichten statt. Für's erste wegen des Alters: wenn einer nämlich zum Bakkalaureus promoviert werden will, so muß er wenigstens sechzehn Jahre haben; wenn zum Magister, zwanzig. Sind sie nun nicht alt genug, dann werden sie dispensiert. Zweitens tritt Nachsicht ein hinsichtlich der Aufführung. Wenn nämlich die Akademiker den Magistern und Graduierten den schuldigen Respekt nicht erweisen, werden sie zurückgewiesen, wofern sie nicht mittelst Dispensation zugelassen worden sind. Und hierbei kommen die Exzesse zur Sprache, nämlich: wenn sie Unarten auf den Straßen trieben, oder bei Huren waren, oder Waffen trugen, oder einen Magister oder Priester duzten, oder in den Hörsälen oder Kollegien Lärmen machten. Drittens findet Dispensation statt hinsichtlich der Kenntnisse: wenn sie in den Wissenschaften nicht gut bewandert sind und die vorgeschriebenen Bedingungen noch nicht erfüllt haben. Unlängst habe ich bei der Prüfung einen gefragt: »Sage mir doch, wie kommt es, daß du nichts antwortest?« Da sagte er, er sei ein Freund vorn Schweigen. Ich entgegnete, daß ich nicht glaube, er sei sogar ein Freund vom Schweigen, sondern eher glauben möchte, er sei sogar ein Freund vom Nichtswissen. Hierauf sagte er: »Bei Gott, nein, Herr Magister! es steckt große Wissenschaft in mir, aber sie will nicht heraus.« Und so habe ich ihn denn dispensiert. Ihr sehet nun, daß die Universitäten sehr herabkommen sind. Ich habe einen Junker bei mir wohnen, den ich neulich wegen eines Exzesses zur Rede stellte: da begehrte er gegen mich auf und duzte mich sogleich. Da sagte ich zu ihm: »Das will ich aufbewahren bis zur Promotion,« damit andeutend, daß er sich die Zurückweisung gefallen lassen müsse. Er aber erwiderte: »Ich scheiße Euch auf Eure Bakkalaureate, und werde nach Italien gehen, wo die Lehrer ihre Schüler nicht so betrügen, und kein so albernes Zeug im Brauch haben, wenn sie Bakkalaurei machen; sondern, wenn einer gelehrt ist, so wird ihm die Ehre zuteil, ist er aber unwissend, so wird er, wie ein anderer, für einen Esel gehalten.« Da sagte ich zu ihm: »Du Lotterbube, du wolltest den Grad eines Bakkalaureus mißachten, der doch eine hohe Würde ist?« Hierauf entgegnete er, aus dem Magisterium mache er sich nichts, und sagte: »Ich habe von einem Freunde gehört, daß, während er sich zu Bologna aufhielt, alle Magister der freien Künste aus Deutschland herabgesetzt worden seien wie Abc-Schützen, nicht einmal wie bloße Akademiker; denn in Italien habe es für einen Vorwurf gegolten, wenn einer in Deutschland zum Magister oder Bakkalaureus promoviert worden sei.« Seht da, solche ärgerliche Auftritte kommen vor. Daher wollte ich, daß alle Universitäten gemeinschaftlich handelten, und gemeinschaftlich allen Poeten und Humanisten den Garaus machten, weil sie die Universitäten in Verfall bringen. Magister Langschneider, Magister Regelin, Magister Kachelofen, Magister Arnold Wüstenfeld und Doktor Ochsenfahrt lassen Euch grüßen. Lebet wohl!

Gegeben zu Leipzig.

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