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Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 52
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
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L. Magister Adolf Klingesor an Magister Ortuin Gratius.

Wie Ihr neulich von mir erfahren habt, daß sie hier mit mir über Johannes Reuchlin und über den Glaubensstreit zu disputieren pflegen, so müßt Ihr wissen, daß ich, nachdem Ihr mir jenes Buch von Johannes Pfefferkorn geschickt hattet, welches den Titel führt »Verteidigung Johannes Pfefferkorns gegen die Verleumdungen etc.«, zu einem, der mir stets Widerpart hält, gegangen bin, und ihn in diesem Buche, gegen das Ende hin, die Stelle gezeigt habe, wo folgendes steht: Vor zwanzig Jahren – wenn ich mich recht erinnere – sei uns zu Köln von Johannes Lichtenberger, oder einem fremden Eremiten, namens Ruth, – dessen Weissagungen zu Mainz sowohl lateinisch, als deutsch gedruckt worden sind – prophezeit worden (denn so schreibt er Blatt XVI): »Habet acht, o ihr Philosophen zu Köln, daß nicht reißende Wölfe in Euern Schafstall eindringen: denn zu Euerer Zeit wird Neues und Unerhörtes in Eueren Kirchen aufkommen, das der Allmächtige abwenden wolle!« Als er gelesen hatte, stand er eine kleine Weile nachdenkend still, dann sagte er: »Ich erstaune über die Torheit der Theologen; glaubt Ihr, alle Leute seien Knaben, daß Ihr ihnen solche Dinge weiß machen könnt? Weil aber die Kölner Theologen für so scharfsinnig gehalten sein wollen, so will ich Euch eine Prophezeiung über Johannes Reuchlin zeigen, die sich besser ausnimmt, und sodann dartun, daß auch die von ihnen aufgestellte Prophezeiung für Reuchlin, und nicht gegen ihn ist. Sehet daher Zephaniä im ersten, wo der Prophet also spricht: »Zu selbiger Zeit will ich Jerusalem mit Laternen durchsuchen, und will heimsuchen die Leute, die auf ihren Hefen liegen und sprechen in ihrem Herzen etc.« Nun, da Ihr Kölner Euch herausnehmet, die Schrift nach Eurem Belieben anzuführen, so höret, wie auch ich die Worte des Propheten erklären kann. Es sagt nämlich der Herr durch den Mund des Propheten: »An jenem Tage will ich Jerusalem durchsuchen«, das heißt: will ich meine Kirche heimsuchen, und darauf bedacht sein, sie zu reformieren, und die Irrtümer, wo sie sich in ihr finden, zu beseitigen; »und dies will ich tun mit Laternen«, d.h. unter Vermittelung hochgelehrter Männer, dergleichen in Deutschland sind: Erasmus von Rotterdam, Johannes Reuchlin, Mutianus Ruffus und andere; »und will heimsuchen die Leute«, das heißt: die Theologen; »welche liegen«, das heißt: hartnäckig verharren; »auf ihren Hefen«, das heißt: bei einer armseligen, finstern und nichtsnutzigen Theologie, die sie sich vor wenigen Jahrhunderten angemaßt haben, indem sie sich von jenen alten und gelehrten Theologen abwandten, welche im wahren Lichte der Schrift gewandelt sind. Sie aber keimen weder die lateinische, noch die griechische, noch die hebräische Sprache, um die Schrift verstehen zu können; und indem sie sich daher von der wahren und ursprünglichen Theologie lossagen, tun sie nichts weiter, als disputieren, argumentieren und unnütze Fragen aufwerfen; und indem sie dies tun, sagen sie, sie verteidigen den katholischen Glauben, da sie doch niemanden vor sich haben, der gegen den Glauben streitet, und so verlieren sie nutzlos Zeit und schaffen keinerlei Nutzen in der Kirche Gottes. Wären aber ihre Disputationen von einigem Nutzen, so könnten sie diesen der katholischen Kirche zugute kommen lassen, wenn sie durch die Welt gingen, das Wort Gottes predigten, wie die Apostel, und gegen die Griechen disputierten, damit diese sich wieder mit der römischen Kirche vereinigten. Oder, wenn sie nicht weit fortgehen wollten, sollten sie wenigstens nach Böhmen gehen, und das Volk dort durch ihre Argumentationen und Syllogismen zum Schweigen bringen. Allein das tun sie nicht, sondern sie disputieren da, wo es nicht nötig ist; »darum wird der Herr sie heimsuchen« und wird einige andere Lehrer finden, welche Griechisch, Lateinisch und Hebräisch verstehen, »Jene Hefen hinauswerfen«, das heißt, jene nutzlosen Sophistereien, falschen Theologen und finsteren Auslegungen fortschaffen, ihre Leuchten herbringen, die Schrift aufhellen, wie unlängst jener obengenannte Erasmus die Bücher des heiligen Hieronymus verbessert und zum Drucke befördert hat. Auch hat er das Neue Testament verbessert, sodaß ich glaube, es werde dies mehr Nutzen bringen, als wenn zwanzigtausend Skotisten und Thomisten hundert Jahre lange »de ente er essentia« disputierten. Nachdem er also gesprochen hatte, erwiderte ich: »Behüte mich Gott der Herr, was höre ich? Ihr seid tatsächlich exkommuniziert«, und wollte von ihm weggehen. Da hielt er mich fest und sagte: »So höret doch den Schluß«. Ich entgegnete: »Ich will den Schluß nicht hören«. Hierauf sagte er: »So höret doch wenigstens nur, wie ich Euch die Propheizeiung erklären werde«. Da dachte ich bei mir, daß könnte ich schon hören, denn es schade nichts, einen Exkommunizierten anzuhören, wenn man nur nicht mit ihm esse und trinke. Hierauf begann er also:

