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Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 57
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
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LV. Magister Sylvester Gricius an Magister Ortuin Gratius.

Sintemalen ich durch meinen Eid verpflichtet bin, meine Fakultät verteidigen und ihrem Vorteil in allem förderlich sein zu wollen, so will ich Euch Punkt für Punkt schreiben, wer hier den Theologen und wer dem Johannes Reuchlin günstig ist, damit Ihr den Theologen saget, daß sie sich hiernach richten können. Fürs erste sind einige Kostgänger im Gasthause zur Krone, die unsern Magistern und den Brüdern vom Predigerorden immer den größten Schabernack antun und machen, daß niemand in diesem Gasthause den Predigern ein Almosen gibt. Ich keime die Namen von einigen. Einer nennt sich Magister Philipp Keilbach: er spricht immer von Reuchlin und empfiehlt ihn; einmal aber hat ihm unser Magister Peter Meyer, Leutpriester zu Frankfurt, brav heimgegeigt; einer Ulrich von Hutten, eine rechte Bestie; dieser sagte einmal: wenn die Brüder Prediger ihn ebenso beleidigten, wie den Johannes Reuchlin, so wollte er ihr Feind werden und, wo er einen Mönch aus diesem Orden träfe, ihm Nase und Ohren abschneiden. Er hat auch viele Freunde am bischöflichen Hofe, die ebenfalls dem Johannes Reuchlin wohlgewogen sind. Einmal, bei jenem heiligen Akt, den unsere Magister in Mainz gegen den »Augenspiegel« vornahmen, spendete Jakob van Hoogstraten, wie es seine Amtspflicht war, allen bei diesem Akt Anwesenden Ablaß: da spielten jene zwei Brüder mit anderen Lotterbuben im Angesichte der Theologen, welche sich daselbst im Gasthause befanden, Würfel um die Ablässe. Noch ist einer dort, namens Johannes Huttichius, der auch Euch feind ist; und noch sonst einer, der erst neulich zum Doktor der Rechte promoviert ward – er heißt Konrad Weydmann – der hält es mit allen, die etwas gegen Euch unternehmen. Und noch ein anderer Doktor, welcher einst Artist nach der modernen Methode war und sich Eucharius nennt. Nebst diesem noch Nikolaus Carbach, der Vorlesungen in der Poetik hält. Desgleichen Heinrich Brumann, Domvikar und ein guter Orgelspieler. Ich sage immer zu ihm: »Ihr solltet Euch an Eure Orgel halten und die Theologen im Frieden lassen«. Vornämlich aber sind beinahe alle Domherren für Reuchlin; außerdem viele andere Magister, Freunde der Poeterei, deren Namen ich nicht behalten kann. Nun aber will ich Euch von Freunden und Gönnern schreiben. Ihr habt hier einen Freund, der ein gar ausgezeichneter Mann ist und Herr Adular Schwan heißt: er ist von Adel und hat einen Kelch im Schild; sein Vater war Glockengießer. Er ist ein scharfsinniger Disputator auf der Bahn der Skotisten, begründet alles gut und sagt, er wolle den Johannes Reuchlin auf der Stelle in die Enge treiben, wenn er mit ihm disputieren dürfte. Ein anderer, ganz besonderer Gönner von Euch ist der sogenannte Heinrich Han, sonst Glockenheintz, weil er seine Freude an den Glocken hat. Er ist ein sehr erfinderischer Mensch, hat einen bewundernswürdigen Verstand und ein so reiches Talent, daß Ihr es gar nicht glaubt. Er disputiert gern, und wann er disputiert, lacht er, und unter Lachen treibt er einen in die Enge. Als dieser die ketzerischen Artikel des Johannes Reuchlin sah, sagte er, schon wegen eines einzigen von diesen Artikeln sollte Reuchlin verbrannt werden. Dann habt Ihr auch noch von Eurer Gesellschaft einen jungen Herrn von Adel, einen Kriegsmann, namens Matthias von Falkenberg; er ist ein sehr kriegerischer Mann, trägt immer Waffen bei sich und ist bei der Reiterei; er sitzt bei Tische immer vornen und nie hinten, denn er sagt: wenn er hinten säße, und es entstände Krieg, dann könnte er nicht sogleich aufstehen und seine Feinde schlagen. Und dabei ist er ein sehr scharfsinniger Argumentator auf der Bahn der Alten. Er sagt, wenn Reuchlin nicht nachgeben wolle, dann wolle er mit hundert Rossen Euch zu Hilfe kommen. Noch ist ein Mainzer Bürger, namens Wigand von Solms, da. Er ist noch ein junger Mann, aber so gelehrt, daß er einem unserer Magister gleichgestellt werden kann; er sagt, er wolle um zehn Gulden mit Reuchlin disputieren. Unlängst hat er den Johannes Huttichius so hinunterdisputiert, daß dieser ganz ins Stocken geriet und nichts mehr zu erwidern wußte. Neben diesen ist auch noch, von Eurer Lehrmethode, Herr Wernher; es ist zum Erstaunen, wie gut bewandert er in der »Summa Thomae contra gentiles« ist, auch weiß er die »Formalitates« des Skotus auswendig. Er sagt, wenn unser Magister van Hoogstraten nicht in der Kurie wäre, dann wollte er selbst hingehen und dem Johannes Reuchlin den Mund stopfen. Diese Eure schon genannten Freunde kommen jede Woche einmal in dem Hause unseres vortrefflichen Herrn Magister Bartholomäus zusammen, der das Haupt aller Eurer Freunde ist; daselbst behandeln sie gar subtile Materien und opponieren sich gegenseitig: Einer hält die Meinungen des Johannes Reuchlin fest, und die anderen widerlegen ihn: sie halten berühmte Disputationen. Von anderen, die hier von Eurer Partei sind, weiß ich nichts, da sie mir nicht bekannt sind. Wenn ich aber etwas erfahre, will ich es Euch schreiben. Für jetzt befehle ich Euch Gott.

Aus Mainz.

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