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Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 53
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
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LI. Johannes Helferich, lateinisch Jupiter, an Magister Ortuin.

Gruß nebst untertäniger seiner Empfehlung, verehrungswürdiger Herr Magister! Da Ihr mir schreibet, es errege Eure Verwunderung, daß ich mich Jupiter nenne, so wisset denn: als ich mich zu Wien aufhielt, hörte ich Vorlesungen in der Poetik, und es befand sich daselbst ein junger Mann, ein Poet, der ein Schüler von Konrad Celtis war und Georg Sibutus heißt. Er war mein Kamerad, und wir waren immer beisammen. Der sagte zu mir: »Du mußt dich Jupiter nennen, denn Jupiter ist im Lateinischen dasselbe, was Helferich im Deutschen;« und so nennen sie mich jetzt Jupiter. Dieser Poet ist aber jetzt in Wittenberg; dort hat er ein altes Weib genommen, die ihr Leben auf achtundsiebzig Jahre, oder auch noch etwas dadrüber, brachte. Ich war einmal in seinem Hause, als ich aus Preußen wegreiste, da saß diese Alte hinter dem Ofen. Drauf fragte ich: »Ist das Eure Mutter,« Er erwiderte: »Nein, sondern es ist meine Frau und Ehegattin«. Da trug ich ihn: »Warum habt Ihr eine so alte Vettel genommen?« Er antwortete, sie sei noch gut zum Hernehmen, auch habe sie viel Geld, verstehe gutes Bier zu brauen, verkaufe es darin und mache sich ein Geld zusammen. Da sagte ich: »Daran habt Ihr wohlgetan«, und fragte ihn noch: »wie heißt Eure Frau?« Er erwiderte: »Ich nenne sie meine Korinna, meine Lesbia, meine Cynthia«. Doch, genug von dem. Ihr schreibet, nach Eurer Ansicht werde das jüngste Gericht demnächst kommen, denn die Welt sei jetzt so verschlechtert, daß sie unmöglich noch schlechter werden könne, und die Menschen führen sich so schlecht auf, daß es zum Entsetzen sei. Denn die jungen Leute wollen sich den Alten gleichstellen, und die Schüler den Magistern, und die Juristen den Theologen; es herrsche eine große Verwirrung und es tauchen Ketzer und falsche Christen in Menge auf. Johannes Reuchlin, Erasmus von Rotterdam, Willibald (ich weiß nicht, wie er sonst noch heißt), Ulrich Hutten, Hermann Busch, Jakob Wimpheling, der gegen die Augustiner, und Sebastian Braut, der gegen die Prediger geschrieben hat, – was Gott geklagt sei! – und sie unbesonnener Weise tadelt. Und so entstehen viele Ärgernisse unter den Gläubigen, und ich glaube Euch gerne, denn ich habe gelesen, daß solche Erscheinungen dem jüngsten Gerichte unmittelbar vorausgehen müssen. Aber noch will ich zu Eurer Kenntnis bringen, was ich gehört habe und mir als wahr versichert worden ist von einem Ordenspater: man sage für gewiß, der Antichrist sei geboren, sei aber noch klein. Auch sagte er, einer aus dem Karthäuserorden habe eine Offenbarung gehabt: als er einstmals in seiner Zelle schlief, habe er eine Stimme vom Himmel gehört, welche rief. »Die Welt wird untergehen! die Welt wird untergehen! die Welt wird untergehen!« Da fürchtete sich dieser Ordensmann und wollte etwas sagen, sprach jedoch nur iin stillen sein Gebet gegen die Versuchung des Teufels. Da begann jene Stimme abermal zu rufen und begann wieder zum drittenmal. Nun erkannte er im Geiste, daß es die Stimme des Herrn sei, und antwortete: »Herr, warum?« Die Stimme antwortete: »Wegen ihrer Sünden«. Da frug der Ordensmann abermal: »Herr, wann?« Die Stimme antwortete: »Schon nach zehn Jahren«. Deshalb fürchte ich mich so sehr. Und als ich durch Bologna ging, hörte ich, daß daselbst ein Bürger sei, der einen Geist besitze, welcher Rilla heißt; und dieser Geist verkünde ihm von dem König von Frankreich, von dem Kaiser und dem Papst, und von dem Ende der Welt. Ich habe seine Prophezeiungen gelesen. Nunmehr habe ich Euch geschrieben, was ich weiß, und hiermit seid Gott dem Herrn empfohlen!

Gegeben in der römischen Kurie.

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