»Merket auf, ihr Philosophen von Köln«! – er sagte nicht »Theologen«, sondern »Philosophen«; denn die Theologie der Kölner sei eher Philosophie, wie auch sophistische Kunst zu nennen, als Theologie, denn sie sei nichts anderes, als eine teuflische Plapperhaftigkeit, und ein leeres Geschwätz – »daß nicht reißende Wölfe«, – diese seien: Jakob van Hoogstraten, Arnold von Tongern und ähnliche, welche mittelst ihrer Falschheit und Betrügereien die unschuldigen Schafe, wie Peter von Ravenna und Johannes Reuchlin waren und sind – »gewaltsam und voll Wut anfallen, in der Absicht, sie wegen ihrer Gelehrsamkeit und ihres Ruhmes, worauf sie ihnen neidig sind, für Ketzer zu erklären, und da sie sehen, daß sie nicht eben das, was jene hochgelehrten Männer, ausführen können, so möchten sie dieselben gerne ins Verderben bringen: diese sind also die reißenden Wölfe, welche dem Rufe und Leben der Unschuldigen nachstellen. Und so haben sie schon seit sieben Jahren den armen, greisen Johannes Reuchlin herumgerissen und mißhandelt; und wenn nicht der allmächtige Gott dieses Mißgeschick abgewendet hätte, würden sie ihn gar aufgefressen haben«. Die Erklärung, daß Reuchlin jener reißende Wolf sei, könne nicht zugelassen werden, denn in seinem ganzen Leben habe er niemanden angepackt, das heißt falsch angeklagt, oder sei auch nur in Schriften gegen jemandes Leben oder Ruf vorgegangen. Allein gebt acht, was die folgenden Worte bedeuten: »Er ist in Euern Schafstall eingedrungen«. Jener gute Reuchlin ist nie in die Kölner Studienmethode eingedrungen, ja, er hat sich nie um die Kölner Theologen, um die Kölner Kirche gekümmert, sondern hatte anderes, nützlicheres, zu tun: folglich könne man ihn nicht einen von jenen reißenden Wölfen nennen, welche Lichtenberger meine, der aus dem Kölner Schafstall fort müsse. Weiter: »Denn zu Eurer Zeit wird Neues und Unerhörtes aufkommen«, ja wohl, »Neues und Unerhörtes«, das kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, und in keines Menschen Herz gekommen ist: daß ein so gelehrter und rechtschaffener Mann, der so vielen genützt und noch nie jemandem geschadet hat, in seinem hohen Alter auf so grausame und heimtückische Weise gequält und gestört werden und Verfolgung erleiden soll. Und nun folgt: »In Eueren Kirchen«: dies kann darum nicht auf Reuchlin bezogen werden, weil er ganz ruhig außerhalb der Kölner Kirche steht, nämlich im Bistum Konstanz lebt. »Und so hoffe ich, daß die Hunde kommen werden«, das heißt: die treuen Wächter der Schafe, welche ohne Neid und Mißgunst, in Demut und Treue, die Schafe Christi, d.h. das christliche Volk, weiden werden, »und jene Wölfe, welche den Schafstall Gottes verwüstet haben, zerreißen und die Kirche Gottes säubern werden«, das heißt: jene schmutzigen und unflätigen Theologen, die nichts wissen, und doch alles zu wissen sich anmaßen, hinauswerfen werden. – Nachdem er also gesprochen hatte, verließ ich ihn und schwur bei allem, was heilig ist, ich wolle nach Köln schreiben. Ich bitte daher untertänig, Ihr wollet es unsern Magistern und dem Johannes Pfefferkorn mitteilen, der gewissermaßen der Schriftführer der Kölner ist und zum Erstaunen gut mit der Feder umzugehen versteht, daß er jenen in seinen Schriften wacker zu Leibe gehe. Der, welcher so gesprochen hat, ist ein geborener Berliner. Wenn Ihr seinen Namen wissen wollt, so schreibet es mir, dann will ich ihn Euch sagen. Er hat sich in Bonn aufgehalten, wo er tüchtig zurecht gewiesen wurde-, aber gleichwohl schwatzt er immer noch gegen die Theologen, ist ein schlechter Christ Lind verharrt in seiner Verkehrtheit: und darum wird er in der Hölle umkommen, wovor Gott der Herr Euch, die Theologen und die Brüder Prediger bewahren wolle von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Gegeben zu Frankfurt an der Oder.

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